Er zog sie fester an sich; dann sagte er: "Darf ich weiter hören, Ines?"

--"Doch! Aber ich schäme mich, Rudolf." Und dann leise und zögernd

fortfahrend: "Ich hatte an jenem Tage nur Augen für das Christkind; auch

nachmittags, als meine Gespielinnen da waren; ich schlich mich heimlich

hin und küßte das Glas vor seinem kleinen Munde--es war mir ganz, als

wenn's lebendig wäre--hätte ich es nur auch wie die Mutter auf dem Bild in

meine Arme nehmen können!"--Sie schwieg; ihre Stimme war bei den letzten

Worten zu einem flüsternden Hauch herabgesunken.

"Und dann, Ines?" fragte er. "Aber du erzählst mir so beklommen!"

--"Nein, nein, Rudolf! Aber--in der Nacht, die darauf folgte, muß ich

auch im Traume aufgestanden sein; denn am andern Morgen fanden sie mich in

meinem Bette, das Bild in beiden Armen, mit meinem Kopf auf dem

zerdrückten Glase eingeschlafen."

Eine Weile war es totenstill im Zimmer.--"Und jetzt?" fragte er

ahnungsvoll und sah ihr tief und herzlich in die Augen. "Was hat dich

heute denn von meiner Seite in die Nacht hinausgetrieben?"

"Jetzt, Rudolf?"--Er fühlte, wie ein Zittern über alle ihre Glieder lief.

Plötzlich schlang sie die Arme um seinen Hals, und mit erstickter Stimme

flüsterte sie angstvolle und verworrene Worte, deren Sinn er nicht

verstehen konnte.

"Ines, Ines!" sagte er und nahm ihr schönes kummervolles Antlitz in seine

beiden Hände.

--"O Rudolf! Laß mich sterben; aber verstoße nicht unser Kind!"

Er war vor ihr aufs Knie gesunken und küßte ihr die Hände. Nur die

Botschaft hatte er gehört und nicht die dunkeln Worte, in denen sie ihm

verkündigt wurde; von seiner Seele flogen alle Schatten fort, und

hoffnungsreich zu ihr emporschauend, sprach er leise:

"Nun muß sich alles, alles wenden!"

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Die Zeit ging weiter, aber die dunkeln Gewalten waren noch nicht besiegt.

Nur mit Widerstreben fügte Ines die noch aus Nesis Wiegenzeit vorhandenen

Dinge der kleinen Ausrüstung ein, und manche Träne fiel in die kleinen

Mützen und Jäckchen, an welchen sie jetzt stumm und eifrig nähte.--Auch

Nesi war es nicht entgangen, daß etwas Ungewöhnliches sich vorbereite. Im

Oberhause, nach dem großen Garten hinaus, stand plötzlich eine Stube fest

verschlossen, in der sonst ihre Spielsachen aufbewahrt gewesen waren; sie

hatte durchs Schlüsselloch hineingeguckt; eine Dämmerung, eine feierliche

Stille schien darin zu walten. Und als sie ihre Puppenküche, die man auf

den Korridor hinausgesetzt hatte, mit Hülfe der alten Anne auf den Haus-

boden trug, suchte sie dort vergebens nach der Wiege mit dem grünen

Taffetschirme, welche, solange sie denken konnte, hier unter dem schrägen

Dachfenster gestanden hatte. Neugierig spähte sie in alle Winkel.

"Was gehst du herum wie ein Kontrolleur?" sagte die Alte.

--"Ja, Anne, wo ist aber meine Wiege geblieben?"

Die Alte blickte sie mit schlauem Lächeln an. "Was meinst", sagte sie,

"wenn dir der Storch noch so ein Brüderchen brächte?"

Nesi sah betroffen auf; aber sie fühlte sich durch diese Anrede in ihrer

elfjährigen Würde gekränkt. "Der Storch?" sagte sie verächtlich.

"Nun freilich, Nesi."

