Er schüttelte den Kopf und versuchte zu lächeln. "Komm", sagte er, "laß
uns hinuntergehen."
Aber während er ihre Hand faßte, waren ihre Augen auf das von der Lampe
beleuchtete Bild und die daneben stehenden Blumen gefallen.--Wie ein
plötzliches Verständnis flog es durch ihre Züge.--"Es ist ja bei dir wie
in einer Kapelle", sagte sie, und ihre Worte klangen kalt, fast feindlich.
Er hatte alles begriffen. "Oh, Ines", rief er, "sind nicht auch dir die
Toten heilig!"
"Die Toten! Wem sollten die nicht heilig sein! Aber, Rudolf" und sie zog
ihn wieder an das Fenster; ihre Hände zitterten, und ihre schwarzen Augen
flimmerten vor Erregung--, "sag mir, die ich jetzt dein Weib bin, warum
hältst du diesen Garten verschlossen und lässest keines Menschen Fuß
hinein?"
Sie zeigte mit der Hand in die Tiefe; der weiße Kies zwischen den
schwarzen Pyramidensträuchern schimmerte gespenstisch; ein großer
Nachtschmetterling flog eben darüber hin.
Er hatte schweigend hinabgeblickt. "Das ist ein Grab, Ines", sagte er
jetzt, "oder, wenn du lieber willst, ein Garten der Vergangenheit."
Aber sie sah ihn heftig an. "Ich weiß das besser, Rudolf! Das ist der
Ort, wo du bei ihr bist; dort auf dem weißen Steige wandelt ihr zusammen;
denn sie ist nicht tot; noch eben, jetzt in dieser Stunde warst du bei ihr
und hast mich, dein Weib, bei ihr verklagt. Das ist Untreue, Rudolf, mit
einem Schatten brichst du mir die Ehe!"
Er legte schweigend den Arm um ihren Leib und führte sie, halb mit Gewalt,
vom Fenster fort. Dann nahm er die Lampe von dem Schreibtisch und hielt
sie hoch gegen das Bild empor. "Ines, wirf nur einen Blick auf sie!"
Und als die unschuldigen Augen der Toten auf sie herabblickten, brach sie
in einen Strom von Tränen aus. "Oh, Rudolf, ich fühle es, ich werde
schlecht!"
"Weine nicht so", sagte er. "Auch ich habe unrecht getan; aber habe auch
du Geduld mit mir!"--Er zog ein Schubfach seines Schreibtisches auf und
legte einen Schlüssel in ihre Hand. Öffne du den Garten wieder, Ines!
--Gewiß, es macht mich glücklich, wenn dein Fuß der erste ist, der wieder
ihn betritt. Vielleicht, daß im Geiste sie dir dort begegnet und mit
ihren milden Augen dich so lange ansieht, bis du schwesterlich den Arm um
ihren Nacken legst!"
Sie sah unbeweglich auf den Schlüssel, der noch immer in ihrer offenen
Hand lag.
"Nun, Ines, willst du nicht annehmen, was ich dir gegeben habe?"
Sie schüttelte den Kopf.
"Noch nicht, Rudolf, ich kann noch nicht, später--später; dann wollen wir
zusammen hineingehen." Und indem ihre schönen dunkeln Augen bittend zu ihm
aufblickten, legte sie still den Schlüssel auf den Tisch.
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Ein Samenkorn war in den Boden gefallen, aber die Zeit des Keimens lag
noch fern.
Es war im November.--Ines konnte endlich nicht mehr daran zweifeln, daß
auch sie Mutter werden solle, Mutter eines eigenen Kindes. Aber zu dem
Entzücken, das sie bei dem Bewußtsein überkam, gesellte sich bald ein
anderes. Wie ein unheimliches Dunkel lag es auf ihr, aus dem allmählich
sich ein Gedanke gleich einer bösen Schlange emporwand. Sie suchte ihn zu
verscheuchen, sie flüchtete sich vor ihm zu allen guten Geistern ihres
Hauses, aber er verfolgte sie, er kam immer wieder und immer mächtiger.
