_v. Möbius_, Premierlieutenant.
Die Oberin des großen evangelischen Diakonissenhauses las diesen Brief
nachdenklich durch. Auf ihrem energischen klugen Gesichte zeigte sich ein
Ausdruck des lebhaftesten Bedauerns. Sie schob alle anderen Briefschaften,
die noch der Erledigung warteten, vorläufig bei Seite und ging nach der
Frauenstation für chirurgische Fälle. Die Stationsschwester war, wie
immer, grade in diesem Saale sehr beschäftigt, verließ aber ihre
Arbeit, um an eines der großen Saalfenster zu treten und dort mit ihrer
Vorgesetzten zu sprechen.
Die Betten im Saale standen so weit von den Fenstern entfernt, daß die
Kranken von der Unterhaltung der beiden Diakonissinnen nichts zu vernehmen
vermochten.
»Was meinen Sie, Schwester Albertine,« begann die Gräfin, nachdem die
Schwester den Brief des Lieutenants gelesen hatte, »wen könnten wir
schicken?«
Die alte erfahrene Schwester schüttelte ganz bestimmt den Kopf.
»Niemanden, Frau Oberin,« sagte sie ruhig. »Alle Betten im Hause
sind belegt, ich habe schon drei Lehrschwestern eingestellt, um allen
Anforderungen zu genügen. Wir können keine Schwester entbehren; im
Gegentheil, ich will froh sein, wenn erst wieder Einsegnung gewesen ist,
wir haben nicht genug Schwestern.«
»Das weiß ich, das wird auch vorläufig nicht anders werden. Von allen
Seiten werde ich gebeten, junge Kräfte, die wir ausgebildet haben, an
neue Anstalten abzugeben. Vierzig Schwestern sind in diesem Quartal von
mir verlangt, und zwei Anmeldungen von jungen Mädchen, die sich ausbilden
wollen, habe ich nur erhalten.«
Schwester Albertine seufzte tief auf. »Möchte doch der Herr die Herzen
christlicher Jungfrauen erleuchten und segnen, daß sie in Schaaren
herbeikommen, um in seinem Namen ihren armen Brüdern zu helfen.«
»Ich hatte gehofft, in der nächsten Zeit einige Freibetten einstellen
zu können,« sagte die Oberin, »bedenken Sie, daß Frau von Möbius die
Tochter eines sehr reichen Bankiers ist, wenn sich die Familie für unsere
Anstalt interessirte, so wäre das doch sehr günstig.«
»Der Herr wird helfen, daß wir die Freibetten auch so einrichten
können,« meinte Schwester Albertine. Die Oberin aber schien dieser Frage
gegenüber doch einen praktischeren Standpunkt einzunehmen, wie die gute
alte Schwester.
»Es handelt sich wahrscheinlich nur um ein paar Tage, Schwester; ich
schreibe nicht ab, ich schaffe Rath, schicken Sie mir Schwester Elisabeth
in mein Arbeitszimmer,« entschied sie nach kurzem Nachdenken.
Die Schwester erlaubte sich keinen Widerspruch. Sie kehrte schweigend
an ihre Arbeit zurück, und die Gräfin verließ straff aufgerichtet mit
raschen Schritten den Saal.
Sie hielt noch immer den Brief des Herrn von Möbius in der Hand. Sie
wollte seinen Wunsch erfüllen und suchte nach Mitteln, das möglich zu
machen. In dem breiten Corridor vor ihrem Zimmer begegnete ihr einer von
den Aerzten der Anstalt. Der junge Mann grüßte die vornehme Frau mit
einer tiefen ehrfurchtsvollen Verbeugung.
Sie trat rasch auf ihn zu. »Es drängt mich, Ihnen meine Theilnahme an dem
Tode Ihres Herrn Vaters auszusprechen, Herr Doctor Ehrhardt.« Sie reichte
ihm freundlich die Hand.
