Cäcilie Ehrhardt war als Zwischendeckspassagier ausgewandert.
Freilich, eine fatale Woche. Sie, die sonst wenig Sinn für poetische Werke
hatte, hielt sich in diesen zehn Tagen immer wieder das Shakespeare'sche
Wort vor die Seele: »Die Stunde rollt auch durch den schwersten Tag.« Es
wurde ihr Leitstern, beinahe ihr Halt dieses Wort: »Die Stunde rollt auch
durch den schwersten Tag.«
Weiber und Kinder, die viel schwächer waren wie sie, ertrugen diese
Ueberfahrt in diesem Raume. Sie glaubte wohl etwas Besseres zu sein wie
diese, weil sie ein höheres Streben besaß, aber gerade deßhalb hielt
sie sich auch für berufen zu zeigen, wie man Widerwärtigkeiten und
Unbequemlichkeiten erträgt.
Die Mitreisenden schämten sich zu wimmern und zu jammern, dieser
Frauengestalt gegenüber, die mit stiller Resignation fast heiter sich
zwischen ihnen bewegte, zufrieden mit einem Winkel zum Ausruhen, mit einer
Brodrinde zum Essen.
Schließlich landete man in der Heimath der Freiheit, und Cäcilie Ehrhardt
bekam Gelegenheit, sich zu überzeugen, daß auch in Amerika eine hübsche
Tochter reicher Eltern glattere Wege vor sich sieht, als eine arme geistige
oder körperliche Arbeiterin.
Sie that die nöthigen Schritte, um zum Studium zugelassen zu werden. Ein
Beamter der Universität, ein ruhiger Geschäftsmann empfing sie.
»Ich halte es für meine Pflicht, Sie auf einige statistische Thatsachen
aufmerksam zu machen, mein Fräulein,« begann er.
»Ich bitte darum, Mr. Schäffer.«
Er las ihr nun einen kürzlich veröffentlichten Bericht des Rectors der
Genfer Universität vor, wonach von 215 Frauen, die Medicin studirten,
nur 25 es bis zum practischen Arzte gebracht haben und auch von diesen nur
wenige zu einer auskömmlichen Praxis.
»Was glauben Sie wohl, mein Fräulein,« fragte Herr Schäffer, »in
welchem Abgrunde die übrigen 195 gescheitert sind?«
»In dem Abgrunde ihrer Mittelmäßigkeit,« antwortete sie kalt.
Ein prüfender Blick glitt über das breite, gelbe Gesicht des häßlichen
Mädchens. Wäre Cäcilie hübsch gewesen, so hätte der fromme Mann jetzt
vielleicht seinen Arm um sie gelegt und gesagt: »Laß doch gut sein,
süße Krabbe, es giebt ja noch ganz andere Wege, um zu etwas zu kommen.«
Er rühmte sich mehrerer derartiger »Bekehrungen«. Aber Cäcilie Ehrhardt
war nicht hübsch, durchaus nicht hübsch.
Ein paar kluge, graue Augen funkelten hinter schwach geschliffenen
Brillengläsern. Höchst unangenehme, scharfe, forschende Augen. -- Herr
Schäffer fühlte gar keine Neigung, irgend eine Prüfung vor diesem Blick
zu bestehen. In gleichgültigem Nachgeben kam er ihren Wünschen entgegen.
Den Befähigungsnachweis zum Besuche der Universität bestand sie
glänzend, so ließ man sie zu -- du lieber Gott, eine Ueberspannte,
Emancipirte mehr als bisher. --
Mit einer Arbeiterin, die Tags über in einer Fabrik Cigarren wickelte,
miethete sich die Studentin zusammen in einer Dachkammer ein. Die
Mitbewohnerin war nur in der Nacht da, so störte sie wenig.
Cäcilie verlangte für sich das Recht, so lange, wie sie wollte, Abends
Licht zu brennen. Da hatte die Andere nichts dagegen; sie ihrerseits
verlangte gar nichts.
Aber das war nur Schein. Schon nach wenigen Tagen brachte Henriette
Abends einen Kameraden mit aus der Fabrik, und Beide profitirten von der
Studirlampe der Anderen.
