sich denken läßt,« wandte er sich lachend an diesen, der im Anfang nicht
recht zu wissen schien auf welchem Fuß er nun, mit dem eben Befreiten
wieder stehen würde, schon nach dem Klang der Stimme aber vollkommen
begriff wie der »weiße Mann nicht Capitain« die Sache aufnahm, ihn aber
das natürlich nicht merken lassen wollte, und nur mit kläglichem Ton
jetzt versicherte und betheuerte, der »Bodder Aue« habe seinen
Schlupfwinkel an weißen Mann Capitain verrathen, und weißer Mann
Capitain ihn mit vorgehaltener Pistole und gebundenen Händen gezwungen
sie nach dem von dem Missionair bezeichneten Platz hinzuführen.
Das erste war, wie René aus Adolphes eigenem Munde erfahren, in der That
so, das zweite jedoch kaum wahrscheinlich, doch nahm der junge Franzose
den Burschen eben wie er war, und fühlte sich auch in seiner
neugewonnenen Freiheit nicht im mindesten geneigt auf irgend Jemanden in
der weiten Welt zu zürnen; überdies hatte Raiteo doch auch einen Theil
seiner Schuld wieder gut gemacht, und dadurch jedenfalls Reue über etwa
begangene Missethat gezeigt.
René war übrigens noch zu sehr mit dem Schiff selber beschäftigt. Die
neuen Kanonenschüsse verriethen des Capitains Eile in der er schien hier
fortzukommen -- etwas wofür ihn der Befreite in seinem Herzen segnete,
und bald zeigten auch die niedergeholten Lichter daß das Boot an Bord
sei. Noch konnte er die Compaßlampe durch die Nacht erkennen, aber bald
erlosch dieser schwache Punkt ebenfalls, und mit dem jetzt aus vollen
Backen einsetzenden West war in kaum einer halben Stunde jede Spur von
dem so gefürchteten und auch so furchtbar gewesenen Schiff verschwunden.
Nichtsdestoweniger, und trotz dem Wetter, blieb René die Nacht auf dem
ersten Hügel, auf den ihn Raiteo noch hinaufführen mußte, mit diesem auf
Wache, und erst, als er sich mit dämmerndem Tage überzeugte daß der
Delaware nirgends mehr am Horizont zu erkennen war, flog er mehr als er
ging die steilen schlüpfrigen Hänge hinunter, dem Missionsgebäude zu, wo
Sadie schon in peinlicher Angst den ausgeschickten Boten erwartete, der
ihr melden solle ob das Schiff die Insel verlassen habe.
Wie erschrak das arme Mädchen, als sie die furchtbare Gefahr des
Geliebten erfuhr, aber den Glücklichen konnten trübe Erinnerungen oder
_vergangenes_ Leid, die jetzigen frohen Stunden nicht verbittern, und
Sadie wie René _waren_ glücklich.
René hütete sich übrigens wohl, zu erwähnen was aus dem geistlichen Mann
geworden sei, obgleich er natürlich nicht verheimlichen konnte und
wollte, daß er durch dessen freundliche Fürsorge verrathen worden, und
Raiteo beobachtete ebenfalls in dieser Hinsicht eine höchst lobenswerthe
Discretion.
* * * * *
Was _war_ aber aus ihm geworden?
Als das Boot nur eben nahe genug zum Schiff gekommen war, daß sie dort
die regelmäßigen Ruderschläge unterscheiden konnten -- schrie der
Capitain schon mit Donnerstimme hinüber:
»Boot ahoy!«
»~Ship ahoy~!« lautete die rasche Antwort des Harpuniers -- »~all
right~!«
»Scharf meine Jungen, scharf -- macht daß Ihr an Bord kommt,« schrie die
Stimme wieder -- »steht bei hier mit den Taljen -- alles klar?«
»Alles klar Sir,« lautete die Antwort zweier Matrosen, die an den
Krahnen standen zu welchen das Boot gehörte, die Taljen niederzulassen.
