Dem kleinen Mitonare schien aber heute Abend eine Menge im Kopf

herumzugehen. -- Beim Abendbrod, das sie sehr frugal aus etwas

Brodfrucht und Cocosmilch und einigen Bananen hielten, war er einsylbig

und sah René immer, wenn er sich unbeobachtet glaubte, von der Seite an;

nach dem Essen aber, und als gerade der Mond draußen über die das Haus

umgebenden Palmen aufstieg, faßte er den jungen Mann bei dem Arm, führte

ihn hinaus an den Strand unter einen stattlichen Tuituinuß-Baum und nahm

ihn hier, durch ein wenig Aufregung im noch mehr gemißhandelten Englisch

als gewöhnlich, in's Gebet. René mußte tüchtig aufpassen daß er den

Zusammenhang verstand, denn sich an einzelne Worte zu halten hatte er

lange aufgegeben, der Name ~Pu-de-ni-a~ der aber mehrfach vorkam, ließ

ihn wohl ahnen was der kleine Mann eigentlich meinte, und er wollte ihm

jetzt, über das ganze Verhältniß zu dem Mädchen klaren und offenen

Aufschluß geben; er hatte ja Nichts weshalb er sich zu schämen brauchte,

hätte ihn eben der kleine Mitonare nur zu Worte kommen lassen. Sowie er

aber nur den Mund aufthat rief dieser ihm sein verhinderndes ~aita aita~

dazwischen und redete dann nur noch lauter und heftiger, und er mußte

ihn jetzt wohl schon gewähren lassen, bis er es von selber müde werden

würde.

»Weißer Mann,« sagte indessen der kleine Mitonare, aber wenigstens die

Hälfte seiner Rede im Tahitischen oder doch solchen Worten die recht gut

tahitisch sein konnten -- »weißer Mann kommt her und findet Brodfrucht

und Fleisch und Bananen und Cocosnüsse, Yam und Kartoffeln, und Mitonare

ist freundlich mit ihm; zeigt ihm Diplom und andere Sachen, und thut gar

nicht als ob Fremder ~Ferani~ wäre und an keinen Gott glaubte -- und

weißer Mann hat Schutz hier vor anderen weißen Männern. ~Tane~ ~tane

Atiu~ sind freundlicher gegen ihn als Leute von seiner eigenen Farbe,

und was thut ~Ferani~? -- geht hin und macht kleines Mädchen von

Mitonare unglücklich -- schwatzt ihr allerlei tolles Zeug vor -- aber

~Pu-de-ni-a~ ist nicht wie viele andere Mädchen auf der Insel und auf

Tahiti. -- ~Ferani~ kann Mädchen genug bekommen -- puh -- so viel, aber

nicht ~Pu-de-ni-a~. ~Ferani~ geht nachher weg und ~Pu-de-ni-a~ sitzt --

gutes Kind und weint und ist nicht mehr glücklich und alte Mann Mitonare

~O-no-so-no~ weint weil er ~Pu-de-ni-a~ weinen sieht. ~Ferani~ sollte

sich etwas schämen und wenn ~Ferani~ auch kein Christ wäre, könnte er

doch darum immer thun was recht wäre -- sie wären auch früher keine

Christen, nein, schreckliche Heiden gewesen, die sich tättowirt und nach

einer Trommel, und nach dem Rauschen der Brandung getanzt hätten, ja sie

hätten sogar ganzen kleinen, winzig kleinen Gott angebetet -- aber

darum hätten sie doch thun können was recht wäre -- und es auch gethan,

wenn sein Vater auch jetzt in der Hölle dafür wäre.«

Das ungefähr war der Sinn der Rede des kleinen Mitonares, obgleich diese

selber wohl über eine Stunde dauerte; wenn aber auch René im Anfang

manchmal gern über die oft wunderlich genug klingenden Worte des

Eifernden gelacht hätte, sah er doch aus dem Ganzen wie lieb der kleine

Mann das Mädchen selber haben mußte, und wie viel er von ihr halte, und

daß nur Besorgniß um sie ihn so ängstlich und eifrig gemacht habe, und

er faßte endlich seine Hand, die ihm der Mitonare im Anfang aber gar

nicht lassen wollte, und sagte ihm nun Alles, wie es ihm auf dem Herzen

lag.

