wieder ergreifend, »so hat der wohl Manches gegen, aber auch Vieles für
sich. Gott wird uns als ein allbarmherziges Wesen geschildert -- als den
allliebenden Vater denken wir uns ihn ja -- sollen wir da glauben daß er
dem schwachen Menschenkinde das da sündigt, auf immer zürnt, und ist es
nicht besser wir können, wenn wir über einen begangenen Fehler Reue
fühlen, glauben daß uns Gott verziehen hat, in seiner unendlichen
väterlichen Huld, und wir nun wieder, mit frohem, leichtem Herzen ein
neues Leben beginnen dürfen, als daß wir uns Gott als einen ewig
zürnenden Richter denken, der sogar ungerecht bis hinab in's dritte,
vierte, ja zehnte Glied straft und richtet? -- Nein Sadie -- dieser
Glaube mag oft durch böswillige oder eigennützige Geistliche
gemißbraucht sein, ich will das nicht leugnen, aber es ist immer kein
_Götzen_dienst, und wer Dir das gesagt hat, mag es vielleicht recht gut
gemeint haben, aber er übertrieb die Sache. -- War es Dein Pflegevater,
Sadie?«
»Nein,« sagte das junge Mädchen, leise und nachdenklich mit dem Kopf
schüttelnd -- »mein Pflegevater ist nicht so streng und ernst, und er
hat mir oft gesagt, daß unter den Franzosen auch gewiß recht viel brave
und gute Menschen wären, vielleicht ebensoviel wie unter den Engländern,
nur daß ihre Religion nicht die rechte sei, und das sie noch viele
Mißbräuche duldeten.«
»Und wer hat Dir denn all die schrecklichen Geschichten von uns erzählt,
mein Lieb,« lächelte René -- »in Deinem eigenen Köpfchen sind sie doch
wahrlich nicht entsprungen.«
»Nein,« sagte das Mädchen treuherzig -- »aber auf Tahiti wohnt ein
frommer, ernster, strenger Mann -- der kommt des Jahres wohl ein- oder
zweimal auf unsere Insel herüber und predigt hier -- wir fürchten uns
aber alle vor ihm, denn wir dürfen dann keine Blumen in den Haaren
tragen, und nicht lachen und fröhlich sein, und er macht uns das Herz
dabei auch so schwer, daß wir wenn er schon selbst Wochen lang fort ist,
immer noch an die entsetzlichen Strafen denken müssen die uns, selbst
nach leichtem Vergehen, in der Ewigkeit erwarten. -- Oh er ist gar so
finster, aber auch sehr fromm und er besonders hat uns vor Deiner
Religion gewarnt, und uns mit ewiger Verdammniß gedroht, so Eines der
falschen Lehre lauschen würde -- und Du bist auch Katholik; René?«
»Ich gehöre allerdings zu jenen Entsetzlichen,« sagte René fast
scherzend, als er aber den schmerzlichen Zug um des lieben Kindes Mund
gewahrte setzte er rasch hinzu -- »aber fürchte nicht für mich, Du
treues Herz -- ich selber hänge nicht an jenen Gebräuchen, obgleich sie
unsere Kirche verlangt, wenn ich sie auch nicht für so gefährlich halte,
als Deine Priester Dich gelehrt haben.«
»Ach das beruhigt mich recht, René,« sagte die Maid, und preßte die Hand
auf das Herz, als ob sie da alles niederdrücken wolle, was ihr jetzt
Gram und Kummer machen wolle -- »und Vater Osborne sagt ja auch daß
Gott so gut -- so unendlich gut sei und die Menschen Alle wie seine
Kinder liebe -- würde er dann da so hart und grausam strafen können? --
lieber Gott,« setzte sie mit recht treuherziger bewegter Stimme hinzu --
»ich möchte ja nicht einmal ein fremdes armes Kind für ein wenig
Muthwillen hart strafen -- vielweniger denn mein eigenes.«
»Und glaubst Du, Sadie, daß Euch Gott ein _Paradies_ zum Aufenthalt
gegeben und Euere Wohnungen weit weit von dem Verkehr habgieriger
schlechter Menschen gelegt hätte, wo sie Jahrhunderte lang die
Einfachheit ihrer Sitten und ihr Glück bewahrten, zürnte er auf Euch und
wolle Euch strafen für den falschen Glauben? -- Sieh mein Mädchen,« fuhr
er bewegter fort, als er sah wie sie ihm still und aufmerksam in's Auge
schaute -- »weit über die Welt zerstreut liegen noch viele viele Länder,
