Es war sehr still in dem großen Hause; aber selbst auf dem Flur spürte man
den Duft von frischen Blumensträußen. Aus einer Flügeltür, der breiten,
in das Oberhaus hinaufführenden Treppe gegenüber, trat eine alte, sauber
gekleidete Dienerin. Mit einer feierlichen Selbstzufriedenheit drückte
sie hinter sich die Tür ins Schloß und ließ dann ihre grauen Augen an den
Wänden entlangstreifen, als wolle sie auch hier jedes Stäubchen noch einer
letzten Musterung unterziehen; aber sie nickte beifällig und warf dann
einen Blick auf die alte englische Hausuhr, deren Glockenspiel eben zum
zweitenmal seinen Satz abgespielt hatte.
"Schon halb!" murmelte die Alte, "und um acht, so schrieb der Herr
Professor, wollten die Herrschaften da sein!"
Hierauf griff sie in ihrer Tasche nach einem großen Schlüsselbund und
verschwand dann in den hinteren Räumen des Hauses.--Und wieder wurde es
still; nur der Perpendikelschlag der Uhr tönte durch den geräumigen Flur
und in das Treppenhaus hinauf; durch das Fenster über der Haustür fiel
noch ein Strahl der Abendsonne und blinkte auf den drei vergoldeten
Knöpfen, welche das Uhrgehäuse krönten.
Dann kamen von oben herab kleine leichte Schritte, und ein etwa
zehnjähriges Mädchen erschien auf dem Treppenabsatz. Auch sie war frisch
und festlich angetan; das rot und weiß gestreifte Kleid stand ihr gut zu
dem bräunlichen Gesichtchen und den glänzend schwarzen Haarflechten. Sie
legte den Arm auf das Geländer und das Köpfchen auf den Arm und ließ sich
so langsam hinabgleiten, während ihre dunkeln Augen träumerisch auf die
gegenüberliegende Zimmertür gerichtet waren.
Einen Augenblick stand sie horchend auf dem Flur; dann drückte sie leise
die Tür des Zimmers auf und schlüpfte durch die schweren Vorhänge hinein.
--Es war schon dämmerig hier, denn die beiden Fenster des tiefen Raumes
gingen auf eine von hohen Häusern eingeengte Straße; nur seitwärts über
dem Sofa leuchtete wie Silber ein venezianischer Spiegel auf der
dunkelgrünen Sammettapete. In dieser Einsamkeit schien er nur dazu
bestimmt, das Bild eines frischen Rosenstraußes zurückzugeben, der in
einer Marmorvase auf dem Sofatische stand. Bald aber erschien in seinem
Rahmen auch das dunkle Kinderköpfchen. Auf den Zehen war die Kleine über
den weichen Fußteppich herangeschlichen; und schon griffen die schlanken
Finger hastig zwischen die Stengel der Blumen, während ihre Augen nach der
Tür zurückflogen. Endlich war es ihr gelungen, eine halberschlossene
Moosrose aus dem Strauße zu lösen; aber sie hatte bei ihrer Arbeit der
Dornen nicht geachtet, und ein roter Blutstropfen rieselte über ihren Arm.
Rasch--denn er wäre fast in das Muster der kostbaren Tischdecke
gefallen--sog sie ihn mit ihren Lippen auf; dann, leise, wie sie gekommen,
die geraubte Rose in der Hand, schlüpfte sie wieder durch die Türvorhänge
auf den Flur hinaus. Nachdem sie auch hier noch einmal gehorcht hatte,
flog sie die Treppe wieder hinauf, die sie zuvor herabgekommen war, und
droben weiter einen Korridor entlang, bis an die letzte Tür desselben.
Einen Blick noch warf sie durch eines der Fenster, vor dem im Abendschein
die Schwalben kreuzten; dann drückte sie die Klinke auf.
Es war das Studierzimmer ihres Vaters, das sie sonst in seiner Abwesenheit
nicht zu betreten pflegte; nun war sie ganz allein zwischen den hohen
Repositorien, die mit ihren unzähligen Büchern so ehrfurchtgebietend
umherstanden. Als sie zögernd die Tür hinter sich zugedrückt hatte, wurde
unter einem zur Linken von derselben befindlichen Fenster der mächtige
Anschlag eines Hundes laut. Ein Lächeln flog über die ernsten Züge des
Kindes; sie ging rasch an das Fenster und blickte hinaus. Drunten
breitete sich der große Garten des Hauses in weiten Rasen- und
Gebüschpartien aus; aber ihr vierbeiniger Freund schien schon andere Wege
eingeschlagen zu haben; sosehr sie spähte, nichts war zu entdecken. Und
wie Schatten fiel es allmählich wieder über das Gesicht des Kindes; sie
war ja zu was anderem hergekommen; was ging sie jetzt der Nero an!
Nach Westen hinaus, der Tür, durch welche sie eingetreten, gegenüber,
hatte das Zimmer noch ein zweites Fenster. An der Wand daneben, so daß
das Licht dem daran Sitzenden zur Hand fiel, befand sich ein großer
Schreibtisch mit dem ganzen Apparat eines gelehrten Altertumsforschers;
Bronzen und Terrakotten aus Rom und Griechenland, kleine Modelle antiker
Tempel und Häuser und andere dem Schutt der Vergangenheit entstiegene
Dinge, füllten fast den ganzen Aufsatz desselben. Darüber aber, wie aus
blauen Frühlingslüften heraustretend, hing das lebensgroße Brustbild einer
jungen Frau; gleich einer Krone der Jugend lagen die goldblonden Flechten
über der klaren Stirn.--"Holdselig", dies veraltete Wort hatten ihre
Freunde für sie wieder hervorgesucht--einst, da sie noch an der Schwelle
dieses Hauses mit ihrem Lächeln die Eintretenden begrüßte.--Und so blickte
sie noch jetzt im Bilde mit ihren blauen Kinderaugen von der Wand herab;
nur um den Mund spielte ein leichter Zug von Wehmut, den man im Leben
nicht an ihr gesehen hatte. Der Maler war auch derzeit wohl darum
gescholten worden; später, da sie gestorben, schien es allen recht zu sein.
