III.

Fräulein Hedwig Wagner hatte von ihrer Herrschaft die Erlaubniß erhalten,

eine durchreisende Freundin am Bahnhofe begrüßen zu dürfen. In

freudiger Erwartung verließ sie die Villa und ging eilig in der

herrlichen feuchtwarmen Luft des Sommerabends dahin. Selbst die belebtesten

Verkehrsstraßen waren ohne Staub und frei von Hitze. Nur in der großen

grell erleuchteten Bahnhofshalle war nichts von der wundervollen Temperatur

zu bemerken, die draußen herrschte; es war dumpf und heiß unter den von

Kohlenstaub erfüllten gewaltigen Bogen dieses Gebäudes.

Erwartungsvoll stand das junge Mädchen inmitten der sich drängenden

Menschenmasse, um sie her brauste und lärmte das Leben des großen

Verkehrs. Ein Vorortzug fuhr ein, hielt, pfiff und dampfte weiter. Da

gellte ein gräßlicher Schrei durch die Luft, tausendstimmig wurde er von

der Menge zurückgegeben und brach sich wiederhallend an der Wölbung der

Decke.

Ein Mann war beim Einsteigen ausgeglitten und war unter die Räder des

Zuges gekommen. Man zog den Verstümmelten hervor und der Zug fuhr ab.

Zuerst wurde ein allgemeines Unglück befürchtet; als man aber sah, daß

keine Gefahr vorhanden sei, beruhigte sich die Menschenmenge bald, die

Panik verflog rasch wie sie gekommen war, das lebensgefährliche Gedränge,

das auf den furchtbaren Schrei gefolgt war, hörte sofort wieder auf. --

Ein eigentliches Eisenbahnunglück war ja nicht geschehen. Es hatte nur

noch jemand einsteigen wollen, als sich der Zug schon in Bewegung gesetzt

hatte. Das alte Unglück, es kommt so oft vor, wer sollte sich wohl

besonders darüber aufregen! Kaum eine Minute hatte das gräßliche Ende

eines Einzelnen den fluthenden Strom des großstädtischen Lebens ins

Stocken gebracht.

»Es wird ein Kranker aus der Irrenanstalt des Professor Schrödter

vermißt, hier ist das Signalement, das seine Abreise verhindern soll,«

sagte ein Schutzmann, auf den Bahnhofsvorsteher zutretend.

Der Beamte überflog das Signalement. »Lassen Sie uns den Verunglückten

recognosciren, die Sache wird stimmen.«

Rasch bahnten sich die beiden Männer einen Weg durch die Menge. Der

Tragkorb, in dem der Ueberfahrene lag, wurde niedergesetzt, es wurde

festgestellt, daß man den vermißten Patienten der Nervenheilanstalt

vor sich hatte, die Träger erhielten deshalb die Weisung, den Sterbenden

dorthin zu bringen.

Fräulein Wagner begrüßte ihre Freundin, aber die Freude war ihr doch

durch das Unglück verleidet, das sie mit angesehen hatte. --

An der Thür der Klinik empfing der Professor selbst den Kranken-Transport.

Er war im Begriffe, in einen wissenschaftlichen Verein zu gehen, wo

er einen Vortrag über medicinische Fragen zu halten hatte. In dem

Verunglückten erkannte er sofort einen Apotheker, der ihm von seinen

Angehörigen als Morphinist überwiesen war. Schon hatte er gehofft, den

Kranken bald als geheilt entlassen zu können; nun sah er ihn sterbend

vor sich, mit abgefahrenen Beinen und blutendem Kopfe. Der Professor hatte

einen Vortrag zugesagt, er mußte fort.

Eilig ordnete er an, daß der Verwundete, der zu Turnau's Station gehörte,

dem Assistentsarzte sofort zu übergeben sei, in zwei Stunden werde er

selbst nachsehen; damit stieg er in die auf ihn wartende Droschke.

Der Oberwärter leitete den Transport nach dem, in diesem Hause selten

benutzten Operationszimmer; die diensthabende Schwester erhielt den

Auftrag, den Stationsarzt zu benachrichtigen.

Geräuschlos trat Schwester Clarissa in Turnau's Zimmer. Er lag auf

einem niedrigen, weichen Sopha und erhob kaum den Kopf, um sich nach der

Eintretenden umzusehen.

Die junge Nonne, der vielleicht noch von ihrem weltlichen Leben her

eine solche Formlosigkeit unangenehm war, berichtete mit den knappsten,

nothwendigsten Worten von dem Unglücksfall und den Dispositionen, die der

Professor darüber getroffen hatte. Ohne eine Antwort abzuwarten, verließ

sie darauf den Arzt.

Turnau richtete sich langsam und mit Mühe auf, sein Gesicht bedeckte eine

fahle Blässe, die Augen waren glanzlos, die eiskalten Hände zitterten.

Die schönen, regelmäßigen Gesichtszüge waren entstellt durch eine

tödtliche Schwäche, die jeden Ausdruck verwischte. Schlaff lagen die

Muskeln unter der welken Haut.

