Nun blieb sie stehen und fragte: "Was ist das für eine Pforte, Nesi?"

--"Zu Großmutters Garten!"

"Zu Großmutters Garten?--Deine Großeltern sind doch schon lange tot!"

"Ja, schon lange, lange."

"Und wem gehört denn jetzt der Garten?"

--"Uns!" sagte das Kind, als verstehe sich das von selbst.

Ines bog ihren schönen Kopf unter das Gesträuch und begann an der eisernen

Klinke der Tür zu rütteln; Nesi stand schweigend dabei, als wolle sie den

Erfolg dieser Bemühungen abwarten.

"Aber er ist ja verschlossen!" rief die junge Frau, indem sie abließ und

mit dem Schnupftuch den Rost von ihren Fingern wischte. "Ist es der wüste

Garten, den man aus Vaters Stubenfenster sieht?"

Das Kind nickte.

--"Horch nur, wie drüben die Vögel singen!"

Inzwischen war die alte Dienerin in den Garten getreten. Als sie die

Stimmen der beiden von der Mauer her vernahm, beeilte sie sich, in ihre

Nähe zu kommen. "Es ist Besuch drinnen", meldete sie.

Ines legte freundlich ihre Hand an Nesis Wange. "Vater ist ein schlechter

Gärtner", sagte sie im Fortgehen, "da müssen wir beide noch hinein und

Ordnung schaffen."

--Im Hause kam Rudolf ihr entgegen.

"Du weißt, das Müllersche Quartett spielt heute abend", sagte er, "die

Doktorsleute sind da und wollen uns vor Unterlassungssünden warnen."

Als sie zu den Gästen in die Stube getreten waren, entspann sich ein

langes, lebhaftes Gespräch über Musik; dann kamen häusliche Geschäfte,

die noch besorgt werden mußten. Der wüste Garten war für heut vergessen.

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Am Abend war das Konzert.--Die großen Toten, Haydn und Mozart, waren an

den Hörern vorübergezogen, und eben verklang auch der letzte Akkord von

Beethovens c-Moll-Quartett, und statt der feierlichen Stille, in der

allein die Töne auf und nieder glänzten, rauschte jetzt das Geplauder

der fortdrängenden Zuhörer durch den weiten Raum.

Rudolf stand neben dem Stuhle seiner jungen Frau. "Es ist aus, Ines",

sagte er, sich zu ihr niederbeugend, "oder hörst du noch immer etwas?"

Sie saß noch wie horchend, ihre Augen nach dem Podium gerichtet, auf dem

nur noch die leeren Pulte standen. Jetzt reichte sie ihrem Manne die Hand.

"Laß uns heimgehen, Rudolf", sagte sie aufstehend.

An der Tür wurden sie von ihrem Hausarzte und dessen Frau aufgehalten, den

einzigen Menschen, mit denen Ines bis jetzt in einen näheren Verkehr

getreten war.

"Nun?" sagte der Doktor und nickte ihnen mit dem Ausdruck innerster

Befriedigung zu. "Aber kommen Sie mit uns, es ist ja auf dem Wege; nach

so etwas muß man noch ein Stündchen zusammensitzen."

Rudolf wollte schon mit heiterer Zustimmung antworten, als er sich leise

am Ärmel gezupft fühlte und die Augen seiner Frau mit dem Ausdrucke

dringenden Bittens auf sich gerichtet sah. Er verstand sie wohl. "Ich

verweise die Entscheidung an die höhere Instanz", sagte er scherzend.

Und Ines wußte unerbittlich den nicht so leicht zu besiegenden Doktor auf

einen andern Abend zu vertrösten.

Als sie am Hause ihrer Freunde sich von diesen verabschiedet hatten,

atmete sie auf wie befreit.

"Was hast du heute gegen unsere lieben Doktorsleute?" fragte Rudolf.

Sie drückte sich fest in den Arm ihres Mannes. "Nichts", sagte sie, "aber

es war so schön heute abend; ich muß nun ganz mit dir allein sein."

Sie schritten rascher ihrem Hause zu.

"Sieh nur", sagte er, "im Wohnzimmer unten ist schon Licht, unsere alte

Anne wird den Teetisch schon gerüstet haben. Du hattest recht, daheim ist

doch noch besser als bei andern."

Sie nickte nur und drückte ihm still die Hand.--Dann traten sie in ihr

Haus; lebhaft öffnete sie die Stubentür und schlug die Vorhänge zurück.

