Sonderbarer Weise richtete sich aber dieses Zorn keineswegs auf den

jungen Mann, sondern nur auf den »weißen Mann Capitain«, der ihn hier

unter falscher Vorspiegelung, mit Aussetzung eines weit geringeren

Lohnes, auf eine Expedition ausgeschickt hatte, wo er gegen jede

Verabredung Waffen, und sogar ihm recht gut bekannte Schießwaffen fand.

»Das sind _zwei_ Handbeile,« rief er heftig, »und _zehn_ Ellen Kattun --

zwei fünf,« indem er die eine Hand mit gespreitzten Fingern zweimal von

sich drückte, -- »und _vier_ Messer und _zwei_ zehn Stangen Tabak« -- er

wiederholte, wie mit sich selber redend, die Bewegung der Hand -- »und

_zwei_ Hacken, und _zwei_ handvoll Nägel und eine handvoll Knöpfe --

weißer Mann Capitain sagt was nicht wahr ist -- keine Waffen -- puh --

was ist das? -- kleine blanke Ding da -- puff! macht Loch in armen

Kanaka.«

»Habe keine Angst wackerer Krieger,« rief ihm René jetzt lachend

hinunter, der im Anfang wirklich zu befürchten schien, der Alte müsse

bei dem tollen Sprung wenigstens ein paar Beine gebrochen haben -- sich

übrigens nicht wenig über den Eindruck freute, den seine kleinen

Terzerole gemacht hatten -- »ich will Euch nicht das mindeste zu Leide

thun -- ja im Gegentheil, Euer König soll sogar eine von diesen

Handkanonen bekommen, falls er auf meine Bedingungen eingeht, und wir

werden gewiß nachher in Fried' und Freundschaft zusammen leben, ja uns

möglicher Weise noch einige benachbarte Inselgruppen zusammen

unterwerfen; aber nun mache auch daß Du Sr. Majestät von meinen

Vorschlägen in Kenntniß setzst, würdiger Greis, denn ich sehe schon daß

vom Schiff aus wieder ein Boot abgeht, und möchte vorher noch Deine

trostbringenden Nachrichten haben.«

Der Alte sah jetzt allerdings selber ein daß hier, mit seinen wenigen

Mann und mit Gewalt, Nichts auszurichten war; dann genügte ihm auch der

auf das Einfangen des Entlaufenen gesetzte Preis nicht mehr; dieser

hatte Schießwaffen und er glaubte von dem »weißen Mann Capitain«, wie er

den Harpunierer nannte, vorher erst noch leicht die doppelte Ration

herausdingen zu können, noch dazu da er das erst Geforderte so leicht

und schnell bewilligt hatte. Da der Weiße übrigens, wie es schien,

nicht die geringsten feindlichen Absichten zeigte, und wieder ganz in

seine frühere friedliche Stellung zurückgefallen war, kam er auch hinter

seinem, in der ersten Geschwindigkeit angenommenen Baume vor, und sich

erst kurze Zeit mit seinen Leuten besprechend, wandte er sich dann

plötzlich wieder zu dem Flüchtling und sagte:

»Gut, gut -- Raiteo will gehn, will mit ~fu-a~ sprechen -- weißer Mann

nicht Capitain bleibt hier so lange -- Raiteo kommt wieder -- Sonne

dort« -- und er zeigte dabei mit der Hand die Himmelsgegend an, an

welcher sich die Sonne befinden würde, wenn er wieder zurückkäme. Damit

zog er sich, und ohne weiter eine Antwort abzuwarten, in die Büsche

zurück, und wie es schien folgten ihm alle seine Leute; außer Sicht ließ

er aber seine sämmtliche Mannschaft auf Wacht und vertheilte sie so, daß

sie die Bergkuppe nach allen vier Seiten umgaben, nicht etwa eine Flucht

des Weißen von dort zu verhindern, denn das wußte er recht gut, konnten

sie nicht, sondern nur genau zu sehen wo er bliebe, falls er den Ort aus

freien Stücken verlassen sollte, damit ihnen die neue Arbeit eines

Nachspürens erspart würde.