Nur noch die allerconcentrirtesten Morphium-Lösungen vermochten seinen

abgestumpften Nerven Anregung zu geben. Er combinirte seine Injectionen

mit Aether und sogar mit Chloroform. Trotzdem versagte die Wirkung zuweilen

schon nach ganz kurzer Zeit. Es folgte dann eine an Bewußtlosigkeit

streifende Schwäche. Vorübergehend erinnerte dieser Zustand an Schlaf,

bald aber pflegte der Unglückliche zu erwachen. Seine Pulse jagten, er

hörte das Blut im Kopfe brausen und hämmern, Sehstörungen quälten

ihn, Lichter und Funken sprangen vor ihm auf. Die Geräusche des Blutes

steigerten sich ihm zu geheimnißvollen, grauenhaften Tönen, er

glaubte, Worte daraus hervorklingen zu hören, Worte und Rufe, die ihn in

Verzweiflung und Todesangst stürzten. Schließlich steigerte sich dieser

Zustand zu einer nervösen Aufregung, die hart an die Grenze des Wahnsinns

streifte und ihn zwang, mit zitternden Händen, mit umflorten Blicken und

stockendem Herzschlag wieder und wieder zur Morphiumspritze zu greifen.

So abgestumpft auch schließlich die Nerven waren, sie mußten angeregt,

sie mußten künstlich gereizt werden, weil der Zustand der Ernüchterung

einfach nicht mehr zu ertragen war.

Man schläft nicht mehr, wenn man ein gewisses Stadium des Morphinismus

hinter sich hat.

Tag und Nacht verlangen die zerrütteten Nerven ihr Linderungsmittel,

Tag und Nacht dauert die krankhafte Erregung. Kommt aber dann einmal die

Stunde, wo die Nerven nicht mehr darauf reagiren, wo kein Mittel mehr

hilft, so kommt auch der Tod.

Unter entsetzlichen Qualen, die nichts mehr zu lindern vermag, geht der

vergiftete Körper zu Grunde. Den Geist umnachtet dann in der Regel der

Wahnsinn.

Turnau wußte, daß er diesem Ende nicht mehr sehr fern war. Mit großer

Energie versuchte er bisweilen einzelne Stunden der Ernüchterung

auszuhalten. Je länger er die schmerzhafte Schwäche ertragen hatte, um

so genußreicher war dann nachher die Wirkung der von neuem angewendeten

Mittel.

In einer solchen Stunde großer Leiden störte ihn die Botschaft seines

Chefs.

Der farbige Schleier, der die Lampe verhüllte, hatte die Schwester seinen

Zustand übersehen lassen. Er hatte von dem, was sie gesagt hatte,

nichts verstanden. Er wußte nur, daß sie ihn rief, daß die Erfüllung

ärztlicher Pflichten von ihm gefordert wurde.

Noch nie hatte er seine Stellung als Assistent so drückend als Fessel

empfunden. Seine Mittel erlaubten ihm, ohne Ausübung eines Berufes zu

leben, wo und wie er wollte. Im Interesse seines Buches, um der Studien

willen, die er hier machte, hatte er diese Abhängigkeit bis jetzt

ertragen. Nun fühlte er aber, daß es Zeit für ihn sei, sich frei zu

machen. Er war noch auf zwei Monate verpflichtet. Wenn er jetzt auch

beschloß, sich krank zu melden und Ersatz für seine Thätigkeit zu

stellen, so konnte ihm das doch in diesem Augenblicke nicht helfen. Die

Stationsschwester hatte ihn gerufen -- er mußte kommen.

Mehrere Minuten vergingen, bis er dazu im Stande war. Seine Mittel lagen

bereit, aber ihre Wirkung war keine unmittelbare. Erst nachdem er mehrere

combinirte Injectionen in ganz kurzen Zwischenräumen angewendet hatte, war

er soweit, daß er wieder zusammenhängend zu denken vermochte.

Im Operationszimmer ließ er sich den Vorfall, der ihm schon berichtet war,

noch einmal erzählen, ehe er an die Bahre trat, auf der der Verunglückte

lag. Es war kein anderer Arzt zu Hülfe gekommen. Dem hochmüthigen und

blasirten Turnau kam ohne eine Bitte von seiner Seite niemand auf die

Station. Er dachte indessen nicht daran, einem seiner Collegen deshalb

ein gutes Wort zu geben. Ein für alle Mal hielt er sich von jeder

Vertraulichkeit, von jedem zwanglosen Verkehr fern. Jetzt war er geistig

vollkommen klar, er beherrschte sein Wissen und seine Gedanken, er brauchte

niemanden.

Der Anblick, den der Verwundete darbot, war grauenhaft. Beide Beine waren

an den Oberschenkeln abgequetscht. Das eine lag bei den blutigen Sachen,

die das Wartepersonal von dem zerfetzten Körper lostrennte. Das Andere

hing noch lose durch Fleisch und Muskeln verbunden am Körper, der

zersplitterte Knochen lag frei.

Schwester Clarissa suchte dem enormen Blutverluste vorläufig Einhalt zu

thun.

Turnau beugte sich über diese ächzenden, wimmernden Ueberreste eines

menschlichen Leibes, er erkannte sofort, daß der Verwundete bei vollem

Bewußtsein war.

»Chloroform,« stöhnte der Mensch.

»Gewiß, gleich, aber es könnte Ihnen die Besinnung zu früh nehmen, ich

will Ihnen erst etwas anderes geben, was den Schmerz auch stillt; Sie haben

doch vielleicht noch irgend etwas zu sagen,« antwortete Turnau.

»Nein, jetzt nicht mehr, es ist zu spät, jetzt will ich kein Morphium

mehr. Jetzt lasse ich mich ja heilen, rasch, rasch, heilt mich doch, ich

halte ja still, ich thu's nicht mehr heimlich,« kam es kaum vernehmlich

über die blaugrauen Lippen.

Der junge Arzt legte die Flanellmaske auf. »Sind Sie ein Selbstmörder?«

fragte er dabei.