die viel hundert Mal größer sind als alle diese Inseln -- und auf ihnen
wohnen Menschen, verschieden an Farbe, an Körperbau, an Sprache und an
Religion -- Millionen sind Christen, Millionen Muhamedaner, Millionen
was wir Heiden nennen, das heißt sie haben sich ihre Götter selber
gebildet und feiern Gebräuche die wir nicht verstehen oder nicht
anerkennen, aber sie leben _alle_ glücklich -- gleich von Gottes Sonne
beschienen und seiner Hand gehalten, glücklich in ihren Familien und
ihrem bürgerlichen Treiben: -- haben sie dann und wann Kriege
untereinander so können sie kaum je soviel Blut vergießen, als die
Christen schon unter sich des Glaubens wegen vergossen haben, und
tausende von Jahren haben sie so, rund um die Grenzen christlicher
Völker gelebt, und Gott zürnt ihnen nicht. Gott, meine Sadie, beurtheilt
und straft oder belohnt die Menschen nach ihren Handlungen, nicht nach
ihrem Glauben, -- ihm ist der Gegenstand gleich, zu dem sich das Herz
wandte, wenn das Herz selber treu und rein und seiner Liebe voll war. Da
hast Du _meine_ Religion -- ich glaube jede böse Handlung trägt auch
zugleich ihre Strafe in sich selbst -- unser Gewissen ist der strengste,
unerbittlichste Richter, mit dem wir am allerschwersten fertig werden
können, und wirft uns das nichts Böses vor, dann können wir auch getrost
dem blauen Himmel da droben in's Auge schauen. Aber herziges Kind, laß
uns mit den trüben ernsten Gesprächen aufhören, ich bin ja kein
Missionair, der über solche Sachen Stunden lang reden kann, und möchte
es wahrhaftig am wenigsten unternehmen, weder die katholische noch
protestantische Religion zu vertheidigen, und Alles was darin an
Gebräuchen ist, zu rechtfertigen. -- Mit Allem was die Natur an
Reichthum und Herrlichkeit bieten kann hier ausgestattet, was sollen
uns da solche traurige Gedanken quälen.«
»O Sadie, ich bin in meinem Leben noch nicht so glücklich gewesen, als
in diesem Augenblick -- mir ist es, als ob erst jetzt, an Deiner Seite,
der dunkle Schleier gehoben wäre, der bis dahin vor meinem künftigen
Leben in düsterer Nacht gelegen. Rastlos, und von einem innern Drang
getrieben, dem ich keinen Namen zu geben wußte, jagte es mich in der
Welt umher -- die Afrikanischen Wüsten und Canadischen Wälder konnten
die Sehnsucht nicht befriedigen die mich weiter und weiter drängte; als
Soldat zog ich in die Raubstaaten der Algierer -- umsonst -- als Jäger
in die Felsengebirge Amerikas -- umsonst -- selbst die See versuchte
ich, und in den Eismeeren des Nordens glaubt' ich vielleicht den Punkt
zu finden, der mir nicht Rast noch Ruhe ließ. Aber wie Spott klang es
mir überall entgegen, und das rohe widerliche Wesen meiner letzten
Umgebung zwang mich endlich auch zu dem letzten entscheidenden Schritt,
die mir unerträglich gewordenen Fesseln abzuschütteln -- oder darüber zu
Grunde zu gehen. Da fand ich Dich, Sadie -- und ich fühle nun -- o mit
jubelnder Stimme hallt es in meinem Herzen wieder, daß Du bis jetzt,
Sadie das nur geahnte, aber so heiß ersehnte Ziel gewesen, dem meine
Seele entgegenstrebte. Werde mein Weib -- laß uns auf dieser
freundlichen Insel, fern von den Sorgen, dem gefühllosen Treiben der
Welt, unsre Heimath gründen. -- Tief im Laub dieser Palmen versteckt,
von diesem lachenden Himmel überspannt, von diesen blauen Wogen umspült,
an Deiner Seite, Sadie, und die Welt, die mir bis jetzt nur eine kalte
freudlose Straße gewesen, meinen Wanderstab darauf zu setzen, würde mir
zum Himmel.«
Er hatte ihre rechte Hand, die sie ihm willenlos überließ,
leidenschaftlich in seine beiden Hände gefaßt, und schaute mit
leuchtenden Blicken und hochgerötheten Wangen dem jungen schönen Mädchen
bittend in's Angesicht.
