Neugierig kam diese näher. »Was gibt es denn?«

»Jahrmarkt ist, Liese,« sagte Peter, und seine Augen leuchteten. »Komm

mit, wir gehen zusammen hin!«

»Ich darf nicht allein in die Stadt, und die Eltern sind fort, die kann

ich nicht fragen,« sagte Liesel traurig.

»Ach was,« rief Peter, »ich darf eigentlich auch nicht; aber nur mal

hinlaufen, das schadet doch nichts. Mutter will morgen mit mir hingehen,

weil schulfrei ist; aber morgen ist noch so schrecklich lange. Komm nur,

es merkt's niemand; ich habe auch Geld, einen Groschen, da kaufen wir

uns Schmalzkuchen oder fahren Karussell. Hast du auch Geld?«

»Ja,« sagte Liesel eifrig, die noch ein rechtes Dummerchen war und den

Wert des Geldes wenig kannte, »ich habe viel Geld. Onkel Fritz hat mir

einen Groschen geschenkt, aber einen goldenen. Doch mitgehen darf ich

nicht.«

»Hasenfuß,« sagte Peter spöttisch; »was dabei ist, nur mal hingehen! Es

ist ja nicht weit, und dann gleich wieder zurück; das merkt doch

niemand.«

Hasenfuß mochte Liesel sich nicht gern nennen lassen; unschlüssig stand

sie da und überlegte. Sollte sie gehen? War es nicht sehr unartig? Da

bat Peter wieder: »Nur einmal hingehen, bloß fünf Minuten vor dem

Kasperletheater stehen.« Liesel ließ sich überreden; sie holte rasch den

goldenen Groschen, der in einem kleinen, hübschen Beutel steckte, und

rannte dann mit Peterle dem Jahrmarktsplatz zu.

War das ein Leben! Bude stand an Bude; in der einen lagen und hingen

Spielsachen, Puppen, Trompeten, Peitschen, Pfeifen, alle möglichen

Dinge; in einer anderen gab es bunte Töpfe, Tassen und Teller, da Hüte

und seidene Bänder, dort Pfefferkuchen, Bonbons und Nüsse, und überall

roch es nach Schmalzkuchen. Dideldideldei, dideldideldumdum spielte der

Leierkasten am Karussell, und im Puppentheater sah Kasperle, der eine

riesengroße Nase hatte, hinter einem roten Vorhang hervor und schrie

kläglich:

»Der Teufel haut mich, o je, o je,

Wie tun meine hölzernen Beine weh.

Ach, Buben und Mädels, kommt heran,

Und schaut mich armes Kasperle an!

Meine hölzerne Nase wird blau und grün,

Drei Zähne muß der Doktor mir ziehn!«

Und Kasperle hob ein Bein und steckte es in den Mund, da sagte seine

liebe Frau Rosettchen: »Steck' auch das zweite in den Mund!«

»So groß ist sein Maul nicht,« schrie der Teufel und grinste.

Flink steckte Kasperle das zweite Bein in den Mund und plumps fiel er

hintenüber in ein Loch, weg war er.

Die Kinder jauchzten, die Erwachsenen lachten, und als ein Mann mit

einem Zahlteller kam, rannten die Kinder, als hörten sie die Schulglocke

läuten.

Vor einer Schaubude stand ein Mann und rief: »Nur immer hereinspaziert,

meine Herrschaften, das größte Wunder der Welt ist hier zu sehen!« Und

vor einem Leinenzelt saßen rote und blaue Papageien auf einer kleinen

Schaukel; einer schrie krächzend: »Lora, schöne Lora, will Zucker

haben!«

Peter und Liesel rissen Mund und Augen auf, was gab es nur alles zu

sehen. Doch Liesel konnte sich gar nicht recht freuen. Sie dachte immer:

wäre doch Mütterchen bei mir!

