Kaum aber hatte sie diese Worte gesprochen, und sah wie Aller Blicke auf

sie gerichtet waren, als auch die natürliche mädchenhafte Scheu wieder

jedes andere Gefühl verdrängte; das Blut schoß ihr in Strömen nach den

Schläfen, und die Blicke niederschlagend, als ob sie selber jetzt gerade

eine unrechte Handlung gethan, und nicht im Gegentheil Andere von einer

solchen zurückgehalten hatte, glitt sie in die sie dicht umschließenden

Büsche zurück, und war auch im nächsten Moment hinter dem Felsenhang

verschwunden.

René, der dieser so zeitgemäßen Warnung der Jungfrau nach, rasch seine

alte Stellung wieder eingenommen hatte, und jetzt mit gezogenen Waffen

und finsterem Blick die etwas verlegen unter ihm stehende Schaar

betrachtete, konnte an deren ganzem Betragen leicht und deutlich sehen,

wie viel Grund zu jener Anschuldigung, die er später mehr in den Blicken

des Mädchens gelesen als aus ihren Worten verstanden hatte, vorhanden

gewesen. Raiteo besonders, der bei den allsonntäglichen religiösen

»~meetings~« eine Hauptrolle spielte, schien sich über den, ihn am

tiefsten verletzenden Vorwurf, schlimm zu ärgern. Die Mädchen und Frauen

flüsterten aber lebhaft untereinander, und aus den freundlichen ihm

zugeworfenen Blicken durfte René wohl urtheilen daß er den _schönen_

Theil seiner Feinde nicht mehr zu seinen Feinden zählen durfte, und daß

dieser vollkommen mit dem Betragen Einer ihrer Schwestern einverstanden

sei.

Die Männer beriethen sich indessen eine ganze Zeitlang miteinander,

sahen dann wieder nach dem Schiff aus, das mehr und mehr in der Ferne,

und zwar nach Westen hin verschwand, und schienen total rathlos zu sein,

was sie eigentlich thun sollten. Einen wirklichen Angriff zu machen,

dazu fehlte ihnen in diesem Augenblick, wenn auch nicht der Muth, doch

jedenfalls, durch das Absegeln des Schiffs, die dringende Ursache, und

friedlich nach dem eben stattgehabten Vorfall wieder mit ihm

anzuknüpfen, war auch eine schwierige Sache -- wer konnte von ihm

verlangen daß er nach dem letzten Beispiel ihnen jetzt noch einmal

trauen sollte.

So verging der Nachmittag, René beschloß übrigens jetzt weiter Nichts zu

unternehmen; war das Schiff erst einmal gänzlich aus Sicht, so ließ

sich eher hoffen die Leute zur Vernunft zu bringen, zeigten sie sich

aber dann morgen noch eben so hartnäckig, dann wollte er versuchen ein

Canoe zu bekommen, und von der Insel zu fliehen, denn er konnte sich

nicht verhehlen daß der Delaware, da er, wie ihm das junge Mädchen

gesagt, den für sein Einfangen bestimmten Lohn hier zurückgelassen, doch

jedenfalls die Absicht haben mußte die Insel, wenn ihm das irgend

möglich war, wieder anzulaufen. Das hing indessen noch Alles theils von

dem Weg ab den die Fische nahmen, theils ob er an einem oder mehreren

festkam, denn so lange er den Fisch langseits hatte, konnte er nicht

segeln und trieb immer weiter nach Westen ab.

Indessen stellte sich aber auch bei ihm wieder Hunger und Durst ein, und

theils diesen zu befriedigen, theils den Insulanern unten zu zeigen daß

er nicht die mindeste Furcht und noch ganz guten Appetit habe, setzte er

sich oben auf seine Befestigungswerke und begann seine etwas

hinausgeschobene Mahlzeit nach Kräften zu halten.