»Nein, nein, es war nur ein Fluchtversuch -- ein Unglück. Man wollte mich

heilen, gegen meinen Willen -- ich will nicht geheilt sein --«

»Ja, ich verstehe Sie. Man wollte Sie zu einem anderen Berufe zwingen,

weil Sie als Apotheker doch wieder dem Morphium verfallen wären, das

wollten Sie nicht.«

»Ich will nicht -- ich will nicht. -- -- --«

Das Bewußtsein schwand, Turnau führte die nothwendige Amputation aus,

Schwester Clarissa arbeitete ihm wunderbar in die Hand. Augenscheinlich war

der Körper, als die Beine unter ihm weggerissen wurden, mit furchtbarer

Wucht hintenüber auf die Steinplatten des Bahnhofes geschleudert, denn es

wurde auch ein complicirter Schädelbruch festgestellt.

Nachdem die Verbände angelegt waren, fragte die Schwester, ob Turnau den

Stumpf des anderen Beines, der im Nothverband lag, nicht auch abnehmen

wolle.

»Keinenfalls, ohne ausdrückliche Anweisung des Professors,« antwortete

der junge Mann, sich eifrig die Hände waschend.

»Chloroform,« stöhnte der Kranke, der schon wieder zu sich kam, da er

als Morphinist sehr unempfänglich für die Einwirkung narkotischer Mittel

war.

Turnau trat an den Tisch heran. »Ich darf Ihnen jetzt höchstens Morphium

geben,« erklärte er. »Die Operation ist vorüber, eine andauernde

Narkose könnte höchstens den Erfolg haben, Ihr Leben abzukürzen,

vielleicht sehr rasch zu enden.«

»Was liegt daran« -- murmelte der Unglückliche. Turnau wendete sich an

die dienende Schwester. »Geben Sie ihm immerhin Chloroform,« sagte er

leise, »der arme Kerl hat das Leben satt, ein Genuß mag es auch in seiner

Lage nicht sein.«

»Sie sind kein Chirurg, Herr Doktor, wollen Sie bestimmt sagen, daß der

Kranke verloren ist?«

»Nein, ich bin durchaus kein Chirurg,« bestätigte der junge

Psychiatriker, der nur so viel wie das Staatsexamen erforderte, von

der Chirurgie gelernt hatte. »Ich will dem Menschen auch durchaus kein

Todesurtheil sprechen, aber eine Chloroformnarkose will ich verantworten.«

»Bitte, dann führen Sie das auch selbst aus,« entgegnete die Nonne mit

ruhiger Würde.

Er sah in das marmorkalte schöne Mädchengesicht. Was für ein Räthsel

war diese mitleidlose Härte den furchtbarsten Schmerzen gegenüber bei

einer Schwester, deren ganzes Leben der dienenden Liebe gewidmet war.

Der Kranke schrie und stöhnte herzzerreißend.

»Sehen Sie nicht, wie er leidet?« fragte Turnau.

»Ich sehe es, aber ich kann und darf nicht ändern, was Gottes Wille ist.

Wäre es nicht der Wille der Heiligen, daß dieser Mensch durch Schmerzen

zum Leben eingehen soll, so würde er nicht so leiden.«

»Aber die Heiligen lassen auch zu, daß Menschen bei solchen

Unglücksfällen auf der Stelle todt sind« bemerkte Turnau.

»Es steht auch geschrieben »der Tod ist der Sünde Sold.«

Das fürchterliche Geschrei des Operirten peinigte die Nerven des kranken

Mannes; er sah, daß mit der frommen Schwester nichts anzufangen war; so

ließ er sie bei ihrer Beschäftigung des Aufräumens. Entschlossen

griff er selbst nach der Chloroformmaske und trat noch einmal an das

Operationsbett heran.

Er goß auf, nahm den Puls des Kranken in die Hand und sah unwillkürlich

um sich.

Das ganze blutige Bild des Zimmers, der Geruch der Maske, des Jodoforms und

des Karbols erregte ihm schon nach wenigen Augenblicken einen derartigen

Ekel, daß er sich vollständig außer Stand fühlte, das einmal

übernommene Liebeswerk zu Ende zu führen.

Wie sollte er auch eigentlich dazu kommen, sich kurz vor seinem Abgange

noch möglicher Weise mit dem Professor zu überwerfen um dieses fremden,

gleichgültigen Menschen willen!

Freilich, auch dieser Kranke war Morphinist -- gegen seinen Willen wollte

man ihn heilen -- das Resultat des Versuches war diese Flucht, vielleicht

war es dennoch eine Flucht aus dem Leben gewesen.

Wie hatte doch die Schwester gesagt? »Der Tod ist der Sünde Sold.« Vor

langer Zeit hatte Wilhelm Turnau diesen Spruch auch in der Schule gelernt.

Sollte er jetzt die Bedeutung der alten Lehre erkennen?

Aber immerhin war dieser Kranke kein Opfer der Verkaufsbeschränkungen,

sondern nur ein Opfer verwandtschaftlicher Vorurtheile. Soweit hatten ihn

seine lieben Angehörigen gebracht, nun versagte auch noch die erbarmende

Liebe der Nonne seinen Todesqualen gegenüber.

Sollte die Einsicht des mit seinen Ansichten so allein stehenden

Sonderlings hier allein stand halten?

Wieder schwand das Bewußtsein des Operirten. Der Puls setzte aus.

Wenn ich noch einmal aufgieße, ist er todt, sagte sich der Arzt.

Zögernd griff seine Hand nach der schwarzen Flasche.

»Was liegt daran,« murmelte der Kranke in seiner Betäubung noch einmal.

