II.

Cäcilie Ehrhardt war als Zwischendeckspassagier ausgewandert.

Freilich, eine fatale Woche. Sie, die sonst wenig Sinn für poetische Werke

hatte, hielt sich in diesen zehn Tagen immer wieder das Shakespeare'sche

Wort vor die Seele: »Die Stunde rollt auch durch den schwersten Tag.« Es

wurde ihr Leitstern, beinahe ihr Halt dieses Wort: »Die Stunde rollt auch

durch den schwersten Tag.«

Weiber und Kinder, die viel schwächer waren wie sie, ertrugen diese

Ueberfahrt in diesem Raume. Sie glaubte wohl etwas Besseres zu sein wie

diese, weil sie ein höheres Streben besaß, aber gerade deßhalb hielt

sie sich auch für berufen zu zeigen, wie man Widerwärtigkeiten und

Unbequemlichkeiten erträgt.

Die Mitreisenden schämten sich zu wimmern und zu jammern, dieser

Frauengestalt gegenüber, die mit stiller Resignation fast heiter sich

zwischen ihnen bewegte, zufrieden mit einem Winkel zum Ausruhen, mit einer

Brodrinde zum Essen.

Schließlich landete man in der Heimath der Freiheit, und Cäcilie Ehrhardt

bekam Gelegenheit, sich zu überzeugen, daß auch in Amerika eine hübsche

Tochter reicher Eltern glattere Wege vor sich sieht, als eine arme geistige

oder körperliche Arbeiterin.

Sie that die nöthigen Schritte, um zum Studium zugelassen zu werden. Ein

Beamter der Universität, ein ruhiger Geschäftsmann empfing sie.

»Ich halte es für meine Pflicht, Sie auf einige statistische Thatsachen

aufmerksam zu machen, mein Fräulein,« begann er.

»Ich bitte darum, Mr. Schäffer.«

Er las ihr nun einen kürzlich veröffentlichten Bericht des Rectors der

Genfer Universität vor, wonach von 215 Frauen, die Medicin studirten,

nur 25 es bis zum practischen Arzte gebracht haben und auch von diesen nur

wenige zu einer auskömmlichen Praxis.

»Was glauben Sie wohl, mein Fräulein,« fragte Herr Schäffer, »in

welchem Abgrunde die übrigen 195 gescheitert sind?«

»In dem Abgrunde ihrer Mittelmäßigkeit,« antwortete sie kalt.

Ein prüfender Blick glitt über das breite, gelbe Gesicht des häßlichen

Mädchens. Wäre Cäcilie hübsch gewesen, so hätte der fromme Mann jetzt

vielleicht seinen Arm um sie gelegt und gesagt: »Laß doch gut sein,

süße Krabbe, es giebt ja noch ganz andere Wege, um zu etwas zu kommen.«

Er rühmte sich mehrerer derartiger »Bekehrungen«. Aber Cäcilie Ehrhardt

war nicht hübsch, durchaus nicht hübsch.

Ein paar kluge, graue Augen funkelten hinter schwach geschliffenen

Brillengläsern. Höchst unangenehme, scharfe, forschende Augen. -- Herr

Schäffer fühlte gar keine Neigung, irgend eine Prüfung vor diesem Blick

zu bestehen. In gleichgültigem Nachgeben kam er ihren Wünschen entgegen.

Den Befähigungsnachweis zum Besuche der Universität bestand sie

glänzend, so ließ man sie zu -- du lieber Gott, eine Ueberspannte,

Emancipirte mehr als bisher. --

Mit einer Arbeiterin, die Tags über in einer Fabrik Cigarren wickelte,

miethete sich die Studentin zusammen in einer Dachkammer ein. Die

Mitbewohnerin war nur in der Nacht da, so störte sie wenig.

Cäcilie verlangte für sich das Recht, so lange, wie sie wollte, Abends

Licht zu brennen. Da hatte die Andere nichts dagegen; sie ihrerseits

verlangte gar nichts.

Aber das war nur Schein. Schon nach wenigen Tagen brachte Henriette

Abends einen Kameraden mit aus der Fabrik, und Beide profitirten von der

Studirlampe der Anderen.

