beinahe auf der Stadtmauer hören konnte.
Das war aber nicht so einfach; da langte Jantge aus dem Schloß heraus
und befreite den armen Ritter aus seiner unangenehmen Lage.
»Ich will dir sagen wie ich heiß',
Ich bin der Zauberer Allesweiß«
brüllte Jörgel, da rief unversehens seine Schwester: »Deine Maske hat ja
ein Loch!«
»Aber Anne-Marte, sei doch still,« tuschelte Brigittchen ängstlich, und
Jantge stöhnte laut: »Ach, ach, ach!«
»Ei, dann sag' mir, wo ich finde,
Die Königstochter Hildelinde?«
sagte Severin laut und rasselte mit seinem Schwert, wie Doktor Fabians
Hofhund Sultan mit seiner Kette.
»Es klingelt; ein weißer Spatz fliegt in den Turm,« rief da plötzlich
Mutter Paulinchen, und vergaß im Augenblick das ganze Spiel.
»Unsinn,« brummte der Meister, der nicht gern gestört sein wollte. »Es
wird eins von den Kindern sein, das findet schon die Treppe herauf. Sei
nur still und störe nicht!«
»Willst sie wohl gar befrei'n?
Guter Ritter, das laß sein!«
schrie der Zauberer Jörgel mit so hohnvoller, grimmiger Schadenfreude,
daß Meister Hippel später sagte, es wäre ihm durch und durch gegangen.
Die Ritter Wendelin und Severin aber kamen um ihre kühne, von
Säbelrasseln begleitete Antwort, denn an der Türe draußen polterte und
klopfte es.
Mutter Paulinchen schrie vor Schreck auf, sie riß in ihrer Aufregung
ihren Nähkorb herunter, der neben ihr auf einem Tischchen gestanden
hatte.
Schneidermeister Langbein aber öffnete die Türe, und nun sahen die
Anwesenden zwei fremde Herren und eine Dame draußen stehen, die erstaunt
das Stübchen und seine Insassen musterten. »Sind wir hier recht, wir
möchten das Museum sehen?« fragte der ältere der beiden Herren.
»Ja, jawohl,« rief Meister Hippel, »Paulinchen hol' den Schlüssel!«
Aber der Schlüssel war nicht so geschwind gefunden, Frau Paulinchen
suchte, die Schneidermeisterin suchte, die Kinder begannen zu suchen, wo
war er nur?
Inzwischen war Doktor Fröhlich auf die Fremden zugegangen und erklärte
ihnen, was für eine Feier hier stattfinde.
Die Fremden lachten, die Dame sagte etwas spöttisch: »Können wir nicht
zuhören?« »Ei gewiß,« sagte Meister Hippel, der dies für eitel
Freundlichkeit hielt, »Paulinchen, wo ist nur der Schlüssel?«
Ja, wo war er denn nur? Alles suchte, alles kramte, bis plötzlich
Meister Langbein sagte: »Haben Sie ihn vielleicht in der Tasche, Frau
Nachbarin?«
Richtig, da war er! Ganz gemütlich steckte er drin.
»Jörgel hat ihn reingezaubert,« flüsterte Wendelin Anne-Marte zu.
Die Fremden kletterten die Treppen hinauf und oben zeigte ihnen Mutter
Paulinchen die Schätze; Severin und Wendelin waren hinterher getrappt,
sie stellten Helme und Schwerter fein säuberlich an ihren Platz.
»Hier geht es aber gemütlich zu, die richtige Kleinstadt,« flüsterte die
Dame lachend einem ihrer Begleiter zu.
»Siehst du,« sagte der verdrossen, »ich sagte es doch gleich, es lohnt
sich nicht, hier erst auszusteigen, was hat man denn in so einem Nest?«
»Ist der Kram alles, was in dem Museum ist?« fragte der andere Herr.
»Ja,« murmelte Mutter Paulinchen verlegen, sie merkte wohl, wie klein
und lächerlich die Fremden alles fanden, und so wies sie nicht, wie sie
es sonst tat, auf die reizvolle Aussicht hin, die man vom Turm aus
hatte. Und doch war die Landschaft, die draußen von silbergrauem Dunst
matt verschleiert lag, unendlich lieblich.
»Nebenbei benutzen Sie wohl die Sachen zu Ihren Fastnachtsspielen?«
fragte der jüngere der Herren spöttisch.
Frau Paulinchen schwieg, aber das Herz tat ihr weh, daß die Fremden das
Museum, das ihr Stolz war, so geringschätzig behandelten. Und es gab
doch mancherlei zu sehen, was der Mühe lohnte, das wußte sie.
