Nicht mehr genießen und nicht mehr leben!
Hatte er das nicht immer gedacht, ausgesprochen sogar vor ihr -- und nun?
Ja, nun war das Ende da, -- nicht mehr genießen! Es war unmöglich; weder
die Morphiumspritze, noch die Liebe, noch sonst irgend etwas im Leben bot
ihm noch irgend einen Genuß.
Die kleine Freundin war da, so scharf, so spitz, so vertraut. Vielleicht
konnte sie ihm doch noch eine -- noch eine letzte Freude gewähren!
Da war ein kleines Glas -- das hatte er sich reservirt für das Ende; das
Ende -- ja das war doch nun da.
Er entkorkt das Fläschchen. Ein scharfer Alkoholdunst schlug ihm entgegen.
Man kann Morphium höchstens bis zu zwölf Procent in Wasser auflösen,
stärkere Lösungen erfordern Alkohol. Es ist ein Schmerz, als ob man
ein Glied in glühende Kohlen legte, wenn man sich Alkohol unter die Haut
spritzt. Aber jetzt -- du lieber Gott, war es denn nicht das Ende?
Er biß die Zähne zusammen. Der Arm wurde dunkelroth, es war wie
ein Brand. Aber es wirkte. Das Gefühl, als ob die Knochen des Kopfes
auseinanderfallen wollten, ließ nach. Er vermochte beinah wieder zu
denken.
Noch einmal also! Er zog die Spritze zurück, sie rollte zur Erde.
Ja richtig, um sie wieder zu erlangen, muß man sich bücken.
Mit blöden Blicken stierte er darauf hin -- wozu, wozu -- wenn es doch nun
einmal das Ende sein mußte?
Wenn sich das Weib nebenan doch nur ruhig gehalten hätte! Herrgott, die
Sache konnte doch nun nicht mehr lange dauern!
Ohne hinzusehen, griff er in ein kleines Fach seines Schrankes. Er hielt
nun einen Revolver in der Hand. Müde setzte er sich auf den Rand seines
Bettes. Mit irrem Lächeln sah er die Waffe an. »Der Tod ist der Sünde
Sold« -- es ging aber noch weiter, der Spruch war damit nicht aus. Wie
doch?, wie doch?
Richtig im Notizbuche, da mußte es stehn. -- Aber das Notizbuch? Aufstehen
und es holen, oder sich bücken und die Spritze aufheben? Wozu? Wozu?
Ein wahnsinniges Geräusch erfüllte plötzlich sein Hirn, wie mit eisernen
Schrauben fühlte er seine Schläfen gepreßt. Die Alkohollösung war eine
tötliche. Aber für ihn doch wohl nicht. -- -- Das Ende, das Ende! --
Er fühlte nichts mehr, er dachte nichts mehr, seine Blicke verdunkelten
sich. Langsam hob er den kurzen blanken Lauf des Revolvers in die Höhe,
setzte ihn fest an seine Schläfe und drückte ab. Dumpf krachte der Schuß
in dem kleinen von Teppichen und schweren Stoffen verhängten Raum. --
Eine Secunde nur stand Lydia Bremer wie erstarrt, dann stürzte sie
vorwärts.
Ein Blick zeigte ihr, was geschehen war. Vielleicht lebte der Mann noch,
der ihr den Schimpf angethan hatte, ihre Liebe zu verschmähen -- es war
ihr gleichgültig; keine Minute ihrer Zeit widmete sie ihm. Sie sah das
Kästchen mit seinem Inhalte von kleinen Flaschen. Geräuschlos glitt sie
darauf zu und mit einem einzigen gierigen Griff ließ sie die sämmtlichen
Gläser in ihrer Tasche verschwinden.
Hastig durchwühlte sie noch den Auszug eines Tisches, aber sie fand
nichts mehr. Kaum eine Minute blieb ihr Zeit; man hatte den Schuß im Hause
gehört; das Zimmer füllte sich mit Menschen.
Professor Schrödter stellte den Tod seines Assistenten fest. Er nahm an,
daß Turnau in einem Augenblicke geistiger Umnachtung gehandelt habe.
Kopfschüttelnd blätterte er in dem Notizbuche, das der Todte bei sich
trug, während er geglaubt hatte, es läge im Nebenzimmer. Der Professor
hoffte eine Aufklärung über die Beweggründe zu der traurigen That darin
zu finden.
Endlich fand er eine Notiz, die das Datum der vergangenen Nacht trug.
»Der Tod ist der Sünde Sold, aber die Gnade Gottes ist das ewige Leben in
Christo Jesu unserem Herrn.« Daneben stand, daß er wünsche diesen Spruch
auf seinen Grabstein setzen zu lassen.
Der Professor reichte Lydia das kleine Buch. Sie las den Spruch und schlug
wie verzweifelt die Hände vor ihr Gesicht.
»Sie waren dabei, Frau Geheimräthin, sollten Sie den Zusammenhang nicht
ahnen, wissen Sie nichts -- gar nichts?«
Er sah sie durchdringend an. Sie fühlte, daß Alles für sie auf dem
Spiele stand -- -- ihre Ehre -- -- von allen Seiten ruhten neugierige
Blicke auf ihr.
»Morphium« stammelte sie, verzweifelt, außer sich. --
»Ah -- also weiter brauchen wir nach Ihrer Morphiumquelle nun nicht mehr
zu suchen, Turnau war der Schuldige, er gab Ihnen das Gift, er selbst ging
zu Grunde daran, o ich verstehe, ich verstehe.«
Ueber das breite Gesicht einer Wärterin glitt ein höhnisches
Lächeln. Lydia sah es, das Blut stieg ihr ins Gesicht, sie empfand eine
leidenschaftliche Wuth, die ihrem Wesen bis dahin fremd gewesen war.
»Herr Professor, was müssen Ihre Leute von mir denken, wenn Sie mich so
fragen!«
Sie bemühte sich, so kalt und so ruhig zu erscheinen wie sonst -- es war
ihr nicht möglich. Der Professor empfand, daß er sich in irgend
einer Weise nicht ganz correct benommen hatte. Sein Ton klang weniger
rücksichtslos schroff, als er sie fragte, wie sie dazu gekommen sei,
Turnau aufzusuchen, anstatt den jungen Arzt zu sich zu bitten.
»Sie haben mir selbst heute den letzten Tropfen Morphium weggenommen,
den ich besaß,« erklärte sie rasch »nur durch ein heimliches
Zusammentreffen mit Turnau konnte ich hoffen, das Verlorene wieder zu
erlangen.«
»Es wäre aber doch eine Gemeinheit von ihm gewesen,« polterte Schrödter
nun doch wieder los, »Sie sind meine Patientin, mein Assistent mußte
darauf Rücksichten nehmen.«
Lydias Blicke trübten sich, sie empfand mit bitterem Schmerze ihre
Ohnmacht gegenüber der ihr aufgezwungenen Behandlung des Nervenarztes.
»Doctor Turnau war heute sehr unzugänglich, mein Besuch war vergeblich,«
sagte sie kurz.
»Ein Sterbender -- das will ich glauben, -- ich habe heute zum ersten
Male bemerkt, wie krank er war -- werfen wir keinen Stein auf den Todten.«
»Wie meinen Sie das, Herr Professor?«
In athemloser Spannung hingen die Augen aller Anwesenden an den Lippen des
Arztes. Schrödter sah ein, daß es in diesem Augenblicke in seiner Hand
lag, eine Verdächtigung, einen Makel von dem Namen der Geheimräthin
fern zu halten -- er dachte an den Gatten der jungen Frau. Was für ein
Heiligthum war diese Frauenehre für diesen Mann!
Gewissermaßen erklärend wandte er sich an das Personal seiner Anstalt,
das ihn jetzt fast vollzählig umstand.
»Herr Doctor Turnau ist schon längere Zeit leidend gewesen, heute früh
fand ich ihn unzurechnungsfähig, er wird in der Aufregung, die seiner
That voranging, kaum erkannt haben, wer bei ihm war, vielleicht hat er Sie
überhaupt nicht bemerkt, gnädige Frau.«
Lydia begriff. »Doch, er hat mich erkannt, aber er ließ mich im Salon
warten, während er die entsetzliche That im Schlafzimmer vorbereitete;
erst nach dem Geräusch des Schusses wagte ich es, ihm zu folgen.«
Nach dieser Erklärung athmete sie auf, man achtete nicht mehr so auf
sie. Die Leute beschäftigten sich mit der Leiche, die Aerzte zogen sich
zurück.
Mit leidenschaftlichem Entzücken fühlte sie in ihrer Tasche die kleinen
Gläser. Auf Jahre hinaus würden diese concentrirten Lösungen genügen,
um daraus das verhältnißmäßig schwache Mittel herzustellen, dessen
sie bedurfte. O, wie wollte sie diesen Schatz hüten, wie sorglich und
vorsichtig wollte sie alles verstecken, man sollte sie nicht zum zweiten
Mal überlisten. Nun aber nach Hause und vor allen Dingen Alles in
Sicherheit bringen.
Die Freude, die sie erfüllte, ließ sie die entsetzliche Demüthigung
vergessen, die sie erlitten hatte. Sie empfand auch keinen Schmerz über
das jähe Ende des Mannes, den sie noch vor einer Stunde zu lieben
geglaubt hatte. Sie liebte nichts mehr auf der Welt außer dem Genusse, und
genießen konnte sie jetzt -- maßlos, unbeschränkt, heimlich.
Geräuschlos verließ sie das Zimmer des Verstorbenen und eilte die Treppe
hinab. Das Herz schlug ihr bis zum Halse hinauf -- fort, nur fort.
»Entschuldigen Sie, gnädige Frau, ich möchte mir gestatten, Sie zu
begleiten,« Professor Schrödter stand plötzlich neben ihr, kalt und
mißtrauisch sah er sie an.
O, wie sie ihn haßte -- sie hätte ihn ins Gesicht schlagen, ihn von sich
stoßen mögen, sie war fassungslos.
»Lassen Sie mich -- der Schreck, die Aufregung -- ich möchte allein
sein.«
»Ich halte es für meine ärztliche Pflicht, Sie zu begleiten, auch wenn
Ihnen das direct unangenehm sein sollte.«
»Es ist mir so unangenehm, daß es eine Zudringlichkeit wäre, wenn Sie
darauf bestünden.«
Das war eine Beleidigung, nun mußte er sie doch lassen. Aber er wich nicht
von ihrer Seite. »Ich werde diese Zudringlichkeit vor Ihrem Herrn Gemahl
zu rechtfertigen wissen.«
Mit diesen Worten hob er sie in den Wagen, stieg zu ihr ein und fuhr
an ihrer Seite ihrer Wohnung zu. Es sah fast so aus, als ob er heimlich
lächelte über ihren ohnmächtigen Zorn. Sie wurde immer bleicher, und in
ihren Augen brannten verhaltene Thränen.
Der Geheimrath erschrak, als er an den Wagenschlag trat und ihr verzerrtes,
entstelltes Gesicht ihm entgegensah. Sie sah alt und fast häßlich aus in
dieser wahnsinnigen Aufregung mit ihrem nachlässigen Anzuge.
»Um Gottes Willen, was ist denn mit meiner Frau geschehen? Lydia, wie
siehst Du aus! Herr Professor erklären Sie doch -- -- --«
»Deshalb bin ich gekommen,« antwortete Schrödter mit überlegener Ruhe.
»Unsere Kranke hat sich wieder Morphium zu verschaffen gewußt, es wird
Ihre Aufgabe sein, Herr Geheimrath, alle Kleider der Patientin sorgfältig
durchsuchen und prüfen zu lassen, damit nichts eingeschmuggelt werden
kann, was wir nicht wissen.«
»Lydia!«
Sie hörte den entsetzten Ausruf ihres Mannes nicht mehr, denn sie war
ohnmächtig zusammengebrochen bei den rücksichtslosen Worten des Arztes.
Der Geheimrath rief das Kinderfräulein an den Wagen. Das junge Mädchen
nahm rasch entschlossen die zarte Gestalt ihrer Herrin in ihre Arme und
trug sie, ohne die Unterstützung der Herren in Anspruch zu nehmen, ins
Haus.
Das Stubenmädchen kam der Bonne zu Hülfe. Behutsam wurde die Ohnmächtige
niedergelegt, Fräulein Wagner knöpfte ihr den Schlafrock auf, um sie, wie
es der Arzt gewünscht hatte, zu entkleiden.
Lydia kam dabei zur Besinnung.
Ein kurzer Befehl ließ das Stubenmädchen zurücktreten, das Fräulein
aber wußte, um was es sich handelte. Gewissenhaft wie sie war, ließ sie
sich nicht abweisen und versuchte der Kranken das Kleid von den Schultern
zu ziehen.
Da nahm die verzweifelte Frau alle Kraft zusammen, mit beiden Händen
stieß sie das junge Mädchen, das sich über sie gebeugt hatte, vor die
Brust und sprang auf.
»Ich bin nicht Ihre Gefangene, rühren Sie mich nicht an, gegen Gewalt
wehre ich mich mit Gewalt.« Sie zitterte am ganzen Körper, ihre Zähne
schlugen wie im Fieberfrost zusammen, ihre Augen waren weit aufgerissen,
man sah das Weiße um die Pupille herum.
Das junge Mädchen war tödtlich erschrocken, sie glaubte einer
Wahnsinnigen gegenüberzustehen. Bleich und eingeschüchtert lehnte sie
sich an die Wand.
»Gehen Sie,« herrschte die Geheimräthin das Dienstmädchen an. »Rufen
Sie den Herrn,« rief das Fräulein ihr nach.
Einen Augenblick schien es, als wollte sich die Kranke in wildem Zorn
auf das Fräulein losstürzen, aber es war nur eine rasche Bewegung.
Geräuschlos bog sie sich an der Bonne vorbei, erreichte die Thür und
stürzte in ein anderes Zimmer, das sie sofort hinter sich abschloß.
Das Dienstmädchen hatte inzwischen dem Hausherrn gemeldet, wie weit seine
Frau sich gegen Fräulein Wagner vergessen hatte. Professor Schrödter
rieth nun selbst keine Gewalt anzuwenden, sondern das im Hause versteckte
Morphium ohne Wissen der Erregten später zu suchen.
Der Professor gab der treuen, zuverlässigen Bonne noch einige
Verhaltungsmaßregeln, ehe er ging. Bremer war wie gebrochen über das
Unglück, das über ihn hereinbrach.
Den Morphinismus hielt er für ein Laster, und einem Laster zu fröhnen war
in seinen Augen eine Schande für sein Haus und für seinen Namen. Dazu
kam das heimliche Einverständniß seiner Frau mit Turnau. Vom sittlichen
Standpunkte aus sah er darin einen Makel, den auch der Tod des Schuldigen
von seiner Ehre nicht zu tilgen vermochte. Wie Lydia als Weib zu Turnau
gestanden hatte, wußte er nicht, er glaubte darin den Versicherungen
des Professors nicht ganz. So krank, so todtkrank wie Schrödter ihn
schilderte, war Turnau nach Bremer's Ansicht niemals gewesen.
Es war doch nicht anzunehmen, daß dieser junge Mann eine Dame in seiner
Wohnung empfing, nur um ihr selbstlos und in allen Ehren ein Mittel in die
Hand zu geben, von dem sie abhing mit Leib und Seele.
Diese Frage marterte den ruhigen, klaren, selbstbewußten Mann furchtbar.
Er beschloß, unter allen Umständen ruhig und eingehend mit seiner Frau zu
sprechen. Er wollte die Wahrheit wissen um jeden Preis; wie er sich nachher
mit den Thatsachen abfinden würde, war ihm jetzt noch nicht klar.
Vorläufig mußte er warten, bis der wilde, leidenschaftliche Sturm der
Verzweiflung vorbei war.
Er suchte seine Frau nicht auf, Fräulein Wagner hielt ihr auch die Kinder
fern. Gegen Abend machte Professor Schrödter eine kurze, ärztliche Visite
bei der Geheimräthin; er gab ihr für die Nacht so viel Morphium, wie sie
gewohnt zu sein angab. Von den versteckten Vorräthen sprach er kein Wort.