Was das für ein Lachen und Kichern, für ein Küssen und Liebkosen war

-- gräßlich -- Cäcilie Ehrhardt wußte sich nicht anders zu helfen, als

einen Ofenschirm neben sich zu stellen und sich so zu isoliren.

Das zärtliche Liebespaar aber sah mit innigem Mitleid auf die einsam

Arbeitende hin.

Schließlich ließ Charley sich durch sein gutes Herz hinreißen, ihr ein

höchst eigenthümliches Anerbieten zu machen.

Mit Henriette im Arm stellte er sich neben Cäciliens schützende

Schirmwand und trug ihr stockend und zagend vor, in seiner Fabrik da wäre

ein Werkführer, der wäre Wittwer, hätte auch ein paar Kinder, aber doch

wohl ein ganz annehmbarer Mann, der eine brave, fleißige Frau gerne nehmen

würde. Nun könne sie, Fräulein Ehrhardt, ja am Ende keinen verliebten

Jüngling beanspruchen, wäre vielleicht auch schon ein bischen darüber

hinaus, aber doch -- sozusagen --

Cäcilie begriff. Einen Mann -- aus Gnade und Barmherzigkeit bot man ihr,

der Tüchtigen, Häßlichen, einen Mann an, der nicht Liebesgetändel

suchte, sondern der eine thätige Frau brauchte!

Die _erste_, vielleicht im Leben die einzige Möglichkeit für sie, den

Beruf der Frau als Gattin und Mutter zu finden! --

Die gesellschaftliche Zumuthung, daß man ihr, der Tochter des

Medicinalrathes Erhardt anbot, einen Fabrikaufseher zu heirathen, die

verletzte sie nicht. Was mochten die Liebesleute dem guten Manne von ihr

vorphantasirt haben! Aber sie fühlte den Beruf zur Gattin und Mutter nicht

in sich. -- Es ist doch auch nicht jeder Mann geeignet, Vaterpflichten zu

übernehmen, und nicht jedes Weib für Mutterpflichten geschaffen.

Sehr kurz, sehr kalt lehnte sie ab, auf's Innigste bedauert von dem jungen

Paare, das nichts Anderes kannte, als seine Liebe.

Ihr Leben war aber furchtbar hart auf diese Weise, denn in den ersten

beiden Jahren ihres Studiums machte das Arbeitspensum, das sie zu erledigen

hatte, es ihr unmöglich, sich irgend einen Erwerb zu suchen.

Sie mußte leben wie eine Arbeiterin, schlechter wie eine solche, wenn sie

zum Ziele kommen wollte.

Henriette und Charley amüsirten sich Sonntags, aßen und tranken wie

Kinder, die plötzlich Geld bekommen haben und nicht wissen, wo sie es

lassen sollen. Sie sprachen täglich von ihrer Hochzeit und heiratheten

nie.

Cäcilie lebte Sonntags nicht besser wie Werktags und nahm nichts von dem

an, was die Anderen ihr anboten.

Die arme Person!

Was das Leben wohl für einen Werth haben soll, wenn man es garnicht

genießt! --

So philosophirte das Liebespaar; Cäcilie aber arbeitete weiter allein,

immer allein.

An keinen Menschen in Deutschland hatte sie geschrieben, keiner an sie.

Sie war wie todt für die Welt.

In Universitätskreisen hatte sie auch keinen Anschluß gefunden, keinen

gesucht.

Die jungen Studenten amüsirten sich wie Kinder über die paar häßlichen

Mädchen, die mit wahrem »Biereifer« die Vorträge nachstenographirten,

um sie zu Hause auszuarbeiten. Cäcilie war von diesen die eifrigste. Sie

versäumte keine Vorlesung -- sie arbeitete immer, immer.

Arbeiten und darben! Für die Blüthe einer Jungfrau ist das nicht grade

günstig.

Mädchen blühen auf wie Maienrosen, tändeln, lachen und finden ihre

letzte Entfaltung, ihr süßestes Geben erst in dem Verkehr mit dem Manne,

in dem Widerstreben und Hinneigen seiner Werbung gegenüber und dann im

Gewähren.

Bete und arbeite! Keusche Mädchen blühen auf wie Lilien, dienen dem

Nächsten und geben sich in süßer Schwärmerei ihrer Gottheit.

