»Der Platz wäre zu einer anderen Jahreszeit, und wenn wir keinen

besseren hätten, vielleicht recht gut,« lächelte der Greis, »jetzt aber,

wo es fast jede Nacht in schweren Schauern niederfällt, möchte der

Wipfel einer Palme, besonders wenn es sich nicht um Stunden sondern um

Tage handelt, doch ein fataler Aufenthaltsort sein. Nein, Du kennst das

~Ihiamoea~ Prudentia -- jenes letzte Ueberbleibsel aus der alten

Heidenzeit. Es ist das ein kleines Gebäude, früher dem Gott ~Oro~

geweiht, das jedenfalls auch mit allen übrigen derartigen Heiligthümern

jener Zeit vernichtet wäre, bestände nicht auch zugleich in der Familie

des jetzigen Oberhauptes der Insulaner eine alte Sage, daß der König

sterben müsse sobald das Gebäude zusammenfiele. Sämmtliche Vorstellungen

der Missionaire sind bis jetzt erfolglos gewesen sie von der Thorheit

solchen Glaubens zu überzeugen, ja Einer unserer Brüder hätte beinah

einst sein eigenes Leben eingebüßt, als er in vielleicht etwas

übertriebenem Diensteifer selber Hand daran legen wollte. Nur zwei

Personen sind auf der Insel die es jährlich einmal besuchen, der ~fua~

oder König, ~Jeremias Aitaua~ (der Rächer), wie ihn Bruder Rowe getauft

hat, und dessen Sohn; beide nur, um ein frisches Dach aufzulegen oder

das alte, wenn es noch gut ist, nachzusehen. Das ist wenigstens die

Entschuldigung, denn ich fürchte fast, daß sie dort doch noch, trotz

ihrem angenommenen Christenthum, heimlich einige ihrer heidnischen

Ceremonien feiern; da sie es aber allein thun, können wir Nichts dagegen

machen, und die kleine von Stein dauerhaft aufgerichtete Hütte wird

darum, so gut unterhalten, wohl noch mancher Regenzeit trotzen. Dorthin

magst Du René führen. -- Keiner der Eingeborenen getraut sich den Platz

zu betreten und die Weißen könnten wochenlang ihre Zeit vergeuden, ehe

sie ihn auffänden. Hier dieser Korb mit Provisionen wird ausreichen, wo

nicht, findet sich schon wieder einmal Gelegenheit neue Zufuhr

hinaufzuschaffen, obgleich ich fest überzeugt bin daß sich das Schiff

keine vierundzwanzig Stunden an der Insel aufhält.«

»So will ich zum Haus gehn und meine Waffen holen,« sagte René.

»Sie sind in diesem Korb,« erwiederte ihm aber der Greis -- »es ist auch

weit besser daß Sie sich gar nicht wieder am Hause blicken lassen, denn

neugierige Augen folgten Ihnen doch, und wenn ich auch nicht glaube daß

Einer der hiesigen Leute zum Verräther werden würde, so ist es doch, wie

gesagt, besser ihnen auch selbst die Möglichkeit zu nehmen verführt zu

werden. Gehn Sie gleich von hier ab, und Prudentia kennt die Richtung

gut genug, so weiß kein Mensch wo Sie geblieben sind. Aber Prudentia muß

auch, so schnell als nur irgend möglich wieder zurückkehren, und ich

hoffe daß dieser Kelch glücklich an uns vorübergehen wird.«

»Lieber, väterlicher Freund --« sagte der junge Mann gerührt, und

streckte dem Greis die Hand entgegen. Dieser aber wollte auch die jungen

Leute nicht sehen lassen wie weh und ängstlich ihm selber, trotz seiner

angenommenen Zuversicht, zu Muthe war, und sagte mit einem wohl etwas

erzwungenen Lächeln:

»Keinen Abschied, René -- das ~Ihiamoea~ liegt nicht am andern Ende der

Welt, daß wir --«

»Ich muß Sie _hier_ wohl aufsuchen, Bruder Osborne!« sagte in diesem

Augenblick, dicht hinter ihnen die Stimme des Bruder Rowe mit zwar

ruhigem aber doch etwas scharfem Ton -- »wenn ich überhaupt Abschied von

Ihnen nehmen will -- Sie scheinen ganz vergessen zu haben daß ich im

Begriff bin aufzubrechen.«

Die drei Menschen schauten sich um als ob sie auf einem Verbrechen

ertappt wären, und das kalte, theilnahmlose Gesicht des Priesters war

ebenfalls nicht geeignet jedes unangenehme Gefühl solcher Ueberraschung

zu mildern. Der Geistliche schien dies aber gar nicht zu bemerken, oder

wenn er es bemerkte, zu beachten; gegen Sadie die Hand ausstreckend

legte er dem Mädchen, das seine Rechte ergriff und küßte, wie segnend

die Linke auf das Haupt, neigte dann seinen Kopf gegen René, der diese

kalte Höflichkeit ebenso formell erwiederte, und ging, Mr. Osborne's Arm

nehmend, mit diesem nach der Landung hinunter.

»Und nun komm,« flüsterte Sadie, als das dichte Guiavengebüsch die

Männer ihren Blicken entzogen -- »nun komm René und gebe Gott daß ich

Dir recht recht bald die frohe Botschaft Deiner Erlösung bringen kann.«

Wenige Secunden später schloß sich der Wald hinter ihnen, und der kleine

freundliche Platz lag still und einsam im Schatten seiner rauschenden

Palmen.

Der Missionscutter war indeß zur Abfahrt gerüstet, Bruder Rowe traf noch

einige Anordnungen zu dem nächst zu haltenden Osterfest zwischen den

Insulanern und verließ dann, mit einem frommen »Der Herr segne und

behüte Euch« -- die Insel.

Mr. Osborne hatte kein Wort gegen ihn erwähnt, daß das Schiff was die

Insel passirt war, dasselbe Fahrzeug sei, von dem René entsprungen war

-- er hielt es für besser die Sache mit keiner Sylbe weiter zu berühren.

Auch Bruder Rowe kam nicht wieder auf die Verheirathung der beiden

jungen Leute zurück; er mochte auch wohl einsehen, daß jede weitere

Vorstellung oder Einsprache unnütz sein würde.

Der Cutter war zuerst nach Mitiaro bestimmt, der ehrwürdige Mann hatte

aber vorher die Indianer die ihn führten noch beordert in dem

Binnenwasser der Insel am Ufer hinaufzuhalten, da er zuerst noch einmal

den König an der andern Seite zu besuchen, und Rücksprache mit ihm über

eine Betversammlung zu nehmen habe.

Capitel 7.

#Der Verrath, und wie sich beide Theile dabei irrten.#

Am nördlichen Ufer der Insel war indessen Alles in Aufregung, denn das

Wiedererscheinen des Schiffes, an das keiner der Insulaner fast mehr

gedacht hatte, bot Ursache genug das sonstige Stillleben zu

unterbrechen, hätten Manche von ihnen auch gerade _nicht_ Grund gehabt

zu wünschen, daß es seinen Weg nicht wieder hierher gefunden habe.

Der König dachte natürlich mit einiger Beunruhigung an die Geschenke,

die er unter der Bedingung überliefert bekommen hatte, den Flüchtling

einzufangen und wo waren diese Sachen jetzt alle geblieben? -- wo war

der Flüchtling? -- Wer aber konnte auch wissen daß das Schiff nach so

langer Zeit zurückkehren würde, und eine Ausrede war bald gefunden. Als

der erste Harpunier wieder wie früher an Land kam und nach dem Mann

frug, erwiederte ihm der rasch herbeigeholte Raiteo -- denn der König

schämte sich vielleicht vor seinem eigenen Volk, dem weißen Mann etwas

vorzulügen -- mit keineswegs christlicher Unverschämtheit, sie hätten

den Flüchtling damals eingefangen und drei volle Wochen auch eingesperrt

gehalten und gefüttert, wie aber das Schiff gar nichts mehr habe von

sich hören oder sehen lassen, da seien sie endlich genöthigt gewesen ihn

wieder frei zu lassen. Seit der Zeit sei er aber ebenfalls verschwunden

und sie glaubten er wäre mit einem kleinen Schooner, der neulich einmal

die Insel anlief, nach Tahiti oder einer der dortigen Inseln gezogen.