Raiteo, wie er sich selbst genannt, dachte übrigens gar nicht daran Sr.

Majestät dem König den ganzen Nutzen dieses Fanges allein zu lassen,

und beschloß vor allen Dingen einmal zu sehen, wie viel mehr Belohnung

er, dieser neuen Entdeckung nach, aus dem fremden Schiff herauslocken

könne. Demzufolge, und da er jetzt selbst durch eine lichte Stelle in

den Guiavenbüschen das auf's Neue heranrudernde Boot erkennen konnte,

eilte er so rasch er vermochte dem Strand wieder zu, und traf dort mit

dem eben auf dem weißen Corallensand auflaufenden Boot fast in ein und

derselben Minute ein.

Der Harpunier fluchte übrigens nicht wenig, als er hörte daß die

Eingeborenen den Entlaufenen allerdings gefunden, aber noch nicht zum

Strand gebracht hätten, und nun erst noch eine neue erhöhte Forderung

stellten; er hätte ihnen jetzt gern das sechsfache gegeben, wäre der

entlaufene Matrose damit in seinen Händen gewesen, denn der Capitain des

Delaware wüthete ordentlich als er die Flucht des Manns und seinen

dadurch erzwungenen Aufenthalt vernahm, und gab ihm jede Vollmacht den

Burschen, den er exemplarisch zu bestrafen gedachte, wieder in seine

Gewalt zu bekommen.

Raiteo sollte aber die Sache nicht mehr allein auszufechten haben,

sondern Sr. Majestät, die von dem reichen, für den Flüchtling

versprochenen Lohn gehört hatte, mischte sich jetzt selber in das

Geschäft, und schien Raiteo mehr als Führer wie Leitenden betrachten zu

wollen.

Der Harpunier hatte nun zwar selber schon Raiteo eine Belohnung geboten,

wenn er ihn nur zu dem Platz hinbringen wolle wo der Flüchtling sei;

Jener schien das aber einestheils nicht gern thun zu mögen, und anderer

Seits zeigte dies wieder eine neue Schwierigkeit. Der Harpunier hätte

seine Leute entweder zurücklassen oder mitnehmen müssen, und in beiden

Fällen konnte es am Ende gar noch einem Andern einfallen, sein Glück

ebenfalls in den Wäldern zu versuchen. Nach kurzem Ueberlegen suchte er

deshalb die Indianer zu bewegen so rasch als möglich zurückzugehn und

den Weißen zu holen, und die Versprechungen die er ihnen dafür machte,

ja mehr noch die mitgebrachten Sachen die er ihnen zeigte, und von denen

er einiges dem König schon gab, seine Habgier zu reizen, schienen ihm

allerdings das günstigste Resultat zu versprechen.

Die Leute waren diesmal in sehr bedeutender Anzahl, sogar mit einer

Menge neugieriger Frauen, aufgebrochen den Gefangenen, der solcher Masse

nicht hätte widerstehen können, zum Strand zu holen, und jetzt etwa

lange genug abwesend daß der Harpunier schon dann und wann nach seiner

Uhr sah, und die Zeit zu berechnen anfing, in der sie würden wieder

zurück sein können, als Mr. Rowsey plötzlich, sehr zu seinem Erstaunen,

ein Zeichen von seinem Schiff erhielt, so rasch er könne an Bord

zurückzukommen.

»Was zum Teufel kann nur los sein?« brummte er, als ihn Einer der Leute

auf die eben aufsteigende Flagge aufmerksam machte -- »Fische bei Gott!«

rief er aber, als diese, zum verabredeten Signal, dreimal auf und

niedergezogen wurde -- »die hätten auch noch ein paar Stunden warten

können. An Bord ~boys~, an Bord -- rasch an Eure Riemen« -- rief er dann

seinen Leuten zu, die schnell dem Befehl gehorchten. Er selber blieb

noch ein paar Momente wie unschlüssig am Ufer stehen, während sich die

zurückgebliebenen Eingeborenen neugierig um ihn sammelten, theils zu

erfahren was die Flagge am Schiff bedeuten solle -- denn soviel hatten

sie schon mit Schiffen verkehrt, zu wissen daß dies etwas Besonderes

melden wolle -- theils was die Weißen jetzt zu thun beabsichtigten.