Sadie saß mit klopfendem Herzen und niedergeschlagenen Augen neben ihm
-- -- sie war recht ernst, ja fast traurig geworden, und schaute lange
sinnend vor sich nieder -- endlich blickte sie wieder zu ihm auf, sah
ihn mit den treuen, in einer Thräne schwimmenden Augen an, und sagte mit
leiser, kaum hörbarer, wie furchtsamer Stimme:
»Und wenn Du wieder fortgingst von mir?«
»Nie -- nie -- Sadie!« rief René leidenschaftlich und preßte, sie an
sich ziehend, einen heißen, glühenden Kuß auf ihre Lippen. Sie duldete
den Kuß, ohne ihn zu erwiedern, dann aber sich langsam seinem Arm
entziehend sagte sie leise:
»Willst Du mir etwas versprechen, René?«
»Alles, Sadie, was in meinen Kräften steht,« rief René die Hand nicht
lassend, die er noch in der seinen hielt.
»Dann versprich mir,« flüsterte das schöne, jetzt tief erröthende
Mädchen, »daß Du davon nicht wieder mit mir reden willst, bis mein
Vater, der Missionair zurückgekehrt ist, und« -- ihre Stimme war so
leise geworden, daß er die Worte kaum verstehen konnte -- »mich auch bis
dahin nicht wieder küssen willst.«
»Sadie!« --
»Versprich mir das -- nicht wahr Du sagst es mir zu?« bat sie dann und
schaute ihm dabei so lieb und unschuldsvoll in die Augen, daß er ein
Heiligenbild zu erblicken glaubte.
»Wie könnte ich Dir die erste Bitte abschlagen Sadie« -- sagte er mit
tiefem Gefühl.
Da floh der fast traurige Ernst von den Zügen des Mädchens, wie die
Sonne aus trüben Wolken plötzlich über grüne wogende Saatfelder bricht,
so überflog ein frohes Lächeln die engelschönen Züge.
»Das ist gut von Dir,« sagte sie mit inniger Herzlichkeit -- »das ist
recht gut von Dir, nun können wir ja auch zusammen durch unsere Berge
wandeln, und Abends auf dem stillen blauen Wasser fahren, wo unten die
tausend kleinen bunten Fischchen zwischen den Corallenbüschen spielen
und sich haschen -- sonst hätte ich mich ja vor Dir verstecken müssen«
-- setzte sie treuherzig hinzu. »Und nun komm mein Freund -- Mitonare
steht schon da unten vor seiner Thür und schaut sich überall nach uns
um, er hat Dein Mahl bereitet was Du nicht im Stich lassen darfst, und
gegen Abend komm ich und hole Dich ab.«
»Und jetzt willst Du mich verlassen Sadie?« bat René.
»Du mußt Dich jetzt schon ein Bischen mit Mitonare unterhalten,«
lächelte das junge Mädchen neckisch, »ich kann Dir nicht helfen -- wir
sind aber dann den ganzen Abend zusammen,« setzte sie tröstend hinzu und
als ob sie trotz dem Versprechen einen vielleicht zu zärtlichen Abschied
fürchte, glitt sie wie ein Reh durch die Seitenbüsche dieser natürlichen
Laube, und war im nächsten Moment im Dickicht verschwunden.
