Der Bube nickte; dann murmelte er: »Ich heiße Karl!«

»Komm mit, Karl,« bat Jantge, und ganz zutraulich ging der Kleine mit

ihr und saß dann unter den andern Kindern, denen Doktor Fröhlich etwas

von der Linde erzählte. Er sagte, daß diese ein uralter heiliger Baum

sei, der einst der Göttin Frigga oder Freia geweiht war. Kaiser Karl der

Große habe einst überall in seinen Landen Linden anpflanzen lassen, und

seitdem sei die Linde eigentlich so recht der Schutz- und Schirmbaum des

deutschen Hauses geworden.

»Erzählen Sie uns eine richtige Lindengeschichte,« baten die Mädels,

doch da kam schon Fräulein Helene mit der Wirtin aus dem Hause, es war

Zeit, den Heimweg anzutreten.

»Komm' bald wieder,« bat Karl, als Jantge von ihm Abschied nahm.

»Ich kann nicht, ich gehe weit fort,« sagte die Kleine. »Aber das

Kleid!« rief sie plötzlich erschrocken.

»Ich hole es mir ab,« sagte Frau Vogeler und strich sanft über Jantges

rosige Wangen. »Ich komme in den nächsten Tagen in die Stadt, dann

bringe ich dir dein Kleid wieder, es soll bis dahin rein und heil sein!«

»Auf Wiederseh'n, auf Wiederseh'n!« riefen die andern Kinder fröhlich,

nur Jantge schwieg, sie wußte, sie kam so bald nicht wieder in die

»Fröhliche Einkehr«.

Und nun ging es heimwärts durch den Wald. Die Sonne malte große, lichte

Tupfen auf den Waldboden, als dächte sie, es wären noch nicht genug

Blumen da. Dabei gab es so viel Maiblumen, daß selbst Wendelin fand, es

sei doch ganz hübsch, einen Blumenstrauß zu pflücken.

Alle suchten mit großem Eifer, nur Jantge ging immer vorsichtig am

Wegrand, damit das geborgte Kleid keinen Schaden nahm.

»Ich krieg' die meisten!« rief Anne-Marte. Sie hatte ihren Hut

abgenommen und sammelte da hinein hurtig wie ein Vögelein, das Körner

pickt.

»Tu dich nur nicht so!« riefen Jörgel und Severin.

»Pfui, seid ihr abscheulich!« rief Anne-Marte entrüstet und drehte sich

um. Es hielt jemand ihren Hut fest, und sie dachte nicht anders, als es

sei dies einer der Buben. Ärgerlich riß sie den Hut fort, und in weitem

Bogen flogen die Maiglöckchen heraus, der Hut aber hing an einem weit

vorstehenden, knorrigen Eichenast.

»Der hat dir die Blumen nicht gegönnt,« neckte Doktor Fröhlich. »Sieh

mal, wie er aussieht, wie ein richtiges, verhutzeltes Waldmännchen!«

»Es ist abscheulich,« murrte Anne-Marte, doch schon kam Brigittchen

herbei und tröstete: »Ich helf' dir jetzt suchen.« »Ich auch!« rief

Jantge.

Und geschwind bekam Anne-Marte wieder einen großen Strauß zusammen. Es

war aber auch Zeit, denn schon lichtete sich der Wald, und im

Abendsonnenschein lagen Wiesen, Felder und dahinter die Stadt vor den

Heimkehrenden. Mit Singen zogen sie alle lustig am alten Wartturm

vorbei. Klaus Hippel schwenkte einen Pantoffel zum Fenster heraus über

das schwebende Blumenbrettlein hinweg und begrüßte die Wanderer.

»Mutter Paulinchen soll Maiblumen haben,« sagten die Mädels, und

geschwind gab jedes etwas von seinem Strauß; Brigittchen trug den Strauß

hinauf, und lachend rief die Pantoffelmacherin den andern ihren Dank aus

dem Fenster zu.

»Wenn Pfingsten schönes Wetter ist, dann gehen wir wieder spazieren, wer

mitkommen will, ist eingeladen,« sagte Doktor Fröhlich beim Abschied.

»Ach, Pfingsten muß ja schönes Wetter sein!« riefen die Mädels und

Buben, und dann liefen sie alle mit Schöndank und Gutenacht nach Hause.

--

Drei Tage später saß Jantge wieder im Sonnenschein unter dem blühenden

Fliederstrauch. Diesmal weinte sie zwar nicht, aber hell und froh wie

Maienwetter war ihr Gesichtchen auch nicht. Sie strickte emsig ein paar

Pulswärmer, dies sollte ihr Abschiedsgeschenk für die Urgroßmutter

werden, denn diese fror trotz aller Maiensonne noch tüchtig. Fräulein

Helene hatte der Kleinen die Wolle geschenkt und die Arbeit angefangen,

und Jantge strickte, als säße die alte Dorothee daneben und strickte mit

ihr Hund und Hase.

In ihrem Eifer merkte Jantge gar nicht, daß jemand auf sie zukam. Erst

als ein dunkler Schatten auf ihre Arbeit fiel, sah sie auf. Vor ihr

standen Frau Vogeler und Karl aus der »Fröhlichen Einkehr«.

Sie hatte gewußt, daß Frau Vogeler kommen würde, aber nun diese vor ihr

stand, war es der Kleinen doch eine große Überraschung, und sie wußte

nichts zu sagen als: »Es ist nichts an das Kleid gekommen!«

Da lächelte Frau Vogeler ein wenig; dabei sah sie so lieb und gütig aus,

daß Jantge jede Scheu vor ihr verlor. »Ich will zu deiner Großmutter,

Kind,« sagte die Frau, »Karl mag unterdessen bei dir bleiben, er hat

sich sehr gefreut, daß er dich besuchen darf.« --

Während die Mutter in das Haus ging, erzählte Karl seiner neuen Freundin

von der Fahrt nach der Stadt, von daheim, und daß er neulich den

schwarzen Ziegenbock ausgescholten hätte.

Sie schwatzten beide miteinander wie die allerbesten, allerältesten

Freunde, und die Zeit lief ihnen dahin, als hätte sie

Siebenmeilenstiefel an.

Inzwischen saß drinnen im Spittelstübchen Frau Vogeler neben der

Urgroßmutter und erzählte der Alten von ihrem Kind, das im Winter

gestorben war. Die kleine, verwaiste Jantge, die draußen unter dem

Fliederbusch mit Karl schwatzte, wußte nicht, daß in dieser Stunde für

sie wie eine Wunderblume ein großes, großes Glück aufblühte. Der alten

Urgroßmutter aber rannen heiße Freudentränen über die Wangen: »Meine

Jantge soll eine Heimat haben, ganz in meiner Nähe, welch' Glück!« sagte

sie.

»Du sollst zu deiner Urgroßmutter kommen, Jantge,« rief Trine Tillmann

in das fröhliche Plaudern der Kinder hinein. »Nä, guck mal, was hast du

denn da for'n Jungen? Der ist ja wohl reinweg vom Himmel runter

gefallen, nä, so was!«

Die Kinder lachten über die Verwunderung der Alten, und lachend kamen

beide in das Zimmer der Urgroßmutter. Da hörte Jantge denn von dem

großen Glück, das ihr widerfahren sollte. In der »Fröhlichen Einkehr«

sollte sie eine Heimat finden. Die Wirtsleute wollten sie zu sich

nehmen, und sie sollte des kleinen Karl Schwester werden. Helene

Fröhlich hatte von Jantges Armut und Verlassenheit gesprochen, als Frau

Vogeler ihr von ihrem toten Töchterchen erzählte. »Das Fräulein Fröhlich

ist eine, die gern alle Menschen froh machen möchte,« sagte die Frau

dankbar, »na, meinst du, Jantge, ob du bei uns auch froh sein wirst?«

Da jubelte Jantge auf, und Karl jubelte mit, es war ihnen beiden, als

ständen sie mitten unterm brennenden Weihnachtsbaum. Die Urgroßmutter

und die Mutter nickten: »So war es gut.«

Ein Viertelstündchen später lief Jantge mit ihrem neuen Bruder zu

Fröhlichs, zu Anne-Marte und Jörgel, zu Brigittchen und den Bäckerbuben,

um Abschied zu nehmen, denn sie sollte gleich mit in die neue Heimat

kommen. »Es ist ja nicht weit,« sagten die Kinder tröstend zu einander,

»wir besuchen dich bald.« »Zu Pfingsten,« rief Severin, dem es gar nicht

gefiel, daß Jantge fort sollte.

»Wenn es nicht regnet,« sagte Martin, der dabei stand.

»Pfingsten regnet's nie,« brummte Wendelin, und recht laut und patzig

schrie er Jantge noch über den ganzen Kirchplatz nach: »Pfingsten auf

Wiedersehen!«

»Wenn's nicht regnet,« sagte Martin und lachte sich eins.

Durch den Wald, durch den sie neulich gewandert war, fuhr Jantge am

Nachmittag der neuen Heimat entgegen. Ihr kleines Herz war voll

Dankbarkeit und Freude, und Frau Vogeler dachte, als sie die strahlenden

Blauaugen sah: »Es ist gut, daß ich das Kind in unser Haus geholt habe!«

Vor der »Fröhlichen Einkehr« stand der Wirt und rief den Ankommenden

einen heiteren Gruß entgegen. Als er Jantge aus dem Wagen hob, schaute

er ihr prüfend in das Gesicht, und dann rief auch er: »Frau, es ist gut,

daß du das Kind geholt hast. Willkommen daheim, mein Mädel, Gott segne

deinen Eingang!«

Der kleinen Jantge war es zu Mute wie einem Vöglein, das sein Nest

verloren hatte, und das eine liebe, weiche Hand sacht wieder in ein

Nestlein legt, eins, in das warm die Sonne hineinscheint. Nach acht

Tagen sagten alle Leute im Hause »unsre Jantge!« Die Kleine selbst

dachte, wie Klaus Hippel von seinem Turm, daß es wohl auf der weiten

Welt keinen schöneren Ort geben könnte als das alte Haus am Waldrand.

Und daß sie es noch heute findet, kann jeder sehen, der Einkehr hält in

der »Fröhlichen Einkehr«.

Christoffel will ein König werden.

»Pfingsten regnet es nicht, es regnet nie zu Pfingsten,« sagte Wendelin

jeden Tag, der das liebliche Fest näher brachte.

Aber es regnete doch, und wie!

»Strippen regnet es,« sagten die einen, die anderen sagten

»Betteljungen.« Es floß und goß vom Himmel herab, als säßen oben am

Himmelsrand sämtliche Engelein und schütteten das Wasser mit Mulden aus.

Die Sonne schaute überhaupt nicht heraus, sie schien es vollständig

vergessen zu haben, daß Pfingsten war, gewiß hatte die gute Dame ihren

Taschenkalender verlegt.

Und alle Menschen machten bitterböse und trübselige Gesichter. Da lagen

nun die neuen Sommerhüte, weißen Pfingstkleider und die Staatsanzüge,

und niemand konnte sie anziehen. Und alle schönen Spaziergeh- und

Spazierfahrpläne fielen plumps ins Wasser, weichten darin auf und

konnten nicht mehr benützt werden. Und vor den Toren in den Kaffeegärten

saßen die Wirte und schauten betrübt all die leckeren Festkuchen an,

niemand würde kommen und sie aufessen.

Im Wald ärgerten sich die Bäume und die Blumen fast grün und blau. Der

Regen rann und rauschte, und niemand würde kommen und sie alle in ihrer

Frühlingspracht sehen. Die Vöglein, die sich die allerschönsten

Jubellieder einstudiert hatten, ärgerten sich nicht minder, und alles

schalt und schimpfte: »Der dumme Regen, so ein abscheulicher Regen. Der

konnte doch auch noch drei Tage warten, so eilig war es gar nicht.

Dummer Regen!«

»Es regnet Blasen, also hält der Regen auch noch morgen an,« sagte der

Obergeselle Martin. Er hatte zwar immer zu Wendelin und Severin gesagt:

»Es kann doch zu Pfingsten regnen,« nun es aber regnete, war er genau so

brummig und schlecht gelaunt wie die anderen Leute.

Es war ein Jammer.

In ganz Neustadt wachten am Pfingstmorgen eigentlich nur zwei Menschen

recht vergnügt auf, das waren die Pantoffelmachersleute in ihrem alten

Turm.

»Wie das rauscht, Paulinchen,« sagte Klaus Hippel behaglich, als er

erwachte, »es klingt wie ein Konzert.«

Und als die beiden Alten dann von ihrem Fenster in die graue,

nebelverhüllte Ferne sahen, da sagte der Pantoffelmacher so recht von

Herzen zufrieden: »Paulinchen, sieh nur, wie gut sich so ein Regenwetter

von unserem Turm aus ansieht. Weißt du, das ist ein Wetter zum

Geschichtenerzählen, ich lese dir nachher was von meiner Chronik vor!

Dann haben wir beide einen rechten Festtag!«

Weil Doktor Fröhlich auch ein Dichter war, wie Klaus Hippel, dachte er

auch, Geschichtenerzählen sei gut am verregneten Festtag, und flink fiel

ihm auch eine Geschichte ein.

»Das abscheuliche Regenwetter,« klagten auch die fünf Schatzgräber. Ihre

Gesichter hellten sich aber sehr auf, als pitsch, patsch, durch

Wasserlachen und Pfützen die alte Dorothee über den Kirchplatz ging und

bei Schöns, Doktors und Bäckermeisters klingelte, einen schönen Gruß von

ihrer Herrschaft bestellte, und die ließ die Kinder zu Schokolade, Spiel

und Geschichtenerzählen für den Nachmittag einladen.

Potzhundert, das war noch was!

Hätte der Barometer sich nur einmal Brigittchens strahlende

Veilchenaugen angeschaut, er wäre gewiß gleich auf »Schönes Wetter«

gestiegen. Auf einmal war der Vormittag nicht mehr langweilig, der Regen

störte die Kinder nicht mehr, und bald nach Tisch patschten alle fünf

Schatzgräber seelenvergnügt über den Kirchplatz.

»Wir sind da!« riefen Wendelin und Severin, als Dorothee die Türe

öffnete.

»Na, das merke ich schon,« meinte diese, »geklingelt habt ihr, als wär't

ihr die Feuerwehr! Erst die Füße ordentlich reinemachen, damit es keine

Schmutztapfen gibt!«

Fräulein Helene öffnete die Türe zum Gartenzimmer und hieß ihre Gäste

willkommen. Drinnen im Zimmer standen da und dort große Büschel

blühender Blumen, die ganze lachende Frühlingspracht war in das Zimmer

gekommen, und man merkte es gar nicht, daß draußen schlechtes Wetter

war. Und ein ganzes Dach voll Spatzen hätte nicht so viel Lärm machen

können wie die fünf Gäste, da merkte man nichts von Regenstimmung, von

verdrossener Laune; eitel Sonnenschein war es! Und als die Kinder sich

ein wenig müde und satt gelacht, gespielt, getrunken und gegessen

hatten, da fragten sie wie rechte kleine Nimmersatte: »Kommt nun die

Geschichte?«

Und wirklich, die Geschichte kam; es war eine Geschichte, in der Blumen,

Sonnenschein und ähnliche Dinge vorkamen, wie es sich für eine rechte

Pfingstgeschichte schickt, und Doktor Fröhlich nannte sie:

»Christoffel will ein König werden.«

Es war einmal ein Hirtenbube, das ist nun nichts Seltenes, denn

Hirtenbuben gab es, und gibt es genug auf der Welt. Und der Christoffel,

so hieß der Bube, war nicht einmal ein besonderer Hirtenbube, er konnte

weder schön singen noch pfeifen, noch wußte er verborgene Schätze zu

finden, sehr schön war er auch nicht und sehr klug -- na, das war er

halt auch nicht. Trotzdem hielt er sich, wie das mitunter in der Welt

vorkommt, für den allerschönsten, allerklügsten, allerliebenswürdigsten,

allertapfersten Hirtenbuben der Welt.

