Ihr gehorsamster

_v. Möbius_, Premierlieutenant.

Die Oberin des großen evangelischen Diakonissenhauses las diesen Brief

nachdenklich durch. Auf ihrem energischen klugen Gesichte zeigte sich ein

Ausdruck des lebhaftesten Bedauerns. Sie schob alle anderen Briefschaften,

die noch der Erledigung warteten, vorläufig bei Seite und ging nach der

Frauenstation für chirurgische Fälle. Die Stationsschwester war, wie

immer, grade in diesem Saale sehr beschäftigt, verließ aber ihre

Arbeit, um an eines der großen Saalfenster zu treten und dort mit ihrer

Vorgesetzten zu sprechen.

Die Betten im Saale standen so weit von den Fenstern entfernt, daß die

Kranken von der Unterhaltung der beiden Diakonissinnen nichts zu vernehmen

vermochten.

»Was meinen Sie, Schwester Albertine,« begann die Gräfin, nachdem die

Schwester den Brief des Lieutenants gelesen hatte, »wen könnten wir

schicken?«

Die alte erfahrene Schwester schüttelte ganz bestimmt den Kopf.

»Niemanden, Frau Oberin,« sagte sie ruhig. »Alle Betten im Hause

sind belegt, ich habe schon drei Lehrschwestern eingestellt, um allen

Anforderungen zu genügen. Wir können keine Schwester entbehren; im

Gegentheil, ich will froh sein, wenn erst wieder Einsegnung gewesen ist,

wir haben nicht genug Schwestern.«

»Das weiß ich, das wird auch vorläufig nicht anders werden. Von allen

Seiten werde ich gebeten, junge Kräfte, die wir ausgebildet haben, an

neue Anstalten abzugeben. Vierzig Schwestern sind in diesem Quartal von

mir verlangt, und zwei Anmeldungen von jungen Mädchen, die sich ausbilden

wollen, habe ich nur erhalten.«

Schwester Albertine seufzte tief auf. »Möchte doch der Herr die Herzen

christlicher Jungfrauen erleuchten und segnen, daß sie in Schaaren

herbeikommen, um in seinem Namen ihren armen Brüdern zu helfen.«

»Ich hatte gehofft, in der nächsten Zeit einige Freibetten einstellen

zu können,« sagte die Oberin, »bedenken Sie, daß Frau von Möbius die

Tochter eines sehr reichen Bankiers ist, wenn sich die Familie für unsere

Anstalt interessirte, so wäre das doch sehr günstig.«

»Der Herr wird helfen, daß wir die Freibetten auch so einrichten

können,« meinte Schwester Albertine. Die Oberin aber schien dieser Frage

gegenüber doch einen praktischeren Standpunkt einzunehmen, wie die gute

alte Schwester.

»Es handelt sich wahrscheinlich nur um ein paar Tage, Schwester; ich

schreibe nicht ab, ich schaffe Rath, schicken Sie mir Schwester Elisabeth

in mein Arbeitszimmer,« entschied sie nach kurzem Nachdenken.

Die Schwester erlaubte sich keinen Widerspruch. Sie kehrte schweigend

an ihre Arbeit zurück, und die Gräfin verließ straff aufgerichtet mit

raschen Schritten den Saal.

Sie hielt noch immer den Brief des Herrn von Möbius in der Hand. Sie

wollte seinen Wunsch erfüllen und suchte nach Mitteln, das möglich zu

machen. In dem breiten Corridor vor ihrem Zimmer begegnete ihr einer von

den Aerzten der Anstalt. Der junge Mann grüßte die vornehme Frau mit

einer tiefen ehrfurchtsvollen Verbeugung.

Sie trat rasch auf ihn zu. »Es drängt mich, Ihnen meine Theilnahme an dem

Tode Ihres Herrn Vaters auszusprechen, Herr Doctor Ehrhardt.« Sie reichte

ihm freundlich die Hand.