Was das für ein Lachen und Kichern, für ein Küssen und Liebkosen war
-- gräßlich -- Cäcilie Ehrhardt wußte sich nicht anders zu helfen, als
einen Ofenschirm neben sich zu stellen und sich so zu isoliren.
Das zärtliche Liebespaar aber sah mit innigem Mitleid auf die einsam
Arbeitende hin.
Schließlich ließ Charley sich durch sein gutes Herz hinreißen, ihr ein
höchst eigenthümliches Anerbieten zu machen.
Mit Henriette im Arm stellte er sich neben Cäciliens schützende
Schirmwand und trug ihr stockend und zagend vor, in seiner Fabrik da wäre
ein Werkführer, der wäre Wittwer, hätte auch ein paar Kinder, aber doch
wohl ein ganz annehmbarer Mann, der eine brave, fleißige Frau gerne nehmen
würde. Nun könne sie, Fräulein Ehrhardt, ja am Ende keinen verliebten
Jüngling beanspruchen, wäre vielleicht auch schon ein bischen darüber
hinaus, aber doch -- sozusagen --
Cäcilie begriff. Einen Mann -- aus Gnade und Barmherzigkeit bot man ihr,
der Tüchtigen, Häßlichen, einen Mann an, der nicht Liebesgetändel
suchte, sondern der eine thätige Frau brauchte!
Die _erste_, vielleicht im Leben die einzige Möglichkeit für sie, den
Beruf der Frau als Gattin und Mutter zu finden! --
Die gesellschaftliche Zumuthung, daß man ihr, der Tochter des
Medicinalrathes Erhardt anbot, einen Fabrikaufseher zu heirathen, die
verletzte sie nicht. Was mochten die Liebesleute dem guten Manne von ihr
vorphantasirt haben! Aber sie fühlte den Beruf zur Gattin und Mutter nicht
in sich. -- Es ist doch auch nicht jeder Mann geeignet, Vaterpflichten zu
übernehmen, und nicht jedes Weib für Mutterpflichten geschaffen.
Sehr kurz, sehr kalt lehnte sie ab, auf's Innigste bedauert von dem jungen
Paare, das nichts Anderes kannte, als seine Liebe.
Ihr Leben war aber furchtbar hart auf diese Weise, denn in den ersten
beiden Jahren ihres Studiums machte das Arbeitspensum, das sie zu erledigen
hatte, es ihr unmöglich, sich irgend einen Erwerb zu suchen.
Sie mußte leben wie eine Arbeiterin, schlechter wie eine solche, wenn sie
zum Ziele kommen wollte.
Henriette und Charley amüsirten sich Sonntags, aßen und tranken wie
Kinder, die plötzlich Geld bekommen haben und nicht wissen, wo sie es
lassen sollen. Sie sprachen täglich von ihrer Hochzeit und heiratheten
nie.
Cäcilie lebte Sonntags nicht besser wie Werktags und nahm nichts von dem
an, was die Anderen ihr anboten.
Die arme Person!
Was das Leben wohl für einen Werth haben soll, wenn man es garnicht
genießt! --
So philosophirte das Liebespaar; Cäcilie aber arbeitete weiter allein,
immer allein.
An keinen Menschen in Deutschland hatte sie geschrieben, keiner an sie.
Sie war wie todt für die Welt.
In Universitätskreisen hatte sie auch keinen Anschluß gefunden, keinen
gesucht.
Die jungen Studenten amüsirten sich wie Kinder über die paar häßlichen
Mädchen, die mit wahrem »Biereifer« die Vorträge nachstenographirten,
um sie zu Hause auszuarbeiten. Cäcilie war von diesen die eifrigste. Sie
versäumte keine Vorlesung -- sie arbeitete immer, immer.
Arbeiten und darben! Für die Blüthe einer Jungfrau ist das nicht grade
günstig.
Mädchen blühen auf wie Maienrosen, tändeln, lachen und finden ihre
letzte Entfaltung, ihr süßestes Geben erst in dem Verkehr mit dem Manne,
in dem Widerstreben und Hinneigen seiner Werbung gegenüber und dann im
Gewähren.
Bete und arbeite! Keusche Mädchen blühen auf wie Lilien, dienen dem
Nächsten und geben sich in süßer Schwärmerei ihrer Gottheit.
