Er beorderte jetzt ohne weiteres -- denn ihre Mahlzeit hatten sie schon

an Bord eingenommen -- zwei Eingeborene, ihn in einem kleinen Boot, das

er schon mehrfach dazu benutzt hatte, um die Insel hinum zu rudern,

denn es fiel ihm nicht ein den langen Weg zu Fuß zu gehn. -- In diesem

wurde ein schmales Sonnendach aufgespannt, und eine Viertelstunde später

schoß das kleine scharfgebaute Fahrzeug, von den kräftigen Armen der

Insulaner getrieben, pfeilschnell über das spiegelglatte Binnenwasser,

von der Strömung jetzt noch überdies begünstigt hin, und war in kurzer

Zeit um die nächste vorragende Landspitze verschwunden.

René und Sadie hatten indessen mit freudigem Staunen die rasche Abreise

des finstern Mannes gesehen, die sie irgend einer Ursache in seinem

geistlichen Wirken zuschrieben, und sie beschlossen nun auch ohne

weiteres hinunter zu Mr. Osborne zu gehn, ihm Alles zu erzählen und ihn

um seinen Segen zu bitten.

Mitonare war übrigens indessen, nur erst einmal der beengenden Gegenwart

des ~bodder Au-e~ enthoben, nicht müßig gewesen Mr. Osborne den jungen

Fremden von der besten Seite zu schildern. Natürlich lag in diesem Lobe

ein großer Theil Eigennutz verborgen, denn es mußte ja auch einzig und

allein seine Entschuldigung sein, daß er Prudentia's Umgang mit ihm

überhaupt geduldet hatte. Solcher Art war er denn noch emsig damit

beschäftigt, und Mr. Osborne saß gar ernst und sinnend vor ihm in

seinem Lehnstuhl, den rechten Ellbogen auf die Lehne und das graue

Haupt in die rechte Hand gestützt. Es schien ihm recht weh und trüb um's

Herz zu sein.

Da traten die beiden jungen Leute in die Thür, und Sadie blieb erst

einen Augenblick schüchtern in der Ferne stehen; als er aber den Blick

zu ihr aufhob, und sie in das liebe ehrwürdige, jetzt so kummerschwere

Antlitz schaute, da flog sie, wie in alter Zeit auf ihn zu, barg ihr

Gesicht an seinem Herzen und rief:

»Mein lieber, lieber Vater!«

»Mein liebes, liebes Kind!« sagte der alte Mann und küßte das fest an

ihn angeschmiegte Haupt des schönen Mädchens -- »was habt Ihr denn hier,

unter der Zeit meiner Abwesenheit für böse, böse Streiche getrieben?«

Es lag eine so innige Zärtlichkeit in dem Ton mit dem er diese Worte

sprach, und nur ein so leiser -- von jedem Verdacht freier Vorwurf, daß

sich Sadie nur fester gegen seine Brust preßte, aber ihre Hand zurück

nach René ausstreckte, diesen herbeizurufen und zu ihrem Vater zu

bringen.

Der alte Mann, der wohl auf den ersten Blick sah, daß er keinen

gewöhnlichen Matrosen vor sich habe, grüßte den, sich ihm jetzt offen

und vertrauensvoll nähernden jungen Mann freundlich, winkte ihm einen

Stuhl zu nehmen, den Mitonare indessen mit großer Bereitwilligkeit

herbeigebracht hatte, und bat dann René, was er ihm zu sagen habe, ihm

ohne jeden Umschweif, mit jedem Vertrauen zu eröffnen -- er habe

Prudentia als sein Kind angenommen, und von klein auferzogen als ihre

Eltern gestorben waren und die kleine Waise allein zurückgelassen

hatten, und hege dieselben Gefühle noch jetzt für das erwachsene

Mädchen, als ob sie seine eigene leibliche Tochter sei. Er wolle auch

nur ihr Glück, möchte das aber gesichert wissen da es keins der

gewöhnlichen Mädchen der Eingeborenen sei, sondern eine fast Europäische

Erziehung genossen habe und dabei auch vielleicht jetzt tiefer fühle,

besonders andere Ansichten über die Ehe habe, als sie in diesen Gruppen

bei ihren Landsmänninnen wohl meist gefunden würden.