»Nieder mit Eueren Blöcken,« rief's schon in dem Augenblick von unten
herauf, als daß Boot an die Seite schoß und die Ruder, wie mit einem
Schlag in die Höhe geworfen, längs hineinfielen -- »hier -- hakt rasch
ein -- hinauf mit Euch -- ~all right~!« -- brüllte der Harpunier wieder
durch das Schreien der Leute und das Rasseln der Raaen oben, die
ebenfalls zu gleicher Zeit herumflogen. Seine Leute kletterten rasch an
Bord hinauf, nur zwei zurücklassend, die an beiden Enden standen und die
eingehakten Taljen wahrten, und eine halbe Minute später schwebte das
Boot nach oben und unter seine Krahne, mit dem Deck gleich, während die
im Boot Zurückgebliebenen den Gebundenen vorholten und nach Bord
hineinreichten.
»Der hat die letzten zehn Minuten gestrampelt, als ob er sich die Seele
aus dem Leibe treten wollte,« brummte Bill, als sie ihn oben über die
Schanzkleidung holten -- »aber zum Donnerwetter --«
»Zwei Reefen in Vor- und große Marssegel -- fort mit Euch da hinauf!«
schrie der Capitain in diesem Augenblick; die Leute mußten den
Gebundenen, der sich am Boden wand wie ein Wurm, liegen lassen und das
Niederrasseln der Raaen, das Heulen der Leute an den Reeftaljen
übertäubte für den Augenblick selbst das, jetzt mit Macht aufkommende
Wetter. Die nächste Viertelstunde nahm das Reefen selber in Anspruch,
und Niemand kümmerte sich indessen um den unglückseligen Priester. Erst
als die Mannschaft mit dem gewöhnlichen tönenden »~Oh -- jolly men --
hoy~« die Marsraaen wieder aufzog, trat der zweite Harpunier, der nicht
mit am Lande gewesen war und schon die letzten fünf Minuten die an Deck
liegende Gestalt forschend und etwas mistrauisch betrachtet hatte, auf
diese zu und sich zu ihr niederbiegend rief er erstaunt:
»~Why -- damn it~ -- das ist René nicht!«
»René nicht?« antwortete der Capitain, der dicht neben ihm stand, mit
der Linken eine der Brassen gefaßt hatte, und die Blicke auf die
aufsteigenden Raaen gerichtet hielt -- »wer soll's _denn_ sein? --
~belay that~ -- -- große Marsraae -- was liegt an jetzt?«
»Norden halb Westen,« tönte die monotone Stimme vom Steuerrad herüber.
»~Steady then~ -- halt den Cours -- wer soll's denn sein Mr. Browning.«
»Weiß nicht Sir,« sagte dieser der, indeß der Capitain die obigen
Befehle gegeben, dem Steward zugerufen hatte eine der noch im Spintge
stehenden Lampe -- die vorige Signallaterne -- herauszubringen, und mit
dieser vor den Gebundenen trat -- »hallo wen haben wir hier?«
»Hallo Mr. Rowsey,« rief aber in diesem Augenblick der Capitain, der
ebenfalls hinangetreten war und jetzt mit in das ihm vollkommen fremde,
wilde verstörte Gesicht des Bruder Rowe schaute -- »wen zum Henker haben
Sie uns da vom Lande mitgebracht? -- haben Ihnen die Indianer _die_
Jammergestalt hier als René verkauft?«
Der alte Harpunier drückte sich rasch durch die, den Gebundenen
umdrängenden Officiere und stand, während aller Augen halb erstaunt halb
lachend auf ihn gerichtet waren, wohl eine halbe Minute verdutzt vor
dem, was ihn im ersten Augenblick kaum weniger als eine Erscheinung
deuchte; endlich aber platzte er heraus.
»~Why~ -- Gott straf mich, das ist ja der Pfaffe. -- Den? --
Himmeldonnerwetter -- _den_ haben _wir_ doch nicht etwa im Boote
mitgebracht?«
»So bindet ihn wenigstens los,« sagte der Capitain ruhig, und nur mit
Mühe sein Lachen verbeißend. Während aber zwei daran gingen die Banden
aufzuschneiden und den Gefangenen besonders von seinem Knebel zu
befreien, fluchte und wetterte der alte Harpunier auf Deck herum, und
schien gar nicht übel Lust zu haben jetzt selber über den Missionair
herzufallen, als ob der arme Mann die Schuld dieser für ihn so traurigen
Verwechselung trage.