Lydia hatte die Empfindung, daß sie in ihrem eigenen Hause von Spionen
umgeben sei, sie warf einen wahrhaft leidenschaftlichen Haß deswegen
auf Fräulein Wagner. Aber sie hatte doch einen Trost, Turnaus Gläser
gehörten jetzt ihr, wenn sie auch jetzt noch nicht wagen konnte, deren
Inhalt zu prüfen und kennen zu lernen.
Trotz der furchtbaren Erregungen, die ihr der Tag gebracht hatte, schlief
sie in der Nacht wie todt und machte am Morgen sorgfältigere Toilette als
an dem Unglückstage vorher.
Sie war fast ruhig, als ihr Schrödter seinen Besuch machte, und versprach
sogar, sich einigen seiner Anordnungen fügen zu wollen.
Gegen Mittag hielt es der Geheimrath für möglich, sich mit seiner Frau
auszusprechen. Er konnte es nicht länger aushalten.
Tiefernst, fast finster stand er vor ihr und forderte Rechenschaft über
die Ehre seines Hauses, die er in ihre Hände gelegt hatte, als er ihr
seinen Namen gab.
Die sonst wenig erregbare, oberflächlich heitere Frau befand sich in
einer krankhaft gesteigerten Reizbarkeit. Bremer aber besaß zu wenig
Verständniß für Krankheit und krankhafte psychologische Vorgänge, um
damit zu rechnen.
»Es ist nichts vorgefallen, was gestern und vorgestern, vor Wochen und vor
Jahren nicht auch schon gewesen wäre,« beharrte sie. »Turnau war selbst
Morphinist, er verstand meinen Kummer über die Unmöglichkeit, mir das zu
verschaffen, was ich brauchte, um froh und um glücklich zu sein. Hättest
Du mir nicht diesen ordinären Professor Schrödter, den ich verabscheue
und von dem ich mich niemals behandeln lassen werde, aufgedrängt, so wäre
heute noch Alles wie es war. Ich wäre ruhig und glücklich, und Dir wäre
Aufregung und Aerger erspart geblieben.«
»Du hättest weiter gesündigt und Dich durch ein Laster erniedrigt,
daß Dich in der Achtung Deines Mannes, Deiner Aerzte und sogar Deiner
Dienstboten tief herabsetzt.«
»Wenn Du mit den Dienstboten vielleicht Fräulein Wagner meinst, so
will ich Dir doch nebenbei bemerken, daß ich diese arrogante Person zu
entlassen gedenke.«
»Die pflichttreue Pflegerin ist meinen Kindern unentbehrlich, so lange
diese keine Mutter haben.«
»Du stellst diese Person über Deine Frau!«
Ihre Augen flackerten, ihre Wangen brannten, er sah es, aber er begriff
nicht, daß diese Anzeichen Schonung und Ruhe für ihre kranken Nerven
forderten; er sah nur ihre Leidenschaft, ihren ungerechtfertigten Zorn
gegen ein unschuldiges, reines Wesen, das in seinem Hause unter seinem
Schutze stand.
»Ja,« sagte er ruhig, »ein unbescholtenes jungfräuliches Mädchen steht
sittlich viel höher, als eine pflichtvergessene Mutter, die sich ihren
Kindern entzieht, um mit sinnlicher Gier in verbotenen Genüssen zu
schwelgen. Seit Du morphiumsüchtig bist, habe ich kein Weib mehr, meine
Kinder haben keine Mutter, und die Ehre meines Namens lag bis heute in den
Händen eines charakterlosen Schwächlings, der in seiner Erbärmlichkeit
nicht anders enden konnte, wie er geendet hat, als Selbstmörder.«
Lydia sah ihn starr an. Es lag etwas Unheimliches in ihren Augen, etwas wie
verborgener Wahnsinn. »Deine Ehre in Turnaus Händen?« sie lachte.
»Von seinem Mitleid habe ich gelebt, von dem Almosen, das er mir hinwarf.
Ein willkürliches Gesetz gab ihm in die Hände, was Anderen unerreichbar
ist. Großmüthig gab er mir von seinem Reichthum, weiter nichts. O Gott,
Arnold -- muß ich Dir denn schwören, daß Deine Ehre rein geblieben ist,
daß mich Turnau körperlich niemals berührt hat?«
»Wenn das der Fall ist, so lag es wohl nicht an dir; du hättest dich
vor die Hunde geworfen, um deiner Leidenschaft fröhnen zu können. Es ist
nicht das Verdienst einer Dirne, wenn ihre Reize keinen Käufer finden.«
Er erschrak selbst, als er die furchtbare Beleidigung ausgesprochen hatte.
Die Verachtung hatte ihn überwältigt, maßlos wie seine Verzweiflung war
der Vorwurf, den er erhob.
»Du begreifst, daß diese Aeußerung unsere Ehe nun auch äußerlich
scheidet. Innerlich getrennt sind wir, seit Du heute früh Deine
»Dienstboten« aufgehetzt hast, mir den einzigen Genuß zu stehlen, den
das Leben an Deiner Seite für mich überhaupt hat.«
Sie wunderte sich selbst, daß sie so ruhig sprechen konnte. Wie aus weiter
Ferne hörte sie ihre eigene Stimme. Es war in ihr wie ein Morphiumrausch
ohne Morphium. Leise griff die Krankheit des Körpers vom Nervensystem
aus hinüber nach der Seele. Die Grenze, die das körperliche und das
Gemüthsleiden trennt, verschob sich unmerklich, die Leidenschaft, der Zorn
und die Qual der Verzweiflung wurden zur Krankheit. Sie konnte nicht mehr
kämpfen, nur noch leiden, nur noch dulden, nur noch schwach und vergehend
sich wehren, wenn man ihr allzu wehe that.
»Ehescheidung?« Er fuhr in furchtbarer Heftigkeit auf. »Glaubst Du, daß
ich an meinen Kindern das Verbrechen begehen werde, meine Ehe scheiden zu
lassen? Der Schwur, den ich am Altar geleistet habe, ist mir heilig. Ich
bin und ich bleibe Dein Gatte, nur der Tod kann uns scheiden.«
»Wenn das Deine Ansicht ist, so giebt es allerdings für uns Beide
nur einen Ausweg -- tödte mich -- es wird mit meinem Einverständniß
geschehen.«
»Nein, ich will kein Verbrechen begehen, wie Du. Dank dem krankhaften
Zustande Turnaus bist Du äußerlich wenigstens nicht entehrt, wenn Du es
auch innerlich bist durch den Willen zur Sünde. Kehre um, bereue, bessere
Dich und beginne ein neues Leben.«
»Was giebt Dir das Recht, eine solche beleidigende Forderung an mich zu
stellen? Ich war nicht Turnaus Geliebte, ich war nur Morphinistin, das ist
eine Krankheit, eine Schuld ist es nicht.«
»Als eine Krankheit fasse ich es auf und wie ein Unglück, wie eine
Krankheit will ich es bekämpfen.«
»Glaubst Du, daß Zwang und Gewalt, die mich zur Verzweiflung treiben, die
mich sogar zur körperlichen Gegenwehr zwingen, der richtige Weg sind, um
eine Krankheit zu heilen?«
»Bedenke mein Entsetzen, Lydia, meine schmerzliche Ueberraschung. Deine
Tugend, Deine Vornehmheit, Deine frauenhafte Lieblichkeit waren mein
Heiligthum und mein Glück. Mir ist, als ob sich ein Abgrund aufgethan
hätte, der das Alles in seine Tiefe gerissen hat; mir ist, als ob ich
selbst vor einem Verhängniß stände, das mich zu Grunde richten muß.«
»Dein ganzer Kummer ist nichts als Einbildung,« rief sie außer sich.
»Laß morgen durch die Gnade der Heiligen eine Erleuchtung in die Welt
kommen, die einen entsetzlichen Zwang aufhebt, laß den Morphiumverkauf
frei werden, und ich stehe gerechtfertigt, ehrenhaft, glücklich und frei
da, wie zuvor. Nur der Zwang, ein Gesetz umgehen zu müssen, hat mich
unglücklich gemacht. Mit dem Fall dieses Gesetzes würde ich und Tausende
mit mir wieder ehrlich und froh sein.«
Arnold Bremer stampfte mit dem Fuße auf und griff in maßloser Wuth
mit beiden Händen in sein graues Haar. Seine Stimme klang beinah wie
Schluchzen.
»Lydia -- wenn morgen die Strafe für Mörder aufgehoben würde, würde
dann der Mörder aufhören ein Verbrecher zu sein?«
Sie zuckte die Achseln. »Der Mörder schadet Anderen an Leib und Leben;
der Morphinist schadet niemand, er genießt nur ein süßes Behagen, das
ein neidischer Zwang ihm verwehrt.«
»Und schadet niemand?«
»Nein.« Sie sah ihn fragend an.
Er lachte höhnisch außer sich auf. »Also Du glaubst, daß es nichts
schadet, wenn ein Mensch plötzlich aufhört, diejenigen Pflichten zu
erfüllen, die ihm Gott für sein Leben zugetheilt hat? Es schadet wohl
nichts, wenn eine Frau, anstatt ihren Mann glücklich zu machen und
ihre Kinder zu pflegen, in zwecklosem Genießen nur noch körperlich
fortvegetirt, ohne geistig auf ihrem Posten zu stehen? Steht nicht
geschrieben: Wer nicht arbeitet, der soll auch nicht essen?«
»Nicht essen? -- Lieber Arnold, muß ich Dich daran erinnern, daß ich
kein armes Mädchen war, das geheirathet hat, um versorgt zu sein?
Unsere Renten sind ungefähr gleich. Was giebt Dir denn das Recht, mir
vorzuhalten, daß ich ohne Gegenleistung dafür mir erlaube -- -- zu
essen?«
»Nimm das nicht buchstäblich, spiele nicht mit Worten,« rief er
außer sich, »es ist ein frivoles Spiel. Jeder Mensch hat sein Leben zu
durchkämpfen, wenn es sein muß, zu durchleiden, um einen gewissen Kreis
von Pflichten zu erfüllen, die ihm zugefallen sind. Nicht Jeder braucht
um das tägliche Brod zu arbeiten, Mancher ist zu mehr, zu Besserem, zu
Höherem berufen. Jedes Weib ist dem Himmel verantwortlich für die Seelen
ihrer Kinder, die sie dem ewigen Heil zuführen muß. Man muß einen
Lebenszweck haben, begreifst Du das nicht?«
Einen Lebenszweck -- -- wie eine Vision stand der Kirchhof vor ihrem
inneren Auge; sie saß am Grabe ihrer Eltern, die rothen Sonnenstrahlen
schimmerten auf dem schwarzen Marmor des Grabsteins. Neben ihr saß ein
Mann, ein Freund, er verstand sie, und sie -- sie liebte ihn. Er war jetzt
hinübergegangen zu den Todten, und von ferne, aus einer anderen Welt,
jenseits des Grabes, aus der Welt der Erinnerung drangen Worte an ihr
inneres Ohr -- Worte, die er einstmals gesprochen, »der Genuß ist auch
ein Lebenszweck, so gut wie die Arbeit; es kommt nur darauf an, daß man
seine moralischen Begriffe damit in Einklang zu bringen versteht -- -- --
-- -- -- -- -- --«
Mechanisch, halblaut, wie man nachspricht, was jemand vorsagt, sprach sie
sie aus, diese Worte des Freundes.
Der erzürnte Mann vor ihr hatte diese Antwort doch nicht erwartet. Wie ein
Schleier sank es ihm plötzlich von den Augen. Diese Frau mit dem irren,
abwesenden, in's Leere starrenden Blick konnte er nicht für die Worte
verantwortlich machen, die so abgerissen und ausdruckslos von den bleichen,
zuckenden Lippen fielen. Sie war krank, unzurechnungsfähig. -- Mit
furchtbarer Ahnung durchblitzte sein Hirn der Gedanke, sie könne
wahnsinnig geworden sein durch die Verzweiflung, in die sein
rücksichtsloses Vorgehen sie gestürzt hatte.
»Du mußt in eine Anstalt, nachher wird Alles besser werden,« und wie sie
zusammenzuckte, fügte er noch mitleidig und traurig hinzu: »ich will Dich
nicht quälen.«
Dann ging er hinaus. Wenn er gewünscht und gehofft hatte, seine Frau zu
erschüttern, zu rühren und der Bereuenden vielleicht dann verzeihen zu
können, so sah er sich bitter enttäuscht.
Er hatte nichts erreicht, höchstens den Riß, den nach seiner Ansicht
ihre Morphiumsucht in die Ehe gebracht hatte, unheilbar gemacht und endlos
vergrößert. Seinem Auge bot sich kein Ausweg. Er wollte und mußte sie
in eine Heilanstalt bringen, aber selbst wenn sie dort körperlich geheilt
werden sollte, konnte er nicht hoffen, daß ihre Seele wieder gesund werden
würde.
Er hatte sie geliebt, jetzt hatte er ihre Liebe verloren. Mit heißem
Schmerze fühlte er, daß seine Liebe zu der Kranken, Unglücklichen
unerschütterlich treu in seinem Herzen fortleben würde, so lange er
lebte. Vielleicht konnte diese Liebe noch wachsen und zunehmen, wenn sie
jemals sich hülflos und verzweifelt an ihn anklammern würde, aber er
fühlte, daß sie das, was ihm und auch ihr früher selbstverständlich
erschienen wäre, nicht thun würde -- nie wieder. -- Es stand etwas
zwischen ihnen, was er nicht aus dem Wege zu räumen vermochte, weil
es überwältigend und unfaßbar war, eine Leidenschaft -- --
»Morphium«. --
Er dachte auch einen Augenblick an den blutigen Schatten des todten
Freundes. Nein, der stand nicht zwischen ihm und ihr, den hätte die Liebe
des Mannes überwinden können; aber gegen den Dämon konnte er nicht
kämpfen, der ihre Seele gefesselt hatte. Mit einem schweren Seufzer blieb
er vor der Thür ihres Zimmers stehen. Dann ging er mit festen Schritten
hinüber in's Kinderzimmer. Nacheinander hob er beide Kinder zu sich empor,
drückte sie fest an die Brust und küßte sie innig.
»Meine Frau ist schwer krank, Fräulein, die armen Kinder werden manches
entbehren müssen,« sagte er ernst.
»Was ich thun kann, um den Kindern die Mutter, so lange es nöthig sein
wird, zu ersetzen, soll geschehen,« antwortete Hedwig Wagner einfach und
schlicht.
In ihren grauen Augen standen Thränen, treu und freimüthig legte sie
ihr Versprechen ab. Der Geheimrath gab ihr die Hand. Dann verließ er
die Kinder; es war ihm, als hätte er sie in die Obhut eines Schutzengels
gegeben.
Um so schnell wie möglich die Unterbringung seiner kranken Frau in einer
geeigneten Anstalt zu veranlassen, begab er sich gleich darauf zu Professor
Schrödter.
Lydia war, nachdem ihr Mann sie verlassen hatte, träumend und regungslos
stehen geblieben. Ein weißes, langes Kleid floß weich herab an ihrer
schlanken Gestalt, der schöngeformte, hochfrisirte Kopf sah reizend und
jugendlich aus, aber die Augen waren glanzlos, die vorher brennenden Wangen
waren fahl geworden, und die Hände hingen schlaff und müde herab.
Sie fühlte, daß Alles zu Ende war zwischen ihrem Manne und ihr. Sie
hatte, seit sie Morphinistin war, nicht darüber nachgedacht, ob sie ihn
noch liebe oder nicht. Still und unmerklich war die Liebe eingeschlafen in
ihrem Herzen. Ein zartes verständnißvolles Benehmen des Mannes hätte
sie vielleicht leise und sanft wieder erwecken können wie ein Sonnenstrahl
eine Blüthe, die ein Nachtfrost geschlossen hat, aber seine brutale Moral,
sein schroffer correcter Ehrbegriff hatte die zarte, sterbende Blüthe
zertreten.