--"Du mußt nicht so was zu mir sprechen, Anne. Das glauben die kleinen

Kinder; aber ich weiß wohl, daß es dummes Zeug ist."

"So?--Wenn du es besser weißt, Mamsell Naseweis, woher kommen denn die

Kinderchen, wenn nicht der Storch sie bringt, der es doch schon die

Tausende von Jahren her besorgt hat?"

--"Sie kommen vom lieben Gott", sagte Nesi pathetisch. "Sie sind auf

einmal da."

"Bewahr uns in Gnaden!" rief die Alte. "Was doch die Guckindiewelte

heutzutage klug sind! Aber du hast recht, Nesi; wenn du's gewiß weißt,

daß der liebe Gott den Storch vom Amte gesetzt hat--ich glaub's selber, er

wird es schon allein besorgen können.--Nun aber--wenn's denn so auf einmal

da wär, das Brüderchen--oder wolltest du lieber ein Schwesterlein?--,

würd's dich freuen, Neschen?"

Nesi stand vor der Alten, die sich auf einen Reisekoffer niedergelassen

hatte; ein Lächeln verklärte ihr ernstes Gesichtchen, dann aber schien sie

nachzusinnen.

"Nun, Neschen", forschte wieder die Alte. "Würd's dich freuen, Neschen?"

"Ja, Anne", sagte sie endlich, "ich möchte wohl eine kleine Schwester

haben, und Vater würde sich gewiß auch freuen; aber--"

"Nun, Neschen, was hast du noch zu abern?"

"Aber", wiederholte Nesi und hielt dann wieder einen Augenblick wie

grübelnd inne,--"das Kind würde ja dann doch keine Mutter haben!"

"Was?" rief die Alte ganz erschrocken und strebte mühsam von ihrem Koffer

auf, "das Kind keine Mutter! Du bist mir zu gelehrt, Nesi; komm, laß uns

hinabgehen!--Hörst du? Da schlägt's zwei! Nun mach, daß du in die Schule

kommst!"

Schon brausten die ersten Frühlingsstürme um das Haus; die Stunde nahte.

--"Wenn ich's nicht überlebte", dachte Ines, "ob er auch meiner dann

gedenken würde?"

Mit scheuen Augen ging sie an der Tür des Zimmers vorüber, welches

schweigend sie und ihr künftiges Geschick erwartete; leise trat sie auf,

als sei darinnen etwas, was sie zu wecken fürchte.

Und endlich war dem Hause ein Kind, ein zweites Töchterchen, geboren. Von

außen pochten die lichtgrünen Zweige an die Fenster; aber drinnen in dem

Zimmer lag die junge Mutter bleich und entstellt; das warme Sonnenbraun

der Wangen war verschwunden; aber in ihren Augen brannte ein Feuer, das

den Leib verzehrte. Rudolf saß an dem Bett und hielt ihre schmale Hand in

der seinen.

Jetzt wandte sie mühsam den Kopf nach der Wiege, die unter der Hut der

alten Anne an der andern Seite des Zimmers stand. "Rudolf", sagte sie

matt, "ich habe noch eine Bitte!"

--"Noch eine, Ines? Ich werde noch viel von dir zu bitten haben."

Sie sah ihn traurig an; nur eine Sekunde lang; dann flog ihr Auge hastig

wieder nach der Wiege. "Du weißt", sagte sie, immer schwerer atmend, "es

gibt kein Bild von mir! Du wolltest immer, es solle nur von einem guten

Meister gemalt werden--wir können nicht mehr warten auf die Meisterhand.

--Du könntest einen Photographen kommen lassen, Rudolf; es ist ein wenig

umständlich; aber--mein Kind, es wird mich nicht mehr kennenlernen; es muß

doch wissen, wie die Mutter ausgesehen."

"Warte noch ein wenig!" sagte er und suchte einen mutigen Ton in seine

Stimme zu legen. "Es würde dich jetzt zu sehr erregen; warte, bis deine

Wangen wieder voller werden!"