Bruder Rowe bekam aber kaum seinen eigenen Mund frei, als er auch
augenblicklich seine eigene Meinung von der Sache hatte, über Mord und
Gewalt schrie, und verlangte ohne Säumen wieder an Land gesetzt zu
werden. Mit Mühe nur bekam man von ihm heraus, daß seiner Meinung nach
einer der Leute aus dem Boot ihm einen Schlag versetzt, der ihn
bewußtlos niedergestreckt und ihn dann wahrscheinlich gebunden und
geknebelt hatte. Hiergegen protestirte aber der Harpunier als eine
Unmöglichkeit, denn so lang sei gar keiner von seinen Leuten von ihm
entfernt gewesen, das zu bewerkstelligen. Nichtsdestoweniger wurden die
Leute alle vorgerufen und der Priester sollte jetzt den nennen, den er
für den Thäter halte -- war das aber nicht im Stande. Der Harpunier
erinnerte sich übrigens einmal Einen die Bank hinaufgeschickt zu haben
nach dem Gebundenen zu sehn, der war jedoch augenblicklich zurückgekehrt
und Adolphe meldete sich, gleich auf die erste Frage, ohne weiteres,
hatte aber, wie er ruhig bemerkte, nur die Gestalt am Boden liegen
gesehn und sich um weiter Nichts bekümmert.
Adolphe war nun allerdings René's Landsmann, und wenn auch bei Manchem,
selbst bei dem Capitain ein leiser Verdacht aufsteigen mochte, daß damit
nicht Alles richtig hergegangen sei, ließ sich auch nicht das mindeste
mit einer Anklage machen, bei der der Kläger selber nicht einmal den
Thäter erkannte, vielweniger auf ihn zu schwören vermochte. Dazu kam
noch der alte Groll, den Wallfischfänger gewöhnlich gegen die
Missionaire, sehr häufig allerdings ungegründet, manchmal aber auch mit
Ursache haben, und in dem Aerger über das Entkommen des Matrosen mischte
sich jedenfalls eine gewisse Parthie Schadenfreude, daß gerade der
Priester, der den Seemann verrathen hatte, in dieselbe Grube gefallen
war die er dem Andern gegraben, und der Capitain zuckte zuletzt nur mit
den Schultern, als der geistliche Herr in vollem Zorn versicherte, er
werde sich an seine Regierung wenden und volle Genugthuung für diese
schmählige, nichtswürdige Behandlung fordern.
Jetzt aber verlangte er vor allen Dingen augenblicklich und ohne
weiteres Säumen wieder an Land gesetzt zu werden.
»An Land!« rief dagegen der Capitain -- »jetzt bei _dem_ Wetter? und
wenn Sie mir tausend Dollar Passage bis zu der verdammten Insel zahlten,
die ich wollte ich hätte sie im Leben nicht gesehen, möchte ich keins
von meinen Booten und vielweniger mein ganzes Schiff noch einmal
zwischen die Riffe hineinwagen.«
Bruder Rowe war außer sich -- aber Drohungen wie Versprechungen blieben
gleich fruchtlos, und das einzige womit ihn der Capitain tröstete, war,
daß er eine der nördlich gelegenen Inseln wolle anzulaufen suchen, von
da könne er dann sehen wie er wieder nach Tahiti oder hierher
zurückkomme.
Zwei Tage später lief er Bola-Bola an, wo er den ~Rev.~ Mr. Rowe
absetzte und vierzehn Tage vergingen ehe er von dort aus im Stande war
seinem Schooner wissen zu lassen wo er sich befand, dessen Leute unter
der Zeit übrigens in vollkommener Gemüthsruhe, und ohne auch nur einmal
nachzufragen weshalb der weiße Mitonare sie so über Nacht verlassen
habe, geblieben waren wo sie sich gerade befanden, sie hatten ja genug
Brodfrucht und Cocosnüsse dort, und der Schooner lag sicher vor Anker,
was wollten sie mehr? -- sie hätten auf die Art noch ebensoviele Monate
wie Wochen gewartet.