René, das Herz voll und überglücklich, saß noch eine lange Zeit an
diesem wunderlieblichen Platz, der ihm durch das neue und so gewaltig in
seinem Herzen aufgekeimte Gefühl förmlich heilig geworden war -- er
hatte ganz daran vergessen daß der kleine Missionair mit dem Essen auf
ihn warte. Destomehr dachte dieser aber daran, und als der fremde
Wi--wi, wie er ihn jetzt immer schmunzelnd nannte, gar nicht kommen
wollte, schickte er seine ganze Schule nach allen Richtungen auf
Kundschaft aus, und René fand sich bald von drei oder vier jungen
nackten Burschen aufgetrieben, die ihm lachend und schreiend eine Masse
Zeug vorplauderten von dem er keine Sylbe verstand. Nur das dann und
wann wiederkehrende Wort ~Mitonare~ rief ihm seinen kleinen freundlichen
Wirth in's Gedächtniß zurück, und er folgte der munteren Schaar, die,
rasch zutraulich geworden, ihn umsprang und umjubelte.
Dem kleinen Mitonare schien übrigens ein Stein vom Herzen zu fallen, als
er seinen so heiß ersehnten Gast erblickte, und er versicherte ihm, er
habe schon eine volle Stunde mit Schmerzen auf ihn gewartet, indeß das
Essen wahrscheinlich kalt geworden und verdorben wäre.
Mitonare war aber viel zu gutmüthig böse zu werden, und als René nur
tüchtig zulangte, und erst mit ihm scherzte und lachte, hatte er an ihm
seinen Mann gefunden; er nannte René den besten Wi--wi den er je gesehn
habe, und das wolle viel sagen, denn er sei schon einmal auf Tahiti
gewesen, wo sie wild herumliefen, und erzählte ihm nun die tollsten
Geschichten aus der alten fröhlichen Heidenzeit -- wie sie's hier
gehalten und getrieben hätten -- natürlich damals, wie er nie vergaß
hinzuzusetzen, als wir noch entsetzliche Sünder waren. -- Auch auf
religiöse Gegenstände kam er ein paar Mal wieder zu sprechen, obgleich
die René, so gut das eben gehen wollte, abzulenken suchte. Am meisten
schmerzte es ihn daß sein Vater in der Hölle sein mußte, denn der war,
obgleich ihm die Missionaire damals sehr zugesetzt, ein hartnäckiger
Heide geblieben; aus seinem Großvater schien er sich weniger zu machen.
René gewann übrigens bald sein ganzes Vertrauen, er zeigte ihm seine
Schreibbücher und Rechenexempel, ja sogar sein allerheiligstes, das
wichtigste Dokument seines Lebens -- ein Diplom was ihm von der
Missionsgesellschaft in ~O-no~ -- wahrscheinlich London -- ausgestellt
war, und ihn hier als wirklichen »Prediger in der Wüste« anerkannte.
Dicht neben dem Diplom lag, in der kleinen Schieblade zu der er René
geführt hatte, auch ein schmales, nicht sehr langes aber zierlich
gearbeitetes Kästchen aus Sandelholz, das er aber, als René's Auge
darauf fiel, rasch bei Seite zu schieben und mit daneben liegenden
Papieren zu bedeckten suchte. Dadurch wurde aber des jungen Franzosen
Neugierde rege gemacht, der es sonst vielleicht gar nicht beachtet
hätte, und er drang nun darauf daß er ihm zeige was so Geheimnißvolles
darin verborgen sei.
Mitonare wollte erst gar nicht mit der Sprache heraus, endlich aber nahm
er das Kästchen vor, hielt es noch eine ganze Zeit lang in der Hand
während sein Auge fast mit einem Ausdruck von Anhänglichkeit darauf
ruhte -- und dann kam die ganze Geschichte heraus.
