Die Gewohnheit des Morphiumgebrauches hatte allmählich dahin geführt,
daß Lydia Bremer mit freiem Kopfe, ohne irgend welche Nachwirkungen
des Genusses erwachte, auch wenn sie am Tage vorher etwas mehr als die
gewöhnliche Dosis ihres Mittels gebraucht hatte. Die Lösung aber, die ihr
Turnau gegeben hatte, mußte doch wohl weit über das Maaß hinausgehen, an
das sie gewöhnt war.
Sie hatte die Absicht gehabt, an Mariä Himmelfahrt das Hochamt zu
besuchen, das um 9 Uhr früh statt fand. Das Stubenmädchen brachte
ihr deshalb den Kaffee zu einer etwas früheren Stunde als sonst in ihr
Schlafzimmer. Sie richtete sich im Bette auf, um nach dem Servirbrett
zu greifen; aber als sie den Kopf vom Kissen erhob, sank sie sofort,
von heftigem Schwindel erfaßt, wieder zurück. Sie empfand dabei keinen
Schmerz, nur eine drückende Benommenheit des Kopfes. In rasendem Wirbel
schien sich alles um sie zu drehen, Kälteschauer und Unbehaglichkeit
erfaßten ihren ganzen Körper.
Sie schloß die Augen, um sich von diesem Zustande zu befreien; es war
vergeblich. Vorsichtig, ohne sich aufzurichten, griff sie nun nach einer
kleinen Tasche, die zwischen ihren Matratzen lag. Kaum vermochten die
unsicher tastenden Hände das Morphiumglas zu entkorken. Nach dem Gebrauche
des Mittels aber wurden ihre Bewegungen etwas fester, sie konnte sich
aufrichten, der Schwindel ließ nach, aber so wie sonst war es doch immer
noch nicht. Kurz entschlossen griff sie zum zweiten Male zum Morphium.
Nun strömte ein unendliches Wohlbehagen durch ihre Nerven. Sie
streckte sich lächelnd aus, genoß mit Bewußtsein die nun eintretende
eigenthümliche Leichtigkeit ihrer Glieder und richtete sich dann frisch
und elastisch auf. Sie ließ das Fräulein mit den Kindern hereinkommen,
erfreute sich an dem Jubel der Kleinen bei den munteren Spielen, die das
junge Mädchen anzuregen verstand und schickte endlich die fröhliche
Gesellschaft in den Garten, um ihre Toilette beenden zu können.
Zur gegebenen Zeit rief sie ihren Mann ab zum Kirchgang. Sie trug ein
hellgraues Kleid, das zu ihrem Teint eigentlich nicht paßte. Die Taille
war aber so geschickt mit weiß arrangirt, ebenso der Hut, eine Nadel von
funkelnden Rubinen schloß den Spitzenkragen, so daß die Toilette doch
tadellos und sogar vortheilhaft war.
»Du bist recht hübsch angezogen, Kind,« bemerkte der Geheimrath
wohlgefällig, als Lydia bei ihm eintrat, »indessen finde ich, daß Du
blaß und angegriffen aussiehst. Ich habe auch in letzter Zeit tüchtig
gearbeitet und denke, die Erholung in Heringsdorf wird uns Allen recht gut
thun. Wie würde Dir diese Wohnung gefallen?«
Er reichte seiner Frau die Photographie und den Grundriß einer kleinen
Villa. »Die Wohnung ist bis zum Ende der Saison frei.«
»Es mag ganz hübsch dort sein, ich wußte aber nicht, daß Du so bald
reisen kannst.«
»Die Saison ist schon halb zu Ende, Lydia, bist Du etwa mit Deiner
Toilette noch nicht ganz reisefertig?«
Sie schien zu überlegen. »Für die Kinder wäre noch einiges
anzuschaffen, für mich weniger, ich möchte auch dem Fräulein etwas
Garderobengeld für die Reise geben.« --
»Brauchst Du vielleicht Geld?«
»Nicht viel, fünfhundert Mark werden für den Augenblick genügen.«
Er gab ihr das Geld und sie sagte, daß sie gleich nach der Kirche noch
einige Besorgungen machen wolle.
»Aber überanstrenge Dich nicht, ziehe Fräulein zu Deiner Hülfe heran,«
bat er.
Während des Gottesdienstes ruhten die Blicke des fürsorglich liebenden
Mannes oft auf dem zarten Gesichte der jungen Frau. Er wußte, daß ihr
der Hausarzt wegen häufiger Migräne-Anfälle ab und zu den Gebrauch der
Morphiumspritze gewährt hatte. Dabei war er aber fest überzeugt, daß
dieses Mittel nur durch die Hand des Arztes und mit dessen Einverständniß
gebraucht würde. Daran, daß seine Frau das Morphium selbst und heimlich
gebrauchen könne, dachte er nicht.
Der alte Medicinalrath, der seinem Hause ein lieber Freund war hatte ihm
gesagt, daß eng zusammengezogene Pupillen und breite glanzlose Iris der
Augen ein untrügliches Zeichen des Morphinismus seien. An die Complication
mit Atropin hatte der gute alte Herr selbst nicht gedacht und so wurde auch
er durch die dunkel leuchtenden Augen der Kranken getäuscht.