Sie hatte aufgehört, ihn zu lieben und konnte ihn auch nicht wieder
lieben, nie, im Leben nicht wieder.
In erbittertem Kampfe stand er ihr gegenüber. Verachtung hatte er ihr
entgegengeschleudert. Um ihr Laster auszurotten, wollte er sie in eine
Heilanstalt bringen. Gegen sie, das zarte kranke Weib, rief er den rohen
rücksichtslosen Arzt zu Hülfe, den sie verabscheute.
Es ist so leicht, einen wehrlosen, kranken Menschen zu peinigen und zu
verfolgen. Darin liegt aber eine Gemeinheit, eine moralische Roheit, die
doch wohl eben so verächtlich ist, wie die Pflichtvergessenheit
einer Kranken. Lydia wußte, was das Wort in sich schließt »eine
Entziehungscur.« Professor Schrödter garantirte zwar für seine
»Entziehungscuren ohne Qualen«, aber nur ein Morphiumkranker kann
ermessen, wie groß die Lüge ist, die in dieser Vorspiegelung liegt.
Ein Opfer dieser Qualen aber sollte sie nun sein, um nach dem Willen ihres
Mannes ihren Pflichten zurückgegeben zu werden.
Sie dachte an Turnau. Nicht mehr mit Liebe, sondern mit Neid gedachte sie
des glücklichen Todten. Er hatte den Genuß, den das Morphium gewährt,
auskosten dürfen bis zum Ende, ihr dagegen riß man den goldenen Kelch von
den Lippen, jetzt wo sie noch durstig war -- durstiger als je.
Ihre Seele lechzte nach Betäubung, um die Schmach zu vergessen, die ihr
angethan worden war. Von ihrer Krankheit, von ihrer Verirrung sprach ihr
Mann; die Aerzte, die Welt würde davon sprechen; Nachsicht und Mitleid
würde man ihr zu Theil werden lassen -- und Achtung, äußere Achtung
vielleicht auch wieder, ja -- das -- --
Der Todte aber hatte sie besser gekannt, als alle lebenden Menschen. Er
allein wußte, daß sie eine Schuldige -- eine Ehrlose war.
»Der Tod ist der Sünde Sold«, das war das letzte Wort, was er ihr zurief
von seiner blutigen Bahre. In frivolem Spotte hatte er gespielt mit dem
Gedanken an ewige Dinge, und als dann der Tod kam, klammerte er, der
Freigeist, sich an die Verheißung des Christenthums von der Gnade Gottes
und dem ewigen Leben in Christus.
O, wie sie sich schämte; in der Tiefe ihrer Seele verging sie in Scham und
in Reue. »Der Tod ist der Sünde Sold.« Es war ihr plötzlich wie eine
Offenbarung. Auf seinen Grabstein sollte man den Spruch setzen. Aber der
Spruch war für sie. Wenn Menschen schweigen, so reden die Steine. Zu
ihr, nur zu ihr sollte er sprechen, dieser Stein; nur für sie galt die
furchtbare Mahnung: »Der Tod ist der Sünde Sold.«
Mit einem wilden Schrei griff sie nach ihren hämmernden Schläfen. Dann
stürzte sie vorwärts und riß die Schnur von ihrem Halse, an der sie den
Schlüssel verbarg zu ihren »Schätzen.«
Sie kniete nieder an dem Schränkchen und schloß es mit zitternden Händen
auf. Da standen sie alle, alle die kleinen Gläser, die sie bei dem Todten
gefunden, es fehlte nicht eins.
Das erste beste ergriff sie und setzte es an die Lippen. Sie fühlte
ein scharfes Brennen, aber sie wollte es überwinden, das Gläschen leer
trinken.
Da ging hinter ihr eine Thür auf. Hedwig Wagner trat ein, nahm ihr mit
ruhiger Bestimmtheit das Gläschen vom Munde und verschloß den Schrank.
»Das geht nicht, gnädige Frau. Der Professor wird Ihnen so viel Morphium
zutheilen, wie Sie bedürfen, um nicht zu leiden,« sagte das Mädchen.
Lydia antwortete keine Silbe. Scheu und traurig begegnete ihr Blick dem der
Bonne. Dann verließ sie das Zimmer. Sie stieg die Treppe hinauf, mit einer
Hand hielt sie ihr Kleid, die andere lag an der Stirn. »Die Steine reden,
die Steine rufen.« -- Leise und stockend sagte sie das vor sich hin,
wieder, immer wieder.
Sie ging die ganze Treppe hinauf, schritt über den Boden, noch eine kleine
Treppe höher und stieg endlich durch eine Klappe auf das platte Dach des
hohen Hauses. Ein niedriges Geländer umgab die Plattform.
Lydia beugte sich darüber hinweg und starrte hinab auf das Steinpflaster
des Hofes vor den Stallungen und Remisen.
Die Steine da unten schimmerten grau zu ihr empor. Ein röthlicher
Sonnenstrahl glitt drüber hin.
Der Tod ist der Sünde Sold; -- »die Steine reden, die Steine rufen.« Sie
sah sich scheu um. Nein, es war ihr niemand gefolgt, sie war allein,
frei, vielleicht zum letzten Male frei, ehe sie die Gefangenschaft des
Irrenhauses umgab.
Wie wonnig ist doch die Freiheit, das edelste Menschenrecht -- -- -- Sie
hatte die Freiheit benutzt.
Ein Schrei, ein Fall -- die Steine der Tiefe nahmen sie auf.
[Illustration: Decoration]
Nach dem Tode.
[Illustration: Decoration]
[Illustration]
In der großen Universitätsklinik traten die Nachtwachen an. Auf jeder
Station wachte eine Schwester, und an einzelnen Betten, wo es besonders
verordnet war, sollten Hülfswärterinnen wachen. Vorläufig waren die zu
diesem Dienste bestimmten Schwestern im Operationssaale versammelt; sie
präparirten die nöthigen Medicamente, die Eisbeutel, die Getränke, die
Compressen, kurz alles das, was in der Nacht möglicherweise gebraucht
werden konnte.
Die Wärterinnen hielten sich, so lange bis ihnen eine genaue Angabe ihrer
Arbeit zu Theil wurde, auf dem breiten Corridor auf und klatschten.
Das Elend einzelner Kranken, ihre Lebensverhältnisse, sowie die
persönlichen Angelegenheiten der Aerzte und Schwestern bildeten
den Gesprächsstoff. Die schauerlichen Einzelheiten der schwersten
Unglücksfälle wurden mit wonnevollem Eifer besprochen, und hatte eine von
diesen Mädchen und Frauen ein entsetzliches Menschenschicksal in kurzen
Worten, und von den Ausrufen der Anderen oft unterbrochen, geschildert, so
war auch gleich eine Andere da, die aus ihrer Spitalerfahrung etwas noch
Trostloseres, noch Krasseres zu berichten wußte.
Trotz des tieftraurigen Gegenstandes, der bei der Unterhaltung
vorherrschte, klang doch zuweilen ein unterdrücktes Kichern, ja sogar
lautes Lachen aus diesem Kreise.
Die Oberschwester hatte den jüngeren Pflegerinnen die nöthigsten
Anweisungen für die Nacht ertheilt und durchschritt nun den Corridor, um
ihr Zimmer aufzusuchen. Die Wärterinnen, obgleich sie »weltlich« waren,
drückten sich schweigend und zum Theil verlegen an die Wände, um in
tiefster Ehrfurcht die würdige Dame an sich vorbeigehen zu lassen.
In keinem von Männern versehenen Dienst- oder Verwaltungszweige herrscht
eine so unbedingte Unterordnung unter die Person des Vorgesetzten, wie in
dem weiblichen Staatshaushalte eines kirchlichen Jungfrauenordens.
Das ganze weibliche Personal der Klinik unterwarf sich bedingungslos den
Befehlen und Anordnungen der Schwester Domina, die als Leiterin der Anstalt
hier voll und ganz die Würde der »Frau Mutter« vertrat.
Die Schwestern verließen das Operationszimmer, in welchem sie die
Anordnungen ihrer Oberin empfangen hatten und traten auf den Corridor
hinaus, um sich nach den Wärterinnen umzusehen, die ihnen für die
schwersten Arbeitsleistungen der Nacht zur Hilfe zugetheilt waren.
Schwester Coelestina von der sechsten Männerstation erhielt allein drei
Gehilfinnen für ihren Saal, Schwester Theophila ging mit zwei bewährten
Hilfskräften nach der Diphteritis-Abtheilung der Kinderstation. Fast
jede Schwester entfernte sich in Begleitung einer Wärterin, nur Schwester
Clarissa schlug allein den Weg nach der dritten Frauenstation ein. Die
Schwester Domina war der Ansicht, daß auf dem dritten Frauensaale momentan
kein so schwerer Fall vorliege, daß die Stationsschwester nicht allein
damit fertig werden sollte.
Lautlos, fast wie schwebend bewegte sich die dunkle, schlanke Gestalt der
jungen Nonne durch die langen, schwach beleuchteten Gänge des großen
Krankenhauses.
Im Hörsaale brannte das Gaslicht noch mit voller Flamme. Das war eine
Nachlässigkeit des Heilgehülfen, dem die Reinigung und Ordnung dieses
Raumes oblag. Schwester Clarissa verzichtete darauf, den Mann zur
Erfüllung seiner Pflicht herbeizurufen, sie stieg auf einen Stuhl und
erhob die Arme, um das Licht herunterzuschrauben. Wie ein dunkler Schatten
breitete sich bei dieser Bewegung der Nonnenschleier aus, der ihren
Oberkörper verhüllte; das Licht fiel ihr grell in das Gesicht, das sonst
durch den Rand der Haube im Schatten gehalten wurde; unwillkürlich legte
sie die Hand über die müden, vom Nachtwachen mit tiefen Ringen umgebenen
Augen und blickte zur Seite.
Da stand das Gerippe, an dem die jungen Anatomen die ersten allgemeinen
Studien über den Knochenbau des menschlichen Körpers zu machen pflegten.
Schwester Clarissa war unzählige Male gleichgültig an dieser Erscheinung
vorübergegangen, aber jetzt, in der Stille der Nacht schrak sie zusammen,
als sie den grau-weißen Schädel so unmittelbar vor sich sah.
Sie schraubte die Gasflamme nieder, faßte mit beiden Händen das Kreuz,
das an ihrer Gebetschnur hing und trat leise dem Gerippe gegenüber.
»O Du unergründlicher Gott, wo mag die Seele sein, die in diesem Körper
gewohnt hat, ist sie bei Dir? Was aber mag dieser Mensch verbrochen haben,
daß seine Gebeine nicht ruhen dürfen, wie die Gebeine Anderer? Ich --
eine arme demüthige Magd des Herren -- werde in wenigen Jahrzehnten auch
nur noch ein Häuflein Gebeine sein,« betete sie, »o Du heilige Mutter,
gieb meinem Leibe Ruhe und meiner Seele Erlösung. Wir sind von Erde
genommen, und wir werden wieder zum Staube -- wir -- wir -- aber dieser
nicht. Seine Knochen sind präparirt, daß sie nicht zerfallen; sie sind
mit Draht aneinander befestigt, und statt der heiligen Ruhe des Friedhofes
umgiebt sie das lärmende Treiben der academischen Jugend, die in diesem
Saale ein und aus geht. Was hat er verbrochen, welches ist die Schuld, die
sich so straft, daß der Leib keine Ruhe findet, nachdem das müde Haupt
dahingesunken ist auf das Kissen des Sterbebettes?«
Das schöne zarte Gesicht der jungen Schwester nahm einen tief wehmüthigen
Ausdruck an. Sie wendete sich ab von dem Gerippe und nahm vom Katheder eine
runde flache Glasschale herab.
In der Schale lag ein vom Haupte abgelöstes menschliches Antlitz, ohne
Unterkiefer. Die Frau war an einem Krebsleiden gestorben, das sich vom
Nasenbein nach der Stirnhöhle ausgedehnt hatte. Aus diesem Grunde hatte
einer der Professoren das Gesicht von der Leiche genommen, um an diesem
Präparate die Krankheit zu demonstriren.
Rücksichtslos hatte das Secirmesser von den Mundwinkeln aus die
Wangen durchschnitten und das Fleisch lag nun da, bläulich grau und
eingeschrumpft. Die Augenhöhlen waren tief eingesunken und zeigten eine
dunklere Farbe. Schwester Clarissa hatte die Todte, die vor einem halben
Jahre gestorben war, gepflegt. Es war eine schöne, sanfte junge Mutter
gewesen. Sie hatte gräßlich gelitten, der Gedanke an ihre Kinder, die
mit dem Keime des Krebsleidens geboren und nach ihrer Ansicht demselben
traurigen Schicksale wie ihre Mutter verfallen waren, hatte ihr das Sterben
erschwert. Die junge Nonne hatte die Protestantin veranlaßt, das Abendmahl
zu nehmen und hatte ihr dann die Augen zugedrückt. Diese Augen, die sie
hier in der Hand hielt, in Alkohol und Aether präparirt.
Die Schwester glaubte an die Auferstehung des Fleisches. Das war ihr
gelehrt unter denjenigen Dogmen der Kirche, an die zu glauben ein
Erforderniß zur Seeligkeit ist.
Sie betrachtete sich als eine Braut des Herren und in den Kranken, die sie
pflegte, erbarmte sie sich des irdischen Leibes dessen, auf den ihre Seele
harrte. Mit demüthiger Arbeit und gläubigem Beten wartete sie auf
die Stunde, in der der himmlische Bräutigam sie rufen würde zum
Hochzeitsfeste. Durch Tod, Grab und Auferstehung hindurch hoffte
sie einzugehen zur ewigen Herrlichkeit. Das heilige Feuer eines
leidenschaftlichen Glaubens erfüllte die Seele dieses stillen, der Welt
abgewandten Mädchens.
Jeder Buchstabe der kirchlichen Lehre war für sie eine Säule, an der man
nicht rütteln durfte, ohne den ganzen Tempel zu gefährden, den sie dem
Herrn in ihrem Herzen erbaut hatte. Die Auferstehung des Fleisches -- ein
Satz des Glaubensartikels selbst -- aber war einer der Grundpfeiler, auf
dem die Lehren, denen sie anhing, beruhten. Wie war dieser Lehrsatz aber
zu vereinen mit diesem künstlichen Erhalten menschlicher Reste, das sie
täglich und stündlich vor Augen hatte?
Sie erinnerte sich genau, daß ein junger Arzt damals mit einem
Photographen nach der Anatomie gegangen war, um den Kopf der Todten,
nachdem das Gesicht bis auf Unterkiefer und Zunge abgenommen war, zu
photographiren. Die Theile, an denen die Krankheit ihr Zerstörungswerk
vollbracht hatte, waren in der Photographie roth bezeichnet und das
entsetzliche Bild war im Hörsaale den Studenten erklärt worden.
In grübelnden Gedanken verließ die Schwester das Auditorium und begab
sich nach ihrer Station, um die Wache anzutreten.
Zu beiden Seiten des Saales lagen im Halbdunkel die Reihen der Betten. Die
harten schmalen Lagerstätten waren weiß gedeckt. Weiß und sauber war
die Kleidung der Kranken. Zwischen je zwei Betten war ein genügend großer
Zwischenraum, um mehreren Personen freie Bewegung zu gestatten.
Da war kein weiches Kissen, in das die Köpfe der Schlafenden hätten
einsinken können; keine Federdecke verwischte die Linien der ruhenden
Körper, die sich hoch und meistens in unschönen Linien von den Matratzen
abhoben, auf denen sie nur durch eine leichte wollene Decke verhüllt
waren. Übrigens war das kein Nachtheil, denn es war warm im Saale; aber
manche Kranke stöhnte doch und konnte keinen Schlaf finden auf diesen
hygienisch correcten jedoch ungewohnt steifen Kissen.
Zwanzig Frauen und Mädchen befanden sich in dem Saale, darunter war indeß
keine Schwerkranke. Die Oberschwester hatte gesagt, daß auf keinen Fall im
Laufe der Nacht ein Todesfall zu erwarten sei.
