Manche Thräne ist da im Stillen geweint, manches Auge hat da

verzweifelnd aufgeblickt, zu den freundlichen Sternen, in deren

freundlichen Blinken sie sonst nur Glück und Freude sahen, denn einer

zürnenden Gottheit Hand lag auf ihrem Land und sie wußten nicht wohin

sie sich wenden sollten, den Strahl abzulenken der ihr Haupt bedrohte.

Vor den alten Göttern durften sie ja nicht wagen sich wieder

niederzuwerfen; deren Bilder lagen entehrt -- zerstreut umher -- von den

Kindern derer geschändet, die einst anbetend vor ihnen den Staub geküßt

-- und der _neue_ Gott? -- Zweifel waren in ihnen wach gerüttelt _dem_

zu dienen, und in starrem Jammer sahen sie die einst so sonnige Welt sie

öde und trostlos umlagern; oder sie warfen sich auch im tollen

Uebermuth, Gott wie die Götter von sich stoßend, jenem chaotischen

Nichts und mit ihm dem Taumel wilder, zerstörender Vergnügungen in die

Arme, der ihnen von den Fremden im reichen vollen Maaß geboten wurde.

Solchen Boden mußte der alte Mann mit seinem stillen traulichen Atiu

vertauschen, und nicht einmal in den ihm nächsten Amtsbrüdern fand er

dabei die nöthige Unterstützung und Hülfe, während sein klarer Verstand,

wie sein gutes Herz zu gleicher Zeit auch nur zu deutlich fühlten, wie

gerade deren starrer und unduldsamer Fanatismus _das_ Uebel das sie

bekämpfen wollten -- einer neuen für irrthümlich gehaltenen Lehre den

Eingang zu verweigern -- unterstützte, und dem Feind von den eigenen

Truppen ganze Schaaren in's Lager jagte.

Der ehrwürdige Bruder Rowe machte ihm besonders das Leben schwer, und so

sehr er das fühlte und den ihm feindlich gesinnten Mann zu einer offenen

Erklärung zwingen wollte, so vorsichtig und geschmeidig wich dieser

jeder Zeit ihm aus, und selbst der direkten Frage hielt er nicht Stand:

Jene Zeit war vorbei, lange vorbei, wie er sagte, und geschehene Dinge,

wenn man sie vielleicht auch wieder ungeschehen machen möchte, nicht

mehr zu ändern -- in _seinem_ Herzen lebte kein Gefühl der Rache oder

des Zornes -- weshalb auch Rache? weshalb Zorn? -- wenn sich Mr. Osborne

Vorwürfe über irgend etwas Geschehenes zu machen hätte, so bedauere er

das, aber er selber thue es nicht -- Mr. Osborne müsse das mit sich

selber ausmachen.

Mr. Osborne vertheidigte sich freilich mit Eifer auch selbst gegen eine

solche Vermuthung, und sprach sich rein von jeder wissentlichen Sünde,

aber Bruder Rowe antwortete ihm stets nur durch ein frommes Verdrehen

der Augen und Achselzucken, und war freundlicher als je gegen ihn; aber

nichtsdestoweniger schickte er im Geheimen Pfeil auf Pfeil ab gegen den

alten Mann, und verkümmerte und trübte diesem das Leben dermaßen, daß

er keiner einzigen Stunde mehr froh und sein Beruf, der ihm bis dahin

eine Lust und Freude gewesen, ihm zur schweren traurigen Last wurde. Und

dennoch gab er sich demselben jetzt mit um so größerem Eifer hin; er

fühlte daß die gute Sache gerade jetzt am nöthigsten einer Hand bedürfe,

die es wirklich gut mit ihr meine, und der es nicht blos um Sieg und

Herrschaft der Einzelnen, sondern wirklich um das Glück der Eingeborenen

zu thun wäre, Fleiß und Zeit daran zu opfern.

Die Art aber, wie er dabei seiner Ueberzeugung folgte, mußte ihm mehr

und mehr Gegner unter den Missionairen in's Leben rufen, deren ganze

Energie, mit nur wenigen Ausnahmen, einem anderen Systeme zustrebte.