Bremer war fest überzeugt, daß seine Frau krank sei. Das schlaffe,
gleichgültige Sich gehen lassen, welches er seit einiger Zeit an ihr
bemerkte, widersprach ihrem sonstigen Wesen durchaus. Ehe er aber einen
Specialarzt für Nervenleiden zu Rathe zog, beschloß er noch einmal
eingehend mit dem Medicinalrath zu sprechen.
Nach der Kirche trennte sich der Geheimrath von seiner Frau. Er hatte
einige Besuche zu machen, und Lydia ging, um Einkäufe zu besorgen nach der
belebtesten Straße, wo sich die größten Läden befanden.
Ohne einen Blick auf die Auslagen in den Fenstern zu werfen eilte
sie vorwärts. Bald bog sie in einen weniger belebten Seitenweg ein,
durchschritt eine öffentliche Promenade und betrat einen Stadttheil, in
dem ihre elegante Erscheinung überall auffiel. Sie befand sich zwischen
langen Reihen hoher unschöner Häuser, die alle viele Fenstern hatten und
von vielen Menschen bewohnt wurden. Zuletzt trat sie in den Thorweg einer
Bierbrauerei, ging durch das Vorderhaus über den Hof, zwischen Fässern
und Rollwagen hindurch nach dem Quergebäude.
Sie drückte den Elfenbeingriff ihres weißen Spitzenschirmes fest an die
Brust, schob den Schleier vom Gesichte zurück und stieg mit fliegendem
Athem und zitternden Knieen in nervöser Hast die schmale halbdunkle steile
Treppe hinauf.
Bei jedem Stockwerk wurden die Entreethüren niedriger, beengter,
schmutziger. Nach drei Treppen hörten die abgeschlossenen Wohnungen
überhaupt auf. Eine Menge Thüren mündeten in einen engen, langen
Gang. Es war unerträglich schwül in diesem Treppenhause, aus jeder der
zahlreichen Wohnungen drangen Küchendämpfe und Lärm heraus. Es roch nach
Kaffee, nach angebranntem Fett, nach trocknender Wäsche, nach Seife --
vor allen Dingen aber nach Menschen, nach zusammengedrängten, armen,
schmutzigen Menschen. An vielen Thüren befanden sich Visitenkarten mit dem
Namen des Zimmerbewohners.
»Friedrich Rast,« stand auf einer dieser Karten zu lesen. Lydia klopfte
mit ihrem Schirm an die Thür. Ein junger Mann öffnete ihr und ließ sie
ein.
Das Zimmer war ganz nett und freundlich möblirt: Ein Sopha mit braunem
Ripsüberzuge, zwei Schränke von hellem Holz, ein Spiegel zwischen
den Fenstern, ein kleiner Teppich, auf einer Kommode eine Uhr und zwei
Leuchter. Das Stübchen schien für den Empfang eines Besuches aufgeräumt
worden zu sein, denn es lag nichts von den Sachen des Bewohners umher.
Eine halb offene Thür ließ ein ebenfalls gut eingerichtetes Schlafzimmer
sehen. An den Fenstern waren saubere Gardinen und einige blühende
Pflanzen. Die Aussicht über ein freies Feld und eine Reihe Bäume
entschädigte für die Häßlichkeit, die der Eingang der Wohnung bot.
Der Inhaber dieser Stuben, ein junger Mensch von etwa zwanzig Jahren, war
sorgfältig, wenn auch nicht elegant gekleidet.
»Gott sei Dank, daß Sie da sind, Herr Rast,« sagte Lydia und sank
erschöpft auf das kleine weiche Sopha nieder.
»Der Dienstmann hat alles richtig an mich telephonirt, gnädige Frau,«
antwortete Friedrich Rast lächelnd. »Mein durchreisender Vater wünscht
mich zu sprechen, der Provisor hat mich daraufhin beurlaubt, hier bin
ich, und auf meinem bescheidenen Sopha sitzt ja nun auch mein ehrwürdiger
Alter.«
»Lassen Sie die Scherze, Herr Rast, ich bin sehr aufgeregt und habe es
eilig. Mein Mann hat unsere Abreise früher angesetzt, und mein Vorrath
reicht höchstens noch drei oder vier Tage. Ich brauche mindestens zwölf
Gramm für die Saison in Heringsdorf. Rechnen Sie doch -- sechs Gramm geben
ein Fläschchen für hundert Einspritzungen, eigentlich bekommt man aber
nur etwa achtzig heraus, durchschnittlich brauche ich vier am Tage, also in
drei Wochen ein Fläschchen, das macht zwölf Gramm in sechs Wochen.«
»Zwei Gramm jede Woche, das ist zu viel, gnädige Frau.«
»Was geht Sie denn das an? Hier sind Einhundertundzwanzig Mark, das Gramm
zu zehn Mark gerechnet; bei unserer Medicinaltaxe von sechzig Pfennigen
für das Gramm können Sie doch mit dem Geschäfte zufrieden sein.«
Der junge Apotheker schob fünf von den Goldstücken mit verlegener Miene
zurück. »Ich habe nur zwei Gramm. -- --«
»Aber Herr Rast!« Lydia wurde todtenbleich und sah den jungen Mann so
entsetzt an, daß er einiges Mitleid empfand.
