Das junge Mädchen sah aber auch wunderlieblich aus in ihrer neuen

Tracht, die sie der Sonntagsfeier zu Ehren angelegt hatte. Diese bestand

in einem langen faltigen Gewand, das ihr oben von den Schultern bis auf

die Knöchel niederfiel, im Gürtel aber von einer leichten rothseidenen

Schärpe zusammengehalten wurde; die Haare hatte sie wieder frisch mit

wohlriechendem Oel getränkt, und die langen vollen Locken glatt nieder

gekämmt, daß sie ihr bis auf die Schultern herabfielen -- aber keine

Blume schmückte sie jetzt, wo sie zu Gottes Altar treten wollte, nur

eine dünne Schnur, aus den Erhöhungen der reifen Ananas geschnitten, zog

sich ihr um das Haar und die Stirn, den wilden Lockenschatz in etwas zu

bändigen. In der Hand hielt sie ein kleines Buch mit goldenem Schnitt --

ein englisches neues Testament, und das erst so wilde muthige Kind sah

jetzt so mädchenhaft fromm und schüchtern aus, das dunkle Auge ruhte mit

einem so milden sanften Blick auf ihm, daß er sie kaum wieder erkannt

hätte, und doch war sie jetzt fast noch schöner als damals wie sie, den

nackten Arm um den Baum geschlungen, von dem Felsen herab auf die

verrätherischen Landsleute niederzürnte.

»Wie schön Du bist, Sadie!« rief René fast unwillkürlich aus, und

streckte ihr seine Hand entgegen.

»Nicht Sadie jetzt« sagte aber das junge Mädchen und schüttelte leise

mit dem Kopf -- »Prudentia heiß ich, denn ich gehe jetzt zu meinem Gott,

durch dessen heiliges Wasser ich den Namen bekommen habe. Aber hier mein

Freund« setzte sie mit bittendem Ton hinzu indem sie die ihr gebotene

Hand ergriff und dabei dem jungen Mann zugleich das kleine Buch

entgegenhielt -- »nimm das hier und lies darin, während wir in der

Kirche für Dich und Dein Wohl beten wollen -- es ist ein gutes Buch und

wird Dich trösten.«

Es lag etwas so rührend Herzliches in dem Ton mit dem das holde Kind

diese Worte sprach, daß René das Buch nahm, ihr leise die gereichte Hand

drückte und sagte --

»Ich danke Dir, Sadie -- Du mußt mir nun schon erlauben Dich so zu

nennen -- das andere Wort will mir gar nicht über die Lippen -- aber Du

bleibst doch nicht lange?«

»Vielleicht nur zu kurze Zeit für so schwere Sünder als wir sind« sagte

das Mädchen ernst und fast traurig -- »aber lebe wohl und fürchte Nichts

für Deine Sicherheit; von der andern Seite der Insel sind eben Männer

zur Kirche herübergekommen, und sie berichten, daß Dein Schiff nirgend

mehr zu sehen sei -- es ist weit nach Westen gegangen und müßte lange

Zeit brauchen wollte es gegen den Wind wieder nach uns aufkreuzen. --

Bleibe aber hier im Hause und zeige dich nicht den Leuten draußen; doch

darum sprechen wir nachher, jetzt darf ich nicht an weltliche Sachen

denken -- ich dachte aber auch nur Deinetwegen daran« -- setzte sie

leiser hinzu und eine tiefe Röthe breitete sich über ihre schönen so

engelsanften Züge.

Auf den kleinen Mitonare hatte der Ton der Glocke aber ebenfalls eine

fast zauberhafte Wirkung ausgeübt. -- Noch im Lachen über den Fremden

hörte er den ersten Ton derselben und, wie ein in seiner Lust von dem

strengen Blick des Lehrers ertappter Schulknabe, zog sich sein Gesicht

nicht, nein zuckte es förmlich in die alten ehrbaren Falten hinein, die

ihm dabei fast noch komischer standen, als das Lachen vorher. Er erhob

sich aber jetzt hastig, ergriff seine Bücher -- alle in der Tahitischen

Sprache durch die Missionaire übersetzt, -- und Sadie einige Worte

sagend verließ er mit dieser langsamen Schrittes das Haus.