Cäcilie achtete die Gottheit, soweit ihr deren Cultus vernünftig und
zweckmäßig erschien. Sie achtete auch den Mann, wenn sie ihn streben,
arbeiten, nützen sah, aber sie dachte nicht daran, sich selbst zu geben,
weder Gott noch den Menschen.
Wer hätte denn wohl auch den Wunsch gehabt, sie zu besitzen!
Sie sah nichts vor sich, als die Nothwendigkeit, Andere bei Seite zu
schieben, um für sich selbst Platz zu gewinnen.
In der Ferne, in gar nicht allzuweiter Ferne sah sie die Möglichkeit, daß
sie einmal nicht mehr arbeiten würde, um zu leben, sondern um zu nützen.
Nicht sich selbst -- Andern, das war ihre Religion und ihre Liebe. Das
richtete sie auf, wenn sie in schwachen Stunden sich fragte: Wozu? -- wozu
dieser Kampf, diese Arbeit, dieses Entbehren? --
Sie hörte auf, ein Weib zu sein und konnte doch kein Mann werden. Ein
unhaltbares trostloses Wesen! Aeußerlich wenigstens, innerlich blieb sie
jungfräulich keusch, nur vielleicht ein wenig zu herb. --
Sie sah Andere neben sich untergehn. Mit derselben Gluth, wie sie, hatten
sie angefangen, aber sie hatten nicht dieselbe Ausdauer gehabt.
Ein Mann drängt sich in die Gedankenwelt, in das Innenleben des
Mädchens. -- Ein kurzes Widerstreben, ein kurzes Gewähren und dann die
Erkenntniß! --
Die Erkenntniß war, wo sie auch hinblicken mochte immer das Ende des
Genusses.
Nach der Erkenntniß kam, wie bei dem ersten Menschenpaare, der ewige
Fluch: Mit Schmerzen sollst Du ihm Kinder gebären. --
Viele junge Studentinnen mußten die Universität verlassen. Sie versanken
in einem Abgrund, dessen Tiefe dem guten Herrn Schäffer so räthselhaft
schien.
Andere verirrten sich in die Politik. »Gleichheit, Gleichheit« -- was
sollen wir darben, wenn Andere genießen dürfen?
Anstatt eine vernünftige, mit logischer Folgerichtigkeit und
Nothwendigkeit sich vollziehende gesellschaftliche Umwälzung abzuwarten,
stürmten und drängten sie dem Anarchismus entgegen.
Sie vergaßen, daß sie doch selbst persönlich danach strebten,
die Zugehörigkeit zu einem Stande zu erlangen, der seinerseits den
privilegirten höheren, den sogenannten »besseren Ständen« sich
zurechnete.
Sie gingen unter -- der geheimnißvolle, unergründliche Abgrund nahm sie
auf.
Die Reihen lichteten sich, dem Ziel strebten nur noch Wenige entgegen, aber
Cäcilie Ehrhardt war unter ihnen.
Einmal fühlte sie sich krank. Der vom Vaterhause her an bessere Kost
gewöhnte Körper versagte, als ihm bei dauernder geistiger Anspannung, bei
nie unterbrochener Arbeit stets nur solche Speisen zugeführt wurden, die
zu einer geeigneten Ernährung nicht ausreichend waren.
Cäcilie empfand nach und nach einen kaum zu überwindenden Widerwillen
gegen die billigen groben Nahrungsmittel, zu denen sie sich zwang, so lange
sie von dem Gelde leben mußte, das sie nach Amerika mitgebracht hatte.
Mit eiserner Willenskraft überwand sie diese Abneigung, berechnete genau,
wieviel Eiweiß, wieviel Zucker, Stickstoff etc. ihr Körper täglich
bedürfe, wog das Betreffende ab und schluckte es widerstrebend hinunter.
Ihre Magennerven lieferten ihr bald den Beweis, daß der menschliche
Körper keine chemische Retorte ist.
Todtelend, fiebernd blieb sie eines Tages auf dem harten schmalen Bette in
ihrer Dachkammer liegen, und die gute Henriette stand händeringend dabei.
Ohne sich die Sache wissenschaftlich erklären zu können, fühlte die
Arbeiterin heraus, daß ihr »Fräulein« sich wohl erholen würde, wenn
sie sich einmal erlaubte, gut zu leben.