»Ich habe wahrhaftig nicht die Absicht, Ihnen Schwierigkeiten zu machen,
Frau Geheimräthin, aber heute war es nicht möglich. Es fehlt eine Menge
von hundert bis hundertundfünfzig Gramm in der Apotheke. Der Chef hat
gerast und getobt und uns Alle Morphiomanen genannt. Einer von uns muß es
ja am Ende auch sein, denn ich habe noch nie mehr als zehn Gramm auf
einmal genommen. Es giebt gewiß unter uns Apothekern ebenso viele
Morphiumsüchtige wie unter den Aerzten. Vielleicht aber bin ich auch nicht
der Einzige, der das Mittel heimlich verkauft, -- die Versuchung ist ja so
groß.«
Ein Zug, wie von körperlicher Qual trat auf Lydias Gesicht. »Herr Rast,
denken Sie noch an den Abend, wo Sie auf der Brücke hinter dem Theater
standen?« fragte sie mühsam.
»Ja, ich denke daran, so oft sich mein Gewissen regt über das, was ich
für Sie thue, gnädige Frau. Meine Schulden betrugen damals nur etwa
hundert Mark, aber ich habe acht Geschwister, ich hätte doch diese
Schulden nicht machen dürfen. Das kleine Kolonialwaarengeschäft meines
Vaters ernährt kaum die Familie. Anstatt von meinem ersten Gehalt nach
Hause abzugeben, was ich dank Ihrer Güte jetzt kann, mußte ich von meinem
armen Vater hundert Mark fordern, die er mir natürlich nicht geben konnte.
Es war hart -- eine furchtbare Strafe für meinen Leichtsinn.« -- --
»Ich habe Sie damals vor einem Schritte der Verzweiflung bewahrt, wollen
Sie mich dafür jetzt verzweifeln lassen, Herr Rast?«
»Aber Frau Geheimräthin, verzweifeln Sie denn, wenn Ihre Morphiumquelle
einmal versagt?«
»Ja,« antwortete sie dumpf. »Ohne Morphium muß ich verzweifeln. O, mein
Gott, man giebt doch den Ärmsten Almosen, warum versagt man dem Kranken
das, was ihm Lebensbedürfniß, was ihm nöthiger ist als das tägliche
Brot!«
»Es liegt eine große Härte in dem Verbot des Verkaufes,« sagte der
junge Mann mitleidig. »Es ist auch eine ganz unnütze Härte, denn sie
dient nur dazu, die Verkäufer in Versuchung zu führen und die Kranken zu
Lug und Trug zu veranlassen. Ist es nicht eine Schmach, daß eine Dame wie
Sie, gnädige Frau, in dieses Haus kommen muß, um so einen armen Teufel
wie mich für eine Handlung zu bezahlen, die meine Existenz kosten kann?«
»Ja es ist eine Erniedrigung, eine Schande für uns Beide, für Hunderte
außer uns, aber wir können die Ungerechtigkeit nicht aus der Welt
schaffen, die dem Einen ruhig das anvertraut, wonach sich die Sehnsucht
des Anderen vergeblich verzehrt. Wenn nur der Morphiumhunger nicht immer
stärker und stärker wiederkehrte bei dem, der einmal an das Reizmittel
gewöhnt ist. Ich kann nicht leben wenn ich kein Morphium habe, sagen Sie
mir, wie machen es Andere, die dasselbe Bedürfniß empfinden?«
»Andere fälschen Recepte.«
»Und das geht?«
»Ja, es geht oft. Die meisten Kranken greifen zu diesem Mittel,
denn Wartepersonal oder Droguisten sind doch schließlich nur selten
bestechlich. Noch seltener aber sind gefällige Aerzte, die das Mittel aus
der Hand geben. Außerdem erhält man es auf ein gefälschtes Recept
hin auch zum landesüblichen Preise, was ebenfalls die meisten Menschen
berücksichtigen müssen. Natürlich werden aber in allen Apotheken die
Recepte über Chloroform, Aether, Cocain, Chloral, Morphium und ähnliche
Mittel genauer angesehen als andere Vorschriften.«
»Und wenn man eine Fälschung entdeckt?«
»Dann schickt in der Regel der Provisor das Recept demjenigen Arzte zu,
auf dessen Namen es gefälscht wurde.«
Lydia schlug die Hände in furchtbarer Aufregung vor das Gesicht und
schluchzte krampfhaft. »Ich vermöchte eine solche Schmach nicht zu
überleben.«
»O, das passirt aber so oft,« meinte er gleichmüthig.
Sie starrte fassungslos vor sich hin. »Herr Rast, wie ist das, wie wird es
gemacht -- -- Recepte zu fälschen?«
Er legte zwei abgestempelte Recepte vor sie hin. »Da sehen Sie, das sind
zwei echte Recepte von zweien unserer ersten Chirurgen. Das eine lautet
auf eine fünf- das andere auf eine vierprocentige Lösung. Stärkere
Vorschriften sind gewöhnlich unecht. Hier haben Sie Papier und Feder,
gehen Sie an die Fensterscheibe und pausen Sie die beiden Recepte durch,
zur Vorsicht machen Sie sich zwei Exemplare von jeder Vorschrift. Dann
können Sie durch Dienstmänner oder Kinder, die Sie dafür bezahlen, die
Recepte beide machen lassen. Ich kann Ihnen leicht durch Abdampfen in einem
Filtrirapparat die dünnen Lösungen etwas verstärken. Aber entschließen
Sie sich rasch, damit ich die Recepte in das Buch zurücklegen kann, ehe
sie vermißt werden.«
Widerstrebend griff Lydia nach dem Schreibmaterial, das ihr der junge
Mann anbot. Sie kam sich maßlos erniedrigt vor durch die gesetzwidrige
Handlung, die sie vor diesem Zeugen zu begehen im Begriff stand.