Der Arzt berührte leicht mit seinen Lippen die volle weiße Hand, die sie
ihm gab. »Frau Oberin sind sehr gütig,« sagte er etwas verlegen. »Mein
armer Papa war sehr leidend in den letzten Jahren, er sehnte sich oft nach
dem Tode, der ihn nun leicht und schmerzlos erlöst hat.«
»Er war lange leidend, so? Das war mir gar nicht bekannt. Wer hat ihn denn
in seiner Krankheit gepflegt? Ihre Frau Mutter ist doch, so viel ich weiß,
schon seit Jahren verstorben?«
»Allerdings, gnädigste Frau, ich habe aber eine Schwester, ein gesundes
kräftiges Mädchen von zweiundzwanzig Jahren. Die war durchaus zur Pflege
meines Vaters geeignet.«
Die Gräfin wurde aufmerksam. »Ich habe nie von Ihrem Fräulein Schwester
gehört, sie muß sehr zurückgezogen leben.«
»Sie hat eigenthümliche Neigungen und hält sich von ihren
Altersgenossinnen fern. Wir Geschwister stehen jetzt allein in der
Welt; ich werde wohl genöthigt sein, eine geeignete Stellung für meine
Schwester zu suchen.«
»Das wird Ihnen schwer werden, lieber Doctor; das Angebot gebildeter
Damen für häusliche Stellungen ist außerordentlich groß, während die
Nachfrage sich mehr auf weniger gebildete Kräfte richtet, die bei den
täglichen Arbeiten mit Hand anlegen.«
»Frau Oberin meinen, höhere Dienstboten werden gesucht, und
Reisebegleiterinnen, Gesellschafterinnen und Gouvernanten bieten sich an.«
»Diese Thatsache ist doch nicht zu leugnen, es ist ein eigenes Kapitel der
sozialen Frage, die Frauen- oder eigentlich Jungfrauenfrage. Hier bei
uns aber ist diese Frage gelöst. Sie wissen ja, wie erheblich in unserem
Berufe die Nachfrage das Angebot übersteigt. Bringen Sie Ihre Schwester zu
mir, Herr Doctor, sie ist kräftig und gesund, wie Sie sagen, steht grade
im richtigen Alter und hat sich bereits in häuslicher Krankenpflege
bewährt. Das Mutterhaus sieht in jeder neu eintretenden Schwester eine
liebe Tochter und heißt sie herzlich willkommen. Es ist ein weites
Arbeitsfeld da, helfen Sie mir, demselben eine neue Kraft zuzuführen.«
»Sie haben Recht, Frau Oberin, ich will mit meiner Schwester sprechen. Sie
hat kein Vermögen, ist durchaus nicht hübsch, eine Versorgung durch die
Ehe ist also nicht wahrscheinlich. Sie wird vielleicht Gott danken, wenn
sie hier freundlich aufgenommen wird.«
»Dessen können Sie versichert sein, die Waise und die Schwester eines
Arztes ist uns doppelt willkommen.«
Die Gräfin nickte dem jungen Manne wohlwollend zu und trat in ihr Zimmer.
Doctor Ehrhardt sah lange hinter ihr her. Der Vorschlag der frommen Dame
entsprach so ganz seinen Wünschen. Wenn doch seine Schwester ihr schroffes
eigenwilliges Wesen lassen und einmal, nur ein einziges Mal, auf ihn
hören, seinen Wünschen sich fügen wollte!
Nie hatte Cäcilie ein weibliches weiches Empfinden gezeigt, nie hatte
sie nachzugeben gewußt. Alle Bekannten des Bruders hatten, durch ihr
unweibliches Wesen abgestoßen, den Verkehr im Ehrhardt'schen Hause
beschränkt, wo sie nur konnten; und doch wußte Otto, daß seine Schwester
ein ernstes Streben verfolgte. Sie verachtete die oberflächliche Existenz
vergnügungssüchtiger, kindlicher Mädchen. Sie sah, wie Eine dieser
Mädchen nach der Anderen, alle ihre ehemaligen Schulgenossinnen sich
verlobten und verheiratheten und hatte nur ein verächtliches Achselzucken
für die Männer, die diese Wesen an ihre Seite zogen. Sie wollte mehr
sein, etwas Anderes -- etwas Höheres. Das konnte sie jetzt werden. --
Es erschien dem Bruder nun auf einmal wahrscheinlich, daß sie mit
Begeisterung auf den Vorschlag der Oberin eingehen würde. Man rief sie,
man bedurfte ihrer, warum sollte sie zögern zu kommen!
Ganz erfüllt von seinem Wunsche und fast überzeugt von dessen Erfüllung
eilte er nach Hause.
Ein Möbelwagen stand vor der Thür, und fremde Leute begegneten ihm im
eigenen Heim. Es fiel ihm jetzt erst ein, daß heute früh die freiwillige
Versteigerung von seines Vaters Nachlaß stattgefunden hatte.
