Eine ebensolche Unmöglichkeit, wie die Organisation der gesamten Arbeit,

ist die Erzielung des vollen Arbeitsertrages für den einzelnen

Lohn-Arbeiter, wie sie die Sozialdemokratie verlangt. Es ist dies eine

geradezu unbegreifliche Forderung. Wo bliebe unter solchen Umständen die

Belohnung der (geistigen oder körperlichen) Arbeit des Unternehmers, des

Fabrikherrn, des Geschäftsgründers? Wo das Risiko? Wo die Geschäftskrisen?

Wo die Verzinsung des Kapitals? Wo die Belohnung jenes erfinderischen oder

organisatorischen Genies, welches unter Umständen die alleinige Seele des

ganzen Geschäfts ist? Soll z. B. der Ausläufer oder »Druckerteufel« einer

Zeitung oder eines litterarischen Unternehmens, welches der Thätigkeit

eines talentierten Schriftstellers und eines unternehmenden Verlegers

seine Entstehung und seine Prosperität verdankt, gleichen Anteil an dem

Ertrag des Geschäftes haben, wie der Gründer und Leiter desselben? Soll

der taglöhnende Maurer, welcher bei dem Bau eines Hauses keine andre

Aufgabe hat, als einen Stein auf den ändern zu setzen, denselben Anteil an

dem Ertrag des fertigen Hauses haben, wie der Baumeister und Kapitalist,

welcher die dazu nötigen Mittel geliefert bat? Wer würde im Angesicht

einer solchen Nötigung überhaupt noch Geschäfte machen oder Fabriken

gründen wollen, bei denen er der Hilfe von Lohnarbeitern bedarf? Und

welcher Kapitalist würde so einfältig sein, sein Geld für solche

Unternehmungen herzuleihen, bei denen er nicht mehr verdient, als der

einzelne Lohnarbeiter? Alle von Seiten der Sozialdemokratie auf die

kapitalistische Produktionsweise und auf das sog. Lohnsystem gehäuften

Vorwürfe passen in der Regel nur auf ganz grosse industrielle

Unternehmungen und auf solche Geschäfte, bei denen es sich =nur= um

arbeitende Hände und um Kapital handelt, während überall dort, wo ein

Geschäft oder eine Fabrik durch die schöpferische Thätigkeit eines

Einzelnen bestellt, der Mehrgewinn oder die fälschlicherweise sog.

»Kapitalprämie« des Unternehmers oder Organisators sehr wohl verdient ist.

»Der schier unbegreifliche Irrtum aller bisherigen sozialen Schulen«, sagt

=Hertzka= (a. a. O.), »liegt darin, dass sie, um das Anrecht des

Arbeitenden auf den vollen Ertrag zu verteidigen, den Nachweis liefern zu

müssen glaubten, dass Arbeit allein produktiv sei, Unternehmerschaft,

Boden und Kapital aber nicht. Dies könnte nur dadurch geändert werden,

dass der Arbeitende sein eigener Unternehmer, Grundbesitzer und Kapitalist

wird u. s. w.«

Allerdings wollen die Sozialdemokraten für den einzelnen Unternehmer den

Staat, welcher alle Produktionsmittel liefern soll, substituieren. Aber

sie vergessen, dass der Staat dabei ganz denselben Nachteilen unterliegt

oder dieselben Gefahren läuft, wie der Privat-Unternehmer. Der Staat ist

ja kein Zauberer, welcher nur die Wünschelrute zu bewegen braucht, um

Schätze aus den Tiefen der Erde hervorzuzaubern, oder der das christliche

Wunder mit den Broten und Fischen wiederholen könnte, sondern er ist nur

die Gemeinschaft aller Bürger; und was er dem einen giebt, muss er aus der

Tasche des andern nehmen. Nur ein Staat, welcher durch Bodenrente und

Erbschaftsbeschränkung ungewöhnlich grosse Geldmittel in die Hand bekäme,

könnte möglicherweise so weitgehenden Anforderungen gerecht werden. Dazu

kommt, dass der volle Arbeitsertrag, wie ihn die Sozialdemokraten

verlangen, nicht einmal als ein besonders grosses Glück für den einzelnen

Lohnarbeiter angesehen werden könnte. Wenn eine Fabrik, welche einige

hundert Menschen beschäftigt, ihrem Besitzer oder Gründer einen noch so

grossen Reingewinn abwirft, so würde dieser Reingewinn, welcher allerdings

in der Hand des Einzelnen sehr gross erscheint, wenn er gleichmässig unter

alle Arbeiter verteilt würde, die Glücksumstände des einzelnen Arbeiters

nur sehr wenig zu verbessern im Stande sein.