Was mußte dieser, gesellschaftlich tief unter ihr stehende leichtsinnige
junge Mensch von ihr denken -- von ihr, die von dem eigenen Gatten, von
allen Menschen, die sie kannte mit Auszeichnung behandelt wurde!
Sie ließ die Feder, die schon einige Striche gemacht hatte, sinken.
Thränen stürzten ihr aus den Augen. »Ich kann es nicht.« --
»Dann müssen Sie aber eine Entziehungskur durchmachen, auf einmal kann
man dem Morphium nicht entsagen,« erklärte der Apotheker. Dabei glitt
etwas wie Freude über sein energieloses, junges Gesicht.
»Ich will aber garnicht entsagen,« schluchzte die junge Frau. »Das
Gesetz soll mich nicht dazu zwingen, das Gesetz geht mich überhaupt
garnichts an, ich thue nichts, was irgend einem Menschen in der Welt
Schaden zufügen könnte.«
»Sie schaden sich selbst.«
»Das ist doch ausschließlich meine Sache. Nein diese Bevormundung ist
wirklich empörend!«
»Wenn ich etwas bei Seite bringen kann, schicke ich es Ihnen in einem
Briefcouvert,« tröstete er, ihr die zwei Gramm hinschiebend, die er
besaß.
Sie steckte das Pulver ein und trocknete ihre Thränen. »Haben Sie keinen
Bekannten, der mir helfen könnte?« fragte sie aufstehend.
»Vielleicht wäre das möglich,« sagte er nachdenklich. »Außer in
Apotheken wird das Morphium in einzelnen größeren Droguengeschäften
geführt. Dort darf allerdings nur der Besitzer die Recepte machen, die
jungen Leute haben kein Examen gemacht und dürfen es nicht.«
»Ich mache mir ja die Lösung selbst zurecht, wenn mir nur jemand die rohe
Waare verschafft. Können Sie mir wirklich niemanden empfehlen?«
»O doch ich glaube, ich kann es. Ferdinand Preyer ist ein so blutarmer
Junge, daß er mehr als hochachtbar sein müßte, wenn er einem Angebote
von zehn Mark für das Gramm zu widerstehen vermöchte.«
»Ist er gewissenhaft und ängstlich?«
»Ich fürchte allerdings, daß er das ist, aber wenn er den Betrag für
die entnommene Waare in die Ladenkasse legt, so kann es seinem Principal
doch einerlei sein, was dafür verkauft wurde.«
»Sie müssen versuchen, ihn zu überreden.«
»Ich will thun, was ich kann. Seine Mutter ist eine arme Wittwe, zwei
Schwestern von Preyer dienen als Stütze der Hausfrau. Die Beiden und
Ferdinand, der neunzig Mark Gehalt im Monat hat, unterstützen die Mutter.
Drei Kinder gehen noch in die Schule. Von irgend welchem Vergnügen ist
für Preyer niemals die Rede. Der arme Kerl ißt sich kaum satt; -- es
wäre einfach übermenschlich, wenn er Ihnen kein Morphium verschaffte; ich
gönne ihm auch den Verdienst.«
Lydia ging nun, nachdem sie mit Friedrich Rast verabredet hatte, Abends um
acht Uhr wieder in dessen Wohnung zu sein, um daselbst mit Ferdinand Preyer
zusammenzutreffen. Er versprach ihr den jungen Mann herzubestellen und ihn
auf das an ihn gestellte Verlangen vorzubereiten.
Nachdem sich der junge Apotheker überzeugt hatte, daß der Corridor
augenblicklich menschenleer war, eilte seine Besucherin hastig die Treppe
hinab, ängstlich den Schleier vor ihr verweintes Gesicht ziehend.
In der Nähe des Hauses fand sie zufällig eine leere Droschke. Von der
Aufregung und Angst aufs äußerste erschöpft, stieg sie ein und fuhr zu
einer Modistin. Darauf besuchte sie noch einige Ladengeschäfte; sie zwang
sich, dazu Einkäufe für ihre und der Kinder Toiletten zu machen, um die
wild durch ihr Hirn stürmenden Gedanken und Besorgnisse zu überwinden. Es
gelang ihr schließlich auch, sich wieder so weit zu fassen, daß sie ihren
Kindern und ihrem Manne unbefangen gegenübertreten und wie gewöhnlich am
Mittagessen theilnehmen konnte.
Die Kinder waren so lebhaft, daß sie oft bei Tische Veranlassung zu
herzlichem Lachen der Eltern wurden und auch heute führten sie wieder
die Unterhaltung, ohne von ihrem Fräulein, das selbst so gerne lachte,
erheblich daran gehindert zu werden.