René verlangte Nichts mehr; er erzählte zuerst dem alten Mann, so

gedrängt als möglich, seine ganze Lebensgeschichte, schilderte ihm, so

treu er es selber vermochte, seinen ganzen Charakter, was ihn in die

Welt, was ihn zuletzt an Bord eines Wallfischfängers getrieben habe, von

dessen ganzen Wesen und Treiben er früher keinen Begriff gehabt, und wie

er auf dieser Insel sich jener Existenz zu entziehen gesucht und hier

Sadie'en gefunden und lieben gelernt habe. Er zeigte ihm dann die

Papiere die er mit sich führte -- und Mr. Osborne verstand nicht allein

das Französische sondern sprach es auch sehr geläufig -- erklärte ihm

daß es sein fester Wille sei sich hier auf einer dieser Inseln, am

liebsten auf dieser, niederzulassen, und bat den alten Mann ihm Sadie,

die er in der kurzen Zeit seines Aufenthalts recht von Herzen lieb

gewonnen habe, zum Weib zu geben. Er wollte sich dann bei ihnen seine

Heimath gründen, und Mr. Osborne solle einen guten Sohn und Nachbar an

ihm finden.

»Sie sind Katholik?« frug ihn der alte Mann, als René schon eine ganze

Zeit lang geschwiegen und er ihn indessen mehr sinnend als forschend

betrachtet hatte.

Des jungen Mannes Antlitz röthete sich ein wenig, als er erwiederte:

»Lieber Herr, Sie haben gewiß genug von der Welt gesehn, zu wissen wie

es mit der Religion unter jungen Leuten meistens steht. -- Ich bin

allerdings als Katholik erzogen, und die Meinigen waren sämmtlich,

einige sogar sehr strenge Katholiken, ich selber muß Ihnen aber

aufrichtig gestehn, habe mich nie streng an die Gebräuche weder meiner

noch einer andern Sekte gehalten, und Sie können überzeugt sein, daß ich

nie daran denken würde Jemanden zu meinem Glauben überreden zu wollen.

Sadie ist in dem ihren aufgewachsen und ein so liebes, braves Mädchen

geworden, sie wird ihm auch treu bleiben, und ich wäre der Letzte sie

darin zu stören. Was mich selber betrifft, so suche ich recht zu thun,

und hoffe dann mit meinem Gott schon fertig zu werden -- er allein weiß

ja auch nur, wer den _rechten_ Glauben hat. Sie werden aber auch nie

finden, daß ich über den Glauben eines Andern spotte -- ein Jeder hat

ein Recht zu seiner Meinung.«

Der Missionair hatte nun allerdings gar sehr verschiedene Ansichten über

Religion, aber René gewann sich doch durch diese Offenheit sein Herz,

denn keineswegs gehörte er zu jener stolzen Priestersekte die, ihr

Religionspanier in der gehobenen Rechten, das Volk vor sich auf die Knie

werfen und so lange damit fortschreiten bis sie zuletzt ganz zu

vergessen scheinen daß das Volk eigentlich vor dem Panier und nicht vor

ihnen kniet. Aber der alte Mann hatte doch noch andere und recht ernste

Bedenken, und je mehr er den jungen lebensfrischen Mann da vor sich

stehen sah, so viel schwerer ward ihm das Herz; aber er wollte das Alles

nicht vor der Tochter aussprechen, und bat also das Mädchen auf kurze

Zeit das Haus zu verlassen, er habe mit dem jungen Mann etwas allein zu

reden.

Sadie war ein viel zu folgsames Kind auch nur mit einem Blick zu zögern

-- sie küßte des alten ehrwürdigen Mannes Hand und verließ dann rasch

das Zimmer.

Der alte Mann saß, schon als die leichte Bambusthür lange hinter ihr

zugefallen war, noch viele Minuten schweigend da, als ob er selber nicht

rechte Worte für das finden könne was er sagen wolle.