Manchmal, wenn er auf der grünen Bergwiese saß und weit ins Land

hineinschaute, bis zu dem fernen, klaren Bergsee, dann dachte er: »Ich

heirate sicher noch einmal eine richtige Prinzessin! Eine mit einer

goldenen Krone auf dem Kopfe, potz Wetter, dann werde ich König, na,

dann sollen aber die Leute Augen machen!«

Seine Muhme, Trine-Rosine, der er einmal von seiner künftigen Prinzessin

erzählte, sagte zwar: »Christoffel, bei dir rappelt es, kennst du nicht

das Wort, »Schuster bleib' bei deinen Leisten.« Wenn du groß bist, magst

du Nachbars Marie heiraten, das wäre das Rechte!«

»Pah,« dachte Christoffel, »Mariele ist ein Bauernmädchen, das könnte

mir gerade passen, ich heirate eine Prinzessin, und damit punktum!«

Dem Mariele erzählte er auch von seinen Hoffnungen, und die sanfte

Kleine war ganz traurig darüber, sie hatte den Stoffel lieb und dachte:

»Wenn er eine Prinzessin heiratet, dann geht er in die weite Welt und

will gar nichts mehr von mir wissen!«

An einem Pfingstsonnabend saßen die beiden Kinder wieder zusammen auf

der Bergwiese; gar lieblich lag das Tal im frischen Grün zu ihren Füßen,

und aus der Ferne grüßten die weißen Schneeberge herüber. »Weißt',

Mariele,« sagte Christoffel plötzlich, »ich wandere noch heute in die

weite Welt hinaus!«

Dem Mariele blieb vor Schreck der Mund offen stehen, und ganz entsetzt

starrte die Kleine den Buben an.

»Na, was schaust du mich so an?« brummte der, »ich geh', und damit

punktum. Das paßt mir nicht, Geißen hüten, in die Schule gehen, nä, ich

geh' in die Welt und heirate eine Prinzessin! Mach' nur nicht so ein

Geschrei, ich geh'!«

Das arme Mariele schrie gar nicht, es schaute nur den Buben so traurig

an, daß es diesem ordentlich weh ums Herz wurde. Und wie gut die kleine

Freundin war, das sah er jetzt wieder. Sie gab ihm ihr ganzes Brot mit

zur Wegzehrung und noch einen Batzen dazu, den sie am Morgen erst als

Pfingstgeschenk von ihrer Patin erhalten hatte. Dann nahm sie Abschied

von dem Buben, wünschte ihm alles Glück und bat ihn, sie ja nicht zu

vergessen, wenn er erst seine Prinzessin hätte. So schwer wurde dem

Mariele das Scheiden, daß ihr immer tropf, tropf, tropf, die Tränlein

über die Wangen liefen und in das Bächlein fielen, das vom Berg herunter

kam.

»Na nu, Menschentränen an so einem schönen Tag, was hat denn das zu

bedeuten?« dachte das Bächlein. Flink nahm es die glänzenden Tropfen und

lief mit ihnen bergab, dem Christoffel nach.

Der Bube ging ganz wohlgemut an diesem hellen Morgen in die weite Welt

hinein. Er streckte seine Stupsnase in die Luft, dachte an die

Prinzessin, die er heiraten würde, an das prächtige Schloß, in dem er

dann wohnen würde, darin gab es gewiß auf goldenen Tellern alle Tage --

-- -- pardauz! da purzelte Christoffel über einen Stein, und weil er

gerade ins Rollen kam, rollte und rollte er, bis er im Tal anlangte.

»Das ging schnell,« dachte er, und weil er von der Purzelei Hunger

gekriegt hatte, fing er an zu essen und aß alles auf, was er in seiner

Tasche hatte, sein Brot und Marieles Brot, und er hätte noch mehr

gegessen, wenn er mehr gehabt hätte. Ein Weilchen lag er dann noch,

schaute blinzelnd in die Sonne und dachte: »Wenn ich doch auf einem

Wagen in die weite Welt fahren könnte!«

»Wenn du mir einen Batzen gibst, nehm' ich dich mit,« sagte da auf

einmal dicht neben ihm eine Stimme.

Erschrocken blickte Christoffel auf, er sah ein kleines, verhutzeltes

Männlein auf einem Wagen sitzen, der von einem mageren, schwarzen Pferde

gezogen wurde.

Ohne sich lange zu besinnen, zog der Bube den Batzen heraus, den er von

Mariele erhalten hatte, und gab ihn dem Fuhrmann.

Just in diesem Augenblick lief das Bächlein mit Marieles Tränen an ihm

vorbei und murmelte: »Bist du aber dumm, bist du aber dumm!«

Aber das Bächlein konnte viel murmeln. Christoffel kümmerte sich nicht

darum. Hurtig kletterte er auf den Wagen, und heidi! los ging die Fahrt.

Potz Wetter ja, konnte das magere Pferdchen laufen! Das ging wie der

Sturmwind, und dem Buben verging fast Hören und Sehen. Die Straße

entlang gings, in den Wald hinein, mitten hindurch, da wo gar keine Wege

mehr waren. Dem Buben wurde es himmelangst bei der tollen Fahrt. »Ich

will hinunter, ich will hinunter!« schrie er.

Aber er konnte lange schreien, der Kutscher sah sich gar nicht um, nur

sein schrilles Lachen hörte der Bube.

Immer wilder jagte das Pferd. Hussa! ging es einen steilen Berg hinauf,

die Steine kollerten und rieselten nur so. Der Wagen flog hin und her,

aber das Pferdchen lief wie eine Gemse, und von seinen Hufen sprühten

Funken auf. Rechts und links gähnten tiefe Abgründe, ein Wildbach schoß

brausend ins Tal und schnurr ging der Wagen hindurch, und das Wasser

spritzte hoch auf. Nun ging es einen Abhang hinunter, jenseits wieder

einen Berg hinauf. Es war wirklich eine Fahrt, für die selbst ein Batzen

zu viel war.

»Runter, runter,« jammerte Christoffel, der im Wagen hin und her flog

wie ein Gummiball, mal lag er, mal saß er, mal war er vorn, mal hinten,

mal hielt er die Beine in die Luft, mal die Nase. Das sollte nun ein

Vergnügen sein, und immer ängstlicher wurde sein Schreien: »Runter, ich

will runter!«

Da war es ihm plötzlich, als riefen sanfte Stimmen: »Halt' dich fest,

halt' dich fest!« Tief bogen sich die Äste uralter Tannen über ihn, und

unwillkürlich griff Christoffel in die Zweige, hielt sich fest, und

ritsch! -- fuhr der Wagen unter ihm fort. Mit einem bitterbösen Gesicht

drehte sich das Männlein auf dem Bock herum, hu, hatte der Augen! Der

Bube mußte an das Märchen von dem bösen Berggeist denken, das ihm die

Muhme Trine-Rosine erzählt hatte. Von dem Berggeist, der Kinder entführt

und sie hoch oben auf den Gipfeln, in Abgründen und Schluchten, die nie

eines Menschen Fuß betritt, gefangen hält. Ob das wohl der Berggeist

gewesen war?

Sacht neigten sich die Äste der Tanne, an denen Christoffel sich fest

hielt, zu Boden, und der Bube stand nun mitten im einsamen, wilden

Bergwald. Er kannte keinen Weg, und so ging er denn unverzagt gerade

darauf los. »Irgendwo werde ich schon raus kommen,« dachte er.

Es war sehr schön im Walde an diesem Pfingstsonnabend; Bäume, Büsche und

Blumen, Gras und Kräuter, alles sah taufrisch und frühlingslustig aus,

und die Vögel zwitscherten und sangen laut und leise ihre allerschönsten

Pfingstlieder. Ein Weilchen wanderte der Bube so dahin, immer dichter

wurde der Wald, und mitunter versperrten ihm riesengroße, mit Moos

bewachsene Steine den Weg. Ein Bächlein lief an ihm vorbei, das

murmelte: »Geh links, geh links«, und Christoffel meinte Marieles Stimme

zu hören, er wußte aber nicht, daß es das Bächlein war, das Marieles

Tränen mit sich führte.

Er ging wirklich links, und als er ein Weilchen links gegangen war, kam

er plötzlich auf einer weiten Lichtung an, eine große, blühende Wiese

lag zwischen den blauschwarzen Tannen. Mitten auf der Wiese lag ein

Garten, und in dem Garten stand ein Haus, nein, ein Schloß war es, eins,

das ein goldenes Dach hatte. Viel war sonst von dem Schloß nicht zu

sehen, es war nämlich von unten bis oben mit Pfingstrosen überwachsen,

und weil gerade Pfingsten war, blühten auch die Röslein, rote und weiße.

Selbst über die Fenster hinüber hingen die Rosenranken wie zarte

Schleier.

Zaghaft trat der Bube näher, am Gartenzaun blieb er stehen und schaute

hinein. War das eine blühende, duftende Pracht! Tausende von Blumen

blühten in allen Formen und Farben. Schlichte Wald- und Wiesenblümlein

und stolze, farbenprangende Gartenblumen. Und wie Christoffel so stand

und schaute, tat sich auf einmal die goldene Haustür auf, und heraus

trat ein Mägdlein, ein feines, zierliches Kind, es trug eine Haube aus

braunem Samt, die sah aus wie ein Schmetterlingskopf. Das Mägdlein ging

durch den Blumenwald hindurch, da neigte es sich zu einer großen, bunten

Tulpe herab, dort strich es sanft einem Maiglöckchen über das weiße

Kleid. Vor einigen großen Feuerlilien blieb das Mägdlein stehen, und,

Wunder über Wunder, der Bube hörte ganz deutlich, wie die Feuerlilien

flüsterten, sie schienen dem Kinde etwas zu erzählen.

Christoffel spitzte die Ohren wie eine kleine Maus, er wollte doch auch

hören, was die Blumen zu sagen hatten, und wirklich, er konnte es

verstehen; sie riefen: »Melinde, schau dich um, am Zaun da steht ein

dummer, neugieriger Bube.«

Dumm nannten ihn die Feuerlilien, na, das war doch aber frech!

Christoffel wurde krebsrot vor Zorn, und ärgerlich rief er: »Ich bin

nicht dumm, ich bin sehr gescheit, ich bin ein Hirtenknabe und will eine

Prinzessin heiraten!«

Da fingen plötzlich alle Blumen an zu lachen, die kleinen Wald- und

Wiesenblumen kicherten, bei den Maiglöckchen klang es wie ein feines

Läuten, die Tulpen lachten breit und derb, die Feuerlilien lachten

ordentlich dröhnend, und manche Blüte platzte gleich vor Lachen weit

auf, und die hängenden Herzen bammelten hin und her vor Vergnügen.

»Mögen sie doch lachen,« dachte Christoffel, und ganz keck sagte er zu

dem lieblichen Kinde: »Bist du eine Prinzessin, dann will ich dich

heiraten. Hirtenbuben heiraten doch meist Prinzessinnen, willst du?«

Die Kleine lachte und rief fröhlich: »Gewiß bin ich eine Prinzessin, und

zwar bin ich die Schmetterlingskönigin. Ich wohne bei meiner Muhme, der

Blumenkönigin, komm nur herein und sei unser Gast!«

Just in diesem Augenblick trat aus dem Hause eine wunderschöne Frau; sie

trug ein Kleid, das schimmerte wie die liebe Sonne und war so zart und

fein wie ein Blumenblatt. »Frau Muhme,« rief die kleine

Schmetterlingskönigin, »schaut doch her, hier ist ein Hirtenbube, der

mich heiraten will!«

Da kicherten und lachten wieder alle Blumen, die wunderschöne Frau aber

sagte: »Wenn meine Nichte dich will, dann mag sie dich heiraten, tritt

nur näher und sieh, wie es dir bei uns gefällt, denn, wenn dich Melinde

heiratet, dann mußt du immer hier bleiben und darfst nie das Haus und

den Garten verlassen!«

Christoffel zog ein langes Gesicht, das paßte ihm nun schon nicht recht,

er hatte sich gerade als Allerschönstes bei der Geschichte gedacht, daß

er, wenn er erst ein Prinz oder König sein würde, in seiner goldenen

Kutsche in sein Heimatdorf fahren möchte, damit ihn dort die Leute auch

alle recht bewunderten. Alle sollten sie ihn anstaunen, ihn, den

vornehmen Herrn, die Eltern, die Freunde, Muhme Trine-Rosine und

Mariele, sogar der Herr Schulmeister. »Nun komm doch, tritt näher!« rief

Melinde.

Zögernd betrat Christoffel den Garten, und als er mit seinen dicken

Bergschuhen über den feinen, bunten Kies schritt, der wie lauter

Edelsteine glänzte und schimmerte, da kicherten die Blumen wieder laut

und leise, und eine dicke Feuerlilie rief neckend: »Tritt sacht auf,

Prinzlein, tritt sacht auf!«

Der Bube wurde blutrot und stapfte und stolperte nun erst recht

ungeschickt durch den Garten.

»Du stößt uns ja, au weh, du trittst auf meine Wurzeln!« so riefen die

Blumen ärgerlich. Da nahm Melinde den Buben an der Hand und führte ihn

selbst in das Schloß mit dem goldenen Dach. Wie sie die Türe öffnete, da

wäre der Christoffel beinahe hingeplumpst vor Staunen, denn es glitzerte

und schimmerte so vor seinen Augen, daß er ganz geblendet war. Er sah in

einen wundervollen Saal hinein, dessen Wände und dessen Fußboden ganz

von bläulichem Glas waren, darüber wölbte sich ein Dach, das aussah wie

der dunkelblaue Nachthimmel, an dem unzählige Sternlein erstrahlten. Und

durch die Glaswände hindurch sah man wunderbare Landschaften; da war ein

Wald voll Palmen, an denen sich seltsam geformte Orchideen emporrankten,

man sah das blaue Meer auf- und abwogen, und auf der anderen Seite

wieder sah man unendliche weite Wiesen, dann das Hochgebirge mit seinen

schimmernden Schneebergen.

»Wir können von unserem Schloß aus in alle Länder der Welt schauen,«

sagte Melinde, die des Buben Staunen bemerkte. »Doch komm', jetzt wollen

wir zusammen zu Mittag essen!«

Über all dem Wunderbaren, was es zu sehen gab, hatte Christoffel gar

nicht mehr daran gedacht, daß er nach der tollen Fahrt eigentlich recht

hungrig war. Als die kleine Prinzessin nun aber vom Essen sprach, da

fing sein Mäglein gleich an gewaltig zu knurren. »Heisa,« dachte er,

»das ist recht, daß es etwas zu essen gibt,« und im Geiste sah er schon

allerlei leckere Dinge vor sich, die er zwar noch nie in seinem Leben

gekostet hatte und die er nur aus den Erzählungen von Muhme Trine-Rosine

kannte. Wenn einer essen will, muß er sich aber an einen Tisch setzen,

und wenn dieser Tisch in der Mitte eines riesengroßen Saales steht, muß

man den Saal durchschreiten, um an den Tisch zu gelangen. Das wollte

Christoffel auch ganz gern tun, aber, du lieber Himmel! das war eine

schwierige Sache, auf dem glänzenden Glasboden zu gehen. Er rutschte und

schlitterte und pardauz, lag er nach drei Schritten, so kurz er war, da.

Und mit dem Aufstehen ging es auch nicht so leicht. Kaum dachte er, nun

bin ich hoch, plumps, da lag er wieder, und das lose Prinzeßlein lachte

dazu aus vollem Halse. Überhaupt war es ein Schwirren, Klingen und

Lachen im Saal, daß es Christoffel himmelangst wurde. Als er nach dem

viertenmal Aufstehen sich wieder recht kräftig hingesetzt hatte, da

schaute er sich erst mal ein bißchen um. Nun sah er wunderfeine, kleine

Männlein und Fräulein im Saal herumspazieren, die hatten

veilchenfarbene, dottergelbe, schneeweiße, grasgrüne, himmelblaue und

sonst was für Kleider an, es waren die Blumenelfen, die im Schutz der

Blumenkönigin wohnten. Auch bunte, schillernde Schmetterlinge flogen in

Scharen aus dem Saal hinaus und hinein.

Das war nun wirklich allerliebst, und Christoffel vergaß ein Weilchen

wieder sein knurrendes Mäglein und riß vor Erstaunen Mund und Nase weit

auf.

»Aber, komm doch!« drängte endlich Melinde und reichte dem Buben die

Hand, und an der Hand seiner kleinen Führerin gelangte der endlich

unversehrt an einen goldenen Tisch, der inmitten des Saales stand.

»Setze dich,« zwitscherte die kleine Prinzessin.