Es hatte mancher Besucher schon anerkannt. »Man findet selten so ein
schönes Stückchen Vergangenheit so wohl erhalten,« hatte einmal ein sehr
berühmter Gelehrter gesagt. Der junge Herr schrieb dabei immerzu in sein
Notizbuch, er sah sich aber garnicht um, nur auf die alten,
schöngeschnitzten Möbel warf er einen flüchtigen Blick. »Ganz passabel,«
murmelte er.
Als die Pantoffelmacherin von der ruhmreichen Vergangenheit der Stadt
erzählen wollte, unterbrach sie der ältere Herr: »Lassen Sie nur, gute
Frau, wer weiß, ob das geschichtlich verbürgte Tatsachen sind, solche
kleinen Nester, wie Ihre Stadt, brüsten sich gern mit ihrer
Vergangenheit. Ich denke,« wandte er sich an seine Begleiter, »wir gehen
jetzt, wir haben genug von Neustadt's Reizen gesehen!«
Damit gingen die drei. Das Trinkgeld war so reichlich wie selten, und
doch hatte Frau Paulinchen wenig Freude dran. Manche bescheidene Gabe
hatte ihr mehr Freude gemacht, wenn nämlich der Geber in hellem
Entzücken die Rundsicht vom Turme genossen hatte.
Die Fremden gingen, und die Frau kehrte in ihre Stube zu dem
unterbrochenen Spiel zurück. Dort hatten die Kinder einstimmig erklärt,
vor den Fremden wollten sie nicht spielen, und zur Abwehr waren sie alle
miteinander in den Zauberwald zwischen Brett und Kommode gekrochen; daß
es darin etwas eng zuging, erhöhte nur das Vergnügen.
Die Geschwister Fröhlich hatten wohl den Spott der Fremden gemerkt,
Fräulein Helene dachte mit nachsichtigem Lächeln an den erstaunten
Blick der Dame, die fand es sicher komisch, daß sie hier im
Pantoffelmacherstübchen saß und dem Spiel der Kinder lauschte. »Wie
kleinstädtisch ist diese Fastnachtsfeier,« hatte die Fremde geflüstert.
»Sie weiß eben nicht, wie traut und heimlich es in einer kleinen Stadt
sein kann,« dachte Helene Fröhlich, und sie sah sich selbst wieder so
einsam und verlassen in dem riesengroßen London sitzen.
Mutterseelenallein war sie gewesen, und niemand hatte sich um sie
gekümmert.
»Warum bist du so traurig, Tante Helene?« fragte auf einmal ein liebes
Stimmchen. Prinzessin Brigittchen war aus dem Zauberwalde
hervorgekrochen, weil sie gesehen hatte, wie sinnend und betrübt ihre
Tante auf einmal dreinsah.
»Ich bin nicht traurig, mein Herzel,« sagte Fräulein Helene, und ihre
Stimme klang auf einmal wieder froh und hell. Sie nahm ihre kleine
Freundin auf den Schoß, und Brigittchen schmiegte sich ganz fest an sie
an und sagte wieder wie so oft: »Ich hab' dich lieb!«
Just in diesem Augenblick trat Frau Paulinchen in das Zimmer, und ihr
Mann rief ganz enttäuscht: »Wo sind denn die fremden Herrschaften
geblieben?«
Seine Frau erzählte von dem Besuch, aber sie mußte zweimal erzählen, ehe
es der gute Klaus Hippel begriff, daß es den Fremden ganz und garnicht
oben im Turm gefallen hatte. »Nicht gefallen bei uns!« rief er einmal
über das andere erstaunt, »ja, wie ist denn so was möglich! Ich bin zwar
noch nie aus Neustadt herausgekommen, aber so was Schönes wie unseren
Turm, die Aussicht und das Museum, habe ich in meinem Leben noch nicht
gesehen, wirklich und ganz gewiß nicht, na, so was aber auch!«
Ein Weilchen verging mit Hin- und Herreden, ehe das Spiel fortgesetzt
werden konnte. Frau Paulinchen wollte die Schwerter und Helme wieder von
oben herunterholen, aber Doktor Fröhlich meinte, es ginge auch so, einer
der Ritter könnte seinen Spazierstock, der andere die Ofengabel nehmen.
Und es ging wirklich so, das Spiel wurde in aller Fröhlichkeit
fortgesetzt, die gefangene Prinzessin und ihre Hofdamen ächzten und
stöhnten zum Erbarmen, die Ritter brüllten machtvoll, der Zauberer
zauberte gar erstaunlich, aber zuletzt half ihm alle Zauberei nichts, er
wurde eingesperrt, die Prinzessin befreit und von Ritter Wendelin als
Braut heimgeführt. --
Es war wirklich ein wunderschönes Stück gewesen, Mutter Paulinchen und
die Schneidermeisterin weinten vor Rührung, und der Pantoffelmacher war
so aufgeregt, daß er zuletzt alle Verse mitsagte. Kurz, es war
wunderschön, Klaus Hippel sagte es immerzu, und der mußte es doch
wissen, er hatte ja das Stück gedichtet.