Cäcilie achtete die Gottheit, soweit ihr deren Cultus vernünftig und

zweckmäßig erschien. Sie achtete auch den Mann, wenn sie ihn streben,

arbeiten, nützen sah, aber sie dachte nicht daran, sich selbst zu geben,

weder Gott noch den Menschen.

Wer hätte denn wohl auch den Wunsch gehabt, sie zu besitzen!

Sie sah nichts vor sich, als die Nothwendigkeit, Andere bei Seite zu

schieben, um für sich selbst Platz zu gewinnen.

In der Ferne, in gar nicht allzuweiter Ferne sah sie die Möglichkeit, daß

sie einmal nicht mehr arbeiten würde, um zu leben, sondern um zu nützen.

Nicht sich selbst -- Andern, das war ihre Religion und ihre Liebe. Das

richtete sie auf, wenn sie in schwachen Stunden sich fragte: Wozu? -- wozu

dieser Kampf, diese Arbeit, dieses Entbehren? --

Sie hörte auf, ein Weib zu sein und konnte doch kein Mann werden. Ein

unhaltbares trostloses Wesen! Aeußerlich wenigstens, innerlich blieb sie

jungfräulich keusch, nur vielleicht ein wenig zu herb. --

Sie sah Andere neben sich untergehn. Mit derselben Gluth, wie sie, hatten

sie angefangen, aber sie hatten nicht dieselbe Ausdauer gehabt.

Ein Mann drängt sich in die Gedankenwelt, in das Innenleben des

Mädchens. -- Ein kurzes Widerstreben, ein kurzes Gewähren und dann die

Erkenntniß! --

Die Erkenntniß war, wo sie auch hinblicken mochte immer das Ende des

Genusses.

Nach der Erkenntniß kam, wie bei dem ersten Menschenpaare, der ewige

Fluch: Mit Schmerzen sollst Du ihm Kinder gebären. --

Viele junge Studentinnen mußten die Universität verlassen. Sie versanken

in einem Abgrund, dessen Tiefe dem guten Herrn Schäffer so räthselhaft

schien.

Andere verirrten sich in die Politik. »Gleichheit, Gleichheit« -- was

sollen wir darben, wenn Andere genießen dürfen?

Anstatt eine vernünftige, mit logischer Folgerichtigkeit und

Nothwendigkeit sich vollziehende gesellschaftliche Umwälzung abzuwarten,

stürmten und drängten sie dem Anarchismus entgegen.

Sie vergaßen, daß sie doch selbst persönlich danach strebten,

die Zugehörigkeit zu einem Stande zu erlangen, der seinerseits den

privilegirten höheren, den sogenannten »besseren Ständen« sich

zurechnete.

Sie gingen unter -- der geheimnißvolle, unergründliche Abgrund nahm sie

auf.

Die Reihen lichteten sich, dem Ziel strebten nur noch Wenige entgegen, aber

Cäcilie Ehrhardt war unter ihnen.

Einmal fühlte sie sich krank. Der vom Vaterhause her an bessere Kost

gewöhnte Körper versagte, als ihm bei dauernder geistiger Anspannung, bei

nie unterbrochener Arbeit stets nur solche Speisen zugeführt wurden, die

zu einer geeigneten Ernährung nicht ausreichend waren.

Cäcilie empfand nach und nach einen kaum zu überwindenden Widerwillen

gegen die billigen groben Nahrungsmittel, zu denen sie sich zwang, so lange

sie von dem Gelde leben mußte, das sie nach Amerika mitgebracht hatte.

Mit eiserner Willenskraft überwand sie diese Abneigung, berechnete genau,

wieviel Eiweiß, wieviel Zucker, Stickstoff etc. ihr Körper täglich

bedürfe, wog das Betreffende ab und schluckte es widerstrebend hinunter.

Ihre Magennerven lieferten ihr bald den Beweis, daß der menschliche

Körper keine chemische Retorte ist.

Todtelend, fiebernd blieb sie eines Tages auf dem harten schmalen Bette in

ihrer Dachkammer liegen, und die gute Henriette stand händeringend dabei.

Ohne sich die Sache wissenschaftlich erklären zu können, fühlte die

Arbeiterin heraus, daß ihr »Fräulein« sich wohl erholen würde, wenn

sie sich einmal erlaubte, gut zu leben.