»Erst wollen wir für meinen Groschen Karussell fahren,« sagte Peter,

»dann kaufen wir uns für deinen Groschen etwas Schönes zu essen. Zeig'

mal her, ist es wirklich Gold? Dann können wir nämlich schrecklich viel

kaufen!«

Aber Liesel hielt ihr Beutelchen ängstlich fest und sagte schüchtern:

»Fahr' du allein, ich fürchte mich.«

Peterle ließ sich das nicht zweimal sagen; hopps war er oben, kletterte

auf ein Pferd und dideldideldei, dideldideldumdum ging die Fahrt los.

Liese sah einige Minuten zu; weil aber gar so viele Menschen um sie

herum standen, ging sie ein paar Schritte weiter.

»Hier herein, kleines Fräulein,« rief eine schnarrende Stimme, und eine

große, dicke Frau, die vor einer Bude stand, faßte sie am Arm und

schrie: »Hast du Geld, dann darfst du rein!«

Liesel wich erschrocken zurück. Da lachten ein paar Buben laut auf,

einer faßte sie an ihren blonden Zöpfen und schrie: »Hüh, hott,

Pferdchen, lauf!« »Peter, Peter,« jammerte Liese; aber Peterle fuhr

lustig auf dem Karussell, und je ängstlicher die Kleine rief, je

ausgelassener umtobten die wilden Buben sie. Plötzlich kam ein Mann

daher geritten, ganz bunt angezogen, der kündigte an, daß abends

Vorstellung im Zirkus sei; da liefen die Buben hinterher und ließen

Liesel gehen. Die Kleine wollte zu Peter zurückkehren, als sie neben

sich einen alten Mann erblickte, auf dessen Schulter ein kleiner Affe

saß, der lauter tolle Sprünge machte und Grimassen schnitt. Das sah

lustig aus; Liesel blieb stehen und sah dem Äffchen zu. Dessen Herr

hielt einen schmutzigen, abgetragenen Hut in der Hand und sah jeden, der

an ihm vorüberging, bittend an; aber niemand achtete auf ihn. Da seufzte

der alte Mann tief, und Tränen rannen ihm in den weißen Bart. Liesel sah

das und fragte mitleidig: »Fehlt dir etwas, alter Mann?«

»Ich habe Hunger, Kind,« sagte der traurig, »und ich bin so arm, daß ich

mir nichts zu essen kaufen kann.«

Nur ein Weilchen überlegte Liese; dann holte sie rasch ihren goldenen

Groschen hervor und legte ihn in den Hut des Mannes, und dann lief sie,

so schnell sie konnte, davon, noch ehe der überraschte Alte ihr hatte

danken können. Am Karussell standen wieder die bösen Buben; Liesel

traute sich nicht heran; und so rannte sie denn ohne Peterle nach Hause.

Es hatte auch wirklich niemand ihre Abwesenheit bemerkt, aber die Kleine

konnte nicht so vergnügt wie sonst spielen; immer mußte sie an ihr

heimliches Fortlaufen denken. Nicht wie sonst konnte sie Vater und

Mutter erzählen, was sie am Nachmittag getan hatte, und der Eierkuchen,

den es zum Abendbrot gab, schmeckte lange nicht so gut wie sonst. Als

sie dann in ihrem weichen, weißen Bettchen lag, kam die Mutter zu ihr.

Sanft strich sie der Kleinen über die Wangen und sagte: »Fehlt meinem

Herzenskind etwas?«

Da stürzten heiße Tränen aus Liesels Augen, und schluchzend beichtete

sie der guten Mutter ihre Schuld; auch von dem goldenen Groschen und dem

armen, alten Manne erzählte sie.

Ernst hörte die Mutter zu; dann nahm sie ihr kleines Mädel zärtlich in

ihre Arme und sagte: »Daß du dem armen Manne Geld gabst, freut mich, und

weil es dir leid tut, daß du ungehorsam warst, will ich dir verzeihen.

Nun laß uns zusammen beten, mein Liebling.«

Da faltete Liesel ihre Händchen, sprach ihr Abendgebet und schlief dann

ruhig und friedlich ein, froh, daß sie ihre Schuld der Mutter gestanden

hatte.