Sie strich mit beiden Händen über ihr schwarzes Haar, das lang und

glänzend auf dem Deckbette lag, indem sie einen fast wilden Blick im

Zimmer umherwarf.

"Einen Spiegel!" sagte sie, indem sie sich völlig in den Kissen

aufrichtete. "Bringt mir einen Spiegel!"

Er wollte wehren; aber schon hatte die Alte einen Handspiegel herbeigeholt

und auf das Bett gelegt. Die Kranke ergriff ihn hastig; aber als sie

hineinblickte, malte sich ein heftiges Erschrecken in ihren Zügen; sie

nahm ein Tuch und wischte an dem Glase; doch es wurde nicht anders; nur

immer fremder starrte das kranke Leidensantlitz ihr entgegen.

"Wer ist das?" schrie sie plötzlich. "Das bin ich nicht!--Oh, mein Gott!

Kein Bild, kein Schatten für mein Kind!"

Sie ließ den Spiegel fallen und schlug die mageren Hände vors Gesicht.

Da drang ein Weinen an ihr Ohr. Es war nicht ihr Kind, das ahnungslos in

seiner Wiege lag und schlief; Nesi hatte sich unbemerkt hereingeschlichen;

sie stand mitten im Zimmer und sah mit düsteren Augen auf die Stiefmutter,

während sie schluchzend in ihre Lippe biß.

Ines hatte sie bemerkt. "Du weinst, Nesi?" fragte sie.

Aber das Kind antwortete nicht.

"Warum weinst du, Nesi?" wiederholte sie heftig.

Die Züge des Kindes wurden noch finsterer. "Um meine Mutter!" brach es

fast trotzig aus dem kleinen Munde.

Die Kranke stutzte einen Augenblick; dann aber streckte sie die Arme aus

dem Bett, und als das Kind, wie unwillkürlich, sich genähert hatte, riß

sie es heftig an ihre Brust. "O Nesi, vergiß deine Mutter nicht!"

Da schlangen zwei kleine Arme sich um ihren Hals, und nur ihr verständlich,

hauchte es: "Meine liebe, süße Mama!"

--"Bin ich deine liebe Mama, Nesi?"

Nesi antwortete nicht; sie nickte nur heftig in die Kissen.

"Dann, Nesi", und in traulich seligem Flüstern sprach es die Kranke,

"vergiß auch mich nicht! Oh, ich will nicht gern vergessen werden!"

--Rudolf hatte regungslos diesen Vorgängen zugesehen, die er nicht zu

stören wagte; halb in tödlicher Angst, halb in stillem Jubel; aber die

Angst behielt die Oberhand. Ines war in ihre Kissen zurückgesunken; sie

sprach nicht mehr; sie schlief--plötzlich.

Nesi, die sich leise von dem Bett entfernt hatte, kniete vor der Wiege

ihres Schwesterchens; voll Bewunderung betrachtete sie das winzige

Händchen, das sich aus den Kissen aufreckte, und wenn das rote Gesichtlein

sich verzog und der kleine unbeholfene Menschenlaut hervorbrach, dann

leuchteten ihre Augen vor Entzücken. Rudolf, der still herangetreten war,

legte liebkosend die Hand auf ihren Kopf; sie wandte sich um und küßte die

andere Hand des Vaters; dann schaute sie wieder auf ihr Schwesterchen.-Die

Stunden rückten weiter. Draußen leuchtete der Mittagsschein, und die

Vorhänge an den Fenstern wurden fester zugezogen. Längst schon saß er

wieder an dem Bette der geliebten Frau, in dumpfer Erwartung; Gedanken und

Bilder kamen und gingen; er schaute sie nicht an, er ließ sie kommen und

gehen. Schon einmal früher war es so wie jetzt gewesen; ein unheimliches

Gefühl befiel ihn; ihm war, als lebe er zum zweiten Mal. Er sah wieder

den schwarzen Totenbaum aufsteigen und mit den düsteren Zweigen sein

ganzes Haus bedecken. Angstvoll sah er nach der Kranken; aber sie

schlummerte sanft; in ruhigen Atemzügen hob sich ihre Brust. Unter dem

Fenster, in den blühenden Syringen sang ein kleiner Vogel immerzu; er

hörte ihn nicht; er war bemüht, die trügerischen Hoffnungen

fortzuscheuchen, die ihn jetzt umspannen wollten.