Der Harpunier wußte das in der That im Anfang selber nicht -- mußten sie

jetzt hinter Fischen her, wie es allen Anschein hatte, so konnten ein

paar Tage vergehen, ehe sie hierher wieder zurück kamen, und sollte er

indessen die für das Einfangen des Mannes bestimmten Güter in den Händen

des Königs lassen? That er es nicht, so war es die Frage ob sich die

Eingebornen, sobald sie das Schiff absegeln sahen, weiter um den Weißen

bekümmern würden, und ließ er die Sachen da, so hieß das ein wenig viel

der Ehrlichkeit dieser Leute vertraut, von der er, nach ziemlich langer

Erfahrung, in solcher Hinsicht gerade keinen besonderen Begriff zu haben

schien. Er entschloß sich aber doch zuletzt dazu, denn eines Theils lag

in den mitgebrachten Sachen kein wirklicher Werth, und andern Theils

durfte er dann auch darauf rechnen daß die Leute -- wenn sie eben nicht

mit dem Ganzen durchbrannten -- ihr Bestes thun würden sein Vertrauen zu

rechtfertigen. Sich also zu dem König wendend sagte er ihm mit kurzen

Worten, er müsse jetzt an sein Schiff gehn, er wolle aber den Lohn für

das Einfangen des Entlaufenen bei ihm niederlegen, und er verlange dafür

von ihm, daß sie den Mann, wenn sie ihn einbrächten -- sollte das Schiff

noch dort liegen, wo sie es jetzt sähen -- augenblicklich in ein Canoe

nähmen und an Bord brächten, sollte es aber unter Segel sein, so lange

gut verwahrten, bis er selber zurückkäme.

Se. Majestät versprach ihm dafür die Sachen in sein eigenes Haus zu

legen, und versicherte den Harpunier es würde Nichts davon kommen, denn

sie seien alle _Christen_ und zwei »Mitonares« hier auf der Insel.

Der alte Harpunier schien ihm etwas darauf erwiedern zu wollen, und sah

ihn einen Augenblick wie zweifelnd an, endlich aber brummte er nur leise

ein paar Worte in den Bart, sprang in sein Boot und schoß gleich darauf,

so rasch ihn die mit äußerster Kraft der Leute geführten Riemen[B]

bringen konnten, dem, etwa zwei englische Meilen entfernten Schiffe zu,

von dessen Gaffel die Flagge noch immer wehte, und dann und wann gezogen

wurde -- ein Zeichen größter Eile.

Fußnoten:

[B] Riemen, das nautische Wort für die langen Ruder der See- und

Wallfischboote.

Capitel 3.

#Das Mädchen von Atiu.#

René saß indessen, nachdem ihn die Eingeborenen verlassen, eine ganze

Weile sinnend auf den Steinen seines kleinen Fort's, und überlegte was

er am Besten thäte -- hier auf dieser Stelle bleiben und die Rückkunft

der Männer zu erwarten, oder sich vielleicht, mit mehr Vorsicht ein

neues Versteck zu suchen, wo er wenigstens bis Dunkelwerden unentdeckt

bleiben konnte und dann die ganze Nacht vor sich hatte eine Stelle zu

finden seinen Verfolgern zu entgehn oder sie hinzuzögern; er wußte recht

gut daß der Capitain des Delaware bald ungeduldig werden würde, wenn er

ihn nicht rasch wieder zurückbekäme. Es war überdies auch möglich daß er

selber in der Nacht ein Canoe fand mit dem er getrost in See gehen

konnte; im Nord-Westen lagen noch mehre Inseln, und selbst die Gefahr

der er sich dabei aussetzte, schien ihm nicht halb so groß als die, in

der er sich jetzt wirklich befand wieder gefangen genommen und an Bord

des Delaware zurückgeschafft zu werden. Er entschloß sich also endlich

von dieser Kuppe wieder einer andern Hügelspitze zuzugehn, die er von

hier aus gut erkennen konnte; jedenfalls nahm es dann seinen Feinden

einige Zeit bis sie ihn wieder fanden, und die Nacht verbarg dann seine

Spuren den Verfolgern.