Nach dem Essen forderte Lydia das Fräulein auf, mit ihr und den Kindern
spazieren zu fahren, während der Geheimrath, der später noch in sein
Büreau mußte, sich etwas zur Ruhe zurückzog.
Unterwegs befestigte sich in Lydia die Überzeugung, daß sie mit der Wahl
des neuen Fräuleins ihren Kindern eine wahre Wohlthat erwiesen hatte.
Fräulein Hedwig war so herzlich, von so natürlicher Heiterkeit und
selbstloser Hingabe, daß die Herzen der Kinder sich ihr zuwandten
wie Blumenkelche dem Sonnenlicht. Während der Fahrt durch den warmen
schattigen Waldweg plauderten und jubelten die Kleinen ununterbrochen,
während die Mutter ihnen schweigend und verstimmt gegenüber saß. Sie
konnte ihre Gedanken nicht davon losreißen, auf welche Weise sie sich wohl
für die Zukunft das Mittel verschaffen könne, das doch nur ihr allein ein
egoistisches Genießen gewährte, an dem kein anderer Mensch Antheil nahm.
In fröhlicher Stimmung kehrte die kleine Gesellschaft nach Hause zurück.
Lydia fühlte ihre Nerven etwas ruhiger werden; so vermochte sie ihrem
Manne, der die Seinen schon im Garten empfing, freundlich entgegen zu
treten.
Er gab seiner zurückkehrenden Frau einen erbrochenen Brief und
entschuldigte sich, daß er so indiscret gewesen war, denselben zu öffnen.
»Der Überbringer sagte mir auf meine Frage, daß er in einer Brauerei in
der Humboltstraße arbeite. Das erschien mir so eigenthümlich, daß ich
nur eine Bettelei vermuthen konnte. Ich wußte nicht, daß Dein Schuster so
weit draußen wohnt. Bist Du denn mit Deinem bisherigen Lieferanten in der
Hauptstraße nicht mehr zufrieden?«
Lydia fühlte, wie ihr das Blut in die Wangen stieg bei dieser harmlosen
Frage ihres Mannes. Was für ein entsetzliches Verhängniß zwang sie doch,
Lügen -- ganz gemeine Lügen zu ersinnen, wie unwürdig, wie erbärmlich
stand sie da vor sich selbst und vor Friedrich Rast, der ihr auf diese
Weise eine Mittheilung zukommen ließ!
Sie griff nach dem Blatte: »Gnädigste Frau habe ich zu benachrichtigen,
daß Ferdinand Preyer die gewünschten Waaren nicht liefert. Weiß nun
nicht, ob die Schuhe mit Stahlperlen oder schwarzen Schleifen garnirt
werden sollen und bitte um weitere Befehle. Hochachtend, Friedrich Rast.«
Sie las, und es wurde ihr dunkel vor den Augen, als sie zu Ende war.
Ferdinand Preyer lieferte also die gewünschten Waaren nicht! Der arme
Commis, der von seinem geringen Gehalte noch seine Mutter unterstützte,
verschmähte das Gold, das die reiche Frau ihm bot, wenn er mühelos ein
Vorrecht benutzte, das der Zufall in seine Hand gelegt hatte. Sie hatte
versucht, einen armen Menschen zu bestechen, ihn zu einer Pflichtverletzung
zu verführen, sie bot ihm ein Verdienst, das seine ganze Lage ändern, ihn
und die Seinen aller Sorgen entheben konnte und er -- -- -- »lieferte
die gewünschten Waaren nicht.«
Was für ein Ungethüm von Pedanterie mußte dieser unbestechliche junge
Mann sein! Was für eine Willenskraft mußte er besitzen, um in seinem
freudlosen genußleeren Dasein nicht überhaupt für seine eigene Person
nach dem Morphium zu greifen, das ihm doch erreichbar war! Ob er wohl in
seiner übertriebenen Pflichttreue Aehnlichkeit mit Fräulein Hedwig hatte,
die auch ein Leben der Armuth und Arbeit mit innerer Befriedigung hinnahm,
ohne zu einem Betäubungsmittel zu greifen? Ob er wohl auch so froh, so
innerlich glücklich, so reich an Liebe war, wie dieses Mädchen?
Etwas wie Haß und Neid regte sich in Lydia's Herzen. Sie hätte sich
rächen mögen an dem, der ihr diese Schwierigkeiten bereitete.
»Du ärgerst Dich wohl über Ferdinand Preyer, der Dir die letzte
Ergänzung einer hübschen Toilette zu versagen scheint, Kind?«
Lydia starrte noch immer wie betäubt auf das Briefblatt in ihrer Hand. Die
Stimme ihres Mannes schreckte sie auf, sie sah in sein gütig lächelndes
Antlitz.
»Es handelt sich um eine Lederstickerei, ehe der zugeschnittene Schuh
fertig gemacht wird, Arnold, dieser Preyer ist langsam und ungefällig,«
log sie, halb bewußtlos vor lähmendem Schrecken.
Bremer lachte. »Das Unglück scheint mir nicht groß zu sein, Liebling,«
tröstete er. »Schwarze Schuhe sind doch immer das hübscheste für einen
so zierlichen Fuß, wie Du ihn besitzt.«
Dann verabschiedete er sich von seiner Frau, die sich kaum noch zu
beherrschen vermochte, küßte die Kinder und fuhr nach seinem Büreau.