Sie holte ein ordentliches Stück Braten aus einem benachbarten Restaurant
und besorgte auch Wein.
Cäcilie konnte nicht widerstehn, mit der Gier des Verhungernden griff
sie nach den Nahrungsmitteln, deren Genuß sie an das Elternhaus, an die
Heimath erinnerte.
Und dann, als sie zum ersten Male seit langer langer Zeit mit Behagen,
fast mit Genuß gegessen hatte, regte sich in ihr auch das Gemüth -- die
Nerven, wie sie meinte.
Sie gedachte des fernen Bruders, ihrer Einsamkeit und Verlassenheit. --
Liebe -- es gab überhaupt nichts, was sie an Liebe hätte gemahnen mögen.
Weinend, seit ihrer Kinderzeit zum ersten Mal weinend, sank das starke
Mädchen zurück auf das dürftige Bett.
Henriette kniete neben ihr nieder und betete, daß doch das Fräulein, das
immer so gut war und sie niemals störte, vor Krankheit und Elend bewahrt
bleiben möchte.
Krankheit -- für den sorglos lebenden Menschen ist das oft ein Segen. --
Die Ruhe, zu der der Körper gezwungen ist, leitet den Geist zu innerer
Einkehr und stiller Vertiefung. Ein süßes weiches, von leichter
Traurigkeit überhauchtes Erinnern an diese Periode des Lebens, bleibt oft
von einer Krankheit zurück.
Bei dem Armen stellt sich das Bild ganz anders dar. Die Krankheit ist
ein Dämon, der dem Kämpfer die Waffe aus der Hand nimmt und ihn wehrlos
niederstreckt. Krank werden heißt untergehn. -- Der machtvoll vorwärts
Strebende wird gezwungen, demüthigendes Almosen zu empfangen; die
Ersparnisse werden verzehrt; die darauf begründeten Zukunftshoffnungen
sind abgeschnitten. Niemand kann es dem erkrankten Armen ersparen, die
Seinigen darben und, wenn es lange dauert, untergehn zu sehen.
Cäcilie sah sich am Rande desselben Abgrundes, über den sie einst so
unnachsichtlich hart geurtheilt hatte. Wenn eine Krankheit den Rest ihres
Besitzes verzehrte, so war sie verloren.
Sie machte sich das klar und in unbestimmter Hoffnung auf irgend einen
Erwerb fing sie an, besser zu leben.
Es mußte sein; mit unsäglicher Bitterkeit wurde ihr hier an diesem
untergeordneten Punkte die Grenze der menschlichen Willenskraft klar.
Sie erreichte es, nicht krank zu werden. Nur einen Tag lag sie in dem
ärmlichen Bette, von der Gefährtin, die sofort ihre Fabrikarbeit
aussetzte, mit Liebe gepflegt. Es war, als ob ein Keulenschlag sie
niedergeworfen hätte. Sie konnte den Kopf nicht aufheben, nicht lesen,
nicht arbeiten, nicht denken, nicht einmal schlafen. Nur liegen und
ausruhn.
»Du sollst den Feiertag heiligen!«
Dieser eine Krankheitstag war für sie wie ein Feiertag, ein von der Natur
ihr aufgezwungener Tag der Ruhe.
Sie wollte keinen Sonntag, keine Erholung als nöthig anerkennen. Jetzt
mußte sie lernen, daß der Durchschnittsmensch neben der Arbeit auch die
Erholung haben muß, wenn er nicht zu Grunde gehn soll.
Es war ein Ruhetag, ein einziger ganz vollkommener Feiertag, ohne Arbeit,
ohne Denken, ohne Kampf.
Am folgenden Tage raffte sie sich mit Gewalt wieder auf und arbeitete
weiter.
Sie bestand ihr erstes ärztliches Examen mit Auszeichnung.
Aber es lag noch ein Studienjahr vor ihr, das ihr schwer werden mußte,
weil ihre Mittel beinah zu Ende waren.
Man hatte an der Universität ihr heißes ernstes Ringen erkannt. Nach
und nach, zögernd und unwillig fingen die Professoren an, in ihr eine der
wenigen »Gleichberechtigten«, eine Ausnahmenatur zu erkennen.