»Was liegt mir daran,« setzte Turnau in seinem Innern hinzu. Dann riß er

dem Kranken die Maske herunter. »Schwester Clarissa!«

»Herr Doktor wünschen?«

»Sorgen Sie für die Umbettung und wenn der Professor kommt, so fragen

Sie, ob Sie Morphium geben dürfen. Ich gehe in mein Zimmer, im Nothfalle

rufen Sie mich.«

»Ja, Herr Doctor.«

Er ging, und sie that ihre Pflicht so still und gelassen an dem Kranken,

wie an alle ihren anderen Pflegebefohlenen. Ihr war die einzelne

Persönlichkeit wirklich gleichgültig, sie sah in jedem Armen und Elenden

nur den ihr von Gott gesendeten Bruder, in dessen Person sie dem Herrn

diente. Turnau dagegen war krankhaft erregt und nervös angegriffen durch

den Anblick der entsetzlichen Wunden, durch den Geruch des Blutes und die

ganze ungewohnte chirurgische Thätigkeit, die an ihn herangetreten war.

Abgespannt und erschöpft, dabei in hohem Grade überreizt, kam er in

seinem Zimmer wieder an. Er begab sich zur Ruhe; aber die Nacht, die er

darauf zubrachte, war so, daß er sich selbst sagte, mehrere solche Nächte

würden ihn dem Tode schnell entgegenführen. Die Ueberzeugung, daß

Arbeit, Aufregung und gewaltsame Selbstüberwindung ihn ruiniren mußten,

erregte ihn so, daß er der Verzweiflung nahe war. Wenn seine

körperlichen Leiden jetzt rascher, als er geglaubt hatte, seine

Auflösung herbeiführten, so hatte er das der Rücksichtslosigkeit seines

Vorgesetzten zu danken.

Der ganze Egoismus seines Characters empörte sich bei dieser Erkenntniß.

Er gerieth in eine fieberhafte Erregung. Wie oft hatte er mit dem Gedanken

an das Ende gespielt, wie oft hatte er geglaubt, Sehnsucht nach dem Tode zu

empfinden. Nun hatte er dem Tode ins Auge gesehen, er fühlte die Nähe der

Ewigkeit, und es erfaßte ihn eine namenlose grauenhafte Angst.

»Der Tod ist der Sünde Sold.«

Immer wieder mußte er an die Nonne denken, die so ruhig und fest auf

dieses kalte Wort hingewiesen hatte. Er zerbrach sich den Kopf darüber,

wie der Spruch, den sie ihm zugerufen hatte, weiter hieß. Nach langem

Grübeln fiel es ihm ein. --

Er, der elegante vornehme Mann, dem die Frauen stets entgegengekommen

waren, hätte sich ohne Zweifel in denselben Todesqualen zu den Füßen

der Schwester Clarissa winden können, wie jener Elende, der sich jetzt in

ihrer Pflege befand -- sie würde nichts bei seinen Leiden empfinden,

sie würde nichts thun, um ihm das abzunehmen, was ihm nach ihrer Ansicht

bestimmt war zu leiden. Er würde ihr gleichgültig sein, gleichgültig wie

jeder Andere.

Als er ihr zuflüsterte, daß das Fortleben für den Verstümmelten wohl

kaum wünschenswerth sei, hatte sie ihn angesehen, und diesen Blick konnte

er nicht mehr vergessen.

Die ganze Verachtung des irdischen Leides und des menschlichen Willens,

gegenüber einem höhern Willen hatte in diesem Blicke gelegen. Und dabei

war sie schön -- statuenhaft schön -- schade um solch ein Weib!

Ob wohl das blühende freundliche Mädchen, das er gestern bei Bremers

bewundert hatte, im Stande wäre Mitleid, wahres menschliches Mitleid zu

fühlen? Vielleicht wurde es für seine übersättigten Sinne einen ganz

neuen eigenen Reiz haben, die Liebe dieses frischen Mädchens zu gewinnen.

Er war ja jetzt ein stets willkommener Gast bei Bremers, da konnte er sich

dem interessanten Studium dieser reinen jungfräulichen Seele ab und zu

widmen.

Dieser Gedanke beruhigte ihn etwas, die Spannung der Nerven löste sich,

die körperliche Erschöpfung bewältigte die furchtbare Aufregung. Als der

Morgen dämmerte, trat ein leichtes wohlthuendes Ausruhen an die Stelle der

nervösen Ueberreiztheit.

Er dachte jetzt auch über den verhängnißvollen Schritt nach, den er

gethan hatte, als er der Frau des von ihm hochgeachteten Geheimrathes

heimlich Morphium gab. Würde diese Frau sich nicht wieder und wieder mit

der Bitte um Morphium an ihn wenden? Es konnten ihm Unannehmlichkeiten

daraus entstehen, er bereute diese Verpflichtung übernommen zu haben.

Wie tief stand doch dieses genußsüchtige Weib unter der sanften

selbstlosen Nonne, unter der fröhlichen treuen Gefährtin ihrer eigenen

Kinder! Und diese Frau war seine Gesinnungsgenossin, seine Freundin. Er

wußte, daß er nur die Hand nach ihrem Besitze auszustrecken brauchte;

deshalb erschien sie ihm verächtlich und erbärmlich. Sie war schön, aber

niemals würde er sie deshalb lieben, es war seine feste Ueberzeugung, daß

er überhaupt niemanden lieben könne.