War sie nicht nur von außen wie eine Fremde in dies Haus getreten, das
schon ohne sie ein fertiges Leben in sich schloß?--Und eine zweite
Ehe--gab es denn überhaupt eine solche? Mußte die erste, die einzige,
nicht bis zum Tode beider fortdauern?--Nicht nur bis zum Tode! Auch
weiter--weiter bis in alle Ewigkeit! Und wenn das?--Die heiße Glut schlug
ihr ins Gesicht; sich selbst zerfleischend, griff sie nach den härtesten
Worten.--Ihr Kind--ein Eindringling, ein Bastard würde es im eigenen
Vaterhause sein!
Wie vernichtet ging sie umher; ihr junges Glück und Leid trug sie allein;
und wenn der, welcher den nächsten Anspruch hatte, es mit ihr zu teilen,
sie besorgt und fragend anblickte, so schlossen sich ihre Lippen wie in
Todesangst.--In dem gemeinschaftlichen Schlafgemache waren die schweren
Fenstervorhänge heruntergelassen, nur durch eine schmale Lücke zwischen
denselben stahl sich ein Streifen Mondlicht herein. Unter quälenden
Gedanken war Ines eingeschlafen, nun kam der Traum; da wußte sie es: sie
konnte nicht bleiben, sie mußte fort aus diesem Hause, nur ein kleines
Bündelchen wollte sie mitnehmen, dann fort, weit weg--zu ihrer Mutter, auf
Nimmerwiederkehr! Aus dem Garten, hinter den Fichten, welche die Rückwand
desselben bildeten, führte ein Pförtchen in das Freie; den Schlüssel hatte
sie in ihrer Tasche, sie wollte fort--gleich.-Der Mond rückte weiter, von
der Bettstatt auf das Kissen, und jetzt lag ihr schönes Antlitz voll
beleuchtet in seinem blassen Schein.--Da richtete sie sich auf.
Geräuschlos entstieg sie dem Bett und trat mit nackten Füßen in ihre davor
stehenden Schuhe. Nun stand sie mitten im Zimmer in ihrem weißen
Schlafgewand; ihr dunkles Haar hing, wie sie es nachts zu ordnen pflegte,
in zwei langen Flechten über ihre Brust. Aber ihre sonst so elastische
Gestalt schien wie zusammengesunken; es war, als liege noch die Last des
Schlafes auf ihr. Tastend, mit vorgestreckten Händen, glitt sie durch das
Zimmer, aber sie nahm nichts mit, kein Bündelchen, keinen Schlüssel. Als
sie mit den Fingern über die auf einem Stuhl liegenden Kleider ihres
Mannes streifte, zögerte sie einen Augenblick, als gewinne eine andere
Vorstellung in ihr Raum; gleich darauf aber schritt sie leise und
feierlich zur Stubentür hinaus und weiter die Treppe hinab. Dann klang
unten im Flur das Schloß der Hoftür, kalte Luft blies sie an, der
Nachtwind hob die schweren Flechten auf ihrer Brust.--Wie sie durch den
finstern Wald gekommen, der hinter ihr lag, das wußte sie nicht; aber
jetzt hörte sie es überall aus dem Dickicht hervorbrechen; die Verfolger
waren hinter ihr. Vor ihr erhob sich ein großes Tor; mit aller Macht
ihrer kleinen Hände stieß sie den einen Flügel auf; eine öde, unabsehbare
Heide dehnte sich vor ihr aus, und plötzlich wimmelte es von großen
schwarzen Hunden, die in emsigem Laufe gegen sie daherrannten; sie sah die
roten Zungen aus ihren dampfenden Rachen hängen, sie hörte ihr Gebell
immer näher--tönender-Da öffneten sich ihre halbgeschlossenen Augen, und
allmählich begann sie es zu fassen. Sie erkannte, daß sie eben innerhalb
des großen Gartens stehe; ihre eine Hand hielt noch die Klinke der
eisernen Gittertür. Der Wind spielte mit ihrem leichten Nachtgewande; von
den Linden, welche zur Seite des Einganges standen, wirbelte ein Schauer
von gelben Blättern auf sie herab.--Doch--was war das?--Drüben aus den
Tannen, ganz wie sie es vorhin zu hören glaubte, erscholl auch jetzt das
Bellen eines Hundes, sie hörte deutlich etwas durch die dürren Zweige
brechen. Eine Todesangst überfiel sie.--Und wieder erscholl das Gebell.
"Nero", sagte sie; "es ist Nero."