Der Arzt berührte leicht mit seinen Lippen die volle weiße Hand, die sie

ihm gab. »Frau Oberin sind sehr gütig,« sagte er etwas verlegen. »Mein

armer Papa war sehr leidend in den letzten Jahren, er sehnte sich oft nach

dem Tode, der ihn nun leicht und schmerzlos erlöst hat.«

»Er war lange leidend, so? Das war mir gar nicht bekannt. Wer hat ihn denn

in seiner Krankheit gepflegt? Ihre Frau Mutter ist doch, so viel ich weiß,

schon seit Jahren verstorben?«

»Allerdings, gnädigste Frau, ich habe aber eine Schwester, ein gesundes

kräftiges Mädchen von zweiundzwanzig Jahren. Die war durchaus zur Pflege

meines Vaters geeignet.«

Die Gräfin wurde aufmerksam. »Ich habe nie von Ihrem Fräulein Schwester

gehört, sie muß sehr zurückgezogen leben.«

»Sie hat eigenthümliche Neigungen und hält sich von ihren

Altersgenossinnen fern. Wir Geschwister stehen jetzt allein in der

Welt; ich werde wohl genöthigt sein, eine geeignete Stellung für meine

Schwester zu suchen.«

»Das wird Ihnen schwer werden, lieber Doctor; das Angebot gebildeter

Damen für häusliche Stellungen ist außerordentlich groß, während die

Nachfrage sich mehr auf weniger gebildete Kräfte richtet, die bei den

täglichen Arbeiten mit Hand anlegen.«

»Frau Oberin meinen, höhere Dienstboten werden gesucht, und

Reisebegleiterinnen, Gesellschafterinnen und Gouvernanten bieten sich an.«

»Diese Thatsache ist doch nicht zu leugnen, es ist ein eigenes Kapitel der

sozialen Frage, die Frauen- oder eigentlich Jungfrauenfrage. Hier bei

uns aber ist diese Frage gelöst. Sie wissen ja, wie erheblich in unserem

Berufe die Nachfrage das Angebot übersteigt. Bringen Sie Ihre Schwester zu

mir, Herr Doctor, sie ist kräftig und gesund, wie Sie sagen, steht grade

im richtigen Alter und hat sich bereits in häuslicher Krankenpflege

bewährt. Das Mutterhaus sieht in jeder neu eintretenden Schwester eine

liebe Tochter und heißt sie herzlich willkommen. Es ist ein weites

Arbeitsfeld da, helfen Sie mir, demselben eine neue Kraft zuzuführen.«

»Sie haben Recht, Frau Oberin, ich will mit meiner Schwester sprechen. Sie

hat kein Vermögen, ist durchaus nicht hübsch, eine Versorgung durch die

Ehe ist also nicht wahrscheinlich. Sie wird vielleicht Gott danken, wenn

sie hier freundlich aufgenommen wird.«

»Dessen können Sie versichert sein, die Waise und die Schwester eines

Arztes ist uns doppelt willkommen.«

Die Gräfin nickte dem jungen Manne wohlwollend zu und trat in ihr Zimmer.

Doctor Ehrhardt sah lange hinter ihr her. Der Vorschlag der frommen Dame

entsprach so ganz seinen Wünschen. Wenn doch seine Schwester ihr schroffes

eigenwilliges Wesen lassen und einmal, nur ein einziges Mal, auf ihn

hören, seinen Wünschen sich fügen wollte!

Nie hatte Cäcilie ein weibliches weiches Empfinden gezeigt, nie hatte

sie nachzugeben gewußt. Alle Bekannten des Bruders hatten, durch ihr

unweibliches Wesen abgestoßen, den Verkehr im Ehrhardt'schen Hause

beschränkt, wo sie nur konnten; und doch wußte Otto, daß seine Schwester

ein ernstes Streben verfolgte. Sie verachtete die oberflächliche Existenz

vergnügungssüchtiger, kindlicher Mädchen. Sie sah, wie Eine dieser

Mädchen nach der Anderen, alle ihre ehemaligen Schulgenossinnen sich

verlobten und verheiratheten und hatte nur ein verächtliches Achselzucken

für die Männer, die diese Wesen an ihre Seite zogen. Sie wollte mehr

sein, etwas Anderes -- etwas Höheres. Das konnte sie jetzt werden. --

Es erschien dem Bruder nun auf einmal wahrscheinlich, daß sie mit

Begeisterung auf den Vorschlag der Oberin eingehen würde. Man rief sie,

man bedurfte ihrer, warum sollte sie zögern zu kommen!

Ganz erfüllt von seinem Wunsche und fast überzeugt von dessen Erfüllung

eilte er nach Hause.

Ein Möbelwagen stand vor der Thür, und fremde Leute begegneten ihm im

eigenen Heim. Es fiel ihm jetzt erst ein, daß heute früh die freiwillige

Versteigerung von seines Vaters Nachlaß stattgefunden hatte.