Die Sozialdemokraten wissen so vieles und manches von den nachteiligen

Wirkungen des Klassenstaates und der Klassenherrschaft zu berichten; aber

sie selbst streben eine Klassenherrschaft weitgehendster Art an, indem sie

den industriellen und Fabrikarbeiter zu einer bevorzugten

Gesellschaftsklasse erheben, der alle Kräfte des Staates mehr oder weniger

dienstbar gemacht werden sollen -- wobei sie überdies ganz vergessen, dass

ihre Vorschläge immer nur einem verhältnismässig kleineren Teil der

arbeitenden Bevölkerung zugute kommen, und dass ein sehr grosser Teil

übrig bleibt, welchem durch Beschaffung der sog. Produktionsmittel von

Staatswegen überhaupt nicht zu helfen ist, da sie solcher

Produktionsmittel gar nicht bedürfen. Man denke z. B. nur an die sehr

grosse Klasse der =Dienstboten= und an so viele andre Zweige menschlicher

Thätigkeit, welche sich in jene Schablone nicht einfügen lassen! Überdies

passt jene Schablone, wie bereits gesagt, nur für solche

Fabrikationszweige, welche bereits fix und fertig dastehen und nichts

weiter als Kapital und arbeitender Hände bedürfen, während ihre Anwendung

bei neuen oder in der Entwicklung begriffenen Fabrikationszweigen

mindestens ihre grossen Gefahren oder Unzuträglichkeiten haben müsste.

Wie mit dem Wort »Arbeiter«, so wird auch mit dem. Wort »Proletarier« von

der Sozialdemokratie schreiender Missbrauch getrieben. »Ist es nicht

wahrhaft tragikomisch«, fragt =Backhaus= (a. a. O.) »das Proletariat zur

herrschenden Klasse machen zu wollen? Zu einer =Klasse=, obgleich das

Klassenwesen die Sozialisten und Kommunisten mit grimmigem Hass erfüllt?

Und nun gar zur =herrschenden= Klasse, obgleich sie die Herrschaft keiner

Klasse dulden wollen? Ist es nicht ein unlösbarer Widerspruch, die

höchste politische Macht im Proletariat konzentrieren und alle

Produktionsinstrumente in seinen Händen vereinigen zu wollen? Als ob die

vielen andern Elemente der bürgerlichen Gesellschaft, welche nicht zum

Proletariat, auch nicht zum Proletariat als herrschender Klasse gehören,

einfach nicht da wären oder, wenn als daseiend betrachtet, als willenlos,

gefühllos, kopflos, als lebendig tot angesehen werden könnten....

Jedenfalls könnte das Proletariat als solches diese ihm zugedachte Rolle

nicht durchführen, ohne seiner Eigenschaft als Proletariat verlustig zu

gehen. Denn es könnte doch nur der Ausdruck des Lächerlichen in seiner

höchsten Potenz sein, die Beherrscher der Gesellschaft als »Proletariat«

zu bezeichnen, d. h. als die arme, kümmerlich von der Hand in den Mund

lebende Arbeiterbevölkerung, welche dem Staate nicht mit Geld, sondern nur

mit ihren Kindern dienen kann u. s. w.«

Nein -- der =wahre= Sozialismus will im Gegensatz zu diesem falschen

Sozialismus keine Herrschaft einzelner Gesellschaftsklassen oder keine

Bevorzugung einzelner Berufskreise, sondern eine Befreiung der =ganzen=

Gesellschaft (mit Einschlug auch der =geistigen= Arbeiter, welche oft noch

weit schlimmer daran sind, wie die körperlichen Arbeiter) durch eine

grössere Ausgleichung des Besitzes und der Mittel, mit denen jeder

Einzelne seinen Kampf um das Dasein kämpfen muss. Im Grunde sind wir ja

alle Arbeiter oder sollten es wenigstens sein, mit Ausnahme der

verhältnismässig wenigen, welche von dem aufgespeicherten, Fett ihrer

Vorfahren leben. Wer nicht arbeitet, soll oder sollte auch nicht essen.

