Novelle (1873)

Es war sehr still in dem großen Hause; aber selbst auf dem Flur spürte man

den Duft von frischen Blumensträußen. Aus einer Flügeltür, der breiten,

in das Oberhaus hinaufführenden Treppe gegenüber, trat eine alte, sauber

gekleidete Dienerin. Mit einer feierlichen Selbstzufriedenheit drückte

sie hinter sich die Tür ins Schloß und ließ dann ihre grauen Augen an den

Wänden entlangstreifen, als wolle sie auch hier jedes Stäubchen noch einer

letzten Musterung unterziehen; aber sie nickte beifällig und warf dann

einen Blick auf die alte englische Hausuhr, deren Glockenspiel eben zum

zweitenmal seinen Satz abgespielt hatte.

"Schon halb!" murmelte die Alte, "und um acht, so schrieb der Herr

Professor, wollten die Herrschaften da sein!"

Hierauf griff sie in ihrer Tasche nach einem großen Schlüsselbund und

verschwand dann in den hinteren Räumen des Hauses.--Und wieder wurde es

still; nur der Perpendikelschlag der Uhr tönte durch den geräumigen Flur

und in das Treppenhaus hinauf; durch das Fenster über der Haustür fiel

noch ein Strahl der Abendsonne und blinkte auf den drei vergoldeten

Knöpfen, welche das Uhrgehäuse krönten.

Dann kamen von oben herab kleine leichte Schritte, und ein etwa

zehnjähriges Mädchen erschien auf dem Treppenabsatz. Auch sie war frisch

und festlich angetan; das rot und weiß gestreifte Kleid stand ihr gut zu

dem bräunlichen Gesichtchen und den glänzend schwarzen Haarflechten. Sie

legte den Arm auf das Geländer und das Köpfchen auf den Arm und ließ sich

so langsam hinabgleiten, während ihre dunkeln Augen träumerisch auf die

gegenüberliegende Zimmertür gerichtet waren.

Einen Augenblick stand sie horchend auf dem Flur; dann drückte sie leise

die Tür des Zimmers auf und schlüpfte durch die schweren Vorhänge hinein.

--Es war schon dämmerig hier, denn die beiden Fenster des tiefen Raumes

gingen auf eine von hohen Häusern eingeengte Straße; nur seitwärts über

dem Sofa leuchtete wie Silber ein venezianischer Spiegel auf der

dunkelgrünen Sammettapete. In dieser Einsamkeit schien er nur dazu

bestimmt, das Bild eines frischen Rosenstraußes zurückzugeben, der in

einer Marmorvase auf dem Sofatische stand. Bald aber erschien in seinem

Rahmen auch das dunkle Kinderköpfchen. Auf den Zehen war die Kleine über

den weichen Fußteppich herangeschlichen; und schon griffen die schlanken

Finger hastig zwischen die Stengel der Blumen, während ihre Augen nach der

Tür zurückflogen. Endlich war es ihr gelungen, eine halberschlossene

Moosrose aus dem Strauße zu lösen; aber sie hatte bei ihrer Arbeit der

Dornen nicht geachtet, und ein roter Blutstropfen rieselte über ihren Arm.

Rasch--denn er wäre fast in das Muster der kostbaren Tischdecke

gefallen--sog sie ihn mit ihren Lippen auf; dann, leise, wie sie gekommen,

die geraubte Rose in der Hand, schlüpfte sie wieder durch die Türvorhänge

auf den Flur hinaus. Nachdem sie auch hier noch einmal gehorcht hatte,

flog sie die Treppe wieder hinauf, die sie zuvor herabgekommen war, und

droben weiter einen Korridor entlang, bis an die letzte Tür desselben.

Einen Blick noch warf sie durch eines der Fenster, vor dem im Abendschein

die Schwalben kreuzten; dann drückte sie die Klinke auf.

Es war das Studierzimmer ihres Vaters, das sie sonst in seiner Abwesenheit

nicht zu betreten pflegte; nun war sie ganz allein zwischen den hohen

Repositorien, die mit ihren unzähligen Büchern so ehrfurchtgebietend

umherstanden. Als sie zögernd die Tür hinter sich zugedrückt hatte, wurde

unter einem zur Linken von derselben befindlichen Fenster der mächtige

Anschlag eines Hundes laut. Ein Lächeln flog über die ernsten Züge des

Kindes; sie ging rasch an das Fenster und blickte hinaus. Drunten

breitete sich der große Garten des Hauses in weiten Rasen- und

Gebüschpartien aus; aber ihr vierbeiniger Freund schien schon andere Wege

eingeschlagen zu haben; sosehr sie spähte, nichts war zu entdecken. Und

wie Schatten fiel es allmählich wieder über das Gesicht des Kindes; sie

war ja zu was anderem hergekommen; was ging sie jetzt der Nero an!

Nach Westen hinaus, der Tür, durch welche sie eingetreten, gegenüber,

hatte das Zimmer noch ein zweites Fenster. An der Wand daneben, so daß

das Licht dem daran Sitzenden zur Hand fiel, befand sich ein großer

Schreibtisch mit dem ganzen Apparat eines gelehrten Altertumsforschers;

Bronzen und Terrakotten aus Rom und Griechenland, kleine Modelle antiker

Tempel und Häuser und andere dem Schutt der Vergangenheit entstiegene

Dinge, füllten fast den ganzen Aufsatz desselben. Darüber aber, wie aus

blauen Frühlingslüften heraustretend, hing das lebensgroße Brustbild einer

jungen Frau; gleich einer Krone der Jugend lagen die goldblonden Flechten

über der klaren Stirn.--"Holdselig", dies veraltete Wort hatten ihre

Freunde für sie wieder hervorgesucht--einst, da sie noch an der Schwelle

dieses Hauses mit ihrem Lächeln die Eintretenden begrüßte.--Und so blickte

sie noch jetzt im Bilde mit ihren blauen Kinderaugen von der Wand herab;

nur um den Mund spielte ein leichter Zug von Wehmut, den man im Leben

nicht an ihr gesehen hatte. Der Maler war auch derzeit wohl darum

gescholten worden; später, da sie gestorben, schien es allen recht zu sein.