Weder er noch seine Schwester waren in der Lage, eine Wohnung für all die
Möbel, Betten, Bücher, Bilder u. s. w. zu miethen. Die Gegenstände,
die so lange er denken konnte durch die ganze Kindheit der Geschwister
Zeugen ihres Daseins gewesen waren, wurden heute in alle Winde zerstreut.
Die Heimath war aufgelöst -- freiwillig aufgegeben. Nun hieß es wandern,
ein neues Heim erwerben, den Kampf mit dem Leben bestehen.
Otto ging in das Arbeitszimmer des Vaters. Die wissenschaftlichen
Bücher, soweit sie nicht veraltet waren, und die Instrumente des alten
Medicinalrathes lagen dort noch umher, ungeordnet, aber zum Glück
unberührt. Wie wenig Gefühl hatte doch Cäcilie gezeigt, daß sie diese
Andenken an den Verstorbenen, die der Sohn zu behalten wünschte, nicht
sorglich zusammengeräumt und eingepackt hatte. Er wollte seine Schwester
jetzt aufsuchen, aber das bittere Wort über ihren Mangel an Pietät
unterdrückte er gewaltsam. Es galt jetzt, alle ihre Gedanken auf das Ziel
hinzulenken, dem er sie entgegenzuführen gedachte.
In einem öden ausgeräumten Zimmer, zwischen Koffern und Kisten fand er
sie. Ueberall lag Packstroh, Heu, Papier und dicker Staub. Ein weibliches
Wesen hätte in diesem Raume vor allen Dingen doch den Wunsch empfinden
müssen, Ordnung und wenigstens etwas Sauberkeit herzustellen. Cäcilie
Ehrhardt aber empfand davon nichts.
Die breite, knochige Gestalt des Mädchens saß auf einer Kiste, die Arme
waren auf die Fensterbank aufgelehnt, ohne Rücksicht auf die schwarzen
Aermel des einfachen Trauerkleides. Der Kopf mit dem kurzgeschnittenen Haar
war über ein Buch gebeugt. Sie sah nicht auf, als der Bruder eintrat.
»Wenn Du Deine Lectüre unterbrechen kannst, Cäcilie, so möchte ich Dich
bitten, über eine wichtige Frage mit mir zu sprechen.«
Sie legte die griechische Grammatik, in der sie gelesen hatte, aus der
Hand. Ein kurzer fragender Blick traf ihn durch die funkelnden Gläser
ihrer Brille.
»Ich habe Dir wenig Erfreuliches mitzutheilen,« sagte sie.
»Die Versteigerung des alten Hausrathes hat fast nichts ergeben.
Luxusgegenstände waren, wie Du weißt, nicht vorhanden. Der Auctionator
wird uns morgen Rechnung ablegen.«
Er nickte schmerzlich. »Ich habe von der Versteigerung nichts erwartet,
aber wir müssen doch den Ballast los sein. Den Luxus pietätvoller
Erinnerung können wir uns noch nicht erlauben.«
»Winsele nicht,« sagte sie schroff, und stand auf.
Die Lippen in dem gelben Gesicht waren breit und aufgeworfen, ein
finsterer Zug lag zwischen den schwarzen Augenbrauen, die Nase war kurz und
gewöhnlich geformt; das ganze Gesicht wäre häßlich gewesen, ohne den
Ausdruck hervorragender Klugheit, der es belebte.
»Dir wenigstens werde ich sicherlich nichts vorwinseln,« gab er zurück,
»aber ich wollte mit Dir über meine Zukunft sprechen. Meine Existenz
liegt augenblicklich in Deiner Hand.«
»Bitte, erkläre Dich deutlicher.«
»Ich bin schon dabei. Vater hat schon seit Jahren nicht mehr prakticirt.
Von seinen Zinsen konnten wir nicht leben, wir haben das Kapital
verbraucht. Wenn ich den Rest überschlage, die Ausgaben abziehe, die
Auction hinzurechne, so denke ich, es wird uns ein baarer Rest von
viertausend Mark bleiben.«
»Wenig genug, aber es muß reichen, wir müssen uns einrichten, wir
müssen Beide damit auskommen, bis wir uns frei gearbeitet haben.«
Auf dem feinen hübschen Gesichte des jungen Mannes malte sich lebhaftes
Staunen.
