Fräulein Hedwig Wagner hatte von ihrer Herrschaft die Erlaubniß erhalten,
eine durchreisende Freundin am Bahnhofe begrüßen zu dürfen. In
freudiger Erwartung verließ sie die Villa und ging eilig in der
herrlichen feuchtwarmen Luft des Sommerabends dahin. Selbst die belebtesten
Verkehrsstraßen waren ohne Staub und frei von Hitze. Nur in der großen
grell erleuchteten Bahnhofshalle war nichts von der wundervollen Temperatur
zu bemerken, die draußen herrschte; es war dumpf und heiß unter den von
Kohlenstaub erfüllten gewaltigen Bogen dieses Gebäudes.
Erwartungsvoll stand das junge Mädchen inmitten der sich drängenden
Menschenmasse, um sie her brauste und lärmte das Leben des großen
Verkehrs. Ein Vorortzug fuhr ein, hielt, pfiff und dampfte weiter. Da
gellte ein gräßlicher Schrei durch die Luft, tausendstimmig wurde er von
der Menge zurückgegeben und brach sich wiederhallend an der Wölbung der
Decke.
Ein Mann war beim Einsteigen ausgeglitten und war unter die Räder des
Zuges gekommen. Man zog den Verstümmelten hervor und der Zug fuhr ab.
Zuerst wurde ein allgemeines Unglück befürchtet; als man aber sah, daß
keine Gefahr vorhanden sei, beruhigte sich die Menschenmenge bald, die
Panik verflog rasch wie sie gekommen war, das lebensgefährliche Gedränge,
das auf den furchtbaren Schrei gefolgt war, hörte sofort wieder auf. --
Ein eigentliches Eisenbahnunglück war ja nicht geschehen. Es hatte nur
noch jemand einsteigen wollen, als sich der Zug schon in Bewegung gesetzt
hatte. Das alte Unglück, es kommt so oft vor, wer sollte sich wohl
besonders darüber aufregen! Kaum eine Minute hatte das gräßliche Ende
eines Einzelnen den fluthenden Strom des großstädtischen Lebens ins
Stocken gebracht.
»Es wird ein Kranker aus der Irrenanstalt des Professor Schrödter
vermißt, hier ist das Signalement, das seine Abreise verhindern soll,«
sagte ein Schutzmann, auf den Bahnhofsvorsteher zutretend.
Der Beamte überflog das Signalement. »Lassen Sie uns den Verunglückten
recognosciren, die Sache wird stimmen.«
Rasch bahnten sich die beiden Männer einen Weg durch die Menge. Der
Tragkorb, in dem der Ueberfahrene lag, wurde niedergesetzt, es wurde
festgestellt, daß man den vermißten Patienten der Nervenheilanstalt
vor sich hatte, die Träger erhielten deshalb die Weisung, den Sterbenden
dorthin zu bringen.
Fräulein Wagner begrüßte ihre Freundin, aber die Freude war ihr doch
durch das Unglück verleidet, das sie mit angesehen hatte. --
An der Thür der Klinik empfing der Professor selbst den Kranken-Transport.
Er war im Begriffe, in einen wissenschaftlichen Verein zu gehen, wo
er einen Vortrag über medicinische Fragen zu halten hatte. In dem
Verunglückten erkannte er sofort einen Apotheker, der ihm von seinen
Angehörigen als Morphinist überwiesen war. Schon hatte er gehofft, den
Kranken bald als geheilt entlassen zu können; nun sah er ihn sterbend
vor sich, mit abgefahrenen Beinen und blutendem Kopfe. Der Professor hatte
einen Vortrag zugesagt, er mußte fort.
Eilig ordnete er an, daß der Verwundete, der zu Turnau's Station gehörte,
dem Assistentsarzte sofort zu übergeben sei, in zwei Stunden werde er
selbst nachsehen; damit stieg er in die auf ihn wartende Droschke.
Der Oberwärter leitete den Transport nach dem, in diesem Hause selten
benutzten Operationszimmer; die diensthabende Schwester erhielt den
Auftrag, den Stationsarzt zu benachrichtigen.
Geräuschlos trat Schwester Clarissa in Turnau's Zimmer. Er lag auf
einem niedrigen, weichen Sopha und erhob kaum den Kopf, um sich nach der
Eintretenden umzusehen.
Die junge Nonne, der vielleicht noch von ihrem weltlichen Leben her
eine solche Formlosigkeit unangenehm war, berichtete mit den knappsten,
nothwendigsten Worten von dem Unglücksfall und den Dispositionen, die der
Professor darüber getroffen hatte. Ohne eine Antwort abzuwarten, verließ
sie darauf den Arzt.
Turnau richtete sich langsam und mit Mühe auf, sein Gesicht bedeckte eine
fahle Blässe, die Augen waren glanzlos, die eiskalten Hände zitterten.
Die schönen, regelmäßigen Gesichtszüge waren entstellt durch eine
tödtliche Schwäche, die jeden Ausdruck verwischte. Schlaff lagen die
Muskeln unter der welken Haut.