Daß es nachher Pfannkuchen gab und für die Erwachsenen Punsch, trug
nicht wenig zur Lust bei. Und Fräulein Helene zeigte dabei, daß sie auch
etwas von Zauberei verstand, sie gab nämlich jedem Kind einen besonders
großen Pfannkuchen, recht dick mit Zucker bestreut und sagte: »Eßt mal
die, sie sind besonders gut, brecht sie aber auseinander.«
Mit dem Auseinanderbrechen ging es aber nicht so recht, bis schließlich
alle Kinder wie aus einem Munde riefen: »Die sind ja gar nicht echt.« Es
fanden sich allerlei hübsche Mützen aus Seidenpapier in den angeblichen
Pfannkuchen, mit denen sich die Kinder geschwind schmückten.
Die Fröhlichkeit im Turmstübchen wurde immer größer und es gab betrübte
Gesichter bei Wirtin und Gästen, als Fräulein Helene zum Aufbruch
mahnte. Aber trotzdem wurde auch der Heimweg recht fastnachtslustig.
Niemand hatte etwas dagegen, daß die Kinder in den stillen Straßen,
durch die ihr Weg sie führte, fröhliche Lieder sangen. Höchstens daß mal
jemand, der ihnen begegnete, sich umdrehte und sagte: »Ei, seid ihr aber
lustig!«
»Und morgen ist Aschermittwoch,« sagte Wendelin, als man auf dem
Kirchplatz angelangt war, »ich hab' schon eine feine Rute, da will ich
ordentlich kehren.«
»Mich bekommst du nicht,« neckte Anne-Marte kichernd.
»Mich auch nicht!« rief Brigittchen.
»Na, wartet nur, ich kehre euch allen den Staub ab,« rief Wendelin
protzig, »dann müßt ihr mir was schenken!«
»Ich auch, ich auch!« riefen Jörgel und Severin, »nehmt euch nur in
acht, Mädels!«
Nach dieser Mahnung nahmen alle fröhlich Abschied von einander. Nur
Brigittchen brauchte sich noch nicht von Fräulein Helene zu trennen, die
Geschwister Fröhlich waren von Herrn Schön und Fräulein Mathilde zum
Abend eingeladen worden, und der Kleinen erschien dies beinahe als der
schönste Teil des Tages. Ihre neue Tante brachte sie zu Bett und es gab
zum Schluß noch ein heiteres Einschlafemärlein, bei dessen Worten
Brigittchen sacht in das Traumland hinüber schlummerte. --
Der Aschermittwoch brach an. Die Wolken schienen es für ihre Pflicht
anzusehen, den Sonnenglanz zu dämpfen. Grau und glanzlos war der Himmel,
ein feiner, grauer Dunst hüllte die Stadt ein und die Leute sagten, es
sei richtiges Aschermittwochwetter, die Asche hinge förmlich in der
Luft.
Severin und Wendelin kümmerten sich wenig um das trübe Wetter; als sie
nach dem ersten Frühstück mit Jörgel vereint zur Schule trabten, da
waren alle drei eitel Lust und Fröhlichkeit, man sah es ihnen schon an
den Nasenspitzen an, daß sie etwas Lustiges ausheckten. So lustig
erschien es ihnen, daß Severin noch in der Klasse mit Lachen daran
denken mußte, wofür er freilich von dem Geschichtslehrer Doktor Kittel
einen regelrechten Rüffel bekam.
Kaum war die Schule aus, da rasten die drei wie besessen heim, um ja
nicht die Mädels zu verpassen, die immer etliche Minuten später kamen.
Wendelin und Severin guckten daheim rasch in die Ecke hinter der
Haustüre und riefen enttäuscht: »Ja, wo sind sie denn?« Es waren nicht
etwa die Mädels, die sie suchten, sondern Tannenreiser, die ihnen
gestern die Butterfrau als Aschermittwochsruten mitgebracht hatte.
Überall sahen die Buben hin, nirgends waren die Ruten zu entdecken, bis
sie diese schließlich doch in dem Vorraum der Backstube in einem Winkel
fanden. Es war aber auch die allerhöchste Zeit, die Marienstraße entlang
schwatzte und kicherte das schon, die Mädels kamen aus der Schule.
Der alte Steuerrat Müller, der in der Marienstraße wohnte und stets um
diese Zeit am Fenster seine Zigarre rauchte, sagte dann immer halb
ärgerlich, halb lachend zu seiner Frau: »Höre nur, die Gänslein sind auf
dem Heimmarsch!«
Anne-Marte und Brigittchen gingen, wie sich das für Herzensfreundinnen
schickt, Arm in Arm, mit ihnen ging ihre Klassengenossin Christine
Hardenberg. Anne-Marte erzählte gerade etwas furchtbar Lustiges, denn
Anne-Marte erlebte immer lustige Sachen, über die sie sich selbst halb
tot lachen wollte. Die Geschichte fesselte die drei Mädels so, daß weder
Brigittchen noch Anne-Marte an die Drohung ihrer Kameraden dachten, als
sie in aller Vergnüglichkeit an dem Bäckerhause vorbei gingen.
