Alledem wird ein klug angelegtes Erbschaftssteuergesetz, welches das

Erbschaftsamt ermächtigt, die Erbschaften im Namen des Staates mit

Beschlag zu belegen und die Erbschaft, soweit es notwendig und zweckmässig

ist, für die Kinder, im übrigen aber für den Staat zu verwalten, auf die

wohltätigste Weise entgegenwirken. Es wird der übertriebenen Sparsamkeit,

dem Geiz, der Habgier, dem nutzlosen Aufspeichern und der allzu grossen

Anhäufung des Reichtums in den Händen einzelner einen gewissen Damm

entgegensetzen, ohne dabei den Einzelnen desjenigen Antriebs zum Erwerb zu

berauben, welcher in der ersten Sorge für die Nachkommenschaft und in der

Liebe zur Arbeit ruht. Denn, wie Prof. =Hallier=[6] treffend bemerkt, »es

kann kaum etwas Ehrloseres geben, als die Arbeit als eine Last zu

betrachten und sie nicht um ihrer selbst willen hochzuschätzen. Wer gesund

ist und bei guten körperlichen oder geistigen Kräften, für den ist die

Arbeit der höchste Lebensgenuss. Und der Reiche sollte so ehrlos sein,

sich auf die Faulbank zu legen, weil er weiss, dass der Mehrerwerb nicht

zum Verderben seiner Kinder, sondern zum Wohl des Staates, zum Wohl seiner

Mitbürger verwendet wird? Ist jemand mit Glücksgütern gesegnet, so hat er

doppelt und dreifach die Pflicht, sich durch Arbeit dieser Güter wert zu

zeigen. Der Müssiggänger ist ehrlos.«

Im Anschluss an diese schönen Worte darf man die gegründete Hoffnung

aussprechen, das Bewusstsein, dass er mit seiner Arbeit nicht bloss für

sich und die Seinigen, sondern auch bis zu einem gewissen Grade für die

Gesamtheit wirkt, werde erhebend und veredelnd auf den Einzelnen wirken

und damit jenen Zustand vorbereiten helfen, wo das Glück des Einzelnen mit

dem Glück der Gesamtheit zusammenfällt, und wo somit der Einzelne das, was

er auf der einen Seite zu verlieren glaubt, auf der andern wieder mit

Zinsen zurückerhält.

Was meinen dritten und letzten Vorschlag betrifft, so geht derselbe, wie

bereits gesagt, auf Umwandlung des Staates in eine grosse, allgemeine,

solidarisch verbundene =Versicherungsgesellschaft= gegen Alter, Krankheit,

Unfall, Invalidität, unverschuldete Not und Tod. Schon mit dieser einen

Massregel würde der grösste Teil des sozialen Elends mit einem Schlage aus

der Welt geschafft und die kostspielige, oft mehr Schaden als Nutzen

bringende Armenpflege entbehrlich gemacht werden, Es würde keine Elenden

und Verlassenen ohne eigne Schuld mehr geben, und das grosse Prinzip

gesellschaftlicher Gegenseitigkeit würde zur Richtschnur nicht bloss für

einzelne Kreise, sondern für die ganze menschliche Gesellschaft werden.