»Lieber junger Freund,« begann er endlich, »Sie sind frei und aufrichtig

gegen mich gewesen, und ich will Ihnen Gleiches mit Gleichem vergelten;

Sie werden mir deshalb auch Nichts übel nehmen, was ich zu Ihnen sage,

denn Gott weiß es, es geschieht sowohl zu Prudentia's als Ihrem eigenen

Wohl. Sie sind, wie ich aus Ihren Papieren gesehn habe, von guter

Herkunft, in dem gebildeten, geselligen Leben Europas erzogen, an

Europäische Sitten, an ein Leben gewöhnt, das Ihnen _mehr_ bietet als

nur einfach Essen und Trinken und ein einzelnes Wesen dem Sie sich

anschließen können -- mögen Sie dies noch so sehr lieben. Die Beweise

haben Sie selber in ihrem unsteten Leben; weder in Afrika noch Amerika

fanden Sie was Sie suchten, d. h. das was das Bedürfniß Ihres Herzens

und Geistes befriedigen konnte -- die rohe Gesellschaft des

Wallfischfängers trieb Sie sogar zu einem verzweifelten Schritt, bei dem

Sie lieber Ihr Leben einsetzen, als in jenes Verhältniß zurückkehren

wollten. Sie fanden hier, gerade in Ihrer größten Gefahr, auf höchst

romantische Weise ein junges reizendes Mädchen, dessen liebe regelmäßige

Züge, dessen Gestalt zuerst ihre Leidenschaft weckte, und dessen

Unschuld und Liebreiz, als Sie dasselbe näher kennen lernten, Ihr Herz

gewannen. Scenerie und Umgebung, selbst sogar die verschiedene Farbe und

Abstammung des Mädchens trug dazu bei, den Reiz in Ihrem eigenen

jugendlichen Herzen zu erhöhen. Unser herrliches Klima, die tropische

Vegetation, das stille blaue Meer, ja das ganze Stillleben unseres

lauschigen Plätzchens hier bestach Ihre Sinne mehr und mehr, und Sie

glauben jetzt -- ja Sie sind fest überzeugt davon, daß Sie in dem

Mädchen und dieser Insel das Ideal Ihres Lebens gefunden, das Ziel Ihres

ganzen Strebens und Drängens erreicht haben. -- Wenn Sie sich aber nun

irren? -- Ich weiß was Sie sagen wollen -- Sie folgen dem Drange Ihres

Herzens und fürchten nicht daß Sie dieses irre führt, aber hören Sie

mich ruhig darüber an. Sie sind jung, das Leben liegt noch offen vor

Ihnen -- ich bin alt, meine Bahn ist bald durchwandelt, -- Sie haben die

Hoffnung, ich die Erfahrung, und drei und zwanzig Jahre meines Lebens

hab' ich auf diesen schönen Inseln zugebracht. In dieser Zeit habe ich

aber auch viele viele Leute kommen und gehen, habe Hoffnungen und Träume

aufblühen und verwelken sehn und weiß was ein Mann in Ihren

Verhältnissen hier zu finden _glaubt_ -- und was er _findet_.«