Er liebte Sadie und wollte sie heirathen, und hier auf der Insel bei

ihnen bleiben und Yams und Kartoffeln bauen, und Cocospalmen pflanzen --

er wollte nie nie wieder fort von ihnen gehn und weder ihn noch

Prudentia verlassen. Er erzählte ihm aber dann auch wie er das heute

Morgen Sadie selber gesagt, und welches Versprechen sie ihm dafür

abgenommen, und daß er sich fest darauf verlassen könne er würde es

halten und Sadie, bis der alte Missionair zurückkomme, als seine

Schwester ansehen, der kein Leid geschehen solle, so lange er es hindern

könne.

Der kleine alte Mann war freundlicher und freundlicher geworden, je

nachdem er mehr und mehr begriff was der Fremde mit seinen Worten meine,

und was er beabsichtigte, als er aber erst verstand welches Versprechen

er dem Mädchen gegeben hatte, und wie er versicherte es treu halten zu

wollen, da überkam die Freude jedes andere Gefühl, er fiel dem jungen

Mann um den Hals und rieb sogar -- sehr zu dessen Erstaunen der gar

nicht wußte was er aus solcher Ceremonie machen sollte -- Nasen mit ihm,

die größte innigste Freundschaftsversicherung die er ihm überhaupt geben

konnte.

Der kleine Bursche wurde aber ganz wie ausgelassen -- er erklärte René

-- dessen Namen er jetzt ebenfalls behalten hatte und ganz gegen seine

sonstige Gewohnheit richtig aussprach, für den besten Wi--wi der je

einen Götzen angebetet habe; und meinte, wenn er bei ihnen auf der Insel

bliebe, dann wolle er und der andere Mitonare und ~Pu-de-ni-a~ doch

einmal sehn, ob sie nicht aus diesem Wi--wi auch einen Christen machen

könnten, wenn das auch vielleicht schwieriger halten würde, als einen

verheiratheten Mann aus ihm zu machen. Er wußte in der That gar nicht,

was er vor lauter Lust und Vergnügen angeben sollte, und es fehlte nicht

viel so hätte er wirklich ein paar mal bald an zu tanzen gefangen, nur

daß er sich noch immer zur rechten Zeit dabei erwischte -- das hätte

sich im Leben nicht für einen ~mi-to-na-re~ geschickt.

So vergingen René die nächsten drei Wochen in einem Glück, von dem er

früher nicht geglaubt hätte daß es eine Menschenbrust im Stande wäre zu

fassen; aber nicht allein Sadie und Mitonare gewannen ihn in dieser Zeit

weit lieber, je näher sie mit ihm bekannt wurden, nein, auch die

Eingeborenen der Insel, denn das leichte fröhliche Temperament des

jungen Franzosen sagte auch ihren Neigungen gerade zu; sie sahen ihn

gern, lernten ihn lieb gewinnen und der alte König, außer dem

hochklingenden Titel eine sehr unschuldige Persönlichkeit, die jedoch

trotzdem viel Einfluß auf die übrigen ausübte, wurde sein bester Freund.

Allerdings hatte ihm René mehrmals Geldgeschenke gemacht, was ihm des

Mannes Herz zuerst öffnete, als er aber später mehrmals mit Sadie

hinüberkam, und der alte Mann erfuhr in welchem Verhältniß die Beiden

standen, und daß René sogar beabsichtige Einer seiner Unterthanen zu

werden, da versicherte er ihn denn auch, daß er ihn, falls sein Schiff

wirklich wieder zurückkommen solle, nicht mehr ausliefern werde und daß

der weiße Mann Capitain -- wie Raiteo als Dollmetscher übersetzte --

schon sehen solle wie sie ihm eine Nase drehen wollten. Er dachte

nämlich keineswegs daran den einmal erhaltenen, und auch in der That

schon theils benutzten, theils vertheilten Fanglohn wieder

herauszugeben.