Das Ganze schien wahrscheinlich genug, dennoch war der alte Seemann zu

bekannt mit diesem Volk um ihnen sogleich, auf die erste Bestätigung

hin, die erste beste Geschichte auch zu glauben. Sie hatten einmal den

Fanglohn weg, den der ~fa-u~ jetzt, wie Raiteo mit vieler

Geistesgegenwart weiter log, für die so lange Unterhaltung des

Gefangenen beanspruchte, und er sah wohl ein, daß er auf's Neue einen

Preis aussetzen mußte. Auch hierin schien er wieder Schwierigkeiten zu

finden, aber aus den langen Unterhandlungen die nach den neuen

Versprechungen gehalten wurden, merkte der alte Harpunier deutlich

genug daß der Matrose noch jedenfalls auf der Insel sein mußte, und der

Sache ein Ende zu machen, denn die Sonne neigte sich schon ihrem

Untergang, bot er dem König funfzig spanische Thaler -- ein wahrer

Reichthum für seine Verhältnisse -- wie noch andere Güter die er mit im

Boot führte, wenn er den Entsprungenen noch diesen Abend, oder

wenigstens diese Nacht in seine Hände liefere.

Raiteo ließ sich die Summe zweimal wiederholen und sogar, ganz sicher zu

sein, an den Fingern vorzählen, denn er traute seinen eigenen Ohren kaum

eine so ungeheuere Quantität baaren Geldes -- ohne alle die übrigen

Herrlichkeiten -- in den Bereich ihres Arms zu bringen. Trotzdem

schüttelte aber der ~fa-u~ mit dem Kopf -- er wollte mit der Sache, der

sich sein alter Freund der Missionair angenommen hatte, nichts mehr zu

thun haben, und sagte Raiteo er möge die Fremden bedeuten den Mann

selber zu suchen, wenn sie glaubten daß er noch hier auf der Insel sei.

Der Harpunier nahm jetzt den Burschen, dem er wohl ansah zu was er mit

Geld gebracht werden konnte, in Englisch vor, und bot ihm die Summe

allein, wenn er ihm den Flüchtling diese Nacht ausliefern wolle.

Hiergegen erklärte ihm aber Raiteo ganz offen der Mann sei allerdings

noch da, so geschwind ließe sich das aber unter keiner Bedingung

anstellen. Er habe die Zeit über, am andern Ende der Insel, auf der

Mission gewohnt, das Schiff als es von dort heraufkam aber auch

jedenfalls sehen können, und sei jetzt wieder irgendwo im Wald

versteckt, wo er allein morgen wenigstens den ganzen Tag brauchen würde

ihn nur aufzuspüren, und selbst dann sei es eine schwierige Sache, da

der König nichts damit zu thun haben wolle, und er selber nachher,

vielleicht seines Lebens auf der Insel nicht wieder froh würde. Er

verdiene gewiß gern den hohen Preis, wenn sich aber weißer Mann Capitain

nicht dazu entschließen wollte zwei drei Tage auf der Insel zu bleiben

und auch womöglich noch mehr Leute herüberzubringen, so sehe er keine

Möglichkeit seinen Zweck zu erreichen.

Das ging nicht an, das Schiff hatte sich überdies schon, durch einige

Spermfische gerade damals aufgehalten als sie wieder nach Norden auf

kreuzen wollten, in der Jahreszeit verspätet, und der Capitain erst

nicht einmal, trotzdem daß sie die Insel passirten, wieder anlaufen

wollen, aber jedenfalls nur bis nächsten Morgen mit Tagesanbruch den

äußersten Termin gesetzt -- war es bis dahin nicht möglich den Mann

wieder zu bekommen, so mußten sie es aufgeben, und der alte Seebär

wollte sich eben, mit einem zwischen den Zähnen durchgebrummten

Kraftfluch hineingeben und an Bord zurückkehren, als der kleine

Missionscutter in Sicht kam und das hinten angehängte Boot gleich darauf

den ehrwürdigen Mr. Rowe an Land brachte.

