Sie blickte innig zu ihm auf. "Aber du--willst du nicht bei mir bleiben?"

--"Ich hole dir das Beste von den Schätzen unseres Hauses."

"Ja, ja, Rudolf, deine Agnes! Wo war sie denn vorhin?"

Er hatte das Zimmer schon verlassen. Den Augen des Vaters war es nicht

entgangen, daß bei ihrer Ankunft Nesi sich hinter der alten Anne versteckt

gehalten hatte; nun, da er sie wie verloren draußen auf dem Hausflur

stehen fand, hob er sie auf beiden Armen in die Höhe und trug sie so in

das Zimmer.

--"Und hier hast du die Nesi!" sagte er und legte das Kind zu den Füßen

der schönen Stiefmutter auf den Teppich; dann, als habe er Weiteres zu

besorgen, ging er hinaus; er wollte die beiden allein sich finden lassen.

Nesi richtete sich langsam auf und stand nun schweigend vor der jungen

Frau; beide sahen sich unsicher und prüfend in die Augen. Letztere, die

wohl ein freundliches Entgegenkommen als selbstverständlich vorausgesetzt

haben mochte, faßte endlich die Hände des Mädchens und sagte ernst: "Du

weißt doch, daß ich jetzt deine Mutter bin, wollen wir uns nicht liebhaben,

Agnes?" Nesi blickte zur Seite.

"Ich darf aber doch Mama sagen?" fragte sie schüchtern.

--"Gewiß, Agnes; sag, was du willst, Mama oder Mutter, wie es dir gefällt!"

Das Kind sah verlegen zu ihr auf und erwiderte beklommen: "Mama könnte ich

gut sagen!"

Die junge Frau warf einen raschen Blick auf sie und heftete ihre dunkeln

Augen in die noch dunkleren des Kindes. "Mama; aber nicht Mutter?" fragte

sie.

"Meine Mutter ist ja tot", sagte Nesi leise.

In unwillkürlicher Bewegung stießen die Hände der jungen Frau das Kind

zurück; aber sie zog es gleich und heftig wieder an ihre Brust.

"Nesi", sagte sie, "Mutter und Mama ist ja dasselbe!"

Nesi aber erwiderte nichts; sie hatte die Verstorbene immer nur Mutter

genannt.

--Das Gespräch war zu Ende. Der Hausherr war wieder eingetreten, und da

er sein Töchterchen in den Armen seiner jungen Frau erblickte, lächelte er

zufrieden.

"Aber jetzt komm", sagte er heiter, indem er der letzteren seine Hand

entgegenstreckte, "und nimm als Herrin Besitz von allen Räumen dieses

Hauses!"

Und sie gingen miteinander fort; durch die Zimmer des unteren Hauses,

durch Küche und Keller, dann die breite Treppe hinauf in einen großen Saal

und in die kleineren Stuben und Kammern, die nach beiden Seiten der Treppe

auf den Korridor hinausgingen.

Der Abend dunkelte schon; die junge Frau hing immer schwerer an dem Arm

ihres Mannes, es war fast, als sei mit jeder Tür, die sich vor ihr

geöffnet, eine neue Last auf ihre Schultern gefallen; immer einsilbiger

wurden seine froh hervorströmenden Worte erwidert. Endlich, da sie vor

der Tür seines Arbeitszimmers standen, schwieg auch er und hob den schönen

Kopf zu sich empor, der stumm an seiner Schulter lehnte.

"Was ist dir, Ines?" sagte er, "du freust dich nicht!"

"O doch, ich freue mich!"

"So komm!"

Als er die Tür geöffnet hatte, schien ihnen ein mildes Licht entgegen.

Durch das westliche Fenster leuchtete der Schein des Abendgoldes, das

drüben jenseits der Büsche des kleinen Gartens stand.--In diesem Lichte

blickte das schöne Bild der Toten von der Wand herab; darunter auf dem

matten Gold des Rahmens lag wie glühend die frische rote Rose.

Die junge Frau griff unwillkürlich mit der Hand nach ihrem Herzen und

starrte sprachlos auf das süße lebensvolle Bild. Aber schon hatten die

Arme ihres Mannes sie fest umfangen.

"Sie war einst mein Glück", sagte er; "sei du es jetzt!"