Weder er noch seine Schwester waren in der Lage, eine Wohnung für all die

Möbel, Betten, Bücher, Bilder u. s. w. zu miethen. Die Gegenstände,

die so lange er denken konnte durch die ganze Kindheit der Geschwister

Zeugen ihres Daseins gewesen waren, wurden heute in alle Winde zerstreut.

Die Heimath war aufgelöst -- freiwillig aufgegeben. Nun hieß es wandern,

ein neues Heim erwerben, den Kampf mit dem Leben bestehen.

Otto ging in das Arbeitszimmer des Vaters. Die wissenschaftlichen

Bücher, soweit sie nicht veraltet waren, und die Instrumente des alten

Medicinalrathes lagen dort noch umher, ungeordnet, aber zum Glück

unberührt. Wie wenig Gefühl hatte doch Cäcilie gezeigt, daß sie diese

Andenken an den Verstorbenen, die der Sohn zu behalten wünschte, nicht

sorglich zusammengeräumt und eingepackt hatte. Er wollte seine Schwester

jetzt aufsuchen, aber das bittere Wort über ihren Mangel an Pietät

unterdrückte er gewaltsam. Es galt jetzt, alle ihre Gedanken auf das Ziel

hinzulenken, dem er sie entgegenzuführen gedachte.

In einem öden ausgeräumten Zimmer, zwischen Koffern und Kisten fand er

sie. Ueberall lag Packstroh, Heu, Papier und dicker Staub. Ein weibliches

Wesen hätte in diesem Raume vor allen Dingen doch den Wunsch empfinden

müssen, Ordnung und wenigstens etwas Sauberkeit herzustellen. Cäcilie

Ehrhardt aber empfand davon nichts.

Die breite, knochige Gestalt des Mädchens saß auf einer Kiste, die Arme

waren auf die Fensterbank aufgelehnt, ohne Rücksicht auf die schwarzen

Aermel des einfachen Trauerkleides. Der Kopf mit dem kurzgeschnittenen Haar

war über ein Buch gebeugt. Sie sah nicht auf, als der Bruder eintrat.

»Wenn Du Deine Lectüre unterbrechen kannst, Cäcilie, so möchte ich Dich

bitten, über eine wichtige Frage mit mir zu sprechen.«

Sie legte die griechische Grammatik, in der sie gelesen hatte, aus der

Hand. Ein kurzer fragender Blick traf ihn durch die funkelnden Gläser

ihrer Brille.

»Ich habe Dir wenig Erfreuliches mitzutheilen,« sagte sie.

»Die Versteigerung des alten Hausrathes hat fast nichts ergeben.

Luxusgegenstände waren, wie Du weißt, nicht vorhanden. Der Auctionator

wird uns morgen Rechnung ablegen.«

Er nickte schmerzlich. »Ich habe von der Versteigerung nichts erwartet,

aber wir müssen doch den Ballast los sein. Den Luxus pietätvoller

Erinnerung können wir uns noch nicht erlauben.«

»Winsele nicht,« sagte sie schroff, und stand auf.

Die Lippen in dem gelben Gesicht waren breit und aufgeworfen, ein

finsterer Zug lag zwischen den schwarzen Augenbrauen, die Nase war kurz und

gewöhnlich geformt; das ganze Gesicht wäre häßlich gewesen, ohne den

Ausdruck hervorragender Klugheit, der es belebte.

»Dir wenigstens werde ich sicherlich nichts vorwinseln,« gab er zurück,

»aber ich wollte mit Dir über meine Zukunft sprechen. Meine Existenz

liegt augenblicklich in Deiner Hand.«

»Bitte, erkläre Dich deutlicher.«

»Ich bin schon dabei. Vater hat schon seit Jahren nicht mehr prakticirt.

Von seinen Zinsen konnten wir nicht leben, wir haben das Kapital

verbraucht. Wenn ich den Rest überschlage, die Ausgaben abziehe, die

Auction hinzurechne, so denke ich, es wird uns ein baarer Rest von

viertausend Mark bleiben.«

»Wenig genug, aber es muß reichen, wir müssen uns einrichten, wir

müssen Beide damit auskommen, bis wir uns frei gearbeitet haben.«

Auf dem feinen hübschen Gesichte des jungen Mannes malte sich lebhaftes

Staunen.