Am komischsten betrug sich Raiteo; -- trotzdem daß er früher sich die

größte Mühe gegeben hatte, des Flüchtlings habhaft zu werden, ja sich

damals sogar nicht scheute Verrath zu gebrauchen, um seinen Zweck zu

erreichen und den ausgesetzten Lohn zu verdienen, so that dieser doch

jetzt, als wenn er gleich von dem ersten Augenblick an des jungen Mannes

Hauptfreund und Beschützer gewesen wäre. Er erklärte ihn auch bald für

seinen innigsten ~tajo~ und trug wohl Sorge dabei daß er René besonders

darauf aufmerksam machte, wie uneigennützig er damals den Dollmetscher

zwischen ihm und den Uebrigen abgegeben habe, und wie einige kleine

Stücken Geld, selbst jetzt noch dafür ausgelegt, keineswegs zu spät

kämen. René war klug genug sich auch diesen Burschen, den er übrigens

leicht genug durchschaute, zum Freund zu halten, und ein paar Thaler

thaten dies denn auch, wenn Versicherungen nur irgend einen Maßstab für

Raiteo's Gefühle geben konnten, auf das vollständigste.

René schrieb übrigens auch in dieser Zeit nach Frankreich, den Brief für

die erste sich bietende Gelegenheit nach Tahiti bereit zu halten, ihm

einen Theil seiner noch dort stehenden Gelder unter seiner Adresse an

den Französischen Consul Tahiti's zu übersenden, wie ihm ebensowohl

Einführungsbriefe auf die Hauptinsel dieser Gruppen zu verschaffen. Wenn

er ihrer auch jetzt noch nicht bedurfte, wußte er doch nicht wie sich

seine Verhältnisse in spätern Zeiten gestalten würden, und er wollte

jetzt wenigstens nichts versäumen, dem vorzuarbeiten.

Das Herz des kleinen Mitonares gewann er sich übrigens noch auf ganz

besondere Weise durch den regelmäßigen Besuch seiner Kirche, in der er

allerdings nichts von der Predigt verstand, aber doch die Melodien der

Hymnen mit summte, und den Mitonare nur in dem Glauben befestigte, daß

doch noch am Ende ein Christ aus ihm zu machen sei. Der gute kleine Mann

war viel zu unschuldig, auf den Gedanken zu kommen, daß René einzig und

allein Sadie'ens wegen das Gotteshaus besuche.

Fußnoten:

[F] Diese Inseln außer Tahiti und Imeo oder Eimeo feiern den Sonnabend

statt Sonntag, da die ersten hier eingetroffenen Missionaire, die um das

Cap der guten Hoffnung gekommen waren, den Tag den sie auf 180° West und

Ost Länge gewonnen, nicht dazu zählten, wie sie es eigentlich thun

mußten, und nun ihre eigene unterwegs gehaltene Zeitrechnung, die sie um

einen Tag zu kurz sein ließ, beibehielten. Auf Tahiti und Imeo haben es

die Franzosen jetzt abgeändert.

[G] ~Wi-wi~, ein Spottname dieser Inseln für die Franzosen, nach deren

~oui, oui~.

Capitel 5.

#Das Geständniß.#

Das Einzige übrigens was jetzt manchmal Sadie sowohl als auch den

kleinen Mitonare beunruhigte, war das so außergewöhnlich lange

Ausbleiben des Mr. Osborne, obgleich es bei den Missionairen, wenn sie

auch ihre bestimmte und feste Wohnung haben, doch wohl manchmal vorfiel

daß sie auch kleine Abstecher nach anderen Inseln machten wo keine

festen Prediger wohnten, und dann widriger Winde wegen oft länger

aufgehalten wurden, als sie im Anfang selber beabsichtigt.

So standen die Sachen als eines Morgens, in den letzten Tagen des

Februar, ein Bursche über die Berge herüberkam und meldete, der

Missionscutter -- ein kleines Fahrzeug das sie alle gut genug auf der

Insel kannten -- sei in Sicht und halte gerade nach hierher zu. Gegen

Mittag umsegelte es auch die südlichste Spitze der Insel, und von

Sadie's Lieblingsplätzchen aus konnten sie sein Näherkommen deutlich

beobachten.

Sadie und René standen dort schweigend Hand in Hand -- war ihnen Beiden

aber auch wohl das Herz übervoll, denn dort in dem kleinen Fahrzeug kam

der Mann, der ihr Schicksal entscheiden sollte -- mochte ihnen doch

Keins Worte geben. Als aber der Cutter sich immer mehr und mehr näherte,

jetzt sogar in die natürliche Einfahrt der Corallenriffe, von einer

günstigen Briese getrieben, einbog, und in dem ruhigen Wasser

pfeilschnell auf seinen gewöhnlichen Ankerplatz zuglitt -- als die Segel

fielen, der Anker niederschlug und das kleine Fahrzeug herumschwingend,

kaum mehr als hundert Schritt vom festen Land der Insel ab einbog, da

sagte René leise, Sadie zu sich herüberziehend:

»Willst Du zuerst mit Deinem Vater allein reden, Sadie, oder wollen wir

ihm Beide zusammen entgegengehn? -- wie ist es Dir am liebsten?« --

»Ich weiß es nicht René,« -- sagte das Mädchen leise und schüchtern --

»ich weiß es nicht -- o mir ist auf einmal so bang und weh um's Herz,

als ob ich irgend ein großes Unrecht gethan hätte -- und ich bin mir

doch nichts Böses auf der weiten Gotteswelt bewußt -- ich glaube ich

fürchte mich meinem Vater entgegenzutreten -- und er ist doch so gut --

so unendlich gut.«

»Dann laß mich zuerst mit ihm sprechen, Sadie,« bat René -- »laß mich zu

ihm gehn -- ich habe Papiere die ihn über meine Abkunft und Verhältnisse

beruhigen können -- ich bin kein gewöhnlicher Matrose wie sie hier über

diese Inseln hier und da zerstreut sein sollen; das allein ist auch die

Ursache daß ich nicht im Stande war an Bord jenes Wallfischfängers

zwischen dem rohen wüsten Volke auszuhalten; -- wenn er hört wie innig

wir uns lieben, kann er ja Nichts gegen eine Vereinigung mit Dir

einzuwenden haben. Aber was hast Du? -- was erschreckt Dich so sehr, Du

süßes Lieb?«

Der Ausdruck in Sadie's Zügen ließ sich nicht verkennen -- irgend etwas

mußte sie beunruhigt haben, aber sie schüttelte erst schweigend mit dem

Kopf und blickte nur scharf nach dem Cutter hinüber, an dessen Seite

jetzt ein kleines Boot niedergelassen war, den zurückkehrenden

Missionair an Land zu rudern. René hatte auf das Fahrzeug, mit der

Geliebten beschäftigt, gar nicht mehr geachtet, als er aber jetzt der

Richtung ihrer aufgehobenen Hand folgte, sah er wie vom Bord des

Schooners zwei dunkelgekleidete Männer in die Jölle niederstiegen, statt

einem.

»Kennst Du den Mann, der dort mit Deinem Pflegevater kommt?« frug er das

Mädchen.

Sadie nickte langsam und schweigend mit dem Kopf und sagte endlich

leise:

»Das ist der einzige Mann, das einzige Wesen auf dieser Insel, das ich

_fürchte_ -- und ich weiß nicht weßhalb -- Er hat noch Niemandem Böses,

und Vielen schon Gutes gethan, aber er ist so ernst und streng und ich

weiß nicht, aber wenn ich mir _seinen_ Gott als einstigen Richter denke,

so überläuft mich's mit Fieberfrost. Feste Formeln und Gebräuche hat er

dabei, von denen er nicht weicht, ja von deren Beobachtung er unser

Seelenheil abhängig macht, und nur wenn ich dann meinen Pflegevater

dagegen reden höre, ist es mir wie Trost und Linderung für das kalte

Wort des finstern Mannes.«

»Das ist der Mann denn, von dem Du mir schon gesprochen, Sadie,« sagte

René -- »aber wo wohnt er? -- was thut und treibt er?«

»Er ist Missionair wie mein Vater, aber der ärgste Feind den Deine

Landsleute auf den Inseln haben können -- sein Name ist Rowe und

obgleich er auf Tahiti seinen festen Wohnsitz hat, besucht er doch, als

eine Art geistlicher Oberhirt, zu Zeiten die einzelnen Inseln, ihren

Zustand zu untersuchen und an dem Sonntag wo er sich dort aufhält, zu

predigen. Aber so lange er auf der Insel ist hörst Du kein Lachen und

Singen fröhlicher Menschen, siehst keine Blume in den Haaren der Mädchen

-- selbst die Kinder fürchten den Mann.«

»Und was kann er _uns_ schaden, Du holdes Lieb,« sagte René -- »Dein

Pflegevater allein hat Deine Hand zu vergeben, und wenn es selber dann

_Dein_ Wille ist, was kümmert uns da der stolze Priester?«

»Aber er wird meinem Pflegevater heftig zureden uns seine Einwilligung

zu versagen,« flüsterte ängstlich das Mädchen.