Christoffel wollte sich auf ein goldenes Stühlchen setzen, aber das

rutschte davon wie ein Schlitten auf dem Eise, und der Bube saß nun zum

sechstenmale auf dem Boden. Wieder half Melinde, und endlich saß

Christoffel am Tisch und dachte vergnügt: »Nun kann's losgehen, ob es

wohl Hühnerbraten gibt oder -- gar eine Torte?«

Einige Blumenelfen kamen herbei und brachten zierliche, goldene

Schüsseln und ein goldenes Krüglein. »Heute gibt es Rosenmus und

Gänseblümchenwein,« sagte Melinde, »da, lang' nur zu, eine

Veilchenpastete sollst du dann auch noch zu kosten bekommen! Hier, ich

lege dir vor!«

Ganz entsetzt starrte Christoffel auf die winzigen Portionen, die

Melinde ihm vorlegte, und wie das Zeug schmeckte! Lange nicht so gut wie

Muhme Trine-Rosines Pfingstkuchen. Der Gänseblümchenwein schmeckte wie

einfaches Quellwasser, und die Veilchenpastete war nicht größer als ein

Fingerhut.

»Wie du schnell ißt,« sagte Melinde erstaunt, als Christoffel die ganze

Veilchenpastete mit einem Male hinunterschluckte. »Nein, so etwas, du

wirst dir den Magen verderben!«

»Von dem Bißchen,« murmelte Christoffel kleinlaut. Er war nun erst recht

hungrig geworden und verlangend sah er sich um.

»Eia,« rief Melinde da, »wir bekommen noch Erdbeeren, die sollen uns

schmecken!«

Zwei Elfen trugen auf einem großen Blatt zwei Erdbeeren herbei, und das

Prinzeßchen schaute den Buben fragend an: »Kannst du auch eine ganze

Erdbeere vertragen?«

»Bloß eine?« rief Christoffel kläglich, »hundert kann ich essen,« und

schwapp schluckte er beide Erdbeeren hinunter; »ich habe Hunger,« klagte

er. »So ein Vielfraß!« wisperten die Elfen, und auf einmal kamen aus

allen Ecken Elfen und Schmetterlinge herbei, umstanden und umflatterten

den Buben, Melinde aber fing an zu weinen. »Er hat mir meine Erdbeere

weggegessen, nein, wie kann man so viel essen!«

»Er hat einen Mund wie eine Höhle,« wisperte ein Elfchen, das in einem

rosenroten Gewand steckte, und ein Schmetterling setzte sich auf

Christoffels kleine, dicke Stupsnase, um sich genau den großen Mund

anzusehen.

»Haizih, haizih!« nieste der Bube, den dies mächtig kitzelte. Hopsa,

flog da der Schmetterling in einem weiten Bogen von der Nase herunter,

und die Elfen purzelten und kugelten übereinander und schrieen gar

kläglich vor Schreck. Melinde aber verschluckte sich so am

Gänseblümchenwein, daß sie hustete und prustete. Es entstand ein solcher

Wirrwarr, ein solches Geschwirr und Geschrei, daß die Blumenkönigin

eiligst hereinkam, und wehklagend und jammernd stürzten die Elfen auf

sie zu: »Er hat mit seiner Nase geschossen, da, einen Schmetterling hat

er totgeschossen,« klagten alle.

Der arme Christoffel saß ganz verdattert auf seinem goldenen Stühlchen,

er hatte doch nur geniest, war denn das so schlimm? In dem Gesicht der

Blumenkönigin blühte sacht ein holdes Lächeln auf, und mit gar lieben,

sanften Worten beruhigte sie die erregte Schar und schalt auch ein

wenig, daß man nicht freundlich genug gegen den Gast sei. Melindes

Tränen versiegten. Lächelnd nahm sie Christoffels Hand und sagte: »Komm

jetzt zum Abendtanz auf die Wiese, die Sonne wird bald sinken, dann

müssen wir alle schlafen gehen, vorher tanzen wir aber noch alle

miteinander!«

Christoffel ging ein wenig kleinlaut mit Melinde hinaus, und singend,

wispernd, schwirrend folgten ihnen alle Elfen und Schmetterlinge. Im

Garten dufteten die Blumen wundersüß im Glanz der scheidenden Sonne.

»Nun laß uns tanzen,« sagte Melinde auf der Wiese zu Christoffel, sie

faßte ihr Kleidchen zierlich an, ihre weiten Ärmel flogen, und sie sah

aus wie ein großer, schwebender Schmetterling.

Ach! das Tanzen war des Christoffels schwache Seite; er hopste über die

Wiese wie ein junger Ziegenbock, der das Laufen noch nicht gelernt hat.

»Au, au, du trittst mich ja,« jammerte Melinde, »pfui, bist du

ungeschickt mit deinen schweren Stiefeln. Zieh sie doch aus!« Verlegen

gehorchte der Bube, er hatte schöne, blitzeblaue Strümpfe an; daran, daß

sie etliche Löcher hatten, dachte er nicht. In Strümpfen hopste er mit

Melinde über die Wiese, da begannen plötzlich die Elfen zu kichern: »Er

hat in der rechten Hacke ein Loch, hihihi, die große Zehe guckt am

linken Fuß heraus, hihihi!« Christoffel wurde puterrot, Melinde aber

ließ ärgerlich seine Hand los: »Pfui, ich mag nicht mehr mit dir

tanzen,« rief sie schnippisch, »wenn man Löcher in den Strümpfen hat,

tanzt man mit keiner Prinzessin!«

»Kommt alle hinein, die Sonne sinkt,« rief da die Blumenkönigin.

Flugs liefen und flogen sie alle dem Hause zu. Allein, die Stiefeln in

der Hand, folgte Christoffel sehr niedergeschlagen. Als er an dem Haus

mit dem goldenen Dach anlangte, war die Prinzessin schon darin

verschwunden, und am liebsten wäre er wieder umgekehrt, die

Blumenkönigin aber nahm ihn an der Hand und führte ihn in ein kleines

Gemach, in dem ein goldenes Bettchen stand. »Hier magst du heute

schlafen,« sagte sie, »morgen wollen wir dann weiter sehen, wie es dir

bei uns gefällt!«

Sie ging, und Christoffel blieb allein. Ja, wunderfein und zierlich war

das Bettchen schon, aber so klein, wie sollte er da nur hineinkommen? Er

zog sich aber doch aus und kletterte in das Bett. »Es wird schon gehen,«

dachte er; aber das Bett war doch nicht für einen kleinen, dicken

Menschenjungen gemacht; als Christoffel hineinplumpste, da ging es

gleich mit einem großen Krach mitten auseinander, und der Bube lag am

Boden.

»Na, ist auch recht,« dachte er, als er sich vom Schreck etwas erholt

hatte, drehte sich um und schlief ein wie ein Murmeltier zu Winters

Anfang. Er schlief, bis ihm die helle Pfingstsonne auf die Nase schien,

da wachte er auf, und da fühlte er auch gleich, daß ihm etwas

schrecklich weh tat. »Was ist denn das?« dachte er, »mir ist's ja so

schlimm, o je, o je!« Nun begann sein Mäglein furchtbar zu knurren, und

er merkte, daß es der Hunger war, der ihn quälte. Hurtig sprang er aus

dem Bett und zog sich an. Frühstück, das war sein einziger Gedanke. Als

er in den Garten kam, spazierte Melinde schon zwischen den Blumen auf

und ab, sie nickte ihm freundlich zu und rief: »Komm rasch frühstücken!«

»Wo ist das Frühstück?« Wie ein Kreisel drehte sich Christoffel rund um,

hungrig schaute er da und dorthin, aber nirgends erblickte er einen

gedeckten Tisch. Da sah er, wie Melinde den Tau aus den Blumen

schlürfte, und als die kleine Königin das verblüffte Gesicht des Buben

bemerkte, sagte sie: »Komm nur und trinke dich ordentlich satt am Tau,

damit du mir nachher zu Mittag nicht wieder alles vor der Nase weg ißt.«

Tau sollte er trinken, das sollte sein ganzes Frühstück sein! Vor

Entsetzen erhob Christoffel ein so jämmerliches Geschrei, daß alle

Blumen zu zittern begannen und die Blumenkönigin und viele Elfen und

Schmetterlinge herbei kamen: »Was ist dir denn, was fehlt dir?« riefen

sie erschrocken.

»Hunger, Hunger hab' ich,« brüllte der Bube, »huhuhu, ich habe solchen

Hunger, ich sterbe vor Hunger!«

»Holt ihm rasch eine Veilchenpastete,« rief die Blumenkönigin mitleidig,

»oder nein, wir wollen ihn in die Vorratskammer führen, da mag er essen,

was ihm gefällt!«

Melinde, die vor lauter Mitgefühl mit weinte, führte den Buben selbst in

die Vorratskammer, und die Blumenkönigin, alle Elfen und Schmetterlinge

folgten. In der Vorratskammer standen viele goldene Schüsseln und Krüge,

aber alle waren sie so klein, viel zu klein für Christoffels Hunger. Im

Umsehen hatte der zehn Veilchenpasteten hinuntergeschluckt und einen

Topf voll Rosenmus ausgeschleckt, und ehe die anderen recht wußten, wie

und was, hatte er die ganze Vorratskammer leer gegessen. --

Da erhob sich ein großer Tumult unter den Elfen und Schmetterlingen und

zornig riefen sie: »Der soll nicht unser König werden, der ißt uns ja

alles, alles auf!«

Auch Melinde weinte: »Ich will keinen Mann, der so schrecklich viel ißt,

nein, den mag ich nicht!«

»Ich will auch nicht hier bleiben, hier gibts ja nicht mal ordentlichen

Pfingstkuchen, hier wird man ja nie satt,« trotzte der Bube auf.

»Er ist noch nicht satt,« schrieen alle entsetzt und schwirrten,

wisperten, riefen und schalten alle so durcheinander, daß es dem

Christoffel himmelangst wurde, und er rasch ans Ausreißen dachte. Er

lief geschwind zur Türe hinaus, schwapp war er draußen. Er kam aber auf

der anderen Seite des Hauses heraus, und weil er Angst hatte, man könnte

ihn verfolgen, rannte er so schnell er konnte. Darüber sah er nicht ein

tiefes Loch, und pardauz, fiel er in das Loch hinein. Er rutschte und

rutschte immer tiefer, und plötzlich saß er mitten in einer weiten Halle

unter lauter kleinen, seltsamen, braunen, verhutzelten Leutchen. Es

waren Wurzelmännlein und Weiblein, unter die er geraten war; voll

Erstaunen sahen die den Gast an, der so unversehens in ihr Reich

gefallen war.

»Wer bist du denn?« fragte ein kleiner Wurzelmann, der eine Krone aus

Bergkristall auf dem Haupte trug.

»Ich bin der Christoffel, ein Hirtenbube, und möchte eine Königstochter

heiraten und König werden. Muhme Trine-Rosine sagt, so was sei schon

öfters vorgekommen,« stammelte der Kleine.

»Na, das trifft sich mal gut,« rief der Wurzelkönig, »ich suche einen

Mann für meine Tochter Braunella, einen Wurzelmann möchte sie nicht gern

heiraten. Komm einmal her, Braunella, wenn dir der Menschenjunge

gefällt, und er immer bei uns bleiben will, dann kannst du ihn

heiraten!«

Ein kleines Fräulein kam herbei, ganz braun im Gesicht, mit einem grünen

Kleide an; Melinde war freilich viel hübscher gewesen, aber Braunella

sah man es an, daß sie eine Königstochter war, sie hatte eine goldene

Krone auf dem Kopfe. Sie klatschte in die Hände und rief vergnügt: »Ja,

den will ich, der soll mein Mann werden!«

Christoffel sah sich bedenklich um, oben bei der Blumenkönigin war es

viel hübscher gewesen als hier im dämmrigen Wurzelreich, hier roch es so

sumpfig und dumpf. Hier sollte er sein ganzes Leben lang bleiben, das

mochte ihm gar nicht recht gefallen, und was nützte es ihm denn, wenn er

König wurde, und niemand daheim wußte es. Aber die Wurzelleute schienen

es gar nicht anders zu erwarten, als daß er blieb. Der König rief mit

lauter Stimme: »Flugs rüstet ein festliches Mal, es soll unserem Gast zu

Ehren gebratene Regenwürmer geben.«

»Eia, o, wie fein!« riefen die Wurzelleute alle durch einander; ein

kleiner, dicker Wurzelmann schnalzte ordentlich mit der Zunge vor

Vergnügen.

Christoffel aber schrie entsetzt: »Gebratene Regenwürmer, pfui, wie kann

man so etwas essen!« Ganz schlimm wurde es ihm bei dem Gedanken an diese

Speise. Na, hier war er recht aus dem Regen in die Traufe gekommen, da

waren die Veilchenpasteten der Blumenkönigin schon besser gewesen, und

die kleine Wurzelprinzessin gefiel ihm auch gar nicht. Ratlos sah er

sich um, hinein war er gekommen in das Wurzelreich, wie aber sollte er

wieder hinaus kommen? Da hörte er plötzlich neben sich ein sachtes

Murmeln, es klang genau wie Marieles Stimme, es war das Bächlein, das

Marieles Tränen trug, und das ein Stück durchs Wurzelreich floß. »Ich

nehm' dich mit, ich nehm' dich mit,« sang es.

Heisa, da besann sich Christoffel nicht lange, er lief rasch dahin, von

wo das Murmeln erklang, da sah er es schimmern wie flüssiges Silber, und

stärker hörte er das Rauschen. Hopps sprang er in den Bach! »Er reißt

aus, er reißt aus,« schrieen die Wurzelleute wütend. Aber schon hatte

das Bächlein den Buben aufgenommen, der rutschte, glitt, kollerte, es

sauste und brauste ihm um die Ohren, er wurde gepufft und gestoßen, das

Wasser rauschte über ihn hinweg, ganz in der Ferne hörte er das Geschrei

der Wurzelleute, und plötzlich wurde es ganz hell um ihn her. Verdutzt

schaute er sich um, er lag im hellen Sonnenschein am Fuß eines Berges,

und nicht weit davon murmelte ein Bächlein.

»Da liegt der Christoffel,« rief eine helle Stimme, und das Mariele

beugte sich über ihn.

»Christoffel, Christoffel,« rief es von allen Seiten, »wo warst du denn,

wo hast du gesteckt, und wie siehst du aus?«

Männer und Frauen, Buben und Mädels kamen herbeigelaufen und riefen

durcheinander: »Der Christoffel ist wieder da! Wo warst du denn nur

Bube, sag' doch!«

Christoffel richtete sich auf, seine Glieder schmerzten, und ganz naß

war er, nein und wie schmutzig er aussah! Er rieb sich den Kopf, der tat

ihm so weh, daß er kaum aus den Augen sehen konnte. Stotternd begann er

zu erzählen, von dem Berggeist, der Schmetterlingskönigin und dem

Wurzelreich.

Verdutzt hörten die Dorfleute ihm zu, was schwatzte denn der Bube nur?

»Er hat Fieber, er muß ins Bett und Lindenblütentee trinken,« sagte da

jemand; es war Muhme Trine-Rosine. Sie hob den Buben auf und trug ihn

ohne weiteres heim, zog ihn aus und legte ihn ins Bett.

»Ich habe Hunger, ich will Pfingstkuchen,« schrie Christoffel.

»Papperlapapp,« sagte die Muhme, »Lindenblütentee gibt es, und drei Tage

nichts zu essen, das ist das beste Mittel gegen Fieber.«

»Pfingstkuchen!« rief der Bube jämmerlich; da bekam er eine riesengroße

Tasse Tee, und allemal, wenn er den Mund aufmachte und Pfingstkuchen

rief oder etwas erzählen wollte, bekam er wieder Tee. So ging es drei

Tage, dann sagte Muhme Trine-Rosine: »Jetzt kannst du aufstehen!«

Aber der Pfingstkuchen war alle, und was das Schlimmste war, wenn

Christoffel von seinen Erlebnissen erzählen wollte, dann glaubte es ihm

niemand. Und dabei wäre er beinahe zweimal König geworden, es war doch

toll.

Nur Mariele glaubte ihm alles; der erzählte er oft von seinen

Erlebnissen. Er sagte aber, er wolle nun doch daheim bleiben, das

Königwerden hätte er satt. Nur manchmal, wenn er schlechter Laune war,

weil er in der Schule einen Tadel bekommen hatte, dann rief er: »Ich

gehe in die weite Welt und werde ein König.«

»Und trinkst Tau und ißt gebratene Regenwürmer!« sagte Mariele; da war

er dann still.