»Das scheinst Du Dir sehr einfach zu denken,« sagte er endlich. »Bitte

höre aber wenigstens zu, was ich mir für Lebenspläne gemacht habe.«

Sie nickte und setzte sich wieder auf die Kiste. Die Füße streckte sie

weit von sich und betrachtete augenscheinlich aufmerksam ihre großen

derben Zugstiefel.

Er drehte beinahe verlegen an seinem Schnurrbarte. Ein Opfer wollte er

von ihr fordern, -- den eigensinnigen Kopf mit den männlich kurzen Haaren

wollte er unter die weiblichste aller Trachten, unter die schlichte Haube

der Diakonissin beugen. Er sah ängstlich auf die schwarzen kurzen Borsten

herab. Endlich aber begann er zu sprechen.

»Ich kann nicht ewig am Diakonissenhause bleiben, das mußt Du einsehen,

Cäcilie.«

»Sehe ich ein -- weiter.«

»Ich bleibe dort, bis ich eine Volontairstelle bei einem Frauenarzt finde,

ich will Specialist werden.«

»Auch gut -- weiter.«

»Ich werde ungefähr zwei Jahre als Assistent arbeiten, dann will ich

versuchen, mich selbständig zu machen. Zunächst muß ich dann auf

Patienten warten, mir eine Praxis begründen. Habe ich die, so errichte ich

eine Privatklinik, engagire dazu eine ehemalige Diakonissin und kann, wenn

ich Glück habe, ein schönes Vermögen erwerben.«

»Das will ich Dir wünschen.« --

»Du sollst mehr thun, als es mir wünschen.«

»Ah -- ich wäre begierig.«

»Ja, ich wollte dich bitten, mir dein Erbtheil zu überlassen. Als

Volontair muß ich mich selbst erhalten. Sobald ich mich dann selbständig

mache, habe ich zunächst auch keinen Verdienst. Auch eine Privatklinik

kann ich nicht ganz ohne Vermögen übernehmen. Der ganze Nachlaß

unseres Vaters aber würde genügen, mich über Wasser zu halten und mich

bescheiden zu ernähren, bis meine Hoffnungen sich verwirklicht haben. Dann

werde ich daran gehen zu sparen und dir das Doppelte von der Summe geben,

die Du mir jetzt giebst.« --

»Und ich kann mich für die nächsten zwanzig Jahre als Stütze der

Hausfrau vermiethen, mit der verlockenden Aussicht nach Ablauf dieser Zeit

von meinem großmüthigen Bruder viertausend Mark zu erhalten, von deren

Zinsen ich dann in meinen alten Tagen ein wahres Schlaraffenleben werde

führen können -- nicht wahr?«

Hämischer Spott entstellte ihren Mund, sie lachte bitter auf, ihre Wangen

glühten, sie war empört über den naiven Egoismus des Bruders.

»Nein, Du sollst Dich nicht als Stütze der Hausfrau vermiethen; ich

habe eine Versorgung für Dich, die Du nur anzunehmen brauchst, um mein

Schicksal günstig und glücklich entscheiden zu können.«

»Ich will Deine Versorgung nicht. Nach dem Egoismus, den Du eben offenbart

hast, verlange ich nicht nach dem Almosen eines männlichen Schutzes.

Morgen theilen wir; ich gehe meinen Weg, und Du gehst Deinen, dabei

bleibt's.«

»Cäcilie, ich komme niemals in die Höhe. Der ärztliche Beruf ist ein

freies Gewerbe; der Concurrenzkampf ist rücksichtslos hart. Es ist ein

Kampf um Leben und Brod. Erleichtere ihn mir, arbeite als Schwester an

meiner Seite. Gieb mir die Mittel, deren ich bedarf, um mich durchzuringen.

In fünf, sechs Jahren vielleicht schon rufe ich Dich zu mir und sorge für

Dich.«

»Ich soll dann wohl Deine Köchin werden? Danke für die Ehre.«

»Cäcilie, die Frau Oberin hat mir heute gesagt, daß die Nachfrage nach

jungen Diakonissinnen so außerordentlich groß ist. Sie hat mich direct

aufgefordert, Dich ihr zuzuführen. Du hast ein gewisses medicinisches

Interesse. Du eignest Dich zur Schwester. Geh hin, laß Dich ausbilden, und

tritt dann auch in eine Frauenklinik ein. Lerne, arbeite, und sobald ich

eine feste Stellung als Frauenarzt habe, komm zu mir, um mit mir zusammen

eine Privatklinik zu gründen. Du weißt, ein Mann allein kann das nicht.