Capitel 8.
#Tahiti.#
Wie nach dem wilden furchtbaren Schlag eines Wetters, der uns das Blut
stocken machte in den Adern, fast immer Ruhe eintritt in der Natur, der
nur leise grollende Donner mehr und mehr verhallt in weiter Ferne, und
die Welt, von Sonnenschein beglüht, frisch aufathmend und neu belebt im
reinen blitzenden Lichte liegt, so schien sich alles Leid, das der
Himmel für die Liebenden in seinen dunklen Wolken geborgen, an diesem
letzten furchtbaren Tage entladen -- aber auch erschöpft zu haben.
Mit dem, fast noch während dem Sturm scharf und heftig einsetzenden
Ost-Passat, hätte der _Delaware_ jedenfalls eine lange Zeit gebraucht
wieder gegen die Insel aufzukreuzen, wenn er ja noch im Sinn gehabt mit
beispielloser Zähigkeit sein Ziel zu verfolgen. Das aber war, besonders
nach den letzten Erfahrungen, nicht mehr zu fürchten, und wenn auch Mr.
Osborne durch das eigenthümliche Verschwinden seines Collegen, dessen
Schooner, wie ihm der ~fua~ gleich am andern Morgen meldete, seiner
harrend in dem kleinen Boothafen lag, beunruhigt wurde, verhinderte ihn
dies doch nicht die heilige Handlung an den, ihm jetzt nur noch lieber
gewordenen jungen Leuten zu vollziehen und sein Kind, sein liebes,
liebes Kind dem Schutz des Fremden anzuvertrauen, den ein wunderliches
Geschick an diese Küste geworfen.
Von da an gehörte René zu den Söhnen des Landes, und selbst Raiteo würde
nicht mehr gewagt haben verrätherisch an ihm zu handeln -- wenigstens
nicht unter gewöhnlichen Umständen.
Am meisten erstaunt waren aber die Insulaner über das Verschwinden des
finsteren Mitonare, und Mr. Osborne wollte schon die betrübende
Nachricht seines Todes nach Tahiti senden, als sich René doch genöthigt
sah ihm seine »Vermuthung« über den eigenthümlichen Fall mitzutheilen.
Bald darauf kam aber die Nachricht von Bola-Bola, daß er dort glücklich
gelandet, und einige Tage später Mr. Rowe selber. Aber er verließ die
Insel wieder, ohne auch nur eine Sylbe über seine Fahrt zu äußern oder
selbst Mr. Osborne aufzusuchen, in dessen Hause er natürlich den, im
vollen Besitz seines erstrebten Glückes gefunden hätte, der die Ursache
seiner Schmach gewesen, und gegen den er jetzt einen, wenn auch
heimlichen, doch so gewaltigeren Haß im Herzen trug. Ihm lag also nicht
daran gerade jetzt mit ihm zusammenzutreffen.
Aber was schadete der Haß des finsteren Mannes den Liebenden? -- In
ihrem neuen Glück dachten sie kaum der Außenwelt, und René besonders,
bei dem der Uebergang von wildester Verzweiflung zu höchster Seligkeit
in dem Umfange weniger Stunden lag, schien sich im Anfang kaum fassen zu
können in jubelnder, jauchzender Lust. Der alte Mr. Osborne hatte sogar
alle Hände voll zu thun ihn selbst nur während der kirchlichen Feier im
Zaum zu halten, und Mi-to-na-re Ezra trippelte fortwährend um ihn herum,
und schien ihn um's Leben gern bald an einem Arm, bald an einem Beine
fassen zu wollen, nur um den rastlosen beweglichen Wi--Wi ein einziges
Mal fest und ruhig zu halten, wie es einem anständigen Christen, der er
ja doch einmal werden wolle, gezieme.