Sie holte ein ordentliches Stück Braten aus einem benachbarten Restaurant

und besorgte auch Wein.

Cäcilie konnte nicht widerstehn, mit der Gier des Verhungernden griff

sie nach den Nahrungsmitteln, deren Genuß sie an das Elternhaus, an die

Heimath erinnerte.

Und dann, als sie zum ersten Male seit langer langer Zeit mit Behagen,

fast mit Genuß gegessen hatte, regte sich in ihr auch das Gemüth -- die

Nerven, wie sie meinte.

Sie gedachte des fernen Bruders, ihrer Einsamkeit und Verlassenheit. --

Liebe -- es gab überhaupt nichts, was sie an Liebe hätte gemahnen mögen.

Weinend, seit ihrer Kinderzeit zum ersten Mal weinend, sank das starke

Mädchen zurück auf das dürftige Bett.

Henriette kniete neben ihr nieder und betete, daß doch das Fräulein, das

immer so gut war und sie niemals störte, vor Krankheit und Elend bewahrt

bleiben möchte.

Krankheit -- für den sorglos lebenden Menschen ist das oft ein Segen. --

Die Ruhe, zu der der Körper gezwungen ist, leitet den Geist zu innerer

Einkehr und stiller Vertiefung. Ein süßes weiches, von leichter

Traurigkeit überhauchtes Erinnern an diese Periode des Lebens, bleibt oft

von einer Krankheit zurück.

Bei dem Armen stellt sich das Bild ganz anders dar. Die Krankheit ist

ein Dämon, der dem Kämpfer die Waffe aus der Hand nimmt und ihn wehrlos

niederstreckt. Krank werden heißt untergehn. -- Der machtvoll vorwärts

Strebende wird gezwungen, demüthigendes Almosen zu empfangen; die

Ersparnisse werden verzehrt; die darauf begründeten Zukunftshoffnungen

sind abgeschnitten. Niemand kann es dem erkrankten Armen ersparen, die

Seinigen darben und, wenn es lange dauert, untergehn zu sehen.

Cäcilie sah sich am Rande desselben Abgrundes, über den sie einst so

unnachsichtlich hart geurtheilt hatte. Wenn eine Krankheit den Rest ihres

Besitzes verzehrte, so war sie verloren.

Sie machte sich das klar und in unbestimmter Hoffnung auf irgend einen

Erwerb fing sie an, besser zu leben.

Es mußte sein; mit unsäglicher Bitterkeit wurde ihr hier an diesem

untergeordneten Punkte die Grenze der menschlichen Willenskraft klar.

Sie erreichte es, nicht krank zu werden. Nur einen Tag lag sie in dem

ärmlichen Bette, von der Gefährtin, die sofort ihre Fabrikarbeit

aussetzte, mit Liebe gepflegt. Es war, als ob ein Keulenschlag sie

niedergeworfen hätte. Sie konnte den Kopf nicht aufheben, nicht lesen,

nicht arbeiten, nicht denken, nicht einmal schlafen. Nur liegen und

ausruhn.

»Du sollst den Feiertag heiligen!«

Dieser eine Krankheitstag war für sie wie ein Feiertag, ein von der Natur

ihr aufgezwungener Tag der Ruhe.

Sie wollte keinen Sonntag, keine Erholung als nöthig anerkennen. Jetzt

mußte sie lernen, daß der Durchschnittsmensch neben der Arbeit auch die

Erholung haben muß, wenn er nicht zu Grunde gehn soll.

Es war ein Ruhetag, ein einziger ganz vollkommener Feiertag, ohne Arbeit,

ohne Denken, ohne Kampf.

Am folgenden Tage raffte sie sich mit Gewalt wieder auf und arbeitete

weiter.

Sie bestand ihr erstes ärztliches Examen mit Auszeichnung.

Aber es lag noch ein Studienjahr vor ihr, das ihr schwer werden mußte,

weil ihre Mittel beinah zu Ende waren.

Man hatte an der Universität ihr heißes ernstes Ringen erkannt. Nach

und nach, zögernd und unwillig fingen die Professoren an, in ihr eine der

wenigen »Gleichberechtigten«, eine Ausnahmenatur zu erkennen.