»Dann« -- René biß die Lippen zusammen, zwischen denen sich ihm ein

heftiges Wort herauszupressen drohte, aber er wollte dem lieben Kinde

auch nicht weh thun und sagte, rasch abbrechend: »Hab guten Muth Sadie;

es wird noch Alles gut gehen und das Beste sein, daß wir die beiden

Herren erst eine Weile landen lassen; der kleine Mitonare mag mich gern

leiden und wenn Dein Vater nach Dir frägt wird er schon einen günstigen

Vorbericht für uns ablegen. Nachher gehen wir dann grade und offen zu

ihm und sagen ihm wie lieb wir uns haben und wie wir hier bei ihm auf

der Insel bleiben und wohnen wollen und er wird uns seine Einwilligung

gewiß nicht versagen.«

»Mache es wie Du willst, René,« sagte das arme Mädchen leise und

schüchtern -- »aber ich fürchte mich recht sehr, und ich wollte zu Gott

der ehrwürdige Mr. Rowe wäre nur diesmal nicht mitgekommen.«

Das Boot war indessen an Land gerudert, der kleine Mitonare aber, in

aller seiner Unschuld niemand Anderen als seinen Missionair, den alten

ehrwürdigen Mr. Osborne erwartend, an den Landungsplatz gegangen ihn zu

begrüßen. Er trug sein gewöhnliches weißes Hemd, und das rothe

Lendentuch fest um den runden stattlichen Leichnam geschlagen, außerdem

aber noch, da er als Mitonare nicht gut im bloßen Kopf in der Sonne

herumlaufen konnte, einen breiträndrigen Strohhut mit schwarzem breiten

Bande, und stand schon schmunzelnd am Ufer seinem alten Freund die Hand

mit einem herzlichen ~Joranna~ entgegenzustrecken, als er plötzlich die

zweite Gestalt im Boot zuerst überrascht bemerkte, und dann erschreckt

erkannte -- denn Mitonare hatte einen noch viel größeren Respekt vor dem

finsteren geistlichen Mann, der ihm diesmal so unverhofft über den Hals

kam, als selbst alle Kinder der Insel zusammengenommen, nur daß _er_

nicht ausreißen durfte, wenn ihm der fromme Mann in den Weg kam. Umdrehn

aber und in das Haus, und dort angekommen in den schwarzen Frack und

die gelbe Weste fahren, war das Werk eines Augenblicks. In beide

Kleidungsstücken kam er zuerst in das verkehrte Aermelloch, aber wie

eine gehetzte Ratte fand er zuletzt das rechte, und griff nun in wahrer

Verzweiflung das eingewickelte Halstuch von dem Bücherbrett herunter, wo

es friedlich bis zum nächsten Sabbath hatte ruhen sollen, riß es aus dem

Papier, fuhr dann mit dem Halstuch in die Tasche statt dem letzteren,

ehe er seinen Irrthum gewahrte, bekam es aber zuletzt doch noch

glücklich um, und hätte nun fast, als er wieder mit einem Satze aus der

Thür hinaus wollte, das Versäumte gut zu machen, die beiden geistlichen

Herren umgerannt, die, ~the reverend Mr. Rowe~ voran, indeß gelandet

waren und auf die freundliche Wohnung Mitonares zuschritten.

Mr. Rowe, der übrigens wohl erkannte weshalb der kleine Mann so in Hast

gewesen, denn dieser hatte in aller Eile den Hemdkragen gar nicht mit in

das Halstuch hineingebunden, begrüßte ihn mit einem gütigen väterlichen

Blick und Handdruck, wobei Mitonare ein Gesicht machte, als ob er seine

Hand in einem Schraubstock hätte.

»Nun, Bruder Ezra,« sagte Mr. Osborne freundlich, als dieser zu ihm

hinantrat, und seine Hand auf das herzlichste schüttelte, was Mitonare

mit ungemein gutem Willen erwiederte -- »wie ist es Euch die Zeit

meiner Abwesenheit ergangen? -- immer wohl und gesund gewesen, und in

keiner Weise zu Schaden gekommen? nicht wahr ich bin weit länger

entfernt geblieben als ich im Anfang beabsichtigte?«

Ich muß hier jedoch bemerken daß die Geistlichen mit dem kleinen Mann

nur in seiner eignen Sprache redeten, blos wenn sich Mr. Osborne mit

Bruder Ezra -- wie der kleine Mitonare bei der Taufe genannt worden --

allein befand, und gerade nichts Wichtiges zu verhandeln hatte, sprach

er englisch mit ihm, um ihm diese Sprache geläufiger zu machen, und

seinen etwas schweren Mund an die fremden Worte besser zu gewöhnen.