Mitonare war in früherer Zeit -- als er noch im blinden entsetzlichen
Heidenthum gelebt -- ein vortrefflicher und in der That der
Haupttättowirer der Insel gewesen, und dies Kästchen enthielt seine
damaligen Werkzeuge die er jetzt allerdings nicht mehr gebrauchte --
denn »~bodder Au-e~« von Tahiti hatte ihm die Augen geöffnet zu was
diese abgöttischen heidnischen Gebräuche führten -- aber doch
gewissermaßen noch als eine Art Reliquie, von der er sich gewiß sehr
schwer hätte trennen mögen, aufbewahrte. --
Trotz dem freilich, daß der kleine Mann Alles aufbot seinen Gast zu
unterhalten, wäre diesem doch wohl die Zeit zuletzt gar lang geworden,
denn er sehnte sich nach weit lieberer Gesellschaft; Sadie ließ ihn aber
auch nicht so lange warten, und die Sonne war noch mehre Stunden hoch,
als sie zu ihnen in die Thür trat. -- Doch es war nicht dieselbe Sadie
von heute Morgen, als sie leicht geschürzt, das Schultertuch um den
nackten Oberkörper flatternd, mit wild tanzenden Locken, hochgerötheten
Wangen und blitzenden Augen aus dem Dickicht sprang. Das leichte
Schultertuch hatte sie mit dem langen, mehr Europäischen Sonntagsgewand
vertauscht, und wenn auch ihren Zügen dasselbe liebe Lächeln geblieben
war, schien sie doch in den wenigen Stunden ernster, gesetzter, ja älter
geworden zu sein.
Fast schüchtern reichte sie dem jungen Mann die Hand, und sie gingen,
als sie bald darauf das Haus verließen, wohl eine ganze Weile schweigend
neben einander her. Das verlor sich aber bald, René's leichter Sinn ließ
ihn nur sein Glück, die Seligkeit des jetzigen Augenblicks fühlen und
Sadie, als sie sah daß er sein Versprechen von heute Morgen hielt,
verlor bald gleichfalls jede Scheu, jedes ängstliche, sie beengende
Gefühl, und war, als sie kaum den dunklen Schatten des Waldes betreten
hatten, ganz wieder das fröhliche Kind wie früher. -- Sie scherzte und
lachte, erzählte dem Freunde tausend drollige Geschichten, beschrieb ihm
ihre früheren Tänze und Gebräuche, auch das schöne Tahiti drüben, wo
ihre Eltern gewohnt, und wo jetzt fremde Menschen Haß und Feindschaft
gesäet um Gottes Willen, und führte ihn dabei einen schmalen Pfad
entlang, unter überhängenden Cocospalmen hin, und durch fruchtbedeckte
Guiaven, Orangen und Brodfruchtbäumen nach einem anderen kleinen
Grundstück, das zu einer Art Gemüsegarten eingerichtet schien, aber auch
mit einer Masse Fruchtbäumen, wie ~tappotappos~, Kaffee, Zuckerrohr,
Bananen und anderen bepflanzt war.
Mit der unbedeutensten Arbeit gab die Erde hier das Hundertfache des ihr
anvertrauten Samens zurück, und René glaubte in seinem Leben kein
schöneres, herrlicheres Land gesehn zu haben, als diese kleine Insel. O
wie gern hätte er jetzt zu dem Mädchen von ihrer künftigen Heimath
gesprochen, aber als ob sie fühlte daß solche Gedanken in ihm aufsteigen
möchten lenkte sie ihn rasch und geschickt wieder davon ab, zeigte ihm
und pflückte für ihn die verschiedenen saftigen Früchte und führte ihn
zuletzt an den Strand hinunter, wo in einer natürlichen kleinen Bai ein
schmales langes Canoe lag. Dies bestiegen sie und fuhren hinaus in das
spiegelglatte und cristallhelle Binnenwasser, das durch die
außenherumlaufenden Riffe vor jeder eindringenden See geschützt wird,
und so still und friedlich in nie gestörter Ruhe liegt, als diese
schönen Inseln bis jetzt selber im weiten Ocean lagen.