Die Gesellschaft selbst mit ihren verschiedenen Gliederungen würde dabei

keine Änderung erleiden, sondern gerade so fortbestehen, wie bisher, und

jedem Einzelnen würde gegeben oder geholfen werden je nach seinen

Verhältnissen oder Bedürfnissen, seiner Lebenslage, seiner sozialen

Stellung und nach den Opfern, welche er durch seine Arbeit oder sein

Vermögen zur Erhaltung des Staates bringt oder gebracht hat. Allerdings

wird man entgegnen, dass diese Opfer dadurch nicht vermindert, sondern

wesentlich erhöht werden müssten. Aber eine solche Rücksicht kann nicht in

das Gewicht fallen gegenüber den enormen Vorteilen einer derartigen

Einrichtung, auch würde die Last dadurch, dass sie auf den Schultern aller

Staatsbürger ohne Ausnahme ruht, für den Einzelnen nicht allzuschwer

werden. Man vergesse nicht, welche enormen Opfer jetzt schon von privater

Seite für alle die verschiedenen Versicherungs- und Ersparniszwecke

gebracht, und welche kaum mehr erschwingliche Lasten den Gemeinden durch

die fortwährend steigenden Ausgaben für Armenpflege auferlegt werden. Auch

übersehe man nicht den enormen moralischen Vorteil, welcher darin liegt,

dass jeder in dem Bewusstsein lebt und arbeitet, dass er nicht jeden

Augenblick unverschuldet ein Ausgestossener oder Verlassener der

Gesellschaft werden, oder dass seine Hinterbliebenen nicht die Beute des

Hungers und Elends werden können; man vergesse endlich nicht, dass die

materiellen Opfer, welche der Staat fortwährend zur Abwehr der Verbrechen

gegen Person und Eigentum aufzuwenden genötigt ist, um ein sehr

Bedeutendes reduziert werden müssten. Wenn der Staat, wie dieses z. B, im

Grossherzogtum Hessen geschieht, jeden einzelnen Gebäudebesitzer zwingt,

an einer staatlichen Versicherung seines Besitzes gegen Feuersgefahr

teilzunehmen, und auf diese Weise eine Solidarität aller hausbesitzenden

Staatsbürger gegen Schädigung ihres Eigentums durch Feuer herstellt, warum

soll er nicht das Recht haben, die gleiche Solidarität der Staatsbürger

gegen die weit bedenklichere Schädigung durch Krankheit, Alter,

Invalidität und Tod herzustellen? Und wie leicht und einfach würde eine

solche Maschinerie zu lenken oder zu leiten sein im Vergleich mit den

komplizierten und persönlich belästigenden Gesetzesbestimmungen des

=Bismarck=schen Staatssozialismus, in dem sich kaum ein Rechtsgelehrter

zurechtzufinden vermag.

Immerhin ist es mit Freuden zu begrüssen, dass die Einführung dieses

Staatssozialismus den schlagenden Beweis dafür geliefert hat, dass die

Notwendigkeit einer meinem Vorschlag ähnlichen Massregel in offiziellen

wie parlamentarischen Kreisen genügend anerkannt ist. Nur wird man dabei

leider allzusehr an das bekannte Sprichwort erinnert: »Wasch mir den Pelz

und mach mich nicht nass.« An sich recht verdienstlich, ist dieser

Staatssozialismus doch nur ein schwacher Versuch auf dem Wege sozialer

Reformen und ganz unfähig das soziale Elend als solches zu heben. Ja er

kann insofern gefährlich werden, als er, weil er nicht halten kann, was er

verspricht, zu schädlichen Täuschungen führt und damit radikaleren

Reformen entgegenwirkt. Dasselbe gilt von den vielen

Privatwohlthätigkeitsanstalten gegen Bettel, Trunksucht, Armut,

Arbeitslosigkeit, Wohnungsnot u. s. w., sowie von den Bestrebungen zur

religiösen, sittlichen oder intellektuellen Hebung der unteren

Volksklassen oder zur Hebung der landwirtschaftlichen Kleinbetriebe oder

zur gemeinsamen Beschaffung von Produktions- und Konsumtionsmitteln auf

dem Weg der Selbsthilfe, oder von den Versuchen, das alte Innungswesen

wieder neu zu beleben oder durch Feststellung eines Normallohnes und einer

Normalarbeitszeit die Lage der arbeitenden Klassen zu verbessern, und

dergl. Alle diese Dinge sind, wie =Backhaus= (a. a. O.) richtig bemerkt,

Scheinmittel, Schönheitspflästerchen, welche wohl hier und dort den

Anblick der sozialen Not verbergen oder eine vorübergehende Linderung

herbeiführen, aber in der Tiefe das Übel weiter wuchern lassen.

Ebenso unzureichend wie der Staatssozialismus ist das private

Versicherungswesen und dabei mit so vielen und grossen Nachteilen

behaftet, dass daraus =Bismarcks= Plan zur Verstaatlichung des

Lebensversicherungswesens hervorwuchs, ein Plan, welcher bekanntlich an

dem Widerspruch der Parlamentarier und Manchester-Männer gescheitert ist.

Übrigens ist mein Vorschlag wesentlich verschieden von jenem Plan, da nach

demselben die Versicherung nicht freiwillig, sondern obligatorisch für

jeden Staatsbürger sein soll, je nach dessen Stand, Vermögenslage oder

Arbeitsverdienst. Sollten die Staatseinkünfte für den beabsichtigten Zweck

nicht ausreichen (was bei Annahme meiner beiden ersten Vorschläge kaum

denkbar wäre), so müsste der Versicherungsbeitrag als Steuer erhoben

werden, so lange der Versicherte arbeitsfähig ist.