Am Nachmittage kam der Arzt; er neigte sich über die Schlafende und nahm

ihre Hand, die ein warmer feuchter Hauch bedeckte. Rudolf blickte

gespannt in das Antlitz seines Freundes, dessen Züge den Ausdruck der

Überraschung annahmen.

"Schone mich nicht!" sagte er. "Laß mich alles wissen!"

Aber der Doktor drückte ihm die Hand.

--"Gerettet!"--Das einzige Wort hatte er behalten. Er hörte auf einmal

den Gesang des Vogels; das ganze Leben kam zurückgeflutet. "Gerettet!

"--Und er hatte auch sie schon verloren gegeben in die große Nacht; er

hatte geglaubt, die heftige Erschütterung des Morgens müsse sie verderben;

doch:

Es ward ihr zum Heil,

Es riß sie nach oben!

In diese Worte des Dichters faßte er all sein Glück zusammen; wie Musik

klangen sie fort und fort in seinen Ohren.--Immer noch schlief die Kranke;

immer noch saß er wartend an ihrem Bette. Nur die Nachtlampe dämmerte

jetzt in dem stillen Zimmer; draußen aus dem Garten kam statt des

Vogelsangs nun das Rauschen des Nachtwindes; manchmal wie Harfenton wehte

es auf und zog vorüber; die jungen Zweige pochten leise an die Fenster.

"Ines!" flüsterte er, "Ines!" Er konnte es nicht lassen, ihren Namen

auszusprechen.

Da schlug sie die Augen auf und ließ sie fest und lange auf ihm ruhen, als

müsse aus der Tiefe des Schlafes ihre Seele erst zu ihm hinauf gelangen.

"Du, Rudolf?" sagte sie endlich. "Und ich bin noch einmal wieder

aufgewacht!"

Er blickte sie an und konnte sich nicht ersättigen an ihrem Anblick.

"Ines", sagte er--fast demütig klang seine Stimme--, "ich sitze hier, und

stundenlang schon trage ich das Glück wie eine schwere Last auf meinem

Haupte; hilf es mir tragen, Ines!"

"Rudolf--!" Sie hatte sich mit einer kräftigen Bewegung aufgerichtet.

--"Du wirst leben, Ines!"

"Wer hat das gesagt?"

--"Dein Arzt, mein Freund; ich weiß, er hat sich nicht getäuscht."

"Leben! O mein Gott! Leben!--Für mein Kind, für dich!"--Es war, als käme

ihr plötzlich eine Erinnerung; sie schlang die Hände um den Hals ihres

Mannes und drückte sein Ohr an ihren Mund. "Und für deine--für euere,

unsre Nesi!" flüsterte sie. Dann ließ sie seinen Nacken los, und seine

beiden Hände ergreifend, sprach sie zu ihm sanft und liebevoll. "Mir ist

so leicht!" sagte sie. "Ich weiß gar nicht mehr, warum alles sonst so

schwer gewesen ist!" Und ihm zunickend: "Du sollst nur sehen, Rudolf; nun

kommt die gute Zeit! Aber--" und sie hob den Kopf und brachte ihre Augen

ganz dicht an die seinen--"ich muß teilhaben an deiner Vergangenheit, dein

ganzes Glück mußt du mir erzählen! Und, Rudolf, ihr süßes Bild soll in

dem Zimmer hängen, das uns gemeinschaftlich gehört; sie muß dabeisein,

wenn du mir erzählst!"