Da auf einmal, mit dem wilden Geschrei: »Aschermittwoch,
Aschermittwoch!« stürzten Severin, Wendelin und Jörgel hervor und
kehrten die Mädels von oben bis unten ab.
Die quiekten, lachten und schrieen, drehten sich wie Kreisel, wehrten
sich, andere kamen hinzu, es war ein Tumult und Lärm und das Jauchzen
tönte die Marienstraße hinauf und hinab. Plötzlich riefen zwei, drei
Stimmchen: »Aber, wie seht ihr denn aus?«
Anne-Marte und Brigittchen trugen weiße Jacken und weiße Mützen, und
diese hatten unversehens lauter schwarze Streifen bekommen, aber Jörgel,
Wendelin und Severin kehrten immer eifriger, mit immer erneuter Lust und
sie kümmerten sich gar nicht um die Rufe: »Hört auf, hört auf!«
Und wer von ihnen gekehrt wurde, bekam schwarze Streifen, aber das sahen
sie gar nicht, erst als ein Mädel anfing zu heulen, ließen die Buben
nach, und Anne-Marte rief scheltend: »Pfui, wie abscheulich seid ihr,
wie könnt ihr uns so schwarz machen!«
Da sahen nun erst die drei Missetäter betroffen, was sie angerichtet
hatten, unter der Mädchenschar aber erhob sich so ein gewaltiges Jammern
und Klagen, daß die Vorübergehenden stehen blieben und auch Frau
Bäckermeister Gutgesell aus dem Laden heraustrat, um zu sehen, was
geschehen sei. Sie sah ihre beiden Buben wie ein paar begossene Pudel
stehen, vergeblich versuchten die Missetäter nämlich auszureißen, die
entrüsteten Mädchen hatten sie umringt und über alles Schreien und
Klagen hinweg tönte Anne-Martes Stimme, die dem Bruder und den Freunden
eine Strafrede hielt.
»Ich gehe nie wieder mit euch, nie wieder, nie wieder, nein, ich bin
euch bitterböse!« rief die Kleine immer wieder.
Frau Gutgesell brach sich Bahn durch die aufgeregte Schar und wutsch!
ergriff sie Wendelin und Severin, hielt sie fest und fragte streng: »Was
habt ihr getan?«
Ein Durcheinander von anklagenden Stimmen erhob sich, die Buben aber
schrieen immer wieder: »Wir können nichts dafür!«
»Zeigt mal eure Ruten her,« gebot die Mutter, und niedergeschlagen gaben
alle drei ihre Tannenzweige hin. »Aber Bengels, die sind ja ganz schwarz
voll Ruß, ei, ihr unnützes Gesindel, na wartet, das soll euch schlecht
bekommen!« rief Frau Gutgesell ärgerlich. »Wir können nichts dafür,«
jammerten die Buben.
»Sie haben es vielleicht nicht gewußt,« sagte auf einmal ein liebes
Stimmchen in allen Tumult hinein. Brigittchen tat es leid, trotzdem ihr
weißes Jäckchen lauter schwarze Streifen hatte, daß die Freunde gar so
arge Missetäter sein sollten.
Die Gemüsefrau Lehmann, die neben der Bäckerei wohnte und die um des
Lärmes willen, den die Bäckerbuben manchmal vollführten, einen rechten
Groll auf diese hatte, rief: »Ih, die wär'n es schon gewußt haben, das
sind 'n paar Schlimme!«
»Sie sind gar nicht schlimm,« verteidigte Brigittchen mutig die Freunde,
»und sie haben's sicher nicht gewußt, daß die Ruten schwarz waren!«
»Nein, nein,« jammerten die Buben, die von ihrer Mutter kräftig mit fort
gezogen wurden. »Das werden wir mal drin untersuchen,« sagte die
grollend. Sie ärgerte sich sehr, daß die Unart ihrer Buben einen
regelrechten Straßenauflauf verursacht hatte. Denn aus allen Häusern
guckten die Menschen, sie standen auf der Straße und redeten, und wenn
die drei Missetäter die Prügel wirklich gekriegt hätten, die ihnen von
den Leuten zugedacht wurden, dann wäre es ihnen wohl schlimm ergangen.
»Nun, was ist denn hier für ein Geschrei und Gelärm, 's ist doch nicht
mehr Fastnacht?« fragte recht gemütlich in das Tosen hinein Heine, der
in der offenen Ladentüre stand.