Das Isolirzimmer der Station war leer.
Tröstend trat die bleiche Nonne an die verschiedenen Betten. Sie legte
hier das Polster zurecht, strich dort die Tücher glatt, legte Eisbeutel
auf die Stirn der Fiebernden und hielt das Trinkglas an heiße, durstige
Lippen.
Im Allgemeinen hatte sie keine schweren Hilfsleistungen zu thun und
ihre Vorgesetzte hatte Recht, wenn sie meinte, daß eine Wärterin hier
überflüssig sei. Die Dienste der Wärterinnen mußten aus der Hauskasse
besonders bezahlt werden.
Gegen zehn Uhr war es ziemlich still im Saale. Schwester Clarissa kniete
vor dem Muttergottesbilde mit der kleinen Lampe in der Ecke und betete
ihre vorgeschriebene Zahl ab. Die Kranken waren ruhig, zum größten Theil
schliefen sie.
Plötzlich war es der wachehabenden Nonne, als höre sie das Glockensignal
des Portiers. Sollte irgendwo ein Mensch verunglückt sein und wurde in der
Nacht in die Klinik geschafft? Schwester Clarissa hatte das oft erlebt,
sie vermuthete es auch jetzt, aber sie verließ ihren Saal nicht, um
nachzusehen.
»Was nicht zu Euch kommt, kümmert Euch nicht.«
Dieser Grundsatz, der allerdings der weiblichen Neugierde schnurstracks
entgegenläuft, wird den Novizen tausend und aber tausendmal eingeprägt.
Bei Schwester Clarissa war er in Fleisch und Blut übergegangen, sie blieb
ruhig bei ihrer Andachtsübung, trotzdem sie deutlich hörte, daß Schritte
und Männerstimmen auf den Gängen der Station hörbar wurden. Dazwischen
klang zuweilen ein einzelner, schriller, wie thierischer Laut.
Einige Kranke richteten sich auf. »Bleiben Sie ruhig liegen, es wird
ein Kranker gebracht, unser Saal ist voll, wir werden auf keinen Fall
gestört,« -- so redete sie auf ihre Schutzbefohlenen ein.
Einige ängstigten sich bei den wilden unarticulirten Tönen, Andere
wollten aus Neugierde aufstehen, aber sanft und bestimmt brachte die
Schwester Alle zur Ruhe und hielt die Ordnung im Saale aufrecht.
Jetzt erschien ein Arzt in der Thür. »Schwester Clarissa, Sie bekommen
jemanden in Ihr Isolirzimmer, haben Sie keine Wärterin?« fragte er.
»Nein, Herr Doktor, hier ist nichts Besonderes zu thun,« antwortete sie
freundlich.
Einen Augenblick blieb die hohe, elegante Gestalt des jungen Arztes
zögernd in der Thür stehen. »Das ist sehr unangenehm,« sagte er, »ich
glaube, es ist kein anderes Isolirzimmer im Hause frei.«
»Auf den Frauenstationen nicht,« bemerkte ein Wärter, der sich neugierig
näherte.
»Nun, dann müssen Sie eben Rath schaffen, Schwester,« entschied der
Stationsarzt.
Er öffnete die Thür zum Isolirzimmer, und die Nonne eilte noch einmal in
den Saal zurück. Sie trat an das Bett einer gutmüthig aussehenden Frau in
mittleren Jahren, die Reconvalescentin war. »Wenn hier etwas nöthig
ist, so klingeln Sie bitte, Frau Schulz,« flüsterte sie, »ich habe hier
nebenan zu thun.«
Die Frau nickte verständnißvoll, und Schwester Clarissa huschte hinaus.
Als sie das kleine überaus einfache Zimmer neben dem großen Saale betrat,
sah sie dort eine Bahre stehen, auf der eine weibliche Gestalt in dunklen
Umrissen zu erkennen war. Die beiden Träger entfernten sich, und der
Schutzmann, der den Transport geleitet hatte, blieb allein mit dem Arzte,
dem Wärter und der Schwester zurück.
»Sie können mir also in keiner Weise Aufklärung darüber geben, wer die
Person ist?« fragte Dr. Schlüter den Beamten.
»Herr Doktor, ich habe sie in einer Scheune gefunden, ganz verkommen, ohne
Bewußtsein, ohne Nahrung, niemand war bei ihr. Von der Polizeiwache aus
hat man mich mit ihr hierher geschickt. Der Besitzer der Scheune wird ja
wohl irgend eine Auskunft geben können, es ist von der Polizei aus schon
nach ihm geschickt.«
»Wenn wir die Kranke aufnehmen sollen, muß ich doch wissen, wer für sie
bezahlt,« entgegnete der Arzt. »Alle Freistellen sind durch städtische
Arme besetzt und ohne meinen Chef zu fragen, darf ich niemanden aufnehmen,
dessen Papiere fehlen.«
»Schicken Sie nach dem Armenvorstand. Herr Doktor, die Polizei kann doch
keinen todtkranken Menschen auf der Straße verhungern lassen.«
Doktor Schlüter sah das ein. »Für diese Nacht will ich sie behalten,«
erklärte er zögernd, »das Weitere muß sich morgen früh finden.«
»Zu Befehlen, Herr Doktor,« antwortete der Schutzmann, machte kehrt
und verließ mit dröhnenden Schritten das stille Haus der Leiden und
Schmerzen.
Schwester Clarissa hatte wiederholt versucht, sich der leblosen Gestalt zu
nähern, aber ein fürchterlicher Geruch, wie von einer verwesenden Leiche
hatte sie stets wieder von der Bahre verscheucht. Trotzdem bewiesen
die entsetzlichen Töne, die zuweilen aus dem weit offenen Munde der
Bewußtlosen drangen, daß noch Leben in dieser schwarzen, formlosen Masse
war.
Mit einem Ausrufe des Ekels fuhr der Arzt zurück, als er sich
niederbeugte, um zu sehen, was für eine Verletzung oder Krankheit hier
eigentlich vorliege.
»Ich kann sie erst untersuchen, wenn sie gebadet ist,« sagte er. »Jahn,
Sie müssen der Schwester helfen. Hier kommt es nicht darauf an, ob ein
Mann oder eine Frau anfaßt; wenn Sie nicht fertig werden, holen Sie noch
einen Wärter.«
Ohne sich weiter zu wundern, hing sich der Wärter den Traggurt der Bahre
über die Schultern; Schwester Clarissa faßte am anderen Ende an, und der
Arzt folgte den Beiden nach der Badestube.
Während die Schwester die Wasserleitung aufdrehte, versuchte Jahn die
klebrigen Lumpen von dem menschlichen Körper zu entfernen, der da vor ihm
lag.
Bei der völligen Unbeweglichkeit der Glieder ergriff er eine Scheere und
schnitt das Zeug streifenweise vom Leibe der Bewußtlosen.
Die Nonne hatte inzwischen das Bad zurechtgemacht und wandte sich dem
Wärter zu, um ihm behülflich zu sein. Sie war seit zwei Jahren in der
Klinik und hatte schon manchen blutigen und manchen widerwärtigen Anblick
ertragen; aber als sie sich jetzt mit der Scheere in der Hand über den
stinkenden Körper dieses Weibes beugte, stieß sie einen leisen Schrei aus
und sank halb ohnmächtig auf einen Stuhl nieder.
Wie eine dunkle Flüssigkeit rieselte es aus den Kleidern heraus, an der
Bahre herab auf die Steine des Bodens. Aber nicht Blut und Schlamm, sondern
jaucheartiger Schmutz und Haufen von Ungeziefer bedeckten diese Gestalt und
diese Kleider. -- Doktor Schlüter erkannte, daß die Aufgabe dieses
Bades über weibliche Kräfte ging und rücksichtslos schellte er nach dem
Oberwärter der nächsten Männerstation. Als dieser erschien, zog er
sich selbst zurück, denn die Luft in dem kleinen, heißen Raume fing an
unerträglich zu werden.
Die beiden Männer rissen die Reste der Lumpen herunter, legten den kaum
noch erkennbaren Frauenkörper ins Wasser, bearbeiteten ihn mit Seife,
Karbol und Bürsten und die Schwester sammelte die schmutzigen Zeugstücke
in einen Sack, der später im Kesselhause verbrannt wurde. Dann reinigte
und desinfizirte sie den Raum, schnitt die Haare der Gebadeten dicht an der
Kopfhaut ab, und die beiden Wärter erneuerten mehrmals das Wasser in
der Badewanne, ehe sie die jetzt furchtbar schreiende und tobende Person
abrieben und auf der Bahre festbanden.
Der Oberwärter wendete sich mitleidig an die barmherzige Jungfrau: »Was,
fromme Schwester, das haben Sie sich nicht gedacht, als Sie ins Kloster
gingen, daß Ihnen mal so etwas -- solche -- erlauben Sie gütigst --
Schweinerei unter die Finger kommen würde?«
Schwester Clarissa neigte das Gesichtchen tief über die Bahre. »Je
schwerer die Arbeit ist, um so größer ist die Abtödtung des irdischen
Menschen und seiner sündigen natürlichen Empfindungen,« antwortete sie.
»In unserem Brevier steht: Du sollst wie eine Leiche werden.«
»Meine Tochter möchte auch ins Kloster, aber wenn sie nach einem solchen
Brevier dort leben müssen, dann werde ich mir doch erst noch einmal
überlegen, ob ich's erlaube,« brummte der Mann. Dann faßte er mit Jahn
die Bahre an, und der traurige Zug bewegte sich langsam zurück nach der
dritten Frauenstation.
Dr. Schlüter wurde nun wieder geholt und die beiden Wärter entfernten
sich, als sie sahen, daß die Unglückliche sich auf dem warmen, trockenen
Lager einigermaßen ruhig zu verhalten schien.
»Da scheint uns ja die Polizei ein nettes Subject hergeschickt zu haben,«
bemerkte er im Eintreten, »Sie haben mir wirklich leid gethan, Schwester
Clarissa.«
Die Kranke brüllte auf wie ein Thier.
»Um Gotteswillen,« rief der Arzt nervös, »die ganze Station kommt ja in
Aufruhr, machen Sie so schnell wie möglich eine Morphiumeinspritzung.«
Die Schwester holte das kleine Etui aus der Tasche, füllte die Spritze
an einem Wandschranke und kniete am Bette nieder, um an dem abgezehrten,
bräunlichen Körper eine geeignete Stelle zu suchen, wo sie den Stich
machen konnte.
Der junge Mann ließ dabei unwillkürlich sein Auge auf ihrem edlen,
durchgeistigten Antlitze ruhen.
Die Nonne war höchstens zwei oder dreiundzwanzig Jahr alt; seit zwei
Jahren war sie hier, ein Jahr war sie als Lehrschwester im Mutterhause
gewesen, und drei Jahre hatte sie, wie jede Andere, im Noviziate zubringen
müssen. Sie hatte also mit sechszehn oder siebenzehn Jahren schon die Welt
verlassen.
Dr. Schlüter hatte sehr freie religiöse Ansichten und glaubte eigentlich
auch nicht an vollkommene Frauentugend. Seit zwei Jahren aber sah er dieses
wunderschöne Mädchen in seinem frommen, aufopfernden Wirken, in seinem
stillen Entsagen.
Er war ein sehr hübscher Mann und in der Gesellschaft, sowie bei seinen
Patientinnen fand er zuweilen ein Entgegenkommen, das durchaus geeignet
war, seine wenig idealen Anschauungen von der Frauenwelt zu bestätigen.
Wie sonderbar war es doch, daß dieses junge Mädchen ihn noch nie anders
angesehen hatte, als mit dem ruhigen Blick einer Gehülfin, die genau
aufpaßte, wenn er sprach, um seine Anordnung gewissenhaft ausführen zu
können. Sollte es denn möglich sein, daß ein Weib wunschlos aufwuchs und
ohne Anfechtung durch's Leben gehen konnte, um wunschlos zu bleiben und wie
eine Heilige zu sterben?
Er verglich das süße, fromme Gesicht mit den verzerrten Zügen des
verkommenen Weibes, dem sie in liebevoller Selbstverleugnung diente. War
es möglich, daß diese beiden Frauen einer Welt, einer Kultur, einem
Vaterlande angehörten? Er sann und sann, er begriff den Abgrund, in den
das verlorene, sterbende Geschöpf versunken war; aber er begriff die Höhe
nicht, auf die der Engelsfittich des Glaubens das reine Mädchen gehoben
hatte, hoch, hoch empor über alle anderen Frauen, die er kannte und vor
denen sie doch bescheiden zurücktrat.
Er fuhr sich mit der Hand über die Stirn. »Das wäre doch der größte
Geniestreich meines Lebens, wenn ich mich in eine schöne Nonne verlieben
würde, wie der selige Luther,« sagte er zu sich selbst.
Das Morphium hatte inzwischen seine Wirkung gethan, und Schwester Clarissa
fragte, ob sie etwas zur Untersuchung holen solle.
»Nein, nein, ich danke, ich habe Alles bei mir,« sagte er hastig und
setzte sein Hörrohr auf die Brust der Kranken.
Die Untersuchung dauerte ziemlich lange, es herrschte Todtenstille in
dem kleinen Zimmer. Doctor Schlüter trat vom Bett zurück und sah sehr
nachdenklich und ernst aus.
»Schwester,« sagte er, »es wäre ja eine Schmach für die Armenpflege
und schließlich sogar für die Polizei, aber ich glaube, wir haben hier
den Hungertod vor uns.«
»Sie lebt ja noch, wenn es das ist, wird sie zu retten sein,« entgegnete
die Schwester sanft.
»Kaum,« antwortete er. »Sie ist am Typhus erkrankt, hat sich vielleicht
selbst in jene Scheune geschleppt, wo man sie gefunden hat, und hat dort
ganz allein bewußtlos und ohne jede Pflege gelegen. Bewegen konnte sie
sich nicht, niemand sah nach ihr und so ist sie am Ende verhungert. Es
mögen neun oder zehn Tage her sein, seit der Magen zum letzten Male
Nahrung erhalten hat, die Krankheit hat das Uebrige gethan, und wir haben
hier nun das letzte Stadium des Hungertyphus. Versuchen Sie immerhin, ihr
etwas Rothwein oder Milch zu geben.« --
Die Schwester war nicht entsetzt, lange nicht so erschüttert wie der Arzt.
Ein Menschenleben -- was war das denn in der Fülle der Ewigkeit? Aber
eine Menschenseele -- sicher hatte die Unglückliche die Tröstungen
der Religion noch nicht empfangen. Sie war im Begriffe, die letzte Reise
anzutreten, ohne die Wegzehrung, die die Kirche dafür spenden kann,
empfangen zu haben.
»Wird sie noch einmal zu sich kommen?«
Er sah überrascht auf bei der ängstlichen Frage, dann lächelte er. --
»Ach so, ich verstehe, sie soll wohl noch communiciren? Nein, Schwester
Clarissa, dazu ist es zu spät. Das Bewußtsein wird wahrscheinlich nicht
zurückkehren, weil der körperliche Widerstand gegen das Bad die letzten
Kräfte verzehrt hat. Wenn Sie noch etwas für sie thun wollen, so geben
sie ihr noch einmal Morphium, wenn die letzten Schmerzen kommen. Gute
Nacht, Schwester, ich schicke Ihnen so bald wie möglich eine Ablösung.«
Er wollte gehen, an der Thür kehrte er noch einmal um und trat an das
Bett. Er schlug die Decke zurück und fuhr leicht mit der Hand über den
erhöhten und gekrümmten Rücken des scelettartig abgezehrten Körpers.