So blieb er ein Hirtenbube, später wurde er ein Bauer, heiratete das

Mariele und blieb in seinem Dorf bis an sein Lebensende. --

Der Doktor Fröhlich schwieg, und die Kinder saßen ein Weilchen still;

auf einmal sagte Wendelin: »Pfui, gebratene Regenwürmer, die möchte ich

auch nicht.«

»Ich wär' aber doch bei der Blumenkönigin und Melinde geblieben,«

flüsterte Brigittchen versonnen.

»Es hört auf zu regnen, ich glaube, wir bekommen gutes Wetter,« rief

plötzlich die alte Dorothee ins Zimmer hinein.

Da sprangen alle auf und rannten ans Fenster, wirklich es regnete

sachter und der graue Himmel hatte feine, helle Schlitze bekommen.

»Gutwetteraugen« nannte es Fräulein Helene.

»Es wird schön, da können wir morgen Jantge in der >Fröhlichen Einkehr<

besuchen,« riefen die Kinder jubelnd.

Ein Weilchen später patschten sie vergnügt durch die Pfützen heimwärts,

alle fanden sie einmütig, daß es doch ein wundervoller Pfingsttag

gewesen sei, und morgen, morgen würde es sicher schönes Wetter sein.

»Pfui, nä, gebratene Regenwürmer,« sagte Wendelin noch einmal vor dem

Einschlafen.

Brigittchen aber wandelte im Traum durch den Garten der Blumenkönigin,

fein, schön und licht trat ihr die entgegen und fragte: »Was wünscht du

dir, Brigittchen, in meinem Reich hat jeder einen Wunsch frei am

Pfingsttag!«

»Eine Mutter, wie Jantge eine bekommen hat,« flüsterte die Kleine. Da

wachte sie halb auf, jemand hatte sich über sie geneigt und strich ihr

sanft über das Gesichtchen, es war ihr Vater. »Was schwätzt mein kleines

Mädchen im Traum?« fragte er.

»Ich möchte eine Mutter,« murmelte Brigittchen noch einmal, dann schlief

sie weiter und merkte es nicht, daß ihr Vater lange, lange in tiefem

Sinnen an ihrem Bettchen saß. Er dachte an den Pfingstwunsch seines

kleinen Mädchens, und wie er den erfüllen könnte.

Mohrchen.

Die Geschichte einer Feindschaft.

Im Winter hatte Fritz Brinkmann einen schwarzen Hund gefunden, der

überfahren worden war. Der Knabe war gerade vom Schlittenfahren

heimgekommen, just an dem Tage war es gewesen, an dem Doktor Fröhlich

nach Neustadt kam, und zu den lustigen Schlittenfahrern in der

Marienstraße hatte Fritz auch gehört. Dicht bei dem Hause seines

Großvaters, der in einer stillen Vorstadtstraße wohnte, hatte der Knabe

den Hund gefunden; flehend hatte ihn der mit treuen, klugen Augen

angesehen, und Fritz hatte ihn ohne langes Besinnen auf seinen Schlitten

geladen und heimgefahren.

Die Großeltern -- Fritz war Waise und wurde bei seinem Großvater, dem

alten Geheimrat Brinkmann erzogen -- erlaubten es gern, daß der Knabe

den Hund pflegte, bis sein Besitzer käme. Aber niemand meldete sich, um

Mohrchen -- so wurde der neue Hausgenosse ob seines schwarzen Felles

genannt -- abzuholen. Die Tage gingen und kamen, die Luft wurde milder,

der Schnee verschwand, und immer noch war Mohrchen im Hause. Seine

Wunden waren längst geheilt, und aus dem mageren, ruppigen Tiere war ein

hübscher Hund mit glänzend schwarzem Fell geworden, der lustig seinen

kleinen Herrn überall hin begleitete. Ein Freund war er, so treu, gut

und anhänglich, wie leicht kein besserer zu finden war. Alle

Klassengenossen von Fritz bewunderten Mohrchen rückhaltlos, und vor

seiner Klugheit hatten sie den allergrößten Respekt. Sogar Doktor Halbe,

der Klassenlehrer, sagte einmal, als er Mohrchen zu sehen bekam: »Er

sieht sehr klug aus«. Den Buben war dies soviel, als hätte Mohrchen

einen hohen Orden bekommen, und Fritz kam an diesem Tage mit so

strahlenden Augen heim, daß seine Großmutter dachte, er wäre mindestens

Klassenerster geworden; leider, leider war dies gerade nicht der Fall,

der Fritzel hielt sich mehr in der Klassenmitte auf.

Und mit allen Hausbewohnern war Mohrchen auch bald gut Freund, nur mit

der alten Berta, der Köchin, nicht. -- »Ich kann Hunde kein bißchen

leiden,« sagte diese, wenn Fritz ihr von Mohrchens Tugend und Weisheit

erzählte. »Sind sie weiß, dann mag's noch gehen; aber so ein schwarzes

Tier sieht aus wie ein Schornsteinfeger, und die machen die Küche

schmutzig, und darum kann ich Schornsteinfeger und Hunde nicht leiden,

damit basta!«

Kam das arme Mohrchen wirklich einmal in die Küche, dann schrie Berta,

zornig einen Quirl oder Kochlöffel schwingend: »Raus mit dem

Schornsteinfeger, basta, basta!«

Berta war eigentlich nur so böse auf Mohrchen, weil sie eifersüchtig

war. Fritz war ihr ganz besonderer Liebling, und sie meinte, seit

Mohrchen im Hause wäre, kümmerte er sich nicht mehr soviel wie sonst um

sie. In ihrem Ärger gab sie Schnurrhans, dem Kater, immer die besten

Bissen. Der wurde, weil er gar so gute Pflege hatte, immer dicker und

fauler und ging zuletzt überhaupt nicht mehr auf die Mäusejagd, er saß

wie ein dicker Muff in der Sonne und rührte sich kaum. Je unfreundlicher

aber Berta zu Mohrchen war, je weniger kam Fritz zu ihr; er lief mit

seinem schwarzen Freund im Garten herum; zuletzt mieden sie beide die

Küche und Bertas Nähe.

So war der Frühling ins Land gekommen. An einem schon recht heißen und

schwülen Maitage fuhren die Großeltern über Land, und Fritz blieb mit

Berta und Luise, dem Stubenmädchen, allein im Hause zurück. »Bange dich

nicht, mein Jungchen,« hatte die Großmutter beim Abschied zärtlich

gesagt.

»Ach nein, ich habe ja Mohrchen,« rief Fritz fröhlich.

Berta hörte dies und wütend blickte sie auf den Hund. »Warte nur,«

brummte sie, »heute gibts nur Wassersuppe zu Mittag.«

Mohrchen empfand an diesem heißen Tage rechten Durst, denn nicht wie

sonst stand ein Schüsselchen mit Wasser auf seinem Platze. Da sein

kleiner Herr und Freund noch in der Schule war, rannte der Hund umher

und suchte Luise. Dabei kam er auch in den offenstehenden Keller, in dem

Berta herumhantierte. »Wart', du abscheuliches Tier!« rief diese und

erhob drohend eine Latte. Erschrocken flüchtete Mohrchen und geriet in

seiner Angst in den Kohlenkeller.

»Ei, da magst du bleiben, bis Fritz nach Hause kommt,« rief Berta

höhnisch, und schwapp! schlug sie die Türe zu, die sie fest verschloß;

so war denn Mohrchen nun ein Gefangener.

Als Fritz bald darauf heimkam, galt seine erste Frage dem schwarzen

Freund. Berta brummte einige unverständliche Worte; lügen wollte sie

doch nicht, aber auch nicht eingestehen, daß sie den Hund eingesperrt

hatte. »Iß nur jetzt dein Mittagsbrot; er wird dann schon kommen,« sagte

sie und nahm sich vor, gleich den Hund herauszulassen. Aber da kam eine

Bauersfrau, die Butter brachte, dann die Waschfrau; so verging die Zeit,

und es mochte wohl eine gute Stunde verflossen sein, ehe Berta an Fritz

und an das eingesperrte Mohrchen dachte. Eilig ging sie und öffnete die

Kellertüre; scheu kroch der Hund heraus. Wenn er nicht schon ein

Mohrchen gewesen wäre, so hätte man ihn jetzt eins nennen können. Die

weißen Pfötchen und die hellen Flecken an seinem Schnäuzchen und an

seiner Brust waren durch den Kohlenstaub ganz schwarz geworden. »Pfui,

du Schornsteinfeger, wie siehst du aus!« schalt Berta und dachte gar

nicht daran, wie ungerecht ihre Vorwürfe waren. »Lauf' in den Garten zu

Fritz, basta!« schrie sie barsch, und Mohrchen schlich verschüchtert von

dannen.

Da kam Luise aus dem Garten und sagte: »Ich weiß gar nicht, wo Fritz

hingekommen ist; Jörgel Fabian war da und wollte ihn besuchen; da habe

ich überall gesucht, aber der Junge ist nirgends zu finden. -- Geh',

such' ihn, Mohrchen!« rief sie dem Hunde zu. Der wandte sich um und sah

das Mädchen mit seinen klugen Augen verständig an, dann stieß er ein

kurzes Bellen aus und rannte davon.

»Fritz wird auf seinem Lieblingsplatz im Garten, auf dem großen

Apfelbaum sitzen,« meinte Berta.

»Nein,« entgegnete Luise, »da ist er nicht; ich habe rechte Angst um

ihn, weil ein Gewitter zu kommen scheint.«

Erschrocken sah Berta zum Himmel auf. Der war weißgrau, und hinter dem

steilen Dach der Marienkirche stieg dunkles Gewölk empor.

»Bleib' hier,« rief Berta jetzt ängstlich, »ich werde Fritz suchen,

vielleicht ist er zu Doktor Fabians gegangen.« Aber Fritz war nicht

dort, und wo Berta auch nach ihm fragte, niemand hatte ihn gesehen, nur

die Obstfrau sagte, Fritz sei vor einiger Zeit an ihr vorbeigelaufen,

der Waldstraße zu. Während Berta so herumrannte, den Knaben zu suchen,

war es immer dunkler geworden; eine fahle, bleigraue Dämmerung legte

sich über das Städtchen, und auf einmal erhob sich ein heftiger Wind und

ferner Donner rollte. Angsterfüllt eilte die alte Köchin heim;

vielleicht war Fritz unterdessen zurückgekehrt, aber Luise kam ihr

weinend entgegen und rief: »Er ist immer noch nicht da.«

Es wurde dunkler und dunkler; grell zuckten die Blitze hernieder,

unheimlich rollte der Donner, und breite Regenwasserbäche rannen über

die Straßen.

Berta lief trotz Luisens Bitten, die sich vor dem Unwetter fürchtete,

wieder auf die Straße und suchte Fritz. Der Schneidermeister Langbein,

den sie traf, hatte den Knaben nach dem Walde rennen sehen. »Schicken

Sie ihm Mohrchen nach, Mamsell Berta,« rief er, »der findet ihn schon,

der riecht mehr als hundert Menschennasen zusammen.« Und Berta lief

heim; der Schneider ging zu ihrer Beruhigung mit, aber Mohrchen war

nirgends zu finden.

Die alte Berta war ganz verzweifelt. »Ich bin schuld daran, warum habe

ich den Hund eingesperrt! Ach, guter Gott, hilf mir doch!« jammerte sie.

»Jetzt hört der Regen auf, das Gewitter hat sich bald verzogen; da werde

ich nach dem Walde gehen und den Buben suchen. Weinen Sie nicht mehr,

Mamsell Berta,« tröstete der Meister.

»Mohrchen, dort kommt Mohrchen!« schrie Luise auf einmal freudig.

Triefend und keuchend kam der Hund gelaufen. Die Zunge hing ihm weit

heraus, und sein sonst so glänzendes Fell war mit dickem, grünlichem

Schlamm bedeckt.

»Er ist im Wildmoor gewesen,« riefen der Meister und Luise entsetzt, und

Berta stöhnte: »Im Moor, im Moor!« Da zog und zerrte jemand an ihrem

Kleid, es war Mohrchen. Flehend sah der Hund zu ihr auf, dann rannte er

zu Luise und zerrte auch diese, als wollte er sagen: »Komm mit!«

»Der Hund will uns führen,« rief das Mädchen.

»Er weiß, wo Fritz ist. Ich sag's ja, der hat Verstand wie 'n

Professor,« sagte der Meister und fügte hinzu: »Ich laufe schnell zum

Gärtner Schulz, der soll seinen Wagen anspannen, dann kommen wir

schneller hin.«

Mohrchen zog schon wieder an Bertas Kleid und sah flehend zu ihr empor.

»Ich komme, Mohrchen, ich komme,« schluchzte diese.

Wenige Minuten später hielt auch der Gärtner mit seinem Wägelchen vor

der Tür. Berta und der Meister stiegen ein, Mohrchen raste voran, und

heidi, fort ging die Fahrt, dem nahen Walde zu. Mitten drin im Wald lag

das sogenannte Wildmoor. Es war eine weite, grüne Fläche, auf der im

Sommer allerlei schöne, seltene Blumen blühten, Wasserpflanzen mit

durchsichtigen Stengeln und glänzenden Blättern. Immer herrschte hier

eine tiefe, fast traumhafte Stille, und nur an sehr heißen Sommertagen

schossen schimmernde Libellen und andere Insekten über den grünen Grund.

Die Schönheit des Wildmoors aber war recht trügerisch. Für jemand, der

den Weg nicht genau kannte, war es gefährlich, darüber zu gehen, da er

leicht in eins der tiefen Moorlöcher geriet, die unter der schönen,

grünen Decke verborgen lagen, und aus denen es schwer war, ohne fremde

Hilfe wieder herauszukommen.

Das Gewitter hatte sich völlig verzogen, und die Sonnenstrahlen rannen

schon wieder durch das dichte Blätterdach des Waldes. Da erscholl

Wagenrollen und Hundegebell, und bald darauf eilten Berta und Meister

Langbein an den Rand des Moores. Das lag in stiller Verlassenheit da,

nichts regte sich; so weit auch Berta zu sehen vermochte, sie erblickte

nicht die geringste Spur des vermißten Knaben.

»Fritz, Fritz!« rief sie in namenloser Herzensangst. Doch da zerrte sie

Mohrchen wieder am Kleide, und auf einmal ertönte eine schwache Stimme:

»Berta, hier bin ich!«

Eilig rannte diese dem Hunde nach und unter einer dicken Buche, nahe am

Rande des Moores, fand sie den Knaben. Er kauerte in einer kleinen

Erdhöhle und war über und über mit Schlamm und Schmutz bedeckt.

Mit einem Jubelschrei stürzte Berta auf den so angstvoll Gesuchten zu.

»Mein Herzensjunge,« rief sie weinend vor Freude und hob den Knaben

empor, »dem lieben Gott sei Dank, daß wir dich gefunden haben.«

Mohrchen sprang und tanzte kreuz und quer und bellte laut vor Freude.

Und plötzlich lag Meister Langbein, er wußte nicht wie, so kurz er war,

auf der Erde; das fröhliche Mohrchen hatte ihn umgerissen. Aber der

Meister schalt nicht, sondern sagte: »Bist ein braver Hund, Mohrchen,

wirklich ein Staatskerl; morgen schenke ich dir 'nen Wurstzipfel; hast

ihn verdient. Magst du lieber Blut- oder Leberwurst?« Merkwürdigerweise

gab Mohrchen auf diese Frage trotz seiner Klugheit keine Antwort.

Berta sagte nichts, aber sie streichelte Mohrchen so sanft, und dieser

leckte ihr zutraulich die Hand, als sei nie Feindschaft zwischen ihnen

gewesen. Fritz wurde rasch in warme Decken gehüllt und in den Wagen

gehoben. Während der Heimfahrt erzählte er seine Erlebnisse. Mohrchen

hatte er suchen wollen und war einem fremden, schwarzen Hund, den er für

Mohrchen hielt, bis zum Walde nachgelaufen. Dort hatte er ihn aus den

Augen verloren und war dann kreuz und quer gerannt, bis er sich zuletzt

müde unter einen Baum gelegt hatte. Er mußte wohl eingeschlafen sein;

ein furchtbarer Donner weckte ihn, und angstvoll war er aufgesprungen

und davon gelaufen. Dabei hatte er den Weg verfehlt und war an das Moor

gekommen. Ohne Ahnung der Gefahr hatte er es betreten, doch schon nach

wenigen Schritten sank er tief ein. In seiner Herzensangst schrie er

laut um Hilfe. Da hörte er plötzlich Hundegebell.