»Jetzt ist Ihnen noch Alles neu -- die Palmen selber, die ganze

tropische Vegetation übt einen Reiz auf den Neuankommenden aus, dem er

selten, wenigstens in seinem ersten Andrang, widerstehen kann; nur

wenige Jahre führen aber darin eine gewaltige Aenderung herbei, denn das

Herz, besonders das junge Herz bedarf einer Veränderung, bedarf eines

Reizes für seine Thätigkeit, wenn es nicht erschlaffen oder in neuem,

dann aber recht schlimmen Schmerz vergehn soll. Viele, sehr viele

Europäer haben sich besonders in den letzteren Jahren hierher gezogen,

die aber von ihnen, die wirklich hier geblieben sind, waren schon ältere

Leute und brachten auch meistens ihre Familien, die ihnen an Stand und

Erziehung gleich waren, mit sich. -- Fast alle diese kamen hierher, ein

Geschäft zu treiben und sich ein Vermögen zu erwerben, und sie werden

meist Alle wieder, wenn ihre Kinder erwachsen sind, nach Europa

zurückkehren. Dorthin passen sie auch -- ihre Frauen stammen selbst von

dort, und sehnen sich nach dort zurück, und sie lassen dann Nichts hier

zurück, als eine freundliche Erinnerung; die Fasern ihres Herzens haben

nicht zwischen den Palmen und Bananen Wurzel geschlagen.«

»Sehr viele von ihnen haben auch Indianische Mädchen geheirathet -- die

ersten und hübschesten die ihnen begegneten -- auf allen Inseln

zerstreut finden Sie solche Beispiele; aber es sind das fast nur einzig

und allein rohe Matrosen, denen das müßige Leben zusagt, die sich auch

in ihrem Vaterlande in keinen anderen Zirkeln bewegt haben, als wo das

materielle Wohl ihr Hauptziel und Streben war, und selbst diese

verlassen gewöhnlich, nach einer längeren Reihe von Jahren, ihr leicht

genug angetrautes Weib und die mit ihr gezeugten Kinder -- selbst diesen

genügt zuletzt nicht mehr diese tropische Ruhe, und sie sehnen sich nach

Abwechselung, nach einer Veränderung ihrer Verhältnisse, sollten sie

diese auch wieder mit harter Arbeit ja sogar dem früheren Leben erkaufen

müssen.«

»Auf Tahiti haben Sie einige wenige Beispiele unter Ihren Landsleuten,

die sich mit Tahitischen Mädchen wirklich verheirathet haben; jetzt sind

diese Frauen jung und schön, sie könnten sie nach Europa zurückführen

und vielleicht stolz darauf sein -- wenn Sie das Gefühl einer etwas

wunderlichen und bizarren Eitelkeit so nennen wollen -- werden sie aber

alt -- und weibliche Körper blühen und verblühen in unserem tropischen

Klima so rasch wie unsere üppige Pflanzenwelt -- dann ist das vorbei.