René hatte früher noch nie die Bildung dieser Corallenbäume, tief unter
dem klaren Wasser, gesehn, und er traute seinen Augen kaum als sich an
mehren Stellen, zu denen ihn Sadie jetzt selber hinruderte, in
Farbenspiel und Form eine ganz neue nie geahnte Welt vor ihm eröffnete.
Er konnte sich nicht satt sehn an den, mit Zauberschnelle wechselnden
Gruppen und Bildern und Sadie hatte eine ordentlich kindische Freude
darüber, daß es ihm so gefiel hier draußen an den Stellen, die auch ihr
Lieblingsaufenthalt waren.
»Nun Dir das so gefällt,« sagte sie endlich lächelnd, »will ich Dich
auch zu meinem Corallengarten bringen, und Dir meine kleinen Gold- und
Silberfischchen zeigen; die darfst Du mir aber nicht scheu machen mit
der Hand oder dem Ruder, denn es sind gar furchtsame kleine Dinger.« Und
während sie noch sprach lenkte sie das Canoe weiter den Riffen zu, über
die tiefe, dunkelblau daliegende Seitenfahrt, in der selbst große Boote
die ganze Insel umsegeln konnten, wieder in flacheres Wasser hinein, wo
dunkelbraune und röthlich graue Corallenbäume an vielen Stellen selbst
bis zur Oberfläche des Wassers emporragten, und dann wieder, von dünnen,
feineren Zweigen und Armen durchwachsen, verhältnißmäßig tiefere Stellen
zwischen sich ließen, oder umgaben.
Ueberall wimmelte es hier von kleinen blauen, gelben, weißen, rothen,
gestreiften und gefleckten Fischchen; in Schaaren und einzeln schwammen
sie herum, oft als ob ein Blitz zwischen sie eingeschlagen hätte,
auseinanderschießend, wenn sie irgendwo nur Gefahr zu entdecken
glaubten, aber dann auch gleich wieder, wie über ihre ungegründete
Furcht beschämt, sich sammelnd und die erst unterbrochenen Spiele auf's
Neue beginnend.
René wollte hier mit dem Canoe kurze Zeit still liegen, dem wunderlichen
Treiben da unten zuzuschauen, aber Sadie ließ ihn nicht -- »nur noch
kurze Strecke,« bat sie, »dann sollst Du Dich satt sehn, an all den
Herrlichkeiten der Tiefe.« Und das Ruder stärker einsetzend, trieb sie
das leichte Fahrzeug rasch durch die, vorn am Bug leicht aufkräußende
Fluth einer Stelle zu, wo ein starker Corallenzweig eben über die
Oberfläche des Wassers vorragte. Hier hielt sie plötzlich gegen und den
Zweig erfassend, rief sie René zu, den Stein der vorn, an einem Bastseil
befestigt, im Bug liege hier hinaus und oben auf die Coralle zu werfen.
René that dies, und sie brachten dadurch das Canoe förmlich vor Anker,
das nun mit der schwachen Strömung, soweit es das Bastseil gestattete,
still liegen blieb. Eine kleine Weile konnte René aber noch Nichts unter
sich erkennen; das Wasser war noch nicht ruhig genug, und die kleine
Fischwelt da unten, durch das plötzliche Erscheinen des Bootes gestört
worden. Sadie legte aber den Finger auf die Lippen und sie sahen wohl
eine halbe Minute schweigend nieder.
Die Corallenbäume schienen hier einen förmlichen, vollkommen dichten
Kranz zu bilden, der von unten aufsteigend, erst nach außen ein wenig
abneigte und gerade in die Höhe, an manchen Stellen bis selbst zur
Oberfläche des Wassers emporreichte. Der innere Raum mochte vielleicht
zwanzig Fuß im Durchmesser haben, und das Ganze glich fast einer
aufgebrochenen Riesenblume, die aus ihrem innersten Kelch bunte zackige
Fasern aufschickte.