Aber dabei soll der einzelne keine Arbeitsmaschine sein, wie im

sozialdemokratischen Staat, sondern seine volle persönliche Freiheit und

Selbständigkeit geniessen. Denn nur dadurch, dass an die Seite der

=politischen= Freiheit auch die =wirtschaftliche= Befreiung gesetzt wird,

kann die Lösung des sozialen Problems gefunden werden. »=Sozialdemokratie=

dagegen bedeutet, wie schon der Name besagt, bloss eine Änderung der

Person des auf sozialem Gebiete Herrschenden; statt der vielen kleinen

Herren soll es einen einzigen geben, das ganze Volk. Gewiss, dieser

alleinige Herrscher würde den kleinen Tyrannen gegenüber den gewaltigen

Vorzug haben, dass er sich das Wohl aller zum Zwecke setzte, während diese

nur auf ihr eigenes Wohl bedacht sind. Aber die Freiheit ist selbst dem

wohlwollendsten Herrscher vorzuziehen u. s. w.« (Hertzka.)

Wenn man alles das bedenkt, so muss man unwillkürlich auf die Vermutung

kommen, dass die ganze sozialdemokratische Bewegung von den Führern mehr

als Mittel zum Zweck, denn als wirkliche Zukunftspolitik betrachtet wird.