Der Gedanke aber, die Hingabe eines Weibes zu besitzen, erregte ihm einen

Ueberdruß, der an Ekel streifte. Lydia Bremer begehrte nichts als Genuß

-- Genuß in der Liebe, Genuß im Morphium; Pflichten kannte sie nicht.

Sie hatte Mann und Kinder, aber als sie von ihm Morphium empfing, als ihre

Blicke ihn zum Danke dafür Liebe ahnen ließen, konnte sie das vergessen.

Er aber, der im Interesse der leidenden Menschheit für eine gute Sache

kämpfte, er hatte sich dazu hergegeben, diesem begehrlichen glühenden

Weibe Genuß zu gewähren!

Immerhin hatte er nur mit dieser Handlungsweise die Consequenzen seiner

Gesinnung gezogen. Wenn ihm nur weiter keine Verpflichtung daraus erwuchs,

wenn sie nur nicht etwa eine persönliche Verbindung zwischen sich und

ihm darin sah! Ihn graute davor. -- Und dann, dann mußte er lächeln. Wie

sonderbar, daß er in einer schlaflosen Nacht über das Wesen von drei ihm

gleichgültigen Frauen grübelte!

Seit wann schätzte er überhaupt die Weiber nach ihrer Pflichttreue,

nach ihrer Moral? Was gingen ihn die Tugenden und Fehler der Geheimräthin

Bremer, der Schwester Clarissa und des anmuthigen Kinderfräuleins an!

Ja, dieses Fräulein, es war doch ein Genuß an sie zu denken, sie zu

sehen -- --

Es war fünf Uhr morgens. Turnau glaubte anfangs an eine nervöse

Sinnestäuschung, bald aber überzeugte er sich, daß das Klopfen,

welches er hörte, Wirklichkeit war -- Professor Schrödter hatte die

Rücksichtslosigkeit, einen seiner Assistenten morgens um fünf Uhr wecken

zu lassen!

Ein derartiger Fall war dem jungen Arzte in den drei Jahren seiner

klinischen Thätigkeit nur sehr selten vorgekommen. Er war außer sich

darüber und beschloß, noch im Laufe desselben Tages um jeden Preis von

dieser persönlichen Abhängigkeit frei zu werden.

Er hatte kaum seine Toilette beendet, als schon der Professor unangemeldet

bei ihm eintrat. Er hatte das bei Turnau noch niemals gethan, weil ihm

das steife förmliche Wesen seines reichen Assistenten innerlich durchaus

zuwider war. Aus sehr einfachen Verhältnissen hatte er sich durch eigene

Kraft zu wissenschaftlicher Bedeutung emporgerungen, ohne sich zugleich

äußerlich den Vorschriften feinerer geselliger Formen zu fügen.

»Störe ich Sie noch? -- Es ist fast halb sechs, sehr viele Menschen haben

bereits ausgeschlafen,« begann er mit rücksichtsloser Ironie. Er wußte

genau, daß Turnau sonst frühestens zur Poliklinik um zehn Uhr früh

aufstand.

Der junge Mann stand seinem Vorgesetzten in tadelloser Haltung gegenüber.

»Selbstverständlich stehe ich Ihnen zur Verfügung, Herr Professor.«

»Der Kranke, den Sie gestern Abend amputirt haben, ist gestorben. Wenn

Sie in der Nacht einmal nachgesehen hätten, brauchte ich nicht

hierherzukommen, um Ihnen das zu sagen.«

Absichtlich überhörte Turnau den Vorwurf.

»Habe ich bei der Amputation einen Fehler gemacht?«

»Ja, den größten, den Sie machen konnten. Von zwei abgequetschten

Stümpfen haben Sie den Einen amputirt und den Anderen ruhig liegen lassen.

Als ich gestern Abend nachsah, war es bereits zu spät. Nicht einmal alle

Knochensplitter des Schädelbruches waren ordnungsmäßig entfernt.«

»Um alles auszuführen, was dieser Fall erforderte, wäre eine sehr

lange Narkose nöthig gewesen. Das war aber nicht opportun wegen einer

Herzschwäche des Patienten, die auch im Krankenbericht constatirt ist.«

»Glauben Sie denn, daß ich das nicht weiß?« schrie der Professor grob.

»Sie hätten sich aber Assistenz holen können, damit in kurzer Zeit so

viel wie möglich geschehen konnte.«

»Diese Anordnung zu treffen, wäre Ihre Sache gewesen, Herr Professor. Sie

haben den Verunglückten vor mir gesehen. So gut wie ich mit einem Auftrage

in dieser Hinsicht beehrt wurde, konnte mir auch einer der Herren Collegen

zur Seite gestellt werden.«

»Ach was, die Geschichte fiel auf Ihrer Station vor. Sie hätten sich

selbst die nöthige Hülfe verschaffen müssen. Wir sind doch keine

Soldaten, bei denen jeder nur auf einen Befehl von oben wartet, ehe

er handelt. Sie aber haben überhaupt keinen der anderen Herren

benachrichtigen lassen. Hielten Sie den Fall von vornherein für

hoffnungslos?«

»Jedenfalls für so compliciert, daß ich nicht wagte, nach eigenem

Ermessen irgend eine Aenderung der von Ihnen getroffenen Dispositionen

vorzunehmen.« Turnau sprach noch immer tadellos höflich und mit vollster

Selbstbeherrschung, während der Professor bei jedem Worte mehr seine Ruhe

verlor.

»So -- Sie bleiben also bei Ihrer Ansicht, daß ich allein Schuld bin?«

fragte er wüthend.