Die Ausführung weiterer Einzelheiten würde auch hier wieder zu weit

führen. Ich erlaube mir daher auf einen im zweiten Band meiner Schrift

»Aus Natur und Wissenschaft« enthaltenen Aufsatz über die Übernahme des

Lebensversicherungswesens durch den Staat zu verweisen.

Dieses sind die Grundzüge der von mir in Vorschlag gebrachten

=Sozialreform= im Gegensatz zu derjenigen der =Sozialdemokratie=, einer

Reform, welche selbstverständlich nur auf =friedlichem= Wege durchgeführt

werden soll und kann, und zwar nur durch Gewinnung einer grösseren Zahl

einflussreicher Männer auf dem Wege allmähliger Überzeugung.

Zwar versichert uns die Sozialdemokratie ebenfalls, dass sie nur auf

friedlichem Wege ihr Ziel zu erreichen wünsche; aber dieses dürfte doch

nur eine Klugheits-Versicherung sein. Schon das Wort »Demokratie« deutet

auf Volksherrschaft und damit auf eine Umwälzung der politischen

Verhältnisse, Ehe ich indessen auf nähere Darlegung des wichtigen

Unterschiedes von =Sozialreform= und =Sozialdemokratie= eingehe, bedarf es

vorher der Bemerkung, dass meine Vorschlage gar nichts mit Kommunismus zu

thun haben. Ich beabsichtige weder eine Aufhebung des Privateigentums,

noch eine Beschränkung der persönlichen Freiheit, sondern ganz im

Gegenteil eine grössere Entfaltung oder Entwicklung der letzteren durch

Entfernung der den Einzelnen hemmenden Schranken im Kampfe um das Dasein,

sowie dadurch, dass im Notfall die Ergreifung der hilfreichen Hand des

Staates jedem offen steht, letzteres nicht als ein Almosen, sondern als

ein durch geleistete Arbeit erworbenes Recht. Wer unter solchen Umständen

und bei freier Bahn für Entfaltung seiner Kräfte nichts leistet, der

verdient sein Schicksal. Er geht nicht an den Umständen oder an der

Ungerechtigkeit der Gesellschaft, sondern an sich selbst zu Grunde.

Zwar ist der Kommunismus an sich durchaus nicht etwas so Schreckliches und

Monströses, wie sich die meisten Menschen vorzustellen pflegen. Man kann

sich, wie bereits bemerkt, sehr wohl einen Staat auf kommunistischer

Grundlage vorstellen, in welchem alles Besitztum gemeinsam und die Arbeit

ganz freiwillig sein würde -- vorausgesetzt, dass die durch lange Jahre

und entsprechende Gesellschaftszustände grossgezogenen egoistischen Triebe

und Neigungen der menschlichen Natur sich in altruistische umgewandelt

hätten, was natürlich nur sehr langsam und allmählich geschehen könnte.

Auch sind durchaus nicht alle bis jetzt bekannten kommunistischen Versuche

misslungen, und da, wo sie misslungen sind, ist dieses oft weniger Folge

innerer Unmöglichkeit, als vielmehr des Drucks äusserer ungünstiger

Umstände inmitten einer auf ganz anderen Grundlagen aufgebauten

Gesellschaftsordnung gewesen.[7] Besteht doch schon im jetzigen Staats-

und Gemeindeleben eine nicht geringe Menge kommunistischer Einrichtungen,

die sämtlich, wenn die einseitige und engherzige Manchester-Doktrin

richtig wäre, mehr oder weniger ausgemerzt werden und der fast immer

unzureichenden Privatthätigkeit überlassen bleiben müssten. Man denke nur

an die Steuern und deren mannigfache Verwendung zu Zwecken des

Gemeinwohls, an die Staatsschulden, an denen jeder Einzelne partizipiert,

an die Militärpflicht, welche jeden Einzelnen nötigt, selbst Leben und

Gesundheit im Interesse der Gemeinschaft aufzuopfern, an die sog.