Dieselben sind viel zu gescheit oder einsichtig, um nicht den riesigen

Unterschied zwischen friedlicher Sozialreform und gewaltsamer

Sozialdemokratie zu begreifen. Aber sie sind einmal auf dem von

=Marx-Lassalle= angebahnten Wege zu weit vorwärts gegangen, um zurück zu

können, und betrachten die von ihnen beherrschten oder geleiteten

Arbeitermassen gewissermassen als Handhabe für eine spätere Verwirklichung

ihrer Zukunftspläne. In Bezug auf diese im Dunkel der Verborgenheit

schwebenden Zukunftspläne hapert es denn freilich sehr, gewaltig. Man hat

schon sehr häufig an die Führer der deutschen Sozialdemokratie das

Verlangen gestellt, dass sie sich des Näheren über die Art und Weise

auslassen möchten, in welcher sie sich die Gestaltung ihres

sozialdemokratischen Zukunftsstaates vorstellten. Gewiss ist ein solches

Verlangen sehr berechtigt, denn niemand wird so thöricht sein, sich ohne

den dringendsten Anlass in eine Ungewisse Zukunft zu stürzen, wenn er

nicht weiss, dass ihm diese Zukunft Besseres bringen wird als die

Gegenwart. Wer die heutige Gesellschaftsordnung von Grund aus umgestalten

will, hat doch vor allem andern die Verpflichtung, sich ein genaueres Bild

von derjenigen Ordnung zu machen, welche an die Stelle jener gesetzt

werden soll. Mit allgemeinen Versprechungen ist da nicht geholfen, Wenn

die Arbeitermassen dennoch diesen allgemeinen Versprechungen vertrauen und

denen folgen, welche sie ihnen machen, so erklärt sich dieses mit

Leichtigkeit daraus, dass sie von dem an sich sehr berechtigten Gefühl der

Unzulänglichkeit ihrer Lebenslage durchdrungen und bereit sind, jedem zu

folgen, der ihnen Besserung dieser Lage verspricht, ohne sich viel

Kopfzerbrechens über die Art und Weise dieser Besserung und die

Möglichkeit oder Unmöglichkeit ihrer Ausführung zu machen. Da sie nicht

viel zu verlieren haben, so ist ihnen jede Änderung willkommen, bei

welcher möglicherweise ein Gewinn in Aussicht steht. Anders ist es dort,

wo die Aufgabe einer ernsten Prüfung solcher Zukunftspläne gebieterisch an

den Denker und Menschenfreund herantritt. =Aber welche Antwort erhält

derselbe auf seine ==Frage nach der sozialdemokratischen Zukunft?= Dass

man diese Zukunft nicht voraussehen und heute noch nicht sagen könne, wie

sich die Dinge später gestalten würden. Zunächst käme es nur darauf an,

den alten Klassenstaat einzureissen, das übrige werde sich dann schon von

selbst machen. Man könne die Entwicklung der gesellschaftlichen Dinge in

der Zukunft ebensowenig voraussagen, wie man die Entwicklung der

Geschichte voraussagen könne; noch weniger könne man ihr jetzt schon

Gesetze vorschreiben; eines werde sich schon ganz von selbst aus dem

andern entwickeln.

Eine solche Antwort ist freilich sehr bequem, aber in keiner Weise

genügend, und kein verständiger oder aufrichtiger Sozialist kann sich

damit zufrieden geben. Man schüttet ein trübes Glas Wasser nicht aus,

bevor man ein reines vor sich stehen hat, und jedenfalls ist der jetzige

Zustand mit allen seinen Mängeln besser, als die Aussicht auf ein dunkles,

sozialdemokratisches Chaos, von dem niemand sagen kann, ob sich daraus

Gutes oder Schlechtes für die Menschheit entwickeln wird.

Unter solchen Umständen bleibt behufs Beurteilung des sozialdemokratischen

Programms nichts übrig, als sich an dasjenige zu halten, was darüber

offiziell bekannt geworden ist. Eine solche Veröffentlichung liegt vor in

dem auf dem sozialdemokratischen Parteitag in Erfurt (14.-21. Oktober

1891) beratenen und beschlossenen Programm der Partei. Wenn man nun dieses

Programm unbefangen prüft, so findet man sehr bald Grund zu erstaunen

teils über die verhältnismässige Bescheidenheit der darin aufgestellten

Forderungen, teils über das Nichtssagende, Überflüssige oder sich selbst

Widersprechende einzelner derselben. Auch ist das Programm im Grunde noch

ganz nach Marx-Lassalleschen Grundsätzen gemodelt, obgleich man diese

Grundsätze längst als nicht mehr haltbar oder bestimmend erklärt hat.

Was dabei zunächst die in der Einleitung verlangte »Verwandlung des

kapitalistischen Privateigentums an Produktionsmitteln (Grund und Boden,

Gruben und Bergwerke, Rohstoffe, Werkzeuge, Maschinen, Verkehrsmittel) in

gesellschaftliches Eigentum und die Umwandlung der Warenproduktion in

sozialistische, für und durch die Gesellschaft betriebene Produktion«

betrifft, so kann eine solche allgemein hingestellte Forderung ohne

näheres Eingehen in die Einzelheiten einer so durchgreifenden Massregel

kaum mehr als den Wert einer Phrase beanspruchen, -- abgesehen davon, dass

die darin liegende Organisation der gesamten Arbeit von Staatswegen, wie

bereits nachgewiesen wurde, als eine Utopie oder Unmöglichkeit betrachtet

werden muss.