Diese wütheten förmlich gegen die »papistischen Gräuel« wie sie es

nannten, und die »heidnische Wirthschaft« die plötzlich den Sieg auf

diesen Inseln errungen, während sie selbst schon seit Jahren dagegen

gepredigt und alle ihre Macht, wenn auch vergebens, aufgeboten hatten,

die fremden Priester _einer anderen Religion_ fern zu halten. Von den

Kanzeln nieder donnerten sie mit allen nur möglichen und unmöglichen

Bibelcitaten gegen die »Unterdrücker des Körpers und der Seele« die

Franzosen an, die ihnen mit ihren Kriegsschiffen die fremde Sekte

aufgezwungen; warnten vor dem Antichrist, der jetzt unter ihnen

herumgehe wie ein brüllender Löwe, zu suchen welchen er verschlinge, und

prophezeihten die Wiedereinführung der Götzen und Schlachtopfer, der

Kindesmorde und Glaubenskriege. Starrer als je beharrten sie dabei auf

ihren Dogmen und Artikeln; auch die kleinsten Vergehen gegen ihre

eingeführten Gebräuche und Ceremonien _ihrer_ Kirche, ja selbst die als

heidnisch ausgeschrienen oft selbst unschuldigen Vergnügungen der

Insulaner, wurden zum Verbrechen, und mit _eiserner_ Hand wollten sie

die Schaar der Gläubigen, die ihnen noch unverführt und treu anhing, von

dem Abgrund zurückhalten, der gierig ihre Seelen zu verschlingen drohte.

Der alte ehrwürdige Mr. Osborne glaubte dem Ziel auf eine andere Art und

Weise entgegenarbeiten zu müssen, und sein gutes Herz zwang ihn schon

dazu. Er konnte, trotz allen Bemühungen ja Drohungen seiner Collegen,

nicht dahin gebracht werden die andere Lehre zu _verdammen_, denn mit

Recht behauptete er, daß gerade dadurch den Insulanern auch jede

Möglichkeit benommen worden sei zwischen den beiden zu prüfen, wenn von

beiden Seiten zu gleicher Zeit Fluch und Verdammung gegen sie

ausgesprochen wurde. Er zeigte ihnen auch nicht den strengen ernsten und

unversöhnlichen Gott, mit dessen Zorn und Strafgericht die Anderen

drohten, sondern den milden, liebenden Vater, der auch dem irrenden

Kinde gern und willig die Hand reiche und den Pfad zeige, mit gutem

frommen Herzen darauf zu wandeln, und waren sie fröhlich dabei, sangen

und tanzten sie und schmückten sie ihre Haare mit Blumen, so warnte er

sie wohl vor dem Misbrauch solcher Freude, aber er schrie nicht gleich

sein Anathema über sie, und sie hatten ihn deshalb lieb und glaubten

seinen Worten, weil ihr Sinn einen Anklang in ihren Herzen fand.

Freilich konnte er aber, trotz alledem, dem tollen und unsittlichen

Treiben nicht wehren, das die Inseln, und vor allen anderen Tahiti,

erfaßt hatte. Durch die jetzt fortwährend hier anlegenden Kriegsschiffe

und Wallfischfänger hatte sich die weibliche Bevölkerung, mit einer nur

sehr geringen Ausnahme, dem Laster rücksichtslos in die Arme geworfen,

und welchen verderblichen Einfluß mußte das nicht auf die ganze

Bevölkerung der Insel ausüben. Nur die unendliche Gutmüthigkeit und

Harmlosigkeit dieser Stämme hielt sie dabei vor einem zügellosen

Ausbruch _aller_ Leidenschaften zurück, wie es, unter gleichen

Umständen, in jedem anderen Land der Welt nicht hätte ausbleiben können,

und es läßt sich denken welche wunderliche und unnatürliche Stellung die

Missionaire in solcher Umgebung oft einnehmen mußten.

Hierzu kam noch der, zu jener Zeit gerade so verwickelte _politische_

Zustand der Inseln, der eben durch den übergroßen Eifer der Missionaire

herbeigeführt worden, und mit dem ich den Leser, ehe ich meine Erzählung

wieder aufnehme, jedenfalls erst vertrauter machen muß.