»Mohrchen, Mohrchen!« schrie er, und wirklich -- nach einigen Minuten

kam Mohrchen, der die Spur seines kleinen Herrn gefunden hatte. Schwer

nur war es Fritz gelungen, aus dem Moorloch herauszukommen, aber

Mohrchen hatte unermüdlich gezerrt und gezogen. Freilich, Fritzens Jacke

war dabei ganz und gar zerrissen. Dann hatte das treue Tier den Knaben

fest am Kittel gepackt und ihn sicher vom Moor geleitet. Fritz wußte nur

noch, daß er unter eine Buche gekrochen war; dann hatte er das

Bewußtsein verloren. Das tapfere Mohrchen aber war nach Hause geeilt und

hatte Hilfe geholt.

»Ein Staatskerl, wirklich ein Staatskerl!« rief Meister Langbein und

streichelte den braven Hund.

In Neustadt hatte sich rasch die Kunde von Fritzens Verschwinden

verbreitet, und eine Anzahl Erwachsener und viele, viele Kinder der

Stadt kamen den Heimkehrenden entgegen und begrüßten diese mit lautem

»Hurra!« Am allermeisten aber schrieen Fritzens Klassengenossen, einer

brüllte immer lauter als der andere.

Ein Fremder, der an diesem Tage in Neustadt war, dachte, es wäre Feuer

ausgebrochen oder der Landesherr käme. Er lief auch auf die Straße und

hörte dort immer »Mohrchen« rufen. »Nein,« sagte er lachend, »wie

kleinstädtisch die Leute sind! Wenn ein Neger zu sehen ist, rennen sie

sich beinahe die Füße ab.«

»Da sieht man doch, wie die Leute in der Fremde sehen und hören,« sagte

später Klaus Hippel oft, wenn er die Geschichte erzählte, »mich wunderts

nur, daß die Fremden nicht noch mehr Unsinn von Neustadt zu berichten

wissen!«

Doch an diesem Tage rief auch Klaus Hippel, der gerade auf der Straße

war: »Hurra Mohrchen!« Und so unter Jubelgeschrei wurde Fritz

heimgebracht.

Die Großeltern waren inzwischen zurückgekommen und harrten in Angst und

Sorge ihres Lieblings. Der wurde eiligst von Schlamm und Schmutz befreit

und in sein Bett gebracht. Er bekam heißen Tee zu trinken, trotz der

Sommerwärme. Er schlief auch bald ein, und Mohrchen und Berta wachten in

dieser Nacht zusammen an seinem Lager. Die Alte konnte nicht schlafen

vor Sorge, der Knabe könne krank werden. Sie saß in stillem Gebet an

seinem Bett, neben ihr lag Mohrchen und sah manchmal mit seinen klugen,

treuen Augen zu ihr auf. Dann nickte sie ihm zu und flüsterte leise:

»Mein tapferes Mohrchen, ich will gut machen, was ich an dir verschuldet

habe!«

Fritz schlief wie ein kleines Murmeltier in dieser Nacht, und als er am

nächsten Morgen erwachte, da hatte er strahlende Augen und rosige

Wangen. Sein Frühstück schmeckte ihm wie noch nie, er aß vier Wecken,

und als er beim fünften war, rief er plötzlich: »Aber Mohrchen, wie

siehst du denn aus!«

Das arme Mohrchen! Niemand hatte daran gedacht, ihm den Schlammpelz

abzuwaschen. Der Schmutz war nun festgetrocknet, und eine harte,

schwarze Kruste bedeckte an einzelnen Stellen sein Fell.

»Ich werde ihn gleich in warmem Wasser baden,« sagte Berta eifrig.

»Du, Berta?« rief Fritz verwundert.

»Ja, ich,« murmelte diese, »brauchst nicht so verwundert zu sein, was

notwendig ist, ist notwendig; na und überhaupt, ein Prachtkerl ist das

Mohrchen, damit basta!«

»Hurra!« schrie Fritz und umhalste die alte Berta, daß diese beinahe

selbst in das Waschfaß gefallen wäre. Damit hatte die Feindschaft

zwischen Berta und Mohrchen ein Ende, sie wurde die allerdickste

Freundschaft von der Welt.

Vor dem Waschhaus, im schönen, warmen Sonnenschein, wurde Mohrchen bald

darauf in einer großen Wanne gebadet. Er ließ sich das wohl gefallen,

und sein kleiner Herr stand mit strahlenden Augen daneben und

streichelte mitunter Bertas Arm. »Ich hab' dich wieder genau so lieb,

wie früher, Bertachen,« versicherte Fritz, »nein, noch ein bißchen

lieber, weil du so gut zu Mohrchen bist!« Berta lachte fröhlich;

Mohrchen platschte behaglich im Wasser herum, und so wurde, während der

weiße Seifenschaum allen Schlamm herabschwemmte, die alte Freundschaft

wieder fest geschlossen. Schnurrhans saß blinzelnd auf dem Fensterbrett;

er war nicht ganz zufrieden mit der Sache; er ahnte, daß er fortan nicht

mehr allein alle guten Bissen bekommen würde. Und so geschah es auch;

für Schnurrhans aber war das nur gesund, sonst wäre er zu dick und rund

geworden.

O diese Bäckerbuben!

Gerade ehe sich die Pfingstferien noch höflich verabschiedeten, änderte

sich das Wetter, und es gab einen so strahlenden Sonnenschein, daß die

fünf Schatzgräber am Morgen alle als erstes Wort sagten: »Heute gehen

wir!«

So wurde es auch. Am Nachmittag marschierten die Geschwister Fröhlich

mit den fünf Kindern hinaus in die »Fröhliche Einkehr«. Dort wurden sie

von Jantge mit großem Jubel begrüßt, als hätten sie sich alle zusammen

mindestens seit zehn Jahren nicht gesehen. Jantge blühte wie ein

Röslein, sie sah so glücklich aus, daß Fräulein Helene leise zu ihrem

Bruder sagte: »Wie gut für das Kind, daß es eine Heimat gefunden hat!«

Jantge war glücklich in der neuen Heimat, das sah man, da brauchte

niemand zu fragen: »Gefällt es dir hier?« Ihr drittes Wort aber war

Karl. Was Karl tat und sagte, wie Karl wundervoll spielte und wie lieb

er sei, davon erzählte sie unaufhörlich. Und Karl schien nicht minder

entzückt von dem neuen Schwesterlein; Jantge hier und Jantge da, hieß

es. Das ging so hin und her, und die Geschwister Fröhlich hatten ebenso

ihre helle Freude an den einträchtigen Pflegegeschwistern, wie die

Wirtsleute.

Nur einer war damit unzufrieden, einer grollte, Severin. Seiner Meinung

nach hätte sich Jantge viel mehr über seinen Besuch freuen müssen, und

daß sie immer Karl lobte, nur von Karl sprach, ärgerte ihn. »Das ist

dumm,« sagte er zu seinem Bruder, »sie tut, als ob Karl ein Wundertier

wäre!«

»Hm,« brummte Wendelin, der gerade daran dachte, wie lange es wohl noch

dauern würde, bis die Stachelbeeren reif wären.

Karl mußte auch auf seiner Flöte blasen, und alle fanden, es klänge sehr

hübsch. Jantge aber war entzückt, sie strahlte, dreimal fragte sie

Severin: »Spielt er nicht fein?«

Dreimal antwortete Severin nur »hm,« zuletzt lief er wütend fort. Auf

dem Heimweg, während die anderen Kinder lustig schwatzten, war er sehr

brummig, er war wütend, daß seine Freundin Jantge sich so wenig um ihn

gekümmert hatte, und am Abend beim Zubettgehen sagte er zu Wendelin:

»Ich geh nicht mehr mit in die Fröhliche Einkehr!«

Wendelin erwiderte gar nichts, er schlief schon, er lag im Bette und

pustete wie eine kleine Dampfmaschine, und selbst der ärgerliche Puff,

den ihm sein Bruder Severin versetzte, ermunterte ihn nicht mehr. »Ich

lern's auch; was der kann, kann ich auch,« murmelte Severin, und dann

schlief er ebenfalls ein.

Am nächsten Tag hatte Severin ein Geheimnis vor seinem Bruder Wendelin,

vor seiner Mutter, vor Heine, kurz vor allen Leuten im Hause, auch vor

seinen Freunden. Gleich nach dem Mittagessen entschlüpfte er und ging

die Langgasse hinunter bis auf den Markt, dann trat er zagend und

verlegen in das Geschäft des Herrn Friedlein. Dort erhielt man die

wundervollsten Sachen, Porzellantassen und Spazierstöcke, Bilderrahmen

und Hosenträger, Tafelaufsätze und Handschuhe, was man wollte. Wenn

irgend jemand in Neustadt irgend jemand etwas schenken wollte, und er

wußte nicht recht was, dann ging er zu Herrn Friedlein, da fand er

sicher etwas. »Warenhaus« nannte Herr Friedlein sein Geschäft, und er

erzählte es jedem, der es hören wollte, »was Wertheim in Berlin ist, das

bin ich in Neustadt, mehr hat der auch nicht als ich.«

Severins Herz klopfte hörbar, als er den Laden betrat; er sah sich scheu

um, ob ihn auch niemand bemerkte, es war aber kein Mensch auf der Straße

zu sehen. Drinnen im Laden stand eine Frau, die guckte Severin an und

sagte: »Na, wo kommst du denn her?« -- Es war seine Tante.

Severin wurde blutrot, aber Herr Friedlein, der selbst im Laden war,

fragte: »Du willst wohl einen Bleistift?« Es gab nämlich gerade billige

Bleistifte zu verkaufen.

»Na, dann suche dir mal einen aus,« sagte seine Tante, »einen Groschen

schenke ich dir dazu!«

Das war nun sehr nett von der Tante, und Severin kramte auch höchst

vergnügt in dem Bleistiftkasten herum, drei bekam man für einen

Groschen. Es dauerte recht lange, ehe er seine Entscheidung getroffen

hatte, seine Tante bezahlte den Groschen und sagte lachend zu Herrn

Friedlein: »Das wäre wohl etwas langweilig, wenn alle Kunden so viel

Zeit zu ihren Einkäufen brauchten, nicht wahr?«

Herr Friedlein nickte und dann gähnte er, er hätte nämlich gern wie

jeden Tag sein Mittagschläfchen gemacht. In Neustadt pflegte sonst kein

Mensch zwischen ein und drei Uhr etwas einzukaufen, »so was tun nur

Leute in den langweiligen Großstädten,« sagte Herr Friedlein immer.

Ordentlich erschrocken fuhr er zusammen, als Severin auf einmal, als

seine Tante den Laden verlassen hatte, mit lauter Stimme rief: »Ich

möchte eine Flöte!«

»Was?« sagte der Kaufmann verdutzt. »Junge, du bist wohl nicht klug,

eine Flöte hat noch niemand bei mir verlangt. Kann's nicht eine

Mundharmonika sein?«

»Nein,« stotterte Severin, »'s muß eine Flöte sein. Karl hat auch eine!«

Herr Friedlein überlegte. Er ließ nie gern jemand aus seinem Laden

fortgehen, ohne daß er etwas gekauft hatte, und plötzlich fiel ihm ein

was er Severin als Flöte geben könnte. Er holte ein schwarzes Ding

herbei, »das sei etwas Wundervolles, viel, viel besser als eine Flöte,«

erzählte er, »es sei eine Okarina, und wenn ihm Severin zwei Mark geben

würde, dann sollte er das kostbare Instrument bekommen.«

Wenn gerade eine Klappe dagewesen wäre, dann wäre der Bube gewiß in die

Erde gerutscht vor Entsetzen über den unglaublichen Preis. Er blieb ganz

verdattert stehen und starrte den Kaufmann mit offenem Munde an, als

wäre dieser ein Geist. Sehr klug sah Severin gerade nicht aus, und Herr

Friedlein brummte ärgerlich und verständnisvoll. »Schneid' nicht so 'n

Gesicht, dummer Bengel! Wie viel Geld hast du denn?«

Seufzend griff Severin in die Hosentasche und holte ein altes,

abgenutztes Portemonnaie heraus, dreiundachtzig Pfennige, zwei

Stahlfedern, fünf Spielmarken, ein Zinnsoldat, ein Malzbonbon und ein

Stück Kreide, die alles angeschmiert hatte, waren darin. Herr Friedlein

sah seine Okarina an, ein Stückchen war schon davon abgeschlagen und

einen ganz kleinen Sprung hatte sie auch schon. »Na, meinetwegen,« sagte

er gnädig, »da nimm sie für das Geld, du kannst aber froh sein über den

Einkauf, so was passiert nicht alle Tage!«

Schweigend nahm Severin seine Okarina, stumm ging er hinaus, und erst

als er auf der Langgasse war, blieb er stehen. Da hatte er nun all sein

Geld ausgegeben, dreiundachtzig Pfennige, beinahe ein Königreich hätte

er sich dafür kaufen können, so meinte er. Freilich eine -- eine, ja wie

hieß das Ding doch gleich -- hatte Karl nicht. Aber wie das Instrument

hieß, mußte er wissen, für dreiundachtzig Pfennige konnte er dies

verlangen. Er raste zurück, riß die Ladentüre auf, daß die Klingel

förmlich hopste und sprang. Ebenso schnell sprang Herr Friedlein in der

Ladenstube von seinem Sofa auf, er war gerade ein bißchen eingeschlafen

gewesen; er stürzte in den Laden, sicher war jemand da, der sehr viel

kaufen wollte.

»Wie heißt die Pfeife?« schrie ihm Severin entgegen.

»Okarina, du unnützer Bengel,« rief Herr Friedlein zornig, »was fällt

dir ein, so zu klingeln!« Aber Severin war schon wieder draußen, er lief

über den Markt, durch die Langgasse und sagte immer vor sich hin:

»Onetrina, Onetrina!« Na, das war mal ein putziger Name.

»Du vergißt wohl ganz das Grüßen, mein Sohn?« fragte da auf einmal

jemand mahnend, und Severin sah den Herrn Direktor vor sich stehen. Er

riß die Mütze vom Kopfe und stammelte: »Onetrina, Onetrina!« Der Herr

Direktor Weidlich ging kopfschüttelnd weiter und murmelte: »Der Knabe

ist wohl etwas dumm, mir scheint, er hätte Ostern sitzen bleiben sollen!

Ich muß etwas auf ihn achten!« --

An diesem Nachmittag ließ Klaus Hippel plötzlich den Pantoffel, an dem

er gerade nähte, zur Erde fallen; erschrocken lauschte er, dann sagte er

zu seiner Frau Paulinchen: »Nun höre doch nur, da schreit der Kauz gar

wohl am hellen Tage!«

»Das bedeutet gewiß ein Unglück,« jammerte die Pantoffelmacherin. »Ih

wo, das bedeutet gar nichts,« sagte ihr Mann vergnügt, »wenn ich nur

wüßte, wo der Kauz sitzt?«

Das war freilich ein sonderbarer Kauz, der da, etwas versteckt von

allerlei Gebüsch, draußen auf der Wiese vor dem Turm stand und mit

vollen Backen auf seiner Okarina blies. Uhuhuhu -- pfpfpf ging das, es

klang so jämmerlich, daß Klaus Hippel verwundert sagte: »Na, nun weiß

ich nicht, hat der Kauz, der so schreit, Leibschmerzen, oder ist es ein

Hund, der heult, so was habe ich noch nie gehört!«

Wenn Klaus Hippel auch so dachte, Severin dachte eben anders; er ging

sehr befriedigt von seinem Spiel heim. Weil er sehr zum Überfluß, wie er

fand, noch Schularbeiten zu machen hatte, konnte er an diesem Tage nicht

weiter blasen. Am Abend vor dem Schlafengehen vertraute er aber Wendelin

das große Geheimnis an, und der bewunderte denn auch das wunderbare

Instrument gebührend. »Laß mich auch drauf blasen,« bat er, doch davon

wollte Severin nichts wissen, er allein wollte besser spielen als Karl.

