»Und wo seid Ihr jetzt -- Ihr stolzen Herrscher dieser Haine -- Oro, Du

kriegerischer Gott, Hiro, Du schlauer Beschützer der Diebe, Teroro, Du

Sturmerwecker, Tane, Du Herrlicher und Ihr Alle, Alle, die Ihr früher in

dem Rauschen der Palmen, in dem Donnern der ewigen Brandung zu Euern

Kindern spracht? -- Sie haben sich losgesagt von Euch, umgeworfen Euere

Altäre, in den Wind verweht selbst Eure Namen, und das Kreuz, von

einzelnen Fremden aufgepflanzt, hat wie mit einem Schlage Euer

Jahrhunderte bestandenes Reich vernichtet. Aber solltet Ihr auch diese

Haine, die einst Eure Macht sahen, so schnell und leicht haben verlassen

können? wandelt Ihr vielleicht nicht selbst jetzt noch in den dunklen

Schatten der Fruchtbäume, um die Stellen wo früher Euere Altäre

gestanden, und schauet mit finsterem Groll auf die Tempel eines neuen

Gottes, vor dem Euere abtrünnigen Kinder _jetzt_ ihre Kniee beugen?

Umschwebst nicht Du selbst, furchtbarer Oro diese Dir einst, ja

vielleicht selbst jetzt noch geweihte Stätte, und blickst zürnend auf

den Fremden nieder, der sich, ein ungeladener Gast über Deine Schwelle

gedrängt hat? -- Zürne mir nicht, hätte nur ich, von all den weißen

Fremden diese Ufer betreten, Du herrschtest _noch_ hier, in all Deiner

Herrlichkeit, ich hätte Deinem Volke seine Götter und seinen Frieden

gelassen, und wer weiß ob sie nicht glücklicher -- besser geblieben

wären.«

Lange noch lag er sinnend und träumend auf der Matte, bis die

einbrechende Nacht ihre Schatten niedersandte, und mit diesen der Regen

laut und schallend auf das schilfige Dach der Hütte niederschlug. War er

hier aber auch vor diesem geschützt, so fand er doch eine andere Plage

-- eine wahre Unzahl von Mosquitos stellten sich schon mit der Dämmerung

ein, und umschwärmten ihn jetzt als sicher unverhoffte und gute Beute zu

Tausenden.

Im Anfang suchte er sich ihrer zu erwehren, zuletzt aber gab er das auf

und streckte sich, nur sein Taschentuch über das Gesicht breitend, auf

die Matte aus, der Nacht so viel Schlaf als möglich abzustehlen. Er

fühlte sich vollkommen sicher daß der Wallfischfänger, wenn er überhaupt

noch an der Insel sei, _diese_ Nacht gewiß Nichts unternehmen werde ihn

wieder zu bekommen, und ärgerte sich fast, die bisherige Wohnung und

Sadie'ens Nähe verlassen zu haben.

Eine Stunde hatte er etwa so gelegen, aber er war nicht im Stande

einzuschlafen, die Mosquitos trieben es zu arg, und schienen

fortwährend in neuen unersättlichen Schaaren heranzuströmen.

»Das ist ein schöner Polterabend,« brummte er leise vor sich hin -- »und

mein armes Mädchen sitzt indeß allein daheim und ängstigt sich um den

fernen Freund -- ha! --«

Er fuhr in die Höh' und horchte, schüttelte aber dann lächelnd mit dem

Kopf und murmelte:

»Das war wie in alter Zeit, als ich noch mit Adolphe in Canadas Wäldern

jagte -- das klang genau wie sein Jagdruf -- der schrille Ton einer

kleinen, an der französichen Küste heimischen Möve.«

»Aber Wetter noch einmal!« rief er plötzlich in einiger Unruhe

aufspringend -- »und wenn das nun doch am Ende Adolphe selber -- aber es

ist ja nicht möglich -- wie hätte er diesen Ort auffinden können.«

Nichtsdestoweniger tappte er nach seinen Waffen herum, die neben ihm auf

der Matte lagen, und steckte sie zu sich. Der Regen hatte jetzt für

kurze Zeit nachgelassen, und nur die schweren Tropfen fielen draußen

noch von den Zweigen nieder. Schlafen konnte er doch nicht, also stand

er auf und ging an die Thür die, halbangelehnt, ihm einen Blick auf den

kleinen freien, jetzt von dem auf wenige Momente vorbrechenden Mond

erhellten Platz gewährte; ha dort drüben bewegte sich beim ewigen Gott

eine Gestalt -- Wild konnte es nicht sein, das gab es ja nicht auf

diesen Inseln. Eine dunkle Wolke legte sich wieder über den Mond und

hüllte Alles in tiefe Nacht, als aber René, das gespannte Terzerol

krampfhaft fest in der Faust mit spähendem Blick und lauschend

vorgebeugtem Oberkörper da stand, erkannte er deutlich zwei dunkle

Gestalten die über den Plan, grade auf ihn zu glitten. --

»Verrath!« murmelte er leise zwischen den Zähnen durch, und mit

Blitzesschnelle in das Haus zurückspringend, gewann er die andere Thüre.

Aber in demselben Moment fühlte er sich von drei eisernen Armen zu

gleicher Zeit gepackt und es war ein Glück für wenigstens einen der

Fänger, daß das Terzerol versagte, denn gerade gegen das Ohr des

Harpuniers gepreßt hatte es René abgedrückt.

»Teufel!« schrie er, als er es von sich werfend sein Messer zu ziehen

suchte -- umsonst, die Uebermacht war zu groß, und wenige Minuten später

lag er, an Händen und Füßen gebunden, in der Gewalt seiner Feinde am

Boden.

»~Damn it~ mein Bürschchen,« lachte der alte Harpunier in aller Freude

über den gelungenen Fang, »ich hatte heute Abend, als ich auf den Regen

fluchte, nicht geglaubt daß er mir mit Deinem Pulver zu gleicher Zeit

einen so guten Dienst erweisen würde -- das war jedenfalls gut gemeint,

ich rechne Dir's aber nicht an -- hätte dasselbe an Deiner Stelle

gethan; nun sei aber auch vernünftig und wehr Dich nicht nutzlos mehr --

wir sind hier unserer sieben gegen einen, und Du wirst begreifen daß da

doch jeder Widerstand nutzlos ist.«

»Mordet mich!« schrie aber René mit aller Kraft der Verzweiflung gegen

seine Banden und die Arme die ihn niederhielten, ankämpfend -- »mordet

mich, wie Ihr mein Glück zerstört habt, aber beim ewigen Gott, Ihr sollt

mich nicht lebendig von dieser Insel nehmen.«

»Das käme auf einen Versuch an,« sagte der Harpunier kaltblütig --

»willst Du denn gar keine ~raison~ annehmen, so haben wir uns schon so

viel Mühe um Dich gegeben, daß wir Dich nun auch wohl das kleine

Stückchen Wegs noch tragen können. Nehmt ihn auf Leute -- nehmt ihn auf

-- oh wenn er gar so sehr strampelt -- hier ist noch Leine genug zwanzig

solche Bürschchen förmlich damit einzuwickeln -- so das thuts -- noch

eins um die Füße, und nun nehmt ihn auf und fort damit -- da kommt schon

wieder ein neuer Regenschauer; daß die Pest ein solches Land hole.«

»Ja wohinaus gehts aber jetzt?« sagte Einer der Leute, nachdem sie den

sich wüthend Sträubenden aufgehoben hatten -- »ich weiß den Weg nicht

mehr.«

Der alte Harpunier sah sich einen Augenblick selber verdutzt in der

Dunkelheit um. --

»~Damn it~,« brummte der Alte, »jetzt bin ich auch confus geworden --

welchen Cours sind wir denn eigentlich heraufgesteuert. Wo ist denn die

verdammte Bestie von Insulaner -- he Raiteo, Canaille verwünschte -- wo

steckt der Satan?«

»Verrathen und verkauft,« knirrschte René zwischen den zusammengebissenen

Zähnen hindurch, als er von der verzweifelten Anstrengung zum Tod

erschöpft zurücksank und sich jetzt willenlos forttragen ließ. -- Nicht

weit von ihm ab antwortete aber ein leiser Pfiff. Es war der Insulaner,

der dort auf die Seeleute, außer dem Bereich des ~Ihiamoea~, wartete,

und schweigend führte er den Zug den steilen schlüpfrigen Pfad wieder

zurück nach dem Landungsplatz.