Am nächsten Morgen, als Liesel gerade ihre Milch trank, kam die Köchin

aufgeregt in das Zimmer und schrie: »Ein Polizist ist da, hu! ich graule

mich, und er sagt, er will unsere Liesel holen!«

Die Kleine schrie laut auf vor Schreck und wutsch! kroch sie, so schnell

sie konnte, unter den Tisch. Sie riß in der Eile das Tischtuch mit

herab, und klirrend und krachend fielen Milchtasse, Zuckerdose und

Brotkorb und was sonst noch auf dem Tische stand, auf die Erde; hätte

die Erde ein Loch gehabt, gewiß wäre das Liesel mit Vergnügen hinein

gekrochen. Plötzlich bekam Liesel recht seltsame Gesellschaft unter dem

Tisch: ein kleines, braunes Äffchen saß auf einmal neben ihr und griff

sehr vergnügt nach einem Butterhörnchen, das es zu fressen begann.

»Liesel, Kind, komm doch hervor!« rief die Mutter und zog ihr weinendes

Töchterchen aus seinem Versteck heraus, während das Äffchen von einem

alten Manne gepackt wurde, der kein anderer war als der Bettler vom

Jahrmarktsplatz. Und da stand auch wirklich ein Schutzmann mitten im

Zimmer, und Liesel verkroch sich angstvoll hinter der Mutter Kleid.

»Da ist die Kleine, die mir das Goldstück gegeben hat,« sagte der alte

Mann; »ich habe es wirklich nicht gestohlen.«

Nun klärte sich die ganze Sache auf. Am vergangenen Nachmittag war auf

dem Jahrmarktplatz gestohlen worden, und als Hartmann, so hieß der Alte,

sein Goldstück in einem Wirtshaus am Platz wechseln wollte, hatte man

ihn als Dieb festgenommen. Man wußte, daß er ganz arm war, dazu hatte er

lange neben der Bude, in der gestohlen worden war, gestanden; so hielt

man den armen Alten für den Dieb. Es war gut, daß eine Frau Liesel

erkannt und auch gesehen hatte, wie sie ein Geldstück in den Hut warf,

sonst hätte Hartmann vielleicht noch lange unter dem bösen Verdacht

gestanden. Die Eltern und Liesel versicherten dem Schutzmann, daß das

Goldstück wirklich ein Geschenk sei. »Na,« meinte der Schutzmann

zufrieden, »dann leben Sie nur wohl; nun kann ich ja gehen, da alles in

Ordnung ist.« Er ging; der alte Hartmann aber mußte noch bleiben. Die

Mutter holte ein gutes Frühstück herbei, und während er aß, erzählte er

von seinem Leben. Durch schwere Krankheit war er in Not geraten, und da

er nicht mehr ordentlich arbeiten konnte, zog er als Leierkastenmann

umher, um sich sein Brot zu verdienen. Vor einigen Wochen war ihm sein

Leierkasten kaput gegangen, und er besaß kein Geld, um sich einen neuen

zu kaufen; seitdem ging es ihm sehr schlecht. Manchen Abend habe er

hungrig zu Bett gehen müssen, er und sein Äffchen Jolly, sein treuer,

kleiner Freund.

Liesel hatte still zugehört; wie traurig das alles klang! Plötzlich

sprang sie auf, lief auf die Mutter zu und flüsterte bittend: »Muttchen,

ich habe doch noch zwei goldene Groschen in meiner Sparbüchse; darf ich

die dem armen alten Mann geben?«

Ja, das durfte Liesel, und der Alte rief dankbar: »Ach, nun kann ich mir

einen neuen Leierkasten kaufen; dann hat alle Not ein Ende! Gleich heute

kann ich noch auf dem Jahrmarkt spielen.«

»Ich geh aber nie mehr allein hin,« rief Liesel und schmiegte sich an

die Mutter an.

»Nein, tu das lieber nicht,« sagte Hartmann. »Diesmal ist es gut

ausgegangen; aber manchmal kommt aus Heimlichkeiten auch etwas Schlimmes

heraus. Übermorgen will ich zu dir kommen und dir etwas vorspielen; soll

ich?«

»Ach ja, und Jolly kommt auch mit, und dann tanzt er,« rief Liesel

vergnügt; »aber wo ist denn Jolly?«

Der saß gemütlich unter dem Tisch und fraß Zucker, denn die Zuckerbüchse

war auf die Erde gefallen, als Liesel sich so schnell unter den Tisch

geflüchtet hatte. Sein Herr holte ihn wieder hervor; dann nahmen beide

Abschied, und Liesel durfte sie noch bis zur Tür begleiten.