Nur noch die allerconcentrirtesten Morphium-Lösungen vermochten seinen
abgestumpften Nerven Anregung zu geben. Er combinirte seine Injectionen
mit Aether und sogar mit Chloroform. Trotzdem versagte die Wirkung zuweilen
schon nach ganz kurzer Zeit. Es folgte dann eine an Bewußtlosigkeit
streifende Schwäche. Vorübergehend erinnerte dieser Zustand an Schlaf,
bald aber pflegte der Unglückliche zu erwachen. Seine Pulse jagten, er
hörte das Blut im Kopfe brausen und hämmern, Sehstörungen quälten
ihn, Lichter und Funken sprangen vor ihm auf. Die Geräusche des Blutes
steigerten sich ihm zu geheimnißvollen, grauenhaften Tönen, er
glaubte, Worte daraus hervorklingen zu hören, Worte und Rufe, die ihn in
Verzweiflung und Todesangst stürzten. Schließlich steigerte sich dieser
Zustand zu einer nervösen Aufregung, die hart an die Grenze des Wahnsinns
streifte und ihn zwang, mit zitternden Händen, mit umflorten Blicken und
stockendem Herzschlag wieder und wieder zur Morphiumspritze zu greifen.
So abgestumpft auch schließlich die Nerven waren, sie mußten angeregt,
sie mußten künstlich gereizt werden, weil der Zustand der Ernüchterung
einfach nicht mehr zu ertragen war.
Man schläft nicht mehr, wenn man ein gewisses Stadium des Morphinismus
hinter sich hat.
Tag und Nacht verlangen die zerrütteten Nerven ihr Linderungsmittel,
Tag und Nacht dauert die krankhafte Erregung. Kommt aber dann einmal die
Stunde, wo die Nerven nicht mehr darauf reagiren, wo kein Mittel mehr
hilft, so kommt auch der Tod.
Unter entsetzlichen Qualen, die nichts mehr zu lindern vermag, geht der
vergiftete Körper zu Grunde. Den Geist umnachtet dann in der Regel der
Wahnsinn.
Turnau wußte, daß er diesem Ende nicht mehr sehr fern war. Mit großer
Energie versuchte er bisweilen einzelne Stunden der Ernüchterung
auszuhalten. Je länger er die schmerzhafte Schwäche ertragen hatte, um
so genußreicher war dann nachher die Wirkung der von neuem angewendeten
Mittel.
In einer solchen Stunde großer Leiden störte ihn die Botschaft seines
Chefs.
Der farbige Schleier, der die Lampe verhüllte, hatte die Schwester seinen
Zustand übersehen lassen. Er hatte von dem, was sie gesagt hatte,
nichts verstanden. Er wußte nur, daß sie ihn rief, daß die Erfüllung
ärztlicher Pflichten von ihm gefordert wurde.
Noch nie hatte er seine Stellung als Assistent so drückend als Fessel
empfunden. Seine Mittel erlaubten ihm, ohne Ausübung eines Berufes zu
leben, wo und wie er wollte. Im Interesse seines Buches, um der Studien
willen, die er hier machte, hatte er diese Abhängigkeit bis jetzt
ertragen. Nun fühlte er aber, daß es Zeit für ihn sei, sich frei zu
machen. Er war noch auf zwei Monate verpflichtet. Wenn er jetzt auch
beschloß, sich krank zu melden und Ersatz für seine Thätigkeit zu
stellen, so konnte ihm das doch in diesem Augenblicke nicht helfen. Die
Stationsschwester hatte ihn gerufen -- er mußte kommen.
Mehrere Minuten vergingen, bis er dazu im Stande war. Seine Mittel lagen
bereit, aber ihre Wirkung war keine unmittelbare. Erst nachdem er mehrere
combinirte Injectionen in ganz kurzen Zwischenräumen angewendet hatte, war
er soweit, daß er wieder zusammenhängend zu denken vermochte.
Im Operationszimmer ließ er sich den Vorfall, der ihm schon berichtet war,
noch einmal erzählen, ehe er an die Bahre trat, auf der der Verunglückte
lag. Es war kein anderer Arzt zu Hülfe gekommen. Dem hochmüthigen und
blasirten Turnau kam ohne eine Bitte von seiner Seite niemand auf die
Station. Er dachte indessen nicht daran, einem seiner Collegen deshalb
ein gutes Wort zu geben. Ein für alle Mal hielt er sich von jeder
Vertraulichkeit, von jedem zwanglosen Verkehr fern. Jetzt war er geistig
vollkommen klar, er beherrschte sein Wissen und seine Gedanken, er brauchte
niemanden.
Der Anblick, den der Verwundete darbot, war grauenhaft. Beide Beine waren
an den Oberschenkeln abgequetscht. Das eine lag bei den blutigen Sachen,
die das Wartepersonal von dem zerfetzten Körper lostrennte. Das Andere
hing noch lose durch Fleisch und Muskeln verbunden am Körper, der
zersplitterte Knochen lag frei.
Schwester Clarissa suchte dem enormen Blutverluste vorläufig Einhalt zu
thun.
Turnau beugte sich über diese ächzenden, wimmernden Ueberreste eines
menschlichen Leibes, er erkannte sofort, daß der Verwundete bei vollem
Bewußtsein war.
»Chloroform,« stöhnte der Mensch.
»Gewiß, gleich, aber es könnte Ihnen die Besinnung zu früh nehmen, ich
will Ihnen erst etwas anderes geben, was den Schmerz auch stillt; Sie haben
doch vielleicht noch irgend etwas zu sagen,« antwortete Turnau.
»Nein, jetzt nicht mehr, es ist zu spät, jetzt will ich kein Morphium
mehr. Jetzt lasse ich mich ja heilen, rasch, rasch, heilt mich doch, ich
halte ja still, ich thu's nicht mehr heimlich,« kam es kaum vernehmlich
über die blaugrauen Lippen.
Der junge Arzt legte die Flanellmaske auf. »Sind Sie ein Selbstmörder?«
fragte er dabei.