Als aber Wendelin gar so beweglich bat und sich erbot, einen Groschen zu

dem Kaufgeld zuzugeben, erlaubte es Severin endlich. Damit nun aber

niemand im Hause die wunderbaren Töne zu hören bekam, kroch Wendelin

unter die Bettdecke. Dumpf und schauerlich kamen die Töne darunter

hervor, Severin lauschte voll Andacht, endlich rief er aus: »Weißt du,

ich krieche mal unter Heines Bett, dann denkt der, es spukt!«

Der Vorsatz war nun nicht gerade lobenswert, aber leider fand er

Wendelins vollen Beifall. Der Bube quiekte vor Vergnügen, hopste im Bett

herum, strampelte und jauchzte und zuletzt schliefen die Brüder sehr

vergnügt ein. --

Am nächsten Tag gab es viel Unruhe im Bäckerhaus. Frau Gutgesell hatte

Kaffeegäste, da gab es genug zu tun und anzuordnen. Die Staatsstube

wurde noch einmal gewischt und gescheuert, obgleich kein Stäubchen darin

lag. Den Buben war das Betreten dieses feierlichen Raumes bei Strafe

verboten, überhaupt waren die zwei an dem Tage immer im Wege. Da sollten

sie nicht sein und das nicht tun, dabei hatten sie gerade noch mehr als

sonst Lust zu allerlei Dummheiten. Ihre Mutter sagte seufzend: »Na, was

werdet ihr heute noch anrichten!« Zuletzt verschwanden aber die Buben,

und als die Gäste kamen, waren sie gar nicht zu sehen. Pünktlich um vier

Uhr erschienen die Damen, und bald darauf saßen alle vergnügt in der

Staatsstube beisammen, lobten Kaffee und Kuchen und erzählten sich dies

und das.

Auf einmal horchte Frau Gutgesell erschrocken auf: was war das, welcher

Lärm entstand draußen?

Da stürzte auch schon Marie, die Magd, mit dem Schreckensruf in das

Zimmer: »Feuer, Feuer!«

Ein wildes Angstgeschrei erhob sich, alle Gäste sprangen auf, eine

Kaffeetasse und der Milchtopf fielen um, Kuchenstücke und Arbeitsbeutel

rollten zu Boden, die Damen rannten hinaus und bald gellte der Angstruf:

»Feuer, Feuer!« bis auf die Straße hinaus.

»Huh!« schrie die Grünwarenhändlerin Lehmann und purzelte mit einem

Korbe unreifer Stachelbeeren auf die Straße. Alles was flinke Beine

hatte, rannte dem Rufe nach, alle Fenster öffneten sich, überall

schauten Leute heraus und einer fragte den andern: »Wo brennt's denn?

Sieht man das Feuer?«

Und plötzlich jagte eine wunderliche Gestalt aus dem Bäckerhause heraus;

Heine war es. Er hatte sich in eine große, rotkarierte Bettdecke

gewickelt, die ihm halb nachschleppte, ein dickes, blaugewürfeltes

Kopfkissen hielt er im Arm, als sei es ein kostbarer Schatz. Und so

rannte der Geselle die Marienstraße entlang und schrie unaufhörlich:

»Feuer, Feuer!«

Bald kamen von überall her die Menschen angerannt, die Feuerwehr kam mit

für Neustadt ganz außergewöhnlicher Eile angerasselt, sie hatte es

nämlich nicht weit.

»Feuer, Feuer!« schrie alles im Bäckerhause; Meister Gutgesell rannte

hierhin und dahin. Ja, Potzwetter, wo brannte es denn?

»In Heines Stube,« rief Martin, und Meister und Altgeselle stürzten

hinauf; Heine hatte seine Stube in der Mansarde.

Doch in der Stube war kein Fünkchen zu sehen, es roch kein Bißchen nach

Rauch, etwas Merkwürdiges aber erblickte der Meister, das waren vier

Beine, die unter dem Bett hervorragten und die gerade, als er das Zimmer

betrat, zappelnd darunter verschwinden wollten. Kurz entschlossen

ergriff der Meister zwei Beine, Martin die anderen, und schwapp kamen

Severin und Wendelin mit feuerroten, verheulten Gesichtern unter dem

Bette vor.

»Dumme Bengels, seid doch nicht so furchtsam, das ganze Haus brennt doch

noch nicht, wißt ihr denn, wo's brennt?«

»Hup, hup, hup,« schluchzte Severin, »e--s brennt ja gar nicht!«

»Heine,« heulte Wendelin, »dachte, weil -- weil -- wir doch bloß Spaß

gemacht haben!«

»Feuer, Feuer,« schrie es draußen, und der dicke Brandmeister Schulze

keuchte die Treppe im Bäckerhause empor: »Ja, wo brennt's denn, ich sehe

ja nichts und ich rieche nichts. Herr Meister, Herr Meister, sagen Sie

mir doch, wo es brennt?«

»Hier,« brummte der Meister und -- klatsch bekam Wendelin einen

Katzenkopf rechts, und Severin einen links. Dann nahm der Meister seine

Buben beim Kragen und zog sie die Treppe mit hinunter. »Es brennt gar

nicht, es brennt gar nicht,« schrie er so laut, daß es dröhnend das Haus

durchhallte.

Der dicke Brandmeister kugelte vor Eilfertigkeit fast die Treppe

hinunter. »Nicht spritzen, nicht spritzen,« rief er seinen Leuten zu,

und das war gut, denn diese standen schon bereit und hätten beinahe

einen Wasserstrahl in das offenstehende Fenster der Staatsstube gesandt.

»Es brennt gar nicht,« rief draußen einer dem andern zu. »Die Buben

haben eine Dummheit gemacht,« rief ein Lehrjunge, und gleich flog das

Wort weiter. Frau Lehmann, die noch immer inmitten ihrer verschütteten

Stachelbeeren saß, stand auf und rief entrüstet: »Was, es brennt nicht

einmal, da habe ich mich umsonst erschrocken, na, ich sag's ja, heillose

Buben sind's, die beiden!«

»Da kommt Heine, nä, seht doch wie der Heine aussieht!« riefen einige

Stimmen lachend. Heine rannte ganz verwirrt in das Bäckerhaus zurück,

und als die Damen, die alle mit dem Meister, Altgesellen und

Brandmeister um die heulenden Buben herumstanden, den Gesellen in seinem

wunderlichen Aufzuge erblickten, lachten und schrieen sie: »Himmel, wie

sieht der Mensch aus!«

»Zieh dich rasch an und dann komm und erzähle, was geschehen ist!« rief

der Meister dem Gesellen zu.

Aber der war so verdattert, daß er nur immer rief: »Ich hab's doch Feuer

blasen hören, ganz gewiß, ganz gewiß!«

»Habt ihr geblasen?« fragte der Meister seine Buben.

»Ja,« jammerten beide, »bloß -- 'n bißchen.«

»Wo?« fragte der Vater weiter und sah die beiden Schlingel strafend an.

»Unter -- unter Heines Bett,« kam ängstlich die Antwort.

»Ach so, und der gute Heine hat geschlafen und ist von eurem Geblase

aufgewacht und hat gedacht es brennt,« sagte der Meister

verständnisvoll.

»Pfui, ihr abscheulichen Jungens,« schrie Heine und stürzte mit seiner

Bettdecke und seinem Kopfkissen davon; er fing plötzlich an, sich

mächtig zu schämen, da er nun erst recht zur Besinnung kam.

»Das ist meiner Seele eine höchst kuriose Geschichte, ich glaube, die

kommt in den Anzeiger!« sagte der dicke Brandmeister. »Übrigens muß Herr

Heine gewiß noch Strafe für unbefugtes Alarmieren der Feuerwehr zahlen!

Empfehle mich den Herrschaften.« Herr Schulze ging davon, bald rasselte

die Feuerwehr durch die Marienstraße, oben in seinem Zimmer kroch Heine

wütend in sein Bett, die Damen kehrten an ihren Kaffeetisch zurück --

und die Buben?

Ach, die Buben! Schläge gab es freilich nicht, aber viel Kummer kam über

beide. Severin spielte nicht mehr auf seiner Okarina, denn die

verschwand für einige Zeit in des Vaters Schrank. Und der Bube dachte

manchmal seufzend: »Hätte ich meine dreiundachtzig Pfennige noch, dann

könnte ich mir dies oder jenes kaufen!« Drei Tage Katzentisch gab es

auch, und am Katzentisch gibt es bekanntlich keine Leckerbissen. Das

allerschlimmste aber war, die Geschichte kam wirklich in den Neustädter

Anzeiger für Stadt und Umgebung.

Wendelin und Severin wären am liebsten vor lauter Schämen im Bett

geblieben, so wenig sie auch sonst für Kranksein schwärmten. Auch in ein

Mauseloch wären sie himmelgern gekrochen, nur gerade in die Schule zu

gehen, dazu hatten sie recht wenig Lust. Aber sie mußten hinein, mußten

alle Fragen und alle Neckereien aushalten, es zeigte sich hierbei

wieder, daß gute Freunde schon etwas wert sind. Jörgel stand tapfer zu

den beiden, auch Fritz Brinkmann hielt zu ihnen, und ebenso Brigittchen

und Anne-Marte. Das sanfte Brigittchen wurde ganz kampfbereit, wenn

jemand etwas gegen die beiden Freunde sagte.

Freilich sprach ganz Neustadt von den Bäckerbuben und von Heine mit dem

Bettuch und dem Kopfkissen. Es ist nun aber eine alte Geschichte, daß

gemeinsames Leid verbündet, und Heine, der erst fuchswild über den

Streich gewesen war, den die beiden ihm gespielt hatten, fand nun, es

sei gar nicht so schlimm gewesen wie die Leute die Geschichte machten.

Aus lauter Ärger darüber söhnte er sich mit den Buben aus; es wurde

wieder eine ganz dicke Freundschaft. Als die Grünwarenhändlerin Lehmann

einmal sagte: »Sie haben mir recht leid getan, Herr Heine, die Bengels

drüben sind auch recht schlimm,« da brummte er: »Sie haben eben immer

was an den Buben zu tadeln, Madame Lehmann, es soll jeder vor seiner

eigenen Türe kehren, die Buben sind besser als Ihre alten Holzäpfel, die

sie mir vor etlichen Wochen verkauft haben!«

Klaus Hippel aber sagte, es sei der beste Spaß seit langer Zeit gewesen,

und weil der Pantoffelmacher lachte, lachten die Buben zuletzt auch. Da

hörten bald die Neckereien auf, das ist mal so, wer mitlacht fährt am

besten. Am heitersten aber lachte Jantge über die Geschichte, denn

Severin ging das nächste Mal doch mit in die Fröhliche Einkehr, dort

söhnte er sich mit Jantge und Karl aus und gab es auf, eifersüchtig zu

sein.

Es kommt ja doch nichts dabei heraus.

Die Schatzgräber finden einen Schatz.

Sommerreisen sind in Neustadt nicht eine so allgemeine Modesache, wie in

den großen Städten. Die Erwachsenen fahren wohl hierhin und dahin, aber

die Familien, in denen Kinder sind, die bleiben gern daheim. Die meisten

Häuser haben Gärten, und wer selbst keinen Garten hat, der geht in

Nachbars Garten spielen; draußen im Freien, in dem schönen Wald, ist man

auch schnell genug. Ja, Neustadt ist so hübsch, daß regelmäßig zwei alte

Prinzessinnen das sonst unbewohnte Schloß im Sommer beziehen. Sie kommen

jedes Jahr bald nach Pfingsten, manchmal auch vor dem Fest, und sie

bleiben, bis in dem alten Schloßgarten die Bäume ihre goldroten Kleider

angezogen haben.

Wenn die Prinzessinnen Emma und Marie, zwei freundliche, alte Damen,

Einzug halten, dann steht das ganze Städtchen beinahe auf dem Kopf,

namentlich die Kinder laufen sich die Beine ab, um die Prinzessinnen zu

sehen, und drei Tage lang fragen sich die Leute untereinander: »Hast du

sie schon gesehen?« Nachher ist es eine gewohnte Sache, nur die Kinder,

die rennen jedesmal, wenn der fürstliche Wagen zu sehen ist, hinterher,

schreien hurra und guten Tag; dies gehört in Neustadt zum besonderen

Kindervergnügen.

Etliche Tage nach dem blinden Feuerlärm hielten denn auch die

Prinzessinnen wieder ihren Einzug in Neustadt, und Severin und Wendelin

rannten trotz ihres Kummers auch an den Schloßberg, um die Einfahrt mit

anzusehen. Sie schrieen hurra, so laut sie konnten; sie standen mit

Brigittchen, Anne-Marte und Jörgel zusammen und sagten auch, wie Klaus

Hippel immer sagte, wenn die Prinzessinnen da waren: »So, nun ist es

richtiger Sommer!«

Die beiden alten Damen nickten den Kindern freundlich zu, und Prinzessin

Emma sagte zu Prinzessin Marie: »Glaubst du, daß Kinder wo anders so

laut schreien können wie in Neustadt?«

»Nein,« erwiderte Prinzessin Marie lachend, »ich glaube es nicht, aber

hübsch ist doch unser Neustadt, ich bin doch recht froh, daß ich wieder

da bin!«

Ja, hübsch war es in Neustadt, in den sonnenhellen Sommertagen ebenso

wie in den heimlichen, traulichen Wintertagen. Die fünf Schatzgräber

fanden es in diesem Jahre besonders hübsch; es gab so viele lustige

Waldspaziergänge, zu denen die Geschwister Fröhlich die Kinder

mitnahmen, und bei denen es allemal sehr vergnügt zuging. Nur einen

Fehler hatten diese Tage, sie gingen immer mit der allergrößten Eile zu

Ende. Die Sonne purzelte dann nur so in ihr Wolkenbett, wutsch, war sie

drin, zog sich ein dickes Wolkenkissen über die Nase, und die Kinder

hatten das Nachsehen.

Immer weiter schritt der Sommer vor. Der Flieder verblühte, der Jasmin

duftete, und die Rosen entfalteten sich. Die Erdbeeren reiften, dann

auch das Strauchobst, und eines Tages hatte Frau Lehmann die ersten im

Lande gereiften Kirschen. Klaus Hippels Blumenbrettlein brach fast unter

seiner blühenden Fülle, und von ihren Spaziergängen kamen die Neustädter

Kinder jetzt mit Kornblumensträußen beladen heim.

Und auf einmal waren die Sommerferien da. Sie wurden mit noch mehr Jubel

begrüßt als die Prinzessinnen, und durch Neustadts Straßen und Gäßlein

brauste an dem ersten Ferientage der Kinderjubel wie ein Strom.

Die fünf Schatzgräber saßen auch an diesem ersten Ferientage auf der

Stadtmauer und schmiedeten Ferienpläne -- von Schularbeiten stand aber

leider nicht viel darin. Wie die fünf Freunde so saßen und schwatzten,

kamen auf einmal, von einer Hofdame und einem Kammerherrn gefolgt, die

beiden Prinzessinnen durch das Stadtwäldchen daher. Die Kinder

erschraken, sie wären am liebsten schleunigst entflohen, daran war aber

nicht mehr zu denken. Wendelin zog zwar eiligst seine Beine hinauf,

dabei löste sich einer seiner Turnschuhe, die er trug, und plumps fiel

der Schuh gerade vor Prinzessin Emma nieder. Prinzessin Marie sah zu der

Mauer empor, und plumps, da fiel der zweite Schuh gerade vor ihrer Nase

auf den Weg.

»Wie unschicklich,« sagte das Hoffräulein entrüstet und warf einen

strafenden Blick auf Wendelins braunbestrumpfte Füße, am linken guckte

die große Zehe ganz lustig aus dem Strumpf heraus.

Die Prinzessinnen lächelten nachsichtig. Ja, sie blieben sogar stehen

und fragten die fünf Mauerschwalben gar freundlich nach ihren Namen. Das

war ein Ereignis! Die Kinder machten zwar kaum den Mund auf; nachher

taten sie sich aber unendlich wichtig, und selbst Heine sagte: »Das

hätte in der Zeitung stehen sollen, nicht die dumme Feuergeschichte!«

Und was Heine sagte, das war wahr.