Innere Kämpfe, vorzüglich durch die Ankunft Europäischer Schiffe

hervorgerufen und genährt, und mit den neu eingeführten Feuerwaffen

tödtlich gemacht, hatten die Inseln schon vor der Einführung des

Christenthums oder der Ankunft christlicher Missionaire erschüttert, und

einen Partheienhaß in's Leben gerufen, der Jahrzehnde wohl unter der

Asche glimmend lag, aber nur einen Anlaß suchte wieder hervorzubrechen

und mit erneuter Kraft das wunderschöne Land zu verwüsten. --

Otu der aus einer wunderlichen Ursache den Namen Pomare[H] annahm, wußte

sich, nachdem der rechtmäßige Königsstamm vertrieben worden, zum

obersten Häuptling, ja zum ~Arii rahi~ oder König der Inseln

emporzuschwingen, und es gelang ihm auch, besonders durch die gerade

damals landenden Europäischen Schiffe unterstützt, sich zu halten und

seinem Geschlechte Rang und Würde erblich zu machen. Nichtsdestoweniger

lebten aber noch Häuptlinge des anderen Stammes, und nicht mit Unrecht

glaubte besonders der Sohn Otus, Pomare ~II.~ eine kräftige Stütze

seiner Macht in den fremden weißen Männern zu erhalten, deren Religion

er auch annahm, ohne sich jedoch in seinen Sitten viel nach ihnen zu

richten -- wie er denn auch in Folge seiner Ausschweifungen

hauptsächlich starb. -- Ja er ließ sich sogar in höchst unchristliche

Kriege um sein Götzenbild Oro ein, in Folge dessen eine Revolution

ausbrach und der König vertrieben, die Mission selber zersprengt wurde.

Der Verlust seiner Macht wurmte aber den König, und vielleicht fühlend

daß ihn seine anderen Götter nicht genug geschützt hatten, und von dem

neuen Gotte größere Protection erhoffend, vielleicht niedergebeugt durch

manche häusliche Leiden zu gleicher Zeit, denn seine Königin war ihm

ebenfalls gestorben, warf er das alte Heidenthum jetzt von sich,

bekehrte sich öffentlich zum Christenthum und führte dies, mit Hülfe des

Oberpriesters Tati, der die ihm bis dahin anvertrauten Götterbilder

öffentlich verbrannte, auch auf den übrigen Inseln ein.

Er starb am 30. Nov. 1821 und hinterließ nur einen Sohn von 18 Monaten

etwa, den aber die Missionaire jetzt in ihrem Sinn und Geist zu erziehen

hofften, indeß sie, während sie selber das Staatsruder in Händen

führten, die Regentschaft seiner Tante übertrugen. Aber der junge Prinz

starb schon 1827 -- die fremde strenge Lebensweise in der ihn die

Priester hielten, konnte seine überdies schwächliche Natur nicht

vertragen, und das Volk rief jetzt, nicht ohne den Einfluß seiner

Lehrer, die die Macht in diesem Königsgeschlechte wahren mußten wenn sie

nicht fürchten wollten den kaum befestigten Einfluß wieder zu verlieren,

Aimata die Tochter ihres vorigen Königs und Schwester des

letztverstorbenen zu seiner Herrscherin aus.

Nur gezwungen fügten sich aber die alten, von dem anderen Königstamm

abzweigenden Häuptlinge, Tati an ihrer Spitze, denn mit des jungen

Fürsten Tode bot sich neue Hoffnung ihren noch nie aufgegebenen

Ansprüchen auf den Thron des Reichs; aber das Christenthum war schon zu

mächtig geworden im Land, die Missionaire besonders hatten zu großen

Einfluß gewonnen über die Bewohner und ihre Frauen, und jeder andere

Anspruch verschwand vor der Krone der jungen schönen Königin[I].