René blieb allein zurück; Sadie hatte ihn heute absichtlich nicht

aufgefordert sie in die Kirche zu begleiten, was sie sonst gewiß nicht

versäumt haben würde; es waren aber viele Insulaner von der andern

Seite, die gestern Theil an den Vorfällen gehabt, herübergekommen, und

sie wollte beide Partheien nicht jetzt schon wieder zusammenbringen. Der

Aufenthalt des Fremden konnte übrigens, wie sie recht gut wußten, nicht

lange geheim bleiben, wenn er das überhaupt nur bis jetzt noch geblieben

war; den Frieden des Missionsgebäudes störten aber, selbst die

Verhärtetsten ihres Stammes nicht so leicht, und sie glaubte den armen,

von allen Uebrigen verlassenen Fremden wenigstens hier sicher.

René warf sich auf eine der überall in dem hohen luftigen Gebäude

ausgebreiteten Matten, und lag lange in tiefem Brüten über die letzten

für ihn so verhängnißvoll gewesenen Stunden. Er war einer sehr

dringenden Gefahr für den Augenblick entgangen, aber kam das Schiff

zurück -- und er zweifelte kaum daran, daß der Capitain desselben ihn

nun und nimmer so leicht aufgeben würde, ohne wenigstens noch einen

Versuch zu machen ihn wiederzubekommen -- würde er den Händen der Feinde

auch dann entgehen können, und dann nicht vielleicht selbst der, bis

dahin jedenfalls zurückgekehrte Missionair ihm seinen Schutz versagen?

Es war doch wohl das beste, daß er weder Schiff noch Missionair

abwartete, und so rasch als möglich die Insel zu verlassen suchte. --

Aber Sadie? -- würde sie ihn begleiten? -- Er erschrak ordentlich vor

dem Gedanken sie zurückzulassen, und mochte sich selber kaum gestehen,

wie gewaltig dieß holde Kind des Waldes sein Herz schon gefesselt habe

und halte.

»Das ist Thorheit« murmelte er vor sich hin -- »Wahnsinn, jetzt an Liebe

zu denken wo Du selber noch nicht einmal eine Stätte hast Dein Haupt

hinzulegen. Sei vernünftig René -- hier an die Inseln geworfen hat das

erste hübsche Gesicht was Dir in den Weg kam Dein, überhaupt etwas

leicht entzündliches Herz in lichterlohe Flammen gesetzt -- das ist ein

Strohfeuer und brennt in der ersten Wache aus.«

Er stützte den Kopf in die Hand und schlug das Buch auf, das noch immer

vor ihm lag; aber die Buchstaben tanzten ihm vor den Augen; zwischen

jeder Zeile lachten die holden schelmischen, und doch so sanften Züge

des lieben Kindes heraus, und weder St. Lukas noch die Corinther

vermochten den Zauber zu lösen der seine Seele mit der wilden Gluth

plötzlicher aber gewaltig erwachter Liebe entzündet hatte.

Der Tag verging ihm langsam -- Sadie kehrte mit dem kleinen Missionair

wohl um die Mittagszeit zurück, aber es war Sonntag -- kein Lächeln

stahl sich über ihre Züge -- selten oder nie begegnete ihr Blick dem

seinen, und die Stunden flossen ihm träge unter Gebeten und Hymnensängen

dahin.

Schon vor Tag am nächsten Morgen war er auf, badete in dem

cristallhellen Wasser der Corallenbänke, und harrte dann mit wirklicher

Sehnsucht des schönen Kindes, das aber heute lange, lange ausblieb und

sich ihm gar nicht wieder zeigen wollte. Vergebens erfrug er sie bei dem

Mitonare.