Das kleine schwarzhaarige Mädchen kam mit leisen Schritten näher; mit
leidenschaftlicher Innigkeit hingen ihre Augen an dem schönen Bildnis.
"Mutter, meine Mutter!" sprach sie flüsternd; doch so, als wolle mit den
Worten sie sich zu ihr drängen.
Das schöne Antlitz schaute, wie zuvor, leblos von der Wand herab; sie aber
kletterte, behend wie eine Katze, über den davor stehenden Sessel auf den
Schreibtisch und stand jetzt mit trotzig aufgeworfenen Lippen vor dem
Bilde, während ihre zitternden Hände die geraubte Rose hinter der unteren
Leiste des Goldrahmens zu befestigen suchten. Als ihr das gelungen war,
stieg sie rasch wieder zurück und wischte mit ihrem Schnupftuch sorgsam
die Spuren ihrer Füßchen von der Tischplatte.
Aber es war, als könne sie jetzt aus dem Zimmer, das sie zuvor so scheu
betreten hatte, nicht wieder fortfinden; nachdem sie schon einige Schritte
nach der Tür getan hatte, kehrte sie wieder um; das westliche Fenster
neben dem Schreibtische schien diese Anziehungskraft auf sie zu üben.
Auch hier lag unten ein Garten, oder richtiger: eine Gartenwildnis. Der
Raum war freilich klein; denn wo das wuchernde Gebüsch sie nicht verdeckte,
war von allen Seiten die hohe Umfassungsmauer sichtbar. An dieser, dem
Fenster gegenüber, befand sich, in augenscheinlichem Verfall, eine offene
Rohrhütte; davor, von dem grünen Gespinste einer Klematis fast bedeckt,
stand noch ein Gartenstuhl. Der Hütte gegenüber mußte einst eine Partie
von hochstämmigen Rosen gewesen sein; aber sie hingen jetzt wie verdorrte
Reiser an den entfärbten Blumenstöcken, während unter ihnen mit unzähligen
Rosen bedeckte Zentifolien ihre fallenden Blätter auf Gras und Kraut
umherstreuten.
Die Kleine hatte die Arme auf die Fensterbank und das Kinn in ihre beiden
Hände gestützt und schaute mit sehnsüchtigen Augen hinab.
Drüben in der Rohrhütte flogen zwei Schwalben aus und ein; sie mußten wohl
ihr Nest darin gebaut haben. Die andern Vögel waren schon zur Ruhe
gegangen; nur ein Rotbrüstchen sang dort noch herzhaft von dem höchsten
Zweige des abgeblühten Goldregens und sah das Kind mit seinen schwarzen
Augen an.--"Nesi, wo steckst du denn?" sagte sanft eine alte Stimme,
während eine Hand sich liebkosend auf das Haupt des Kindes legte. Die
alte Dienerin war unbemerkt hereingetreten. Das Kind wandte den Kopf und
sah sie mit einem müden Ausdruck an. "Anne", sagte es, "wenn ich nur
einmal wieder in Großmutters Garten dürfte!"
Die Alte antwortete nicht darauf; sie kniff nur die Lippen zusammen und
nickte ein paarmal wie zur Besinnung. "Komm, komm!" sagte sie dann. "Wie
siehst du aus! Gleich werden sie da sein, dein Vater und deine neue
Mutter!" Damit zog sie das Kind in ihre Arme und strich und zupfte ihr
Haar und Kleider zurecht.--"Nein, nein, Neschen! Du darfst nicht weinen;
es soll eine gute Dame sein, und schön, Nesi; du siehst ja gern die
schönen Leute!"
In diesem Augenblick tönte das Rasseln eines Wagens von der Straße herauf.
Das Kind zuckte zusammen; die Alte aber faßte es bei der Hand und zog es
rasch mit sich aus dem Zimmer. Sie kamen noch früh genug, um den Wagen
vorfahren zu sehen; die beiden Mägde hätten schon die Haustür
aufgeschlagen.--Das Wort der alten Dienerin schien sich zu bestätigen.
Von einem etwa vierzigjährigen Manne, in dessen ernsten Zügen man Nesis
Vater leicht erkannte, wurde eine junge schöne Frau aus dem Wagen gehoben.
Ihr Haar und ihre Augen waren fast so dunkel wie die des Kindes, dessen
Stiefmutter sie geworden war; ja man hätte sie, flüchtig angesehen, für
die rechte halten können, wäre sie dazu nicht zu jung gewesen. Sie grüßte
freundlich, während ihre Augen wie suchend umherblickten; aber ihr Mann
führte sie rasch ins Haus und in das untere Zimmer, wo sie von dem
frischen Rosenduft empfangen wurde.
"Hier werden wir zusammen leben", sagte er, indem er sie in einen weichen
Sessel niederdrückte, "verlaß dies Zimmer nicht, ohne hier die erste Ruhe
in deinem neuen Heim gefunden zu haben!"