Die englischen Missionaire waren jetzt, so sehr sie sich auch Mühe gaben

jeden politischen Einfluß, Europa gegenüber, von sich zu weisen, und

schon seit der Krönung und Salbung des früheren jungen Herrschers, die

eigentlich regierenden Herren des Landes; sie gaben Gesetze und

verwalteten, indem sie über die Arbeitskräfte des Volkes geboten, die

Kassen des Landes. In ihren Händen lag dabei der Haupt-Handel der Insel,

denn ihre Unterstützung vom Mutterland wurde ihnen natürlich nicht in

Geld sondern in englischen Waaren, die sie zu tüchtigen Preisen wieder

verwertheten, übersandt, und es läßt sich denken daß sie eifersüchtig

darüber wachten, solcher Vortheile nicht so rasch und leicht wieder

beraubt zu werden.

Eine solche Gefahr drohte ihnen aber im Jahr 1836, wo zwei von den

Gambier-Inseln abgesandte Katholische Priester, Laval und Caret ziemlich

heimlich auf Tahiti landeten und dort festen Fuß zu fassen suchten.

Aber die Protestantischen Missionaire waren auf ihrer Hut und

beschlossen, der Kraft der von ihnen gepredigten Lehre und der einfachen

Leichtgläubigkeit ihrer Beichtkinder doch nicht so recht trauend, die

gefährlichen Fremden unter jeder Bedingung und so rasch als möglich

wieder zu entfernen.

Die Priester machten indeß der Königin ihre Aufwartung die sie in

Gegenwart ihrer Missionaire empfing, und ersuchten sie ihnen den

Aufenthalt zu gestatten, legten auch, als sie den Platz wieder

verließen, Geschenke für Pomare nieder, die nach einigem Weigern

angenommen wurden; nichtsdestoweniger wurde ihnen in einer nächsten

Versammlung, wobei einige der Häuptlinge gegenwärtig waren, und die sie

in Begleitung des Amerikanischen Consuls, Herrn Mörenhout besuchten, die

Eröffnung gemacht, daß ihnen der Aufenthalt auf diesen Inseln _nicht_

gestattet werden könne. Die Katholischen Geistlichen protestirten

dagegen, aber am nächsten Morgen bekamen sie die ganz unzweideutige

Weisung der Königin die Insel ohne weiteres wieder zu verlassen, und als

auch hierauf eine direkte Bitte an die Königin, sie ungehindert hier

weilen zu lassen, Nichts half, schlossen sie sich in das ihnen von

Mörenhout gegebene Haus ein, und wichen nur erst der förmlichen Gewalt,

denn die von den Protestantischen Missionairen abgeschickte Polizei

kletterte am Haus hinauf, stieg durch das Dach, und _trug_ die Priester,

die nicht gutwillig gehen wollten, wieder auf ihr Fahrzeug zurück.

Diese That sollte nicht ohne traurige Folgen für die Inseln bleiben,

denn die religiöse Unduldsamkeit der Missionaire öffnete dem schon

darauf harrenden Feind die Thore, gab Frankreich einen erwünschten

Vorwand seinen Handel wie seine Religion dort vor allen Dingen zu

befestigen, und dann die ganze Insel, als seiner Schiffahrt günstig

gelegen, zu besetzen. Caret reiste nach Frankreich, dort Genugthuung für

die erlittene Behandlung zu erbitten, und dem Admiral Du Petit Thouars

wurde es aufgetragen ein schwaches friedliches Reich zu unterwerfen, das

bis dahin noch keinem Fremden Uebles gethan, sondern Alle, gleichviel

von welchem Lande, von welcher Religion in gastlicher Herzlichkeit bei

sich aufgenommen hatte, bis jene fremden Priester selber einander

befehdeten und Leid und Unheil über jene schönen Küsten brachten, die

Gottes Vaterhuld mit Allem ausgeschmückt was groß und herrlich war.

Im August 1838 ankerte die Fregatte Venus auf der Rhede von Papetee, und

Du Petit Thouars erklärte der Königin Pomare in einem Schreiben, daß er

gekommen sei für die unwürdige Behandlung mehrer Französischer

Unterthanen, vorzüglich aber der beiden von hier exilirten Priester

Caret und Laval Genugthuung zu fordern, und jetzt vor allen Dingen eine

schriftliche Entschuldigung der Königin, die Summe von 2000 Spanischen

Dollarn als Entschädigung für die erlittene Unbill der Priester, und die

Begrüßung der Französischen Flagge mit 21 Kanonenschüssen verlange.