Der Regen goß jetzt förmlich in Strömen nieder, wenn auch der Wind für

den Augenblick etwas nachgelassen hatte, als sie aber oben die

Pandanus-Niederung erreichten, und nun auf ebener Bahn, auf dem scharfen

Corallensand, dicht am Ufer einer der kleinen zahlreichen Lagunen oder

Binnenseeen hinschritten, dröhnten laut und mahnend die beiden

Kanonenschüsse von Bord des Delaware zu ihnen herüber. -- Fast

unwillkürlich hielten die Leute einen Moment, der Harpunier aber rief:

»Vorwärts, meine Jungen, vorwärts, wir kommen gerade zur rechten Zeit --

Wetter noch einmal, das war abgepaßt, eine Stunde später und wir hätten

die ganze Geschichte aufgeben müssen.«

»Was mögen sie an Bord haben?« frug Einer der anderen Harpunier.

»Wahrscheinlich wird dem Alten der Wind zu bunt,« lachte der Harpunier,

»und jetzt ists gerade eine hübsche ruhige Zwischenzeit an Bord zu

fahren -- rasch Ihr Leute, da vorn seh' ich schon die Hüttenfeuer.«

Ein neuer Hoffnungsstrahl blitzte vor René's Seele auf -- wenn ihn auch

Einer der Insulaner verrathen hatte, waren ihm doch fast alle Anderen

gewogen und wer weiß ob sie ihn, wenn er sie anriefe, so vor ihren

eigenen Augen wegschleppen ließen. Soviel hatte er, während seines

Aufenthalts auf der Insel auch schon von der Tahitischen Sprache

gelernt, und als er die ersten Stimmen an den nicht mehr fernen Häusern

hörte, damit die Leute Zeit bekämen sich zu sammeln ehe die Weißen das

Boot gewinnen konnten, schrie er plötzlich mit lauter donnernder Stimme

um Hülfe.

»Knebel her!« sagte der Harpunier ruhig aber rasch -- »wer hat ihn -- Du

John?«

»Ja hier« -- antwortete der Mann dem Harpunier den Knebel reichend.

»Der Kerl schreit uns am Ende doch noch die Insulaner auf den Hals --

wer weiß wen er hier Alles zu Freunden gewonnen hat, und besser ist

besser.«

An allen Gliedern gebunden und mit dem Knebel im Mund vermochte der

Gefangene sich nicht weiter zu rühren, und gleich darauf erreichten sie

den Strand.

Raiteo forderte aber jetzt, ehe sie zu seinen Leuten hinunterkamen, den

bedungenen Lohn, denn er wollte sich nicht mit den Weißen zusammen

blicken lassen. Ehe sie abstießen gedachte er dann mit einem Bruder von

sich, zum Boot zu kommen und die Sachen in Empfang zu nehmen, die dort

noch für ihn bestimmt waren.

»Lauft rasch mit dem Burschen da voran, und legt ihn in's Boot, bis ich

den Schuft hier abgefertigt habe,« sagte da der Harpunier zu seinen

Leuten -- »Wort müssen wir ihm doch halten; und seht zu daß Ihr das Boot

flott bekommt bis ich unten bin.« Und während die Leute mit ihrer Last

rasch dem Strande zueilten, blieb er neben dem Insulaner stehen und

zahlte ihm das Blutgeld. Als er sich von ihm abwandte seinen Leuten zu

folgen, glitt Raiteo in die Büsche.

»Höll' und Teufel,« fluchte jedoch der alte Harpunier als er zum Strand

kam und sah wie die Mannschaft mit dem Boot beschäftigt war, das hoch

und trocken auf der Corallenbank und wohl funfzig Schritt vom Wasser ab

saß -- »ob ich es den verdammten Schuften von Insulanern nicht gesagt

habe das Boot flott zu halten -- und ich glaube beim Teufel, sie haben

es noch mehr aufs Trockene gezogen; daß der Böse ihre Seelen verdamme.

Hinein damit Jungens -- greift unter und tragt es in's Wasser -- werft

den Plunder hinaus der vorn darin liegt -- der Eigenthümer mag ihn sich

holen -- wo ist René?«

»Hier am Hause liegt er,« sagte Einer -- »Bill und Adolphe stehen Wache

bei ihm.«

»Ach was Wache, der läuft jetzt nicht fort -- hier Bill -- hier Adolphe

mit angefaßt und tragt das Boot zu Wasser -- hallo meine Jungen alle

zusammen -- ~there she comes -- a hoy-y~. Was zum Teufel macht es so

schwer -- was liegt da drinne?«

»Es liegt hinten ganz voller Früchte,« antwortete Bill.