Sie nickte, aber sie schwieg und rang nach Atem. Ach, diese Tote lebte

noch, und für sie beide war doch nicht Raum in einem Hause!

Wie zuvor, da Nesi hier gewesen, tönte jetzt wieder aus dem großen, zu

Norden belegenen Garten die mächtige Stimme eines Hundes.

Mit sanfter Hand wurde die junge Frau von ihrem Gatten an das dorthinaus

liegende Fenster geführt. "Sieh einmal hier hinab!" sagte er.

Drunten auf dem Steige, der um den großen Rasen führte, saß ein schwarzer

Neufundländer; vor ihm stand Nesi und beschrieb mit einer ihrer schwarzen

Flechten einen immer engeren Kreis um seine Nase. Dann warf der Hund den

Kopf zurück und bellte, und Nesi lachte und begann das Spiel von neuem.

Auch der Vater, der diesem kindischen Treiben zusah, mußte lächeln; aber

die junge Frau an seiner Seite lächelte nicht, und wie eine trübe Wolke

flog es über ihn hin. "Wenn es die Mutter wäre!" dachte er; laut aber

sagte er: "Das ist unser Nero, den mußt du auch noch kennenlernen, Ines;

der und Nesi sind gute Kameraden, sogar vor ihren Puppenwagen läßt sich

das Ungeheuer spannen."

Sie blickte zu ihm auf. "Hier ist so viel, Rudolf", sagte sie wie

zerstreut, "wenn ich nur durchfinde!"

--"Ines, du träumst! Wir und das Kind, der Hausstand ist ja so klein wie

möglich."

"Wie möglich?" wiederholte sie tonlos, und ihre Augen folgten dem Kinde,

das jetzt mit dem Hunde um den Rasen jagte; dann plötzlich, wie in Angst

zu ihrem Mann emporsehend, schlang sie die Arme um seinen Hals und bat:

"Halte mich fest, hilf mir! Mir ist so schwer."

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Wochen, Monate waren vergangen.--Die Befürchtungen der jungen Frau schienen

sich nicht zu verwirklichen; wie von selber ging die Wirtschaft unter ihrer

Hand. Die Dienerschaft fügte sich gern ihrem zugleich freundlichen und

vornehmen Wesen, und auch wer von außen hinzutrat, fühlte, daß jetzt wieder

eine dem Hausherrn ebenbürtige Frau im Innern walte. Für die schärfer

blickenden Augen ihres Mannes freilich war es anders; er erkannte nur zu

sehr, daß sie mit den Dingen seines Hauses wie mit Fremden verkehre, woran

sie keinen Teil habe, das als gewissenhafte Stellvertreterin sie nur um

desto sorgsamer verwalten müsse. Es konnte den erfahrenen Mann nicht

beruhigen, wenn sie sich zuweilen mit heftiger Innigkeit in seine Arme

drängte, als müsse sie sich versichern, daß sie ihm, er ihr gehöre.

Auch zu Nesi hatte ein näheres Verhältnis sich nicht gebildet. Eine

innere Stimme--der Liebe und der Klugheit--gebot der jungen Frau, mit dem

Kinde von seiner Mutter zu sprechen, an die es die Erinnerung so lebendig,

seit die Stiefmutter ins Haus getreten war, so hartnäckig bewahrte.

Aber--das war es ja! Das süße Bild, das droben in ihres Mannes Zimmer

hing--selbst ihre inneren Augen vermieden, es zu sehen. Wohl hatte sie

mehrmals schon den Mut gefaßt; sie hatte das Kind mit beiden Händen an

sich gezogen, dann aber war sie verstummt; ihre Lippen hatten ihr den

Dienst versagt, und Nesi, deren dunkle Augen bei solcher herzlichen

Bewegung freudig aufgeleuchtet, war traurig wieder fortgegangen. Denn

seltsam, sie sehnte sich nach der Liebe dieser schönen Frau; ja, wie

Kinder pflegen, sie betete sie im stillen an. Aber ihr fehlte die Anrede,

die der Schlüssel jedes herzlichen Gespräches ist; das eine--so war

ihr--durfte sie, das andere konnte sie nicht sagen.

Auch dieses letzte Hemmnis fühlte Ines, und da es das am leichtesten zu

beseitigende schien, so kehrten ihre Gedanken immer wieder auf diesen

Punkt zurück.