Die Prinzessinnen gingen auch, wie jedes Jahr, in den alten Stadtturm,

um sich die Aussicht und das Museum anzusehen, und Klaus Hippel und

seine Frau Paulinchen waren wie jedes Mal sehr stolz über den Besuch.

Sonst hatten die Pantoffelmachersleute aber wenig Freude in diesen

warmen Sommertagen. Frau Paulinchen hatte einen schlimmen Fuß bekommen,

und dann lastete noch schwer ein anderer Kummer auf den alten Leuten.

Bald nach Pfingsten hatte der Schwiegersohn, Friedrich Lange, zufällig

gehört, wie zwei seiner jetzigen Arbeitsgenossen von ihm sprachen; der

eine sagte: »Ich glaube es doch, daß er ein Dieb ist und damals im

Herbst das Geld genommen hat. Sicher ist die ganze Geschichte nur

erlogen!« Darauf sagte der zweite: »Man muß sich vor ihm in Acht

nehmen!« Der brave Friedrich Lange hatte gemeint, daß der Verdacht, der

auf ihm ruhte, längst vergessen wäre, und das Wort Dieb traf ihn so

schwer, daß er seitdem wie verstört herumging. Seine Frau, seine

Schwiegereltern und seine Freunde, alle suchten ihn zu trösten, aber

vergeblich; der arme Mann wurde ganz tiefsinnig. Wenn einer ihn nur

ansah, dann dachte er schon: »Er sieht in dir einen Dieb.«

Es war ein Jammer; Frau und Kinder und die alten Eltern litten mit ihm,

und alle vermochten sie doch trotz ihrer innigen Liebe nicht zu helfen.

Viele Klagen hörte zwar niemand von den Pantoffelmachersleuten, aber die

alte Lustigkeit war wieder aus dem Turm entflohen.

So vergingen die Tage des Sommers in Heiterkeit für die Kinder, in

Sorgen für die Pantoffelmachersleute, und plötzlich hieß es: »In acht

Tagen fängt die Schule wieder an!«

Es war ein trüber, grauer Tag, an dem die fünf Schatzgräber den

Entschluß faßten, endlich einmal die Ferienarbeiten richtig in Angriff

zu nehmen. »Es wird auch Zeit,« sagte Frau Doktor Fabian, »ihr tut ja,

als wären die Bücher überhaupt nicht mehr auf der Welt.«

Trotz aller guten Vorsätze -- Anne-Marte hatte sich sogar Watte in die

Ohren gestopft, um nichts zu hören, was sie ablenken könnte -- wurde an

diesem Tage aus der Arbeit nicht viel. Es war so schwül, kein Lüftchen

wehte, selbst die Erwachsenen seufzten bei ihrer Arbeit. Die Bäume

standen so still in der grauen Luft, als wären sie aus Stein; unruhig

huschten die Schwalben über den Kirchplatz; sie flogen so tief, daß das

Gras, das hier und da zwischen den Steinen wuchs, von ihrer Berührung

zitterte. »Es wird ein Gewitter geben,« sagten alle Leute und schauten

nach dem Himmel empor. Wie eine graue Decke hing der über der Erde, von

der Sonne sah man nur einen blassen, hellen Schein.

Gegen zwei Uhr wurde es ganz dunkel. Klaus Hippel sah von seinem

Turmfenster aus dicke, schwere Wolken am Himmel emporsteigen, wie dunkle

Berge türmten sie sich auf, und oben hatten sie einen breiten,

schwefelgelben Rand. Es dauerte auch nicht lange, da sauste der Sturm

durch die Straßen, das Gewitter brach los. Blitze zuckten; der Donner

rollte dumpf und dröhnend, und plötzlich war es, als platzte der Himmel,

solche Regenmassen prasselten hernieder, und immer lauter heulte der

Sturm. Der alte Wachtturm schwankte ordentlich bei diesem Tosen des

Wetters, und die Pantoffelmachersleute schauten sich zagend an: »So ein

Wetter haben wir lange nicht gehabt,« murmelte Klaus Hippel. Und wie er,

so sagten auch die anderen Neustädter. Angstvoll blickte jeder hinaus,

und Schrecken ergriff alle, als die Feuerwehr klingelnd durch die

Straßen fuhr; es hatte aber nur in einen Schornstein eingeschlagen. Dann

krachte wieder so ein heftiger Donnerschlag, daß alle Fenster zitterten,

und auf dem Kirchplatz lag eine Linde zerschmettert am Boden. Der Sturm

riß Ziegel von den Dächern, und die Bäume neigten sich tief vor seiner

Macht. Bis in die Nacht hinein dauerte das Unwetter, dann ließ es nach,

und am nächsten Morgen strahlte die Sonne hell über Neustadt. Alles

blinkte und blitzte wie frischgewaschen, und der Himmel hatte kein

Fleckchen an seinem blauen Kleid. In dem hellen Sonnenschein aber sah

man recht, wie arg das Unwetter gehaust hatte; in den Gärten waren die

Beete zerwühlt, und der kleine Mühlbach am südlichen Stadtende gebärdete

sich wie ein wildgewordener Strom, so dick geschwollen vom Regenwasser

brauste er einher.

Im Stadtwald, auf den Promenaden lagen entwurzelte Bäumchen und Haufen

niedergebrochener Äste.

»Da könnte man gut Reisig sammeln, meine Holzkammer ist ohnehin leer,«

sagte Frau Paulinchen betrübt, als Brigittchen, Anne-Marte, Jörgel und

die beiden Bäckerbuben ihr am Nachmittag erzählten, wie es draußen

aussah. Die Kinder waren gekommen, um zu fragen, ob der Turm bei dem

Sturm geschwankt hätte; Jörgel hatte nämlich gesagt, dies könnte wohl

sein.

»Natürlich hat er geschwankt, wie ein Baum, hin und her!« sagte Klaus

Hippel, der fast beleidigt war, daß seinem Turm so wenig zugetraut

wurde.

Die Kinder bedauerten einstimmig, daß sie nicht dabei gewesen wären,

aber Mutter Paulinchen sagte, es wäre sehr unheimlich gewesen. Dann

seufzte sie wieder: »Ach könnte ich doch heute ordentlich Reisig suchen

gehen, aber mein Fuß ist zu schlimm!«

»Und ich muß die Pantoffeln hier heute noch liefern,« brummte Klaus

Hippel. »Schade, heute ist gerade Freiholztag!«

»Wir wollen Reisig suchen,« rief Anne-Marte vergnügt. »Ja,« stimmten

Jörgel, Brigittchen und Severin freudig ein, nur Wendelin war von dem

Plan nicht sehr entzückt.

»Na, du mit deinem weißen Kleid, Brigittchen, da möchte deine Tante

schön schelten!« meinte Mutter Paulinchen bedenklich. »Ach, ich laufe

fix zu Frida Müller, die borgt mir eine Schürze,« sagte Brigittchen,

»dann holen wir Holz, deinen ganzen Stall voll.«

Schwupps, war die Kleine auch schon zur Türe hinaus, und Anne-Marte

folgte ihr. Frida Müller war die Tochter einer Waschfrau, sie war in

gleichem Alter mit Brigittchen und Anne-Marte. Ihre Mutter wusch bei

Fabians und bei Schöns, und Frida holte sie manchmal ab und spielte dann

mit den Freundinnen, die Frida beide sehr nett fanden. Die Waschfrau

Müller wohnte in der Turmgasse, die dicht am alten Stadtturm lag, es war

also kein weiter Weg, den die Mädels zurückzulegen hatten. Und Frida war

daheim und sehr bereit, zu helfen. Sie holte rasch einen blauen Rock und

eine Schürze herbei, ja ein Kopftuch holte sie auch, weil Brigittchen

ihren weißen Staatshut aufhatte, und statt der feinen, braunen Schuhchen

zog diese ein Paar von Fridas Alltagsschuhen an.

Bald war die Kleine in ein richtiges Holzmädel umgewandelt, auch

Anne-Marte bekam eine blaue Schürze und ein Kopftuch, und Frida Müller

sagte noch: »Es kann alles schmutzig werden, es geht zu waschen.«

Kichernd vor Vergnügen kamen nach einem Weilchen beide in den Turm

zurück.

»Potzhundert, ihr seht aber schmuck aus!« rief Meister Hippel lachend,

»nun bin ich nur neugierig, wie viel Reisig ihr anbringen werdet!«

»Schrecklich viel,« riefen alle fünf, dann eilten sie hinaus, dem

Stadtwald zu. Sie fanden, es sei ein wundervolles Vergnügen, Reisig zu

suchen. Namentlich da so viele Äste am Boden lagen, da brauchte man nur

zuzugreifen.

Ein bißchen naß war es zwar von dem gestrigen Regen, aber das störte die

Kinder weiter nicht, sie suchten mit brennendem Eifer, und bald war der

kleine Handwagen, den die Pantoffelmacherin ihnen mitgegeben hatte,

hochbeladen. »Nun nehmen wir jeder noch ein kleines Bund auf den

Rücken,« schlug Jörgel vor, »na, dann soll Meister Hippel uns aber nicht

auslachen!«

Wendelin brummte ein wenig, er war nicht sehr dafür eingenommen, daß er

sich so oft bücken mußte, aber weil Brigittchen so voll Eifer war, tat

er auch mit.

»Ich bin Pferd,« rief Anne-Marte, als alle Bündel fertig waren.

»Ich auch,« schrie Severin.

»Und wir sind Vorreiter,« rief Jörgel und faßte Brigittchens Hand, und

lustig ging die Fahrt los.

»Wendelin muß schieben. Aber ordentlich, nicht bloß so tun,« gebot

Anne-Marte.

Ein bißchen seufzend gehorchte Wendelin, er wäre lieber Kutscher gewesen

und hätte sich ziehen lassen.

Das war eine lustige Fahrt durch den Wald mit dem beladenen Wagen. Die

beiden Pferde rasten in wilder Eile vorwärts, aber die Vorreiter waren

noch geschwinder. Am Rande des Wäldchens, da wo die Stadtmauer anfängt,

stolperte Brigittchen plötzlich an einem kleinen Abhang, und trotz

Jörgels freundlicher Mahnung, nicht zu fallen, lag sie plötzlich platt

am Boden in dem feuchten Moos. Ihr erster Gedanke war: »Gut, daß ich

mein weißes Kleid nicht anhabe.« Dann aber sah sie auf einmal etwas

Merkwürdiges vor sich im Moos liegen, und sie blieb einfach liegen, um

sich das Ding genauer anzusehen.

»Steh doch nur auf,« mahnte Jörgel, »hast du dich geschlagen?«

»Nein,« erwiderte Brigittchen sehr vergnügt und krabbelte empor, »sieh

mal, ich hab' hier was gefunden.«

Sie erhob sich und reichte Jörgel ein schwarzes, nasses Ding hin, das

der verwundert von allen Seiten betrachtete. »Es ist so schmutzig,«

sagte er verächtlich.

»Aber so schwer,« meinte Brigittchen, »es ist ein Paket, wer weiß was

drin ist.«

»Na, Kuchen sicher nicht!« rief Jörgel neckend.

»Ein Schatz vielleicht,« sagte Brigittchen, »ich nehme das Paket Vater

Klaus mit!«

»Vorsicht, aus dem Wege!« riefen jetzt Anne-Marte und Severin; sie

fuhren mit ihrem Wagen den Abhang hinunter. Wendelin schien zu denken,

es ginge bergauf, er schob mit aller Macht und pardauz überschlug sich

der Wagen am Abhang. Die Reisigbündel flogen hierhin und dahin,

Wendelin, durch den jähen Anprall erschreckt, schoß in einem weiten

Purzelbaum über alles hinweg, und eine Weile kollerten Kinder, Wagen und

Reisigbündel durcheinander. Dem armen Wagen knackten alle Knochen im

Leibe, den Kindern hatte das Durcheinander aber weiter nichts geschadet,

sie fanden es vielmehr höchst lächerlich. Wer nicht gefallen war, setzte

sich ins Moos, um sich ordentlich auszulachen. Heil, unzerbrochen, nur

ein wenig schmutzig, standen sie endlich auf.

»Mein schwarzes Ding,« rief Brigittchen, die noch am Boden saß, und sah

sich suchend um.

Es war weg, und Anne-Marte rief: »Laß es doch liegen.« Aber Brigittchen

wollte ihren Fund nicht im Stich lassen, und so halfen ihr denn auch die

anderen suchen. Schließlich fand es sich, daß Brigittchen auf dem

schwarzen Ding gesessen hatte, was zu neuem Gelächter Anlaß gab. So

kamen die Fünf lachend und höchst vergnügt mit ihrer Holzlast am Turm

wieder an, und Mutter Paulinchen kam erfreut die Treppe herab gehumpelt.

»Das lobe ich mir,« sagte sie, »nein, so eine Freude!«

»Jetzt muß Vater Hippel aber noch meinen Fund sehen,« rief Brigittchen

und hopste die Treppe hinauf, und oben hielt sie dem Pantoffelmacher das

schwarze Ding vor die Nase: »Das hab' ich gefunden!«

»Was ist denn das?« brummelte der, »ist wohl gar 'n toter Maulwurf oder

so was!«

Die Kinder kicherten, der Alte aber rückte seine Brille zurecht, um den

Fund genauer anzusehen. Aber plötzlich wurde er leichenblaß und seine

Hände zitterten. Hastig löste er einen Riemen, mit dem das schwarze Ding

zugeschnallt war, eine rotbraune, aber auch verwitterte Tasche kam

heraus. »Mutter!« rief Klaus Hippel mit bebender Stimme, »Mutter,

wahrhaftig, es ist die Tasche von unserm Friedrich!«

»Du lieber Gott!« stammelte Frau Paulinchen und faltete die Hände, »wie

ist das möglich?«

Die Kinder standen in stummem Staunen da, wie ein Märchen schien ihnen,

was sie sahen. Der alte Mann hatte unterdessen die Tasche geöffnet, in

der einige schwere Rollen steckten. »Das Geld ist drin, lieber Gott, ist

das ein Glück!« murmelte er, und dicke Tränen liefen über seine

gefurchten Wangen. Und dann lagen sich die beiden alten Leute in den

Armen und weinten und lachten, und die Kinder jubelten mit ihnen. »Es

war feierlicher als Weihnachten,« sagte Brigittchen später.

»Unsere Kinder müssen es wissen,« sagten die Alten.

»Wir gehen hin und sagen es,« riefen die Kinder wie aus einem Munde, und

ehe Pantoffelmachers noch etwas sagen konnten, stürmten sie schon alle

fünf die Treppe hinab. Die Turmgasse entlang gings, an Frida Müller

vorbei, und Brigittchen dachte gar nicht an ihren seltsamen Anzug.

Das Kontor des Herrn Schön lag am Markt, dorthin lenkten die Kinder ihre

Schritte, denn dort war um diese Zeit Friedrich Lange zu finden. Es war

ein hohes, altes Haus, in dem sich das Kontor befand. Durch einen

breiten, gewölbten Hausflur ging es hindurch und schrill schlug die

Klingel an, als die Kinder öffneten. Herr Schön stand gerade in dem

ersten Arbeitszimmer und sprach mit dem Bürgermeister, der ihn besucht

hatte und nun wieder gehen wollte. In diesem Augenblick stürmten

atemlos, naß, schmutzig und zerzaust die fünf Kinder ohne weiteres

herein, und alle fünf zusammen schrieen sie: »Wir haben das Geld

gefunden, die Tasche, die --«

»Welches Geld, welche Tasche? Ja, was soll denn das heißen?« rief Herr

Schön verblüfft. Dann erkannte er sein Töchterchen und sagte ärgerlich:

»Aber Kind, wie siehst du aus!« Doch Brigittchen, die sonst bei jedem

Tadel am liebsten weinte, war über ihren Fund so aufgeregt, daß sie laut

jubelte: »Ich habe die Tasche gefunden, die richtige Tasche, Klaus

Hippel sagte es, und das Geld wäre auch drin!«

»Brigittchen hat die Tasche gefunden!« jauchzten die anderen Kinder,

»Friedrich Langes Tasche!«

»Meine Tasche!« schrie Friedrich Lange; er sprang von seinem Platze auf,

wo er Pakete gepackt hatte, »ist's wahr, ist's wahr?«

»Ja,« sagten die Kinder leise und sahen schüchtern auf den Mann, der

sich an die Wand lehnen mußte, um nicht umzusinken. Er faltete die

zitternden Hände und schluchzte: »Mein Gott, ich danke dir, nun darf

mich niemand mehr einen Dieb nennen!«

Herr Schön und der Bürgermeister sahen erschüttert auf Friedrich Lange;

sie fühlten es jetzt beide, wie sehr der gelitten haben mochte. Die

Kinder mußten nun von ihrem Fund erzählen, und sie taten das mit mehr

Eifer und Geschrei, als gerade gut war, um aus der Geschichte klug zu

werden. Manchmal schrieen sie alle fünf durcheinander, und Brigittchen

war so bei der Sache, daß sie sich sogar platt auf die Erde warf, um die

Sache recht anschaulich zu machen. Herr Schön sah ganz erstaunt auf sein

Töchterchen, er kannte das daheim so stille Kind gar nicht wieder, nein,

und was für einen seltsamen Anzug sie nur trug und wie schmutzig sie

aussah! Aber Brigittchen merkte davon in ihrer Herzensfreude nichts, sie

lief auch mit ihren Freunden mit, als die beiden Herren und Friedrich

Lange eiligst zu dem Pantoffelmacher gingen, um zu sehen, ob es auch

wirklich die rechte Tasche sei, die gefunden worden war.