»Nein, nein, es war nur ein Fluchtversuch -- ein Unglück. Man wollte mich
heilen, gegen meinen Willen -- ich will nicht geheilt sein --«
»Ja, ich verstehe Sie. Man wollte Sie zu einem anderen Berufe zwingen,
weil Sie als Apotheker doch wieder dem Morphium verfallen wären, das
wollten Sie nicht.«
»Ich will nicht -- ich will nicht. -- -- --«
Das Bewußtsein schwand, Turnau führte die nothwendige Amputation aus,
Schwester Clarissa arbeitete ihm wunderbar in die Hand. Augenscheinlich war
der Körper, als die Beine unter ihm weggerissen wurden, mit furchtbarer
Wucht hintenüber auf die Steinplatten des Bahnhofes geschleudert, denn es
wurde auch ein complicirter Schädelbruch festgestellt.
Nachdem die Verbände angelegt waren, fragte die Schwester, ob Turnau den
Stumpf des anderen Beines, der im Nothverband lag, nicht auch abnehmen
wolle.
»Keinenfalls, ohne ausdrückliche Anweisung des Professors,« antwortete
der junge Mann, sich eifrig die Hände waschend.
»Chloroform,« stöhnte der Kranke, der schon wieder zu sich kam, da er
als Morphinist sehr unempfänglich für die Einwirkung narkotischer Mittel
war.
Turnau trat an den Tisch heran. »Ich darf Ihnen jetzt höchstens Morphium
geben,« erklärte er. »Die Operation ist vorüber, eine andauernde
Narkose könnte höchstens den Erfolg haben, Ihr Leben abzukürzen,
vielleicht sehr rasch zu enden.«
»Was liegt daran« -- murmelte der Unglückliche. Turnau wendete sich an
die dienende Schwester. »Geben Sie ihm immerhin Chloroform,« sagte er
leise, »der arme Kerl hat das Leben satt, ein Genuß mag es auch in seiner
Lage nicht sein.«
»Sie sind kein Chirurg, Herr Doktor, wollen Sie bestimmt sagen, daß der
Kranke verloren ist?«
»Nein, ich bin durchaus kein Chirurg,« bestätigte der junge
Psychiatriker, der nur so viel wie das Staatsexamen erforderte, von
der Chirurgie gelernt hatte. »Ich will dem Menschen auch durchaus kein
Todesurtheil sprechen, aber eine Chloroformnarkose will ich verantworten.«
»Bitte, dann führen Sie das auch selbst aus,« entgegnete die Nonne mit
ruhiger Würde.
Er sah in das marmorkalte schöne Mädchengesicht. Was für ein Räthsel
war diese mitleidlose Härte den furchtbarsten Schmerzen gegenüber bei
einer Schwester, deren ganzes Leben der dienenden Liebe gewidmet war.
Der Kranke schrie und stöhnte herzzerreißend.
»Sehen Sie nicht, wie er leidet?« fragte Turnau.
»Ich sehe es, aber ich kann und darf nicht ändern, was Gottes Wille ist.
Wäre es nicht der Wille der Heiligen, daß dieser Mensch durch Schmerzen
zum Leben eingehen soll, so würde er nicht so leiden.«
»Aber die Heiligen lassen auch zu, daß Menschen bei solchen
Unglücksfällen auf der Stelle todt sind« bemerkte Turnau.
»Es steht auch geschrieben »der Tod ist der Sünde Sold.«
Das fürchterliche Geschrei des Operirten peinigte die Nerven des kranken
Mannes; er sah, daß mit der frommen Schwester nichts anzufangen war; so
ließ er sie bei ihrer Beschäftigung des Aufräumens. Entschlossen
griff er selbst nach der Chloroformmaske und trat noch einmal an das
Operationsbett heran.
Er goß auf, nahm den Puls des Kranken in die Hand und sah unwillkürlich
um sich.
Das ganze blutige Bild des Zimmers, der Geruch der Maske, des Jodoforms und
des Karbols erregte ihm schon nach wenigen Augenblicken einen derartigen
Ekel, daß er sich vollständig außer Stand fühlte, das einmal
übernommene Liebeswerk zu Ende zu führen.
Wie sollte er auch eigentlich dazu kommen, sich kurz vor seinem Abgange
noch möglicher Weise mit dem Professor zu überwerfen um dieses fremden,
gleichgültigen Menschen willen!
Freilich, auch dieser Kranke war Morphinist -- gegen seinen Willen wollte
man ihn heilen -- das Resultat des Versuches war diese Flucht, vielleicht
war es dennoch eine Flucht aus dem Leben gewesen.
Wie hatte doch die Schwester gesagt? »Der Tod ist der Sünde Sold.« Vor
langer Zeit hatte Wilhelm Turnau diesen Spruch auch in der Schule gelernt.
Sollte er jetzt die Bedeutung der alten Lehre erkennen?
Aber immerhin war dieser Kranke kein Opfer der Verkaufsbeschränkungen,
sondern nur ein Opfer verwandtschaftlicher Vorurtheile. Soweit hatten ihn
seine lieben Angehörigen gebracht, nun versagte auch noch die erbarmende
Liebe der Nonne seinen Todesqualen gegenüber.
Sollte die Einsicht des mit seinen Ansichten so allein stehenden
Sonderlings hier allein stand halten?
Wieder schwand das Bewußtsein des Operirten. Der Puls setzte aus.
Wenn ich noch einmal aufgieße, ist er todt, sagte sich der Arzt.
Zögernd griff seine Hand nach der schwarzen Flasche.
»Was liegt daran,« murmelte der Kranke in seiner Betäubung noch einmal.