»Wir haben die Ruten ganz gewiß nicht schwarz gemacht,« klagten Wendelin
und Severin wieder.
Jörgel schwieg trotzig, er fühlte sich ganz unschuldig! Er war aber ein
zu guter Freund und zu stolz, um alle Schuld auf die beiden anderen zu
schieben. Ja, und ob die nicht doch ein bißchen die Ruten geschwärzt
hatten, wie konnte er dies wissen!
»Da seh'n Sie mal, Herr Geselle,« rief die Grünwarenfrau Lehmann jetzt
giftig, »wie arg die Jungens sind, haben alle Mädels mit rußigen Ruten
abgekehrt, da das Brigittchen Schön ist ganz schwarz geworden!« Heine
machte ein halb verdutztes, halb verlegenes Gesicht, ihm ging nämlich,
wie man sagt, ein Seifensieder auf.
Er hatte in der Nacht mit Tannenreisern, die er im Hausflur
gefunden hatte, fix mal ein Zugloch von Ruß gesäubert und die
Aschermittwochsruten so recht eingeschwärzt. Er fragte, woher die Zweige
stammten und die Geschichte klärte sich bald auf, die Buben waren
wirklich unschuldig. Trotzdem Frau Lehmann wohl zehnmal rief: »Ich
glaub's nicht, die sind unnütz!«
Hei, wie reckten sich die drei im Gefühl ihrer Unschuld, ordentlich
stolz sahen sie aus, die Mädels standen ganz betreten da, sie wußten
nicht, ob sie lachen oder weinen, böse oder gut sein sollten.
»Der Ruß geht ab,« tröstete Heine, »wenn ihr im Backofen gesessen
hättet, dann möchtet ihr erst schwarz sein, potz Wetter, ja!«
»Machen Sie keine dummen Witze, Heine,« sagte die Meisterin ärgerlich,
»für die Mädels ist die Sache schlimm und meine Buben sollen mit zu den
Eltern gehen, wo es nötig ist, und die Geschichte erzählen, damit die
Mädels keine Schelte bekommen. Denn dumm war es doch von den Buben, sie
brauchten auch nicht so wild darauf loszukehren!«
Diese Worte dämpften den Stolz der Buben ein wenig, und ordentlich
gekränkt waren sie erst, als alle Mädels erklärten, sie brauchten keine
Begleiter, sie würden daheim schon die Geschichte erzählen. Und heidi!
liefen alle davon, die gekehrten und die nicht gekehrten.
Am Nachmittag aber war schon alles wieder vergessen, es war eben ein
kleiner Aschermittwochsärger gewesen, weiter nichts, und keine
Freundschaft ging darum auseinander.
Für den armen Klaus Hippel aber kam ein rechter Aschermittwochsärger
noch nachgehinkt und für manchen anderen Neustädter auch.
Vierzehn Tage nach der Fastnachtsfeier saß der Herr Bürgermeister eines
Morgens in seinem Arbeitszimmer und las Zeitungen. Auf einmal schlug er
wütend mit der Faust auf den Tisch, na, das ging ihm doch über den Spaß.
In einer Zeitung, die in einer großen Stadt erschien, las er nämlich
eine Beschreibung von Neustadt, man hatte sie ihm zugeschickt und sie
noch mit einem dicken, roten Strich angezeigt.
Wenn einer nun seine Heimat liebt und weiß, wie schön und traut sie ist,
und dann kommt jemand und schildert diese Heimat als häßlich und eng und
hat nichts für sie als Hohn und Spott, da soll man sich nicht ärgern.
Dem Herrn Bürgermeister ging es so, er liebte Neustadt wie keinen Fleck
auf der weiten Erde; er wußte wohl, daß manches darin fehlte, was große
Städte besitzen, aber lieblich und behaglich war das Städtchen doch. Nun
stand da in der Zeitung, Neustadt sei das langweiligste, unschönste,
schmutzigste Nest der Welt. Da sollte man sich nicht ärgern!
Und wie dem Herrn Bürgermeister, so ging es den Stadträten, den Bürgern,
alle, alle ärgerten sie sich über den boshaften Schreiber.
Am meisten taten dies Klaus Hippel und Frau Paulinchen, denn am
allerschlechtesten war das Museum weggekommen, von dem Fastnachtsspiel
und von den geborgten Ritterhelmen stand auch etwas in dem Artikel.