Bruder Ezra antwortete auf das Befriedigenste, als aber die drei Männer

in das Haus traten, sah sich Mr. Osborne erstaunt und vergebens nach

seiner Pflegetochter um, die ihn sonst stets fast die erste begrüßt

hatte, und er frug rasch, fast ängstlich nach dem Mädchen.

Mitonare hätte in diesem Augenblick eben so gern seinen ganzen

Catechismus aufgesagt -- ihm sonst die schrecklichste aller

Religionsübungen -- als vor Bruder Rowe zu erzählen was mit ~Pu-de-ni-a~

vorgegangen sei, und welcher Gast sich indessen auf der Insel

eingefunden habe. Er wußte ja am besten in welcher Achtung die

~Feranis~ bei dem frommen finsteren Manne standen, und sollte er jetzt

erzählen was hier unter seinen eigenen Augen vorgegangen war, und was er

selber geduldet hatte? denn jetzt kam es ihm auf einmal wunderbarer

Weise vor, als ob das ein entsetzliches Verbrechen gewesen wäre.

Durch sein Schweigen wurde der alte Mann aber nur noch besorgter; er

glaubte jetzt wirklich es sei dem Mädchen, das er fast wie sein eignes

Kind liebte, etwas widerfahren, und als nun auch Bruder Rowe dazutrat

und Mitonare zum Sprechen aufforderte, konnte er natürlich nicht mehr

zurückhalten. Der Angstschweiß stand ihm auf der Stirn, aber die ganze

Sache kam nach und nach zu Tage, und erst als er mit sämmtlichen Factas

geendet hatte, fing er an den jungen ~Ferani~ zu loben, der ein wahres

Muster von einem Menschen sei und sogar als ~Ferani~ in seine Kirche

gekommen wäre -- und so andächtig zugehört hätte, als ob er jedes Wort

davon verstände. Er erwähnte auch des Versprechens das ihm ~Pu-de-ni-a~

abgenommen, was er ja auch als Hauptentschuldigung für sich aufstellte,

und Mr. Osborne der den Charakter des Mädchens kannte, athmete leichter

als er dies hörte.

Bruder Rowe's Züge hatten sich aber indessen mehr und mehr verfinstert

-- schon als er hörte daß ein, von einem Wallfischfänger entsprungener

Matrose auf der Insel geblieben und nicht wieder von seinem eigenen

Schiff mit fortgenommen sei, horchte er hoch auf, und als es nun gar

herauskam daß es ein Franzose sei, der schon in aller Geschwindigkeit

ein Liebesverhältniß mit der Adoptivtochter des Geistlichen angesponnen

habe, sah man es ihm ordentlich an daß er sich Mühe geben mußte seinen

Groll und Zorn zu bemeistern. Vergebens waren jetzt Bruder Ezra's

Psalmen, die er dem jungen Franzosen sang, vergebens selbst Mr. Osbornes

Einwurf, daß man jedenfalls erst einmal den jungen Mann sehen und

sprechen wolle -- er war Matrose eines Wallfischfängers und Franzose --

also Katholik, und ein richtiger Missionair der Südsee Inseln haßt

nichts auf der Welt -- selbst den Teufel wohl kaum ausgenommen --

herzlicher, als diese beiden Individuen.