»Früchte? hinaus damit, wir haben jetzt keine Zeit uns mit Früchten

abzugeben -- so -- Alles hinaus -- hier an die Seite damit, was in

Körben ist, können wir nachher wieder hineinwerfen, und hallo hier --

einmal eine Parthie von den Insulanern her, die können uns mit helfen,

wenn sie uns wieder los werden wollen.«

Von diesen ließ sich aber keiner blicken -- der Hülferuf des

Unglücklichen, den sie gehört, hatte ihnen das Schicksal desselben

verrathen, und wenn sie auch, wie René in letzter Verzweiflung gehofft,

keineswegs gesonnen waren ihr Leben daran zu setzen, um ihn wieder zu

befreien, so mochten sie doch auch weiter Nichts mit der Sache zu thun

haben, vielweniger denn den Fremden selber in irgend etwas behülflich

sein.

Dicht am Strand wo die Leute, vielleicht zehn Schritt von dem Boot, den

Gebundenen niedergelegt hatten, stand eine kleine Bambushütte, in

welcher die Missionäre, wenn sie sich auf dieser Seite der Insel

befanden und, vielleicht von einem Wetter überrascht, nicht mehr zu dem

Missionsgebäude kommen konnten, gewöhnlich übernachteten. Hierher hatte

sich auch, als das Wetter ärger zu werden drohte, der ehrwürdige Bruder

Rowe zurückgezogen, ließ sich aber natürlich nicht blicken wie er die

Männer mit ihrem Gefangenen ankommen hörte, sondern hielt seine Thür,

allerdings nur dünnes Bambusgeflecht, geschlossen. Durch die überall

offenen Stäbe der Wände konnte er aber deutlich erkennen was draußen

vorging, und der gebundene und geknebelte René wurde solcher Art in

nicht zwei Schritten von seiner eigenen Thüre niedergelegt, während die

Leute kaum zehn Schritt weiter damit beschäftigt waren das Boot dem

Wasser zuzuarbeiten. Bruder Rowe stand dicht hinter der Thür und schaute

schweigend und nachdenkend auf den gebunden am Boden Liegenden nieder.

Außer ihm war aber noch eine andere Gestalt ganz in der Nähe, und zwar

niemand anderes als das indirekte Werkzeug des ehrwürdigen Herren --

Raiteo, der vorsichtig um das Haus herumglitt und die Bewegungen der

dicht dabei in dem Boot beschäftigten Männer auf das vorsichtigste

beobachtete. -- Er hatte seinen Bruder oder irgend einen seiner Freunde

schon abgeschickt die ihm noch zukommenden Waaren zu holen, und seine

eigenen Gründe sich nicht selber dorthin zu bemühen.

»Schuft? -- so?« murmelte er dabei zwischen den Zähnen durch -- »erst

ist man gut genug weißer Mann Capitain da hinauf zu führen und nachher

ist man Schuft; gut -- gut Raiteo ist nicht so dumm -- Raiteo hat Geld

-- liegt sicher unterm Baum -- Raiteo hat seinen Contrakt erfüllt --

jetzt kann Raiteo machen was er will, und jetzt will Raiteo einmal sehn

was er machen will.«

Die Wallfischfänger hatten indessen Alles was das Boot schwerer machen

konnte hinausgeworfen, und während der Regen wieder in Strömen

niedergoß, faßten die sieben kräftigen Gestalten das Boot und schoben es

langsam aber in sicherem Fortgang den ersten kleinen Abgang hinunter, wo

es wieder durch eine neue Corallenschicht aufgehalten, aber auch über

diese endlich weggehoben wurde.

»Die verdammten Schurken von Indianern lassen sich nicht blicken,« sagte

der alte Harpunier, keuchend in aller Anstrengung, »aber hol' sie der

Henker, wir brauchen sie auch nicht -- munter meine Jungen, munter --

denn hinten kommts wieder so schwarz wie Nacht herauf und wir müssen

machen daß wir das Schiff erreichen, wenn uns der Alte hier nicht

zurücklassen soll, und dann hätte er nachher eine schöne Mannschaft an

Bord, ohne alle Officiere.«

Der Delaware hatte eine Laterne ausgehangen und schien, soweit man nach

der Bewegung derselben urtheilen konnte, wieder näher zu kommen.