Als Lydia das Geräusch der sich entfernenden Räder hörte, hielt sie
nicht länger an sich. Sie wandte sich jäh ab von den Kindern und dem
Fräulein, stürzte die Treppe hinauf, schloß sich in ihrem Schlafzimmer
ein und warf sich vor ihrem Bett auf die Kniee.
Auf irgend eine Weise mußte sie ihrer leidenschaftlichen Aufregung Luft
machen, so drückte sie denn ihr Gesicht auf ein Kissen und schrie --
schrie so laut und so lange wie sie konnte, bis endlich die Thränen kamen
und ein krampfartiges hysterisches Weinen ihr Erleichterung brachte. Dann
setzte sie sich an den Toilettentisch, nahm wieder Morphium, badete ihr
Gesicht in kaltem Wasser und versuchte mechanisch ihren Anzug, ihr Haar und
ihren Teint wieder in Ordnung zu bringen. »Was nun?« fragte sie sich nach
Beendigung ihrer Toilette mit einem trüben, starren Blick in den Spiegel.
-- Ja, was nun?
Sie nahm eine Gebetschnur und kniete vor dem Bilde der Mutter Gottes
nieder. Heute an ihrem höchsten Ehrentage würde die Heilige sicherlich
die Gebete der Menschen mit besonderer Gnade aufnehmen. Sie wollte um
Erleuchtung bitten, um Frieden, um Ruhe der Seele. Mit Selbstüberwindung
sprach sie die vorgeschriebenen Worte, aber die Seele ließ sich nicht
zwingen, mit den Lippen zu beten. Ihre ganze Seele schrie nach Morphium,
nur allein nach dem Mittel, auf dessen Erlangung sich jetzt nach den
Enttäuschungen dieses Tages eine krankhafte Leidenschaft concentrirte.
Sie ließ sich schließlich gehen in ihrem unstillbaren Drange. Die hohe
göttliche Jungfrau versteht ja die Schwäche des Weibes, hat sie doch
selbst einst in der Gestalt einer irdischen Jungfrau gelebt. So betete
Lydia endlich ganz offen und kindlich um Morphium. »Gieb es mir,
Gebenedeiete,« flehte sie, »ich will auch vor Dir wandeln wie eine
Christin und meine Kinder will ich lehren, Dich zu lieben, Dich zu ehren
und anzubeten.«
Den Menschen bot sie Gold, der Himmlischen bot sie die Seelen ihrer Kinder,
für sich aber begehrte sie nur das Eine -- mochten es ihr Menschen oder
Engel gewähren -- nur das, was sie nicht lassen konnte, was sie haben
mußte und was man ihr grausam versagte.
Beruhigt und gestärkt stand sie vom Gebet wieder auf. Ein Gedanke, den
ihr wahrscheinlich die Hochheilige selber eingab, blitzte durch ihr Gehirn.
Turnau -- Doctor Turnau mußte ihr helfen. Sie war fest überzeugt, daß
dieser Plan von der heiligen Jungfrau selbst in ihr Herz gelegt war; so
konnte er also nicht fehlschlagen. Sie brauchte nur der Barmherzigen zu
vertrauen, so erhielt sie gewiß, was sie so glühend ersehnte.
Sie ließ eine Droschke holen und fuhr nach der Nervenheilanstalt des
Professors Schrödter, in der Turnau wohnte.
In dem ruhigen Vertrauen auf das Gelingen ihres Planes war die fieberhafte
Aufregung, die sie vorhin erfüllte, gewichen. Sie ließ den Wagen einen
Umweg machen und fuhr am Kirchhofe vorbei. Eine Frau mit mehreren Körben
voller Kränze und Blumen hatte für den Festtag an der Kirchhofsthür
einen Verkauf eingerichtet. Lydia stieg aus, kaufte zwei Kränze von
dunkelrothen Rosen und legte sie mit einem stillen Gebet auf die Gräber
ihrer Eltern.
»Das Andenken der Gerechten bleibt im Segen.« Das war die Antwort, die
diese Stätte der Erinnerung ihr gab, auf alle die bangen Fragen, die ihr
Herz durchstürmten. Möchte der Segen an ihr in Erfüllung gehn auf dem
Wege, den sie jetzt ging.
Mit diesem Wunsche im Herzen betrat die junge, bildschöne Frau
gleich darauf die Junggesellenwohnung eines eleganten Lebemannes. Die
Leidenschaft, die sie hierhergeführt hatte, ließ sie vergessen, was in
ihrer Lage peinlich und anstößig war.
Auch Turnau trat ihr unbefangen entgegen, fast als hätte er diesen
ungewöhnlichen Besuch erwartet.
Er ergriff Lydias Hände, sah ihr in die Augen und mit einem milden
gütigen Lächeln, das sein regelmäßiges Gesicht außerordentlich schön
erscheinen ließ, fragte er leise: »Sie wollen Morphium haben, nicht wahr,
Frau Bremer?«
Wenn er jetzt die Arme um sie gelegt und sie an sich gezogen hätte, so
wäre sie sein gewesen willenlos, selig, ohne jedes Widerstreben. Sie hatte
bei ihrem Manne nie die wahre Gluth der Liebe kennen gelernt und sie
war nie ganz verstanden. Jetzt sah sie sich verstanden und fand ein
Entgegenkommen, das sie bis in die Tiefe des Herzens tröstete und
beglückte.