Erst als es Abend wurde verließen ihn die Insulaner, und zwar ohne

weiter mit ihm zu unterhandeln, bis auf den letzten Mann, und seine

einzige Sorge war jetzt daß sie ihn in der Nacht, wenn er eingeschlafen

wäre, überrumpeln möchten. Diesem zu begegnen, und da der Feind

wahrscheinlich einen solchen Versuch erst spät machen und nicht glauben

würde daß er sich gleich nach Dunkelwerden niederlegen werde, beschloß

er, trotz der ihn umgebenden Gefahr, gerade jetzt ein paar Stunden zu

schlafen um nachher desto munterer zu sein, denn ohne alle Rast wußte er

recht gut daß er es nicht aushalten könne. Ueberdieß fürchtete er mehr

als alles Andere, seinem Körper gleich im Anfang zu viel zuzumuthen, da

er ja nicht wissen konnte welche Strapatzen und Gefahren er überhaupt

noch zu bestehen hatte.

Dieß Alles stimmte übrigens so vollkommen mit seiner eigenen Neigung

überein, denn er war durch die gehabte Aufregung jetzt, da gewissermaßen

ein Ruhestand eingetreten, förmlich erschöpft und so müde geworden, daß

er es auch augenblicklich auszuführen beschloß, sein Bündel auf der

einen Seite als Kopfkissen hinlegte -- nur die Vorsicht gebrauchend an

dem am leichtesten zu ersteigenden Platz einen Stein so locker zu

placiren, daß er bei der leisesten Berührung niederfallen mußte -- und

sich dann mit sorgloser Ruhe auf den harten Boden und dem Schlaf in die

Arme warf.

Um den armen René möchte es aber schlecht gestanden haben, hätten die

Insulaner wirklich beabsichtigt in der Nacht etwas gegen ihn zu

unternehmen, denn lange nach Mitternacht berührte eine leichte Hand

seine Schulter, ohne daß er erwacht wäre.

»Fremder,« sagte da eine sanfte, weiche Stimme, und das junge schöne

Mädchen, das neben ihm stand, legte ihre kalten Finger an seine, vom

festen Schlaf erhitzte Stirn.

»Ja,« sagte René, die Augen öffnend und umschauend -- »ja -- schon acht

Glasen?«[E] -- die kalte Nachtluft strich über ihn hin -- um ihn

rauschte das Laub des Waldes und die hellen funkelnden Sterne blickten

klar auf ihn nieder. In dem Moment schoß ihm auch die ganze Gefahr

seiner Lage durch die Seele, und rasch emporspringend, das Terzerol wie

instinktartig im Griff, schien er den Angriff zu erwarten.

»Ihr seid eine vortreffliche Schildwache,« lachte aber das junge

Mädchen, das ruhig auf ihrem Platz stehen geblieben war -- »wenn Ihr

nicht besser über anderer Leute Gut wacht, als Euere eigene Sicherheit,

möchte ich Euch wahrlich nicht einer Banane Werth vertrauen.«

René faßte sich an die Stirn -- er wußte im ersten Augenblick wahrhaftig

nicht ob er wache oder träume, das ganze Fremdartige seiner Umgebung,

das schöne lachende Mädchen dicht vor ihm, ein dunkles Bewußtsein

drohender Gefahr die über ihm schwebe, und seine Sinne noch halb von dem

kaum erst abgeschüttelten tiefen Schlaf befangen, verlangte Alles daß er

sich erst sammle, und es verging wohl eine Minute, ehe er seine

wirkliche Lage wieder vollständig begriff.

Das junge Mädchen stand indeß, mit untergeschlagenen Armen, die zarten

Lippen fest zusammengepreßt, und den Kopf schüttelnd vor ihm, und sagte

endlich halb lachend halb erstaunt:

»Bist Du nicht ein wunderlicher Mann, Fremder -- schläfst hier mitten

zwischen Deinen Feinden, als ob Du daheim im sichern Hause, von den

Deinen bewacht lägest und nicht ein Preis auf dein Einbringen gesetzt

sei, das habgierige Menschen zu deinem Verderben reizen muß.«

»Und durft ich nicht schlafen, wenn ein solcher Schutzgeist über mich

wachte, Du holdes Kind!« sagte René herzlich, die Hand nach der ihren

ausstreckend -- sie trat aber vor der Berührung einen Schritt zurück,

und erwiederte, mit ernstem Blick nach oben deutend:

»Allerdings hattest Du einen Schutzgeist der über Dich wachte, aber es

ist das Auge Gottes, das jedes Haar Deines Hauptes gezählt hat, und ohne

dessen Willen keins zur Erde fällt -- ihm danke für Deine bisherige

Sicherheit, nicht mir. Aber komm Fremder,« setzte sie dann freundlicher

hinzu -- »nimm Dein Bett und wandere und folge mir, ich will Dich vor

Tag, und ehe böse Menschen im Thale neue Anschläge schmieden könnten, an

die andere Seite der Insel bringen, dort steht das Haus eines frommen

Mannes, das Dich schützen wird, bis Dein Schiff diese Gegend verlassen

hat, und dann kannst Du später nach Tahiti, wo viele Deiner Landsleute

leben, hinübergehn und dort in Sicherheit wohnen.«

»Mein _Bett_ mitzunehmen, möchte hier schwer werden,« lachte aber René,

dessen leichter Sinn ihn in der Nähe des schönen Mädchens das so

freundlich um ihn besorgt war, schon über alles Andere weggesetzt hatte,

»das wollen wir lieber liegen lassen; mit dem Kopfkissen möchte es eher

gehn -- und wie ists mit den Provisionen -- soll ich die Cocosnuß und

Bananen? --«

»Wir finden genug auf unserem Weg« -- unterbrach ihn aber das Mädchen --

»iß und trink wenn Du _jetzt_ Hunger hast, und sorge nicht weiter.«

»Dann mag es sich mein Dollmetscher morgen als schwachen Beweis meiner

Erkenntlichkeit mit hinunter nehmen,« lachte René, »der alte Bursche

wird schön schauen, wenn er das Nest leer und den Vogel ausgeflogen

findet.«

»O sprich nicht mit so leichtem Muth über eine Gefahr, der Du noch

keineswegs entgangen bist,« bat aber das Mädchen, »ich selber kann

nichts für Deine Sicherheit thun, als Dich zu einem Andern führen und

diesen bitten Dir zu helfen -- er ist selber ein Weißer und ein Diener

des Herrn, und wird gewiß Alles für Dich thun was in seinen Kräften

steht -- er ist aber doch auch nur ein Mensch, und vermag Dir keinen

anderen, als eben nur menschlichen Schutz zu gewähren.«

»Ein Weißer? -- und ein Diener des Herrn?« sagte aber René rasch und

nachdenkend -- »ein Missionair also?«

»Gewiß, ein Missionair,« bestätigte die Jungfrau -- »er hat mich von

frühester Jugend auferzogen und seine Sprache und Religion gelehrt -- er

ist ein stiller, friedlicher und guter Mann.«

René blieb nachdenkend eine kleine Weile stehn, und es ging ihm im Kopf

herum was er Alles, vielleicht in seinem katholischen Vaterland noch

übertrieben, über die protestantischen Missionaire dieser Inseln gehört

und gelesen, bei denen er eigentlich schon aus zwei Gründen keine

freundliche Aufnahme erwarten durfte, erstlich als entlaufener Matrose

und dann als Katholik; er war aber nicht der Mann sich vor der Zeit

vielleicht unnöthige Sorgen zu machen, that er's doch nicht wenn er

selbst Ursache dazu hatte.