Gehen wir zu den einzelnen Programmpunkten über, so sind dieselben

eigentlich weit mehr politischer, als sozialistischer Natur und

übereinstimmend mit den Forderungen der politischen Demokratie. An erster

Stelle figuriert die schon von =Lassalle= so scharf betonte Forderung des

=allgemeinen Stimm- oder Wahlrechts= -- eine Forderung, welche ja an

solcher Stelle deswegen als überflüssig erscheint, weil sie einmal zum

Teil bereits erreicht ist, und weil sie zweitens mit einer der

bekanntesten und am wenigsten bestrittenen Forderungen der politischen

Demokratie zusammenfällt. Auch muss hier nochmals an die bereits

hervorgehobene Unzuverlässigkeit dieses Rechtes, sowie daran erinnert

werden, dass dasselbe ein zweischneidiges Schwert ist, welches bei seiner

unbehinderten Anwendung ebensowohl =gegen= als =für= die Sozialdemokratie

entscheiden könnte. So lange die jetzige politische, soziale und religiöse

Abhängigkeit der Wählermassen besteht, kann das allgemeine Stimmrecht

nicht einmal als der wirkliche Ausdruck des Volkswillens betrachtet

werden, ganz abgesehen davon, dass dieser allgemeine Volkswille durchaus

nicht immer das Richtige trifft, sondern sich mitunter in den grössten

Gegensätzen bewegt. Braucht man doch zum schlagenden Beweise dessen nur an

das bekannte Plebiszit des dritten Napoleon zu erinnern, welcher

nichtsdestoweniger wenige Jahre später, nachdem er den allgemeinen Hass

der Nation auf sich geladen hatte, mit Schimpf und Schande davon gejagt

wurde. Oder an die Proklamierung der Volkssouveränität in Frankreich im

Jahre 1789, welche während eines ganzen Jahrhunderts nur fortwährend auf-

und abwogende politische Kämpfe zwischen den verschiedensten Meinungen und

Regierungsformen ohne positives Resultat zur Folge gehabt hat! Wenn der

Arbeiter nach der Weisung seines Arbeitgebers, der Beamte nach derjenigen

seiner Regierung, der katholische Wähler blindlings nach dem Kommando

seiner Priester oder Kapläne stimmt, oder wenn der Bauer demjenigen

zujubelt, der ihn durch Anwendung oratorischer oder materieller Mittel für

sich zu gewinnen versteht, wenn endlich das Interesse des Volkes oder der

Wähler selbst an der Wahl ein so geringes ist, dass es nur durch

künstliche Aufstachelung erregt werden kann, so wird man zugestehen

müssen, dass das Resultat einer solchen Wahl oft sehr wenig nach Vernunft

und Gerechtigkeit schmecken wird. Die grosse Masse mit ihrer Unbildung

oder Unwissenheit, ihrer Denkfaulheit, ihrer Unselbständigkeit und

materiellen Abhängigkeit, ihrer Unterwürfigkeit unter Herkommen und

Gewohnheit oder mit ihrer ganzen grobmaterialistischen Weise, zu

denken und zu fühlen, ist das grosse Hemmnis an der Uhr der

Menschheitsentwicklung, welche diese Entwicklung zurückhält und oft die

riesigsten Anstrengungen einer aufgeklärten und für das Wohl der

Menschheit begeisterten Minderheit mehr oder weniger vereitelt.

Das unbegrenzte Vertrauen der Sozialdemokratie in das allgemeine

Stimmrecht für Verwirklichung ihrer Zukunftspläne dürfte daher zum

mindesten als sehr zweifelhaft bezeichnet werden. Wäre dieses aber auch

nicht der Fall, und sollte es gelingen, die Arbeitermassen so unter den

Ruf ihrer Führer zu zwingen, dass diese auf dem Wege des allgemeinen

Stimmrechts die politische Macht in ihre Hände zu bekommen Aussicht

hätten, so würde man, wie bereits bemerkt, seitens der herrschenden

Klassen längst einer solchen Eventualität durch geeignete Massregeln

vorgebeugt oder aber sich auf einen ernsten Konflikt vorbereitet haben.

Also bliebe auch hier wieder nur der Weg gewaltsamer Einwirkung oder der

Revolution, deren Ausgang mindestens sehr zweifelhaft sein und welche

vielleicht oder wahrscheinlich das Gegenteil des von der Sozialdemokratie

Gewollten zur Folge haben würde.

Die zweite der aufgestellten Forderungen verlangt =direkte Gesetzgebung

durch das Volk=, wobei es aber gänzlich unklar gelassen wird, wie man sich

eine solche Einrichtung des näheren vorstellt Vielleicht hat man an die

Schweiz gedacht, wo die Annahme oder Verwerfung wichtiger Gesetzesentwürfe

durch direkte Volksabstimmung entschieden wird. Was aber in der kleinen

Schweiz möglich ist, ist es nicht in grossen Staaten, wo eine solche

Volksabstimmung die grössten Unzuträglichkeiten haben müsste. Auch darf

man nicht vergessen, dass diese Abstimmungen infolge der Dummheit und

Unbildung der grossen Massen oft in sehr reaktionärem Sinne ausfallen und

die wohlthätigsten Reformen vereiteln. In streng katholischen Ländern oder

Gegenden wären davon die schwersten Gefahren für Geistes- und

Gewissensfreiheit, welche hohen Güter doch auf der Fahne der

Sozialdemokratie stehen, sicher zu erwarten.