Statt aller Antwort wandte sie sich von dem Freunde ab und weinte
bitterlich.
Dieser Gefühlsausbruch setzte ihn nicht in Verlegenheit, regte ihn aber
auch nicht auf. Er versuchte nicht, seine hübsche Freundin zu trösten,
sondern nahm ihr gegenüber Platz und erwartete mit dem ruhig beobachtenden
Blicke des Arztes, was sie thun würde.
Sie fühlte bald, daß ihr Benehmen nicht mit den üblichen Formen des
Verkehrs in Einklang zu bringen sei und suchte sich gewaltsam zu fassen.
»Wie hübsch Sie eingerichtet sind,« sagte sie, ihre Thränen trocknend,
»gar nicht wie ein Gelehrter, viel eher wie ein die Schönheit liebender
Künstler -- sogar Blumen finden bei Ihnen die nöthige Pflege ...«
»Ich habe ein kleines Abonnement bei einem Gärtner, gnädige Frau,« er
nahm die Rücksicht, ihre Erregung unbeachtet zu lassen und auf den Ton
einzugehen, den sie anzunehmen sich bemühte. »Persönlich habe ich
eigentlich kein Interesse für Botanik, nur als Zimmerdekoration liebe ich
Pflanzen. Ich verstehe nämlich etwas vom Decorieren, mein Talent
dafür hätte sicherlich ausgereicht zum Tapezierer, wenn nicht gar zum
Regisseur.«
Die reiche, geschmackvolle Ausstattung des Zimmers bestätigte seine
Worte. »Ich sehe hier gar keine anatomischen Präparate,« bemerkte Lydia,
erstaunt um sich blickend.
»Nein, damit umgebe ich mich nicht. Die Anstalt hat Räume genug, wo man
solche Sachen aufstellen kann, ohne damit die Harmonie des einzigen Zimmers
zu stören, das man wirklich bewohnt. Ich bin nämlich sehr häuslich,
gnädige Frau. Die Biergespräche meiner Altersgenossen interessiren mich
so wenig, daß ich fast jeden Abend zu Hause bleibe, um mich derjenigen
Lectüre widmen zu können, die mich interessirt. Ich wüßte kaum, was
ich in einer Kneipe anfangen sollte, da ich außerdem sehr mäßig in
materiellen Genüssen bin, ich trinke beispielsweise fast nichts.«
»Und doch gelten Sie für recht unsolide, darf ich es sagen -- sogar für
blasirt.«
»Ich bin auch blasirt, meine gnädigste Frau, Sie dürfen das ganz ruhig
sagen. Eine ärmliche Umgebung wäre mir unerträglich, und wenn ich mich
hier zwischen meinen eigenen Sachen am wohlsten fühle, so ist das nicht
etwa häusliche Tugend, sondern Bequemlichkeit -- Blasirtheit, wenn Sie
wollen.«
»Nein, nein, machen Sie sich nur nicht schlecht,« sie konnte schon wieder
lächeln, wie sie das sagte, »es muß und wird noch dahin kommen, daß
Ihre Tugend allgemein anerkannt wird.«
»Aber ich bin ein anspruchsvoller Genußmensch, ich interessire mich für
Kunst und Wissenschaft, huldige dem Schönen unter allen Umständen, und
bin außerdem dem Morphinismus ergeben, und zwar mit Leib und Seele, wie
Sie ja wissen.«
»Ich auch,« sagte sie bestimmt, beinahe trotzig.
»Viele Morphinisten gehen zu Grunde.«
»Das weiß ich.«
»Manche werden auch schwachsinnig, oft sogar wirklich gemüthskrank.«
»Das weiß ich auch.«
»Und Sie bleiben dennoch dabei?«
»Ja, ich kann nicht davon lassen, ich will es auch nicht.«
»Nun, Sie sind erwachsen und gebildet genug, um zu wissen was Sie thun.
Weil ich Medicin studirt habe, halte ich mich nicht für den Vormund
anderer Menschen; ebenso wenig würde ich das thun, wenn ich zufällig
Theologe wäre. Wenn Sie Ihre Lebenszeit abkürzen wollen, so sehen Sie zu,
wie Sie sich mit Ihrer Lebensphilosophie darüber abfinden.«
»Ich habe mich mit meiner Moral darüber abgefunden, wie --, das geht
niemanden etwas an.«
»Gewiß nicht, es giebt ja andere Gelegenheiten genug, um das Leben
des Individuums zu verlängern. Wir können als Mediciner die
Infectionskrankheiten bekämpfen, wir haben die herrlichen Fortschritte der
Chirurgie, wer leben will, dem können wir mit den Mitteln der Wissenschaft
helfen, seine Tage zu vermehren. Wer sollte wohl darauf kommen, uns
für das vom nationalöconomischen Standpunkte geringfügige Unglück
verantwortlich zu machen, daß eine beschränkte Anzahl von Menschen mit
klarem Willen und vollem Bewußtsein die Lebenszeit abkürzt, die ihnen an
sich zugemessen ist!«
»Jeder Apothekerlehrling hält sich für verantwortlich wegen dieses
Unglückes,« sagte sie bitter. »Wenn man da die äußerste Consequenz
ziehen wollte, müßte man jeden Schenkwirth bestrafen, in dessen Local
sich allnächtlich eine Anzahl Leute mit Branntwein vergiften.«
»Ah -- das souveräne Volk -- dem muß man die Freiheit schon lassen.«
»Man wird sie auch einst dem Gebildeten lassen, der den verfeinerten
Genuß sucht, unseren Genuß, nicht wahr, Frau Bremer?«
»Vorläufig scheint mir dazu sehr wenig Hoffnung vorhanden zu sein,«
sagte sie traurig.