Eilig lief die Kleine nachher in den Garten, um Peterle alles zu

erzählen. Der saß unter einem dicken Fliederbusch am Gartenzaun und sah

verweint und verdrossen aus. Erst brummte er und wollte nicht antworten,

als Liesel nach seinen Erlebnissen fragte; dann aber erzählte er

niedergeschlagen, wie es ihm ergangen war. Er war dreimal hintereinander

Karussell gefahren; so oft durfte er für seinen Groschen. Da war es ihm

auf einmal ganz schwindelig geworden und plumps war er von seinem

braunen Pferd heruntergefallen. Er hatte sich die Hosen zerrissen, ein

Knie und die Nase blutig geschlagen; daheim hatte er noch Schelte

bekommen, und heute durfte er nicht mit Mutter und Geschwistern auf den

Jahrmarkt gehen.

»Du bist dran schuld!« schrie er wütend seine kleine Gefährtin an;

»warum bist du nicht mit auf dem Karussell gefahren und warum bist du

überhaupt mit deinem goldenen Groschen weggelaufen; nicht einmal

Schmalzkuchen habe ich essen können!«

Als Liesel ihm von dem armen, alten Hartmann erzählte, schämte sich

Peter freilich. Das wollte er aber nicht zeigen, darum brummte er

ärgerlich: »Ach was, das war dumm, daß du dein Goldstück verschenkt

hast. Überhaupt der ganze Jahrmarkt ist dumm; ich mag gar nicht mehr

hingehen, alles ist dumm![**«::SILENT] Schwapps lief er weg, und Liesel

sah ihm traurig nach; ach, so böse war das Peterle noch nie gewesen!

Am Nachmittag saß der Peter, der gar nicht auf den Jahrmarkt gehen

wollte, bitterlich weinend im Garten, weil die Mutter ihn wirklich nicht

mitgenommen hatte.

Aber das Peterle war doch nicht so böse, wie es den Anschein hatte.

Abends bat der Bube seine Eltern um Verzeihung, und als am übernächsten

Tag der alte Hartmann kam und seiner Freundin Liesel lustige Stücklein

auf dem neuen Leierkasten vorspielte, kam auch Peterle herbei. Seine

Mutter hatte ihm auf seine Bitte Geld aus seiner Sparbüchse gegeben; das

brachte er und legte es in Jollys rotes Hütchen.

»Peter!« rief Liesel erfreut und lief auf den Freund zu, »bist du nun

wieder gut?«

Lachend faßte Peter ihre Hände, und fröhlich drehten sich beide im

Kreise herum; Jolly machte lustige Sprünge, und der alte Leiermann

spielte dazu: dideldideldei, dideldideldumdum.

In der fröhlichen Einkehr.

Ein bißchen launenhaft ist der Frühling aber doch. Einmal läßt er sich

wer weiß wie sehr bitten, ehe er erscheint, das andere Jahr wieder kann

er nicht schnell genug mit allen Blüten herauskommen. So ging es in

diesem ersten Frühling, den die Geschwister Fröhlich in Neustadt

verlebten. Kaum war Ostern vorbei, da ging auch schon das rechte Blühen

an. Nicht lange dauerte es, da standen alle Obstbäume im weißen oder

rosenroten Frühlingskleide da; auf den Beeten blühte es, auf den Wiesen,

die Büsche bekamen dicke, dicke Knospen, und eines Tages zündeten die

Kastanien ihre weißen Kerzen an, und die ersten Fliedertrauben blühten

auf.

Und es war noch nicht einmal Pfingsten. Im Garten des St.