»Das scheinst Du Dir sehr einfach zu denken,« sagte er endlich. »Bitte
höre aber wenigstens zu, was ich mir für Lebenspläne gemacht habe.«
Sie nickte und setzte sich wieder auf die Kiste. Die Füße streckte sie
weit von sich und betrachtete augenscheinlich aufmerksam ihre großen
derben Zugstiefel.
Er drehte beinahe verlegen an seinem Schnurrbarte. Ein Opfer wollte er
von ihr fordern, -- den eigensinnigen Kopf mit den männlich kurzen Haaren
wollte er unter die weiblichste aller Trachten, unter die schlichte Haube
der Diakonissin beugen. Er sah ängstlich auf die schwarzen kurzen Borsten
herab. Endlich aber begann er zu sprechen.
»Ich kann nicht ewig am Diakonissenhause bleiben, das mußt Du einsehen,
Cäcilie.«
»Sehe ich ein -- weiter.«
»Ich bleibe dort, bis ich eine Volontairstelle bei einem Frauenarzt finde,
ich will Specialist werden.«
»Auch gut -- weiter.«
»Ich werde ungefähr zwei Jahre als Assistent arbeiten, dann will ich
versuchen, mich selbständig zu machen. Zunächst muß ich dann auf
Patienten warten, mir eine Praxis begründen. Habe ich die, so errichte ich
eine Privatklinik, engagire dazu eine ehemalige Diakonissin und kann, wenn
ich Glück habe, ein schönes Vermögen erwerben.«
»Das will ich Dir wünschen.« --
»Du sollst mehr thun, als es mir wünschen.«
»Ah -- ich wäre begierig.«
»Ja, ich wollte dich bitten, mir dein Erbtheil zu überlassen. Als
Volontair muß ich mich selbst erhalten. Sobald ich mich dann selbständig
mache, habe ich zunächst auch keinen Verdienst. Auch eine Privatklinik
kann ich nicht ganz ohne Vermögen übernehmen. Der ganze Nachlaß
unseres Vaters aber würde genügen, mich über Wasser zu halten und mich
bescheiden zu ernähren, bis meine Hoffnungen sich verwirklicht haben. Dann
werde ich daran gehen zu sparen und dir das Doppelte von der Summe geben,
die Du mir jetzt giebst.« --
»Und ich kann mich für die nächsten zwanzig Jahre als Stütze der
Hausfrau vermiethen, mit der verlockenden Aussicht nach Ablauf dieser Zeit
von meinem großmüthigen Bruder viertausend Mark zu erhalten, von deren
Zinsen ich dann in meinen alten Tagen ein wahres Schlaraffenleben werde
führen können -- nicht wahr?«
Hämischer Spott entstellte ihren Mund, sie lachte bitter auf, ihre Wangen
glühten, sie war empört über den naiven Egoismus des Bruders.
»Nein, Du sollst Dich nicht als Stütze der Hausfrau vermiethen; ich
habe eine Versorgung für Dich, die Du nur anzunehmen brauchst, um mein
Schicksal günstig und glücklich entscheiden zu können.«
»Ich will Deine Versorgung nicht. Nach dem Egoismus, den Du eben offenbart
hast, verlange ich nicht nach dem Almosen eines männlichen Schutzes.
Morgen theilen wir; ich gehe meinen Weg, und Du gehst Deinen, dabei
bleibt's.«
»Cäcilie, ich komme niemals in die Höhe. Der ärztliche Beruf ist ein
freies Gewerbe; der Concurrenzkampf ist rücksichtslos hart. Es ist ein
Kampf um Leben und Brod. Erleichtere ihn mir, arbeite als Schwester an
meiner Seite. Gieb mir die Mittel, deren ich bedarf, um mich durchzuringen.
In fünf, sechs Jahren vielleicht schon rufe ich Dich zu mir und sorge für
Dich.«
»Ich soll dann wohl Deine Köchin werden? Danke für die Ehre.«
»Cäcilie, die Frau Oberin hat mir heute gesagt, daß die Nachfrage nach
jungen Diakonissinnen so außerordentlich groß ist. Sie hat mich direct
aufgefordert, Dich ihr zuzuführen. Du hast ein gewisses medicinisches
Interesse. Du eignest Dich zur Schwester. Geh hin, laß Dich ausbilden, und
tritt dann auch in eine Frauenklinik ein. Lerne, arbeite, und sobald ich
eine feste Stellung als Frauenarzt habe, komm zu mir, um mit mir zusammen
eine Privatklinik zu gründen. Du weißt, ein Mann allein kann das nicht.