In einem gleichen Taumel vergingen ihm selbst die nächsten Monate. Des
Missionairs Rowe Rückkehr von seinem unfreiwilligen Kreuzzug lockte ihm
kaum ein Lächeln auf die Lippen, so gleichgültig war ihm der Mann
geworden, und mit dem Bau für seine eigene kleine Heimath beschäftigt,
den er mit vollem fröhlichen Eifer betrieb, fühlte er, daß er jetzt ein
neuer Mensch geworden, und die Brücke hinter sich abgebrochen habe, die
ihn bis dahin noch mit der Außenwelt, zu der er nicht mehr gehörte,
verbunden.
So verging fast ein volles Jahr und Mr. Osborne selber fing an zu
glauben daß Bruder Rowe -- der aber seit jenem Tag Atiu nicht wieder
betreten, sondern stets einen anderen Geistlichen zur Revision gesandt
hatte, seinen Groll gegen die ihm verhaßte Verbindung der jungen Leute
-- zu der _er_ die Hand geboten -- in dem regen ja unruhigen politischen
Treiben der Hauptinsel, wie in den gefährdeten Interessen seines Standes
vergessen, oder wenigstens vergeben habe, wie es dem Verbreiter
christlichen Glaubens und Duldens auch gezieme, als ihn eines Tages ein
großes versiegeltes Schreiben des »~board of Missionaries~« von England,
aus seinem Traum und Glauben riß.
Es war seine Abberufung von Atiu und Versetzung nach Tahiti,
gewissermaßen unter die Aufsicht der dort die obere Leitung der
geistlichen ja auch politischen Angelegenheiten führenden Missionaire,
unter denen Bruder Rowe eine sehr vorragende Stellung einnahm -- und
wie ein Blitz aus heiterem Himmel traf ihn die Botschaft.
Aber nicht ihn allein; es war die erste Trauerbotschaft für die ganze
Insel, und wenn es Sadie'ens Herz mit Kummer und Sorge füllte, setzte
sich der kleine Mi-to-na-re geradezu in seine Lieblingsecke im Haus auf
den niederen Schemel, und fing an von Herzen weg zu weinen, daß er jetzt
seinen alten Freund und Gönner, Bodder ~O-no-so-no~ verlieren und einen
Anderen -- vielleicht gar -- es überlief ihn ordentlich wie mit
Fieberfrost -- vielleicht gar den »Bodder Aue« dafür herüber bekommen
sollte.
Sadie hatte kurz vorher dem Gatten ein Mädchen geboren, und wenn es
möglich gewesen wäre René's Glück zu erhöhen, so hätte es dies neue
Gefühl der Vaterfreude thun müssen.
René war auch der Einzige vielleicht, der in einer Uebersiedelung nach
Tahiti nicht das Schmerzliche sah wie Sadie und Mr. Osborne, denn daß
sie den alten Mann nicht wollten allein nach der fernen Insel ziehen
lassen verstand sich von selbst. Der Platz hier war ihm lieb und theuer
geworden, und nur mit schwerem Herzen trennte er sich davon, aber mit
seiner Sadie und seinem Kind wußte er auch, daß er sich die Nachbarinsel
ebenso gut zum Paradiese schaffen konnte, und wenn er auch ungern von
ihrem Lieblingsplätzchen am stillen Strande schied, das der Erinnerungen
so viele und theuere für ihn hatte, entschädigte ihn der _Wechsel_
seines Aufenthalts -- wenn er sich darüber auch nicht gerne laut Recht
geben mochte -- doch in etwas für die liebgewonnenen Stellen.