Gertrudenspitals war auch an einer besonders warmen, sonnigen Stelle der

erste Flieder erblüht, und unter diesem Busch saß die kleine Jantge an

einem wunderlieblichen Maitag und weinte herzbrechend. Ihre Zeit im

Gertudenspital war nämlich abgelaufen; die Urgroßmutter konnte die

Kleine nicht länger bei sich behalten, denn das Gertrudenstift war für

alte Frauen, nicht für kleine Mädchen. Der Herr Bürgermeister sagte, es

sei ungesetzlich, daß Jantge noch länger bliebe, denn was der einen

recht sei, sei der andern billig; schon hätten zwei Frauen darum

gebeten, auch ihre Enkelkinder zu sich nehmen zu dürfen. Jantge sollte

wieder in ihre eigentliche Heimat zurückgeschickt werden, dort mußte die

Stadt für die Kleine sorgen. Die Zukunft lag also wie ein graues

Nebelland vor ihr, nur acht Tage noch, dann sollte sie wieder

zurückreisen, sollte Neustadt verlassen.

Mitten hinein in ihre traurigen Gedanken sagte auf einmal ein liebes

Stimmchen: »Jantge, warum weinst du denn?«

Brigittchen war es, die die Freundin holen kam und nun betroffen deren

Tränen sah. »Wir wollen spazieren gehen, alle miteinander, Herr Doktor

Fröhlich und Tante Helene haben uns eingeladen,« sagte sie, »aber wenn

du weinst, Jantge -- dann freue ich mich auch nicht.« Schon tropften dem

weichherzigen Brigittchen auch ein paar Tränlein aus den Veilchenaugen.

Zur rechten Zeit kam Anne-Marte und, wie meist, stand ein Lächeln auf

ihrem Gesichtchen. Als sie Jantges Tränen sah, tröstete sie: »Weine

nicht, Jantge, acht Tage sind ja noch schrecklich lang; inzwischen --

ach vielleicht finden wir bis dahin den Schatz!«

Die Erinnerung an die lustige Geschichte vertrieb wirklich die Tränen,

wie der Frühlingswind die Wolken verjagt, und wenige Minuten später

trabte Jantge ganz lustig mit den Gefährtinnen dem alten Stadtturm zu;

dort warteten die Geschwister Fröhlich und die drei Buben auf sie. Und

unter Lachen und Scherzen ging es ins Freie, dem Walde zu. Am Waldrand,

etwa anderthalb Stunden von Neustadt entfernt, lag in der Nähe eines

stattlichen Bauerndorfes eine Sommerwirtschaft, »Zur fröhlichen Einkehr«

genannt. Das Haus war ursprünglich ein alter Adelshof gewesen, doch die

Familie, die den Hof besessen hatte, starb aus, und so gegen Anfang des

neunzehnten Jahrhunderts wurde der Hof in ein Wirtshaus verwandelt. Viel

war im Lauf der Zeiten an dem Haus nicht verändert worden, und seine

dicken Mauern schienen auch noch manchem Sturm trotzen zu können. Die

Neustädter gingen gern in die »Fröhliche Einkehr«. An warmen Sommertagen

saßen in dem von uralten Linden überschatteten Garten immer viele Gäste;

man trank dort Kaffee, aß Kuchen oder Schwarzbrot mit Butter und Honig,

und das Scheiden wurde den Gästen meist schwer.

Die Kinder kannten das Wirtshaus alle, nur Jantge noch nicht, und

unterwegs erzählte ihr Brigittchen, wie schön es dort sei. »Jetzt im

Frühling muß es besonders schön sein,« sagte Fräulein Helene, »ich habe

es nur im Winter gesehen, und da war es eigentlich ein trauriges Haus;

die beiden Kinder der Wirtsleute lagen schwerkrank, hoffentlich sind sie

gesund geworden!«

»Wer hat dich, du schöner Wald,« sangen jetzt die Buben mit heller

Stimme, die am Anfang des Zuges marschierten und zuerst den Wald

betraten.

Hurra, da war der Wald! Wie schön sah er im Frühlingsschmuck aus;

lichtgrüner Buchenwald drängte sich zwischen dunklen Tannenwald. An

manchen Stellen liefen die Buchen wie vorwitzige Kinder in den

Tannenwald hinein, und da und dort standen auch Eichen. Die hatten erst

winzige, rotgoldene Blättchen, ja, wunderlich genug sah es aus, mitunter

hielten sie noch zähe die Reste ihres vorjährigen Laubes fest.