»Was liegt mir daran,« setzte Turnau in seinem Innern hinzu. Dann riß er
dem Kranken die Maske herunter. »Schwester Clarissa!«
»Herr Doktor wünschen?«
»Sorgen Sie für die Umbettung und wenn der Professor kommt, so fragen
Sie, ob Sie Morphium geben dürfen. Ich gehe in mein Zimmer, im Nothfalle
rufen Sie mich.«
»Ja, Herr Doctor.«
Er ging, und sie that ihre Pflicht so still und gelassen an dem Kranken,
wie an alle ihren anderen Pflegebefohlenen. Ihr war die einzelne
Persönlichkeit wirklich gleichgültig, sie sah in jedem Armen und Elenden
nur den ihr von Gott gesendeten Bruder, in dessen Person sie dem Herrn
diente. Turnau dagegen war krankhaft erregt und nervös angegriffen durch
den Anblick der entsetzlichen Wunden, durch den Geruch des Blutes und die
ganze ungewohnte chirurgische Thätigkeit, die an ihn herangetreten war.
Abgespannt und erschöpft, dabei in hohem Grade überreizt, kam er in
seinem Zimmer wieder an. Er begab sich zur Ruhe; aber die Nacht, die er
darauf zubrachte, war so, daß er sich selbst sagte, mehrere solche Nächte
würden ihn dem Tode schnell entgegenführen. Die Ueberzeugung, daß
Arbeit, Aufregung und gewaltsame Selbstüberwindung ihn ruiniren mußten,
erregte ihn so, daß er der Verzweiflung nahe war. Wenn seine
körperlichen Leiden jetzt rascher, als er geglaubt hatte, seine
Auflösung herbeiführten, so hatte er das der Rücksichtslosigkeit seines
Vorgesetzten zu danken.
Der ganze Egoismus seines Characters empörte sich bei dieser Erkenntniß.
Er gerieth in eine fieberhafte Erregung. Wie oft hatte er mit dem Gedanken
an das Ende gespielt, wie oft hatte er geglaubt, Sehnsucht nach dem Tode zu
empfinden. Nun hatte er dem Tode ins Auge gesehen, er fühlte die Nähe der
Ewigkeit, und es erfaßte ihn eine namenlose grauenhafte Angst.
»Der Tod ist der Sünde Sold.«
Immer wieder mußte er an die Nonne denken, die so ruhig und fest auf
dieses kalte Wort hingewiesen hatte. Er zerbrach sich den Kopf darüber,
wie der Spruch, den sie ihm zugerufen hatte, weiter hieß. Nach langem
Grübeln fiel es ihm ein. --
Er, der elegante vornehme Mann, dem die Frauen stets entgegengekommen
waren, hätte sich ohne Zweifel in denselben Todesqualen zu den Füßen
der Schwester Clarissa winden können, wie jener Elende, der sich jetzt in
ihrer Pflege befand -- sie würde nichts bei seinen Leiden empfinden,
sie würde nichts thun, um ihm das abzunehmen, was ihm nach ihrer Ansicht
bestimmt war zu leiden. Er würde ihr gleichgültig sein, gleichgültig wie
jeder Andere.
Als er ihr zuflüsterte, daß das Fortleben für den Verstümmelten wohl
kaum wünschenswerth sei, hatte sie ihn angesehen, und diesen Blick konnte
er nicht mehr vergessen.
Die ganze Verachtung des irdischen Leides und des menschlichen Willens,
gegenüber einem höhern Willen hatte in diesem Blicke gelegen. Und dabei
war sie schön -- statuenhaft schön -- schade um solch ein Weib!
Ob wohl das blühende freundliche Mädchen, das er gestern bei Bremers
bewundert hatte, im Stande wäre Mitleid, wahres menschliches Mitleid zu
fühlen? Vielleicht wurde es für seine übersättigten Sinne einen ganz
neuen eigenen Reiz haben, die Liebe dieses frischen Mädchens zu gewinnen.
Er war ja jetzt ein stets willkommener Gast bei Bremers, da konnte er sich
dem interessanten Studium dieser reinen jungfräulichen Seele ab und zu
widmen.
Dieser Gedanke beruhigte ihn etwas, die Spannung der Nerven löste sich,
die körperliche Erschöpfung bewältigte die furchtbare Aufregung. Als der
Morgen dämmerte, trat ein leichtes wohlthuendes Ausruhen an die Stelle der
nervösen Ueberreiztheit.
Er dachte jetzt auch über den verhängnißvollen Schritt nach, den er
gethan hatte, als er der Frau des von ihm hochgeachteten Geheimrathes
heimlich Morphium gab. Würde diese Frau sich nicht wieder und wieder mit
der Bitte um Morphium an ihn wenden? Es konnten ihm Unannehmlichkeiten
daraus entstehen, er bereute diese Verpflichtung übernommen zu haben.
Wie tief stand doch dieses genußsüchtige Weib unter der sanften
selbstlosen Nonne, unter der fröhlichen treuen Gefährtin ihrer eigenen
Kinder! Und diese Frau war seine Gesinnungsgenossin, seine Freundin. Er
wußte, daß er nur die Hand nach ihrem Besitze auszustrecken brauchte;
deshalb erschien sie ihm verächtlich und erbärmlich. Sie war schön, aber
niemals würde er sie deshalb lieben, es war seine feste Ueberzeugung, daß
er überhaupt niemanden lieben könne.