Es war wirklich ein Glück, daß Doktor Fröhlich die Geschichte schon
vorher dem Bürgermeister erzählt hatte, sonst wäre es dem armen
Pantoffelmacher vielleicht schlimm ergangen. Eine Strafrede bekam er
ohnehin, die war gesalzen, und noch nach Wochen seufzte er tief, wenn er
daran dachte. Sein einziger Trost war nur, daß Doktor Fröhlich
versprach, er wollte auch etwas über Neustadt schreiben, er wollte
erzählen, was für ein liebliches, anmutiges Fleckchen es sei und daß
neben der Marienkirche und dem Schloß der alte Turm das allerschönste im
Städtchen sei. --
»Das hat der junge Herr vom Fastnachtstag geschrieben,« sagte Frau
Paulinchen, »nein, so etwas, nicht einmal richtig umgesehen hatte er
sich!«
»Ein abscheulicher Windbeutel ist's«, schrie der Meister, und seit der
Zeit sagte er immer, wenn ein Fremder sich dem Turm nahte: »Paulinchen,
paß auf, ein Windbeutel kommt. Wirf ihn hinaus, wenn er etwas
aufschreiben will!«
Bis eines Tages ein Maler kam, der voll Entzücken den Turm von unten und
oben, von vorn und hinten, mit Pantoffeln und ohne Pantoffeln, von innen
und außen, am Morgen, am Mittag und im Abenddämmern malte, da söhnte
sich Meister Hippel wieder mit den Fremden aus. Er wurde wieder lustig
wie zuvor, pfiff und sang im Turmerker, nähte Pantoffeln, erzählte
Geschichten und rief, wenn ein Fremder kam:
»Aufgepaßt, ein weißer Spatz fliegt in den Turm!«
Durch der Schneekönigin Reich.
Ein Wintermärchen.
Die Kinder sprachen schon vom Frühling wie von etwas, das ganz, ganz
nahe war.
Doch der Winter war anderer Meinung, er fand, es sei noch nicht Zeit für
den Frühling zu kommen. Schwipp, schwapp war er eines Tages wieder da,
mit Schneegestöber, Nordwind und Kälte. Im Nu war das Land wieder weiß
und still und die Schneeglöckchen, die schon die allergrößte Lust
gezeigt hatten, sich in der Welt umzusehen, krochen flugs in ihr braunes
Erdbettlein zurück, unten erzählten sie den andern Blumen und Gräsern:
»Brrr, oben ist es schrecklich, wir begreifen gar nicht, wie es nur die
Menschen aushalten können!«
Na, so schlimm war es nun doch nicht, die Kälte reichte nicht einmal
recht zum Naseerfrieren. Aber schelten taten die Menschen doch, sie
hatten sich schon zu sehr auf den Frühling gefreut.
Auch in Neustadt gab es wieder Schneegestöber, und die fünf Schatzgräber
und Jantge, die schon davon gesprochen hatten, daß sie die Kreisel
drehen wollten und an der Stadtmauer Veilchen suchen, standen eines
Tages recht mißmutig vor dem Schön'schen Hause und schalten auf den
Winter. Ein bißchen undankbar war das ja nun, denn als der Winter
einzog, hatten sie ihn beinahe nicht erwarten können und den ersten
Schnee hatten sie mit Jubel begrüßt.
Es war Sonnabend Nachmittag, und die sechs Kameraden hätten gern irgend
etwas Lustiges unternommen. Aber Brigittchen durfte nicht Schlitten
fahren, weil der Wind so sehr wehte, zu Klaus Hippel konnten die Kinder
auch nicht gehen, denn der war an diesem Tage über Land gefahren.
»Wir wollen zu Fräulein Helene und zum Herrn Doktor gehen,« schlug
Wendelin vor.
»Uneingeladen?« fragte Anne-Marte ein wenig zaghaft, »geht das denn?
Mutter hat gesagt, wir dürften nicht uneingeladen überall hingehen, es
schickt sich nicht!«
»Brigittchen geht erst und fragt, ob uns Fräulein Helene nicht einladen
will,« sagte Jörgel.
Brigittchen war damit einverstanden; zu Fräulein Helene gehen, war für
sie etwas Wundervolles. Sie lief auch flugs über den Kirchplatz und
kehrte schon nach wenigen Minuten mit dem Freudenrufe zurück: »Wir sind
eingeladen!« Geschwind liefen die Doktorskinder und die Bäckerbuben zu
ihren Müttern und verkündeten diesen die Neuigkeit: »Wir sind zu
Fröhlichs eingeladen, dürfen wir gehen?«
Frau Bäckermeister Gutgesell sagte ja, ohne alle Fragen, die Doktorin
aber wollte wissen, wie es mit der Einladung gekommen sei. Treuherzig
erzählte es Jörgel und die Mutter lachte: »Na,« meinte sie, »das ist
freilich eine einfache Art, zu einer Einladung zu kommen, doch geht
schon, Fräulein Helene ist aber beinahe zu gut zu euch Wildfängen!«
Wenige Minuten später standen die sechs Kinder in dem Flur des
Fröhlich'schen Hauses, und Fräulein Helene half ihnen die Mäntel
ausziehen. Die alte Dorothee hatte ein wenig gebrummt über die
Sonnabendgäste, aber schließlich, als sie sah, mit welcher Freude die
Kinder ankamen, ging sie doch in die Küche, um ihre berühmte Schokolade
zu kochen. Nirgends, aber auch nirgends schmeckte Schokolade so gut wie
die von Dorothee gekochte, die Kinder sagten es und da mußte es doch
stimmen.