Widrigenfalls drohten die Mündungen der Geschütze Vernichtung über den

offen und schutzlos daliegenden Strand.

Die arme Pomare hatte keine Wahl; sie schrieb den Brief, erbat sich das

Pulver selbst von der Französischen Fregatte zu den verlangten Schüssen,

und die Missionaire, deren Eigenthum bei einer Kanonade auch am meisten

bedroht gewesen wäre, collectirten das Geld theils unter sich, theils

bei anderen Engländern und Amerikanern der Inseln, und befriedigten

damit den Französischen Admiral.

Aber Du Petit Thouars ging weiter, und nicht bedenkend daß ein schwaches

Volk dasselbe Recht, wenn auch nicht dieselbe Macht habe, ihm misliebige

Personen von sich fern zu halten, und vielleicht von einem etwas

rachsüchtigen Gefühl gegen die allerdings übermüthigen Protestantischen

Priester geleitet, erzwang er noch außerdem einen Vertrag von den

Eingeborenen, nach dem allen Franzosen: »was auch immer ihr Gewerbe

sei« (also auch den Französischen Katholischen Missionairen) das Recht

zustehen sollte, sich niederzulassen und Handel zu treiben auf allen

Inseln.

Ein bald nach ihm kommendes Kriegsschiff, die Artemise, Capitain La

Place ging noch weiter und verlangte und erhielt -- denn wie hätten sich

ihm die Tahitier widersetzen können -- volle Religionsfreiheit für alle

Katholiken und einen Bauplatz für eine Katholische Kirche.

Wenn aber auch die Protestantischen Missionaire diese Vorgänge mit

stillem, freilich deshalb nicht minder heftigem Unmuth dulden mußten,

gab es doch eine Parthei auf Tahiti, die mit Freuden einen Wechsel in

den politischen Verhältnissen hereinbrechen sah, den sie bis dahin kaum

für möglich gehalten. Es waren dies die von den Pomaren ihrer Macht

beraubten Häuptlinge, die nur mit heimlichem Grimm die Oberherrschaft

der fremden ihnen feindlich gesinnten Priester gefühlt, und vergebens

gesucht hatten ihnen entgegen zu arbeiten. Nicht mit Unrecht hofften

diese, daß die neuen, einer anderen Sekte zugehörigen Priester den

Einfluß jener stolzen Männer schwächen müßten, und einmal dieser Stütze

beraubt, und der Thron der Pomaren stand auch nicht so unerschütterlich

mehr. Noch aber hatten die Englischen Missionaire die Zügel in den

Händen, und als das Französische Kriegsschiff die Küste wieder

verlassen, donnerten sie von den Kanzeln mit allem Ingrimm des

hartnäckigsten Fanatismus gegen die neue Lehre, deren Symbole sie mit

den früheren heidnischen Uebungen der Insulaner selber verglichen, und

deren Lehren dem höllischen Abgrund gerade zuführten.

Die Katholische Religion machte nur geringe Fortschritte, die

Protestantischen Missionaire behaupteten ihre Macht, und wenn auch schon

des Zweifels Saamen war eingestreut worden in die Herzen der armen

Insulaner, die mit Entsetzen Feinde ihres Glaubens in demselben Volk

erstehen sahen, das ihnen den neuen Gott gebracht, dauerte das dem

heißen ungeduldigen Blut der unruhigen Häuptlinge zu lang, und mit der

schon fast erstorbenen Hoffnung einstigen Sieges frisch angefacht,

harrten sie, nicht stark genug ihn selber zu führen, einem frischen

Schlag wider die Macht ihrer Nebenbuhler sehnsüchtig entgegen.

Einen halben Bundesgenossen, Jemanden wenigstens, der der Französischen

Sache eng ergeben und den Protestantischen Missionairen nicht besonders

geneigt war, hatten sie in dem früheren Amerikanischen Consul Mörenhout,

der dem Pietistischen Wesen der Protestanten theils abhold, anderseits

auch seinen eigenen Nutzen durch die Oberherrschaft der Franzosen zu

befördern glaubte, unter deren Schutz oder Protectorat er jetzt die

Inseln zu bringen suchte.