Das kleine schwarzhaarige Mädchen kam mit leisen Schritten näher; mit

leidenschaftlicher Innigkeit hingen ihre Augen an dem schönen Bildnis.

"Mutter, meine Mutter!" sprach sie flüsternd; doch so, als wolle mit den

Worten sie sich zu ihr drängen.

Das schöne Antlitz schaute, wie zuvor, leblos von der Wand herab; sie aber

kletterte, behend wie eine Katze, über den davor stehenden Sessel auf den

Schreibtisch und stand jetzt mit trotzig aufgeworfenen Lippen vor dem

Bilde, während ihre zitternden Hände die geraubte Rose hinter der unteren

Leiste des Goldrahmens zu befestigen suchten. Als ihr das gelungen war,

stieg sie rasch wieder zurück und wischte mit ihrem Schnupftuch sorgsam

die Spuren ihrer Füßchen von der Tischplatte.

Aber es war, als könne sie jetzt aus dem Zimmer, das sie zuvor so scheu

betreten hatte, nicht wieder fortfinden; nachdem sie schon einige Schritte

nach der Tür getan hatte, kehrte sie wieder um; das westliche Fenster

neben dem Schreibtische schien diese Anziehungskraft auf sie zu üben.

Auch hier lag unten ein Garten, oder richtiger: eine Gartenwildnis. Der

Raum war freilich klein; denn wo das wuchernde Gebüsch sie nicht verdeckte,

war von allen Seiten die hohe Umfassungsmauer sichtbar. An dieser, dem

Fenster gegenüber, befand sich, in augenscheinlichem Verfall, eine offene

Rohrhütte; davor, von dem grünen Gespinste einer Klematis fast bedeckt,

stand noch ein Gartenstuhl. Der Hütte gegenüber mußte einst eine Partie

von hochstämmigen Rosen gewesen sein; aber sie hingen jetzt wie verdorrte

Reiser an den entfärbten Blumenstöcken, während unter ihnen mit unzähligen

Rosen bedeckte Zentifolien ihre fallenden Blätter auf Gras und Kraut

umherstreuten.

Die Kleine hatte die Arme auf die Fensterbank und das Kinn in ihre beiden

Hände gestützt und schaute mit sehnsüchtigen Augen hinab.

Drüben in der Rohrhütte flogen zwei Schwalben aus und ein; sie mußten wohl

ihr Nest darin gebaut haben. Die andern Vögel waren schon zur Ruhe

gegangen; nur ein Rotbrüstchen sang dort noch herzhaft von dem höchsten

Zweige des abgeblühten Goldregens und sah das Kind mit seinen schwarzen

Augen an.--"Nesi, wo steckst du denn?" sagte sanft eine alte Stimme,

während eine Hand sich liebkosend auf das Haupt des Kindes legte. Die

alte Dienerin war unbemerkt hereingetreten. Das Kind wandte den Kopf und

sah sie mit einem müden Ausdruck an. "Anne", sagte es, "wenn ich nur

einmal wieder in Großmutters Garten dürfte!"

Die Alte antwortete nicht darauf; sie kniff nur die Lippen zusammen und

nickte ein paarmal wie zur Besinnung. "Komm, komm!" sagte sie dann. "Wie

siehst du aus! Gleich werden sie da sein, dein Vater und deine neue

Mutter!" Damit zog sie das Kind in ihre Arme und strich und zupfte ihr

Haar und Kleider zurecht.--"Nein, nein, Neschen! Du darfst nicht weinen;

es soll eine gute Dame sein, und schön, Nesi; du siehst ja gern die

schönen Leute!"

In diesem Augenblick tönte das Rasseln eines Wagens von der Straße herauf.

Das Kind zuckte zusammen; die Alte aber faßte es bei der Hand und zog es

rasch mit sich aus dem Zimmer. Sie kamen noch früh genug, um den Wagen

vorfahren zu sehen; die beiden Mägde hätten schon die Haustür

aufgeschlagen.--Das Wort der alten Dienerin schien sich zu bestätigen.

Von einem etwa vierzigjährigen Manne, in dessen ernsten Zügen man Nesis

Vater leicht erkannte, wurde eine junge schöne Frau aus dem Wagen gehoben.

Ihr Haar und ihre Augen waren fast so dunkel wie die des Kindes, dessen

Stiefmutter sie geworden war; ja man hätte sie, flüchtig angesehen, für

die rechte halten können, wäre sie dazu nicht zu jung gewesen. Sie grüßte

freundlich, während ihre Augen wie suchend umherblickten; aber ihr Mann

führte sie rasch ins Haus und in das untere Zimmer, wo sie von dem

frischen Rosenduft empfangen wurde.

"Hier werden wir zusammen leben", sagte er, indem er sie in einen weichen

Sessel niederdrückte, "verlaß dies Zimmer nicht, ohne hier die erste Ruhe

in deinem neuen Heim gefunden zu haben!"

Viola Tricolor · 第 2 / 6 题