»Heute gibt es aber etwas Besonderes,« sagte Fräulein Helene, »mein
Bruder hat ein Märchen geschrieben, das will er euch erzählen.«
»Ein Märchen!« jubelte Brigittchen fröhlich, »kommt eine Prinzessin
darin vor?«
»Sogar eine Königin und viel, viel Schnee,« erwiderte Helene Fröhlich,
»nun kommt herein, erst spielen wir etwas, dann trinken wir Schokolade
und zuletzt bekommt ihr das Märchen vorgesetzt!«
Und so wurde es auch. Wendelin sagte zu Jantge: »Es ist doch sehr gut,
daß wir heute eingeladen worden sind.« Das fanden die anderen Kinder
auch, es war urgemütlich in dem großen, altmodischen Wohnzimmer, und die
Kinder bekümmerte es nicht, daß es draußen immer toller stürmte und
schneite. Als nach lustigen Spielen und einer fröhlichen Schmauserei
sacht die Dämmerung hereinbrach, da erzählte Doktor Theobald Fröhlich
den Kindern ein Schneemärchen, er sagte, die wirbelnden Schneeflocken
draußen hätten es ihm erzählt, das Märchen aber nannte er:
Durch der Schneekönigin Reich.
Es war ein Wintertag wie heute. Weiche, weiße Flocken sanken vom Himmel
auf die Erde herab, die darunter träumend schlief. In einer kleinen
Stadt, die noch ein wenig kleiner und winkeliger als Neustadt war, lag
der Schnee so hoch, daß das ganze kleine Nest wie in einem dicken,
riesengroßen Federbett lag. Im letzten Haus des Städtchens, das schon
auf freiem Felde stand, wohnte eine arme Witwe mit ihrem Sohn.
Schwerkrank lag der in seinem Bette und der Arzt, der vor etlichen
Stunden dagewesen war, hatte gesagt: »Gute Frau, ich kann euch nicht
mehr helfen, alle meine Pillen und Tropfen nützen nichts mehr gegen
diese Krankheit.«
Die arme Witwe konnte nicht mehr weinen, so groß war ihr Jammer,
verzweifelt starrte sie in die weiße Winterpracht hinaus. Gab es denn
kein Mittel mehr, um ihren Sohn, ihr einziges, geliebtes Kind zu retten?
Wie sie so saß in ihrem Herzeleid, hörte sie auf einmal zwei Krähen vor
den Fenstern krächzen. Es war ihr, als riefen die beiden immerzu: »Geh'
zur weisen Frau, geh' zur weisen Frau!«
Da kam es ihr in den Sinn, daß draußen auf der Landstraße eine alte Frau
wohnte, die wegen ihrer Güte und Klugheit berühmt im Lande war und bei
der schon mancher in Sorge und Not Hilfe und Rat gefunden hatte. Die
arme Witwe hüllte ihren Sohn in warme Decken, nahm ihn auf den Arm und
lief so schnell ihre Füße sie trugen, zu der weisen Frau hin.
Die saß in ihrem Stübchen, in dem die Blumen blühten und die Vögel
sangen, als sei Frühling. Finken und Zeisige und ein gar klug drein
schauender Starmatz hüpften zwischen den Blumenstöcken herum, und die
weiße Katze, die zu ihrer Herrin Füßen lag, dachte gar nicht daran, den
Vögeln etwas zuleide zu tun.
So friedlich war es bei der weisen Frau, daß in dem Herzen der armen
Witwe die Hoffnung zu blühen begann, und flehend klagte sie der Frau ihr
Leid: »Mein Sohn ist mein einziges Glück auf der Welt, nun ist er so
krank, er leidet so große Schmerzen und niemand kann ihm helfen, weißt
du keinen Rat?«
»Du armes Weib,« sagte die weise Frau und sah die Bittende traurig an,
»ich kann dir wenig Trost geben; wohl weiß ich einen Arzt, der einen
Wundertrank besitzt, aber der Weg zu ihm ist so mühsam und schwer um
diese Winterzeit, noch nie ging ein Mensch diesen Weg zu Ende!«
»Ach!« rief die Mutter, »sage mir nur geschwind den Weg, für mein Kind
ist mir nichts zu schwer, keine Mühsal ist mir zu groß!«
»Ich will dir gern den Weg zeigen,« erwiderte die weise Frau. »Der Arzt
wohnt am Ende eines großen Waldes, durch den mußt du wandern, wenn du zu
ihm gelangen willst. Aber ich sage dir, der Weg ist unendlich schwer,
denn in dem Walde haust die Schneekönigin, sie hat ein Herz von Eis und
wenn ein Mensch in ihre Macht fällt, dann küßt sie ihn, bis er zu Eis
erstarrt, sie kennt kein Erbarmen und gibt keiner Bitte Gehör. Sie kann
dir freilich nichts tun, solange du ohne dich umzuschauen vorwärts
schreitest. Aber du darfst ja nicht stehen bleiben, nicht rasten, dich
nicht umsehen, denn sonst verfällst du der Macht der Schneekönigin.