Aber die Blume lebte -- hier und da, tief unten aus dem Kelch heraus,
kamen ein paar kleine Fischchen aufgeschossen als, wenn sie
recognosciren wollten ob die Gefahr vorüber sei -- das dunkle Canoe das
mit seinem Schatten auf dem Wasser lag, machte sie vielleicht noch
mistrauisch -- aber nicht lange mehr -- sie verschwanden wieder, und
gleich darauf quoll es aus allen Winkelchen und Spalten herauf in
Schaaren und Massen -- alle Farben wild und bunt durcheinander, auf und
nieder fahrend, herüber und hinüber schießend.
»~Eita, eita!~« rief da Sadie -- »~iti iti iti~« -- und zu gleicher Zeit
warf sie kleine Krumen indessen zerbröckelter Brodfrucht auf die
Oberfläche des Wassers. Im Nu lebte dies, von allen Seiten schossen sie
herauf, fünf sechs manchmal eine etwas größere Krume fassend und damit
niedertauchend, andere an einem etwas zu großen Stück herumstoßend,
ohne im Stande zu sein es zu bewältigen, und wieder andere sich mit dem
kleinsten begnügend und wohl dabei fahrend.
Mit der wiederkehrenden Ruhe waren aber auch, und zugleich mit den
kleinen wunderniedlichen Bewohnern dieses eigenthümlichen Aufenthalts,
dessen Feinde zurückgekehrt. -- Zwei große dunkelbraune Fische, mit
breiten Mäulern und tückisch blitzenden Augen, wohl ganze zwölf Zoll
lang, für die kaum zierlichen Dinger aber natürlich entsetzliche
Ungeheuer, kamen an den äußeren Rand der Blume, deren Spalten zu schmal
waren sie durchzulassen, obgleich sie den schlankeren Inwohnern freien
Aus- und Einlaß genügend gewährten, und schauten mit sehnsüchtigen
Blicken nach den dichtgedrängten Schaaren solch delikater Leckerbissen
hinüber. Die kleinen Dinger schienen aber recht gut zu wissen daß ihnen
der Feind hier im Innern nichts anhaben könne, ausgenommen er kam von
oben herein, und dann waren sie auch wie der Blitz in ihren
Schlupfwinkeln.
Manchmal wagte sich auch, selbst dicht unter oder über den Feinden, ein
leichtsinniges Fischchen hinaus in's Freie, gerade als ob es das
Ungeheuer verhöhnen wolle, ehe dieses aber nur im Stande war sich nach
ihm umzuwenden, obgleich das oft rasch genug ging, war jenes schon
wieder zwischen den zackigen Pallisaden hineingeschlüpft, und erzählte
nun wahrscheinlich den anderen da drinnen seine Heldenthaten.
So trieben sie hier draußen, in den Wundern dieser für René jedenfalls
neuen, fast zauberhaften Welt, bis die Sonne groß und glühend in das
Meer tauchte und Stern nach Stern am reinen Himmel auffunkelte, und
Sadie erzählte dem ihr gegenübersitzenden Freund von dem stillen Frieden
dieses Landes und dem glücklichen Leben das die Bewohner desselben
führen könnten -- wären nicht oft böse Menschen da, die sie störten und
kränkten, und Leidenschaften in ihnen weckten, die ihnen in früheren
Zeiten fremd gewesen.
René hätte die Nacht hindurch diesen lieben weichen Tönen lauschen
mögen, aber das Mädchen lenkte endlich, trotz seinen Bitten noch nicht
heimzukehren, das Canoe zum Lande zurück, und jetzt zwar gerade der
Wohnung des kleinen Mitonare zu, der sie schon am Ufer empfing und sie
etwas ungeduldig erwartet zu haben schien. Er that auch an Sadie mehre
Fragen in ihrer Sprache, die das Blut in ihre Wangen trieben, aber sie
antwortete ihm endlich lächelnd darauf und verschwand wieder wie gestern
mit einem freundlichen Kopfnicken gegen René.