Man ist auf eine weibliche Mitarbeiterin angewiesen, und eine geeignete
Persönlichkeit ist nur mit den größten Geldopfern aufzutreiben. Sei
meine Verbündete liebe Schwester, laß uns zusammen streben, zusammen
erwerben.«
Er hielt ihr die Hand hin und sah sie bittend an.
»Du kommst Dir wohl noch sehr großmüthig vor in Deinem männlichen
Egoismus,« spottete sie. »Also ich soll jetzt fromme Schwester werden,
soll mich ducken unter Bonzen und Pfaffen, soll Choräle singen und Fenster
putzen? Jede grobe Arbeit thun, um Christi willen? Die Augen verdrehen,
heucheln, dienen -- ha, ha, ha, und alles das, damit ich später
ausgebildet bin, wenn Du so weit bist, mich zu rufen! Du willst dann der
leitende Arzt einer Anstalt sein, Anordnungen treffen, Befehle geben,
und ich als dienende Schwester bin grade gut genug, um Dir -- -- zu
gehorchen!« --
Er trat erschrocken zurück vor der Wuth, die er, ohne es zu wollen, zu
diesem Ausbruch gebracht hatte.
»Warum willst Du denn nicht als Schwester ärztliche Anordnungen
ausführen?« fragte er erstaunt. »Glaubst Du denn als Lehrerin, oder
in sonst einem weiblichen Berufe freier und selbständiger handeln zu
können?«
»Wer sagt Dir denn, daß ich einen sogenannten »weiblichen« Beruf
wählen werde? Ist nicht der ärztliche Stand, wie Du selbst sagst, ein
freies Gewerbe -- steht er mir nicht ebenso gut offen, wie Dir?«
»Ich habe Dich für klüger gehalten, Cäcilie.«
Sie lachte laut auf. »Ja für klug genug, um blutiges Verbandzeug zu
waschen, aber nicht für klug genug, um selbst das Messer zu führen. Das
ist ja die geheiligte Tradition aller Männer. Zu Handlangerdiensten ist
die Frau gerne willkommen, aber um sie als ebenbürtige Berufsgenossin
anzusehen, dazu lassen die Herren sich so leicht nicht herab!«
Otto Ehrhardt versuchte es garnicht, seine Schwester von ihrer Ueberzeugung
der vollen Gleichberechtigung der Geschlechter abzubringen. Sie hatte noch
niemals ihre Ansicht untergeordnet, in dieser Lebensfrage würde sie es am
wenigsten thun. Er appellierte deßhalb nur an ihren, wie er wußte, stark
entwickelten praktischen Sinn.
»Die letzte Steuereinschätzung,« begann er langsam, »hat, wie Du
vielleicht weißt, bei der größeren Hälfte aller Berliner Aerzte ein
Berufseinkommen unter dreitausend Mark ergeben. Wenn die Aerzte noch ferner
unter den äußeren Lebensbedingungen der höheren Stände weiter leben
sollen, so darf dieses Einkommen nicht noch weiter heruntergedrückt
werden; giebst Du das zu?«
Sie kaute an ihren Nägeln und sah, ohne zu antworten, zu ihm empor.
»Da Du schweigst, hoffe ich, daß Du mir zustimmst,« fuhr er fort. »Es
bleibt mir also demnach nur noch zu sagen, daß dieser, schon jetzt mehr
als überfüllte Beruf ruinirt wird, wenn noch die weibliche Concurrenz
eintritt.«
»Für hiesige Verhältnisse mag das zutreffen, aber Berlin ist nicht die
Welt, es giebt andere Städte,« sagte sie kurz.
»Die kleinste Stadt hat so viel Aerzte, daß jeder neue junge Concurrent
Jahre lang ringen muß, bis er ein einigermaßen genügendes Einkommen hat.
Sei klug Cäcilie, verschließe Dich nicht der Einsicht, daß grade
dieser Beruf keinen neuen Zudrang von Arbeitskräften zu ertragen vermag.