»Wir wollen Maiblumen suchen,« baten die Mädels, aber Doktor Fröhlich

sagte: »Spart das lieber für den Heimweg auf, wir bringen sonst alle

Blumen verwelkt nach Hause!«

»Mädels müssen doch immer Blumen suchen,« brummte Wendelin etwas

verächtlich.

»Warum auch nicht!« sagte Fräulein Helene lachend. »Übrigens sind

Maiblumen meine Lieblingsblumen, nur schade, daß sie giftig sind!«

»Giftig?« rief Brigittchen ganz erstaunt.

»Ja,« erwiderte Doktor Fröhlich, »das stimmt. Die Wurzeln sind giftig,

aber eine hübsche Blume ist sie darum doch, man braucht sie ja nicht zu

essen. Der Sage nach war die Maiblume der Göttin Ostara geweiht, und bei

den Maifesten unserer Vorfahren war die Maiblume der beliebteste

Schmuck.«

Den Mädels zuckte es ordentlich in den Händen, sie hätten gar zu gern

mit Pflücken begonnen, denn an manchen Stellen standen die Maiblumen

ganz dicht, und süß stieg ihr Duft zu den Wandernden auf. Überhaupt gab

es viel zu sehen und zu hören im Walde. Ein sanftes Rauschen und Raunen

ging durch die Wipfel der Bäume, und es zwitscherte und sang laut und

leise, das Pochen des Spechtes ertönte, und plötzlich ließ auch der

Kuckuck seine Stimme hören. Mal hier, mal dort, aber vergebens suchten

ihn die Kinder, er war nirgends zu sehen.

»Wie viele Tage bleibe ich noch hier?« fragte Jantge, als der Kuckuck

ein Weilchen geschwiegen hatte. Da begann er zu schreien; er rief und

rief ohne aufzuhören; erst zählten die Kinder, aber dann rief es von da

und dort, von überall her »Kuckuck, Kuckuck«, und Brigittchen flüsterte

geheimnisvoll: »Jantge bleibt immer hier!«

Es schien wirklich so zu sein, denn der Kuckuck rief noch, als die

Wanderer schon die grauen Mauern und das rote Dach der »Fröhlichen

Einkehr« durch die Bäume schimmern sahen.

Auf einmal spürten es alle, daß sie hungrig und durstig waren, und

selten kamen wohl Gäste mit einem solchen Jubelgeschrei in einem

Gasthaus an. Im Garten war Platz in Hülle und Fülle, es saß nämlich

niemand drin, und die Kinder konnten zu ihrer Lust alle Tische

durchprobieren; ein Platz erschien ihnen immer verlockender als der

andere.

Aus dem Hause kam eine blasse Frau; sie trug ein schwarzes Kleid und sah

gar nicht frühlingslustig aus. Still nahm sie die Bestellung entgegen,

und traurig glitten ihre Blicke über die heitere Kinderschar hin. »Es

ist die Wirtin,« sagte Helene Fröhlich halblaut zu ihrem Bruder, »ihr

scheint ein Kind gestorben zu sein damals -- oder beide!«

Die Geschwister schwiegen und dachten an die traurige Frau; die Kinder

hatten gar nicht auf das Gespräch gehört, die tollten lachend durch den

Garten. Nur Jantge saß still am Tisch, und sie dachte auch mitleidig an

die Frau, der wohl ein Kind gestorben war.