Diesen Versuch mußte er aber bald aufgeben, denn kaum hatte er etwa

hundert Schritt den Berg hinunter gethan, so entdeckte sein scharf

umherspähendes Auge die Gestalt des dort stationirten Insulaners, der

sich allerdings, als er ihn kommen hörte, in das dichte üppige Kraut,

was überall den Boden bedeckte, niederdrückte. Er war also umstellt, und

es half ihm Nichts seinen Schlupfwinkel zu verändern, denn diese Wachen

würden ihm natürlich auf den Fersen gefolgt sein; ja die Möglichkeit lag

vor, daß sich seine Feinde, vielleicht zahlreicher als er selber eine

Ahnung hatte, hier in den Hinterhalt gelegt, nur eben auf sein

Niedersteigen wartend, um ihn dann, in dem dichten Gestrüpp soviel

leichter überfallen und binden zu können, und scheu, hinter jedem Stamm

einen versteckten, zum Ansprung bereiten Feind vermuthend, das gespannte

Terzerol in der Hand, zog er sich rasch aber unbelästigt, wieder zu dem

kaum verlassenen Versteck zurück.

»Gut,« murmelte er dabei zwischen den fest zusammengebissenen Zähnen

durch, als er zu seiner kleinen Veste zum zweiten Mal aufstieg -- »laß

sie dann die Folgen nehmen, wenn sie mich mit Gewalt zum Aeußersten

treiben wollen; aber lebendig bringen sie mich beim ewigen Gott nicht

von diesen Steinen hinunter.«

Er untersuchte jetzt auf das sorgfältigste seine kleinen Terzerole,

schraubte die Pistons los und that frisches Pulver wie nachher frische

Kupferhütchen auf, und als er sich wenigstens dieser Hülfe versichert

und sein Messer gefühlt hatte, ob es ihm locker und zum Griff bequem an

der Seite hing, wußte er daß er für den Augenblick nichts weiter thun

konnte und warf sich, der Dinge die er doch nicht zu ändern vermochte

wartend, auf die Steine nieder, seine Kräfte wenigstens nicht durch

unnöthige Anstrengungen vor der Zeit zu erschöpfen.

Er mochte etwa eine halbe Stunde so gelegen haben, als der Lärm der

jetzt zu ihm heraufsteigenden Schaar an sein Ohr drang -- er horchte

einen Augenblick auf und als er die lauten Stimmen einer großen Zahl

Menschen deutlich unterschied, blieb er ruhig in seiner Stellung. Er

wußte daß sie, mit solchem Geräusch ankommend, ihn nicht überraschen

wollten, und daß sich jetzt der entscheidende Augenblick nahe. Er hatte

das Boot wieder zurückkommen sehen und erwartete kaum anders, als daß

sich der Harpunier selber mit seinen Leuten der Schaar angeschlossen

habe.

Diese kam jetzt so rasch und mit solchem Geplapper und Lachen und

Schreien näher, daß er sich endlich aufrichten mußte; ein Blick

überzeugte ihn aber er habe es nur mit Insulanern und keinem seiner

früheren Kameraden zu thun, und mit der Ueberzeugung zog ihm auch wieder

neue Hoffnung durch die Seele. Er lehnte sich jetzt in seine frühere

Stellung auf den Stein, und als er sich Männer und Frauen in bunter

Masse um sich sammeln sah, konnte er selbst ein Lächeln nicht

zurückhalten.