Expropriationsgesetze, an das vom Staat auf öffentliche Kosten, geleitete

Unterrichtswesen und an den Schulzwang, an Eisenbahnen, Strassen und

öffentliche Bauten, an Staatsposten und Staatstelegraphen, an das

öffentliche Gesundheitswesen, an Gemeinde-Versorgung und Armenpflege, an

staatliche Massregeln zur Hebung der Landwirtschaft, an die staatliche

Beaufsichtigung von Fabriken, Bergwerken, Banken, Häuserbau u. s. w., an

öffentliche Brunnen, Museen, Bibliotheken, Promenaden, Versorgungshäuser,

Hospitäler u. s. w. Alle diese Dinge, jede Besteuerung der Bürger von

Staats- und Gemeindewegen zu andern Zwecken, als Polizei, Rechtspflege und

Militär, also für den Schutz des Individuums nach innen und aussen, sind

mehr oder weniger sozialistische oder kommunistische Einrichtungen, welche

der Manchester-Doktrin, die in dem Staat nur eine Polizei-Anstalt zur

Sicherung von Person, Eigentum und öffentlicher Sicherheit erblickt, also

denselben gewissermassen die Rolle eines bezahlten Schutzmannes spielen

lässt, direkt zuwiderlaufen.

Aber alles dieses hindert nicht, dass zur Zeit eine noch so starke und

allgemeine Abneigung der Menschen gegen jede Art kommunistischer

Staatsgestaltung besteht, dass jedes weitere Wort darüber als überflüssig

erscheint. Es müssten erst, wie gesagt, lange Jahre des Altruismus und

Kollektivismus vorausgegangen sein, um dieser Abneigung einigermassen Herr

werden zu können.

Einstweilen muss es genügen, wenn man im Stande sein wird, an der Hand der

von mir gemachten Vorschläge eine grössere Ausgleichung zwischen Staats-

und Privatbesitz oder zwischen den Interessen des Einzelnen und denen der

Gesamtheit herbeizuführen. Es ist dasselbe Programm, welches der berühmte

National-Ökonom =Schäffle= in seiner »Quintessenz des Sozialismus«

aufgestellt hat, indem er diese Quintessenz in der =Ersetzung des

Privatkapitals durch das Kollektiv-Kapital= findet. Auch stimmt es im

wesentlichen mit dem erweiterten Programm, welches =Bebel= in seiner

Schrift über »die Frau« für den Sozialstaat der Zukunft voraussetzt, wenn

er verlangt, dass die Begriffe von Staat und Gesellschaft sich künftighin

decken, und dass der heutige Gegensatz zwischen sozialer und politischer

Organisation verschwinden solle.

Die Wohlthätigkeit einer solchen Einrichtung oder einer Versöhnung

zwischen Einzel- und Gesamt-Interessen kann nicht besser deutlich gemacht

werden, als durch eine Vergleichung des staatlichen Organismus mit den

Einrichtungen des tierischen oder menschlichen Organismus. Hier findet

eine fortwährende Strömung der Lebenssäfte von der Peripherie nach dem

Zentrum und umgekehrt von dem Zentrum nach der Peripherie statt. Je

lebhafter und ungehinderter diese Strömung vor sich geht, um so besser ist

der Stand der Gesundheit und des Wohlseins, während Stockungen dieses

Säfteaustausches an einzelnen Stellen des Körpers Krankheit und Verderben

herbeiführen.

Ebenso verhält es sich im Staat und in der menschlichen Gesellschaft,

welche sich um so wohler befindet, je lebhafter der Austausch und

Ausgleich zwischen Privat- und Gesamtleistung ist. Die grossen

Privatvermögen gleichen den Eiterbeulen oder Blutstockungen, welche, indem

sie sich an einzelnen Stellen festsetzen, den beschriebenen Austausch

stören und verderblich auf den Gesamt-Organismus zurückwirken. Durch die

Wirkung meiner Vorschläge wird eine solche Störung ferner nicht mehr

möglich sein. Denn sie bewirken ein fortwährendes Zurückströmen des

Privatbesitzes in den Besitz der Gesamtheit und von da wieder eine

Verteilung nach der Peripherie oder unter die Einzelnen. Die grosse

Staatskasse muss gewissermassen das Herz des staatlichen Organismus

bilden, welches einerseits seinen befruchtenden und ernährenden Inhalt

durch zahllose Kanäle in die Organe und Gewebe des staatlichen Körpers

treibt und denselben andrerseits aus ebensovielen Kanälen und Adern wieder

an sich saugt. Ohne das verhasste kommunistische »Teilen« wird

gewissermassen in jedem einzelnen Augenblick »geteilt« und ein Zustand

hergestellt, in welchem das schöne, bereits öfter zitierte Wort »einer für

alle und alle für einen« zur Wahrheit wird.