»Eine interessante Verbildung,« sagte er mehr zu sich selbst, als zu der
Pflegerin, »eine seitliche und hochtretende Verkrümmung des Rückgrates
und dabei eine Verkümmerung des Brustkorbes, die eine höchst anormale
Lage aller inneren Theile bedingt. -- Wissen Sie, Schwester, diese
Verwachsung ist schuld, daß sie so unheimlich fremdartig aussah, als sie
auf der Trage gebracht wurde. -- Na, gute Nacht, hoffentlich brauchen Sie
mich nicht mehr.«
Er ging jetzt wirklich, und die Schwester kniete nieder mit dem Rosenkranze
in beiden Händen. Sie küßte das Kreuz und fing dann an, den theilweise
sinnlosen Text eines alten Sterbeliedes zu beten: »O Du schmerzhafte
Mutter Gottes, bleibe bei uns jetzt und in der Stunde unseres Todes -- --
-- -- -- -- -- -- -- -- -- --«
Sie betete so lange wie die Leidende ruhig blieb. Bei dem ersten wilden
Schrei, der aus dem noch immer offenen Munde drang, erhob sie sich und
führte die Schlundsonde ein.
Zuerst versuchte sie etwas Milch zu geben, aber der erschöpfte Magen
nahm sie nicht mehr an. Die Pflegerin vermischte nun Rothwein mit einigen
Tropfen Morphium und flößte das ein.
Der Versuch erwies sich als unausführbar, die Rettung kam wirklich zu
spät, die Auflösung hatte augenscheinlich schon begonnen. Angstvoll
betrachtete die junge Schwester das gelbe, häßliche, von schwarzen
Flecken entstellte Gesicht. Sie wartete auf ein letztes Wiederaufdämmern
des Bewußtseins.
Vergebens -- geheimnißvoll und grausig trat der Tod ein und erfüllte mit
seiner Nähe das enge Gemach.
Sie fühlte die Gewalt der unsichtbaren Macht, die dieses verlorene Leben
an sich riß und erwürgte, aber sie war hülflos dem Dämon gegenüber,
den sie so gerne verscheucht hätte bis der Tag kam, bis ein Priester
geholt werden konnte, der nach dem Glauben der Nonne im Stande war, die
Engel der Verdammniß zu verscheuchen, die ihre Krallen ausstreckten, um
diese Seele zu sich hinabzuziehen in das ewige Nichts.
Sie hatte schon an manchem Sterbebette gebetet, und sie kannte den Tod. Oft
war ihr gewesen, als wären drei Personen im Zimmer, sie und der Sterbende
und eine milde, himmlische Lichtgestalt, die einen müden Erdenpilger mit
sanfter Hand hinüberführte in die ewige Heimath. Wie einen trauten Freund
hatte sie ihn oft willkommen geheißen den Verklärer und Erlöser, dessen
Nähe das Ende aller Qual und den Anfang des wahren Lebens bedeutete.
Wie anders war das an diesem Sterbebette! In ihrer jungfräulichen Reinheit
ahnte sie, daß sie eine Verlorene vor sich hatte. Die verfallenen Züge
sprachen von einem wüsten, wilden Leben in Elend und Schuld. Diese wie
Vogelklauen gekrümmten Finger hatten gewiß niemals die Gebetschnur
gehalten, sich niemals gefaltet erhoben zum Altare des Herrn.
Tiefer, tiefer Unfrieden, der ganze Jammer des Lasters hatte diesen Zügen
seinen Stempel aufgedrückt. Dieses Weib war sicher eine entsetzliche
Megäre gewesen, vielleicht war sie nicht einmal vor den gemeinsten
Verbrechen zurückgeschreckt. --
Nun kam der Tod. In finsterer Nacht der Bewußtlosigkeit nahm er sie
hin, die betende Nonne fühlte seinen eisigen Hauch, der den Körper der
Sterbenden umhüllte.
»O, wie furchtbar ist doch das Sterben derer, die nicht Gottes Kinder
sind,« seufzte sie und sah dann zu, wie eine entsetzliche körperliche
Qual die Brust der Sterbenden umklammerte. Sie wischte ihr den kalten
Schweiß von der Stirn und lauschte auf ihr Stöhnen und Aechzen.
Jetzt bewegten sich die Lippen, die so starr und bläulich bisher offen
gestanden hatten. »Hund, verfluchter Hund« tönte es leise und dann ein
Fluch, der halb erstickt und unverständlich blieb.
Schwester Clarissa machte das Zeichen des Kreuzes über das Bett, da fuhr
die Hand der Sterbenden gegen ihren Arm, das Kreuz blieb unvollendet
und der Schwester war es, als ob eine finstere, unheimliche Macht diese
Bewegung mit dem Gliede der Sünderin ausgeführt habe, um das Heil zu
hindern, das sich mit dem Zeichen des Segens auf die Unglückliche hätte
hernieder senken können.
Sie wagte nicht, den Kreuzschlag zu wiederholen, sondern griff fast
mechanisch nach der Morphiumspritze in ihrer Tasche, um der Sterbenden
die letzte Erleichterung zu verschaffen, die Menschenhände ihr gewähren
konnten.
Dann wachte sie an diesem Sterbebette die ganze endlos lange Nacht
hindurch. Sie war überzeugt, eine ahnende Erkenntniß von den ewigen
Qualen der Unseligen erhalten zu haben und bat alle Heiligen und Märtyrer,
ihr Jammer und Leid im Erdenleben zu Theil werden zu lassen, damit sie,
wenn ihr Ende nahte, dereinst mit dem Namen des Herrn auf den Lippen aus
diesem Leben scheiden könne.
Die Verhungerte litt entsetzlich. Nie hatte die junge Schwester einen
ähnlichen Todeskampf gesehen. Wild bäumte der verkrüppelte Körper
der Sterbenden sich in die Höhe, die Schwester mußte förmlich mit ihr
ringen, um sie nieder zu halten auf dem Lager. Schließlich legte sie ihr
einen Gurt über Brust und Beine und befestigte die Schnallen unter der
Bettstelle, wie bei einer Tobsüchtigen.
Nun folgte ein leises Wimmern, dann ein Stöhnen und Jammern der höchsten
Angst, und doch war der ganze Kampf nur körperliche Auflösung, der Geist
kehrte nicht wieder zurück in diese elende Hülle.
Als der Morgen dämmerte, änderte sich die Farbe des Gesichtes. Die große
fleischige Nase wurde weiß, die Wangen überzog eine fahle Blässe,
die Schatten um die Augen vertieften sich, die Lippen färbten sich
schwärzlich.
Die Fittiche des Todesengels rauschten über dem Lager -- ein letzter
wilder Schmerzensschrei erscholl, ein Zucken fuhr durch alle Glieder .....
O du schmerzhafte Mutter Gottes, bleibe bei uns jetzt und in der Stunde
unseres Todes ...
Die Nonne betete an einem Todtenbette.
Mit linder Hand drückte sie die Lider auf die gebrochenen Augen herab,
legte ein Tuch über das Gesicht der Leiche und kehrte zurück an den Altar
im Saale, um vor dem Gnadenbilde ihre Gebete fortzusetzen.
Am anderen Morgen erschien ein evangelischer Oberprediger in der Klinik.
Die Vorstandsdamen des Frauenvereins ließen durch ihn ihre Unterstützung
anbieten. Man hatte erfahren, daß eine unbekannte Frauensperson in
bewußtlosem Zustande eingeliefert war, und man erklärte sich bereit für
die Unglückliche und Nothleidende einzutreten.
Dr. Schlüter hörte die großmüthige, liebenswürdige Rede des
geistlichen Herrn ruhig an.
»Ich bedaure, daß Sie sich umsonst bemüht haben, Herr Oberprediger,«
sagte er, »die fragliche Kranke ist bereits im Laufe der Nacht
gestorben.«
»O, das bedaure ich aufrichtig. Hoffentlich wird man die Leiche
recognosciren -- jedenfalls, wie dem auch sein möge -- die
Begräbnißkosten -- --«
»O, bitte Hochwürden,« unterbrach ihn der lächelnde Arzt, »von
Begräbnißkosten kann gar keine Rede sein, wir besorgen das schon von der
Anatomie aus.«
»Wirklich? Das ist ja sehr menschenfreundlich, dann habe ich hier wohl
nichts mehr zu thun und werde meinen Damen Bericht erstatten.«
Die Herren reichten sich in verbindlichster Weise die Hände, und der Herr
Pastor empfahl sich in der festen Ueberzeugung, daß Alles vortrefflich
erledigt sei.
Bald nach ihm erschien bei dem Stationsarzte wieder ein fremder
wohlthätiger Herr.
Die Armenverwaltung war von der Polizei benachrichtigt, was für
ein seltener und überaus trauriger Fall sich der Wirksamkeit
dieser hochgeschätzten, wohllöblichen Behörde entzogen habe. Die
Armenverwaltung war bereit, die Verpflegungskosten für die Unbekannte zu
tragen. Man erwartete natürlich eine angemessene Preisermäßigung.
Wieder hörte der Arzt mit lächelnder, verbindlicher Miene und Haltung
die wohlgesetzte Rede des Herrn Stadtrathes mit an. »In der That, Herr
Stadtrath, es ist im höchsten Maaße zu bedauern,« erwiderte er, »die
Armenverwaltung bekümmert sich doch sonst um Schwerkranke, ihrem scharfen
Auge entgeht selten ein Fall von wirklicher Noth. Der lag hier vor.«
»Gewiß, gewiß, verehrter Herr Doctor, ich habe das bereits erfahren, es
soll sofort etwas geschehen -- --«
»Bemühen Sie sich nicht weiter, Herr Stadtrath, die Hilfe der
Armenverwaltung kommt zu spät, die unbekannte Arme ist bereits im Laufe
der Nacht verstorben.«
»Unglaublich! An welcher Krankheit denn?«
»Am Typhus -- wenigstens war das die Krankheit, die hier vorlag. Gestorben
ist die Person eigentlich daran nicht direct.«
Typhus! Der Herr Armenpfleger gerieth ganz außer sich über die
bodenlose Unwissenheit des Landstreichervolkes, das in dieser Krankheit
wahrscheinlich nur ein ganz unbedenkliches Unwohlsein gesehen hatte, das
irgend welcher Pflege nicht bedurfte.
»Denken Sie sich, Herr Doctor,« erklärte der würdige Herr mit großem
Eifer, »diese Scheune gehört einem Ackerbürger, der sich in höchst
reducirten Verhältnissen befindet. Das Bauwerk ist vollständig
unbenutzbar und baufällig, aber der Besitzer scheut die Reparaturkosten
und hat die Baracke auch gar nicht gebraucht, da er seine Ernte auf dem
Halme verkauft hat. Um wenigstens einen minimalen Nutzen zu erzielen,
vermiethet er das einsam gelegene Obdach zuweilen an fahrendes Volk. Eine
solche Bande, die kürzlich dort hauste, muß die hilflose Schwerkranke
zurückgelassen haben.«
»Man weiß keine Namen?«
»Natürlich nicht, dieses Volk bezahlt einen Unterschlupf um so besser,
je weniger man es daselbst controllirt. Kommen und gehen ohne Anmeldung
und Abmeldung, das lieben diese Leute, ihre Lasten dagegen, Krankenpflege,
Steuerzahlen und was dergleichen mehr ist, die wissen sie von sich
abzuschieben.«
»Ein trostloses Leben,« bemerkte der jüngere Mann.
»Lustig genug für diese Sorte,« entgegnete der Andere ärgerlich.
»Uebrigens ist es eine wahre Ehrenrettung für die Behörden, die diesen
Fall bedauerlicher Weise übersehen haben, daß die Person wenigstens nicht
verhungert ist. Man fand Reste von Brod und Kartoffeln, die man ihr wohl
in dem Glauben hingelegt hatte, sie würde sich erholen und sobald als
möglich der Gesellschaft nachkommen!«
»Das ist anzunehmen, Herr Stadtrath.«
»Gewiß. Uebrigens würde ja gradezu fahrlässige Tödtung vorliegen,
wenn einer der Angehörigen gewußt hätte, daß die Person durch die
Vernachlässigung, der sie unterlag, dem Tode überliefert wurde. Aber so
ist dieses Volk, die Angst vor der Polizei ist so groß, daß sie lieber
sterben und verderben, als sich an eine Behörde wenden, die bei aller
Strenge gegen ihre Vergehen, sie in ihrer letzten leiblichen Noth doch
nicht im Stiche lassen würde.«
»Ja, es ist zu beklagen, daß das tiefste Elend oft so lichtscheu ist,
daß man es überhaupt nicht sieht,« entgegnete der Arzt.
»Glauben Sie mir, Herr Doctor,« versicherte der alte Herr, der sich über
das Verständniß freute, das er hier fand, »das Amt eines Armenvaters ist
dornenvoll und verantwortungsreich. Es giebt Fälle von Elend, denen man
beim besten Willen kaum beizukommen vermag, o Sie glauben gar nicht,
was uns da manchmal vor Augen gebracht wird -- es ist zuweilen gradezu
himmelschreiend.«
»Es giebt, wie ich hier auf meinem Posten als Polikliniker ebenfalls
erfahre, Fälle von Menschenleid und Noth, von tiefster Verzweiflung und
Verkommenheit, die sich jeder öffentlichen Kenntniß entziehen, aber wer
zu lesen versteht, findet die Geschichte solcher Fälle oft zwischen den
Zeilen des kürzesten, trockensten Polizeiberichtes.« --
»Sie meinen? O -- hm indessen, die Heimathgemeinde wird ja wohl
aufzufinden sein, indeß vorläufig -- die Begräbnißkosten -- --«
»O bitte, Herr Stadtrath,« unterbrach Dr. Schlüter lächelnd, »damit
wird die städtische Armenkasse in keiner Weise belästigt werden, das
besorgt die Universität.«
»Wie meinen Sie das?«
»Ich meine die Anatomie.«
»Ah so, ich verstehe, meinen verbindlichsten Dank.«
Sehr befriedigt über die Wendung, die diese fatale Sache für den Säckel
einer hochlöblichen städtischen Armenverwaltung genommen hatte, entfernte
sich der Herr Stadtrath. Dr. Schlüter begleitete ihn zur Thür und sah
dann nach der Uhr. Die beiden Besuche hatten ihn länger aufgehalten, als
er gedacht hatte. Um zehn Uhr war die Section angesagt, und er hatte kaum
noch Zeit, sich dazu umzukleiden.
Der Chef der Klinik hielt vor einem großen Kreise junger Mediciner einen
Vortrag an der Leiche. Wegen der Mißbildung des Rückens lag der nackte
Körper auf der Seite. Der Secirtisch war blank gescheuert und kalt. Die
Leiche sah bei dem elektrischen Lichte, das grell auf sie fiel, schauerlich
grün aus, mit grauschwarzen Todtenflecken am ganzen Leibe. Der
geschorene Kopf mit dem unedlen Profil und dem offenen Munde machte einen
fratzenhaften Eindruck.
Blitzend und eisig fuhr das Instrument des Professors in den Körper hinein
und machte den ersten Schnitt. Die weitere anatomische Arbeit besorgten die
Assistenten und Diener, aber der Professor erklärte, zeigte, sprach
und lehrte. Der Vortrag war äußerst geistvoll, der Gegenstand
hochinteressant.
Die Universitätskasse ruinirte sich nicht bei den Begräbnißkosten dieser
Todten, die inneren Organe, die alle mißgestaltet und ungewöhnlich
waren, kamen fast ausnahmslos in Spiritus. Die Knochen des ganzen Körpers
einschließlich des Kopfes wurden vom Fleische befreit, präparirt,
gekocht, mit Chlor abgerieben, mit Draht verbunden, und es entstand aus
ihnen das schönste anormale Scelett, was je eine medicinische Hochschule
besessen hatte.
Der Diener der Anatomie trug am späten Abend eine festzugeschraubte Kiste
mit menschlichen Resten zum Todtengräber.
Früh, ehe der Kirchhof belebt wurde, grub man dort ein Loch und schüttete
es zu. Die Winde des Himmels aber trugen Samen darauf von Kräutern und
Gras. Es wächst überall eigenthümlich üppiges Gras in den vergessensten
Winkeln der Kirchhöfe.
Die Polizei stellte unermüdliche Nachforschungen an nach jenen Vagabunden,
die ein sterbendes Weib hülflos und allein in einer baufälligen Scheune
verlassen hatten.
Die Schuldigen wurden ermittelt und wegen fahrlässiger Tödtung verhört,
man konnte ihnen aber nichts nachweisen und ließ sie laufen.