»Warum muß denn da überhaupt jemand schuld sein? Es war eben ein

Unglücksfall mit tödtlichem Ausgange. Es wäre ja geradezu entsetzlich

gewesen, wenn wir den Verstümmelten durchgebracht hätten.«

»Wirklich? Nun das muß ich sagen, Herr Doctor, für einen Arzt ist das ja

eine sehr eigenthümliche Anschauungsweise. Kann es denn überhaupt einen

Fall geben, in dem der Arzt nicht verpflichtet ist, alle Hülfsmittel der

Wissenschaft anzuwenden, um das bedrohte Menschenleben zu verlängern und

zu erhalten?«

»Ich weiß es nicht. Das ist eine philosophische, wenn Sie wollen eine

religiöse, aber keine medicinische Frage.« -- -- --

»Und Sie erlauben sich daher diese Frage zurückzuweisen, mein Herr

College, nicht wahr?« höhnte der aufs äußerste gereizte Mann. »In

unserm Falle liegt die Frage aber durchaus auf dem Gebiete der Medicin,

die Frage ist rein sachlich, und die Antwort darauf ist es ebenfalls. Diese

Antwort aber lautet dahin, daß Sie Herr Doctor Turnau eben durchaus

nicht alles gethan haben, was Sie thun konnten, um ein entfliehendes

Menschenleben zurückzuhalten. Sie sagen, daß ich als Chef hätte genauere

Anordnungen treffen können. Das hätte ich vielleicht gethan, wenn ich

gewußt hätte, daß einer meiner Assistenten sich einbildet, man

könnte kein guter Psychiatriker sein, ohne zugleich als Chirurg die

verhängnißvollsten Fehlgriffe zu begehen.«

Mit Turnaus Ruhe war es nun auch zu Ende. Eine grobe Antwort auf den groben

Angriff vermochte er nicht zu geben. Das war seiner feinen sensitiven Natur

zu sehr entgegen. Er wurde todtenbleich, lehnte sich an einen Schrank,

neben dem er stand und schwieg.

Der Professor, der trotz seines polternden Tones nicht die Absicht gehabt

hatte, den jungen Mann zu beleidigen, erschrak, als er die Wirkung seiner

Worte sah. Turnaus scheinbare Ruhe hatte ihn gereizt, und er hatte im

Aerger mehr gesagt, als er hatte sagen wollen.

»Ich habe Sie erschreckt, Turnau,« lenkte er gutmüthig ein. »Es liegt

mir ja fern, Ihnen die Schuld an dem Tode eines Menschen aufbürden zu

wollen. Aber Sie können sich wohl denken, daß es mir nicht einerlei

ist, wenn so etwas in meiner Anstalt passirt. Es ist doch immerhin ein

Privatunternehmen und keine königliche Klinik. Ich vertrete der Welt

gegenüber alles, was hier unter meiner Leitung geschieht. -- Wir wollen

nachher die Obduction vornehmen, dann können wir den Fall noch eingehender

und ruhiger besprechen, als es jetzt möglich ist.«

Turnau verbeugte sich schweigend und tief vor seinem Vorgesetzten.

»Um Gottes Willen, seien Sie doch nicht so versteinert, ich muß doch

schelten, wenn nicht in meinem Sinne operirt wird. Das passirt den

jüngeren Herrn überall, Sie müssen das nicht so schwer nehmen,« begann

der Professor noch einmal.

Das Schweigen des hochmüthigen jungen Menschen war ihm furchtbar peinlich.

Er hatte das Gefühl, sich in seinem äußeren Benehmen wieder etwas

vergeben zu haben. Grade Turnau gegenüber passirte ihm das öfter, deshalb

war ihm auch der in tadellos vornehmen Formen erzogene Assistent so sehr

unangenehm.

»O bitte, Herr Professor, wenn ich einen Tadel verdient habe, so muß ich

ihn hinnehmen.« Turnau sagte das so ruhig und gleichgültig, als ob er

sich durchaus nicht beleidigt fühle.

Der Vorgesetzte verlor dadurch den letzten Rest seiner Sicherheit. »Bei

der Obduction können Sie den Vortrag halten,« sagte er beinah verlegen,

wie um auf etwas anderes zu kommen.

»Ich bitte mich von der Obduction gütigst dispensiren zu wollen. Ich

hatte schon seit einiger Zeit die Absicht, mich krank zu melden und bitte

um die Erlaubniß, für den Rest des Quartals einen Collegen zu meiner

Vertretung engagiren zu dürfen.«

Er war also doch empfindlich! »Na meinetwegen bleiben Sie von der Section

weg. Wegen der Vertretung suchen Sie mich wohl in meiner Wohnung auf.«

»Wie Sie wünschen, Herr Professor.«

»Auf Wiedersehen denn.«

»Auf Wiedersehen, Herr Professor.«

Noch eine durchaus salonmäßige Verbeugung, die der Professor ziemlich

ungeschickt erwiederte. Er war es gewöhnt, seine Assistenten durch einen

Händedruck oder ein oberflächliches Kopfnicken zu grüßen. Bei Turnau

ging das natürlich nicht. Fataler Mensch, hätte Offizier oder Diplomat

werden sollen, blos nicht Arzt, dachte der Professor, als die schwere

weiche Portiere von Turnaus Zimmer sich hinter ihm schloß. Na, vielleicht

wird er mal Modearzt bei nervösen Damen -- Specialität Migräne; -- er

war im Grunde seines Herzens froh, daß er ihn los wurde.

Turnau aber fühlte sich nach diesem erneuerten Angriff auf seine

künstlich überreizten Nerven ernstlich und körperlich krank.