Der dritte Punkt verlangt =Volkswehr an Stelle der stehenden Heere=. So

berechtigt eine solche Forderung an und für sich ist, so thöricht ist sie

doch unter der Konstellation der augenblicklichen politischen,

Verhältnisse. Für das zwischen zwei grossen, zum Angriff bereiten

Militärmächten eingekeilte Deutschland würde die Erfüllung einer solchen

Forderung der reine politische Selbstmord sein, abgesehen davon, dass die

Vornahme einer so tiefgreifenden Umänderung uns für kürzere oder längere

Zeit in einen Zustand militärischer Schwäche oder Unfähigkeit versetzen

müsste, der uns zur willkommenen Beute unsrer raubgierigen Nachbarn machen

würde.

Was die diesem Programmpunkt angehängte Forderung der Schlichtung =aller

internationalen Streitigkeiten auf schiedsgerichtlichem Wege betrifft=, so

ist diese Forderung diejenige aller aufrichtigen Friedensfreunde, aber für

die Gegenwart leider wie so viele andre sozialdemokratische Wünsche

»verlorene Liebesmüh.«

Der vierte Punkt verlangt mit Recht die Beseitigung aller

polizeilichen Einschränkungen der =freien Meinungsäusserung= und des

=Versammlungsrechtes=. In einem freien oder Volksstaat dürfte sich das so

sehr von selbst verstehen, dass dessen Erwähnung in dem Programm als ganz

überflüssig erscheint.

Der fünfte Punkt verlangt =politische und soziale Gleichstellung der

Frau mit dem Manne=, -- eine Forderung, mit welcher auch

nicht-sozialdemokratische Gelehrte und Schriftsteller vielfach

übereinstimmen, welche also nicht als charakteristisch für das

sozialdemokratische Programm angesehen werden kann.

Dasselbe gilt von dem sechsten Punkt, welcher die so oft von allen

vorgeschrittenen politischen Parteien verlangte und in Amerika längst

durchgeführte =Trennung des Staates von der Kirche= verlangt.

Nicht minder aber auch von dem siebenten Punkt, welcher Weltlichkeit der

Schule und den bereits vielfach eingeführten obligatorischen,

unentgeltlichen =Volksunterricht= fordert.

Der achte Punkt verlangt abermals Dinge, die längst als Forderungen

liberaler Gesetzgebung anerkannt sind, wie Unentgeltlichkeit der

=Rechtspflege=, Berufungsrecht, Entschädigung unschuldig Verurteilter,

Abschaffung der Todesstrafe, Dabei findet sich aber auch die Forderung der

=Rechtsprechung durch vom Volk gewählte Richter=. Das Beispiel Amerikas,

wo diese Einrichtung Korruption und Bestechlichkeit grossgezogen hat,

hätte die Verfasser des Programms von der Einfügung dieses Punktes

abhalten sollen.

=Die Unentgeltlichkeit des ärztlichen Beistandes= (mit Einschluss der

Totenbestattung), welche der neunte Punkt verlangt, mag ihre Vorteile

haben, hat aber andrerseits auch ihre grossen Nachteile. Übrigens ist

durch Einrichtung des Krankenkassenwesens dieser Forderung wenigstens bis

zu einem gewissen Grade bereits Genüge gethan.

Der zehnte Punkt bezieht sich auf die wichtige Frage der =Besteuerung=,

über deren Einzelheiten bekanntlich die auseinandergehendsten Meinungen

bestehen. Im allgemeinen decken sich die sozialdemokratischen Forderungen

in diesem Punkt so ziemlich mit denjenigen aller Fortschrittsfreunde.