In der Klinik erschien ein Polizei-Commissar, um in den Papieren der
Anstalt nachträglich den Namen jener Todten einzutragen, die hier geendet
hatte, ohne daß man wußte, wer sie war. Sie hieß Karoline Schwarz; der
Beamte theilte es dem Stationsarzte mit, der gleichgültig die Achseln
zuckte.
»Ich kann sie Ihnen übrigens zeigen,« sagte Dr. Schlüter und führte
den Herrn in den Hörsaal vor ein prachtvoll aufgebautes weibliches
Gerippe. Man sah die Fehler, die die Natur bei der Bildung dieser Knochen
gemacht hatte, und das erschien den Herren außerordentlich interessant.
Für Schwester Clarissa war die Aufstellung dieses Präparates »eine
Anfechtung« -- wie der kirchliche Ausdruck dafür lautet.
Sie war nicht im Stande, daran vorüberzugehen wie an den anderen
anatomischen Gegenständen ihrer Umgebung. Sie konnte diese grau-gelben
Knochen nicht sehen, ohne an den grausigen Todeskampf zu denken, den sie
mit angesehen hatte. Unaufhörlich stellte sie sich vor, wie die Seele,
nachdem sie den Körper verlassen hatte, hindurchgeglitten sei durch das
kalte, schaurige, endlose Nichts des Jenseits, um vergebens den Herrn zu
suchen und seine Gnade.
Sie glaubte zu ahnen oder beinah zu wissen, wie dann die Teufel die Seele
ergriffen hätten und in den ewigen Pfuhl des Fegefeuers geworfen. Und sie,
in der heiligen Armuth, die sie gelobt hatte, besaß nicht die Mittel, um
Seelen-Messen zu ihrer Erlösung lesen zu lassen.
Der dogmatische Glaube, der bis dahin Halt und Stütze der Jungfrau bei
ihrem schweren Berufe gewesen war, bereitete ihr jetzt zum ersten Mal auch
Schmerzen.
Hätte sie dem Dr. Schlüter die Unruhe anvertraut, die sie innerlich
verzehrte, so würde er wahrscheinlich gesagt haben, sie sei durch
Ueberanstrengung in einen krankhaft nervösen Zustand gekommen. Er würde
ihr Diensterleichterung und Mittel für Nervenleiden gegeben und sie
vielleicht noch von ganzem Herzen bedauert haben.
Die Nonne aber vertraute ihr Leid nicht dem Arzte, sondern dem Beichtvater.
Der Priester hatte nicht die Einsicht, sie seinerseits an einen Arzt zu
weisen, sondern sagte ihr, die ohnehin von drei Nächten nur zwei schlief
-- sie möge ihren Leib kasteien und von den Stunden, die ihr zum Schlafe
gewährt seien, noch eine in jeder Nacht der Fürbitte widmen.
So betete und wachte das zarte junge Mädchen und hoffte, eine Verdammte
damit zu erlösen. Der Kaplan aber hatte das Richtige getroffen, um ihr die
Ruhe zurückzugeben. Er kannte ganz genau den Glaubenszwang, der auf die
Seelen der Novizen ausgeübt wird.
»Selig sind, die da geistig arm sind, denn sie werden Gott schauen.« Nach
diesem Grundsatze behandelte er seine Beichtkinder, sofern sie Ordensleute
waren.
Schwester Clarissa glaubte, daß sie ein Werk zur Seligkeit thue und
fühlte sich glücklich dabei. Körperlich aber überstieg die Sache ganz
entschieden ihre Kräfte.
Ihr zartes Gesicht nahm eine durchsichtige Blässe an, die Hände kamen
wachsweiß aus den schwarzen Aermeln hervor, und die großen grauen Augen
leuchteten mit verklärten Blicken unter dem dunklen Nonnenschleier, der
über der weißen Stirnbinde lag.
Dr. Schlüter sah die Veränderung, die mit ihr vorging. Er versuchte ihr
Vertrauen zu erlangen, aber das war ganz vergeblich.
All seinen theilnehmenden ärztlichen Fragen nach ihrem Befinden wich sie
scheu und verlegen aus. Er brachte nichts aus ihr heraus und wendete sich
deshalb an die Schwester Domina.
Sofort befahl die Oberin, daß Schwester Clarissa wegen nervöser Folgen
von Ueberanstrengung auf einen Monat von allen Nachtwachen zu dispensiren
sei. Außerdem wurde ihr erlaubt, jeden Nachmittag eine Stunde im Garten
der Anstalt zuzubringen.
Diese Maßregeln waren der jungen Schwester außerordentlich unangenehm,
indessen die Gefühle der Ordensleute werden so eingezwängt und
eingeschraubt durch die seelische Bevormundung, die ihnen zu jeder Zeit
zu Theil wird, daß eine Nonne ein für alle Mal jede Aeußerung ihrer
Gefühle unterdrückt und sich schweigend fügt.
Es war grade Hochsommer, und der Aufenthalt in der freien Luft schien
wirklich eine Spur von rosiger Farbe auf das weiße Gesichtchen in der
düsteren Umrahmung zu zaubern. Dr. Schlüter sah sie mit Befriedigung auf
einer Bank sitzen unter einer blühenden Linde. Die schmalen weißen Hände
hielten ein Buch. Unter den gesenkten Wimpern tropften schwere Thränen
hervor und fielen auf die Blätter.
Der Arzt sah das reizende Geschöpf von seinem Zimmer aus. Er bemerkte,
daß sie weinte und ging hinaus in den Garten, um sich ungenirt neben sie
auf die Bank zu setzen.
»Warum weinen Sie, Schwester,« fragte er freundlich. »Sie sind doch todt
für die Welt. Wie ist es möglich, daß ein irdischer Kummer den Frieden
stören kann, den Sie gefunden haben?«
»Ich habe einen Zweifel.« -- Zögernd, gepreßt rang sich das
Geständniß von ihren bebenden Lippen. Der Zweifel mußte sie wohl sehr
beunruhigen, daß sie sich entschloß, ihn vor einem Kinde der Welt laut
werden zu lassen.
»Sie -- einen Zweifel?« Er war mehr als erstaunt. »Natürlich meinen Sie
einen religiösen Zweifel, nicht wahr?«
»Nicht ganz,« antwortete sie ängstlich, »es ist eigentlich ein
historischer Zweifel.«
»Wie -- was?«
Sie erklärte ihm schnell, was sie meinte. »Sehen Sie, ich lese das
Leben der h. Agathe. Das Buch ist mit hoher erzbischöflicher Genehmigung
herausgegeben und besonders für Ordensfrauen zum Lesen bestimmt. Sie
wissen ja, wie die Heilige verstümmelt wurde, weil sie dem Kaiser
Diocletian nicht als Heidin anhängen wollte.
Nach ihrer Marterung verließ sie der Kaiser, und sie blieb sterbend in
den Armen der ihren zurück. Da -- da schritt über den Markt die Jungfrau
Maria.« ....
»Nun und was weiter?«
»Herr Doctor, die Jungfrau Maria war schon lange todt, als der Kaiser
Diocletian lebte.«
Der Arzt freute sich über die Entdeckung, daß die einzige Schwester, die
ihm interessant war, aus gebildeten Kreisen zu stammen schien.
Er lächelte. »Aber Schwester Clarissa, da würde ja die Weltgeschichte
aufhören.«
»Bitte, lesen Sie.«
Sie reichte ihm das Buch, und der freigeistige junge Gelehrte las nun die
Stelle.
Er gab das Buch zurück. »Beruhigen Sie sich, liebe Schwester,« sagte er,
»eine solche Erscheinung nach hundert Jahren macht der heiligen Jungfrau
weiter keine Schwierigkeiten. Sie ist ja seitdem öfter erschienen, nach
Bedarf wird sie auch noch ferner erscheinen.«
»Also Sie erklären das durch eine Erscheinung?« fragte sie glücklich.
Er wunderte sich, daß sie die Ironie seines Tones nicht bemerkte.
»Ja, ich denke, daß es hier so gemeint ist. Die Mutter Gottes ist ja im
Fleische auferstanden. Das heißt, Sie glauben doch an die Auferstehung des
Fleisches?«
»Ja.«
Sie sagte es so feierlich, so bestimmt; aus ihren tiefen Augen leuchtete
das Feuer einer so wahren Askese, daß er plötzlich begann, sich unsicher
ihr gegenüber zu fühlen. Es war ja recht gut, daß sie mit seiner
Erklärung des Gegenstandes, der sie so unglücklich gemacht hatte,
zufrieden gewesen war.
Er wollte den günstigen Eindruck nicht wieder verwischen und versuchte es
lieber zu ermitteln wie weit dieser grüblerische, fanatisch beeinflußte
Geist eigentlich mit wirklicher Bildung ausgestattet sei.
Ganz ohne Uebergang fragte er sie plötzlich, ob sie jemals den Faust
gelesen habe.
Sie sah ihn verwundert an. »O ja, in der Welt, ehe ich ins Noviziat
eintrat.«
»Wie alt waren Sie bei Ihrem Eintritte?«
»Achtzehn Jahr.«
»Was haben Sie seitdem gelesen?«
»Nur religiöse Bücher, alles Andere ist uns verboten.«
»Und genügt Ihnen das ein für alle Mal?«
»Es muß mir genügen.«
Diese energische Zucht, die die Kirche an dem Geist derer übt, die sich
ihr ganz widmen, imponirte ihm.
Er fragte sie nach diesem und jenem und kam zu dem Ergebniß, daß sie eine
tüchtige Schulbildung genossen habe, wie sie nur Töchter der höheren
Stände erhalten. Bei seinen Fragen nach ihren früheren Verhältnissen
schwieg sie.
Einmal lächelte sie auch und sagte: »O ja, damals, als ich noch lebte;
aber sehen Sie, ich bin doch nun todt für die Welt.«
Er sah ihre lieblichen Lippen und ihre kleinen weißen Zähne an, wie
sie das so lächelnd sagte, und der Sinn ihrer Worte blieb ihm in diesem
Augenblicke fremd. Er sah darin eine etwas überspannte, mädchenhafte
Auffassung des klösterlichen Berufes, nicht eine Bestätigung des
furchtbaren Befehls, den die Kirche ihren Jüngern zuruft: Du sollst wie
eine Leiche werden.
Die Schulbildung war da, aber dann war nichts hinzugekommen, als
einseitiges medicinisches Wissen, kirchliche Schulung aller Empfindungen
und eine gewisse trostlose Lebenserfahrung, deren einzigen Mittelpunkt das
Krankenbett bildete. Keine gesellschaftlichen Formen, keine Fähigkeit zum
Plaudern und Scherzen.
Und dabei war dieses Mädchen so wunderbar schön! Noch niemals hatte er um
eines reizenden Gesichtes willen geistig eine solche Forschungsreise nach
Herz und Bildung unternommen wie hier, bei diesem frommen, tüchtigen,
klugen Mädchen.
Er bedauerte in seinem Herzen, daß sie Nonne war, nicht weil sie ihn
persönlich so sehr interessirte, sondern weil es ihm leid that, daß
diesem Geiste ein für alle Mal die Flügel gebunden waren.
Und so wie diese Eine, denken tausende von Mädchen, die den Schleier
tragen. Sie dienen der Allgemeinheit still und entsagend. Niemand achtet
auf sie, niemand beschäftigt sich mit ihnen. Die Psychologie in der
modernen Kunst dringt bis in die tiefste Herzenstiefe der Weltkinder ein,
die Kinder der Kirche aber übersieht sie.
»Weltdamen, Schauspielerinnen, Bauernmädchen, Kellnerinnen, ja sogar
Dirnen werden beachtet, ans Licht gezogen und interessant gemacht durch das
Interesse, das Kunst und Wissenschaft an ihnen nehmen. Ihr Aeußeres
wie ihr Seelenleben wird geschildert, wird studirt und wird schließlich
rückwirkend durch diese Beachtung, die es findet, beeinflußt. -- Wer
beachtet, wer schildert das Seelenleben moderner Nonnen?«
Der junge Kliniker machte hier einen schwachen Versuch dazu. Er konnte
sich der Ueberzeugung nicht verschließen, daß auch die frommen Schwestern
äußerlich mit der Zeit fortschreiten. Sie besitzen, wie er täglich sah,
eine große chirurgische Geschicklichkeit und so viel medicinische
und sogar anatomische Kenntnisse, daß sie die besten und beliebtesten
Gehilfinnen der Aerzte bei der Ausübung ihres Berufes bilden. Aber dennoch
war Dr. Schlüter der Ansicht, daß der größte Theil der Schwestern im
Denken und Fühlen, im Glauben und Beten zurückgeblieben sei im tiefsten,
dunkelsten Mittelalter.
Es würde ihn lebhaft interessirt haben, das Leben der h. Agathe oder
auch das der h. Elisabeth einmal durchlesen zu können. Er wußte, daß
Schwester Clarissa diese Bücher zuweilen den Kranken, die ihres Glaubens
waren, zu lesen gab. Er sah prüfend auf das Gesicht der neben ihm
Sitzenden, ehe er es wagte, um diese Bücher zu bitten.
Auf den reinen lieblichen Zügen lag aber nichts, als der Ausdruck
himmlischen Friedens. Sie schien mit ihren Gedanken so fern von ihm, so
fern von allen irdischen Dingen zu weilen, daß er es nicht wagte, noch
einmal wieder ein Gespräch mit ihr anzufangen. Wie unschuldig rein war
es doch, daß sie so ruhig neben ihm sitzen blieb und nicht den geringsten
Anstoß daran nahm, daß er sie aufgesucht hatte.
Er verabschiedete sich freundlich und kehrte in sein Zimmer zurück, ohne
die Bücher, die ihn interessirten, erbeten zu haben. --
Im Laufe der Nacht starb in der Anstalt ein neugeborenes Kind. Es hatte
nur wenige Stunden gelebt, und die Mutter wurde, schwer krank an einem
typhösen Fieber, aus dem Saale der Wöchnerinnen entfernt und in das
Isolirzimmer der dritten Station gebracht.
Schwester Clarissa pflegte die Kranke mit aufopfernder Pflichttreue, aber
ohne persönliches Interesse. Wäre das unglückliche Mädchen unter ihren
Händen gestorben, so würde sie ruhig für die rechtzeitige Ertheilung
der Sacramente gesorgt haben, hätte für ihre Person die vorgeschriebenen
Gebete gesprochen und im Uebrigen nicht weiter an den Fall gedacht.
Die Unglückliche starb aber nicht. Die pflegende Schwester sah, wie
leise, von Schwäche fast überwältigt, daß Leben und die Besinnung
zurückkehrte.
Dr. Schlüter blickte freundlich auf die Kranke herab, wie sie sich
aufrichtete und ihn bat, ein paar Minuten bei ihr zu bleiben.
»Gerne Barbara« -- er vermied es, sie Fräulein zu nennen -- »warum
sollte ich wohl jetzt nicht einige Minuten Zeit für Sie haben? Wissen Sie
nicht, daß Sie mich schon Stunden meiner Zeit gekostet haben?«
»Herr Doctor,« stotterte das Mädchen in tiefster Verlegenheit, und über
die eingesunkenen Wangen huschte ein Schein von Erröthen. »Herr Doctor
waren Sie -- Sie auch dabei?«
»Sie meinen bei Ihrer Entbindung, Barbara?«
Sie nickte und sah mit tief unglücklichem Ausdrucke auf ihre mageren
Hände herab.
»Nun, mein Gott, was ist denn dabei, ich habe das schon oft erlebt,
deshalb brauchen Sie sich nicht zu geniren.«
Sie sah angstvoll zu ihm auf. »Lebte das Kind?« hauchte sie.