Der Gedanke aber, die Hingabe eines Weibes zu besitzen, erregte ihm einen
Ueberdruß, der an Ekel streifte. Lydia Bremer begehrte nichts als Genuß
-- Genuß in der Liebe, Genuß im Morphium; Pflichten kannte sie nicht.
Sie hatte Mann und Kinder, aber als sie von ihm Morphium empfing, als ihre
Blicke ihn zum Danke dafür Liebe ahnen ließen, konnte sie das vergessen.
Er aber, der im Interesse der leidenden Menschheit für eine gute Sache
kämpfte, er hatte sich dazu hergegeben, diesem begehrlichen glühenden
Weibe Genuß zu gewähren!
Immerhin hatte er nur mit dieser Handlungsweise die Consequenzen seiner
Gesinnung gezogen. Wenn ihm nur weiter keine Verpflichtung daraus erwuchs,
wenn sie nur nicht etwa eine persönliche Verbindung zwischen sich und
ihm darin sah! Ihn graute davor. -- Und dann, dann mußte er lächeln. Wie
sonderbar, daß er in einer schlaflosen Nacht über das Wesen von drei ihm
gleichgültigen Frauen grübelte!
Seit wann schätzte er überhaupt die Weiber nach ihrer Pflichttreue,
nach ihrer Moral? Was gingen ihn die Tugenden und Fehler der Geheimräthin
Bremer, der Schwester Clarissa und des anmuthigen Kinderfräuleins an!
Ja, dieses Fräulein, es war doch ein Genuß an sie zu denken, sie zu
sehen -- --
Es war fünf Uhr morgens. Turnau glaubte anfangs an eine nervöse
Sinnestäuschung, bald aber überzeugte er sich, daß das Klopfen,
welches er hörte, Wirklichkeit war -- Professor Schrödter hatte die
Rücksichtslosigkeit, einen seiner Assistenten morgens um fünf Uhr wecken
zu lassen!
Ein derartiger Fall war dem jungen Arzte in den drei Jahren seiner
klinischen Thätigkeit nur sehr selten vorgekommen. Er war außer sich
darüber und beschloß, noch im Laufe desselben Tages um jeden Preis von
dieser persönlichen Abhängigkeit frei zu werden.
Er hatte kaum seine Toilette beendet, als schon der Professor unangemeldet
bei ihm eintrat. Er hatte das bei Turnau noch niemals gethan, weil ihm
das steife förmliche Wesen seines reichen Assistenten innerlich durchaus
zuwider war. Aus sehr einfachen Verhältnissen hatte er sich durch eigene
Kraft zu wissenschaftlicher Bedeutung emporgerungen, ohne sich zugleich
äußerlich den Vorschriften feinerer geselliger Formen zu fügen.
»Störe ich Sie noch? -- Es ist fast halb sechs, sehr viele Menschen haben
bereits ausgeschlafen,« begann er mit rücksichtsloser Ironie. Er wußte
genau, daß Turnau sonst frühestens zur Poliklinik um zehn Uhr früh
aufstand.
Der junge Mann stand seinem Vorgesetzten in tadelloser Haltung gegenüber.
»Selbstverständlich stehe ich Ihnen zur Verfügung, Herr Professor.«
»Der Kranke, den Sie gestern Abend amputirt haben, ist gestorben. Wenn
Sie in der Nacht einmal nachgesehen hätten, brauchte ich nicht
hierherzukommen, um Ihnen das zu sagen.«
Absichtlich überhörte Turnau den Vorwurf.
»Habe ich bei der Amputation einen Fehler gemacht?«
»Ja, den größten, den Sie machen konnten. Von zwei abgequetschten
Stümpfen haben Sie den Einen amputirt und den Anderen ruhig liegen lassen.
Als ich gestern Abend nachsah, war es bereits zu spät. Nicht einmal alle
Knochensplitter des Schädelbruches waren ordnungsmäßig entfernt.«
»Um alles auszuführen, was dieser Fall erforderte, wäre eine sehr
lange Narkose nöthig gewesen. Das war aber nicht opportun wegen einer
Herzschwäche des Patienten, die auch im Krankenbericht constatirt ist.«
»Glauben Sie denn, daß ich das nicht weiß?« schrie der Professor grob.
»Sie hätten sich aber Assistenz holen können, damit in kurzer Zeit so
viel wie möglich geschehen konnte.«
»Diese Anordnung zu treffen, wäre Ihre Sache gewesen, Herr Professor. Sie
haben den Verunglückten vor mir gesehen. So gut wie ich mit einem Auftrage
in dieser Hinsicht beehrt wurde, konnte mir auch einer der Herren Collegen
zur Seite gestellt werden.«
»Ach was, die Geschichte fiel auf Ihrer Station vor. Sie hätten sich
selbst die nöthige Hülfe verschaffen müssen. Wir sind doch keine
Soldaten, bei denen jeder nur auf einen Befehl von oben wartet, ehe
er handelt. Sie aber haben überhaupt keinen der anderen Herren
benachrichtigen lassen. Hielten Sie den Fall von vornherein für
hoffnungslos?«
»Jedenfalls für so compliciert, daß ich nicht wagte, nach eigenem
Ermessen irgend eine Aenderung der von Ihnen getroffenen Dispositionen
vorzunehmen.« Turnau sprach noch immer tadellos höflich und mit vollster
Selbstbeherrschung, während der Professor bei jedem Worte mehr seine Ruhe
verlor.
»So -- Sie bleiben also bei Ihrer Ansicht, daß ich allein Schuld bin?«
fragte er wüthend.