In tiefster Erschöpfung streckte er sich auf seinem weichen Schlafsopha

aus, um körperlich wenigstens auszuruhen. Die nöthigen Schritte zu

seiner Ablösung von dem Posten, den er nicht mehr auszufüllen vermochte,

beschloß er zu einer späteren Tagesstunde zu thun.

Er lag zeitweise in einer Art von Halbschlaf oder Betäubung; er wußte

nicht wie lange er gelegen hatte, aber die Sonne schien ziemlich heiß

durch die schweren herabgelassenen Vorhänge, als ein ungewöhnliches

Geräusch ihn aufschreckte.

Die Thür zu seinem Zimmer wurde hastig aufgerissen und mit maßlosem

Staunen sah er Lydia Bremer unangemeldet eintreten. --

Turnau verlangte von einer Dame in allererster Linie elegante sorgfältige

Toilette, nachlässig gekleidete Frauen waren ihm gradezu abstoßend.

Bisher war ihm der Verkehr mit Frau Bremer angenehm gewesen, weil sie in

ihrer Erscheinung und in ihrem Benehmen eine elegante vornehme Frau

war; mit Entsetzen bemerkte er jetzt bei ihrem ungestümen Eintritt, wie

unvortheilhaft und verändert sie aussah. Das sonst sorgfältig frisirte

Haar war nicht gebrannt, man sah einzelne dünne Stellen, die die Haut kaum

bedeckten. Die Gesichtszüge waren durch eine maßlose Aufregung verzerrt,

von Thränenspuren entstellt, die nothwendigsten Kunstgriffe der Toilette

waren versäumt. Ein loser Abendmantel bedeckte einen Schlafrock, dessen

zerdrückte Spitzen die deutlichen Spuren des Liegens in Sophakissen oder

gar auf dem Bette aufwiesen.

Peinlich unangenehm berührt, erhob sich der Arzt. Seine kühle

Begrüßung durch eine ganz kurze Verbeugung schien die erregte, vielleicht

verzweifelte Frau nicht zu sehen.

»Alles ist verrathen, ich bin verloren, mein Mann hat Verdacht geschöpft,

Professor Schrödter war eben bei uns. Mein Morphium, mein ganzer

Vorrath« -- --

Sie konnte nicht weiter sprechen, die Stimme brach ihr.

»Man hat Ihre Morphiumvorräthe gefunden und confiscirt?« fragte er.

»Ja, ja -- es ist entsetzlich, ich kann nicht leben ohne Morphium.

Erbarmen Sie sich, helfen Sie mir, ich habe ja nur Sie, alle Anderen

verfolgen mich, hassen und quälen mich, man treibt mich in den Tod. O

Gott, stehen Sie doch nicht so mitleidslos da -- erbarmen Sie sich.«

»Das würde wenig helfen. Wenn ich Ihnen heute wieder Morphium gebe, wird

es morgen wieder gefunden.«

»Nein, geben Sie mir eine tödliche Dosis, ich verspreche Ihnen, man wird

den Rest Ihrer Gabe nur bei meiner Leiche finden.«

»Ich bedaure, gnädige Frau, einen derartigen Wunsch, in einem Augenblicke

der höchsten nervösen Aufregung ausgesprochen, erfülle ich nicht.«

»Ich werfe mich vor die Eisenbahn.«

»Wenn Sie mir das vorher sagen, ist es meine Pflicht die Ausführung

dieser Absicht zu verhindern.«

»So -- sind Sie etwa mein Vormund?«

»Nein -- ich bin Irrenarzt.«

Ein kurzer Schrei, dann ein krampfartiges zorniges Weinen, folgte auf diese

Ablehnung. Ruhig stand Turnau ihr gegenüber. Er war empört und angeekelt

von dieser Scene.

Wenn sie wirklich sterben wollte, so hatte sie keinen Grund, erst

hierherzukommen und ihm ein Vertrauen aufzudrängen, nach dem er durchaus

nicht verlangte. Er war aber überzeugt, daß sie gar nicht ernstlich daran

dachte zu sterben. Wenn sie so ungeschickt war, ihr Geheimniß entdecken

zu lassen, so fühlte er sich in keiner Weise berufen, ihr beizustehen.

Ungeduldig wartete er darauf, daß sie sich so weit beruhigte, um auf gute

Manier dahin gebracht zu werden, ihn zu verlassen.

Sie faßte sich mühsam. »Wissen Sie, was mein Mann und der Professor

beschlossen haben?«

»Ich kann es mir denken. Sie sollen in eine Anstalt, um eine

Entziehungscur durchzumachen.«

»Ja« -- sie lächelte. »Ich werde auch ganz fügsam sein und gehen.«

»Das freut mich.«

»Sie verstehen, was ich meine?«

»Nein.«

»Schicken Sie mir postlagernd jede Woche, was ich brauche. Sie wissen es

ja.«

»Das geht nicht, in solchen Anstalten ist die Controlle zu streng, man

würde jeden Stich an Ihrem Körper entdecken. Ich würde damit riskiren,

daß mir die ärztliche Concession entzogen wird.«

»So rathen Sie mir, helfen Sie mir!«

»Ich kann Ihnen nicht helfen.«

»Geben Sie mir Morphium, ich will abreisen, ich werde mich irgendwo

verstecken, wo mich kein Mensch findet.«

»Sind Sie denn mit Allem, was zu einer solchen Flucht gehören würde,

versehen?«

»Im Augenblicke nicht, aber bis zum Abende kann ich mir Geld und alles,

was ich sonst noch brauche, erschaffen.«

»Bis zum Abend wird Ihr Herr Gemahl im Verein mit den Aerzten die

nöthigen Schritte gethan haben, um eine derartige Flucht zu verhindern.«

»So bin ich verloren.«

»Ich weiß es nicht.«

Er zuckte gleichgültig die Achseln und trat ans Fenster.