»Ja, es lebte, aber es war noch nicht lebensfähig, es ist nach einigen
Stunden gestorben. Machen Sie sich keinen Kummer, das Unglück wäre
größer, wenn Sie das Kind jetzt hätten.«
»Für dieses Leben ja,« erwiderte die Kranke, »aber Schwester Clarissa
sagt, das Unglück in diesem Leben wäre ein Zeichen von der Liebe des
Herrn.«
»Ach, das haben Sie falsch verstanden,« versuchte er zu trösten, »die
Schwester hat gemeint, Sie möchten dem Kinde weiter nicht nachtrauern,
nicht wahr Schwester Clarissa?«
»Ich meine, dieses Leben ist nur eine Station auf der Pilgerfahrt zur
Heimath. Was wir hier erdulden, ist vergänglich; das unvergängliche Leid
oder die ewige Freude beginnt erst nach dem Tode,« erwiderte sie.
Der Arzt sah sie mißbilligend an. »Schwester ich muß Ihnen, als Ihr
Stationschef, dessen Gehilfin Sie sind, sagen, daß es nachtheilig für die
Kranken ist, wenn Sie mit ihnen über den Tod sprechen.«
Die Schwester schwieg.
»Das hat die Schwester nicht gethan,« sagte Barbara.
»Nun, wovon ist denn aber die Rede?«
»Von dem Kinde, Herr Doctor. Sie haben das Kind gesehen, sagen Sie mir, o
Gott ich beschwöre Sie bei allem, was Ihnen heilig ist, sagen Sie mir die
Wahrheit, ist mein Kind vor seinem Tode getauft?«
»Getauft? Aber ich bitte Sie, wer hätte es denn taufen sollen?«
Die arme Mutter schrie laut auf und warf sich auf das Kissen zurück, sie
weinte leidenschaftlich.
»Barbara, werden Sie ruhig, Sie schaden sich, ich befehle es, wenn Sie
nicht aufhören zu schreien, gehe ich mit der Schwester hinaus.«
»O, mein Kind,« schluchzte sie, »mein Kind hat nun keinen Antheil an dem
Opfer Christi, es gehört nicht zu ihm, es ist verloren, ich werde es nie
-- niemals wiedersehen.«
Er zögerte nun einen Augenblick, ob er etwas sagen dürfe, was er selbst
nicht glaubte, endlich entschloß er sich es zu thun -- als Arzt, um ihrer
Aufregung willen. »Was wollen Sie denn eigentlich,« polterte er ein wenig
ungeschickt -- »wiedersehen? Natürlich werden Sie Ihr todtes Kind
in diesem Leben nicht wiedersehen, aber später -- -- nach dem
Tode -- -- --«
Sie richtete sich etwas auf, mit dem Rücken halb nach oben, auf die
Ellbogen gestützt. Um das bleiche Gesicht hing das wirre blonde Haar, die
tiefliegenden blauen Augen richteten sich mit dem Ausdruck der höchsten
Angst auf Schwester Clarissa.
»Schwester,« stöhnte sie, »bei den Schmerzen der heiligen Jungfrau, bei
dem Blute Christi, sagen Sie mir die Wahrheit -- werde ich es wiedersehen,
das ungetaufte Kind -- -- nach dem Tode?«
Ein harter Zug entstellte den Mund der Nonne. »Nein,« sagte sie kurz und
rauh.
Die Kranke wurde bewußtlos, und die Pflegerin ging dem besorgten Arzte
sachgemäß und ruhig zur Hand, wie immer. --
Nach einer Viertelstunde verließ Dr. Schlüter das Isolirzimmer.
Die Kranke lag mit den nöthigen Mitteln versehen ruhig athmend mit
geschlossenen Augen da. Er hatte keine ernstlichen Besorgnisse für
sie, das Interesse aber, das sich eine kurze Zeit für die Tochter der
römischen Kirche in seinem Herzen geregt hatte, war erloschen.
Er war hart angeprallt an die Scheidewand, durch die der Glaube und das
Gelübde der Nonne diese von ihm, von der Welt und von allem Denken und
Thun der meisten Menschen trennte.
Einen Augenblick hatte es ihm weh gethan, dieses harte kalte »nein«,
mit dem sie etwas bestätigte, was sie für wahr hielt; aber von allen
Liebesschmerzen, die er je um dieses süßen Mädchenantlitzes willen
empfunden, hatte ihn dieser Augenblick geheilt.
Ihm schien es jetzt auf einmal, als ob dieses Gesicht, das er zuweilen von
Locken umrahmt sich geträumt hatte, gar nirgend anders hingehöre, als
unter die weiße Haube, die so kalt und streng vom schwarzen Schleier rings
umwallt, die Stirn verhüllte.
Er sah nur noch die barmherzige Schwester, die ihm zur Hand ging, düster
in der Erscheinung, unnahbar im Wesen und unergründlich räthselhaft im
Glauben. Er machte es jetzt wie alle anderen Aerzte. Er bediente sich der
Schwester, die ihm zur Verfügung stand, wo er sie brauchte, aber ihre
Person beschäftigte ihn nicht mehr.
Er hätte es selbst nicht gedacht, daß es ihm so wenig zu Herzen gehen
würde, als bald darauf die schöne, junge Nonne in eine Irrenanstalt
geschickt wurde, wo ein noch viel schwererer Beruf ihrer wartete, als hier.
Auf die dritte Frauenstation kam Schwester Maximile, die viel älter war
als Schwester Clarissa, und Dr. Schlüter lebte sich ganz gut ein mit
dieser neuen Arbeitskraft. Im Wesen und Benehmen hatte er überhaupt noch
nie eine Verschiedenheit zwischen zwei Nonnen bemerkt, sie waren und gaben
sich Alle wie aus einer Schablone gepreßt.
Schwester Clarissa war eigentlich gar nicht anders gewesen, wie diese
gewöhnlichen Schablonen-Schwestern; sonderbar, daß er es versucht hatte,
ihr näher zu treten. Ihre Augen -- ja das war es, in ihren Augen hatte
etwas gelegen, das er für Geist gehalten hatte und das schließlich nichts
Anderes gewesen war, als Fanatismus.
Der junge Gelehrte hatte übrigens nicht viel Zeit, über diese Sache
nachzudenken und die Pflegerinnen in der Anstalt zu beobachten. Sein Beruf
beschäftigte ihn in hohem Maaße. Er besorgte die Station, hatte oft bei
seinem Chef zu assistiren und beschäftigte sich außerdem mit anatomischen
Arbeiten. Im Herbst hielt er seine ersten gut besuchten Vorträge als
Privatdocent; die Bacteriologie kostete ihm unendlich viel Zeit und
complicirte seine Arbeiten ganz bedeutend.
Von vielen Seiten wurde versucht, ihn in gesellige Kreise zu ziehen, aber
er wich allen Vergnügungen, besonders solchen, wo er Damen treffen konnte,
aus. Schwester Clarissa hatte ihn unsagbar angezogen und dann plötzlich
seine ganze Seele zurückgestoßen. Eine Wunde hatte das seinem Herzen
nicht gerade zugefügt, aber eine Wand hatte es errichtet zwischen ihm
und dem weiblichen Geschlechte. Sein Herz war fortan umpanzert, und die
schönsten Augen, die ihm oft freundlich genug entgegen blickten, ließen
ihn kalt.
Er kam mit der Zeit zu der Ueberzeugung, daß die fromme Schwester ganz
unschuldig an der Enttäuschung war, die er empfand. Er hielt es für das
höchste Ziel der Humanität, dem Menschen zu helfen, ihn zu trösten und
zu erfreuen, so lange er auf Erden wandelte und sie -- sie erachtete die
Freuden und Schätze dieser Welt gering, um jener herrlichen Verheißung
willen, die sie für sich und Andere erhoffte -- -- nach dem Tode.
Tod und Leben, Welt und Kirche, das waren die Gegensätze, die ihn auf
ewig von ihr schieden. Sie aber war mit keinem Wort, mit keiner Miene,
wahrscheinlich mit keinem Gedanken sich selbst untreu geworden. Wie die
Nonne sein soll, so war sie -- so gab sie sich, so dachte und fühlte sie.
Wenn je in ihrer Brust eine Leidenschaft gelebt hatte, so hatte sie sie
überwunden. Das aber, was er zu überwinden hatte, war nicht einmal
eine Leidenschaft, sondern nur ein inniges Wohlgefallen, ein Interesse
-- -- -- ach, was -- es war, so sagte er sich selbst und so glaubte er
es zuletzt auch, überhaupt kein persönliches, sondern nur ein allgemeines
Interesse gewesen. -- Diese interessante Species -- eine moderne Nonne,
war etwas Besonderes, etwas, was man anderswo eben nicht trifft, weder in
Büchern, noch im Leben.
Hier war ihm diese Erscheinung täglich vor Augen getreten, der Psycholog
in ihm war erwacht, er hatte geforscht in dieser schwer zugänglichen
keuschen Seele und das Ergebniß -- -- -- -- ja, das Ergebniß war
hinter den Erwartungen des gelehrten Forschers zurückgeblieben. Er dachte
noch zuweilen mit leisem Schauder an ihren starren dogmatischen Glauben
zurück. Das Fleisch abtödten und dem Geiste leben -- die Welt verachten,
verlassen, vergessen, um einer anderen Welt willen, von der wir
nichts Bestimmtes wissen, die vielleicht nichts ist als ein Traum. Wie
mittelalterlich, wie fremdartig das doch war!
Als echt moderner Mann dachte er gar nicht daran, einen Aufklärungsversuch
oder sonst ein romantisches Unternehmen zu riskiren, um die Seele, die
er auf einem Irrweg glaubte, zum Lichte der Aufklärung und Wahrheit
zurückzuführen. Er zuckte die Achseln und wendete sich von der Jungfrau
mit den »unmöglichen Ansichten« bedauernd ab. Seine eigene innere Ruhe
und Selbstzufriedenheit wurden nicht ernstlich dadurch bedroht.
Er stand im Hörsaale, die letzten Strahlen der Herbstsonne fielen auf sein
blondes, wohlfrisirtes Haupt und verloren sich hinter ihm in den leeren
Rippen des verkrümmten Scelettes, vor dem er stand. Der Todtenschädel
war weit vornüber geneigt und hing beinahe über dem Kopfe des jungen
Docenten. --
Seine Vorlesung war zu Ende, die Studenten entfernten sich, und einer von
den jüngsten unter ihnen, ein hübscher eleganter Pole, trat noch einmal
mit seinem Hefte in der Hand an den Lehrer heran, ihn um irgend eine
Erklärung zu bitten.
Eifrig setzte dieser dem Jüngling die Sache auseinander, um die es
sich handelte, und so überhörten Beide in dem Gewirre von Stimmen
und Schritten der sich entfernenden jungen Leute, wie ein bettelhaft
gekleideter Mann, von einem braunen, zigeunerhaft aussehenden Mädchen
begleitet, den Saal betrat. --
Der Mann war Orgeldreher und trug sein schweres Instrument an einem
Riemen über die Schulter gehängt; das Mädchen trug das Gestell, um den
Leierkasten aufzustellen, und eine zinnerne Schale zum Einsammeln kleiner
Geldstücke. --
Es war niemand weiter im Saale wie der Mann und das Mädchen, die beiden
Herren und das graue hohläugige Gerippe. Der Orgeldreher war kaum mehr als
fünfzig Jahre alt, aber seine Züge waren so verwittert und durchfurcht,
sein Rücken so gebeugt von der schweren Last, die er zu tragen gewohnt
war, daß er aussah wie ein Greis. Nur das Haar war noch nicht gebleicht.
Wirr und in lockiger Fülle hing es ihm tief in die Stirn und über den
Nacken herab.
Dasselbe lockige wilde Haar hatte das Mädchen. Ihre Züge waren grob und
gebräunt, sie hatte brennende schwarze Augen, rothe etwas zu volle Lippen
und Glieder von einer gewissen Anmuth und Fülle, wie sie diesen wandernden
Mädchen auf eine kurze, ganz kurze Zeit die Jugend verleiht.
Dr. Schlüter bemerkte die Leute, als alle Studirenden gegangen waren.
»Die Armenbehandlung ist von zehn bis zwölf Uhr, kommen Sie morgen um die
Zeit, wenn Sie krank sind,« wendete er sich an den Mann.
Der junge Pole betrachtete mit Wohlgefallen die Gestalt des mit ärmlichem
Putz gekleideten Mädchens.
»Ich heiße Schwarz,« sagte der Mann mit einer Sicherheit, als gebe ihm
dieser Name ein Recht, hier zu thun, als sei er zu Hause.
Der Arzt wollte einen Scherz darüber machen, ehe er, wenn es nöthig
werden sollte, grob wurde, aber die düstere Ruhe, die auf den Zügen
dieses Mannes lag, fiel ihm auf. Er trat einen Schritt auf ihn zu.
»Was wollen Sie hier?«
»Ich will wissen, wo mein Weib begraben ist, das soll hier gestorben
sein,« sagte der Mann und wie erklärend fügte das Mädchen hinzu:
»Meine Mutter.«
»Soll? Ja wie ist denn das möglich. Kann es denn einen Mann geben,
der nicht weiß, wo seine Frau begraben und gestorben ist?« rief Dr.
Schlüter.
Der Vagabund schwieg.
»Nun?« fragte der Arzt noch einmal.
Der Mann suchte immer noch vergeblich nach Worten. Er hatte sich das
einfacher gedacht, nach seiner Frau zu forschen, er hatte geglaubt, in der
Klinik müsse jeder Mensch wissen, wer die Karoline Schwarz war, die hier
starb, und ihn als ihren Mann erkennen.
Nun wußte hier niemand etwas davon, und dieser Herr Doctor hatte eine
Art zu fragen, die ihn lebhaft an das Unangenehmste, was er kannte, an die
Polizei, erinnerte. Es war ihm schon schwer genug gewesen, auf die Polizei
zu gehen, um sich hierher schicken zu lassen, und nun mußte er es hier
erleben, daß man, anstatt ihm Auskunft zu geben, Fragen über Fragen an
ihn richtete.
Er wußte nicht, an welchem Tage er seine Frau zuletzt gesehen hatte, nur
ganz allgemein erinnerte er sich, daß es zu Anfang des Sommers gewesen
sei.
Noch viel weniger wußte er, wann und durch wen die Frau in die Klinik
gebracht und wann sie gestorben war.
Der Privatdocent legte die Hand an die Stirn und besann sich: »Schwarz --
Karoline Schwarz« -- wiederholte er, »ich erinnere mich gar nicht, den
Namen gehört zu haben. Wer hat Ihnen denn gesagt, daß sie auf meiner
Station gestorben sei?«
»Ein Herr auf dem Bureau.«
Herbe Enttäuschung zeigte sich auf den Gesichtern der Fremden. Sie sahen
sich rathlos an und schienen gehen zu wollen. Der Arzt empfand Mitleid
und mehr aus persönlicher Gutmüthigkeit, als aus dem Gefühl einer
Verpflichtung diesen unklaren Angelegenheiten gegenüber, hielt er die
Leute zurück.
»Wie war denn das? was fehlte Ihrer Frau, vielleicht fällt es mir
wieder ein, erzählen Sie mir etwas von ihrer Krankheit,« sagte er, »oft
erinnert man sich besser der Krankheit, als des Kranken, wenigstens was den
Namen betrifft.«
Nun begann eine umständliche Erzählung. Das junge Mädchen glaubte oft
mit einigen Einzelheiten den Bericht des Vaters ergänzen zu müssen. Die
beiden Zuhörer waren erschüttert von dem Bilde menschlichen Leidens und
Entsagens, das sich vor ihnen entrollte.
Der Winter war hart gewesen, und die Leute besaßen keine Wohnung, kein
Bett. Für die wenigen Pfennige, die sie erbettelten, mietheten sie sich
bald hier bald da ein. In gesunden Tagen war ihnen das einerlei gewesen,
aber als die Frau krank und mühselig wurde, schleppten sie sich kaum noch
von Hof zu Hof. Wenn die Töne der Drehorgel erklangen, fiel es selten
einem Menschen ein, die festgefrorenen Fenster zu öffnen und den Hungernden
und Frierenden da draußen ein Almosen zu reichen. Sie hätten oft
weder Nahrung noch Obdach gehabt, wenn die Tochter, die in Schenken
allerniedrigster Art als Liedersängerin auftrat, ihnen nicht zuweilen
einige Groschen zugewendet hätte. Die Mutter war schon lange gebrechlich
und arbeitsunfähig gewesen. Das mehr als ärmliche Gewerbe des Mannes
mußte sie mit ernähren. Etwas Anderes als Brod, Schnaps und höchstens
einmal etwas Kaffee oder Kartoffeln hatten die Leute nicht zu verzehren.