»Warum muß denn da überhaupt jemand schuld sein? Es war eben ein
Unglücksfall mit tödtlichem Ausgange. Es wäre ja geradezu entsetzlich
gewesen, wenn wir den Verstümmelten durchgebracht hätten.«
»Wirklich? Nun das muß ich sagen, Herr Doctor, für einen Arzt ist das ja
eine sehr eigenthümliche Anschauungsweise. Kann es denn überhaupt einen
Fall geben, in dem der Arzt nicht verpflichtet ist, alle Hülfsmittel der
Wissenschaft anzuwenden, um das bedrohte Menschenleben zu verlängern und
zu erhalten?«
»Ich weiß es nicht. Das ist eine philosophische, wenn Sie wollen eine
religiöse, aber keine medicinische Frage.« -- -- --
»Und Sie erlauben sich daher diese Frage zurückzuweisen, mein Herr
College, nicht wahr?« höhnte der aufs äußerste gereizte Mann. »In
unserm Falle liegt die Frage aber durchaus auf dem Gebiete der Medicin,
die Frage ist rein sachlich, und die Antwort darauf ist es ebenfalls. Diese
Antwort aber lautet dahin, daß Sie Herr Doctor Turnau eben durchaus
nicht alles gethan haben, was Sie thun konnten, um ein entfliehendes
Menschenleben zurückzuhalten. Sie sagen, daß ich als Chef hätte genauere
Anordnungen treffen können. Das hätte ich vielleicht gethan, wenn ich
gewußt hätte, daß einer meiner Assistenten sich einbildet, man
könnte kein guter Psychiatriker sein, ohne zugleich als Chirurg die
verhängnißvollsten Fehlgriffe zu begehen.«
Mit Turnaus Ruhe war es nun auch zu Ende. Eine grobe Antwort auf den groben
Angriff vermochte er nicht zu geben. Das war seiner feinen sensitiven Natur
zu sehr entgegen. Er wurde todtenbleich, lehnte sich an einen Schrank,
neben dem er stand und schwieg.
Der Professor, der trotz seines polternden Tones nicht die Absicht gehabt
hatte, den jungen Mann zu beleidigen, erschrak, als er die Wirkung seiner
Worte sah. Turnaus scheinbare Ruhe hatte ihn gereizt, und er hatte im
Aerger mehr gesagt, als er hatte sagen wollen.
»Ich habe Sie erschreckt, Turnau,« lenkte er gutmüthig ein. »Es liegt
mir ja fern, Ihnen die Schuld an dem Tode eines Menschen aufbürden zu
wollen. Aber Sie können sich wohl denken, daß es mir nicht einerlei
ist, wenn so etwas in meiner Anstalt passirt. Es ist doch immerhin ein
Privatunternehmen und keine königliche Klinik. Ich vertrete der Welt
gegenüber alles, was hier unter meiner Leitung geschieht. -- Wir wollen
nachher die Obduction vornehmen, dann können wir den Fall noch eingehender
und ruhiger besprechen, als es jetzt möglich ist.«
Turnau verbeugte sich schweigend und tief vor seinem Vorgesetzten.
»Um Gottes Willen, seien Sie doch nicht so versteinert, ich muß doch
schelten, wenn nicht in meinem Sinne operirt wird. Das passirt den
jüngeren Herrn überall, Sie müssen das nicht so schwer nehmen,« begann
der Professor noch einmal.
Das Schweigen des hochmüthigen jungen Menschen war ihm furchtbar peinlich.
Er hatte das Gefühl, sich in seinem äußeren Benehmen wieder etwas
vergeben zu haben. Grade Turnau gegenüber passirte ihm das öfter, deshalb
war ihm auch der in tadellos vornehmen Formen erzogene Assistent so sehr
unangenehm.
»O bitte, Herr Professor, wenn ich einen Tadel verdient habe, so muß ich
ihn hinnehmen.« Turnau sagte das so ruhig und gleichgültig, als ob er
sich durchaus nicht beleidigt fühle.
Der Vorgesetzte verlor dadurch den letzten Rest seiner Sicherheit. »Bei
der Obduction können Sie den Vortrag halten,« sagte er beinah verlegen,
wie um auf etwas anderes zu kommen.
»Ich bitte mich von der Obduction gütigst dispensiren zu wollen. Ich
hatte schon seit einiger Zeit die Absicht, mich krank zu melden und bitte
um die Erlaubniß, für den Rest des Quartals einen Collegen zu meiner
Vertretung engagiren zu dürfen.«
Er war also doch empfindlich! »Na meinetwegen bleiben Sie von der Section
weg. Wegen der Vertretung suchen Sie mich wohl in meiner Wohnung auf.«
»Wie Sie wünschen, Herr Professor.«
»Auf Wiedersehen denn.«
»Auf Wiedersehen, Herr Professor.«
Noch eine durchaus salonmäßige Verbeugung, die der Professor ziemlich
ungeschickt erwiederte. Er war es gewöhnt, seine Assistenten durch einen
Händedruck oder ein oberflächliches Kopfnicken zu grüßen. Bei Turnau
ging das natürlich nicht. Fataler Mensch, hätte Offizier oder Diplomat
werden sollen, blos nicht Arzt, dachte der Professor, als die schwere
weiche Portiere von Turnaus Zimmer sich hinter ihm schloß. Na, vielleicht
wird er mal Modearzt bei nervösen Damen -- Specialität Migräne; -- er
war im Grunde seines Herzens froh, daß er ihn los wurde.
Turnau aber fühlte sich nach diesem erneuerten Angriff auf seine
künstlich überreizten Nerven ernstlich und körperlich krank.