»Ich habe heute eine entsetzliche Enttäuschung erlebt, eine Erniedrigung,
einen Schmerz, der mich fast verzweifelt zu Ihnen getrieben hat, in der
Hoffnung Verständniß und Hülfe bei Ihnen zu finden.«
Auf seinen fragenden Blick erzählte sie ihm nun von ihren Beziehungen zu
Friedrich Rast und von der unbestechlichen Tugend Ferdinand Preyers.
»Und von den Ansichten eines solchen halbgebildeten Jungen hängt das Wohl
und Wehe einer sensitiven vornehmen Natur ab. Eine Dame, wie Sie, muß
die Vorstadtwohnung eines bestechlichen Commis aufsuchen, um eine
Gesetzesvorschrift zu umgehen, die in ihrem Widersinn schon viel
entsetzlichere Folgen gehabt hat als diese Demüthigung, unter der Sie
heute gelitten haben.«
»Noch schlimmere Folgen?«
»Allerdings; bitte, wollen Sie dem Freunde, dem Arzte, dem Psychologen
verzeihen, wenn ich Sie frage: würden Sie sich nicht schließlich
verkaufen, wenn Sie keine, keine andere Möglichkeit sähen, sich Morphium
zu verschaffen?«
Sie wurde todtenbleich. »Ich würde sterben, aber ich würde nicht
fallen.«
»Dann sind Sie eben noch nicht in dem Stadium, in dem man fällt. Andere
sind aber in dieses Stadium gekommen. Das Morphiumgesetz hat schon manche
Frauenehre gekostet.«
Lydia erhob sich. Sie fühlte das Nahen einer furchtbaren Gefahr. Der Mann,
mit dem sie allein war, konnte ihre Wünsche erfüllen, er konnte aber auch
ihre Ehre fordern. Sie hätte sich ihm nicht versagt, er verstand sie und
sie fühlte, daß sie ihn liebte.
Einen Augenblick lang kämpfte er mit der Versuchung, das willenlose
liebliche Weib an sich zu reißen und ihre Liebe zu nehmen. Ah -- wie sie
wohl zu lieben verstand!
Er sah sie an und ein müdes Lächeln erschien auf seinem Gesichte, die
leichte Erregung der Sinne war schon wieder vorüber. »Bitte, meine
gnädige Frau, verstehen Sie mich nicht falsch,« sagte er kühl.
Dann trat er an seinen Schreibtisch und nahm eine kleine Schachtel heraus,
die er ihr gab.
»Hier sind zehn Gramm Morphium, Ihre Mischung wissen Sie sich ja
zurechtzumachen. Beruhigen Sie sich jetzt, solche furchtbaren Aufregungen
sind Gift für die überempfindlichen Nerven des Morphinisten.«
»O, Gott, wie edel Sie sind -- ich danke Ihnen.«
»Nein, danken Sie mir nicht, ich werde Ihnen ein anderes Mal ein Recept
geben, Ihre Lösung können Sie dann überall bekommen. Jetzt will ich
Ihnen noch einmal das geben, was Sie gestern bekommen haben, damit Sie sich
ganz beruhigen.«
Mit einem Seufzer der Erleichterung und Wonne empfand sie die Wohlthat, die
er ihr zu theil werden ließ.
Sie fand keine Worte, um ihm zu danken. Schweigend ließ sie sich von ihm
die Treppe herunterführen, schweigend stieg sie in den Wagen, der sie
erwartete, dann ein Händedruck, und ein Blick, der dem erfahrenen Manne
zeigte, was ihr Herz in diesem Augenblicke empfand.
Sie kehrte zurück zu Mann und Kindern, zurück in das Haus, dessen Herrin
sie war. Wie gleichgültig war ihr das alles, wie wenig dachte sie daran,
daß sie nahe daran gewesen war, als eine Unwürdige über diese Schwelle
zu schreiten. Eine Fremde war sie in diesen kurzen Stunden ihrem Heim
dennoch geworden.
Sie hatte nun Morphium, was ihr weder ihr Mann noch sonst jemand von ihren
Angehörigen gönnte. Sie brauchte nicht mehr um den Erwerb des köstlichen
Mittels zu zittern. Die tiefe Befriedigung und die wohlthätige Ruhe, die
sie im Gegensatze zu dem bisherigen Leben der Aufregung und Angst jetzt
empfand, dankte sie ihm, dem selbstlosen Freunde. Langsam nahm die
Erinnerung an ihn, die Dankbarkeit, die Freundschaft und Hingabe, die
sie ihm widmete, ihr ganzes Denken und Fühlen in Anspruch. Sie war nun
zufrieden, sie war ruhig und still, er hatte sie glücklich gemacht. --