Der Missionair hatte noch einiges mit dem ~fa-u~ zu bereden und der

Harpunier zögerte einen Augenblick am Ufer -- er konnte die Schwarzröcke

nicht gut vertragen, aber eine Frage that auch keinen Schaden, und der

Mann kam gerade von dort her, wo sich der Flüchtling aufgehalten.

Bruder Rowe fühlte vielleicht eine gleiche Sympathie für diese Art

Leute, er war aber nichts destoweniger freundlich gegen den Seemann, und

beantwortete seine Fragen auf das leutseligste aber ausweichend. --

Raiteo der mit offenem Munde dabeistand, kam es vor, als ob er mit der

Sache nichts zu thun haben wolle, denn darum wissen mußte er.

»Sehn Sie, Mr. -- wie mag Ihr Name sein?« --

»Rowe.« --

»Ah -- Mr. Rowe,« sagte der alte in seinem Geschäfte schon ergraute

Seemann -- indem er fast unwillkürlich neben dem langsam längs dem

Strande hergehenden Priester herschritt, wodurch sie sich von Raiteo,

der ihnen ja nicht folgen durfte, entfernten. »Es ist nicht wegen dem

einen Burschen daß wir uns solche Mühe geben ihn wieder zu bekommen --

was das belangt, so könnten wir eher noch zwei dazu entbehren, ehe wir

gerade jetzt einen einzigen Tag hier versäumten, aber es ist wegen dem

bösem Beispiel -- sehn die Canaillen daß sie fortkommen _können_, dann

läuft uns auf den Sandwichsinseln nachher am Ende der ganze Schwarm

davon. Kriegen wir aber so einen Burschen wieder, und auch schon während

wir uns Mühe danach geben, so sehen doch die Andern daß es ihnen nicht

so ganz leicht gemacht wird und hingeht, und besinnen sich zweimal, eh'

sie die Beine in die Hand nehmen. Auf den Preis kommts uns dabei nicht

an, denn kriegen wir sie nicht, so bezahlen wir ja auch Nichts, als

vielleicht ein Bischen Lumperei an Spielkram, und kriegen wir sie, nun

dann müssen sie's selber von ihrem Theil abtragen.«

»Haben Sie einen hier von den Insulanern, dem Sie glauben vertrauen zu

können?« frug ihn der Missionair jetzt, und drehte sich, wie im

Gespräch, halb nach ihm um, zu sehn ob ihnen Niemand folge. -- »Könnten

Sie einen der Leute hier bewegen Sie zu führen?«

»Führen? -- gewiß,« brummte der Harpunier -- »wenn ich nur wüßte wohin.«

»Ich kann mich, meiner Stellung wegen, nicht mit solchen Sachen

befassen,« erwiederte ihm indirekt hierauf der Geistliche -- »Sie werden

aber auch wohl als vernünftiger Mann einsehn, daß es mir nicht

gleichgültig sein kann dabei, meist gewissenlose Menschen zwischen die,

kaum einem etwas civilisirten und religiösen Leben gewonnenen Insulaner

geworfen zu sehen.«

»Nein gewiß nicht -- kann ich mir denken -- ist ganz natürlich« --

brummte der Harpunier dabei zwischen den Zähnen durch, und warf nur

manchmal einen Seitenblick auf den Geistlichen, als ob er hätte sagen

wollen: »nun was steckt dahinter? -- wo will der hinaus?«

»Mir liegt also,« fuhr Bruder Rowe hier wieder fort -- »gewissermaßen

ebensoviel daran den entsprungenen Matrosen wieder von hier zu entfernen

als Ihnen daran gelegen ist ihn wieder zu bekommen.«

»Ja sagen Sie mir nur wie!« platzte der Alte, dem die Vorrede zu lange

dauerte, heraus.