Man ist auf eine weibliche Mitarbeiterin angewiesen, und eine geeignete

Persönlichkeit ist nur mit den größten Geldopfern aufzutreiben. Sei

meine Verbündete liebe Schwester, laß uns zusammen streben, zusammen

erwerben.«

Er hielt ihr die Hand hin und sah sie bittend an.

»Du kommst Dir wohl noch sehr großmüthig vor in Deinem männlichen

Egoismus,« spottete sie. »Also ich soll jetzt fromme Schwester werden,

soll mich ducken unter Bonzen und Pfaffen, soll Choräle singen und Fenster

putzen? Jede grobe Arbeit thun, um Christi willen? Die Augen verdrehen,

heucheln, dienen -- ha, ha, ha, und alles das, damit ich später

ausgebildet bin, wenn Du so weit bist, mich zu rufen! Du willst dann der

leitende Arzt einer Anstalt sein, Anordnungen treffen, Befehle geben,

und ich als dienende Schwester bin grade gut genug, um Dir -- -- zu

gehorchen!« --

Er trat erschrocken zurück vor der Wuth, die er, ohne es zu wollen, zu

diesem Ausbruch gebracht hatte.

»Warum willst Du denn nicht als Schwester ärztliche Anordnungen

ausführen?« fragte er erstaunt. »Glaubst Du denn als Lehrerin, oder

in sonst einem weiblichen Berufe freier und selbständiger handeln zu

können?«

»Wer sagt Dir denn, daß ich einen sogenannten »weiblichen« Beruf

wählen werde? Ist nicht der ärztliche Stand, wie Du selbst sagst, ein

freies Gewerbe -- steht er mir nicht ebenso gut offen, wie Dir?«

»Ich habe Dich für klüger gehalten, Cäcilie.«

Sie lachte laut auf. »Ja für klug genug, um blutiges Verbandzeug zu

waschen, aber nicht für klug genug, um selbst das Messer zu führen. Das

ist ja die geheiligte Tradition aller Männer. Zu Handlangerdiensten ist

die Frau gerne willkommen, aber um sie als ebenbürtige Berufsgenossin

anzusehen, dazu lassen die Herren sich so leicht nicht herab!«

Otto Ehrhardt versuchte es garnicht, seine Schwester von ihrer Ueberzeugung

der vollen Gleichberechtigung der Geschlechter abzubringen. Sie hatte noch

niemals ihre Ansicht untergeordnet, in dieser Lebensfrage würde sie es am

wenigsten thun. Er appellierte deßhalb nur an ihren, wie er wußte, stark

entwickelten praktischen Sinn.

»Die letzte Steuereinschätzung,« begann er langsam, »hat, wie Du

vielleicht weißt, bei der größeren Hälfte aller Berliner Aerzte ein

Berufseinkommen unter dreitausend Mark ergeben. Wenn die Aerzte noch ferner

unter den äußeren Lebensbedingungen der höheren Stände weiter leben

sollen, so darf dieses Einkommen nicht noch weiter heruntergedrückt

werden; giebst Du das zu?«

Sie kaute an ihren Nägeln und sah, ohne zu antworten, zu ihm empor.

»Da Du schweigst, hoffe ich, daß Du mir zustimmst,« fuhr er fort. »Es

bleibt mir also demnach nur noch zu sagen, daß dieser, schon jetzt mehr

als überfüllte Beruf ruinirt wird, wenn noch die weibliche Concurrenz

eintritt.«

»Für hiesige Verhältnisse mag das zutreffen, aber Berlin ist nicht die

Welt, es giebt andere Städte,« sagte sie kurz.

»Die kleinste Stadt hat so viel Aerzte, daß jeder neue junge Concurrent

Jahre lang ringen muß, bis er ein einigermaßen genügendes Einkommen hat.

Sei klug Cäcilie, verschließe Dich nicht der Einsicht, daß grade

dieser Beruf keinen neuen Zudrang von Arbeitskräften zu ertragen vermag.