Ein Viertelstündchen könnte es dauern, bis der Kaffee fertig sei, hatte

die Wirtin gesagt, und die Kinder meinten, sie wollten unterdes die

Schaukel versuchen und sich den Hof mit den Ställen ansehen. Sie

versprachen brav zu sein, und so durften sie gehen, während die

Geschwister unter der Linde sitzen blieben. Die Kinder liefen hierhin

und dorthin, die einen wollten dies sehen, die andern das. »Komm mit,«

rief Brigittchen Jantge zu, und Wendelin schrie: »Ich zeig' dir den

Ziegenstall!«

Jantge überlegte ein Weilchen, und dann stand sie mit einem Male allein

da. Sie ging zum Garten hinaus, aber statt auf den Hof, kam sie an den

Waldrand, an dem sie einige Schritte entlang ging. Da blieb sie

plötzlich lauschend stehen: »Was mochte das für ein Vogel sein, der so

hübsch pfiff?«

Leise ging sie weiter, da sah sie unter einer großen Buche einen Knaben

sitzen, der auf einer Flöte aus Rohr blies; es klang fein und melodisch

wie Vogelsang. Jantge lauschte andächtig; das war hübsch, der pfeifende

Knabe hier in dem schönen Walde. Wie gut es der hatte. Ihr fiel wieder

ihr Kummer ein, den sie bei dem fröhlichen Wandern fast vergessen hatte.

Sie dachte daran, daß sie bald von Neustadt fort müßte, und geschwind

kamen ihr die Tränlein wieder, die Brigittchens sanftes Zureden und

Anne-Martes Lachen getrocknet hatten.

Erschrocken hielt der Knabe in seinem Blasen inne, wer weinte denn da?

Verwundert sah er auf das kleine, blonde Mädchen mit dem seltsamen,

weißen Häubchen, das wie aus der Erde gewachsen neben ihm stand und

weinte.

»Wer bist du, und warum weinst du denn?« fragte er.

Leise weinend gab Jantge Antwort.

Der Bube hätte das fremde Kind gern getröstet, aber er war ein scheuer,

kleiner Bursch, ihm fiel nichts ein, was er sagen konnte, und

unwillkürlich nahm er seine Flöte und blies darauf, so schön er es

konnte.

Wirklich versiegten auch Jantges Tränen, sie setzte sich neben den Buben

und lauschte andächtig dem Spiel; lange, lange hätte sie so sitzen

mögen.

Inzwischen hatte aber die Wirtin der »Fröhlichen Einkehr« den Kaffee

gebracht, und Fräulein Helene rief nach den Kindern. Die kamen auch

schnell herbei, nur Jantge fehlte; wo war sie denn? Man rief und suchte;

hell tönten die Kinderstimmen durch die Stille, Frau Vogeler, die

Wirtin, kam auch und half suchen, und sie war es, die Jantge fand.

Die Kleine saß noch immer still neben dem Buben und lauschte dessen

Flötenspiel, sie hatte das Rufen gar nicht gehört. Sie schrak zusammen,

als die ernste Frau im schwarzen Kleid sie bei ihrem Namen rief.

Der Knabe ließ still seine Flöte sinken; traurig fragte er die Kleine:

»Mußt du schon fort?«

Da tönten schon ganz nahe Wendelins und Anne-Martes Stimmen: »Jantge,

Jantge, wo bist du?«

»Hier!« rief Jantge. Sie sprang eilig auf und wollte davonlaufen, aber

dann kehrte sie plötzlich um, eilte auf den fremden Buben zu und

flüsterte errötend: »Ich danke schön!« Und weg war sie.

Frau Vogeler aber ging mit dem Knaben Hand in Hand still dem Hause zu.

Als sie beide durch den Garten schritten, sagte Jantge, die schon im

fröhlichen Kreise unter der Linde saß: »Das ist der Junge, der so schön

gespielt hat!«

»Dann ist wohl das Töchterchen der Frau gestorben,« sagte Fräulein

Helene sinnend. »Arme Mutter!«

»Du mußt den Ziegenbock sehen,« rief Severin, für den das Schönste an

der »Fröhlichen Einkehr« der schwarze Ziegenbock war. Er ärgerte sich

ordentlich, daß die Kleine immer von dem fremden Jungen und seinem

Blasen sprach. Kaum hatte er den letzten Bissen gegessen, da rief er

auch schon wieder: »Komm Jantge, ich zeig' dir den Ziegenbock!«

»Aber bleibt nicht lange,« ermahnte Fräulein Helene.