Sie können keine alte Indianische Frau nach Europa bringen, sie dort in

Ihre Kreise einzuführen. -- Sie möchten das auch nicht, denn Sie wüßten

recht gut, wie Sie hinter Ihrem Rücken dem Gespötte der Menge, die die

näheren Beweggründe nicht kennt und nicht achtet, verfallen würden. Und

wollen Sie das Wesen, das sich an Sie angeschlossen hat und mit Herz und

Seele an Ihnen hängt nicht unglücklich und elend machen, so müssen Sie

_bei_ ihm und hier auf den Inseln bleiben, und Unmuth und Sehnsucht nach

einem andern Leben zehrt dann an Ihnen weit schlimmer und gewaltiger,

als es an dem _jungen_ Herzen gethan. Dem lag die Welt noch frei -- es

konnte noch dem ersten Drange folgen, ob ihn der auch gleich manchmal

irre führte, jetzt aber ist das vorbei -- die Möglichkeit frei zu

handeln ist genommen, und nur der Drang selber geblieben, der dann wie

ein ewiger Wurm an Ihrem Herzen nagt.«

»Ich spreche nach mehren Beispielen, die ich selber kenne, junger Mann,

und die innige Liebe auch, die ich für Prudentia fühle, macht mich

besorgt, ihr ein solches Schicksal ersparen zu wollen. Prudentia ist,

wie ich Ihnen schon gesagt habe, und wie Sie auch selber, nach einem

Zusammensein mit ihr von mehren Wochen gewiß finden mußten, keins der

gewöhnlichen sinnlichen Mädchen dieser Inseln, die sich dem Ersten

Besten, ohne Arges dabei zu denken, hingeben, und gar nichts anderes

erwarten, als daß er sie, sobald er ihrer müde ist, wieder verläßt. Ich

fürchte im Gegentheil, Sie haben Prudentia's Herz schon zu sehr

gewonnen; jetzt wäre aber doch noch vielleicht eine Trennung möglich. --

Sie würden Beide an diese Zeit wie an einen schönen Traum zurückdenken,

von dem es das Herz nur eine kurze Zeit schmerzt -- daß es eben nichts

weiter als ein Traum war; aber Sie können Beide auch dadurch vielleicht

einem verfehlten Lebensziele entweichen, das dann später _nicht_ mehr zu

ändern wäre, und leider für _Beide_ auch verderblich werden müßte.«

»Ich bin fest davon überzeugt, daß Sie in diesem Augenblick Prudentia

mit aller Leidenschaft einer innigen, vielleicht gar ersten Neigung

lieben -- aber wird der alte Hang eines unstäten Lebens, das in dem

Herzen nur erst eingewurzelt, gar so leicht verderblich werden kann,

diesem Herzen in dem Stillleben unserer Inseln Ruhe und Frieden lassen?

-- Unsere Palmen sind grün und herrlich -- aber so wie sie dort stehn,

stehn sie das ganze Jahr -- kein gilbendes fallendes Blatt, keine

Schneedecke, keine auskeimenden wachsenden Knospen geben ihnen im

nächsten Frühjahr immer wieder denselben Reiz. -- Unsere Bäume sind mit

Früchten bedeckt -- aber die Blüthenzeit fehlt uns -- wir brauchen die

Frucht nie zu erwarten -- zu erhoffen -- sie hängt voll und reif am

Baume, während heimlich, von uns kaum bemerkt, andere indessen

nachblühen und nachwachsen, die fehlenden immer wieder zu ersetzen und

die Plätze der niederfallenden auszufüllen. Wir kennen auch hier nicht

die Sorgen und Mühen des Lebens -- das Salz jedes gesellschaftlichen

Verkehrs, durch das eine _erworbene_ Existenz erst ihren ganzen uns

beglückenden Reiz gewinnt -- wir stehen Morgens auf und essen und

trinken und legen uns Abends wieder schlafen. Nachrichten von der

äußeren Welt dringen nur selten zu uns, und wie sie kommen wäre es fast

besser sie blieben ganz aus, denn anstatt zu befriedigen lassen sie,

selbst in dem Herzen der Aeltesten von uns, eine Leere zurück, die wir

vergebens auszufüllen suchen.«

»Wollen Sie nun, mit Ihrem jungen thatkräftigen Herzen in dieses

felsenumgürtete Thal, aus dem es keine Rückkehr für Sie giebt,

hinabspringen? -- schauen Sie um sich her, junger Freund -- noch stehn

Sie oben -- noch liegt die ganze übrige Welt ausgebreitet vor Ihren

Blicken -- haben Sie _nichts nichts_ mehr darin was auch nur den

geringsten Anhaltepunkt an Ihr Herz hätte? -- bedenken Sie, bei einem

sinkenden Schiff kann das kleinste, unbedeutenste vergessene Tau das

Boot, auf dem sich der Schiffbrüchige sonst vielleicht sicher den Wellen

anvertrauen könnte, rettungslos mit in den Abgrund ziehen.«

Der alte Mann schwieg, und eine Thräne zitterte in seinem Auge; ernst

und forschend schaute er dabei den jungen Mann an, und es war, als ob er

seine innersten Gefühle ergründen wollte, ehe sie auf die Lippen kämen

-- ja wahrer als sie der Mund vielleicht auszusprechen vermöchte. René

begegnete aber, zwar gerührt, doch fest entschlossen dem Blick, und

erwiederte endlich mit weicher Stimme:

»Sie verstehn es, alter Herr Einem Herz und Seele zu fassen, mit Ihren

Worten, aber ich springe getrost hinab in das Thal, denn da oben blüht

für mich kein Glück, keine Freude mehr. Die Meinen sind todt oder

schlimmer als so -- ich stehe eine Waise in der Welt, weder Bruder noch

Schwester leben, die Ansprüche auf meine Nähe machen dürften; Alles was

mein Herz sonst hätte binden können, ist für mich verloren, und stießen

Sie mich _jetzt_ wieder kalt und erbarmungslos in die Welt zurück, ich

müßte rettungslos untergehn -- und wäre recht recht elend. Auch Sadie

hängt mit inniger Liebe an mir, und ihr Herz ist nicht geschaffen einmal

zu lieben und so leicht wieder vergessen zu können -- wollten Sie auch

aus _ihrem_ Herzen diese erste Neigung reißen? -- Sie haben Sadie zu

lieb dazu wenn ich selber Ihnen auch gleichgültig sein müßte. Aber --

ich kann mich auch irren,« brach er dann plötzlich ab -- »ich täusche

mich vielleicht selber in Sadie's Herzen, und ihre Neigung wäre eines

Rückschrittes fähig. -- Sprechen Sie selbst mit Ihr, werther Herr --

fragen Sie das Mädchen selber, und halten Sie unsere Vereinigung für

gefahrbringend für _sie_, und glaubt Sadie daß sie mir jetzt noch ohne

großen Schmerz entsagen könne -- dann beim ewigen Gott will ich nicht in

den Frieden dieses stillen Thales getreten sein, Thränen und Kummer zu

säen, dann sollen Sie finden daß ich auch im Stande bin zu _entsagen_,

und wenn mir das Herz darüber bräche; kein Wort des Unmuths -- keine

Klage soll über meine Lippen kommen, das erste beste Canoe mich zu einer

anderen Insel -- aus ihrer Nähe führen.«

Er war aufgesprungen und seine Mütze ergreifend wollte er das Zimmer

verlassen, der alte Missionair streckte ihm aber die Hand entgegen und

sagte mit herzlichem, bewegtem Tone:

»Das ist recht brav und ehrlich von Ihnen gehandelt, junger Mann, und

ich gebe Ihnen mein Wort, ich habe auch, seit dem ersten Augenblick wo

ich Sie sah, noch nicht einen Augenblick daran gezweifelt daß Sie Alles

so auch _fühlten_, wie Sie es dem Mädchen vorgesprochen. Ich kenne

übrigens Prudentia, oder wenn Sie denn lieber wollen, Sadie, viel zu

gut um bei ihr langer Rede zu bedürfen, in wenigen Minuten haben Sie

meine Antwort, treten Sie indessen hier in das nächste Haus -- das

Fenster ist fast so niedrig wie eine Thür -- aber glauben Sie nicht,

junger Freund, daß ich Ihnen das Wort reden werde,« setzte er ernster

hinzu, »Sie müssen es meinem Gewissen überlassen mit Sadie zu handeln,

wie ich es vor _dem_ verantworten kann.«

»Handeln Sie, als wenn Sie ihr Vater wären,« sagte René herzlich -- »ich

will _Sadie'ens_ Glück, nicht das meine,« und er verließ mit schnellen

Schritten das Zimmer.

Auf des alten Mannes Ruf betrat das Mädchen schüchtern und mit

niedergeschlagenen Blicken das Gemach -- sie schaute nicht auf, aber sie

fühlte das René nicht mehr im Zimmer sei, und ihr Herz klopfte fast

hörbar in der Brust. -- Ihr Vater hatte ihn abgewiesen und der schöne

Traum ihres Glücks war in Nacht und Thränen zerflossen.

»Prudentia,« sagte der alte Mann, und zog das zitternde Mädchen sanft zu

sich -- »ich habe den jungen Fremden fortgeschickt von hier -- er hat

Dich jetzt wohl lieb, aber wenn er eine Zeit lang von seiner Heimath

entfernt ist, sehnt er sich wieder nach ihr zurück, und läßt mein armes

Mädchen hier allein, und dann wärst Du wohl recht recht unglücklich

geworden und elend. Jetzt ist der Eindruck den er auf Dein Herz

gemacht, noch flüchtig, noch leicht wieder zu verwischen -- Du wirst

einen oder zwei Tage weinen, ihn nachher vergessen, und nicht wahr mein

Kind, ich habe darin recht und gut gehandelt -- ich wollte ja nur Dein

Wohl.«

»Ich will Alles thun was Du mir sagst mein Vater,« flüsterte das

Mädchen, dicht an seine Brust geschmiegt, so leise, daß er kaum ihre

Worte verstehen konnte.