»Unter der Bedingung daß Sie meinen Namen nicht dabei nennen, und auf

eine Entschuldigung oder vielmehr Ausrede, dem Eingeborenen gegenüber,

den Sie zu Ihrem Führer nehmen, denken wollen, kann ich Ihnen den Platz

so genau angeben wo er versteckt ist, daß Sie nicht die mindeste

Schwierigkeit haben werden ihn zu finden -- ja noch mehr, der Ort liegt

so vortrefflich ihn zu umstellen, daß Sie, wenn Sie Ihre Maßregeln gut

treffen, ihn sicher in Ihre Gewalt bekommen _müssen_.«

»Aber was soll ich dem alten Fuchs dem Raiteo weiß machen,« sagte der

Harpunier sinnend, »er hat gesehn wie wir jetzt hier miteinander

sprechen und ich kann es ja nicht gut von irgend einem Andern gehört

haben.«

Der Missionair blieb einen Augenblick stehn -- dann sagte er bedächtig:

»Machen Sie sich nachher mit einem meiner Bootleute etwas zu schaffen

und sprechen Sie mit ihm über irgend einen Gegenstand. -- Sie können

Raiteo dann sagen daß Sie es von dem erfahren haben; ich bin ziemlich

fest überzeugt daß ihn Raiteo nicht wieder danach fragen wird.«

»Und wo ist der Platz?« frug der Harpunier.

»Erkundigen Sie sich bei Raiteo,« sagte der Geistliche leise -- »ob er

ein Haus Namens ~Ihiamoea~ auf der Insel kennt. -- ~I-hi-a-mo-e-a~ --

können Sie den Namen behalten?«

»Er ist verdammt lang,« brummte der Harpunier -- »~I-hi-ma-nu~«.

»~I-hi-a-mo-e-a~,« wiederholte der Missionair.

Der Harpunier repetirte das Wort ein paar Mal leise vor sich hin und

sagte dann:

»Ich denke so wird's gehn, und da steckt er also -- aber kennt Raiteo

den Ort?«

»Genau genug,« lautete die Antwort. »Sie werden ihm aber einen guten

Lohn versprechen müssen, denn die Insulaner haben eine gewisse Scheu vor

jener Gegend.«

»Er soll die ganzen funfzig Dollars haben wenn er uns heute Abend noch

hinführt!« rief der Seemann rasch -- »und Gott straf mich -- noch Alles

in Sachen dazu, was im Boot liegt -- wenn wir den Kerl nur kriegen. Ich

habe noch außerdem mein besonderes Gift auf ihn.«

»Gut, dann verlieren Sie keine Zeit mehr,« sagte der Missionair, wieder

nach den Gebäuden, wo noch die übrigen standen, zurückkehrend. »Können

Sie sich aber auch auf Ihre andern Leute verlassen, daß Sie am Ende

nicht, anstatt Einen zu fangen, das Uebel noch verschlimmern und mehre

dabei einbüßen?«

»Wir sind diesmal gescheuter gewesen, als das erste Mal,« erwiederte der

Harpunier -- »und haben gar keine Matrosen, sondern nur Officiere im

Boot zum Rudern mitgenommen -- die Leute sind sämmtlich Harpunier oder

Bootsteurer, die laufen schon seltener weg, weil sie weit höhern Antheil

bekommen und auch überhaupt eine Carriere zu machen haben -- es sind nur

die verwünschten Matrosen die durchbrennen, weil sie sichs gewöhnlich

ein Bischen zu hübsch auf einem Wallfischfänger gedacht haben.«

Sie waren indessen wieder zu des Königs Hause gekommen, welches der

Missionair jetzt betrat das Wetter abzuwarten, das gerade im Osten

heraufzog und schon mit drohenden Wolken über dem Horizont hing. Der

Harpunier wechselte indessen mit seinen Leuten einige Worte, und ging

dann nach den beiden mit dem Cutter gekommenen Insulanern zu, die unfern

ihres eigenen Bootes auf den Corallen saßen und sich eine kleine Cigarre

aus ihrem inländischen Tabak und Bananenblättern drehten. Er blieb

einige Zeit bei diesen stehn, und ging dann, als er Raiteo gerade über

sich am Rande des Gehölzes bemerkte, rasch auf diesen zu.