Es gelang ihr, bei einem sehr gesuchten Frauenarzte täglich einige Stunden

Beschäftigung zu finden.

Das war der erste Erwerb. Vorläufig aber erlaubte sie sich noch nicht,

daraufhin ihre Lebensweise zu ändern, denn sie hatte noch ein Examen vor

sich und wünschte sich speciell in der Augenheilkunde auszubilden.

Aber sie fühlte doch nun Boden unter ihren Füßen.

Nach und nach lernte sie auch die praktischen Seiten des so heiß

erstrebten Berufes und zugleich die socialen Unterschiede im Leben, über

die sie noch wenig nachgedacht hatte, kennen.

Der Augenarzt, bei dem sie ab und zu schon selbst operiren durfte, theilte

ihr eines Tages in großer Aufregung mit, daß er wahrscheinlich

am folgenden Tage die Ehre haben würde, die Tochter eines der

Eisenbahnkönige des Landes zu operiren.

Auf ihre Frage nach der Krankheit der Dame erfuhr Cäcilie, daß es sich um

einen leichten Fall einseitigen Schielens handelte.

Sie begriff nun nicht recht, was ihrem Vorgesetzten da für ein

hervorragendes Vertrauen geschenkt werde, sie meinte sogar, das könnte

jeder nahezu ausgebildete Anfänger ausführen, aber sie sollte über die

Wichtigkeit dieses Falles bald eines Besseren belehrt werden.

Als sie in Begleitung ihres Chefs in das Haus des Milliardärs trat, wurden

sie zunächst von einer Nonne empfangen, die zur Pflege der zu operirenden

Dame engagirt war. Dann führte man die beiden Aerzte zu der Kranken, die

auf einem Ruhebette liegend, von ihrer ganzen Familie umgeben war. Der

Chef des Hauses sprach in einigen bewegten Worten dem Arzte und seiner --

»Gehülfin« -- wie er Cäcilie nannte aus, wie er mit vollem Vertrauen

Leben und Gesundheit seines Kindes in ihre Hand lege. Dann wurde von der

Kranken ein allseitiger Abschied genommen, als sollte sie zum Schaffot

geführt werden, und endlich blieb sie mit den beiden Aerzten, einer

Dienerin und der Nonne allein.

Als dann der Schönheitsfehler des Auges thatsächlich korrigirt wurde,

bemerkte Cäcilie mit Erstaunen, daß, so lange wie die Narkose dauerte,

die Hände ihres Vorgesetzten eiskalt waren, während sein Puls vor innerer

Aufregung jagte. Dabei war's doch fast nichts.

Allerdings erhielt der Augenarzt später für die gelungene Operation ein

kleines Vermögen, und auch Cäciliens Assistenz wurde so gut bezahlt,

daß sie endlich ihren innigsten Wunsch erfüllen und ein Zimmer für sich

allein miethen konnte.

Sie stieg damit eine sociale Stufe höher in ihren eigenen Augen. Von

allem, was das Leben ihr auferlegte, erschien es ihr am schwersten niemals

allein sein zu können. Sie, die innerlich so ganz einsam in sich

selbst gefestigt dastand, litt unter der Nothwendigkeit ihr intimstes

persönliches Dasein vor fremden Augen führen zu müssen.

Das Geld des Eisenbahnkönigs verschaffte ihr ein Heim, ein trauliches

warmes Stübchen, eine eigene Lampe, ein eigenes Bett.

Mit ihrer bisherigen Lage verglichen, empfand sie diese selbsterworbene

Bequemlichkeit, die ihren Berufsgenossen selbstverständlich erschien, fast

wie Luxus.

Aber der Luxus der Reichen, den sie selbst jetzt zum ersten Male in der

Nähe sah, machte gleichfalls einen tiefen Eindruck auf ihren scharf

beobachtenden, stets nach Erkenntniß strebenden Geist.

Sie begleitete nach der Operation ihren Chef noch einige Male zu der

Reconvalescentin. Die große Zahl wenig beschäftigter Dienstboten, die sie

in diesem Hause bemerkte, erfüllte sie stets von neuem mit Erstaunen.