»~Pu-de-ni-a?~« sagte dieser kopfschüttelnd und mit seinem räthselhaften

englisch -- »der Herr weiß wo man das Mädchen suchen soll, wenn man sie

haben will -- ~Pu-de-ni-a ataetai~ -- wie kleine Eidechse, hier im Laub

und da im Laub -- kann sie nicht fassen -- ist weg unter den Augen.«

Der Kleine schien heute übrigens besonders aufgelegt zu einer

Unterhaltung, lehnte sich auf seine Matte zurück, faltete die kurzen

dicken Finger auf dem runden Magen und begann wieder auf das

herablassenste eine ganze Reihe von Fragen an den jungen Mann zu

stellen, die ihm oft kaum Zeit ließen nur den Sinn zu verstehen ehe sie

wieder, ohne die Beantwortung der ersten abzuwarten, von andern

verdrängt wurden. Er trug aber heute weder den schwarzen Frack, noch die

hellgelbe Weste mit den blanken Knöpfen; selbst das weiße Halstuch lag,

sorgfältig in ein Stück gelbes englisches Packpapier eingewickelt auf

einem kleinen Bücherbret, neben seinem geistlichen Schatz. Seine

Bewegungen waren aber dadurch auch freier geworden, und er schien mit

dem Frack auch den ganzen Mitonare ausgezogen zu haben.

Er war, wie er jetzt selber René aus freien Stücken erzählte, noch vor

zehn Jahren ein entsetzlicher Heide gewesen, der glaubte daß das höchste

Wesen ~Taaroa~ und nicht Gott hieß, der sogar seinen Götzen Früchte und

Schweinefleisch zum Opfer brachte, und Gefallen an den sündhaften Tänzen

der eingebornen Mädchen fand. ~Mitonare O-no-so-no~, Gott weiß wie der

Mann in wirklichem Englisch hieß, hatte ihn jedoch gerettet, sein Vater

aber und sein Großvater, und seinem Großvater sein Großvater waren alle

in der Hölle -- konnten aber nichts dafür -- waren aus Versehen hinunter

gekommen. -- Er hatte sich sogar tättowiren lassen, und als er sah daß

René, wahrscheinlich unbewußt, ein erstauntes Gesicht dabei machte, was

er vielleicht für Unglauben nahm, lüftete er mit einer halben Wendung

den Cattun, fiel aber erschrocken wieder in seine alte Stellung zurück,

und sah sich nach allen Seiten um, als René der sich nicht helfen

konnte, bei der Bewegung plötzlich in ein schallendes Gelächter

ausbrach.

Das hätte der kleine Mann aber bald übel genommen, René wußte ihn jedoch

wieder zu beruhigen und er begnügte sich von da an ihm seine

Lebensgeschichte _ohne_ Illustrationen zu geben.

Das Mitonare sein war seiner Meinung nach ein sehr schweres Geschäft --

weniger des Predigens, als des Frackes wegen -- und der viele Aerger mit

den Mädchen -- soviel junges leichtsinniges Volk -- denken immer können

in den Himmel kommen wenn sie lustig sind -- bah -- wissens nicht besser

-- Da in dem Buch steht Alles d'rin -- sehr gutes Buch -- ein Bischen

dick -- aber sehr gutes Buch, und viele schwere Worte d'rin. Jetzt kam

aber bald eine böse Zeit -- weiße Mitonares -- vier, fünf, sechs kamen

hier herüber -- sahen zu ob Mitonare rother Mann viel weiß, und kleine

Kanakas ~iti--iti~ gut unterrichtet hat -- viele schwere Worte auswendig

lernen und viel Aerger mit ~iti--iti~. -- »~Pu-de-ni-a~ gutes Kind«

setzte er dann hinzu -- »aber ein Bischen wild -- ein Bischen sehr wild

für ~waihini~ -- Mitonare ~O--no--so--no~ Tochter -- aber nicht Tochter

-- nur so Tochter --« und er bemühte sich dann in langer Rede und mit

großer Anstrengung dem jungen Mann begreiflich zu machen daß ~Pu-de-ni-a

O--no--so--no's~ Pflegetochter sei.

Das war etwa der Inhalt seiner Unterhaltung, bei der er ziemlich allein

das Wort führte, und René allerdings nur nothdürftig den Sinn des Ganzen

verstand, indem der Alte oft mehr Tahitische als englische Worte

gebrauchte, und diese wenigen dann selbst noch auf wahrhaft grausame Art

verstümmelte.