»Wir wollen auch mit,« riefen die andern, und heidi setzten sich alle in

Bewegung, um das Wunder des Hofes, den Ziegenbock, anzuschauen. Es war

dies freilich leichter vorgenommen als ausgeführt; weder auf dem Hof

noch im Stall war der Ziegenbock zu sehen. Daß solche Tiere mitunter

auch im Garten spazieren gehen, daran dachten die Kinder nicht, und

betrübt kehrten sie wieder um.

Und gerade als Jantge an der Türe des Gemüsegartens vorbeiging, kam Herr

Ziegenbock heraus. Ob er sich über das kleine Mädchen erschrocken hatte,

ob er sich über ihr lustiges Springen ärgerte, wer konnte das wissen,

jedenfalls benahm sich der Ziegenbock so unnütz und abscheulich, daß

Severin ihn seitdem viel weniger bewunderte.

Mit gesenktem Kopf lief er auf Jantge zu, und ehe die Kleine wußte, wie

ihr geschah, flog sie in einem weiten Bogen kopfüber in das Gras.

Wer sich nun erschrak, das war der Ziegenbock. Die Kinder brüllten so

kräftig los, daß der schwarze Unhold entsetzt entfloh; bis in seinen

Stall hinein lief er, dort blieb er mucksstill vor Schreck stehen.

»Jantge ist tot,« jammerte Brigittchen. »Jantge, Jantge, der Ziegenbock,

der Ziegenbock!« gellte es heulend und klagend durcheinander.

Aus dem Garten kamen die Geschwister Fröhlich angerannt, aus dem Hause

die Wirtin, eine Magd und der kleine Junge, und alle riefen sie: »Was

ist geschehen, was ist geschehen? Jantge, was fehlt dir?«

»Gar nichts,« sagte die Kleine auf einmal ganz freundlich und stand auf.

Sie hatte sich nur ein bißchen erschrocken, sonst tat ihr nicht eine

Fingerspitze weh.

»Aber dein Kleid!« rief Anne-Marte.

Das sah nun freilich bös aus; das Röckchen war zerrissen, die weiße

Bluse beschmutzt. »Es ist mein allerbestes,« klagte Jantge, »wenn das

Urgroßmutter sieht!«

»Sei nicht traurig,« tröstete Fräulein Helene, »wir werden schon Rat

schaffen. Schlimm ist nur, daß deine Kleider ganz naß sind; o weh, du

bist ja gerade in eine Pfütze gefallen!«

»Ich kann dem Kind ein Kleid leihen,« sagte da Frau Vogeler leise und

traurig. »Ich hab' genug Sachen von meiner Marie. Komm mit hinein,

Kleine, und weine nicht um deine Sachen.«

Fräulein Helene folgte mit Jantge der Wirtin, die andern blieben draußen

und besprachen voller Eifer und mit viel Geschrei den Fall Ziegenbock

und Jantge.

Drinnen aber, in einem großen, altmodisch eingerichteten Zimmer, das ein

wenig dämmerig war von dem Schatten, den die alten Linden über die

Fenster warfen, öffnete Frau Vogeler eine alte Truhe. Sie nahm ein

blaues Kleid daraus, das mußte Jantge anziehen, und es sah aus, als wäre

es eigens für sie gemacht. So ein wunderfeines Kleid hatte Jantge noch

nie besessen, wie eine Prinzessin kam sie sich darin vor und staunend

beguckte sie sich. Aus den Augen der Wirtin aber rannen Tränen, schwere

Tränen, und Fräulein Helene, die dies sah, flüsterte liebevoll: »Arme

Frau«. Dann sagte sie freundlich: »Geh nun hinaus, Jantge, aber nimm das

Kleid in acht!«

Und wieder sagte Jantge, wie vorher bei dem Spiel des Knaben, ein wenig

verlegen zu der Frau: »Ich danke schön!« Dann ging sie hinaus, und

draußen vor der Türe stand der kleine Flötenspieler und sah sie an und

sagte: »Du siehst wie Marie aus!«

»War Marie deine Schwester?« fragte Jantge.

Kleinstadtkinder: Buben und Mädelgeschichten · 第 4 / 6 题