Anders war es mit Sadie; -- ihr ganzes Herz hing an dieser heimathlichen
Küste, die ihr das Leben, die Liebe gegeben, und jedes Blatt, jede Blume
die sie zurücklassen sollte that ihr weh. Auch eine heimliche, ihr fast
unerklärliche Angst hatte sie vor Tahiti; sie war nur ein einziges Mal
mit ihrem Pflegevater dort drüben gewesen, und zwar etwa ein Jahr
vorher, ehe der Delaware an ihrer Insel landete; aber das Leben und
Treiben der fremden bewaffneten Männer dort, das kecke Auftreten ihrer
eigenen Landsmänninnen, die ewigen Streitigkeiten dort zwischen
einzelnen ihres Stammes und den Missionairen selber, mit den
Uebergriffen die sich die Franzosen, von den Kanonen ihrer Kriegsschiffe
beschützt, in die Rechte ihrer Landsleute erlaubt, hatten das einfache
Kind des Waldes tief verletzt, und sie war damals recht froh gewesen,
als der kleine Missionscutter endlich wieder die Anker lichtete und dem
heimischen Strand entgegenstrebte.
_Das_ Land sollte jetzt ihre künftige Heimath werden, und wie nahender
Schmerz lag der Gedanke auf ihrer Seele; sie konnte sich nicht daran
gewöhnen, und mußte sich endlich gewaltsam losreißen von dem theueren
Ort.
Ein gar trauriger Abschied war es aber besonders von ihrem
Lieblingsplätzchen am Seestrand; sie stand lange, lange dort, das Kind
am Herzen und das kleine, zum ersten Mal sorgenschwere Haupt an die
Brust des Gatten gelehnt, der sie fest und liebend umschlungen hielt.
Was für süße selige Erinnerungen knüpften sich an diesen engen Raum, und
ihr Herz blutete, wenn sie daran dachte ihn _auf immer_ verlassen zu
sollen. Sie war so glücklich hier gewesen -- war es noch, und was mehr
konnte ihr die ferne Insel bieten? --
Ach es war ein recht schmerzlicher Tag auch für den alten Missionair,
und als der kleine Missionscutter endlich unter Segel ging, standen die
Insulaner in weiten Schaaren am Strand, und winkten mit ihren Tüchern,
und riefen den Scheidenden ihr _Joranna, Joranna_ nach, über das blaue
Wasser. Und Sadie saß an Deck, ihr Kind auf dem Schooß und sah die
Wipfel ihrer Palmen langsam in das Meer tauchen und die Hügel sich
senken, und in dem feuchten Abendhauch der über die Wasser strich,
verschwimmen -- und wie die Nacht einbrach saß sie noch, den
thränenvollen Blick fest dorthin geheftet, wo ein Theil ihres Herzens
zurückblieb in bitterem Schmerz, sie mochte sich selber Vorwürfe darüber
machen soviel sie wollte. René aber störte sie nicht in ihrem Gram, und
quälte sie nicht noch mehr mit nutzlosem Trost; nur still und schweigend
setzte er sich neben sie und ruhte ihr Haupt an seiner Brust, daß sie
sich dort still und ungehindert ausweinen, aber dann auch wieder neue
Kraft finden konnte, an dem Herzen des geliebten Mannes.
Die Reise war kurz und glücklich, und Mr. Osborne schon in seinem neuen
Wirkungskreis gekannt, und von den Insulanern geliebt, zu deren Herzen
sein väterliches mildes Wesen weit eher sprach, als der starre finstere
Ernst fast aller anderen Geistlichen. Auch von der Königin Aimata, mit
dem Zunamen Pomare, wurde ihm ein freundliches Plätzchen mit Haus und
Garten zu seinem künftigen Aufenthaltsort angewiesen, so daß er sich
dort wohl hätte wieder recht wohl und glücklich fühlen können, wäre ihm
nicht der unmittelbare Einfluß seines jetzigen und hier viel geltenden
Gegners in seinem ganzen Wirkungskreis zu sichtbar und dadurch
schmerzlich geworden.