»~Eh bien~!« rief er fröhlich und entschlossen -- »sei es wohin es

wolle, wohin Du mich führst Du holdes Kind, geh ich gern, und wäre es in

den Tod. Hier kann ich doch nicht bleiben,« setzte er lächelnd hinzu als

er einen halb komischen halb verlegnen Blick umherwarf -- »der

Bequemlichkeiten sind nicht besonders viel, und vor Tag stöberte mich

doch am Ende der alte Bursche von Dollmetscher wieder auf -- also

vorwärts, vorwärts Du liebes Mädchen -- aber welchen Namen hast Du? wie

kann ich Dich nennen?«

»Meine Landsleute nannten mich Sadie,« sagte das schöne Mädchen leise --

»Sadie nach einem jener freundlichen Sterne dort oben, aber mein

Pflegevater verwarf den Namen als heidnisch, und ich heiße jetzt

Prudentia -- nur die Insulaner können das noch nicht gut aussprechen und

nennen mich lieber mit dem alten Namen.«

»Oh so laß mich Dich auch Sadie nennen, Du holdes Kind,« bat da René --

»bist Du mir nicht auch ein freundlicher Stern geworden, der mich hier

aus meiner Trübsal hinausführen soll? -- und wie gern folg ich ihm --

Prudentia, lieber Gott, der Name mag für des würdigen Mannes Mutter oder

Gattin recht gut klingen, aber Deinen Namen hinein verwandeln, Sadie,

heißt die Saiten einer Harfe zerreißen und Bindfaden darüberspannen --

nein Sadie, leuchte mir voran, und jener Stern soll nicht genauer seine

Bahn halten, als ich der Deinen folge.«

Das junge Mädchen die wohl den alten liebgewonnenen Namen auch lieber

hörte als das fremde, selbst für ihre Zunge schwere Wort, erwiederte

nichts weiter, und wie eine Gemse von dem ziemlich steilen Hang

hinunterkletternd, und den Arm vermeidend den René nach ihr ausstreckte

sie dabei zu unterstützen, glitt sie auf den Boden nieder, daß René kaum

ihren Schritten zu folgen vermochte.

Fußnoten:

[C] Verächtlicher Name für einen alten Mann.

[D] ~hutupanutai~, die an den Strand gespühlte ~hutu~-Nuß -- oder auch,

in der bildreichen Sprache des Stammes, der an ihre Küsten geworfene

Fremde ohne Verwandte und Freunde.

[E] Glasen, ein Schiffsausdruck, vom Stundenglas entstanden, und jetzt

die verschiedenen Schläge der Wachtuhr bedeutend, die alle vier Stunden

mit eins beginnt und jede halbe Stunde einen Schlag hinzufügt.

Capitel 4.

#Der Mi-to-na-re.#

Es war ein ziemlich langer Marsch durch eine wilde Gegend und oft durch

Dickichte, durch die er allein nie seinen Weg gefunden; an den Sternen

sah er dabei wie sie viele Umwege machten, entweder vollkommen

undurchdringliche Stellen zu umgehen, oder auch vielleicht mögliche

Verfolger irre zu führen. Endlich erreichten sie wieder eingezäunte

Gartenplätze mit Bananen, Brodfrucht, Orangen, Wassermelonen und süßen

Kartoffeln bepflanzt, und als die Sonne eben über dem, wieder vor ihnen

liegenden Meeresspiegel emporstieg, betraten sie eine freundliche

Ansiedlung wohnlicher Bambushütten, sogar mit einigen weißübertünchten

Häusern dazwischen, dicht in dem Schatten hoher Cocospalmen und

breitästiger Brodfruchtbäume hineingeschmiegt, und von einer hohen

festen Umzäunung rings umschlossen.

René zögerte im ersten Augenblick den Ort zu betreten -- er blieb stehen

und betrachtete forschend den kleinen freundlichen Platz, der wie ein in

sich abgeschlossenes Paradies stillen Friedens vor ihm lag. Sadie

schaute nach ihm um und frug ihn lächelnd ob er sich fürchte näher zu

kommen.

»_Fürchten_?« sagte der junge Mann leise mit dem Kopf schüttelnd, »wenn

ich überhaupt etwas fürchtete auf der weiten Welt -- hätte ich da je

diese Insel betreten?«

»Fürchtest Du _Nichts_?« sagte das Mädchen rasch und erstaunt, und

schaute zu ihm auf -- »fürchtest Du nicht _Gott_?« --

Der junge Mann fühlte daß er hier ein Feld berührte das er vermeiden

müsse -- so wenig er sich selber aus irgend einem Religionsbekenntnis

machte, hatte er doch zu viel gesunden Sinn für Recht es in Anderm zu

achten, und er hätte besonders dem holden Kind nicht durch eine rauhe

Antwort weh thun mögen -- er sagte deshalb ausweichend:

»Ich sprach nicht von Gott, Sadie -- ich sprach von den Menschen -- also

hier wohnt der weiße Missionair?«

»Hier wohnt er, wenn er auf der Insel ist,« -- erwiederte das Mädchen,

durch seine Antwort vollkommen wieder beruhigt -- »gerade jetzt aber

besucht er mehre andere Inseln in Missionsgeschäften, aber schon seit

drei Tagen erwarten wir ihn zurück, und jede Stunde kann er wieder

eintreffen.«

»Also in diesem Augenblick wohnt kein Missionair auf dieser Insel?« --

frug der junge Mann rasch, und wie es fast schien, erfreut. --

»Kein _weißer_ Missionair wenigstens,« sagte die Jungfrau, »aber Du

scheinst Dich darüber eher zu freuen, und ich hatte geglaubt es würde

Dich beruhigen wenn Du einen Landsmann in der Nähe wüßtest.«

»So habt Ihr auch _eingeborene_ Missionaire hier?« umging der junge Mann

die halbgestellte Frage durch eine andere -- »und sind die auf allen

Inseln?«

»Nicht auf allen, doch auf vielen -- hier aber,« fuhr sie auf das Haus

deutend fort -- »wirst Du jedenfalls Schutz finden bis Dein Schiff

zurückkehrt, denn von den Bewohnern dieser Insel wird es Keiner wagen

Hand an Dich zu legen, so lange Du Dich in den Mauern dieses kleinen

Wohnortes befindest -- was Deine eigenen Landsleute aber thun wenn sie

zurückkommen, weiß ich nicht, doch ich fürchte sie werden kaum die

Heiligkeit dieses Ortes anerkennen, obgleich sie Alle dem Namen nach

Christen sind. Mein Pflegevater hat mir oft erzählt, daß auf den

Schiffen viel böse gottlose Menschen hausen, und wir Insulaner hier

manchmal viel bessere Christen sind als jene -- aber nicht wahr, Du

gehörst nicht zu denen?«

»O da mag Dein Pflegevater wohl vollkommen recht haben,« lächelte René,

»denn viel _Christenthum_ darf man gewöhnlich auf den Wallfischfängern

nicht suchen -- darum sind aber doch auch viel gute brave Menschen

zwischen ihnen, liebe Sadie, und ich mag leichtsinnig sein,« setzte er

gutmüthig hinzu -- »aber schlecht bin ich doch wohl nicht. Du mußt mir

das freilich auf mein ehrlich Gesicht hin glauben, denn andere Bürgen

habe ich weiter nicht dafür.«

Das Mädchen lächelte, vollkommen zufrieden gestellt, vor sich hin, und

jetzt zum ersten Mal seine Hand ergreifend, führte sie ihn durch die,

ihrem Druck nachgebende kleine Gartenpforte, durch den breiten

gutgehaltenen Gang des Gartens, und eine dichte Allee regelmäßig

gepflanzter Bananen oder Pisang dem Hause zu, unter deren Schutzdach

René die kleine, etwas wohlbeleibte Gestalt eines wie es schien

halbcivilisirten Insulaners erkannte.

René konnte ein leises Lächeln kaum verbergen als er die Gestalt mit

flüchtigem aber forschendem Blick überflog, und fast unwillkürlich

drängte sich ihm der wunderliche Gedanke auf daß der Mann, wenn ihm der

Geist und die Civilisation wirklich von oben gekommen sei, jedenfalls

noch mit den Beinen im Heidenthum stecke.

Der kleine gelbbraune Missionair sah auch in seiner halb frommen halb

wilden Tracht wirklich eigenthümlich genug aus. Er ging in bloßem Kopf,

aber die sonst langen schwarzen Haare waren kurz und gottesfürchtig

abgeschnitten und zugestutzt -- ferner trug er ein weißes baumwollenes

Hemd und eine weiße leinene Halsbinde, mit hellgelber mit blanken

Knöpfen besetzter Weste, und über diesem Allen einen, dem Klima

keineswegs zusagenden -- schwarzen Frack. Bis soweit also war der Geist

gekommen, darunter aber fing der Heide wieder an -- der Mann konnte sich

an die christliche Religion aber nicht an Hosen gewöhnen, und während er

um die Lenden ein langes Stück roth und gelben Kattun, der höchst

freundlich gegen den schwarzen Frack abstach, mehrfach geschlagen hatte,

trug er die Beine vollkommen nackt, und unter dem Kattun vor schauten

noch die alten heidnischen Tättowirungen früherer Zeiten, wie scheu, von

dem christlichen Kleidungsstück bedroht, hervor.