»Was für eine herrliche Situation wäre dies jetzt für einen der frommen

Missionaire,« murmelte er leise vor sich hin, »für die »Prediger in der

Wüste« wie sie sich selber nennen -- Kanzel und Auditorium fix und

fertig, und welch zahlreiche, bunte Versammlung -- wahrhaftig auch

Frauen -- die lieben Dinger müssen doch überall dabei sein, selbst wenn

es gilt einen armen Teufel von Matrosen wieder an seine Henker

auszuliefern. Aber, ~prenez-garde mes dames~, noch _habt_ Ihr ihn nicht,

und billig sind die zehn Ellen rother Kattun etc. wahrhaftig nicht

verdient, _wenn_ Ihr ihn bekommt.«

Die Schaar sammelte sich indessen um den Felsen herum und obgleich

dießmal eine höhere Person als Raiteo, nämlich der Sohn des Königs

selber, mitgekommen war, behielt doch jener bei den nachfolgenden

Unterhandlungen als Dollmetscher das Wort, und forderte jetzt,

augenscheinlich verdrießlich durch die Hartnäckigkeit des Burschen um

den, ihm von Gott und Rechts wegen zustehenden Lohn gebracht zu sein,

ihn einfach auf herunter zu kommen und mit ihnen zu gehn, weil sie sonst

Gewalt brauchen müßten, und ihm nicht gern ein Leides thun wollten. Ihr

König erlaube ihm nicht länger hier auf der Insel zu bleiben, also helfe

ihm weiter kein Widerstand.

René hatte sich hoch aufgerichtet, die jetzt frisch von der See

herüberwehende Brise schlug ihm das dunkle lange Haar wild um die

Schläfe, und sein Gesicht war von der inneren Aufregung vollkommen

bleich geworden, aber seine Augen funkelten und ein trotziges Lächeln

kräuste ihm selbst die Lippe, als er mit lauter herausfordernder Stimme

hinunter rief:

»So kommt denn, wenn Ihr den Muth habt mich zu holen -- kommt und seht

wessen Blut diese Steine zuerst färben soll -- kommt und überliefert

einen Mann, der Euch nie ein Leides gethan, seinen Feinden, Ihr seid ja

am Ende gar Christen und wollt nach Gottes Geboten handeln -- kommt,

aber ehe ich jenes Schiff wieder lebendig betrete --« er schwieg

plötzlich denn sein Auge hatte in diesem Moment fast unwillkürlich das

ferne Fahrzeug gesucht, und er sah jetzt zum ersten Mal das von der

Gaffel flatternde Zeichen, wie das zu dem Schiff zurückkehrende Boot, ja

ein zweiter Blick überzeugte ihn sogar daß nach Westen hin die drei

anderen Boote ebenfalls voll unter Segel waren, und die Wahrheit des

Ganzen durchzuckte ihn im Nu.

Als die unten Stehenden sahen daß er plötzlich seine Blicke so

aufmerksam nach der Richtung hin sandte, wo das Schiff lag, suchten sie

ebenfalls dorthin Aussicht zu gewinnen, und zwei junge Leute die rasch

eine der Casuarinen erstiegen hatten, riefen bald etwas in ihrer Sprache

hinunter. Von den Männern vertheilten sich jetzt mehre nach lichteren

Punkten hin, wo sie die See nach dieser Richtung hin besser überschauen

konnten, und es zeigte sich gar bald daß etwas Besonderes dort an Bord

vorgehen müsse, was für den Augenblick, da es ja auch mit ihren

Verhandlungen hier in naher Beziehung stehen mußte, ihre Aufmerksamkeit

vollkommen von dem jungen Matrosen ablenkte.

René selber dachte kaum mehr an die Eingeborenen -- er sah wie das Boot,

das ihn hatte abholen sollen, an Bord des Delaware zurückkehrte, der

augenblicklich seine Raaen umbraßte und mit geblähten Segeln den

vorangeeilten Booten nach Westen folgte. Jedenfalls hatten sie dort eine

große Zahl Fische bemerkt, die ihm sicherlich sehr zu gelegener Zeit

aufgekommen waren, und hielt die Jagd nur bis Abend an, daß das Schiff

dadurch eine tüchtige Strecke nach Westen versetzt wurde, so war die

Frage ob der Capitain seinetwegen hier wieder gegen den Passat ankreuzen

würde; jedenfalls behielt er einen, vielleicht mehre Tage Zeit auf

Flucht von der Insel zu denken und die Gefahr war wenigstens für den

Augenblick von ihm genommen. Daß er die Insulaner _jetzt_ leicht von

sich abhalten konnte, daran zweifelte er keinen Augenblick.