»Der Heimfall aller Güter an den Staat nach dem Tode ihrer Erwerber«, sagt

M. =Nordau= (a. a. O.) »schafft ein nahezu unerschöpfliches gemeinsames

Vermögen, =ohne den individuellen Besitz aufzuheben=. Jedes Individuum hat

dann ein Eigen- und ein Gesamt-Vermögen, wie es einen Tauf- und einen

Familien-Namen hat.... Indem das Individuum für sich arbeitet, arbeitet es

zugleich für die Gesamtheit, welcher eines Tages der ganze Überschuss

seines Erwerbs über den Verbrauch zu gute kommen wird. Das Gesamtvermögen

bildet das ungeheure Sammelbecken, welches aus dem Überfluss der einen dem

Mangel der andern abhilft und nach jedem Menschenalter die immer wieder

entstehenden Ungleichheiten in der Güterverteilung ausgleicht, welche

Ungleichheiten die Vererbung im Gegenteil fixiert und mit jeder Generation

schroffer macht.«

Ganz verschieden von diesem, auf friedlichem Wege durchzuführenden

Programm der =Sozialreform= ist dasjenige der =Sozialdemokratie=, welche,

wenigstens in Deutschland, zur Zeit an der Spitze der ganzen

sozialistischen Bewegung steht und die offen ausgesprochene Hoffnung

nährt, Staat und Gesellschaft mit der Zeit in ihrem Sinne umwandeln zu

können, Diese Hoffnung ist eine trügerische und wird es auch wohl bleiben.

Der Hauptvorwurf, den man der Sozialdemokratie machen kann und machen

muss, ist der, dass sie den Begriff der Sozialreform und der sozialen

Frage überhaupt viel zu enge fasst. Denn sie macht aus der grossen

Gesellschaftsfrage, welche die ganze Menschheit zu umfassen hat, eine eng

begrenzte =Arbeiterfrage=, welche obendrein, wenn man die Sache bei Licht

betrachtet, nur eine bestimmte Klasse von Arbeitern umfasst. Die

allgemeinen Menschheitsrechte und Menschheitsinteressen schliessen

selbstverständlich auch die Rechte und Interessen der Arbeiter ein,

während nicht das Umgekehrte der Fall ist und die Rechte und Interessen

der Arbeiter (im engeren Sinne) nicht die allgemeinen Menschheitsrechte

einschliessen. Auch die Hoffnung der Sozialdemokraten, dass sie, zunächst

und aus praktischen Gründen von den Interessen und Rechten der

handarbeitenden Klassen ausgehend und auf dieselben gestutzt, mit der Zeit

dahin kommen werden, auch die allgemeinen Menschheits-Interessen in

Angriff zu nehmen oder die grosse soziale Frage zu lösen, dürfte, wie noch

näher gezeigt werden wird, eine sehr illusorische sein.

Der eigentliche Vater der heutigen Sozialdemokratie ist =Ferdinand

Lassalle=, welcher durch sein Auftreten im Beginn der sechziger Jahre die

damals fast überall sich bildenden Arbeiterbildungsvereine und die nach

=Schulze=-Delitzsch'schem Muster errichteten Konsum-, Rohstoff- und

Vorschuss-Vereine mit einem Schlage zu Fall und durch seine Versprechungen

künftiger Seligkeiten die Masse der Arbeiter auf seine Seite brachte. Auch

wird er neben =Karl Marx=, welcher als der geistige Vater der ganzen

Bewegung anzusehen ist, immer noch von der Masse der Sozialdemokraten als

eine Art Apostel oder Heiliger verehrt, obgleich seine Theorien längst als

falsch erkannt und selbst von der heutigen Schule der Sozialdemokratie

mehr oder weniger verlassen sind. Insbesondere hat sich seine grosse

Hoffnung auf das allgemeine Stimmrecht, vermittelst dessen, wenn einmal

eingeführt, er alle seine Pläne zu erreichen hoffte, als durchaus

illusorisch erwiesen. Wir sind in Deutschland bereits seit über zwanzig

Jahren im Besitze des allgemeinen Stimmrechts oder des allgemeinen,

gleichen, direkten und geheimen Wahlrechts für die Wahlen zur obersten

Vertretung des deutschen Volkes oder des Reichstags. Und was ist während

dieser langen Zeit mit Hilfe einer bis dahin unerhörten Agitation von den

sozialdemokratischen Führern erreicht worden? Dass ein verhältnismässig

kleines Häuflein ihrer Anhänger, welches allerdings durch Rührigkeit und

Talent die schwache Zahl einigermassen wett macht, Sitz und Stimme im

deutschen Reichstag erlangt hat, während sich z. B. der Einfluss der

=katholischen= Wahlleitung mehr als dreimal so stark erwiesen hat.