Sie hielt es für unrecht und unwürdig, die Kräfte einer Anzahl Menschen

zu miethen, zu bezahlen und dann brach liegen zu lassen. Mochte dieser

reiche Mann sein Geld verschwenden, sie sah ein, daß der Umsatz des Geldes

jeder Zeit berechtigt ist, aber sie hielt es für einen unberechtigten

Eingriff in die Rechte Anderer, daß hier Menschenkräfte und Arbeitszeit

verloren ging; sie sah darin einen moralischen Defect, der als bleibender

Nachtheil diese vielen Müßiggänger zur Faulheit und zu unberechtigten

Ansprüchen erzog. Die künstlerisch reiche Ausstattung des Hauses

gewährte ihr dagegen eine unbefangene Freude. Sie empfand es angenehm, die

harmonischen Farbenwirkungen reicher Decorationsstoffe zu betrachten. Der

Aufenthalt in diesen bequemen Räumen, die weichen Teppiche, die Bilder,

die Bronzen, diese ganze Umgebung schien ihr geeignet, das menschliche

Glück zu vervollkommnen.

Trotzdem hätte sie mit der, in ihrer Behandlung befindlichen Tochter

dieses Hauses nicht tauschen mögen.

Diese junge Dame kannte keine Arbeit, kein Streben, das Glück des schwer

errungenen Erfolges war ihr fremd.

Nichts war um sie her als eine, nach Cäciliens Begriffen todte Pracht,

ein Luxus, der keinem Bedürfnisse diente, der entbehrlich war, manchem

Temperament vielleicht sogar lästig.

Diese Empfindung, daß eine Anzahl Menschen nur darauf warteten einen

Befehl auszuführen, einem Wunsche nachzukommen legten in Cäciliens Augen

der Kranken beinah die Verpflichtung auf, die Leute zu beschäftigen.

Diese fortwährenden Besuche und Erkundigungen nach dem Befinden, dieses

Studium der Speisen und Getränke, um zu ermitteln, was im gegebenen Falle

am zuträglichsten sein würde, befremdeten sie, die gewohnt war das Essen

als eine menschliche Unvollkommenheit der man leider genügen müsse, zu

betrachten. Eingeengt oder gar schüchtern aber fühlte sich das ruhige,

kalt denkende Mädchen auch der größten Pracht und dem ausgesuchtesten

Raffinement gegenüber nicht.

Der Luxus der Reichen wurde ihr ein Gegenstand des Studiums, weiter

nichts. --

Neid oder Verlangen, für sich das zu besitzen, was die Anderen genossen,

war ihrer Seele fremd. Sie war überzeugt, daß sie sich noch nicht in

einem Stadium bleibender Verhältnisse, sondern in einer Uebergangszeit

befinde. Sie wußte ja, was sie gelernt hatte, und zweifelte nicht daran,

daß auch für sie der Tag kommen werde, an dem sie ihrem Werthe nach

situirt sein würde.

Andrerseits sah sie den Jammer und die Noth derjenigen, die nicht das

leisteten und wußten, was sie sich in bitteren Kämpfen errungen hatte.

Sie sah die geistig Armen in ihrem mühseligen Kampfe um das nackte Leben,

sie beobachtete mit voller Klarheit das berechtigte Streben der denkenden

unter den Armen.

Nach einem furchtbaren Fabrikbrande wurden mehrere an den Augen Verletzte

in die Klinik, an der Cäcilie arbeitete, eingeliefert. Das Auge eines

Mannes war von einem stürzenden Balken durchbohrt. Zerfetzt, entzündet,

von Ruß und Qualm beschmutzt, hing es nur noch zuckend an wenigen Muskeln.

Cäcilie Ehrhardt, die als Volontairärztin sich schon eine ziemlich

selbständige Stellung errungen hatte, griff nach der Chloroformflasche, um

den Verletzten zu betäuben, ehe sie sein Auge berührte.

Da wurde ihr das Medicament weggenommen und eine ärgerliche Stimme sagte:

»Na Fräulein, Sie glauben wohl, das kostet gar nichts.« --

Sie begriff erst jetzt die Situation. Ihr Kranker war kein Arbeiter,

für den natürlich jede Hülfeleistung bezahlt worden wäre, sondern ein

unbekannter Strolch, der sich aus Neugierde der Brandstätte genähert

hatte.

Morphium: Novellen · 第 11 / 13 题