Mitwirkung der Arbeiter an der Verwaltung« betrifft, so hat sich der
Verfasser des Programms wohl nicht ganz klar gemacht, was er damit sagen
will. »Verwalten« ist etwas ganz anderes und erfordert ganz andre
Fähigkeiten und Kenntnisse, als den Hammer schwingen oder die Nadel
führen; und die Herren Arbeiter werden daher notgedrungen gar nicht anders
können, als diese Thätigkeit ändern, dazu besser befähigten Kräften zu
überlassen. Wie wenig die Arbeiter, wenn sie unter sich sind, im Stande
sind, ihre eignen Angelegenheiten zu verwalten, hat sich ja bei
tausendfaltigen Gelegenheiten gezeigt. Uneinigkeit, Neid, Mangel an
gegenseitigem Vertrauen oder an Geschäftskenntnis, nicht selten
Unehrlichkeit der Führer oder Kassierer, mangelhafte Verwaltung u. s. w.
haben ja bekanntlich die grosse Mehrzahl der von Arbeitern gegründeten
sogenannten Produktiv-Assoziationen alsbald wieder zu Grunde gehen lassen,
während die wenigen, welche sich erhalten konnten, ihren idealen Zweck
ganz aus dem Auge verloren, indem die Gründer und Geschäftsteilhaber sehr
bald in die Klasse der Bourgeois und kleinen Kapitalisten emporstiegen und
die von ihnen beschäftigten Arbeiter nunmehr gerade so als Lohnsklaven
behandelten, wie es die verhassten Kapitalisten und Fabrik-Barone thun.
Man sieht daran recht deutlich, dass den meisten Menschen das
eigene Interesse höher steht, als alles andre, und dass jede
Gesellschafts-Ordnung, welche nicht mit diesem Interesse rechnet und
dasselbe in Einklang mit den Interessen der Gesamtheit zu bringen weiss,
vorerst wenigstens ihr Ziel verfehlt. --
Wirft man nun einen Rückblick auf die hier nach einander aufgeführten
Punkte des sozialdemokratischen Partei-Programms, so wird man bei
vorurteilsfreier Betrachtung nicht umhin können, einzusehen, dass
dieselben mehr oder weniger ohne ernsthaften Hintergrund und in keiner
Weise geeignet sind, das sozialdemokratische Eldorado herbeizuführen. Sie
sind, wie bereits bemerkt, teils unausführbar, teils mehr oder weniger
schon ausgeführt, teils decken sie sich mit längst anerkannten und
teilweis bereits ausgeführten Forderungen des bürgerlichen Liberalismus
oder der politischen Demokratie. Ihre Aufstellung dürfte mehr einem
Bedürfnis der Führer, den von ihnen geführten Massen etwas Positives an
die Hand zu geben, als einem in der Sache selbst liegenden Bedürfnis
entsprungen sein. Das eigentliche Ziel oder die Umwandlung der gesamtem
Waren-Produktion in eine von der Gesellschaft betriebene bleibt dabei
ebenso unbestimmt und nebelhaft, wie vorher, und deckt sich nicht mit dem
weit grösseren und =alle= Gesellschaftsglieder ohne Ausnahme umfassenden
Begriff der »Arbeit« als solcher.
Dagegen ist =mein= Programm der Sozialreform klar, durchsichtig und ohne
Anwendung von Gewalt leicht durchführbar, sobald es gelungen sein wird,
die Mehrzahl der Menschen auf friedlichem Wege von der darin liegenden
Gerechtigkeit, sowie von seiner Nützlichkeit und Notwendigkeit zu
überzeugen. Die Wahl zwischen beiden Wege gesellschaftlicher Befreiung
könnte daher, wie mir scheint, nicht schwer sein.
Übrigens will Verfasser von der Sozialdemokratie nicht Abschied nehmen,
ohne, ihr das Verdienst zuzugestehen, dass sie einerseits durch ihre
Agitation eine grosse und wichtige Menschenklasse auf das Missliche und
Unbefriedigende ihrer Lebenslage aufmerksam gemacht, und dass sie
andrerseits vielfache Anregung zur Besprechung und Inangriffnahme der
sozialen Frage überhaupt gegeben hat. Dieses Verdienst wird auch ohne
Lösung der sozialen Frage im sozialdemokratischen Sinne für Herbeiführung
einer besseren gesellschaftlichen Zukunft seine Früchte tragen.
Sollte sich indessen Verfasser in einer Beurteilung der
sozialdemokratischen Lehren geirrt haben so erklärt er sich gerne bereit,
Belehrung anzunehmen. Ihm gilt es nicht um Beifall, sondern nur um
Wahrheit und Besserung. Denn er hält es mit dem Narren in =Shakespeares=
»Was lhr wollt«, der da sagt: »Je mehr Freunde, desto schlimmer, je mehr
Feinde, desto besser. Denn durch meine Freunde werde ich hintergangen,
während ich durch meine Feinde an Selbsterkenntnis zunehme.« Im Hinblick
auf diesen Gedanken glaubt derselbe die vorstehende Auseinandersetzung
schliessen zu dürfen mit einer Zitation der schönen Worte unsres grossen
Liederdichters =Rückert=:
»Die durch Irrtum zur Wahrheit reisen,
Das sind die Weisen.
Die beim Irrtum beharren,
Das sind die Narren.«
ANMERKUNGEN
1 Die Freiheit des menschlichen Willens, Leipzig 1871.
2 Duisburg 1865.
3 Allen die Erde, Leipzig 1893.
4 Die Sozial Wissenschaft nach der Ethnologie, Paris 1880.
5 Geschichte der Eroberung Perus, Leipzig.
6 Die sozialen Probleme und das Erbrecht. München 1892.
7 Entsprechende thatsächliche Nachweise für diese Behauptung finden
sich in meiner öfter zitierten Schrift über den Menschen (S.
CXXXXI-CXXXXV.)
8 Sozialdemokratie und Sozialliberalismus Dresden und Leipzig 1891.