In tiefster Erschöpfung streckte er sich auf seinem weichen Schlafsopha
aus, um körperlich wenigstens auszuruhen. Die nöthigen Schritte zu
seiner Ablösung von dem Posten, den er nicht mehr auszufüllen vermochte,
beschloß er zu einer späteren Tagesstunde zu thun.
Er lag zeitweise in einer Art von Halbschlaf oder Betäubung; er wußte
nicht wie lange er gelegen hatte, aber die Sonne schien ziemlich heiß
durch die schweren herabgelassenen Vorhänge, als ein ungewöhnliches
Geräusch ihn aufschreckte.
Die Thür zu seinem Zimmer wurde hastig aufgerissen und mit maßlosem
Staunen sah er Lydia Bremer unangemeldet eintreten. --
Turnau verlangte von einer Dame in allererster Linie elegante sorgfältige
Toilette, nachlässig gekleidete Frauen waren ihm gradezu abstoßend.
Bisher war ihm der Verkehr mit Frau Bremer angenehm gewesen, weil sie in
ihrer Erscheinung und in ihrem Benehmen eine elegante vornehme Frau
war; mit Entsetzen bemerkte er jetzt bei ihrem ungestümen Eintritt, wie
unvortheilhaft und verändert sie aussah. Das sonst sorgfältig frisirte
Haar war nicht gebrannt, man sah einzelne dünne Stellen, die die Haut kaum
bedeckten. Die Gesichtszüge waren durch eine maßlose Aufregung verzerrt,
von Thränenspuren entstellt, die nothwendigsten Kunstgriffe der Toilette
waren versäumt. Ein loser Abendmantel bedeckte einen Schlafrock, dessen
zerdrückte Spitzen die deutlichen Spuren des Liegens in Sophakissen oder
gar auf dem Bette aufwiesen.
Peinlich unangenehm berührt, erhob sich der Arzt. Seine kühle
Begrüßung durch eine ganz kurze Verbeugung schien die erregte, vielleicht
verzweifelte Frau nicht zu sehen.
»Alles ist verrathen, ich bin verloren, mein Mann hat Verdacht geschöpft,
Professor Schrödter war eben bei uns. Mein Morphium, mein ganzer
Vorrath« -- --
Sie konnte nicht weiter sprechen, die Stimme brach ihr.
»Man hat Ihre Morphiumvorräthe gefunden und confiscirt?« fragte er.
»Ja, ja -- es ist entsetzlich, ich kann nicht leben ohne Morphium.
Erbarmen Sie sich, helfen Sie mir, ich habe ja nur Sie, alle Anderen
verfolgen mich, hassen und quälen mich, man treibt mich in den Tod. O
Gott, stehen Sie doch nicht so mitleidslos da -- erbarmen Sie sich.«
»Das würde wenig helfen. Wenn ich Ihnen heute wieder Morphium gebe, wird
es morgen wieder gefunden.«
»Nein, geben Sie mir eine tödliche Dosis, ich verspreche Ihnen, man wird
den Rest Ihrer Gabe nur bei meiner Leiche finden.«
»Ich bedaure, gnädige Frau, einen derartigen Wunsch, in einem Augenblicke
der höchsten nervösen Aufregung ausgesprochen, erfülle ich nicht.«
»Ich werfe mich vor die Eisenbahn.«
»Wenn Sie mir das vorher sagen, ist es meine Pflicht die Ausführung
dieser Absicht zu verhindern.«
»So -- sind Sie etwa mein Vormund?«
»Nein -- ich bin Irrenarzt.«
Ein kurzer Schrei, dann ein krampfartiges zorniges Weinen, folgte auf diese
Ablehnung. Ruhig stand Turnau ihr gegenüber. Er war empört und angeekelt
von dieser Scene.
Wenn sie wirklich sterben wollte, so hatte sie keinen Grund, erst
hierherzukommen und ihm ein Vertrauen aufzudrängen, nach dem er durchaus
nicht verlangte. Er war aber überzeugt, daß sie gar nicht ernstlich daran
dachte zu sterben. Wenn sie so ungeschickt war, ihr Geheimniß entdecken
zu lassen, so fühlte er sich in keiner Weise berufen, ihr beizustehen.
Ungeduldig wartete er darauf, daß sie sich so weit beruhigte, um auf gute
Manier dahin gebracht zu werden, ihn zu verlassen.
Sie faßte sich mühsam. »Wissen Sie, was mein Mann und der Professor
beschlossen haben?«
»Ich kann es mir denken. Sie sollen in eine Anstalt, um eine
Entziehungscur durchzumachen.«
»Ja« -- sie lächelte. »Ich werde auch ganz fügsam sein und gehen.«
»Das freut mich.«
»Sie verstehen, was ich meine?«
»Nein.«
»Schicken Sie mir postlagernd jede Woche, was ich brauche. Sie wissen es
ja.«
»Das geht nicht, in solchen Anstalten ist die Controlle zu streng, man
würde jeden Stich an Ihrem Körper entdecken. Ich würde damit riskiren,
daß mir die ärztliche Concession entzogen wird.«
»So rathen Sie mir, helfen Sie mir!«
»Ich kann Ihnen nicht helfen.«
»Geben Sie mir Morphium, ich will abreisen, ich werde mich irgendwo
verstecken, wo mich kein Mensch findet.«
»Sind Sie denn mit Allem, was zu einer solchen Flucht gehören würde,
versehen?«
»Im Augenblicke nicht, aber bis zum Abende kann ich mir Geld und alles,
was ich sonst noch brauche, erschaffen.«
»Bis zum Abend wird Ihr Herr Gemahl im Verein mit den Aerzten die
nöthigen Schritte gethan haben, um eine derartige Flucht zu verhindern.«
»So bin ich verloren.«
»Ich weiß es nicht.«
Er zuckte gleichgültig die Achseln und trat ans Fenster.