Friedrich Lange konnte kaum sprechen, und die alten, steilen Turmtreppen

sprang er nur so empor, und dann sah er schon bei seinem Eintritt auf

dem Tisch die Tasche liegen, die ihm und den Seinen so viel Kummer

bereitet hatte. Eine Nachbarin hatte inzwischen eiligst Frau Lange und

die Kinder herbeigeholt, und die Familie stand andachtsvoll vor dem

Tisch; ach, nun hatte ihr Kummer ein Ende!

»'s ist nicht zu sagen, nicht zu sagen, was für Dinge alles auf der Welt

passieren,« schrie Klaus Hippel und rannte aufgeregt in der Stube herum,

»aber freilich, wo anders mag nicht so viel geschehen als gerade in

Neustadt. Meine Güte, meine Güte, so eine Stadt, und solche Kinder, die

Holz holen und Taschen finden! Paulinchen, koch' Kaffee, mir wird es

schwach!« Und Paulinchen kochte Kaffee; Herr Schön aber versprach, er

wolle zur Feier des Tages eine Flasche Wein schicken, worüber der

Pantoffelmacher in neue Aufregung geriet.

Es war ein Leben in dem kleinen Turmstübchen, daß der alte Turm beinahe

vor Staunen zu wackeln begann. Und dann redeten alle davon, wo wohl die

Tasche gesteckt haben möchte. Sie hatte sicher wohl geborgen unter Moos

und Laub am Waldrand gelegen und der heftige Gewitterregen hatte sie

emporgespült.

»Nun haben wir doch einen Schatz gefunden,« jubelte Brigittchen und

tanzte mit Anne-Marte in der Stube herum, obgleich das bei der Enge, die

herrschte, kaum möglich war. »Tralala, tralala, wir haben einen Schatz

gefunden!«

Dann liefen die Mädels zu Frida Müller und tauschten ihre Kleider ein;

sie erzählten die wunderbare Geschichte, und Frida Müller sagte, es wäre

doch fein, daß Brigittchen gerade ihre, Fridas Sachen, dabei angehabt

hätte. Nachher liefen alle fünf Schatzgräber zu den Eltern, zu

Fröhlichs, und jedem, den sie dabei noch unterwegs trafen, erzählten sie

von ihrem Fund. Die Bäckerbuben erzählten es sogar, trotz sonstiger

Feindschaft, der Grünwarenhändlerin Lehmann, und diese fand die Sache so

erstaunlich, daß sie jedem Buben eine Birne gab und sagte: »Erzählt es

nochmal, recht langsam, und quatscht nicht so durcheinander, damit ich

alles verstehe. Wir sind ja verwandt, Friedrich Lange und ich, seine

Großmutter und meiner Schwiegermutter Tante waren Cousinen im dritten

Grade. Nein, daß ihr dummen Bengels auch immer dabei sein müßt, wenn

etwas los ist!«

Klaus Hippel guckte von diesem Tage an wieder mit so frohen Augen von

seinem Turm ins Weite, wie ein König über sein Land. Mutter Paulinchens

Fuß ward auch bald besser, und die Blumen am Turmfenster blühten so

üppig, als wollten sie ein Lob- und Danklied singen. Das sagte Friedrich

Lange; freilich, der hörte in diesen Tagen, die kamen und gingen,

überall Lob- und Danklieder, in seinem Herzen selbst aber erklang das

fröhlichste Danklied.

Eine Geschichte, die traurig anfängt und fröhlich endet.

Gerade am letzten Tag der großen Ferien wurde Brigittchen krank. Es war

kein Schulfieber, wie es wohl manchmal kleine Faulpelze bekommen, wenn

sie wieder zur Schule gehen sollen, denn Brigittchen ging gern zur

Schule. Die Kleine war auch am Tage vorher vergnügt gewesen wie ein

kleiner Spatz, der einen früchtereichen Kirschbaum entdeckt hat. In der

Nacht aber bekam sie plötzlich Halsschmerzen, und als Doktor Fabian am

nächsten Tage kam, da machte er gleich ein recht ernstes Gesicht.

Bald wußte es die ganze Nachbarschaft, Brigittchen Schön ist krank. Und

leise sagten die Leute zu einander: »Es steht schlimm mit der Kleinen,

sie wird vielleicht sterben.« Wie ein leises Weinen erklang dies Wort da

und dort im Städtchen. Auch Anne-Marte, Jörgel und die beiden

Bäckerbuben hörten es, und auf einmal war alle ihre Lust am Spiel dahin.

Ihr Lachen verstummte, bedrückt gingen sie zur Schule, und nach der

Schule liefen sie auf den Kirchplatz und sahen zu dem Schönschen Hause

empor. Dort hinter den weiß verhängten Fenstern lag ihre holde, kleine

Freundin krank, so schwer krank. Anne-Marte weinte und die Buben machten

wütende Gesichter, als könnten sie damit die Krankheit vertreiben. Dann

rannten sie zu den Pantoffelmachersleuten in dem alten Stadtturm, um

dort von Brigittchen zu sprechen. Frau Paulinchen saß auf ihrer bunten

Truhe und weinte sich schier die Augen aus, und Klaus Hippel murmelte

immer traurig vor sich hin: »Unser Brigittchen ist krank, ach nee, unser

liebes Brigittchen!«

Was war aber all die Sorge der anderen Leute gegen die heiße Angst, die

der Vater um sein Kind im Herzen trug. Herr Schön wich nicht von dem

Bett seines Lieblinges, und sein Denken war ein einziges stummes Gebet:

»Lieber Gott, erhalte mein Kind!« Mit ihm aber wachte noch jemand Tag

und Nacht bei der kleinen Kranken, Helene Fröhlich war es. Am ersten

Tage war sie still in das Zimmer getreten, sie war mit einem lieben

Lächeln und warmen, tröstenden Worten gekommen. Wie die Sonne im März

die Frühlingshoffnung bringt, so brachte Helene Fröhlich die Hoffnung

ins Krankenzimmer. Es muß ja besser werden, dachte der Vater, wenn er in

die lieben Augen der freundlichen Pflegerin schaute. Und alle im Hause

fanden, es sei ein rechter Trost, daß Fräulein Helene da sei, und

Brigittchen fand sogar das Kranksein nicht schlimm, wenn Tante Helene am

Bett saß, die Medizin reichte und ganz sachte und lind über die

fieberheiße Stirne strich.

Und wie der Vater, so betete auch Helene Fröhlich im Herzen in jeder

Stunde: »Lieber Gott, erhalte das Kind!« Das Gebet, das so aus tiefstem

Herzensgrunde emporstieg, fand Erhörung, und es kam der Augenblick, da

Doktor Fabian tief aufatmend sagte: »Gottlob, nun ist die Gefahr

vorüber!«

Wie ein Jubelruf klang das Wort über den Kirchplatz hin, in die Gassen

und Gäßchen hinein. »Brigittchen Schön wird gesund! Wissen Sie schon,

dem Brigittchen geht es besser,« sagten die Leute zu einander. In einer

kleinen Stadt ist das halt anders, wie etwa in London, Berlin oder sonst

einer großen Stadt, wo die Leute nicht wissen, wer im Hause Freude oder

Leid trägt. In Neustadt kümmert sich eben einer um den andern, manchmal

vielleicht ein bißchen viel, und Klatsch und Tratsch entsteht daraus,

aber in Trauerstunden und Freudentagen möchte doch keiner die Teilnahme

der anderen entbehren.

»Brigittchen Schön geht es besser,« sagte darum auch die Bäckermeisterin

Gutgesell zu jedem, der in den Laden kam, und die gute Frau hatte

darüber eine solche Herzensfreude, daß sie gleich einem armen Weibe ein

großes Stück Kuchen zum Brot zugab.

»Brigittchen wird gesund,« riefen auch Wendelin und Severin und

purzelten in der Seligkeit ihres Herzens in Frau Lehmanns

Grünwarenkeller hinein.

»Du meine Güte, nee ist das eine Freude!« rief diese und vergaß mal

wieder, daß sie sich eigentlich immer über die Buben ärgerte.

Am Bett der kleinen Kranken aber saßen der Vater und Helene Fröhlich

still beieinander, Hand in Hand. Die Sorge um das Kind, das ihnen beiden

so lieb war, hatte sie vereint, und Helene Fröhlich hatte versprochen,

sie wollte Brigittchen eine treue Mutter werden. Als die Kleine nach

langem, gesunden Schlaf die Veilchenaugen aufschlug, da beugte sich

Tante Helene über sie und sagte liebevoll: »Nun will ich immer deine

Mutter sein!«

»Mutter,« flüsterte Brigittchen selig, »ach, nun habe ich auch eine

Mutter, wie Jantge!«

Freude hilft gesund machen. Dem Brigittchen half sie sicher. »Das geht

ja wie mit 'nem Schnellzug,« sagte Doktor Fabian, »potzwetter, das hätte

ich nicht gedacht, daß unser Sorgenkind so schnell gesund werden würde.

Freilich, wenn einen Vater und Mutter so gut pflegen, da ist es keine

Kunst!«

Es dauerte denn auch nicht lange, da fuhren Vater und Mutter mit

Brigittchen im Sonnenschein spazieren. Hinter dem Wagen her liefen mit

einem ungeheuren Freudenschrei alle Buben und Mädels vom Kirchplatz, aus

der Marienstraße und aus den Gäßlein ringsum. Es war just so, als

hielten die Prinzessinnen Einzug. Und Brigittchen saß im Wagen und

lachte so vergnügt, daß sie ganz rosige Bäckchen bekam. Wie wunderschön

war es doch auf der Welt!

Aus dem Fenster des alten Stadtturms sahen Klaus Hippel und Frau

Paulinchen über das Blumenbrettlein hinweg und beide nickten und

winkten, als Brigittchen unten vorbeifuhr. Der Pantoffelmacher aber

sagte: »Es ist eine richtige, feine Geschichte, wie das Brigittchen zu

einer Mutter gekommen ist. Ich sag's ja immerzu, in Neustadt passiert so

viel, wie nirgends in der Welt. Nee, nee, und die dummen Leute sagen

immer, so 'ne kleine Stadt sei langweilig!«

Der Sommer verging und der Herbst kam. An einem Oktobertag, der so warm

und hell war, daß er ganz gut hätte sagen können: »Schaut mich nur an,

ich bin eigentlich ein Augusttag!« sangen und tönten die Glocken von St.

Marien: »Hochzeit, Hochzeit!« In allen Ecken und Winkeln des Städtchens

hörten die Leute das Singen und Klingen, hörten es, daß Herr Schön und

Helene Fröhlich Hochzeit feierten miteinander. »Glück und Heil!«

jubelten die Glocken, und Glück und Heil, Freude und Segen, sangen auch

die Glocken in manchen Herzen. Es gab in Neustadt viele Menschen, die

sich ehrlich mitfreuten und die dem Brautpaar gute Tage wünschten.

Der ganze Kirchplatz und die Marienstraße dazu aber waren vom frühen

Morgen an in großer Aufregung. Vom Hause der Braut aus bis zur Kirche

waren Teppiche gelegt und Blumen gestreut, und über Teppiche und Blumen

hinweg schritt Helene Fröhlich in die alte Kirche hinein. »Sie ist so

schön wie eine Rose,« sagten die Leute; die alte Dorothee aber dachte in

ihrem Herzen: »Sie ist so schön, weil sie so gut ist.«

Blitzeblank, in neuen Kleidern und Anzügen, die Augen so strahlend, als

wären sie frisch geputzt, gingen die fünf Schatzgräber, Jantge und Karl

vor dem Brautpaar her und streuten Blumen. Sie kamen sich alle mit

einander ungeheuer wichtig vor. Wendelin und Severin trugen ihre Nasen

so hoch, als hinge an der obersten Kirchturmspitze eine Blume, an der

sie riechen müßten.

Frau Lehmann sah die Buben ganz verdutzt an und sagte zu Heine, der

neben ihr stand: »Man erkennt wirklich die Bengels kaum wieder, so

manierlich sehen die aus.«

Es war eine fröhliche Hochzeit, die nicht nur in dem alten Haus am

Kirchplatz gefeiert wurde, die auch die alten Frauen im Gertrudenspital

feierten, Pantoffelmachers im Stadtturm, und manche arme Familie da und

dort. Helene Fröhlich hatte schon dafür gesorgt, daß es an ihrem

Hochzeitstag auch anderen gut ging. Und lustig, wie überall, ging es

auch am Kindertisch zu. Anne-Marte kam zuletzt gar nicht mehr aus dem

Lachen heraus, und die Bäckerbuben hatten nur eine Klage, die, daß man

sich in guten Anzügen in Acht nehmen muß. Jörgel hielt sogar eine Rede,

gerade so, wie es Doktor Fröhlich am Tisch der Großen tat. Seine

Gefährten sagten alle, er würde gewiß noch mal ein Dichter werden, es

wäre zu fein gewesen.

Die strahlendsten Augen aber hatte Brigittchen, und in ihrem Herzlein

sang und klang auch eine Glocke: »Mutter, Mutter, Mutter!« tönte das

immerzu. Und zwischen dem Elternpaar, das an der Hochzeitstafel saß, und

ihrem kleinen Mädel am Kindertisch, ging immerzu ein Nicken und Winken

hin und her, das hieß: »Ja, wir sind glücklich, wir drei zusammen.«

Dann war das Fest zu Ende, die Lichter verlöschten, die Gäste gingen

nach Haus. »Nun wird es aber wieder einsam im Hause werden,« sagte

Doktor Fröhlich ein wenig betrübt, als seine Schwester mit ihrem Manne

Abschied nahm. »Nun läßt du mich wieder allein!«

»Ich gehe ja nur über den Kirchplatz, nicht nach London, Brüderlein,«

tröstete diese, »ich bleibe ja in Neustadt!«

»Ach ja, in Neustadt,« sagte der Doktor vergnügt, »es ist uns beiden

wirklich eine Heimat geworden.«

»Ja, eine Heimat, eine liebe Heimat,« rief Helene dankbar, »es ist gut

sein in ihr. Ich glaube beinahe, Klaus Hippel hat Recht, Neustadt ist

eine ganz besondere Stadt!«

»Bum« schlug die Uhr von St. Marien, es war, als wollte sie rufen: »So

ist es recht!«

Und wer es nicht glaubt, daß Neustadt eine besondere Stadt ist, ja der

muß eben zu Klaus Hippel gehen und fragen, der überzeugt ihn sicher.

Inhalts-Verzeichnis.

Seite

Ankunft in Neustadt 5

Die fünf Schatzgräber 12

Gertrudis. Eine Geschichte aus alten Zeiten 30

Weihnachtsaugen 48

Ein Fastnachtsspiel 62

Durch der Schneekönigin Reich 80

Osterwasser 92

Der goldene Groschen 103

In der fröhlichen Einkehr 111

Christoffel will ein König werden! 124

Mohrchen 144

O diese Bäckerbuben 153

Die Schatzgräber finden einen Schatz 163

Eine Geschichte, die traurig anfängt und fröhlich endet 175

Kleinstadtkinder: Buben und Mädelgeschichten · 第 5 / 6 题