Fast nur auf die Stadt Papetee selber dabei beschränkt, wo französischer
Einfluß und der sich dem geistlichen Joch entringende Sinn der
Eingeborenen die Bevölkerung, wenn auch noch nicht dem anderen Glauben
gewonnen, doch schon dem ihren sehr entfremdet hatte, waren ihm all jene
lieben Pflichten seines Berufs -- mit den Eingeborenen in ihrer
Einfachheit zu verkehren und sie in der besseren Lehre zu festigen --
genommen worden, und er fand nur zu bald, daß er es hier mit einem ganz
anderen Menschenschlag zu thun habe als auf Atiu. Nicht mehr allein die
gutmüthigen Insulaner die, fast unberührt von der Außenwelt, sorglos in
den Tag hinein lebten und, wenn sich Jemand die Mühe dazu gab, auch
leicht einer etwas edleren Richtung gewonnen werden konnten, der sie
ihre angeborene Gutmüthigkeit schon von selbst entgegentrieb, war es auf
Tahiti ein Volk, das nicht mit den Sitten, sondern fast nur allein mit
den Unsitten der fremden Eindringlinge bekannt geworden, und bei dem --
während ihm die Möglichkeit genommen war allein und kräftig auf sie
einzuwirken -- Leichtsinn und Verführung weit stärker und mächtiger und
mit viel gewaltigeren Waffen arbeitete, sie aus guten einfachen Menschen
zu allein Möglichen zu machen was schlecht und traurig war.
Den Glauben an ihre alten Götter hatten die letzten Jahrzehnde, wenn
auch noch nicht ganz zerstört, doch so erschüttert und untergraben, daß
diese frühere Religion jeden Einfluß auf sie verloren, und während sie
sich dem christlichen Cultus hingaben und sich in seinen Lehren zu
festigen suchten, ja während die Geistlichen noch eifrig bemüht waren
sie den »einzig wahren« Gott kennen zu lehren und sie besonders unkluger
Weise in die Geheimnisse unserer _Dogmen_ einzuweihen, kamen plötzlich
andere, ebenfalls weiße Männer -- Abkömmlinge desselben Stammes, mit
einem anderen Gott, wenigstens mit einem anderen Namen desselben, aber
unter Jehovas Panier, Jesus Christus als den Heiland erkennend, straften
die erstgekommenen mit ihren Lehren Lügen, und verlangten von den
Insulanern sie sollten zum zweiten Mal den Glauben ändern und jetzt den
einzig und »wirklich wahren« Gott erkennen lernen.
Und hatten _diese_ recht? ihre alten Missionaire donnerten Anathemas von
den Kanzeln nieder, gegen sie, vertrieben die »neuen« Priester aus dem
Land, solange sie noch Macht darüber hatten, und stellten sie ihren
Gemeinden als Götzenanbeter und Ungläubige hin, bis die vertriebenen
Priester mit einem französischen Kriegsschiff zurückgebracht, und unter
den Mündungen der Kanonen ihnen das Recht erzwungen worden zu _bleiben_
und den neuen Glauben zu _lehren_ -- und welchen Eindruck mußte das auf
die Kinder dieser Inseln machen.
Die Masse nahm es leicht -- ihr Glaube war bei den Meisten noch nicht so
ernster Art gewesen, ihnen das Herz schwer zu machen, als ihnen andere
Priester jetzt bewiesen daß die weißen Missionaire, die sie bis dahin
nur mit Scheu und Ehrfurcht betrachtet, von einer anderen Sekte
angefeindet und des Irrthums ja der Lüge beschuldigt wurden. Viele
freuten sich sogar eines Zwanges wieder ledig zu werden, der anfing
ihnen lästig zu sein. Andere aber auch, die sich dem Christlichen
Glauben mit voller ungetheilter Kraft und Liebe hingegeben, hörten mit
Entsetzen die neue Lehre, nach der sie ja nur eines anderen Unglaubens
wegen ihre alten Götter verrathen. Und war der _jetzige_ Glauben der
rechte? -- Hatte der erste gelogen, wer stand ihnen dann dafür, daß
nicht vielleicht in Jahresfrist ein neues Schiff auch neue Priester
bringen konnte, die wieder verwarfen was die jetzigen lehrten? -- und
wie dann wurden jene Versprechungen wahr, die ihnen von einem ewigen
Leben gemacht, und derentwegen sie ihre eigenen Götter verlassen und
verstoßen? -- heiliger Gott, war das Alles ein Märchen gewesen, nur von
dem weißen Mann erfunden, sich einzunisten in ihrem Land, und die
Herrschaft an sich zu reißen, wie er es gethan?