»Raiteo,« sagte er hier dem aufmerksam Zuhorchenden -- »willst Du in

dieser Nacht Dein Glück machen und ein reicher Mann werden? Du kannst

funfzig Dollar und den ganzen Plunder verdienen der da im Boot liegt.«

»In dieser Nacht?« erwiederte Raiteo kopfschüttelnd -- »habe weißen Mann

Capitain schon gesagt daß es so schnell nicht geht -- und ist immer ein

bös Stück Arbeit -- kann nicht.«

»Aber Du kannst« -- sagte der Harpunier -- »kennst Du ein kleines Haus

hier irgend wo auf der Insel, das sie ~I-hi~ warte einmal -- verdammt

-- ~I-hi-mano~ --«

»~Ihiamoea~?« sagte Raiteo rasch und leise und sah den Fremden erstaunt

an -- »und ist der weiße Mann im ~Ihiamoea~?«

»Verdamme mich, wenn Du den Namen nicht wie am Schnürchen hast,« lachte

der Wallfischfänger -- »~Ihiamoea~ kannst Du uns dorthin noch heute

Abend führen?«

»Und wer hat Euch den Platz angegeben?« frug der Insulaner, und seine

Augen suchten fast unwillkürlich die Stelle wo der Missionair noch vor

dem Hause des ~fa-u~ stand.

»Einer der Burschen dort im Boot,« erwiederte ihm der Seemann -- »sie

wollens aber nicht gern wissen lassen, daß die Nachricht von ihnen kommt

-- ich hab' ihnen fünf Dollar dafür gegeben.«

»Hm« -- brummte Raiteo und schaute nach den Bootsleuten hin, die ruhig

und abwechselnd ihre kleine dütenförmige Cigarre rauchten, und wieder

nach dem Missionair hinüber; dann aber, den Kopf zurückwerfend als ob er

hätte sagen wollen »was gehts mich an« gab er dem Harpunier ein Zeichen

ihm etwas weiter in den Wald hinein zu folgen, und hatte nun mit diesem

in wenigen Minuten das Nöthige besprochen. Das ~Ihiamoea~ war ein

kleines niederes Gebäude mit einem Gemach und zwei Ausgängen, das oben

auf einem der Hügel, im wildesten Dickicht und dichtesten Walde lag;

aber auf einem etwa funfzig Schritt breiten, vollkommen freien Raum

stand, und also mit größter Leichtigkeit umzingelt und besetzt werden

konnte. In etwa anderthalb Stunden konnten sie es von hier aus erreichen

und das aufsteigende Wetter begünstigte jedenfalls ein solches

Unternehmen. Raiteo aber, so gierig er war das Geld zu verdienen,

scheute sich eben so sehr seinen Namen dabei genannt zu wissen, als der

Missionair. Er zeigte ihm deshalb jetzt den Pfad, auf dem sie sich

gerade befanden, und der durch eine dichte Pandanus-Niederung hinführte

-- diesen sollte der Harpunier mit seinen Leuten, sobald es dunkelte,

etwa 300 Schritt weit folgen, und dann pfeifen, und Raiteo würde ihn von

da bis zu dem Haus führen und ihm angeben wie er es umstellen könne --

in das Haus aber bedung er sich gleich von vorn herein aus, ging er

nicht hinein; »die alten hier unten vertriebenen Götter saßen noch dort

oben darin, und wenn sie auch einem weißen Mann wohl nichts anhaben

konnten, so liefe doch ein Eingeborener die tödtlichste Gefahr an Leib

und Seele.«

Ueber die Ausbezahlung wurden sie ebenfalls einig, Raiteo bekam fünf

Dollar im voraus, was ihn soviel gieriger auf das übrige machte, und der

Rest sollte ihm ausbezahlt werden, wenn sie den Entsprungenen gebunden

in ihrer Gewalt hätten.

Der Abend setzte ein, wie es das Wetter klar genug angedeutet; einzelne

Windstöße und Regen was vom Himmel herunter wollte. Der Wallfischfänger

war indeß näher herangekommen, wo er durch das hohe Land gegen die Böen

ziemlich geschützt lag und sich nicht in der mindesten Gefahr befand auf

die Klippen getrieben zu werden, von denen ihn Wind und Strömung

zugleich absetzten; in kurzen Gängen war es nur eben Alles was er thun

konnte, daß er sich auf seiner Stelle hielt.