René konnte es zuletzt nicht länger aushalten -- die Sehnsucht die ihn

auf der einen Seite quälte, Sadie wieder zu sehn, und die peinlich

scharfe Aufmerksamkeit die er auf der andern genöthigt war dem

Kauderwelsch des Kleinen zu schenken, wenn er nur überhaupt den

ungefähren Sinn der Rede fassen wollte, machten ihm die Unterhaltung zu

einer wahren Folter, und er benutzte die erste nur einigermaßen passende

Gelegenheit aufzustehn, und in den Garten zu gehn. -- Aber Sadie war

nirgends, weder zu hören noch zu sehen.

Die Sonne stieg indessen schon ziemlich hoch, und er warf sich endlich,

als er die Gänge unzählige Male auf- und abgelaufen, ermüdet in dem

Schatten eines Orangen- und Citronendickichts nieder, von wo aus er, da

der Platz etwas erhöht lag, das ruhige Binnenwasser, das die Insel

umgab und die weiter draußen von der Brandung hoch beschäumten Riffe,

deutlich übersehen konnte. Dicht hinter dem kleinen Orangenhain lief die

Einfriedigung des Gartens hin, und gleich von diesem ab begannen

ziemlich steil die nächsten, dicht mit Guiaven- und Citronenbüschen

bedeckten Hügel emporzusteigen.

Wohl eine halbe Stunde hatte er so gelegen, und wilde wunderliche

Luftschlösser gebaut mit träumenden Gedanken. -- O wie reizend lag seine

künftige Heimath unter den wehenden Palmen und duftigen Orangenblüthen

dieser Wälder -- wie schaukelte sein Canoe so still und friedlich auf

der klaren herrlichen Fluth, wenn er Abends vom Fischfang heimkehrte --

und welch' holdes Bild stand in der niedern Thür der Bambushütte, und

winkte ihm mit dem wehenden Tuch das fröhliche, herzliche Joranna

entgegen -- halt! -- das waren Schritte -- dicht hinter den

Orangenbäumen den Hügel herab -- ein leichter Sprung über den Zaun -- er

fuhr empor, und an ihm vorüber schoß mit flüchtigen Schritten die holde

Wirklichkeit seiner schönsten Träume.

»Sadie!« rief er leise --

»Ha!« sagte das Mädchen und warf halb scheu halb erschreckt den Kopf

zurück, den die vollen dunklen Locken heut' wild umflatterten; als sie

aber ihren Schützling erblickte färbte wieder jenes dunkle Roth, das

ihrem Antlitz einen so unendlichen Zauber verlieh, die lieblichen Züge

der Maid, und rasch auf ihn zutretend, reichte sie ihm freundlich und

zutraulich die Hand, die er fest in der seinen hielt, während seine

Blicke mit inniger Lust an den ihrigen hingen.

Es war aber heute ganz wieder das wilde Kind wie an jenem Tage, wo sie

wie ein zürnender Geist zwischen Verfolger und Verfolgten getreten. Das

lange Gewand von gestern hatte sie abgeworfen, und das Schultertuch

verrieth mehr von den üppigen Formen des wunderschönen Mädchens, als es

verdeckte; auch durch die Locken wand sich wieder ein dichter Kranz

duftender Blumen mit einem hochgefärbten Fern durchflochten, während

zwei große weiße Sternblumen in ihren Ohrläppchen staken, und die feine

Bronzefarbe der Haut nur noch mehr und reizender hervorhoben.

»Wo bist Du aber nur so lange geblieben Sadie!« sagte jetzt René mit

leisem fast zärtlichem Vorwurf.

»Lange geblieben?« lachte aber das wilde Kind -- »lange geblieben? hab'