Zitternd erhob sie sich und ging ihm nach. Sie griff mit beiden Händen in
die Fenstervorhänge, um sich zu halten. Die Sonne schien ihr ins Gesicht.
Er sah, daß ihre Haut stellenweise welk war. Ihre Augen waren glasig und
starr, plötzlich bildete er sich ein, ihre Vorderzähne wären falsch.
Das war eine abscheuliche Ernüchterung, wenn er sie etwa bewundert hätte,
aber das hatte er ja doch eigentlich niemals gethan.
»Es gäbe eine Auskunft, eine einzige Rettung,« flüsterte sie, nahe,
ganz nahe an seinem Ohr.
Er antwortete nicht.
»Fliehen Sie mit mir, Wilhelm.«
»Als was -- als Ihr Arzt?«
Da glitt sie an ihm nieder und umfaßte seine Kniee. »Nehmen Sie meine
Liebe, aber geben Sie mir Morphium.«
Sie bot sich ihm an -- sie war dahin gekommen, sich zu verkaufen.
Er machte sich los. »Das würde ehrlos von mir sein. Ich kaufe keine
Liebe, gnädige Frau.«
»Sie brauchen auch meine Liebe nicht zu kaufen, seit Sie mir Erbarmen
gezeigt haben, liebe ich Sie.«
»Ich will Ihnen noch einmal Morphium geben, Frau Bremer, aber dann bitte,
bitte, verlassen Sie mich, werden Sie ruhiger, überlegen Sie, was Sie thun
wollen. Wenn man Sie hier fände, wären Sie und ich compromittirt.«
Das war seine Antwort auf das Geständniß ihrer Liebe. Die Scham
überwältigte sie; sie fühlte, daß sie etwas darbot, was er gar nicht
zu besitzen wünschte. Sie hätte fliehen mögen und sich vor seinen, vor
aller Menschen Blicken verbergen, aber sie rührte sich nicht. Wie gebannt
blieb sie stehen und wartete -- wartete auf das Almosen, das er ihr
geben wollte, um sich von ihr zu befreien. -- Sie fühlte die furchtbare
Erniedrigung ihrer Lage -- aber für Morphium hatte sie sich vor Friedrich
Rast erniedrigt, sie konnte nicht anders, sie mußte warten. --
Turnau ging in sein Schlafzimmer, das keine verschließbare Thür vom Salon
trennt. Die Thür vom Schlafzimmer nach dem Corridor war verschlossen.
Mit einem scheuen Blick sah er sich um. Diese Frau, die ihm ihre Liebe
aufdrängen wollte, folgte ihm also wenigstens nicht! Er sehnte sich nicht
mehr nach Liebe. Wie war es nur möglich, daß sie das nicht begriff? Jede
körperliche Lebensthätigkeit war ja längst bei ihm erloschen; er hatte
geglaubt, das Weib müßte es fühlen, daß ihr in ihm überhaupt kein
Mann gegenüberstand -- ein Gespenst, ein dem Grabe entgegeneilender
Schatten. -- --
Und an diesen Schatten wollte sie sich anklammern, sich in ihrer
Verzweiflung an ihm halten. Wie gleichgültig sie ihm war! Er hätte über
sie gelacht, wenn er sich nicht so todtkrank gefühlt hätte.
Vorhin, ihr gegenüber, war es ihm möglich gewesen, sich bis zu sittlicher
Entrüstung aufzuschwingen, er hatte ihr gesagt, daß es für ihn eine
Gemeinheit sein würde, ihre Liebe zu kaufen.
Vor sich selbst kam er nicht so weit -- nicht bis zum sittlichen
Widerstreben, nur bis zum Ekel, zum allgemeinen Lebensüberdruß, zu einer
unsagbaren Stumpfheit.
In der tötlichen Erschöpfung seines Körpers und Geistes suchte er jede
Erregung zu vermeiden, jeder Störung auszuweichen. Die Störungen aber
verfolgten ihn gradezu.
Wenn ihn nur jemand von dieser Frau befreit hätte, deren Ansprüche er
sich durch sein Entgegenkommen selbst aufgeladen hatte! Sie wartete da auf
ihn, aber er war nicht im Stande zu ihr zurückzukehren. Ruhe verlangten
seine Nerven, nichts als Ruhe sein kranker Körper.
Er trat an ein kleines Wandschränkchen und nahm daraus einen Kasten, in
dem sich verschiedene kleine Flaschen befanden. Diese Flaschen enthielten
alles, was ihm in der letzten Zeit noch Genußfähigkeit, noch eine
scheinbare äußere Kraft zu geben vermochte. Öfter und immer öfter
aber war jetzt die Wirkung, auch der stärksten Mittel, ausgeblieben. Die
zerrütteten Nerven waren tot -- es war nicht mehr möglich sie anzuregen.
Er konnte nicht mehr genießen.
Er schob den Kasten von sich. Im Nebenzimmer, von welchem er nur durch eine
Portière getrennt war, hörte er ein Geräusch. -- Richtig -- man wartet
da auf ihn. Zitternd und verlangend verzehrte sich ein Weib nach seiner
Liebe. --
Er konnte nicht mehr lieben. Er konnte ja seit Wochen nicht mehr genießen,
-- nicht mehr schlafen.