Der Missionair hatte die Insel ebenfalls nicht verlassen, obgleich er

lieber der durch ihn gewissermaßen herbeigeführten Katastrophe aus dem

Wege gegangen wäre; auf See aber etwas ängstlich fürchtete er das Wetter

möchte noch schlimmer werden und wollte sich da nicht in seiner

Nußschaale von einem Fahrzeug den Wogen anvertrauen.

Das Zeichen für den Harpunier an Bord zu kommen, wenn etwa in der Nacht

möglicher Weise etwas vorfiele, sollten zwei Kanonenschüsse sein.

* * * * *

René war indessen durch seine liebe Führerin glücklich an den Ort seiner

Bestimmung gebracht und schon der Weg dahin überzeugte ihn, daß

Europäer den Platz nimmer in wenigen Tagen auffinden könnten, hätten sie

selbst gewußt daß ein solcher Schlupfwinkel hier existire, und von den

Insulanern konnte ja auch keiner glauben daß ihm diese Stelle bekannt

sei. Ebenso hatte er das aufsteigende Wetter bemerkt, und nicht ohne

Grund durfte er hoffen daß es den Wallfischfänger zwingen konnte, die

Insel vielleicht sogar eher zu verlassen, als er im Anfang beabsichtigt.

Daß aber auch Sadie nicht von dem Wetter überrascht werde, trieb er

diese selber mit zärtlicher Besorgniß zum schleunigen Heimweg an, und

das schöne Mädchen flog mehr als sie ging den Pfad zurück, denn sie

wußte ja daß sie, je eher sie wieder am Hause sei, desto sicherer auch

den geringsten Verdacht niederschlagen müsse, der Fremde habe einen so

weitentlegenen Platz als das ~Ihiamoea~ zu seinem Zufluchtsort gewählt.

-- An den Missionair dachte Niemand.

Der Platz selber war für so kurzen Aufenthalt wohnlich genug; gegen Wind

und Regen vollständig durch ein gutes Dach und fast fußdicke vielleicht

sechs Fuß hohe Steinmauern geschützt, lag selbst eine breite aus dem

dortigen Schilfgras geflochtene Matte in der Mitte der Hütte -- ein

Beweis mehr daß der alte Missionair recht hatte wenn er glaubte, der

christlichste König dieser Insel hänge noch etwas an dem alten

Heidenthum. Doch wie dem auch sei, es kam René hier vortrefflich zu

statten.

Vor allen Dingen sah er jedoch nach seinen Waffen, steckte sein Messer

in den Gürtel, den er immer trug und untersuchte die Terzerole -- aber

der alte Mann hatte in der Eile das Pulverhorn vergessen, und wenn auch

das Pulver noch ziemlich trocken aussah, war ihm doch nicht viel zu

trauen.

»Nun ich werde sie hoffentlich nicht brauchen,« murmelte er leise für

sich hin -- »besser wär's aber doch ich wüßte sie sicher -- es giebt

Einem immer mehr Zutrauen eine gute Waffe in der Hand zu haben.« Bei den

Waffen lagen aber auch eine Masse Lebensmittel und mit doch weiter

keiner anderen Beschäftigung machte er sich über den Korb her, die

Leckerbissen vorzunehmen, die ihm der gute alte Mann, mit einem paar

Flaschen Wein und Cocosnußmilch zusammengemischt, eingepackt hatte.

So vergingen ihm die Stunden rasch -- ein paar Mal trat er in die

vordere Thür der Hütte, vielleicht einen Blick in's Freie zu gewinnen,

aber der Wald umgab das kleine Heiligthum einer früheren Zeit hier zu

hoch und dicht, auch nur einen Blick über dessen äußerste Grenzen zu

gestatten, und er warf sich zuletzt, ermüdet vom Umhergehn in so engem

Raume, auf die Matte, und schaute träumend auf die kahlen Steinwände,

die in früherer Zeit wohl Zeuge mancher wildromantischen Scene,

vielleicht manchen furchtbaren Opfers gewesen waren.

Tahiti: Roman aus der Südsee. Erster Band. · 第 9 / 16 段