Als sich die Seeleute mit dem Boot von dem Haus entfernten, glitt Raiteo

dahinter vor, und wie eine Schlange dicht an den festgebundenen Körper

des Gefangenen hinan, wo er, ohne auch nur einen Laut von sich zu geben

und ohne weitern Zeitverlust begann, die verschiedenen Seile mit denen

der Körper des Unglücklichen förmlich umwunden war, durchzuschneiden.

So leise und geschickt war dies Maneuvre auch, von der Nacht begünstigt,

ausgeführt daß der, gewissermaßen dicht davorstehende Missionair, der

die Augen doch fortwährend auf den Körper geheftet gehabt, wohl eine

Bewegung sah, aber in der ersten Minute gar nicht unterscheiden konnte

was es eigentlich sei. René übrigens, der schon jeden Gedanken an

Rettung in dumpfer Verzweiflung aufgegeben hatte, und jetzt nur Trost in

dem einzigen Entschluß fand, sowie man ihn an Bord seiner Fesseln

entledige seinem Leben gewaltsam ein Ende zu machen, fühlte kaum den

scharfen Schnitt eines Messers an den Seilen, als ihm wilde fröhliche

Hoffnung durch Mark und Seele schoß. Er begriff zugleich die

Nothwendigkeit vollkommen regungslos zu bleiben, die Aufmerksamkeit der

nur kurze Strecke von ihm entfernten Seeleute nicht auf sich zu ziehen;

aber selbst die Secunden die er hier wieder in furchtbarer Erwartung

lag, ob nicht doch noch, ehe er den Gebrauch seiner Glieder wieder

gewinnen konnte, Jemand von unten heraufkam und der Versuch zu seiner

Rettung entdeckt würde -- erfüllten ihn mit wahrer Höllenpein.

Raiteo hatte Verstand genug die Füße erst frei zu machen, denn selbst

mit gebundenen Händen war in diesem Dunkel die Möglichkeit zu entfliehen

da. René drängte es aber den Arm frei zu bekommen, wenigstens sein

Messer, das er noch an der Seite fühlte, zu erfassen; der Knebel

verhinderte ihn aber auch nur einen Laut von sich zu geben, und Raiteo

wollte den nicht entfernen bis er mit allem übrigen im Reinen wäre. Mit

den Füßen glaubte er jetzt fertig zu sein und ging an die Arme, ein

dünnes Seil, daß er in der Dunkelheit übersehen hatte, hielt jene aber

noch zusammen, und René hob die Knie auf es ihm bemerklich zu machen.

»Geh doch einmal Einer hinauf und sehe nach dem Gefangenen,« sagte in

diesem Augenblick die Stimme des Harpuniers, die deutlich zu ihnen

herüberdrang. Rasche Schritte wurden gegen sie zu gehört, und Raiteo der

keineswegs im Sinne hatte seine eigene Person irgend einer Gefahr

preiszugeben, ließ den noch immer Gebundenen wie er war, und glitt um

das Haus hinum.

Hierdurch wurde es aber auch jetzt dem Missionair, der schon der

Bewegung des Gefangenen nach Verdacht geschöpft, klar, daß irgend Jemand

an der Befreiung desselben arbeite. _Wer_, konnte er natürlich nicht

erkennen, aber es lag keineswegs in seinem Plan den Mann hier auf der

Insel zu behalten, nun es doch einmal soweit gediehen war.

René schloß die Augen und sank zurück in stummer Verzweiflung.

Der Mann von unten sprang auf den Liegenden zu, und bog sich zu ihm

nieder, wie um nachzusehen ob seine Stricke auch noch in Ordnung seien;

zu gleicher Zeit aber fühlte René wie ein scharfes Messer und eine

geübte Hand das Tau von einander trennte das seine Arme fest umspannt

hielt, eine Hand glitt an seinem Körper hinunter, fühlte das Seil um die

Knie und trennte auch dieses.

»Muth!« flüsterte dabei eine Stimme die René's Ohren wie himmlische

Sphärenmusik klang -- »Muth René und jetzt fort,« -- und sich

aufrichtend rief er laut:

»~All right~!« und drehte sich rasch um, den Platz zu verlassen, als er

plötzlich einen Arm auf seiner Schulter fühlte und erschrocken stehen

blieb. René lag noch am Boden, als er ebenfalls die zweite Gestalt

bemerkte, aber seine Hand faßte leise das Messer und zog es aus der

Scheide -- er wußte er war frei, denn zwei Sätze konnten ihn in den

Bereich des Waldes und aus der Gewalt seiner Feinde bringen.