Sein Urtheilsspruch war auch ohne weiteres gefällt -- »ehe das Uebel

tiefer griff, mußten schnelle Maßregeln dagegen ergriffen werden, und er

wollte jetzt selbst ohne weiteres zu dem Häuptling hinübergehn und mit

diesem das Nöthige dazu besprechen. Der Häuptling oder König brauche ihm

nur zu gebieten die Insel zu verlassen, so müsse er dem Befehl Folge

leisten, und Gelegenheit habe er jetzt gerade am besten in dem kleinen

Schooner, der in einigen Tagen wieder mit ihm nach Tahiti zurück

sollte. Weigerte er sich aber dem Befehl Folge zu leisten, so war nichts

einfacher als ihn als Gefangenen mit fortzunehmen, und an den

französischen Consul in Papetee auszuliefern. -- Diese Inseln standen

unter englischem Schutz, und es war ihnen von der englischen Regierung

versprochen sie gegen jede Aufdringlichkeit, besonders von französischer

Seite, zu schützen, wo man überdies nicht einmal wissen könne, ob da

nicht am Ende gar irgend ein heimlich gehaltenes Missionswesen der

Verbreiter »papistischer Gräuel« dahinter stäke. Andererseits würde aber

auch die französische Regierung, die gerade erst ganz kürzlich ihr etwas

gewaltsames Protectorat angetreten, Alles vermeiden, mit anderen

Mächten, noch dazu eines entsprungenen Matrosen wegen, in Collision zu

kommen. Für sie hier war es aber gerade in dieser Zeit von höchster

Wichtigkeit jenen papistischen Propaganden, die sich über sämmtliche

Inseln zu verbreiten suchten, entgegen zu arbeiten. Das Volk dieser

Inseln sei viel zu empfänglich für äußeres Gepränge, nicht der Gefahr

ausgesetzt zu sein von dem Flitterstaat der katholischen Religion

bestochen zu werden, und nicht allein Jahre lange Anstrengungen und

Arbeiten, nein auch die Seelen der Unglücklichen wären dann verloren für

immer.«

»Aber nicht allein in religiöser, nein auch in moralischer Beziehung sei

es Pflicht der Geistlichen dahin zu wirken diese schlimmsten aller

Vagabunden, flüchtige Seeleute, von sich entfernt zu halten. Auch Bruder

Osborne wisse recht gut, wie gerade diese Menschen dem wohlthätigen

Wirken der Missionaire stets feindlich entgegengetreten wären, selbst

wenn sie denselben Glauben mit ihnen hatten; wie viel schlimmer war es

jetzt, wo solche Menschen auch sogar noch in ihrem Glauben eine, ihrer

Meinung nach vielleicht vollkommen genügende Ursache fänden, Unfrieden

zwischen dem Geistlichen und seiner kleinen Gemeinde zu säen?«

»Für den _Vater_ sei es außerdem besonders dringende Pflicht, sein

angenommenes Kind vor Verführung zu schützen und ihr Herz zu wahren vor

den Eindrücken, die bei einer solchen unnatürlichen Verbindung

unvermeidlich wären. -- Das war _seine_ Meinung über die Sache, und er

hoffte Bruder Osborne würde mit ihm hierin vollkommen harmoniren. Es sei

nöthig daß sie zusammenständen, in dieser jetzigen Zeit des Trübsals, um

des Glaubens willen.«

»Er hatte zuerst die Absicht gehabt den König _morgen_ zu besuchen, aber

im Dienste Gottes gäbe es keine Ruhe noch lässiges Verschieben, und er

wolle deshalb gleich dorthin aufbrechen, ihn mit sich herüber zu

bringen.« Daß er die Einwilligung desselben, oder vielmehr den Befehl

für den Flüchtling erhalten würde, mit erster Gelegenheit die Insel

wieder zu verlassen, verstand sich von selbst, und er zweifelte daran

nicht im mindesten.

Mr. Osborne ersuchte ihn jetzt noch einmal, den Fremden wenigstens erst

einmal rufen zu lassen und mit ihm zu sprechen, daß sie mit eigenen

Augen sähen zu welcher Klasse von Menschen er gehöre. -- Bruder Rowe's

Entschluß war gefaßt, und da er, durch seinen langen Aufenthalt zwischen

diesen Inseln als Missionair, sich daran gewöhnt hatte unbedingt zu

befehlen, indem seine Stimme für das Wort und den Willen des Herrn galt

-- ja da er die feste Ueberzeugung hatte daß alle diese Tausende von

Insulanern nur durch ihn und die wenigen andern Geistlichen einer ewigen

Qual entrissen, und der Seligkeit zugeführt seien, ihm also mehr als ihr

Leben, ihr ganzes einstiges Heil danken mußten, so verstand es sich wohl

von selbst daß er auch die weit geringere Leitung ihrer weltlichen

Angelegenheiten wenn auch nicht gerade führen, doch in die Bahn leiten

konnte und durfte, die er als die richtige bestimmte.

Tahiti: Roman aus der Südsee. Erster Band. · 第 6 / 16 段