Auf dem Tische, wo einst die Vase von den Rosen gestanden hatte, brannte

jetzt eine große Bronzelampe und beleuchtete einen schwarzhaarigen

Kinderkopf, der schlafend auf die mageren Ärmchen hingesunken war; die

Ecken eines Bilderbuches ragten nur eben darunter hervor.

Die junge Frau blieb wie erstarrt in der Tür stehen; das Kind war ganz aus

ihrem Gedankenkreise verschwunden gewesen. Ein Zug herber Enttäuschung

flog um ihre schönen Lippen. "Du, Nesi!" stieß sie hervor, als ihr Mann

sie vollends in das Zimmer hineingeführt hatte. "Was machst du denn noch

hier?"

Nesi erwachte und sprang auf. "Ich wollte auf euch warten", sagte sie,

indem sie halb lächelnd mit der Hand über ihre blinzelnden Augen fuhr.

"Das ist unrecht von Anne; du hättest längst zu Bette sein sollen."

Ines wandte sich ab und trat an das Fenster; sie fühlte, wie ihr die

Tränen aus den Augen quollen. Ein unentwirrbares Gemisch von bitteren

Gefühlen wühlte in ihrer Brust; Heimweh, Mitleid mit sich selber, Reue

über ihre Lieblosigkeit gegen das Kind des geliebten Mannes; sie wußte

selber nicht, was alles jetzt sie überkam; aber--und mit der Wollust und

der Ungerechtigkeit des Schmerzes sprach sie es sich selber vor--das war

es: ihrer Ehe fehlte die Jugend, und sie selber war doch noch so jung!

Als sie sich umwandte, war das Zimmer leer.--Wo war die schöne Stunde, auf

die sie sich gefreut?--Sie dachte nicht daran, daß sie sie selbst

verscheucht hatte.--Das Kind, welches mit fast erschreckten Augen dem ihm

unverständlichen Vorgange zugesehen hatte, war von dem Vater still

hinausgeführt worden.

"Geduld!" sprach er zu sich selber, als er, den Arm um Nesi geschlungen,

mit ihr die Treppe hinaufstieg; und auch er, in einem andern Sinne, setzte

hinzu: "Sie ist ja noch so jung."

Eine Kette von Gedanken und Plänen tauchte in ihm auf; mechanisch öffnete

er das Zimmer, wo Nesi mit der alten Anne schlief und in dem sie von

dieser schon erwartet wurde. Er küßte sie und sprach: "Ich werde Mama von

dir gute Nacht sagen." Dann wollte er zu seiner Frau hinabgehen; aber er

kehrte wieder um und trat am Ende des Korridors in sein Studierzimmer.

Auf dem Aufsatze des Schreibtisches stand eine kleine Bronzelampe aus

Pompeji, die er kürzlich erst erworben und versucheshalber mit Öl gefüllt

hatte; er nahm sie herab, zündete sie an und stellte sie wieder an ihren

Ort unter das Bildnis der Verstorbenen; ein Glas mit Blumen, das auf der

Platte des Tisches gestanden, setzte er daneben. Er tat dies fast

gedankenlos; nur, als müsse er auch seinen Händen zu tun geben, während es

ihm in Kopf und Herzen arbeitete. Dann trat er dicht daneben an das

Fenster und öffnete beide Flügel desselben.

Der Himmel war voll Wolken; das Licht des Mondes konnte nicht

herabgelangen. Drunten in dem kleinen Garten lag das wuchernde Gesträuch

wie eine dunkle Masse; nur dort, wo zwischen schwarzen pyramidenförmigen

Koniferen der Steig zur Rohrhütte führte, schimmerte zwischen ihnen der

weiße Kies hindurch.

Und aus der Phantasie des Mannes, der in diese Einsamkeit hinabsah, trat

eine liebliche Gestalt, die nicht mehr den Lebenden angehörte; er sah sie

unten auf dem Steige wandeln, und ihm war, als gehe er an ihrer Seite.

"Laß dein Gedächtnis mich zur Liebe stärken", sprach er; aber die Tote

antwortete nicht; sie hielt den schönen, bleichen Kopf zur Erde geneigt;

er fühlte mit süßem Schauder ihre Nähe, aber Worte kamen nicht von ihr.