Er sah sie an wie ein Seliger.

"Ja, Ines; sie soll dabeisein!"

"Und Nesi! Ich erzähl ihr wieder von ihrer Mutter, was ich von dir gehört

habe;--was für ihr Alter paßt, Rudolf, nur das--"

Er konnte nur stumm noch nicken.

"Wo ist Nesi?" fragte sie dann, "ich will ihr noch einen Gutenachtkuß

geben!"

"Sie schläft, Ines", sagte er und strich sanft mit der Hand über ihre

Stirn. "Es ist ja Mitternacht!"

"Mitternacht! So mußt auch du nun schlafen! Ich aber--lache mich nicht

aus, Rudolf--, mich hungert; ich muß essen! Und dann, nachher, die Wiege

vor mein Bett; ganz nahe, Rudolf! Dann schlaf auch ich wieder; ich fühl's;

gewiß, du kannst ganz ruhig fortgehen."

Er blieb noch.

"Ich muß erst eine Freude haben!" sagte er.

"Eine Freude?"

"Ja, Ines, eine ganz neue; ich will dich essen sehen!"

--"O du!"

--Und als ihm auch das geworden, trug er mit der Wärterin die Wiege vor

das Bett.

"Und nun gute Nacht! Mir ist, als sollte ich noch einmal in unseren

Hochzeitstag hineinschlafen."

Sie aber wies glücklich lächelnd auf ihr Kind.

--Und bald war alles still. Aber nicht der schwarze Totenbaum streckte

seine Zweige über das Dach des Hauses; aus fernen goldnen Ährenfeldern

nickte sanft der rote Mohn des Schlummers. Noch eine reiche Ernte stand

bevor.

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Und es war wieder Rosenzeit.--Auf dem breiten Steige des großen Gartens

hielt ein lustiges Gefährt. Nero war augenscheinlich avanciert; denn

nicht vor einem Puppen-, sondern vor einem wirklichen Kinderwagen stand

er angeschirrt und hielt geduldig still, als Nesi an seinem mächtigen

Kopfe jetzt die letzte Schnalle zuzog. Die alte Anne beugte sich zu dem

Schirm des Wägelchens und zupfte an den Kissen, in denen das noch namen-

lose Töchterchen des Hauses mit großen offenen Augen lag; aber schon rief

Nesi: "Hü, hott, alter Nero!", und in würdevollem Schritt setzte die

kleine Karawane sich zu ihrer täglichen Spazierfahrt in Bewegung.

Rudolf und mit ihm Ines, die schöner als je an seinem Arme hing, hatten

lächelnd zugeschaut; nun gingen sie ihren eigenen Weg; seitwärts schlugen

sie sich durch die Büsche entlang der Gartenmauer, und bald standen sie

vor der noch immer verschlossenen Pforte. Das Gesträuch hing nicht wie

sonst herab; ein Gestelle war untergebaut, so daß man wie durch einen

schattigen Laubengang hinangelangte. Einen Augenblick horchten sie auf

den vielstimmigen Gesang der Vögel, die drüben in der noch ungestörten

Einsamkeit ihr Wesen trieben. Dann aber, von Ines' kleinen kräftigen

Händen bezwungen, drehte sich der Schlüssel, und kreischend sprang der

Riegel zurück. Drinnen hörten sie die Vögel aufrauschen, und dann war

alles still. Um eine Handbreit stand die Pforte offen; aber sie war an

der Binnenseite von blühendem Geranke überstrickt; Ines wandte alle ihre

Kräfte auf, es knisterte und knickte auch dahinter; aber die Pforte blieb

gefangen.

"Du mußt!" sagte sie endlich, indem sie lächelnd und erschöpft zu ihrem

Mann emporblickte.

Die Männerhand erzwang den vollen Eingang; dann legte Rudolf das

zerrissene Gesträuch sorgsam nach beiden Seiten zurück.