Nun kam aber das Unglück. Als der furchtbare Winter vorüber war, als das
fahrende Volk aufathmete und mit dem neuen Lenze ein neues Leben zu
fühlen begann, da wurde das Weib des Orgeldrehers elender, mühseliger und
schwächer als je zuvor. Sie versuchte noch Weidenkörbe zu flicken, wie
in früheren Jahren, aber Messer und Zange sanken ihr aus den kraftlosen
Händen. Die Tochter blieb in der Stadt, und der arbeitsscheue Mann allein
hatte für das Weib zu sorgen.
Die Frau konnte kein Brod und keine Kartoffeln mehr vertragen, der Magen
verweigerte die Annahme dieser Lebensmittel. -- Einige Tage hielt sie sich
noch aufrecht durch den Genuß von Branntwein, dann brach sie zusammen.
»Wir hatten damals eine Scheune gemiethet, das heißt, Herr Doctor, die
Leute, denen das Caroussel gehörte, bezahlten die Miethe, und wir durften
mit darin schlafen, das Weib und ich,« berichtete der Mann. »Ich drehte
meine Orgel bei dem Caroussel und hatte einen schönen Verdienst. Da zog
der Herr Besitzer weiter. Wenn ich nicht mitging, hätte er in einer Stunde
einen anderen Musikanten gefunden, das war doch klar, also was sollte ich
machen?«
»Sie zogen mit und ließen das todtkranke Weib zurück, nicht wahr?«
unterbrach ihn der Arzt, mit vor Zorn funkelnden Augen. Jetzt wußte er,
wen er vor sich hatte. Er erinnerte sich an die nächtliche Scene, wo ihm,
von Schmutz starrend, die am Hungertyphus sterbende Unbekannte von
der Polizei zugeschickt wurde. Er warf einen Blick auf das Antlitz des
Todtenschädels. Das war Karoline Schwarz, die da hinter ihm stand, nach
ihrem Tode als Gerippe präparirt, und der Mann vor ihm erzählte ihm
die Vorgeschichte dieses Todes, eine Kette von Elend, Hunger, armseligem
Vortheil und gedankenlosem Egoismus. Das Ende dieses Menschenlebens hatte
er gesehen, es war ihm furchtbar erschienen; jetzt aber erschien ihm das,
was diesem Ende vorangegangen war, noch schauerlicher und trostloser. Ein
Menschenschicksal -- -- was für ein Schicksal.
Der Leiermann hatte sein Instrument abgestellt. Verlegen drehte er den
breiten, schäbigen Hut zwischen den Fingern.
»Was will man machen,« stotterte er -- »bei den schlechten Zeiten, ein
so schönes Stück Geld. Bei manchen Jahrmärkten kam ich bis auf sechs
Mark an einem Tage, sollte ich das lassen, um so ein Weib -- ein schlechtes
Weib, -- Herr -- sollte ich mit ihr zusammen verhungern?«
»Es war für Sie jedenfalls angenehmer, sie allein verhungern zu lassen,«
bemerkte der Arzt scharf.
Das Mädchen fühlte hier den Drang, ihrem Vater zu Hilfe zu kommen.
»Ach, Herr Doctor,« schluchzte sie, »Mutter konnte keinen Schritt
mehr gehen. Sie fiel um, wenn sie auf die Beine kam, und sie konnte so
schimpfen, und sie betrank sich immer und vergriff sich an uns und sogar an
meinem Schatz.«
Diese ungeschickte, unkindliche Rede empörte die beiden Herren mehr als
alles Andere.
»Ihre Mutter ist verhungert,« -- rief der Student rücksichtslos dem
Mädchen ins Gesicht, ohne in seinem Zorne erst abzuwarten, ob sein Lehrer
geneigt war, das so unumwunden auszusprechen.
»Verhungert? Nein Herr,« widersprach der Vagabund, »ich habe ihr Alles
hingelegt, Brodscheiben und noch Schnaps und einen Sack voll Kartoffeln.
Bis sie sich die alle gekocht hatte, konnte sie wohl soweit sein, daß sie
mir nachkam, sie wußte, wo wir hinzogen.«
»Aber haben Sie uns denn nicht selbst gesagt, daß die Frau Brod und
Kartoffeln nicht genießen konnte,« fuhr ihn der Jüngling wieder voller
Entrüstung an.
»Ja Herr, ja Herr, Brod und Kartoffeln und auch noch Schnaps, das sind
gute Dinge. Die Carousselleute meinten das auch, etwas Anderes haben arme
Menschen nicht zu verzehren.«
»Sie mögen das ja ganz gut gemeint haben,« begütigte Dr. Schlüter,
»aber wer sollte denn nach der Kranken sehen, warum brachten Sie sie nicht
in ein Krankenhaus?«
»Wie soll unsereiner das anfangen, wir sind hier nicht unterstützungs-
und heimathberechtigt,« warf das junge Mädchen ein.
»Mutter hätte das auch nicht gethan,« erklärte der Mann zuletzt
energisch.
»Nun kurz und gut, es ist nicht mehr zu ändern, und ich will Ihnen
erzählen, was daraus geworden ist,« sagte der Stationsarzt. »Die
Vorräthe haben die Ratten, Fäulniß und Schimmel vertilgt, den Branntwein
mag die Frau selbst getrunken haben. Dann wurde sie schwächer und
schwächer, hatte fürchterliche Schmerzen und den brennendsten Durst, den
Sie sich denken können.
Kein Mensch brachte ihr einen Tropfen Wasser, niemand sorgte für ihre
Reinlichkeit, das Ungeziefer kam und quälte sie auf ihrem nassen,
schmutzigen Stroh, und der Durst, der Fieberdurst, der Durst derer, die das
Trinken gewöhnt sind, kam hinzu.
Dann ist sie vielleicht noch einmal wüthend geworden, hat die Menschen und
die Welt verflucht und hat zuletzt nichts mehr von sich gewußt. So ist sie
verkommen und bei lebendigem Leibe verfault, bis die Polizei sie fand. Die
Polizei hatte Erbarmen und brachte sie hierher. Wir konnten ihr aber nicht
mehr helfen, es war zu spät, sie starb nach einigen Stunden.«
Er durchblätterte ein großes Buch. »Am elften Juni ist sie Abends zum
Todtengräber gebracht. Der wird Ihnen wohl sagen können, wo sie liegt,«
sagte er, ohne von dem Buche aufzusehen.
Der Mann und das Mädchen bekreuzten sich.
»Ihr ist ja nun wohl in der Erde,« schluchzte die Tochter.
»Die Ruhe ist ihr zu gönnen,« fügte der Gatte hinzu, und ohne Dank,
fast ohne Gruß verließen sie den Saal, um weiter zu suchen nach dem
Stückchen Erde, unter dem das müde Haupt des jammervollen Weibes nach
ihrer Ansicht ruhte.
Der junge Student sprach noch einmal seine lebhafte Entrüstung über
dieses Gesindel aus und empfahl sich dann dem Privatdocenten, der in
Gedanken verloren vor dem Scelett der unseligen Karoline Schwarz stehen
blieb.
Er sah sie wieder vor sich auf der Bahre in ihrer fast nicht mehr
menschlichen Verkommenheit und Häßlichkeit und herab geneigt über dieses
Bild tiefsten irdischen Leidens ein himmlisch verklärtes, durchgeistigtes
Antlitz, vom Nonnenschleier umrahmt, durchleuchtet von Erbarmen und Liebe.
Liebe? -- -- --
Nein, Schwester Clarissa liebte die Menschen nicht. Sie liebte nur ihren
Herrn und Gott, die Menschen, deren sie sich erbarmte, waren ihr nur Mittel
zum Zweck. -- »Was ihr gethan habt dieser Geringsten einem, das habt ihr
Mir gethan.« -- Das war der Grundgedanke ihrer Barmherzigkeit. Auch in
diesem Falle war es so gewesen. Sie hatte ihre Pflicht gethan, gefühlt
hatte sie nichts für die Unglückliche, und diese -- diese gerade war wohl
auch der Liebe nicht werth gewesen.
Er betrachtete eine von den subtil zusammengesetzten Knochenhänden. Gegen
Mann und Kind hatte sie den Arm erhoben; nun stand sie da, todt, ruhelos,
mitten im Leben, ohne das Fleckchen Erde gefunden zu haben, auf dem auch
der Aermste Anspruch hat zu ruhen -- ruhen -- nach dem Tode. --
Schwere unsichere Schritte unterbrachen mit ihrem Geräusche den sinnenden
Mann. Sollte man ihm einen Kranken bringen? Hier herein, wo doch die
Patienten im Allgemeinen nichts zu thun hatten?
Aergerlich wandte er sich nach der Thür und sah wieder den
Straßenmusikanten mit seiner Tochter eintreten.
Das unregelmäßige Gesicht des Mädchens war einen Schein blasser als
vorher, und der Mann schwankte ein wenig, wie ein Trunkener.
Ohne auf die erstaunte Frage des Arztes, was er wolle, zu antworten, ging
er mit stierem Blicke und unsicheren Schritten durch den ganzen Saal, grade
auf das Gerippe zu.
Mit sichtbarem Erschauern blieb er hier stehen.
»Line,« flüsterte er an der düsteren Gestalt herauf. --
»Line, bist Du das denn wirklich? In lauter Stücke haben sie Dich
geschnitten und ausgenommen, wie ein geschlachtetes Thier, und Deine
Knochen blank gescheuert, und dann haben sie Dir nicht die Ruhe im Grabe
gegönnt, und nun stehst Du da und bist todt?«
»Aber was wollen Sie denn,« rief Dr. Schlüter zugleich entrüstet
und erschrocken, »was faseln Sie, was rütteln Sie an dem Scelett? Um
Gotteswillen, es ist mehrere hundert Mark werth, lassen Sie es los, Sie
zerbrechen es ja.«
»So -- es ist mehrere hundert Mark werth?«
Der Respect vor dieser Summe lähmte den Arm des Proletariers. Er trat
scheu zurück, aber in seinen Augen loderte eine wilde Drohung.
»Sind das hier die Knochen von meiner Frau?« fragte er mit finsterer
Miene.
»Ja,« entgegnete der Arzt, »aber wer hat Ihnen das gesagt?«
»Draußen Einer, ein Wärter wird es ja wohl gewesen sein,« antwortete
die Tochter für ihren Vater.
»Warum ist das Weib nicht begraben? Es war ein armes Weib und bös, ja sie
war bös, aber ein Grab war sie doch wohl werth, man scharrt ja einen Hund
ein,« grollte der Mann.
»Darauf kommt es hier gar nicht an,« erklärte der Kliniker. »Wenn hier
jemand stirbt, für den niemand die Verpflegungs- und die Begräbnißkosten
bezahlt, so kann das Institut -- ich meine die Doctoren können dann mit
der Leiche machen, was sie wollen.«
»Das dürfen Sie nicht, das nicht,« kreischte das Mädchen plötzlich
wild auf, »wenn der jüngste Tag kommt, und die Todten steigen aus
ihren Gräbern, und das Fleisch steht auf, wo soll da so ein -- so ein
Knochengestell sein Fleisch hernehmen, um aufzustehen von den Todten?«
»Laß das Mila, das sind Glaubenssachen,« gebot ihr der Vater, »das geht
die Herren hier nicht an, die glauben an nichts nach dem Tode.«
»Nun also -- was wollen Sie denn, wozu machen Sie denn solchen Lärm?«
fragte der Arzt erleichtert.
»Was ich will?« höhnte der Mann. »Ich will wissen, was für ein
Verbrechen und was für eine Schande es ist, wenn der Mensch arm ist. Wenn
ein Stück Vieh fällt, so ist immer Einer zu finden, der es einscharrt,
aber ein Mensch, -- ein armer Mensch? Wozu ist der gemacht? Im Leben zum
Hungern, zum Betteln, zum Frieren und nach dem Tode? Nach dem Tode -- zu
dem, was die Herren Doctoren für gut befinden, mit seinem armen Leibe zu
machen.« Er lachte laut und wild auf.
Dr. Schlüter klingelte nach dem Oberwärter. Dieser erschien. »Führen
Sie den Mann hinaus, er ist unverschämt geworden,« sagte der Arzt.
»Ja ich gehe schon,« brüllte der wüthende Mensch, »aber diese Knochen,
diese Knochen sind mein, ich nehme sie mit, ich scharre sie ein im freien
Walde, der niemanden gehört. Sie war kein gutes Weib, aber Ruhe, das
bischen Ruhe im Grabe, das soll sie doch haben, sie soll.« -- -- --
Er griff nach dem Scelett, das in seiner leichten Zusammenfügung bereits
erschüttert, ein wenig schwankte. Der Oberwärter faßte den Tobenden mit
festem Griff und rief nach Jahn, seinem Gehülfen.
Der Stationsarzt war im Begriffe, den Saal zu verlassen. An der Thür
drehte er sich noch einmal um, riß ein Blatt aus seinem Notizbuche und
schrieb einige Worte darauf.
»Orgeldreher Schwarz,« sagte er laut, »gehen Sie mit diesem Zettel
nach dem Büreau. Man wird Ihnen dort, nach Abzug eines Verpflegungstages,
fünfzig Mark auszahlen, weil Sie den Körper Ihrer verstorbenen Frau der
Klinik zu anatomischen Zwecken überlassen haben. Adieu.« -- --
Er ging. Wie eine Pantherkatze stürzte Mila auf den Zettel zu und riß ihn
an sich.
Fünfzig Mark! ......
Der Oberwärter hatte nicht mehr nöthig, einen Wüthenden zu halten. Mit
respectvollem Gruß entfernten sich Vater und Tochter.
Einen scheuen Blick noch warfen sie zurück auf das graue Gerippe der
Gattin und Mutter. Es war ja recht traurig, daß sie nun unbegraben blieb
-- aber was wollte man machen!
Fünfzig Mark erhielten sie dafür, und sie konnten das brauchen -- sie
lebten und darbten.
Die Mutter aber -- -- -- -- ja, die stand da und sah ihnen nach aus
ihren leeren, großen Augenhöhlen. Sie war übel daran, aber sollte man
deshalb die fünfzig Mark verschmähen? -- Ein solches Opfer für sie,
konnte sie das wohl verlangen, noch dazu jetzt -- -- -- nach dem
Tode? -- -- --
Ende.
[Illustration: Decoration]
Doctor Cäcilie.
[Illustration: Decoration]
[Illustration]
Hochwürdigste, gnädige Frau!
In tief trauriger Lage sehe ich keinen anderen Ausweg, als den, Sie
mit diesen Zeilen zu belästigen. -- Meine Frau ist nach einer, wie
es leider den Anschein hat -- vergeblichen -- Krebsoperation einer
sachgemäß geschulten Pflegerin dringend bedürftig.
Alle Bemühungen meines Hausarztes, hier eine geeignete Kraft ausfindig
zu machen, sind von durchaus ungenügendem Ergebnisse gewesen.
Die Sterbende leidet furchtbar unter den ungeschickten Händen einer
ungebildeten Wärterin. Es handelt sich vielleicht nur noch darum, ihr
auf wenige Tage und Nächte die letzten Qualen der Krankheit leichter
zu machen. Kein finanzielles Opfer würde mir zu groß sein, wenn
ich mein geliebtes Weib in die sanften, weichen Hände einer treuen
Schwester geben könnte. Ich werde den wohlthätigen Einrichtungen
Ihrer Anstalt die Beweise meiner Dankbarkeit zuwenden; in diesem
Augenblicke aber flehe ich Sie an, gnädigste Gräfin, helfen Sie mir,
schicken Sie mir eine Diakonissin und senden Sie mir ein Telegramm, mit
welchem Zuge die Ersehnte hier eintreffen wird.