Es gelang ihr, bei einem sehr gesuchten Frauenarzte täglich einige Stunden
Beschäftigung zu finden.
Das war der erste Erwerb. Vorläufig aber erlaubte sie sich noch nicht,
daraufhin ihre Lebensweise zu ändern, denn sie hatte noch ein Examen vor
sich und wünschte sich speciell in der Augenheilkunde auszubilden.
Aber sie fühlte doch nun Boden unter ihren Füßen.
Nach und nach lernte sie auch die praktischen Seiten des so heiß
erstrebten Berufes und zugleich die socialen Unterschiede im Leben, über
die sie noch wenig nachgedacht hatte, kennen.
Der Augenarzt, bei dem sie ab und zu schon selbst operiren durfte, theilte
ihr eines Tages in großer Aufregung mit, daß er wahrscheinlich
am folgenden Tage die Ehre haben würde, die Tochter eines der
Eisenbahnkönige des Landes zu operiren.
Auf ihre Frage nach der Krankheit der Dame erfuhr Cäcilie, daß es sich um
einen leichten Fall einseitigen Schielens handelte.
Sie begriff nun nicht recht, was ihrem Vorgesetzten da für ein
hervorragendes Vertrauen geschenkt werde, sie meinte sogar, das könnte
jeder nahezu ausgebildete Anfänger ausführen, aber sie sollte über die
Wichtigkeit dieses Falles bald eines Besseren belehrt werden.
Als sie in Begleitung ihres Chefs in das Haus des Milliardärs trat, wurden
sie zunächst von einer Nonne empfangen, die zur Pflege der zu operirenden
Dame engagirt war. Dann führte man die beiden Aerzte zu der Kranken, die
auf einem Ruhebette liegend, von ihrer ganzen Familie umgeben war. Der
Chef des Hauses sprach in einigen bewegten Worten dem Arzte und seiner --
»Gehülfin« -- wie er Cäcilie nannte aus, wie er mit vollem Vertrauen
Leben und Gesundheit seines Kindes in ihre Hand lege. Dann wurde von der
Kranken ein allseitiger Abschied genommen, als sollte sie zum Schaffot
geführt werden, und endlich blieb sie mit den beiden Aerzten, einer
Dienerin und der Nonne allein.
Als dann der Schönheitsfehler des Auges thatsächlich korrigirt wurde,
bemerkte Cäcilie mit Erstaunen, daß, so lange wie die Narkose dauerte,
die Hände ihres Vorgesetzten eiskalt waren, während sein Puls vor innerer
Aufregung jagte. Dabei war's doch fast nichts.
Allerdings erhielt der Augenarzt später für die gelungene Operation ein
kleines Vermögen, und auch Cäciliens Assistenz wurde so gut bezahlt,
daß sie endlich ihren innigsten Wunsch erfüllen und ein Zimmer für sich
allein miethen konnte.
Sie stieg damit eine sociale Stufe höher in ihren eigenen Augen. Von
allem, was das Leben ihr auferlegte, erschien es ihr am schwersten niemals
allein sein zu können. Sie, die innerlich so ganz einsam in sich
selbst gefestigt dastand, litt unter der Nothwendigkeit ihr intimstes
persönliches Dasein vor fremden Augen führen zu müssen.
Das Geld des Eisenbahnkönigs verschaffte ihr ein Heim, ein trauliches
warmes Stübchen, eine eigene Lampe, ein eigenes Bett.
Mit ihrer bisherigen Lage verglichen, empfand sie diese selbsterworbene
Bequemlichkeit, die ihren Berufsgenossen selbstverständlich erschien, fast
wie Luxus.
Aber der Luxus der Reichen, den sie selbst jetzt zum ersten Male in der
Nähe sah, machte gleichfalls einen tiefen Eindruck auf ihren scharf
beobachtenden, stets nach Erkenntniß strebenden Geist.
Sie begleitete nach der Operation ihren Chef noch einige Male zu der
Reconvalescentin. Die große Zahl wenig beschäftigter Dienstboten, die sie
in diesem Hause bemerkte, erfüllte sie stets von neuem mit Erstaunen.