So saß sie eines Nachmittags neben ihrem Mann im Wohnzimmer und blickte in

den Dampf, der leise singend aus der Teemaschine aufstieg.

Rudolf, der eben seine Zeitung durchgelesen hatte, ergriff ihre Hand. "Du

bist so still, Ines; du hast mich heute nicht ein einzig Mal gestört!"

"Ich hätte wohl etwas zu sagen", erwiderte sie zögernd, indem sie ihre

Hand aus der seinen löste.

--"So sag es denn!"

Aber sie schwieg noch eine Weile.

--"Rudolf", sagte sie endlich, "laß dein Kind mich Mutter nennen!"

--"Und tut sie denn das nicht?"

Sie schüttelte den Kopf und erzählte ihm, was am Tage ihrer Ankunft

vorgefallen war.

Er hörte ihr ruhig zu. "Es ist ein Ausweg", sagte er dann, "den hier die

Kinderseele unbewußt gefunden hat. Wollen wir ihn nicht dankbar gelten

lassen?"

Die junge Frau antwortete nicht darauf, sie sagte nur: "So wird das Kind

mir niemals nahekommen."

Er wollte wieder ihre Hand fassen, aber sie entzog sie ihm.

"Ines", sagte er, "verlange nur nichts, was die Natur versagt; von Nesi

nicht, daß sie dein Kind, und nicht von dir, daß du ihre Mutter seist!"

Die Tränen brachen ihr aus den Augen. "Aber, ich soll doch ihre Mutter

sein", sagte sie fast heftig.

--"Ihre Mutter? Nein, Ines, das sollst du nicht."

"Was soll ich denn, Rudolf?"

--Hätte sie die naheliegende Antwort auf diese Frage jetzt verstehen

können, sie würde sie sich selbst gegeben haben. Er fühlte das und sah

ihr sinnend in die Augen, als müsse er dort die helfenden Worte finden.

"Bekenn es nur!" sagte sie, sein Schweigen mißverstehend, "darauf hast du

keine Antwort."

"O Ines!" rief er. "Wenn erst aus deinem eigenen Blut ein Kind auf deinem

Schoße liegt!"

Sie machte eine abwehrende Bewegung; er aber sagte: "Die Zeit wird kommen,

und du wirst fühlen, wie das Entzücken, das aus deinem Auge bricht, das

erste Lächeln deines Kindes weckt und wie es seine kleine Seele zu dir

zieht.--Auch über Nesi haben einst zwei selige Augen so geleuchtet; dann

schlang sie den kleinen Arm um einen Nacken, der sich zu ihr niederbeugte,

und sagte: "Mutter!"--Zürne nicht mit ihr, daß sie es zu keiner andern auf

der Welt mehr sagen kann!"

Ines hatte seine Worte kaum gehört; ihre Gedanken verfolgten nur den einen

Punkt. "Wenn du sagen kannst: Sie ist ja nicht dein Kind, warum sagst du

denn nicht auch: Du bist ja nicht mein Weib!"

Und dabei blieb es. Was gingen sie seine Gründe an!

Er zog sie an sich; er suchte sie zu beruhigen; sie küßte ihn und sah ihn

durch Tränen lächelnd an; aber geholfen war ihr damit nicht.-Als Rudolf

sie verlassen hatte, ging sie hinaus in den großen Garten. Bei ihrem

Eintritt sah sie Nesi mit einem Schulbuche in der Hand um den breiten

Rasen wandern, aber sie wich ihr aus und schlug einen Seitenweg ein, der

zwischen Gebüsch an der Gartenmauer entlangführte.

Dem Kinde war beim flüchtigen Aufblick der Ausdruck von Trauer in den

schönen Augen der Stiefmutter nicht entgangen, und wie magnetisch

nachgezogen, immer lernend und ihre Lektion vor sich her murmelnd, war

auch sie allmählich in jenen Steig geraten.

Ines stand eben vor einer in der hohen Mauer befindlichen Pforte, die von

einem Schlinggewächs mit lila Blüten fast verhangen war. Mit abwesenden

Blicken ruhten ihre Augen darauf, und sie wollte schon ihre stille

Wanderung wieder beginnen, als sie das Kind sich entgegenkommen sah.

Viola Tricolor · 第 3 / 6 题