Adolphe, denn dieser war René's Befreier, drehte fast unwillkürlich den

Kopf halb ab, um nicht erkannt zu werden und suchte schon loszukommen,

sich wieder unter seine Kameraden zu mischen und dadurch jeden Verdacht

von sich zu entfernen, als er zu seinem Staunen die Stimme des

Missionairs erkannte, der ihn leise etwas von dem vermeintlich

Gebundenen fortzog, damit dieser ihn nicht erkennen möchte, und mit

hastiger aber unterdrückter Stimme sagte:

»Habt Acht auf Eueren Gefangenen Sir -- man will ihn befreien -- ich

habe --«

Er sagte nichts weiter, denn ein einziger Faustschlag des riesigen

Franzosen, gerad gegen seine Stirn, streckte ihn besinnungslos zu Boden.

»Bind ihn,« flüsterte da Adolphe rasch, sich zu diesem niederbiegend --

»_er_ hat Dich an uns verrathen,« und so schnell wie er gekommen, sprang

er die Corallenbank wieder hinunter, wo die Leute eben mit Anstrengung

aller ihrer Kräfte das Boot bis zum Wasserrand gebracht hatten.

»Der Gefangene liegt noch am Boden,« sagte er, als er sich hier wieder

unter die Uebrigen mischte.

»Aber habt Ihr nicht nachgesehen ob die Seile noch in Ordnung sind?«

frug der Harpunier.

»Ich kann noch einmal hinaufgehn,« erbot sich Adolphe.

Da blitzte es vom Wasser herüber, und gleich darauf dröhnte der dumpfe

Schall eines neuen Schusses, dem in kaum einer Minute ein zweiter

folgte, zu ihnen herüber.

»Hinein mit dem Boot in's Wasser!« schrie der Alte, alles Andere in dem

Bewußtsein der Nothwendigkeit vergessend, so rasch als möglich wieder an

Bord zu kommen, »wacker Ihr Leute, wacker und legt Euch dagegen mit

Brust und Seele!«

Den vereinten Anstrengungen der Leute gelang es das Boot vorn in die

Fluth zu bekommen, das unruhige Wogen derselben half nach, und bald lag

es flott.

»Jetzt hinein, mit Riemen und Masten!« lautete der rasch gegebene

Befehl, »und vergeßt Nichts Ihr Jungen -- laßt die Früchte liegen wo sie

sind -- vier von Euch nach dem Gefangenen -- halt hier -- das Boot stößt

noch auf -- noch einmal unter, alle zusammen -- ~a hoy~ -- ~there she

goes~ -- nun die Riemen und unsern ~mossier~ her und hinein mit Euch.«

Es war auch Zeit daß sie von Lande abkamen -- der Wind hatte sich,

während einer fast anderthalb Stunden langen Stille, total herumgedreht,

und aus Westen kann es in diesen Breiten oft gar bös an zu wehen fangen.

-- Dort stieg auch schon eine schwere rabenschwarze Wand auf, und der

Delaware mußte jetzt allerdings machen daß er von der Küste abhielt. Die

Leute rannten sämmtlich, so rasch sie konnten, die Bank hinauf, drei von

ihnen die Riemen und den Mast in's Boot zu nehmen; die andern drei den

Gefangenen zu holen. Unter diesen Adolphe.

»Auf mit ihm,« rief dieser, den Oberkörper des auf der Erde Liegenden so

packend und mit Leichtigkeit emporhebend, daß er den Kopf unter seinen

Arm bekam -- »auf mit ihm Jungens -- und hinunter -- da geht ein anderer

Kanonenschuß, bei Gott!«

Die beiden andern Bootssteuerer faßten, der Eine in der Mitte, der

Andere unter die Knie des Gebundenen, und im vollen Lauf fast ging es

damit die Corallenbank hinunter.