Sie hielt es für unrecht und unwürdig, die Kräfte einer Anzahl Menschen
zu miethen, zu bezahlen und dann brach liegen zu lassen. Mochte dieser
reiche Mann sein Geld verschwenden, sie sah ein, daß der Umsatz des Geldes
jeder Zeit berechtigt ist, aber sie hielt es für einen unberechtigten
Eingriff in die Rechte Anderer, daß hier Menschenkräfte und Arbeitszeit
verloren ging; sie sah darin einen moralischen Defect, der als bleibender
Nachtheil diese vielen Müßiggänger zur Faulheit und zu unberechtigten
Ansprüchen erzog. Die künstlerisch reiche Ausstattung des Hauses
gewährte ihr dagegen eine unbefangene Freude. Sie empfand es angenehm, die
harmonischen Farbenwirkungen reicher Decorationsstoffe zu betrachten. Der
Aufenthalt in diesen bequemen Räumen, die weichen Teppiche, die Bilder,
die Bronzen, diese ganze Umgebung schien ihr geeignet, das menschliche
Glück zu vervollkommnen.
Trotzdem hätte sie mit der, in ihrer Behandlung befindlichen Tochter
dieses Hauses nicht tauschen mögen.
Diese junge Dame kannte keine Arbeit, kein Streben, das Glück des schwer
errungenen Erfolges war ihr fremd.
Nichts war um sie her als eine, nach Cäciliens Begriffen todte Pracht,
ein Luxus, der keinem Bedürfnisse diente, der entbehrlich war, manchem
Temperament vielleicht sogar lästig.
Diese Empfindung, daß eine Anzahl Menschen nur darauf warteten einen
Befehl auszuführen, einem Wunsche nachzukommen legten in Cäciliens Augen
der Kranken beinah die Verpflichtung auf, die Leute zu beschäftigen.
Diese fortwährenden Besuche und Erkundigungen nach dem Befinden, dieses
Studium der Speisen und Getränke, um zu ermitteln, was im gegebenen Falle
am zuträglichsten sein würde, befremdeten sie, die gewohnt war das Essen
als eine menschliche Unvollkommenheit der man leider genügen müsse, zu
betrachten. Eingeengt oder gar schüchtern aber fühlte sich das ruhige,
kalt denkende Mädchen auch der größten Pracht und dem ausgesuchtesten
Raffinement gegenüber nicht.
Der Luxus der Reichen wurde ihr ein Gegenstand des Studiums, weiter
nichts. --
Neid oder Verlangen, für sich das zu besitzen, was die Anderen genossen,
war ihrer Seele fremd. Sie war überzeugt, daß sie sich noch nicht in
einem Stadium bleibender Verhältnisse, sondern in einer Uebergangszeit
befinde. Sie wußte ja, was sie gelernt hatte, und zweifelte nicht daran,
daß auch für sie der Tag kommen werde, an dem sie ihrem Werthe nach
situirt sein würde.
Andrerseits sah sie den Jammer und die Noth derjenigen, die nicht das
leisteten und wußten, was sie sich in bitteren Kämpfen errungen hatte.
Sie sah die geistig Armen in ihrem mühseligen Kampfe um das nackte Leben,
sie beobachtete mit voller Klarheit das berechtigte Streben der denkenden
unter den Armen.
Nach einem furchtbaren Fabrikbrande wurden mehrere an den Augen Verletzte
in die Klinik, an der Cäcilie arbeitete, eingeliefert. Das Auge eines
Mannes war von einem stürzenden Balken durchbohrt. Zerfetzt, entzündet,
von Ruß und Qualm beschmutzt, hing es nur noch zuckend an wenigen Muskeln.
Cäcilie Ehrhardt, die als Volontairärztin sich schon eine ziemlich
selbständige Stellung errungen hatte, griff nach der Chloroformflasche, um
den Verletzten zu betäuben, ehe sie sein Auge berührte.
Da wurde ihr das Medicament weggenommen und eine ärgerliche Stimme sagte:
»Na Fräulein, Sie glauben wohl, das kostet gar nichts.« --
Sie begriff erst jetzt die Situation. Ihr Kranker war kein Arbeiter,
für den natürlich jede Hülfeleistung bezahlt worden wäre, sondern ein
unbekannter Strolch, der sich aus Neugierde der Brandstätte genähert
hatte.