Vereinzelt mögen ja auch Frauen sich in diesem Fache durchringen, aber

nur, wenn sie gegen die Möglichkeit des Mangels geschützt sind, nur wenn

sie Vermögen besitzen.«

»Ich ringe mich durch -- auch wenn ich keinen Pfennig hätte -- ich

fühle den Beruf in mir, ich weiß, daß ich hervorragen kann in dieser

Wissenschaft, ich erreiche das Ziel!«

Er sah die Begeisterung, die ihr unschönes Gesicht bei diesen energischen

Worten verklärte, aber er hatte kein Verständniß dafür. Er, für seine

Person, empfand kein leidenschaftliches Interesse für seinen Beruf. Er

hatte ihn ergriffen, weil es sein Vater wünschte und weil er eben auch

keine andere lebhafte Neigung fühlte. Es lag ihm gänzlich fern, sich zu

einer Größe darin aufschwingen zu wollen, ihm fehlte dazu der Eifer,

wie auch die Begabung. Das einzige Ziel seiner Wünsche war eine sorglose

behagliche Existenz, ein sicheres Auskommen -- der glühende Ehrgeiz seiner

Schwester war ihm unverständlich.

»O, hätte der Vater an mich gewendet, was er an Dich wandte -- ich wäre

mehr geworden, wie Du.«

Aus tiefstem Herzen kam ihr der Seufzer. Otto sah sie verwundert an. »Und

ich?« fragte er. »Ich, der einzige Sohn des Medicinalrathes Ehrhardt, was

hätte ich werden sollen?«

»Handlanger -- das was ich jetzt werden soll. Ist denn der einzige Sohn

eines Mannes besser, als desselben Mannes einzige Tochter? Ist es nicht

denkbar, daß die Tochter für denselben Beruf begabter sein kann, wie der

Sohn?«

Otto war durchaus nicht geneigt, auf diese Frage einzugehen. Das Vorrecht

des Sohnes vor der Tochter schien ihm so selbverständlich, so fest

stehend, daß er darüber kein Wort, keinen Gedanken verlor. War es je

vorgekommen, daß in einer ihm bekannten Familie die Töchter von den

Eltern besser für den Kampf ums Dasein ausgerüstet worden wären, als die

Söhne -- die Vertreter des starken Geschlechtes? Das war nie und nirgend

gewesen, nie und nirgend würde es sein. --

»Mein Gott -- ich verlange ja nicht, daß Du Diakonissin wirst,« meinte

er ausweichend. »Es ist aber der einzige geachtete Frauenberuf, in welchem

die Nachfrage das Angebot an Arbeitskräften übersteigt, außerdem bietet

er eine Altersversorgung. Oder glaubst Du etwa, daß Du jemals geheirathet

wirst?«

Sie lachte höhnisch auf. »Geheirathet? Das war wenigstens gut

ausgedrückt, Otto. Nein lieber Bruder, ich bin häßlich, mein knochiger

Körper wird niemals die sinnlichen Gefühle eines Mannes erregen. Niemand

wird, um meine Reize zu besitzen, bereit sein, meinen Lebensunterhalt

zu erwerben. Zum Glück sind meine Nerven aber auch nicht geschlechtlich

erregbar -- ich werde nicht geheirathet werden und -- -- ich werde nicht

lieben.«

»Also -- was hast Du denn eigentlich beschlossen?«

»Mich durchzuarbeiten. Ich werde Medicin studiren, werde mich auf

die Augenheilkunde verlegen, werde in orientalischen Ländern meinen

Wirkungskreis suchen und sicher -- ganz sicher wird meine Kraft und

meine Begeisterung mich dahin bringen, daß ich tausende und abertausende

mittelmäßiger Männer, träger gewissenloser Aerzte überflügeln

werde und weit hinter mir lassen werde. Ich dem Namen Ehrhardt in der

wissenschaftlichen Welt Glanz und Ansehen schaffen -- ich -- aber niemals

wird Dir das gelingen.«

»Und das alles mit der Hälfte eines väterlichen Erbes im Betrage von

viertausend Mark?«

»Ich weiß nicht womit, aber ich will es, und was ich will, das führe ich

durch. Ich werde entbehren und arbeiten, aber ich werde siegen.«

»Dann werde ich eben kein Specialist. Mein Gott, auf den Knieen werde ich

Dich nicht anflehen, mir die Wege zu ebnen.«

Er ging wüthend hinaus. Sie blieb zurück mit einem glücklichen, stillen

Lächeln. Aus ihren Augen strahlte das Genie, das sich immer Bahn bricht im

Leben. -- -- Wo ein Wille ist, da ist auch ein Weg!

Morphium: Novellen · 第 10 / 13 题