ich denn überhaupt kommen wollen? -- wunderlicher Mann, wie weißt Du nur

wo ich überall heute Morgen schon gewesen bin -- und _Deinetwegen_ noch

dazu« -- setzte sie mit leichtem Erröthen und halb abgewandtem Gesicht

hinzu -- »doch komm,« fuhr sie rasch fort als sie mehr fühlte als sah

daß er etwas darauf erwiedern wolle -- »komm ich habe gute Nachrichten

für Dich, und wir wollen indessen ein wenig zu meinem Lieblingsplätzchen

auf jenen Hügel gehn.«

»Aber ich habe meine Waffen im Haus gelassen,« sagte der junge Mann --

»ich kann sie rasch holen.«

»Du brauchst sie nicht mehr, wenigstens für den Augenblick nicht,« hielt

ihn das Mädchen zurück -- »unser Häuptling selber hat mir sein Wort

gegeben, daß Du unbelästigt auf der Insel bleiben sollst, bis das Schiff

wieder kommt und Dich noch einmal zurückfordert -- und selbst dann wird

er nicht streng mit Dir sein, -- wenn sie ihn nicht dazu treiben; er ist

ein guter Mann, und nur erst seit Ihr Weißen uns so viel Sachen

herübergebracht habt, ohne die wir nun einmal nicht mehr glauben leben

zu können, ist seine Habgier geweckt, und er thut Manches, was er sonst

nicht gethan haben würde.«

»Und bist Du _meinetwegen_ heute Morgen schon drüben an der andern Seite

der Insel gewesen?« rief René erstaunt, fast erschreckt aus -- »Mädchen

da mußt Du ja vor Mitternacht aufgebrochen und die ganze Zeit gewandert

sein, durch Dorn und Wildniß, mit den zarten Gliedern.«

»Bah!« lachte das wilde Kind und warf sich mit rascher Kopfbewegung die

Locken um die Schläfe, daß die losgeschüttelten Blüthen auf ihre

Schultern niederfielen -- »ist das der Rede werth? -- schon als kleines

Mädchen von vier Jahren hab' ich den Weg allein gemacht, und jetzt bin

ich funfzehn. -- Aber gestern durft ich ja doch nicht gehn,« setzte sie

ernster hinzu, -- »gestern war Sabbath und -- ich wollte doch auch nicht

daß Du wie ein Gefangener im Hause sitzen bleiben solltest. -- Doch wir

wollen ja hier nicht stehn bleiben, ich bin müde und will mich setzen --

komm,« sagte sie, und zog ihn nach sich, der Gartenpforte zu, durch die

sie gingen und links davon einen kleinen Hügel emporstiegen, wohinauf

ein ordentlicher Pfad ausgehauen und geebnet war.

Es ließ sich kaum ein lieblicheres Plätzchen auf der weiten Gotteswelt

denken als das, wohin das schöne Mädchen jetzt den jungen Mann führte.

-- Drei niedere Palmen, in ihren Kronen fast gleich, überhingen die

kleine Stelle, und zwar so, daß die schattigen Blätter, weit nach vorn

überneigend, die Sonne auffingen, wenn sie nur wenige Stunden hoch am

Himmel stand -- der Boden war mit einem feinen wohlriechenden Fern

bedeckt, der duftende ~anei~, wie reich mit Blüthen geschmückte Büsche

bildeten die Rückwand, und mehre mit Blüthen überstreute und zu

gleicher Zeit von goldenen Früchten fast niedergebeugte Orangenbüsche

die Seitenwände, während ein breiter niederer Sitz, mit feingeflochtenen

Matten doppelt und dreifach weich überlegt, mit Bambus gezogener

Rücklehne, die weite freie Aussicht auf das blaue Meer und die

schäumende Brandung der Riffe gewährte.

René stand lange in schweigender Bewunderung der reizenden Scene, mit

dem schönen Mädchen, das ihn lächelnd betrachtete, an seiner Seite.

»Nicht wahr, das ist ein lieblicher Platz hier auf der kleinen

freundlichen Insel?« -- sagte sie endlich leise, als ob sie fürchte das

was sein Herz in diesem Augenblick fühlte, zu unterbrechen.

»O wunder -- wunderschön!« rief René begeistert ihre Hand ergreifend --

»ein Paradies, dem selbst die Engel nicht fehlen.«

»Pfui Fremder« -- sagte aber das Mädchen ernst und fast traurig -- »Du

mußt nicht lästern, während der liebe Gott das Licht seiner Sonne auf

Dich niedergießt und die Wunder seiner Welt um Dich her ausgebreitet hat

-- und Du thust mir auch weh damit, und ich habe Dir doch Nichts zu

leide gethan.«

»Sadie« -- bat der junge Mann, tief ergriffen von der einfachen,

rührenden Natürlichkeit des holden Kindes.

»Laß nur gut sein,« sagte sie aber wieder etwas freundlicher, »und

setze Dich hierher -- nein, nicht so nah zu mir -- da in die Ecke -- so,

und nun sollst Du mir eine Frage beantworten.«

Sie sah ihm dabei treuherzig in die Augen, und wenn sie auch nicht

duldete daß er den Arm um sie legte, ließ sie doch ihre Hand in der

seinen ruhen.