Vor ihnen schimmerte jetzt in hellem Sonnenlicht der Kiesweg; aber leise,

als sei es noch in jener Mondnacht, gingen sie zwischen den tiefgrünen

Koniferen auf ihm hin, vorbei an den Zentifolien, die mit Hunderten von

Rosen aus dem wuchernden Kraut hervorleuchteten, und am Ende des Steiges

unter das verfallene Rohrdach, vor welchem jetzt die Klematis den ganzen

Gartenstuhl besponnen hatte. Drinnen hatte, wie im vorigen Sommer, die

Schwalbe ihr Nest gebaut; furchtlos flog sie über ihnen aus und ein.

Was sie zusammen sprachen?--Auch für Ines war jetzt heiliger Boden hier.

--Mitunter schwiegen sie und hörten nur auf das Summen der Insekten, die

draußen in den Düften spielten. Vor Jahren hatte Rudolf es schon ebenso

gehört; immer war es so gewesen. Die Menschen starben; ob denn diese

kleinen Musikanten ewig waren?

"Rudolf, ich habe etwas entdeckt!" begann jetzt Ines wieder. "Nimm einmal

den ersten Buchstaben meines Namens und setz ihn an das Ende! Wie heißt

er dann?"

"Nesi!" sagte er lächelnd. "Das trifft sich wunderbar."

"Siehst du!" fuhr sie fort, "so hat die Nesi eigentlich meinen Namen.

Ist's nicht billig, daß nun mein Kind den Namen ihrer Mutter

erhält?--Marie!--Es klingt so gut und mild; du weißt, es ist nicht

einerlei, mit welchem Namen die Kinder sich gerufen hören!"

Er schwieg einen Augenblick.

"Laß uns mit diesen Dingen nicht spielen!" sagte er dann und sah ihr innig

in die Augen. "Nein, Ines; auch mit dem Antlitz meines lieben kleinen

Kindes soll mir ihr Bild nicht übermalt werden. Nicht Marie, auch nicht

Ines--wie es deine Mutter wünschte--darf das Kind mir heißen! Auch Ines

ist für mich nur einmal und niemals wieder auf der Welt."--Und nach einer

Weile fügte er hinzu: "Wirst du nun sagen, daß du einen eigensinnigen Mann

hast?"

"Nein, Rudolf; nur, daß du Nesis rechter Vater bist!"

"Und du, Ines?"

"Hab nur Geduld;--ich werde schon dein rechtes Weib! Aber--"

"Ist doch noch ein Aber da?"

"Kein böses, Rudolf!--Aber--wenn einst die Zeit dahin ist--denn einmal

kommt ja doch das Ende--wenn wir alle dort sind, woran du keinen Glauben

hast, aber vielleicht doch eine Hoffnung--, wohin sie uns vorangegangen

ist, dann"--und sie hob sich zu ihm empor und schlang beide Hände um

seinen Nacken--"Schüttle mich nicht ab, Rudolf! Versuch es nicht; ich

lasse doch nicht von dir!"

Er schloß sie fest in seine Arme und sagte: "Laß uns das Nächste tun; das

ist das Beste, was ein Mensch sich selbst und andern lehren kann."

"Und da wäre?" fragte sie.

"Leben, Ines; so schön und lange, wie wir es vermögen!"

Da hörten sie Kinderstimmen von der Pforte her; kleine, zum Herzen

dringende Laute, die noch keine Worte waren, und ein helles "Hü!" und

"Hott!" von Nesis kräftiger Stimme. Und unter dem Vorspann des getreuen

Nero, behütet von der alten Dienerin, hielt die fröhliche Zukunft des

Hauses ihren Einzug in den Garten der Vergangenheit.

Ende dieses Projekt Gutenberg Etextes Viola Tricolor, von Theodor Storm.

Viola Tricolor · 第 6 / 6 题