Der Erfolg zeigte denn auch daß er darin vollkommen recht gehabt. Die

Insulaner, als sie das Schiff unter vollen Segeln die Insel verlassen

sahen, wußten nicht recht woran sie waren, und mußten erst wieder einen

Boten nach unten schicken, neue Verhaltungsbefehle einzuholen.

Allerdings begegnete diesem schon ein Anderer, der ihnen die Ordre

brachte den jungen Fremden nur einstweilen einzufangen und mit

herunterzunehmen. Das war aber weit eher gesagt als gethan, und kam das

Fahrzeug am Ende nachher gar nicht zurück, so mußten sie ihn doch wieder

los lassen; da war es also weit vernünftiger ihn jetzt gar nicht zu

stören, bis das Schiff wirklich wieder da sei, nachher sei es noch Zeit

genug.

Als die Frauen und Mädchen, die dem Zug aus Neugierde gefolgt waren und

sich im Anfang, da man noch nicht wußte ob es zu Feindseligkeiten kommen

würde, scheu zurück gehalten hatten, nun, wie die Sachen jetzt standen,

und daß nicht die mindeste Gefahr zu fürchten sei, sahen, so kamen sie

weiter vor, und suchten Plätze zu bekommen, von denen sie den jungen

Fremden genau beobachten konnten. Nur ein junges Mädchen allein war

schon früher so weit vorgedrungen, daß sie sich dem Umstellten, auf

einer anderen kleinen Erderhöhung fast gegenüber befand, und hatte die

ganze Zeit keinen Blick von ihm verwandt.

Es war ein junges bildschönes Kind von vielleicht funfzehn oder sechzehn

Jahren, schlank gewachsen wie die Palme ihrer Wälder, aber mit vollem

runden Gliederbau; die rabenschwarzen mit wohlriechendem Cocosöl

getränkten Locken wild um die braune Stirn flatternd, und die schönen

großen dunklen Augen halb ängstlich halb mitleidig auf den jungen Mann

geheftet, dessen Leben wenn er sich zum äußersten widersetzte, wie sie

recht gut wußte, in großer Gefahr schwebte. Sie war nach Art der übrigen

Mädchen gekleidet; ein Lendentuch von farbigem Kattun, das ihr bis auf

die feingeformten Knie niederging, schloß sich ihr dicht um die Hüften

und ein anderes Tuch war nur lose über die linke Schulter gehangen, und

auf der rechten mit einem Knoten locker zusammengehalten, daß es den

rechten Arm vollkommen nackt und ihm freie Bewegung ließ. In den vollen

Locken trug sie einen dünnen Kranz weißer und rother Blüthen, mit den

Fasern des Cocosblattes fest zusammengebunden, in den Ohren aber zwei

der großen weißen duftenden Sternblumen, und wie sie dort stand auf dem

bröcklichen Gestein, um das sich dicht hinter ihr die vollen dunklen

Büsche schmiegten, den linken Arm um die dünne Casuarine geschlungen,

die sie da oben auf ihrer etwas gefährlichen Stelle stützte, glich sie

eher einer lauschend aus dem Dickicht gebrochenen Waldnymphe, als einem

einfachen schlichten Kind dieser Inseln.

René war im Anfang natürlich zu sehr mit der Gefahr seiner eigenen Lage

beschäftigt gewesen, einzelne Gestalten der ihn umgebenden Insulaner

beachten zu können, und vorzüglich hatte er die Männer und ihre

Bewegungen im Auge behalten, da er ja auch gar nicht wissen konnte, ob

sie nicht einen plötzlichen Angriff auf ihn beabsichtigten; jetzt aber,

als sein leichter Sinn ihn rasch über die geringere Gefahr, die ihm von

den Insulanern selber drohte, hinwegsetzte, fühlte er mehr das

eigenthümliche, ja interessante seiner Lage, und während das Blut in

seine Wangen zurückkehrte und ein leichtes Lächeln über seine schönen

Züge flog, schaute er sich um nach den einzelnen Gruppen, und sein Blick

begegnete zum ersten Mal dem dunklen, brennenden Auge des Mädchens.