Vereinzelt mögen ja auch Frauen sich in diesem Fache durchringen, aber
nur, wenn sie gegen die Möglichkeit des Mangels geschützt sind, nur wenn
sie Vermögen besitzen.«
»Ich ringe mich durch -- auch wenn ich keinen Pfennig hätte -- ich
fühle den Beruf in mir, ich weiß, daß ich hervorragen kann in dieser
Wissenschaft, ich erreiche das Ziel!«
Er sah die Begeisterung, die ihr unschönes Gesicht bei diesen energischen
Worten verklärte, aber er hatte kein Verständniß dafür. Er, für seine
Person, empfand kein leidenschaftliches Interesse für seinen Beruf. Er
hatte ihn ergriffen, weil es sein Vater wünschte und weil er eben auch
keine andere lebhafte Neigung fühlte. Es lag ihm gänzlich fern, sich zu
einer Größe darin aufschwingen zu wollen, ihm fehlte dazu der Eifer,
wie auch die Begabung. Das einzige Ziel seiner Wünsche war eine sorglose
behagliche Existenz, ein sicheres Auskommen -- der glühende Ehrgeiz seiner
Schwester war ihm unverständlich.
»O, hätte der Vater an mich gewendet, was er an Dich wandte -- ich wäre
mehr geworden, wie Du.«
Aus tiefstem Herzen kam ihr der Seufzer. Otto sah sie verwundert an. »Und
ich?« fragte er. »Ich, der einzige Sohn des Medicinalrathes Ehrhardt, was
hätte ich werden sollen?«
»Handlanger -- das was ich jetzt werden soll. Ist denn der einzige Sohn
eines Mannes besser, als desselben Mannes einzige Tochter? Ist es nicht
denkbar, daß die Tochter für denselben Beruf begabter sein kann, wie der
Sohn?«
Otto war durchaus nicht geneigt, auf diese Frage einzugehen. Das Vorrecht
des Sohnes vor der Tochter schien ihm so selbverständlich, so fest
stehend, daß er darüber kein Wort, keinen Gedanken verlor. War es je
vorgekommen, daß in einer ihm bekannten Familie die Töchter von den
Eltern besser für den Kampf ums Dasein ausgerüstet worden wären, als die
Söhne -- die Vertreter des starken Geschlechtes? Das war nie und nirgend
gewesen, nie und nirgend würde es sein. --
»Mein Gott -- ich verlange ja nicht, daß Du Diakonissin wirst,« meinte
er ausweichend. »Es ist aber der einzige geachtete Frauenberuf, in welchem
die Nachfrage das Angebot an Arbeitskräften übersteigt, außerdem bietet
er eine Altersversorgung. Oder glaubst Du etwa, daß Du jemals geheirathet
wirst?«
Sie lachte höhnisch auf. »Geheirathet? Das war wenigstens gut
ausgedrückt, Otto. Nein lieber Bruder, ich bin häßlich, mein knochiger
Körper wird niemals die sinnlichen Gefühle eines Mannes erregen. Niemand
wird, um meine Reize zu besitzen, bereit sein, meinen Lebensunterhalt
zu erwerben. Zum Glück sind meine Nerven aber auch nicht geschlechtlich
erregbar -- ich werde nicht geheirathet werden und -- -- ich werde nicht
lieben.«
»Also -- was hast Du denn eigentlich beschlossen?«
»Mich durchzuarbeiten. Ich werde Medicin studiren, werde mich auf
die Augenheilkunde verlegen, werde in orientalischen Ländern meinen
Wirkungskreis suchen und sicher -- ganz sicher wird meine Kraft und
meine Begeisterung mich dahin bringen, daß ich tausende und abertausende
mittelmäßiger Männer, träger gewissenloser Aerzte überflügeln
werde und weit hinter mir lassen werde. Ich dem Namen Ehrhardt in der
wissenschaftlichen Welt Glanz und Ansehen schaffen -- ich -- aber niemals
wird Dir das gelingen.«
»Und das alles mit der Hälfte eines väterlichen Erbes im Betrage von
viertausend Mark?«
»Ich weiß nicht womit, aber ich will es, und was ich will, das führe ich
durch. Ich werde entbehren und arbeiten, aber ich werde siegen.«
»Dann werde ich eben kein Specialist. Mein Gott, auf den Knieen werde ich
Dich nicht anflehen, mir die Wege zu ebnen.«
Er ging wüthend hinaus. Sie blieb zurück mit einem glücklichen, stillen
Lächeln. Aus ihren Augen strahlte das Genie, das sich immer Bahn bricht im
Leben. -- -- Wo ein Wille ist, da ist auch ein Weg!