Allerdings hat sich die sozialdemokratische Partei neuerdings mit aller

Macht auf den Versuch geworfen, ihre Agitation auf das Land zu Übertragen

und die grosse Masse der ländlichen Bevölkerung, welche ja bei allgemeinen

Wahlen in der Regel den Ausschlag giebt, für sich zu gewinnen. Aber man

kann fast mit Bestimmtheit voraussagen, dass dieser Versuch bei dem

überwiegend konservativen Sinn der Landbevölkerung und deren politischer

Apathie scheitern wird. Sollte dieses aber nicht der Fall sein und sollte

der von den Sozialdemokraten gehoffte Erfolg wirklich früher oder später

eintreten oder auch nur in Aussicht stehen, so würden die besitzenden und

im Besitze der Gewalt befindlichen Klassen der Gesellschaft langst dafür

gesorgt haben, dass eine solche Umänderung oder Einschränkung des

allgemeinen Wahlrechts, die ein derartiges Resultat unmöglich machen

würde, eingetreten wäre. Es ist ein sehr naiver Glaube der

Sozialdemokraten, dass sich die herrschenden Klassen der Gesellschaft an

der Hand des allgemeinen Stimmrechts einfach den Hals würden zudrehen

lassen; denn niemand lässt sich gutwillig abschlachten. Daher die

Durchführung des sozialdemokratischen Programms schliesslich nur durch

=Gewalt= möglich sein würde. Aber selbst in diesem Falle würde eine solche

Herrschaft unmöglich von langer Dauer sein, da eine Beherrschung der

Bildung durch die Unbildung ein Unding und nur zeitweise möglich ist.

Schon der griechische Philosoph =Xenophanes= hat den beherzigenswerten

Ausspruch gethan: »Besser als die Stärke von Männern und Rossen ist die

Einsicht.«

Dazu kommt, dass eine Organisation der gesamten Arbeit von Staatswegen,

wie sie die Sozialdemokratie anstrebt, eine reine Utopie ist und immer

eine solche bleiben wird. Die menschliche Arbeit in ihrer Gesamtheit ist

ein viel zu kompliziertes und mannigfaltiges, durch das Verhältnis von

Angebot und Nachfrage beherrschtes Räderwerk, als dass sich dasselbe auf

büreaukratische Weise beherrschen oder regeln liesse. Wollte man eine

solche Beherrschung dennoch durchführen, so würde und müsste daraus eine

unerträgliche Büreaukratie und Tyrannei und eine Beschränkung der

persönlichen Freiheit resultieren, welche zehnmal schlimmer wäre, als die

gegenwärtige Beschränkung durch den monarchisch-büreaukratischen Staat,

Der grosse amerikanische Bodenbesitz-Reformator =Henry George=, dem gewiss

niemand eine tiefe Einsicht in nationalökonomische Verhältnisse abstreiten

wird, nimmt keinen Anstand, eine solche Organisation der Arbeit von oben

herab geradezu als »egyptische Despotie« zu bezeichnen.

In gleicher Weise nennt der entschiedene Sozialist =Th. Hertzka=[8] die

»Tyrannei einer solchen Arbeitsordnung unerträglich« und Freiheit und

Gerechtigkeit unvereinbar mit dem »unerhörtesten Zwange, der jemals geübt

worden ist.« Dazu wäre die in solcher Weise geübte soziale Gerechtigkeit

der »Tod alles Fortschritts und aller Zivilisation, In einer Gesellschaft,

in der alles arbeiten muss, um nur auskömmlich satt zu werden, könnte es

keine Wissenschaften, keine Künste, keine Freiheit und kein Glück geben.«

Wer kennt nicht =Eugen Richters= sozialdemokratische Zukunftsbilder? Es

mag darin manches verzeichnet oder falsch aufgefasst oder übertrieben

sein; aber im grossen und ganzen ist doch der unerträgliche Zustand, der

die Folge einer solchen büreaukratischen Beherrschung der Arbeit sein

müsste, richtig und wirkungsvoll gekennzeichnet. Die Sozialdemokraten

werden zwar das alles nicht Wort haben wollen; aber solange sie sich nicht

deutlicher als bisher über die Art und Weise erklären, wie sie sich ihren

Zukunftsstaat vorstellen, müssen sie sich derartige Imputationen schon

gefallen lassen.

Darwinismus und Sozialismus: Der Kampf um das Dasein und die Moderne Gesellschaft · 第 3 / 5 段