Das holde Kind schlug aber, als sie sah daß er sie bemerkt hatte,

verschämt den Blick zu Boden, und so zart war die lichtbraune Haut, daß

René deutlich darauf das dunkle Erröthen, das ihre Schläfe und Wangen

färbte, erkennen konnte; gerade jetzt wurde aber seine Aufmerksamkeit

wieder auf die Schaar der Männer gelenkt, die sich ihm näherten und ihn

noch einmal frugen, ob er gutwillig zu ihnen hinuntersteigen wolle oder

nicht.

»Gewiß!« rief René jetzt freudig, und war es früher schon seine Absicht

gewesen, so hatte sie jetzt die Gestalt des holden ihm gegenüber

stehenden Kindes nur noch bestärkt -- »gewiß will ich hinunter kommen

und bei Euch bleiben, aber Ihr müßt mir versprechen daß Ihr mich nicht

festhalten oder binden wollt -- freiwillig komme ich in Euere Mitte,

und freiwillig werde ich darin bleiben, denn das Schiff, was mich zurück

forderte, hat die Insel verlassen nicht wieder zurückzukehren. Wollt Ihr

mir also fest und aufrichtig Sicherheit für meine Person versprechen, so

steige ich augenblicklich zu Euch nieder, und ich hoffe wir sollen recht

gute Freunde zusammen werden. Seid Ihr das zufrieden?«

Die Insulaner, denen Raiteo die Worte des jungen Mannes verdollmetscht

hatte, besprachen sich kurze Zeit in lauter, lärmender Stimme

miteinander, und dieser wandte sich dann wieder zu ihm und sagte,

freundlich dabei mit der Hand winkend:

»Gut, weißer Mann, -- ~a haere mai~ -- sei willkommen und bleib bei uns

bis dein Schiff wieder zurück kommt, oder so lange Du willst!«

»~Eh bien~!« rief der junge Franzose lachend -- »das ist ein Vorschlag

zur Güte und die Sache löst sich freundlicher als ich erwarten durfte.«

Und damit schob er seine Terzerole in die Tasche, drückte sich die Mütze

wieder in die Stirn, und wollte sich eben über die Steine, die seine

Festungswerke bildeten, hinüberschwingen, als ihn ein Ruf in gutem

Englisch plötzlich nicht allein daran verhinderte, sondern auch erstaunt

und überrascht aufschauen machte.

Es war das junge holde Mädchen, das, den rechten Arm gegen ihn

ausgestreckt, laut und fast ängstlich im reinsten Englisch rief:

»Halt, Fremder -- halt -- sie sind falsch -- sie wollen Dich binden und

halten, und dem Schiff, das ihnen das Lösegeld zurückgelassen hat,

wieder ausliefern -- traue ihnen nicht, und bleibe wo Du bist, bis Dich

der König selber seines Schutzes versichert hat.« Dann aber sich gegen

die unten Stehenden wendend, unter denen Raiteo die hervorragendste und

jedenfalls bestürzteste Persönlichkeit bildete, da er allein zu seinem

Schrecken verstanden hatte, wie das junge Mädchen ihre eigenen

Landsleute an den Fremden, seiner Meinung nach, verrieth, rief sie mit

zürnender fast drohender Stimme in der schönen klangvollen melodischen

Sprache ihres Stammes:

»Schäme Dich, ~ahina~[C] -- schämt Euch Ihr alle, den armen

~hutupanutai~[D] verrätherisch unter Euch locken und überfallen zu

wollen. -- Wo sind seine Verwandte -- wo seine Eltern -- wo seine

Geschwister? -- weit weit von hier, und um schnöden Lohn drängt es Euch,

ihn seinen Feinden zu überliefern, und _Ihr_ nennt Euch _Christen_? Ihr

prahlt damit in den öffentlichen Versammlungen daß Ihr Euern Nächsten

lieben wollt wie Euch selbst, und Anderen nicht das zufügen möchtet, was

Euch nicht selbst geschehen solle; schämt Euch in Euere Seele hinein daß

Euch ein armes junges Mädchen zurechtweisen und Euere Ehre retten muß

vor dem Fremden!«

Tahiti: Roman aus der Südsee. Erster Band. · 第 2 / 16 段