Da bedachte er sich, daß er hier oben ganz allein stehe. Er glaubte an

den vollen Ernst des Todes; die Zeit, wo sie gewesen, war vorüber.--Aber

unter ihm lag noch wie einst der Garten ihrer Eltern; von seinen Büchern

durch das Fenster sehend, hatte er dort zuerst das kaum fünfzehnjährige

Mädchen erblickt; und das Kind mit den blonden Flechten hatte dem ernsten

Manne die Gedanken fortgenommen, immer mehr, bis sie zuletzt als Frau die

Schwelle seines Hauses überschritten und ihm alles und noch mehr

zurückgebracht hatte.--Jahre des Glückes und freudigen Schaffens waren mit

ihr eingezogen; den kleinen Garten aber, als die Eltern früh verstorben

waren und das Haus verkauft wurde, hatten sie behalten und durch eine

Pforte in der Grenzmauer mit dem großen Garten ihres Hauses verbunden.

Fast verborgen war schon damals diese Pforte unter hängendem Gesträuch,

das sie ungehindert wachsen ließen; denn sie gingen durch dieselbe in den

fraulichsten Ort ihres Sommerlebens, in welchen selbst die Freunde des

Hauses nur selten hineingelassen wurden.--In der Rohrhütte, in welcher er

einst von seinem Fenster aus die jugendliche Geliebte über ihren

Schularbeiten belauscht hatte, saß jetzt zu den Füßen der blonden Mutter

ein Kind mit dunkeln, nachdenklichen Augen; und wenn er nun den Kopf von

seiner Arbeit wandte, so tat er einen Blick in das vollste Glück des

Menschenlebens.--Aber heimlich hatte der Tod sein Korn hineingeworfen. Es

war in den ersten Tagen eines Junimondes, da trug man das Bett der schwer

Erkrankten aus dem daranliegenden Schlafgemach in das Arbeitszimmer ihres

Mannes; sie wollte die Luft noch um sich haben, die aus dem Garten ihres

Glückes durch das offene Fenster wehte. Der große Schreibtisch war

beiseite gestellt; seine Gedanken waren nun alle nur bei ihr.--Draußen war

ein unvergleichlicher Frühling aufgegangen; ein Kirschbaum stand mit

Blüten überschneit. In unwillkürlichem Drange hob er die leichte Gestalt

aus den Kissen und trug sie an das Fenster. "Oh, sieh es noch einmal!

Wie schön ist doch die Welt!"

Aber sie wiegte leise ihren Kopf und sagte: "Ich sehe es nicht mehr."-Und

bald kam es, da wußte er das Flüstern, welches aus ihrem Munde brach,

nicht mehr zu deuten. Immer schwächer glimmte der Funken; nur ein

schmerzliches Zucken bewegte noch die Lippen, hart und stöhnend im Kampfe

um das Leben ging der Atem. Aber es wurde leiser, immer leiser, zuletzt

süß wie Bienengetön. Dann noch einmal war's, als wandle ein blauer

Lichtstrahl durch die offenen Augen; und dann war Frieden.

"Gute Nacht, Marie!"--Aber sie hörte es nicht mehr.--Noch ein Tag, und

die stille, edle Gestalt lag unten in dem großen, dämmerigen Gemach in

ihrem Sarge. Die Diener des Hauses traten leise auf; drinnen stand er

neben seinem Kinde, das die alte Anne an der Hand hielt.

"Nesi", sagte diese, "du fürchtest dich doch nicht?"

Und das Kind, von der Erhabenheit des Todes angeweht, antwortete: "Nein,

Anne, ich bete."

Dann kam der allerletzte Gang, welcher noch mit ihr zu gehen ihm vergönnt

war; nach ihrer beider Sinn ohne Priester und Glockenklang, aber in der

heiligen Morgenfrühe, die ersten Lerchen stiegen eben in die Luft.

Das war vorüber; aber er besaß sie noch in seinem Schmerze; wenn auch

ungesehen, sie lebte noch mit ihm. Doch unbemerkt entschwand auch dies;

er suchte sie oft mit Angst, aber immer seltener wußte er sie zu finden.

Nun erst schien ihm sein Haus unheimlich leer und öde; in den Winkeln saß

eine Dämmerung, die früher nicht dort gesessen hatte; es war so seltsam

anders um ihn her; und sie war nirgends.--Der Mond war aus dem

Wolkendunst hervorgetreten und beleuchtete hell die unten liegende

Gartenwildnis. Er stand noch immer an derselben Stelle, den Kopf gegen

das Fensterkreuz gelehnt; aber seine Augen sahen nicht mehr, was draußen

war.

Da öffnete sich hinter ihm die Tür, und eine Frau von dunkler Schönheit

trat herein.

Das leise Rauschen ihres Kleides hatte den Weg zu seinem Ohr gefunden; er

wandte den Kopf und sah sie forschend an.

"Ines!" rief er; er stieß das Wort hervor, aber er ging ihr nicht entgegen.

Viola Tricolor · 第 4 / 6 题