Der kleine Mann schien übrigens ungemein erstaunt über den Besuch und

auch vielleicht gerade nicht besonders erfreut, als ihm Sadie in seiner

Sprache mit kurzen Worten das, auf der andern Seite der Insel

Vorgefallene erzählte, und ihm um seinen Schutz für den Verfolgten

ansprach. Er hatte auch erst, wie es René vorkam, eine Menge

Einwendungen dagegen zu machen, und das Wort ~Mitonare~ kam sehr häufig

dabei vor, ~Sadie~ oder ~Pu-de-ni-a~ wie sie der kleine Missionair in

seinem wunderlichen Kauderwelsch statt ~Prudentia~ nannte, wußte diesem

allen aber zu begegnen, und da er sonst selber wohl gutmüthig und

gastfrei war, hatte er endlich nichts länger dawider, streckte dem

jungen Mann mit einem halb freundlichen halb salbungsvollen --

wahrscheinlich abgesehenen Blick die dicke fette Hand entgegen, deren

Finger auch noch frühere Tättowirungen zeigten, und sagte in einer

Sprache die jedenfalls englisch sein sollte, aber meist immer wieder auf

tahitisch auslief.

»~Gu -- day bodder -- gu day a haere mai -- gu fend here -- ehoa ino --

very gu fend --~« und dann folgte noch eine längere Auseinandersetzung,

jetzt auf einmal in reinem Tahitisch als ob er glaubte daß der Fremde,

durch die vorigen einleitenden Worte in seiner eigenen Sprache nun auch

vollkommen vorbereitet für jede weitere Anrede in gutem Insulanisch sein

müsse.

Sadie, die übrigens mit halbverstohlenem Lächeln sah, wie der junge

Fremde verlegen vor ihm stand, und nicht recht zu wissen schien was er

aus dem Ganzen machen solle, übersetzte ihm schnell was der kleine Mann

gesagt hatte, und bat ihn in das Haus zu treten, sich mit Speise und

Trank zu stärken und von den überstandenen Strapatzen auszuruhn.

»Aber wie kann ich jetzt erfahren,« frug René das junge Mädchen -- »was

aus dem Schiff geworden ist, das schon vielleicht in diesem Augenblick

die Insel wieder, von anderer Seite, ansegelt?«

»Auch daran hab' ich gedacht« lächelte das Mädchen -- »kümmere Dich

nicht deßhalb; der Knabe der uns eben verließ, geht nach der nächsten

Bergspitze hinauf, von wo er das Meer rings überschauen kann, und bringt

uns Nachricht ob das fremde Segel noch in der Nähe ist. -- Und nun in's

Haus, denn wie ich Dir schon gesagt habe, bis das Schiff zurückkehrt --

denn nur gegen Deine eigenen Landsleute können wir Dich nicht schützen

-- bist Du sicher -- und selbst dann finden sich vielleicht Mittel Dich

zu verbergen« setzte sie freundlich hinzu.

Der kleine Mitonare, denn als solchen hatte er sich René -- ~mi

mitonare~ -- ~mi mitonare~ schon selber vorgestellt -- ging ihnen jetzt

geschäftig voran in's Haus, und obgleich heute wirklich ihr Sonntag

fiel[F], brachte er nichtsdestoweniger eigenhändig, erst Teller und

Messer und Gabel, die sonst wahrscheinlich nur wenig benutzt, tief in

einer Schrankecke zu ruhen schienen, und dann kaltes Fleisch, Früchte

und Cocosnußmilch herbei, und lud nun den jungen Mann auf das

freundlichste ein sich niederzusetzen und nach Herzenslust zuzulangen.