»Und was willst Du fragen Du holdes Lieb?« --

»Zuerst heiß ich Prudentia, höchstens Sadie -- aber nicht anders -- aber

ja -- wie heißt Du denn eigentlich?«

»René!«

»René das ist ein hübscher kurzer Name, und klingt nicht so schwerfällig

wie die anderen englischen Worte -- René das könnte auch der Mitonare im

Haus behalten,« setzte sie leise hinzu und ein schelmisches Lächeln

blitzte ihr durch die Augen; es war aber auch im Moment wieder

verschwunden.

»Und was wolltest Du mich fragen, Sadie?«

Das junge Mädchen wurde in dem Augenblick recht still und ernsthaft, und

sah ihm erst eine ganze Weile forschend, schweigend in die Augen, als ob

sie dort lesen wolle, wie es selbst in seinem innersten Herz beschaffen

sei. Dann aber schüttelte sie mit dem Kopf; hatte sie nicht gefunden was

sie suchte oder war sie über sich selbst böse, und sagte jetzt, aber

noch immer keinen Blick dabei von ihm verwendend:

»Ist es wahr, René daß Du ein ~Ferani~ bist?«

»Wenn Du, wie ich glaube, Franzose darunter verstehst -- ja,« erwiederte

René offen aber auch halb erstaunt über den tiefen Ernst dieser doch

gewiß höchst gleichgültigen Frage. --

»Und bist Du ein Christ?« frug das Mädchen ängstlich.

René konnte ein Lächeln kaum verbergen, er erinnerte sich aber auch

zugleich der Fragen des kleinen Mitonares und sagte kopfschüttelnd:

»Liebes Kind wer hat Euch solch tolle Grillen hier in den Kopf gesetzt,

daß die Franzosen keine Christen wären? -- gewiß sind wir Christen, wenn

Dich das beruhigen kann.«

»Aber habt Ihr nicht heidnische Gebräuche bei Euerer Religion?« frug ihn

das Mädchen jetzt dringender.

»Aber Du gutes Kind,« bat sie René, »sage mir nur --«

»O bitte, bitte beantworte mir meine Frage treu und wahr,« unterbrach

ihn aber, in fast ängstlicher Hast das schöne Mädchen -- »ich will Dir

dann auch mit Freuden jeder Frage Rede stehen.«

»Nun gut denn Sadie, Dich zu beruhigen will ich Dir jeden Aufschluß

geben, der nur in meinen Kräften steht. Der größte Theil der Franzosen,

Italiener, Spanier, Portugiesen, des südlichen Deutschlands, wie

überhaupt fast aller südlich gelegener Völker des Welttheils von dem wir

Weißen abstammen, und von woher wir meist herüberkommen, sind

_katholische_ -- die nördlicher gelegenen Völker, aber auch wieder mit

gewaltigen Ausnahmen, und noch bei Weitem die geringere Zahl --

_protestantische_ Christen. Wir haben jedoch _einen_ Gott und _einen_

Heiland, Jesus Christus; nur in den gleichgültigeren Gebräuchen

unterscheiden wir uns von einander -- die protestantischen Priester

halten zum Beispiel die _schwarze_ Farbe für unumgänglich nothwendig zu

ihrem Ornat -- die katholischen nehmen andere. Wir haben auch -- und ich

glaube es ist besonders das, was Dir am Herzen liegt -- in den Tempeln

unseres Gottes die Bilder frommer Männer und Frauen aufgestellt, die in

alten Zeiten gelebt haben und für ihren Glauben, wie der Heiland selber,

gestorben sind -- nicht aber als Götter, sondern nur als heilige

Menschen, deren Vorbild uns anfeuern soll ihnen nachzuahmen. Wir glauben

daß diese, durch ihren frommen Wandel zu Gottes Herrlichkeit eingegangen

sind, und wenn die Katholiken zu ihnen beten, so geschieht es nicht etwa

weil sie glaubten es seien dies selber göttliche Wesen, sondern nur um

sie um ihre Fürsprache am Throne des Höchsten zu bitten. --

»Ich bin der Herr Dein Gott, Du sollst nicht andre Götter haben neben

mir« ist ein Gesetz, das für uns Katholiken so gut Gültigkeit hat, als

für die Protestanten.«

»Aber Ihr theilt kleine Götzenbilder aus und brennt vor Eueren Bildern

Weihrauch und Kerzen,« sagte das Mädchen und René sah wie sie mit fast

peinlicher Spannung der Antwort auf diese Frage harrte.