»Das ist mein gutes Kind,« sagte der Greis, aber die Stimme zitterte

ihm; er fühlte nur zu gut was in dem Herzen des armen Mädchens vorging,

und wie die Liebe für den Fremden schon viel zu tief Wurzel geschlagen

habe, je wieder, ohne das Gefäß selber zu zerbrechen, herausgerissen zu

werden. Er mußte sich aber selber einen Augenblick sammeln ehe er

fortfahren konnte, und mit lebhafter Stimme wie ermuthigend setzte er

hinzu:

»Und, nicht wahr mein Kind -- dann wirst Du auch wieder glücklich und

froh sein, wie bisher? -- wirst wieder lachen und singen und nicht das

Köpfchen so trübe hängen lassen.«

»Ich will mir rechte rechte Mühe geben lieber Vater,« flüsterte das

Mädchen und barg ihr Haupt fester an dem Herzen des alten Mannes.

»Und willst Du auch den Fremden vergessen meine Tochter? -- willst Du

mir das recht fest und aufrichtig versprechen, mein braves Mädchen?«

frug sie jetzt leise der Greis.

Das aber war zu viel für das arme gequälte Herz -- einen Augenblick

schien es, als ob sie sich von seiner Brust emporheben wolle, ihm in die

Augen zu schauen -- aber sie sank wieder zurück und klagte nur leise:

»Ach das weiß ich nicht -- das weiß ich wahrhaftig nicht, lieber, lieber

Vater« -- damit war aber auch ihre Kraft gebrochen, und laut und heftig

schluchzend, als ob ihr das Herz vergehen wolle in unendlichem Weh, hing

sie in seinen Armen.

Und sie schluchzte nicht _allein_, denn aus der Ecke des Zimmers vor

tönte es noch weit lauter und heftiger, und der kleine Mitonare saß da

auf einem der niedern Bambusschemel, ganz allein und vergessen und

weinte, in Thränen förmlich zerfließend, wie ein kleines Kind.

Da vermochte sich aber der alte Missionair auch nicht länger zu halten,

und der Tochter thränenüberströmtes Antlitz zu sich erhebend und küssend

und wieder küssend rief er:

»Nein, nein Prudentia, ich bin ja kein Tyrann daß ich mein Kind so elend

und unglücklich machen mögte, nur weil die Möglichkeit existirt, daß es

später noch einmal so kommen könne -- nein, wenn Gott Dir eine so

gewaltige und innige Liebe für ihn in's Herz gelegt hat, dann nimm ihn,

nimm ihn -- der Herr segne Euch, und Er wird Alles zum Besten lenken.

Aber sei auch wieder mein gutes fröhliches Mädchen, lach wieder, sing

wieder und mache das Herz Deines alten Vaters froh durch Dein heiteres

glückliches Angesicht.«

»Vater -- lieber Vater!« rief das Mädchen in jubelnder, kaum gefaßter

Lust. -- Mitonare hatte aber kaum gehört was die Sache, die ihm selber

das Herz abzustoßen drohte, für eine Wendung nahm, als er, wie aus einer

Pistole geschossen, zur Thür hinausfuhr, und nach kaum zwei Minuten mit

dem »verzweifelten Wi--wi« -- wie er ihn nannte, in's Zimmer geschleppt

kam.

René lag mit an dem Herzen des alten Mannes -- er wußte selber kaum wie,

und der Greis flüsterte einen leisen Segen über den Häuptern der

Glücklichen.

Capitel 6.

#Was der ehrwürdige Mr. Rowe dazu sagt.#

Der Abend verging den beiden Liebenden wie ein Augenblick -- sie hatten

sich so tausenderlei zu sagen, so tausenderlei zu besprechen, daß sie

den Flug der Stunden gar nicht bemerkten, und der alte gute Mann saß

lächelnd dabei, und wohl auch ihm stiegen in der Erinnerung alte liebe,

o so lang jetzt vergangene Bilder auf, und führten seine träumenden

Gedanken zurück zur Jugendzeit.

Tahiti: Roman aus der Südsee. Erster Band. · 第 7 / 16 段