Ob er seinen Freunden, den unzufriedenen Häuptlingen seine ganzen Pläne

mittheilte, ist nicht bekannt, aber soviel gewiß, daß im September 1842,

als die Französische Fregatte Reine Blanche unter dem, vorgeschobener

Unbilden wegen neue enorme Forderungen stellenden _Admiral_ Du Petit

Thouars vor Papetee ankerte, die vier Häuptlinge Tati, Raiata, Utami und

Hitoti mit Mörenhout an Bord gingen, und dort einen Vertrag

unterzeichneten, in welchem sie den Admiral baten, da sie nicht im

Stande wären ihr Land jetzt so zu regieren mit anderen mächtigeren

Regierungen in Frieden zu leben, ihre Inseln unter den Schutz seines

Königs zu nehmen, der ihnen jedoch, neben der Religionsfreiheit, alle

übrigen Rechte unbekümmert ließ und garantirte.

Die Einwilligung der Königin, die jeden Augenblick ihrer Entbindung

entgegensah, wurde unter der Drohung des Französischen Admirals von

10,000 Dollar Entschädigungssumme für allerdings nur imaginäre Unbill,

oder volle Besitznahme der Inseln im Namen Sr. Majestät, des Königs von

Frankreich _erzwungen_ und, selbst die Clausel eingeschlossen, die den

Protestantischen Missionairen, der neuen Macht gegenüber, völlig die

Hände band, daß nämlich »irgend ein Mann, der das Tahitische Volk mit

Wort oder That gegen die Französische Regierung einzunehmen suche,

verbannt werden solle von den Inseln.«

In dieser Zeit aber war gerade der Mann abwesend von Tahiti, der bis

dahin den meisten Einfluß als Protestantischer Geistlicher sowohl wie

mehr irdischer Richter auf die Königin gehabt. Mr. Pritchard war nach

England gegangen, die Englische Regierung für das kleine Insel-Reich zu

interessiren und es gegen die wohl vorhergesehenen und gefürchteten

Uebergriffe Katholischer Priester sowohl wie Französischer Kriegsschiffe

zu schützen; aber die zurückgebliebenen Missionaire hofften destomehr

auf diese Hülfe, zu der sie, wie sie glaubten, die neue Ungerechtigkeit

des Französischen Befehlshabers jetzt nur noch mehr berechtigte, wenn

nicht dem Englischen Volk auch der letzte Einfluß auf diese Inseln

entzogen werden sollte.

Kaum hatte deshalb Du Petit Thouars die Inseln wieder verlassen als sie,

jedes Vertrags ungeachtet, an den sie sich nicht gebunden erklärten, und

die Königin selber, da er ihr abgezwungen worden, davon entbanden, frei

und offen in ihren Kirchen das Entsetzliche der Gefahr schilderten, in

der die Seelen ihrer Beichtkinder schwebten, von dem Antichrist an sich

gezogen und zerstört zu werden. Der blinde Fanatismus Einzelner trieb

schon zum Aeußersten, keine Folgen der rückkehrenden Kriegsschiffe

berechnend, hätten Andere nicht den wilden Eifer gedämmt, einen

günstigen Zeitpunkt wenigstens zu erwarten den »papistischen Gräueln«

mit _einem_ gewaltigen Schlag ein Ende zu machen.

So standen die Sachen im Herbst des Jahres 1843, und während die

Bewohner Tahitis theils Parthei für ihre Missionaire ergriffen, theils

in kalter Gleichgültigkeit den Streitigkeiten der »beiden weißen Gotte«

zusahen und ihren Erfolg abwarteten, arbeiteten die Protestanten

unverdrossen ihrem einen Ziel entgegen, und die unruhigen Häuptlinge

suchten vergebens den Conflikt zu ihren Gunsten auszubeuten. Die

Franzosen hatten versprochen ihre Bundesgenossen zu werden, und sie in

ihren gerechten Ansprüchen zu unterstützen, und jetzt befestigten sie

nur die eigene Macht auf den Inseln und brachen der fremden Lehre Bahn

-- was kümmerte die trotzigen Herzen ein neuer Name Gottes.