René sah Sadie an und dann die Speisen -- er schämte sich sie zu bitten

mit ihm niederzusitzen, und doch hätt' er es gar so gern gethan. Das

schöne Mädchen mochte aber errathen was er wünsche, denn sie schüttelte

lächelnd mit dem Kopf und war im nächsten Augenblick schon durch die

offene Thür verschwunden.

Der kleine Missionair begann nun eine Unterhaltung die René zu jeder

andern Zeit ungemein amüsirt haben würde, in diesem Augenblick hatte er

aber wirklich einen höchst bedeutenden Hunger, und die steten Fragen des

Kleinen, die an und für sich schon des wunderlichen Kauderwelsch wegen

eben so viele Räthsel waren, forderten eine Theilung seiner

Aufmerksamkeit, die er jetzt weit lieber ungetheilt dem delicaten kalten

Schweinebraten und den saftigen Früchten zugewandt hätte. Der Kleine

ließ aber nicht nach und frug vor allen Dingen wie er selber hieße --

der Name war einfach genug, und er konnte ihn ziemlich gut nachsprechen

-- dann wie das Schiff hieße auf dem er gekommen sei, und von wo es

gesegelt wäre. Er interessirte sich besonders, da er in den letzten

Jahren mit Hülfe des weißen Missionairs etwas Geographie getrieben, für

die Hafenplätze der Englischen und Amerikanischen Küste, und schien sich

ungemein zu freuen als er einen ihm bekannten Namen, Boston -- das er

übrigens hartnäckig ~bo-son~ aussprach -- erwähnen hörte.

Eine Hauptfrage des kleinen unermüdlichen Mannes war aber zuletzt nach

des Fremden Religion und Vaterland, und René hätte sich selber keinen

schlimmern Namen machen können, als daß er sich ohne weiteres für einen

Franzosen ausgab.

»Wi--wi?« sagte der kleine Mann etwas erstaunt, zog die Augenbrauen in

die Höh, und spitzte den Mund -- »Wi--wi?[G] -- hm --«

»Wi--wi?« sagte René, der diesen Ausdruck noch nicht kannte, erstaunt --

»was Wi--wi? -- nicht Wi--wi -- ~frenchman~ -- ~français~ -- ~ferani~

--« denn diesen Ausdruck hatte ihn schon Adolph gelehrt.

»~Es--es~« nickte der Kleine schmunzelnd -- »~Fe--ra--ni~ -- ~Wi--wi~« --

»Was zum Henker will er denn mit dem Wi--wi?« -- dachte René -- »das muß

ein besonderer Dialekt für den Namen sein.«

»Viel -- viel Wi--wi's in Tahiti -- sagte der kleine Missionair wieder

-- keine Christen, Wi--wi's!«

»Keine Christen?« rief René lachend -- »nun ich weiß doch nicht --

einige sind sicher darunter, die sich wenigstens so nennen --«

»~Es~, Christen« nickte der unverwüstliche Kleine -- »aber keine guten

-- ~aita maitai~ --«

Jetzt begriff René erst, worauf der kleine Protestantische Missionair

oder Prediger eigentlich abziele, denn dieser mußte natürlich glauben,

was ihm die protestantischen Geistlichen über die Religion der andern

Weißen, die sich ebenfalls Christen nannten, und doch in ihren äußeren

Gebräuchen besonders so bedeutend von diesen abwichen, gesagt hatte. Er

hütete sich aber wohl auf irgend einen religiösen Streit einzugehen und

beschränkte sich nur darauf ihm zu erklären, er wisse nicht was es in

Tahiti für Christen gäbe, er sei noch nie dort gewesen, in seinem

eigenen Vaterland -- was er in aller Unschuld jetzt selber Wi--wi und

zwar sehr zum Ergötzen des kleinen Mannes nannte -- gäbe es aber sehr

gute, fromme Christen.

René hätte vielleicht noch eine Masse, ihm gerade nicht gelegene Fragen

beantworten müssen, wäre in diesem Augenblick nicht draußen vor der Thür

eine kleine Glocke geläutet worden und zu gleicher Zeit Sadie in der

Thür des Gemaches erschienen. René sprang fast mit einem Freudenruf

empor.

Tahiti: Roman aus der Südsee. Erster Band. · 第 3 / 16 段