Aber sie hatte sich mit dem schwarzen Hüter des Hauses nie befreundet, und
unwillkürlich lief ihr das wirkliche Tier mit den grimmigen Hunden des
Traumes in eins zusammen; und jetzt sah sie ihn von jenseits des Rasens in
großen Sprüngen auf sich zukommen. Doch er legte sich vor ihr nieder, und
jenes unverkennbare Winseln der Freude ausstoßend, leckte er ihre nackten
Füße. Zugleich kamen Schritte vom Hofe her, und einen Augenblick darauf
umfingen sie die Arme ihres Mannes; gesichert legte sie den Kopf an seine
Brust.
Vom Gebell des Hundes aufgewacht, hatte er mit jähem Schreck ihr Lager an
seiner Seite leer gesehen. Ein dunkles Wasser glitzerte plötzlich vor
seinem inneren Auge; es lag nur tausend Schritte hinter ihrem Garten an
einem Feldweg unter dichten Erlenbüschen. Wie vor einigen Tagen sah er
sich mit Ines an dem grünen Uferrande stehen; er sah sie bis in das Schilf
hinabgehen und einen Stein, den sie vorhin am Wege aufgesammelt, in die
Tiefe werfen. "Komm zurück, Ines!" hatte er gerufen, "es ist nicht sicher
dort." Aber sie war noch immer stehengeblieben, mit den schwermütigen
Augen in die Kreise starrend, welche langsam auf dem schwarzen
Wasserspiegel ausliefen. "Das ist wohl unergründlich?" hatte sie gefragt,
da er sie endlich in seinen Armen forgerissen.
Das alles war in wilder Flucht durch seinen Kopf gegangen, als er die
Treppe nach dem Hofe hinabgestürmt.--Auch damals waren sie durch den
Garten von ihrem Hause fortgegangen, und jetzt traf er sie hier, fast
unbekleidet, das schöne Haar vom Nachttau feucht, der noch immer von den
Bäumen tropfte.
Er hüllte sie in den Plaid, welchen er sich selbst vorm Hinuntergehen
übergeworfen hatte. "Ines", sagte er--das Herz schlug ihm so gewaltig,
daß er das Wort fast rauh hervorstieß--, "was ist das? Wie bist du hieher
gekommen?"
Sie schauerte in sich zusammen.
"Ich weiß nicht, Rudolf--ich wollte fort--mir träumte; oh Rudolf, es muß
etwas Furchtbares gewesen sein!"
"Dir träumte? Wirklich, dir träumte!" wiederholte er und atmete auf, wie
von einer schweren Last befreit.
Sie nickte nur und ließ sich wie ein Kind ins Haus und in das Schlafgemach
zurückführen.
Als er sie hier sanft aus seinen Armen ließ, sagte sie: "Du bist so stumm,
du zürnst gewiß?"
"Wie sollt ich zürnen, Ines! Ich hatte Angst um dich. Hast du schon
früher so geträumt?"
Sie schüttelte erst den Kopf, bald aber besann sie sich. "Doch--einmal;
nur war nichts Schreckliches dabei."
Er trat ans Fenster und zog die Vorhänge zurück, so daß das Mondlicht voll
ins Zimmer strömte.
"Ich muß dein Antlitz sehen", sagte er, indem er sie auf die Kante ihres
Bettes niederzog und sich dann selbst an ihre Seite setzte. "Willst du
mir nun erzählen, was dir damals Liebliches geträumt hat? Du brauchst
nicht laut zu sprechen; in diesem zarten Lichte trifft auch der leiseste
Ton das Ohr."
Sie hatte den Kopf an seine Brust gelegt und sah zu ihm empor.
"Wenn du es wissen willst", sagte sie nachsinnend. "Es war, glaub ich, an
meinem dreizehnten Geburtstag; ich hatte mich ganz in das Kind, in den
kleinen Christus, verliebt, ich mochte meine Puppen nicht mehr ansehen."
"In den kleinen Christus, Ines?"
"Ja, Rudolf", und sie legte sich wie zur Ruhe noch fester in seinen Arm;
"meine Mutter hatte mir ein Bild geschenkt, eine Madonna mit dem Kinde; es
hing hübsch eingerahmt über meinem Arbeitstischchen in der Wohnstube."
"Ich kenne es", sagte er, "es hängt ja noch dort; deine Mutter wollte es
behalten zur Erinnerung an die kleine Ines."-"O meine liebe Mutter!"