»Vorn in's Boot mit ihm,« schrie der Harpunier -- »haut ihm eins über

den Schädel wenn er sich nicht fügen will -- an Eure Riemen für Euer

Leben, dort kommts herauf -- hinein in's Boot mit ihm sag' ich -- werft

ihn hinein, zum Donnerwetter, wenn er nicht gehn will, darf's ihm auch

nicht auf eine Beule ankommen.«

»Wetter noch einmal,« brummte Bill, als die im Boot Stehenden den Körper

anfaßten, hineinzogen und vorn in den Bug mehr warfen als legten, »René

ist hier ordentlich stolz geworden; der hat jetzt Schnallen an den

Schuhen.«

Es war aber in diesem Augenblick weder Zeit viel Bemerkungen zu machen,

noch sie anzuhören oder gar zu beachten. Die Leute sprangen an ihre

Plätze, warfen die Riemen in die Dollen, der alte Harpunier hatte den

seinigen durch das Rudereisen gezogen, und durch die elastischen Riemen

vorwärts getrieben flog das leichte Boot ordentlich durch die schon

unruhige See dem glücklicher Weise nicht sehr fernen Schiff, das jetzt

auch noch eine zweite Laterne aufgezogen hatte, entgegen.

* * * * *

René war in dem Augenblick als ihn Adolphe verließ, in die Höhe

gesprungen, und wußte in der That, in dem ersten Gefühl jubelnder

Freiheit, nicht was er thun, ob er dem Rathe Adolphes folgen, oder den

Priester ungebunden liegen lassen sollte, wo seine Flucht dann

allerdings gleich bemerkt werden mußte, sobald sie ihn nur auffaßten.

Eine zweite Person entschied aber seinen Zweifel, und zwar niemand

Anderes als Raiteo.

Raiteo war nämlich ein höchst aufmerksamer und selbst überraschter Zeuge

sämmtlicher letzter, so schnell auf einander folgender Vorfälle gewesen.

Klug genug aber einzusehn daß es für ihn jetzt besonders Zeit sei sich

bei der Befreiung noch etwas zu betheiligen, wenn er überhaupt später

Ehre und vielleicht auch noch Nutzen daraus ziehen wollte, hatte er auch

noch einen andern Grund zu wünschen, die Weißen möchten die Insel mit

dem Glauben verlassen, daß Alles in Ordnung sei, weil sie sonst am Ende

noch Einsprache wegen den übrigen, zum Theil noch nicht einmal

geborgenen Waaren thun, oder doch Lärm schlagen konnten, und dann den

Antheil auf der Insel bekannt machen mußten, den er selber bei dem Fang

des Europäers gehabt, und dessen er sich, so verstockt er sonst sein

mochte, doch einigermaßen schämte. Kaum hatte er deshalb den Missionair,

von dem er im ersten Augenblick gar nicht wußte woher er auf einmal kam,

fallen gesehn und die Worte Adolphes gehört die dieser dem Freunde auf

englisch zurief -- »bind ihn« als ihm auch das ganze Nützliche einer

solchen Maßregel einleuchtete und er, aus seinem Verstecke vorgleitend,

ohne weiteres Hand an den geistlichen Herren legte, und ihn rasch an

Händen und Füßen band.

René der wußte daß er von dieser Seite keinen Angriff zu fürchten, ja

nur Hülfe zu hoffen hatte, erkannte im ersten Augenblick den Burschen

gar nicht, bis Raiteo sein Gesicht gegen ihn aufhob und mit leiser

Stimme und bedeutungsvollen Zeichen sagte:

»Knebel -- schnell!«

»Schurke verdammter, wo kommst Du her?« rief René fast unwillkürlich.

»Pst,« sagte aber Raiteo, diesmal nicht im mindesten beleidigt --

»Knebel.«

Zeit war aber auch in der That nicht zu verlieren, und kaum hatte der

Insulaner den Knebel auf das geschickteste in den Mund des am Boden

Liegenden gebracht, von dem er sich jedoch vorher wohl überzeugt hatte

daß er bewußtlos war, als sie auch schon die Leute die Corallenbank

heraufspringen hörten, und nun rasch um das Haus herum und in das

Dickicht schlüpften.

Mit klopfendem Herzen hörte René wie sie den Körper seines

Stellvertreters auffaßten und zum Boot hinunter trugen -- dann aber, als

die Riemen in das Wasser einfielen und die regelmäßigen -- o so

wohlbekannten Ruderschläge an sein Ohr tönten und weiter und weiter in

der Ferne verhallten, da war es ihm als ob eine Centnerlast von seiner

Brust gewälzt wäre, und mit der dringensten Gefahr auch jeder trübe

Gedanke aus seiner Seele verschwunden -- sein leichter Sinn schwamm

wieder in der alten fröhlichen Lust oben.

Tahiti: Roman aus der Südsee. Erster Band. · 第 10 / 16 段