Fußnoten:

[H] Der König schlug einst sein Lager zwischen den Bergen auf, und der

Platz wo er lag war gerade dem Thau und einer scharfen Zugluft

ausgesetzt. In der Nacht erkältete er sich und bekam einen Husten,

wonach Einer seiner Höflinge diese Nacht eine Husten-Nacht (von ~po~

Nacht und ~mare~ Husten) nannte. Dem König gefiel der Klang des Worts

vielleicht, vielleicht hatte er eine andere Ursache, kurz er beschloß

sich von der Zeit an ~Po-mare~ zu nennen, und der Titel ist jetzt, als

erblich, auf seine Nachkommen übergegangen.

[I] Aimata oder Pomare ~IV.~ ist etwa 1812 geboren und war zuerst an

einen jungen Häuptling von Tahaa verheirathet, von dem sie sich wieder

schied und zu ihrem zweiten Gemahl einen anderen jungen Häuptling von

Huaheine, einer Nachbarinsel, nahm.

Capitel 9.

#Die vier Häuptlinge.#

Ein sonniger Himmel spannte sich über die wildzerrissenen aber bis in

ihre höchsten Kuppen bewaldeten Berge von Tahiti; aus den tiefen Thälern

stiegen in festen, zusammengedrängten Massen die weißen schwankenden

Schwaden auf, und wollten sich ausbreiten gegen den mächtigen Feind,

aber die sengenden Strahlen trieben sie zurück, hinein wieder in

Schlucht und Bergeshang, und hie und da niedergepreßt auf eine Halde,

oder hingetrieben von dem neckischen Seewind über den saftigen Anwuchs

breitblättriger ~Feis~[J], mußten sie sich wohl dicht an den Boden

schmiegen, unter Laub und Busch, dem einsamen Jäger das wunderliche

Schauspiel einer Schneelandschaft in den Tropen bietend, so weiß und

weich lagen sie unter Busch und Strauch und füllten die Thäler aus,

Inseln bildend aus Kuppe und Kraterhang.

Und die Palmen im Thal unten schüttelten den Thau aus ihren wehenden

Kronen, und rauschten und flüsterten dem Morgenwind ihren Gruß entgegen;

aus dem Schatten eines mächtigen Wibaums[K] flötete der Omaomao[L], die

Tahitische Drossel und der gellende Schrei der Möve, die über dem

spiegelglatten, crystallhellen Binnenwasser der Riffe nach Beute strich,

mischte sich darein. Von fern herüber aber donnerte klar und gewaltig

das Brausen der ewigen Brandung über die Corallenwälle, die in einem

weiten, nur an sehr wenigen Stellen kaum unterbrochenen Kreis all diese

Inseln umgeben, als ob sie das freundliche Land schützen wollten gegen

den wilden ungestümen Andrang der Wogen und ihre zerstörende Macht --

die Elemente waren freundlicher gegen dies Paradies als die Menschen.

Weit aus nach allen Seiten breitete dabei das blaue Meer, hie und da

über die Fläche blitzte der Schein eines hellen Segels, und aus der

Ferne herüber ragten die schroffen pittoresken Kuppen Imeos oder Moreas,

mit dem Palmengürtel, der den Fuß ihrer Berge umschloß, eben sichtbar

über dem Meeresspiegel. Massen von kleinen schlanken Canoes, den

Luvbaum[M] an der Seite, der das schwanke Fahrzeug vor dem Umschlagen

wahren sollte, glitten über das blitzende Binnenwasser, aus den Corallen

herauf, mit Harpune oder Netz ihr Mahl zu holen, und oft unter der

stürzenden Brandung hin, der kochenden Woge wie im Sprung entgehend,

schoß der schwanke Bau wie ein dunkler Streif durch den schneeigen

Schaum, und das braune trotzige Gesicht warf sich den Gischt aus dem

lockigen Haar mit fröhlichem Lachen.

Tahiti: Roman aus der Südsee. Erster Band. · 第 12 / 16 段