An diese zehn Punkte schliesst sich eine Reihe von Forderungen an, welche

speziell »=zum Schutze der Arbeiterklasse=« aufgestellt sind. Dabei muss

denn vor allem wieder der Ausdruck »Arbeiterklasse« Wunder nehmen, da

doch, wie bereits bemerkt, der erbittertste Kampf der Sozialdemokratie

gegen alle Klassengegensätze und gegen den sogenannten »Klassenstaat«

gerichtet ist. Wie lässt sich damit die Aufstellung einer besondern, von

der übrigen Gesellschaft abgesonderten »Arbeiterklasse« vereinigen, unter

welcher, wenn man der Sache auf den Grund geht, doch nur die besitzlosen

Handarbeiter verstanden sein können? Warum sollen diese Handarbeiter eine

besondre Klasse bilden? In einem richtig organisierten Staate sind =alle=

Arbeiter oder sollen es sein, einerlei ob sie mit Hand oder Fuss oder Kopf

oder sonst irgendwie arbeiten; daher ein Gegensatz oder Unterschied

zwischen »Arbeitern« im sozialdemokratischen Sinne und den Übrigen

Staatsangehörigen gar nicht mehr gemacht werden kann. Dennoch verlangt das

sozialdemokratische Programm für seine »Arbeiter« einen besonderen »Schutz

des Staates« und zwar in folgenden Punkten:

An =erster= Stelle steht die bekannte Forderung des =Normalarbeitstages=

von acht Stunden -- eine Forderung, welche bekanntlich nur auf

internationalem Wege mit Erfolg durchgeführt werden könnte und daher, so

lange eine solche Durchführung nicht in Aussicht steht, als utopistisch

bezeichnet werden muss. Dazu kommt, dass die Mehrzahl der Arbeiter selbst

von einer solchen Bestimmung nichts wissen will, da sie darin eine schwere

Beschränkung der persönlichen Freiheit und eine Beeinträchtigung ihres

Verdienstes erblicken, In klaffendem Widerspruch mit dieser Forderung

steht übrigens die durch die Zeitungen bekannt gewordene Thatsache, dass

in den sozialdemokratischen Partei-Druckereien in Berlin und Frankfurt a.

M. ein neun- bis zehnstündiger Arbeitstag besteht. -- Nähere Bestimmungen

beziehen sich auf Verbote der Kinder- und (unnötigen) Nachtarbeit, auf

eine bestimmte Ruhepause und Verbot des Drucksystems, welchen Forderungen

man umsomehr zustimmen kann, als es zur Durchführung derselben keines

sozialdemokratischen Staates bedarf.

Die an =zweiter= Stelle aufgeführten Forderungen beziehen sich teils auf

staatliche Überwachung der gewerblichen Betriebe und gewerblichen

Hygieine, teils auf Errichtung einer Art von Arbeitsministerium. Der

ersten Forderung ist bereits durch Anstellung staatlicher

Fabrikinspektoren in den meisten Kulturländern mehr oder weniger Genüge

geschehen, während sogenannte Arbeitsministerien unsres Wissens bis jetzt

nur in Frankreich eingeführt, in ändern Ländern durch Gewerbs- und

landwirtschaftliche Behörden ersetzt sind.

Der =dritte= Punkt verlangt rechtliche Gleichstellung der

landwirtschaftlichen Arbeiter und der Dienstboten mit den gewerblichen

Arbeitern. Da in einem Rechtsstaat alle Staatsbürger ohne Ausnahme gleiche

Rechte geniessen, so bleibt dieser Punkt ohne nähere Erläuterung unklar.

Der =fünfte= und letzte Punkt, welcher Übernahme der gesamten Arbeiter

Versicherung durch den Staat verlangt, trifft mehr oder weniger mit der

dritten unsrer eigenen sozialreformatorischen Forderungen zusammen und

bleibt nur bezüglich der von uns verlangten obligatorischen Versicherung

für alle Staatsbürger ohne Ausnahme weit hinter derselben zurück.

Darwinismus und Sozialismus: Der Kampf um das Dasein und die Moderne Gesellschaft · 第 4 / 5 段