»Die Priester, mein holdes Kind,« sagte René lächelnd, »theilen unter

ihre Beichtkinder, wie sie solche nennen die unter ihrer geistlichen

Fürsorge stehn -- kleine Bilder der Jungfrau Maria, des Gekreuzigten

oder selbst jener guten, später heilig gesprochenen Menschen aus, damit

diese die Aufmerksamkeit ihrer Pflegbefohlenen von weltlichen Dingen

ablenken und auf das Heil ihrer eigenen Seelen richten sollen -- nicht

um sie anzubeten.«

»Und der Weihrauch? -- die Kerzen?« frug das Mädchen immer noch besorgt.

»Selbst das findet wohl eine sehr natürliche Auslegung,« erwiederte René

gutmüthig -- »jeder vernünftige Mensch weiß, daß solche Sachen gerade

nicht nöthig sind zu seinem Gott zu beten, aber gar Viele wollen auch

durch etwas Aeußeres daran gemahnt sein, daß sie in dem Hause des Herrn,

in der Nähe ihres Schöpfers stehn, ihre Gedanken ganz von jedem andern

fremden, weltlichen Gegenstand abzulenken.«

»Und die Processionen die Ihr haltet -- den Ablaß den Ihr um Geld für

Euere Sünden bekommt?« sagte das Mädchen wieder und verwandte keinen

Blick von seinen Augen.

René kam in Verlegenheit; er hatte in seinem ganzen Leben -- wenigstens

seit er die Schule verlassen -- noch nicht soviel über die Gebräuche und

den Geist seiner eignen Religion nachgedacht, als heute morgen. Er hing

dabei viel zu wenig selber an diesen Gebräuchen, sich zu einer warmen

Vertheidigung derselben berufen zu fühlen, sah aber auch recht gut ein,

daß die Protestantischen Missionaire seine Religion, die sich von Tahiti

aus zu verbreiten drohte, oder die auf den Inseln einzuführen von seinen

Landsleuten wenigstens schon der Versuch gemacht war, mit den

schwärzesten Farben geschildert hätten.

»Und die Processionen die Ihr haltet -- den Ablaß den Ihr um Geld für

Eure Sünden bekommt?« wiederholte dringend das holde Mädchen, und legte

ihre Hand auf seinen Arm.

René schüttelte lächelnd mit dem Kopf.

»Sie haben sich große Mühe gegeben Sadie,« sagte er endlich, »Dir den

Glauben so vieler Tausende in ihrem eignen Vaterlande von der

schlimmsten Seite zu schildern -- und schon das allein wäre nicht

christlich, denn mir ist es fast, als ob sie vergessen hätten auch der

_guten_ Seiten zu erwähnen, die doch gewiß eine jede Sache hat, also

auch wohl eine Religion, in deren Glauben Millionen Menschen glücklich

gelebt haben -- und noch leben. Die Processionen sind Dir gewiß als

etwas sehr Entsetzliches beschrieben, und es ist doch gewiß eine

harmlose Sache, die übrigens, wie ich gar nicht läugnen will, und meiner

Meinung nach auch vielleicht wegfallen dürfte. Sie sind aber von den

Priestern eingesetzt, und gehst Du _Allem_ nach, mein Lieb, was die

Priester einsetzen oder anordnen, so wirst Du wohl Manches finden,

worüber Du Dir auch keine Rechenschaft geben kannst -- seien es nun

protestantische oder katholische -- oder glaubst _Du_ daß _Alles_, was

die Priester thun, von Gott selber anbefohlen ist?«

»Ach Gott, ich weiß das ja nicht,« sagte das junge Mädchen mit recht

trauriger bewegter Stimme.

Tahiti: Roman aus der Südsee. Erster Band. · 第 4 / 16 段