Zitternd erhob sie sich und ging ihm nach. Sie griff mit beiden Händen in

die Fenstervorhänge, um sich zu halten. Die Sonne schien ihr ins Gesicht.

Er sah, daß ihre Haut stellenweise welk war. Ihre Augen waren glasig und

starr, plötzlich bildete er sich ein, ihre Vorderzähne wären falsch.

Das war eine abscheuliche Ernüchterung, wenn er sie etwa bewundert hätte,

aber das hatte er ja doch eigentlich niemals gethan.

»Es gäbe eine Auskunft, eine einzige Rettung,« flüsterte sie, nahe,

ganz nahe an seinem Ohr.

Er antwortete nicht.

»Fliehen Sie mit mir, Wilhelm.«

»Als was -- als Ihr Arzt?«

Da glitt sie an ihm nieder und umfaßte seine Kniee. »Nehmen Sie meine

Liebe, aber geben Sie mir Morphium.«

Sie bot sich ihm an -- sie war dahin gekommen, sich zu verkaufen.

Er machte sich los. »Das würde ehrlos von mir sein. Ich kaufe keine

Liebe, gnädige Frau.«

»Sie brauchen auch meine Liebe nicht zu kaufen, seit Sie mir Erbarmen

gezeigt haben, liebe ich Sie.«

»Ich will Ihnen noch einmal Morphium geben, Frau Bremer, aber dann bitte,

bitte, verlassen Sie mich, werden Sie ruhiger, überlegen Sie, was Sie thun

wollen. Wenn man Sie hier fände, wären Sie und ich compromittirt.«

Das war seine Antwort auf das Geständniß ihrer Liebe. Die Scham

überwältigte sie; sie fühlte, daß sie etwas darbot, was er gar nicht

zu besitzen wünschte. Sie hätte fliehen mögen und sich vor seinen, vor

aller Menschen Blicken verbergen, aber sie rührte sich nicht. Wie gebannt

blieb sie stehen und wartete -- wartete auf das Almosen, das er ihr

geben wollte, um sich von ihr zu befreien. -- Sie fühlte die furchtbare

Erniedrigung ihrer Lage -- aber für Morphium hatte sie sich vor Friedrich

Rast erniedrigt, sie konnte nicht anders, sie mußte warten. --

Turnau ging in sein Schlafzimmer, das keine verschließbare Thür vom Salon

trennt. Die Thür vom Schlafzimmer nach dem Corridor war verschlossen.

Mit einem scheuen Blick sah er sich um. Diese Frau, die ihm ihre Liebe

aufdrängen wollte, folgte ihm also wenigstens nicht! Er sehnte sich nicht

mehr nach Liebe. Wie war es nur möglich, daß sie das nicht begriff? Jede

körperliche Lebensthätigkeit war ja längst bei ihm erloschen; er hatte

geglaubt, das Weib müßte es fühlen, daß ihr in ihm überhaupt kein

Mann gegenüberstand -- ein Gespenst, ein dem Grabe entgegeneilender

Schatten. -- --

Und an diesen Schatten wollte sie sich anklammern, sich in ihrer

Verzweiflung an ihm halten. Wie gleichgültig sie ihm war! Er hätte über

sie gelacht, wenn er sich nicht so todtkrank gefühlt hätte.

Vorhin, ihr gegenüber, war es ihm möglich gewesen, sich bis zu sittlicher

Entrüstung aufzuschwingen, er hatte ihr gesagt, daß es für ihn eine

Gemeinheit sein würde, ihre Liebe zu kaufen.

Vor sich selbst kam er nicht so weit -- nicht bis zum sittlichen

Widerstreben, nur bis zum Ekel, zum allgemeinen Lebensüberdruß, zu einer

unsagbaren Stumpfheit.

In der tötlichen Erschöpfung seines Körpers und Geistes suchte er jede

Erregung zu vermeiden, jeder Störung auszuweichen. Die Störungen aber

verfolgten ihn gradezu.

Wenn ihn nur jemand von dieser Frau befreit hätte, deren Ansprüche er

sich durch sein Entgegenkommen selbst aufgeladen hatte! Sie wartete da auf

ihn, aber er war nicht im Stande zu ihr zurückzukehren. Ruhe verlangten

seine Nerven, nichts als Ruhe sein kranker Körper.

Er trat an ein kleines Wandschränkchen und nahm daraus einen Kasten, in

dem sich verschiedene kleine Flaschen befanden. Diese Flaschen enthielten

alles, was ihm in der letzten Zeit noch Genußfähigkeit, noch eine

scheinbare äußere Kraft zu geben vermochte. Öfter und immer öfter

aber war jetzt die Wirkung, auch der stärksten Mittel, ausgeblieben. Die

zerrütteten Nerven waren tot -- es war nicht mehr möglich sie anzuregen.

Er konnte nicht mehr genießen.

Er schob den Kasten von sich. Im Nebenzimmer, von welchem er nur durch eine

Portière getrennt war, hörte er ein Geräusch. -- Richtig -- man wartet

da auf ihn. Zitternd und verlangend verzehrte sich ein Weib nach seiner

Liebe. --

Er konnte nicht mehr lieben. Er konnte ja seit Wochen nicht mehr genießen,

-- nicht mehr schlafen.

Morphium: Novellen · 第 7 / 13 题