Glaube mir, es haben schon viele Menschen versucht, den Wald zu
durchschreiten, aber es ist noch niemand gelungen. Meinst du aber die
Kraft zu haben, dann will ich mein Wäglein rüsten, ich habe ein
schwarzbraunes Pferdchen, das läuft schneller als der Wind, das trägt
dich in kurzer Zeit bis an den Wald.«
»Ach bitte, bitte, liebe Frau,« rief die arme Mutter, »rüste rasch dein
Wäglein, damit ich schnell bis an den Wald komme, ich fürchte mich gar
nicht, ich kann es nicht glauben, daß die Schneekönigin stärker sein
soll, als einer Mutter Liebe!«
»Wie du willst,« sagte die weise Frau. Sie ging und spannte geschwind
ihr Pferdchen an und sie fuhr die Witwe dann selbst bis an den Wald. Das
Pferdchen lief wirklich so schnell, daß der Wind hinterher jagte, nicht
mitkonnte, er wurde ganz ärgerlich darüber und fing in einem Dorf so zu
schelten an, daß die Bauersleute erschrocken zu einander sagten: »Hört
nur, wie der Wind pfeift, nein, so ein schlechtes Wetter!«
Als der Wagen an den Wald der Schneekönigin anlangte, zogen gerade
Wolken über die Sonne dahin, die stand dahinter wie eine große, weiße
Blüte.
Herzlich dankte die Witwe der weisen Frau, dann nahm sie sorgsam ihren
Sohn auf den Arm, der leise vor Schmerzen weinte, und unverzagt betrat
sie den Wald.
Hohe, schneebedeckte Tannen ragten empor, von ihren Zweigen hernieder
hingen lange Eiszapfen und am Wege blühten große, seltsam geformte
Eisblumen, die schimmerten und flimmerten wie von tausend Diamanten
besät. Der Fuß der Wanderin versank tief in der weichen Schneedecke, und
immer dichter fiel der Schnee herab, langsam, lautlos sank Flocke auf
Flocke hernieder und die Luft war von Schnee erfüllt.
Tiefe, schauerliche Stille herrschte ringsum und kein Vogelschrei wurde
hörbar. Das Schweigen legte sich beklemmend auf das Herz der Frau und
eine große Angst erfaßte sie. Es war ihr, als wüchsen die Tannen immer
dichter zusammen, als würde der Schnee tiefer und tiefer. Aber da weinte
leise das kranke Kind in ihren Armen und mutig schritt sie vorwärts, um
die Rettung für ihr Kind zu suchen.
Doch plötzlich wuchsen die Flocken, sie wurden größer und größer. Aus
den wirbelnden Sternchen wurden zarte, weiße, schleierumhüllte
Mädchengestalten. Die wiegten und neigten sich in der Luft und die
hauchten der armen Frau in das Gesicht, daß es sie eisig durchdrang, und
sie fühlte, wie die Füße ihr erstarrten.
Und so schwer schien ihr Kind zu werden und immer dichter kamen die
weißen Gestalten, ihre Schleier streiften die Wangen der Mutter, da war
es dieser, als würde sie mit Messern geschnitten.
Auf einmal ging jäh ein Brausen durch die Luft. Pfeifend wehte der Wind,
und die arme Frau kam immer schwerer vorwärts. Da erblickte sie vor sich
eine hohe weiße Gestalt in wehendem Mantel, der mit Diamanten umsäumt
war. Auf ihrem Haar, das schwärzer als die Nacht war, lag eine funkelnde
Krone. Das Antlitz war weißer als der Schnee und furchtbar waren die
Augen, hart, grausam, und sie schimmerten blaugrün wie der See, wenn er
zu Eis erstarrt ist.
Das war die Schneekönigin! Die arme Mutter fühlte es, und ihre Angst
wuchs. Lachend streckte die Schneekönigin die weißen Arme aus, und dann
begann sie zu sprechen und ihre Stimme klang wie springendes Eis: »Eile
doch nicht so, arme Frau, komm, raste ein wenig in meinem Reich. Ich
sehe es ja, du bist müde, und dein Weg ist noch weit. Komm, ruhe dich
aus im weichen Schnee und gib mir dein Kind, ich will es gesund küssen!«
Eine große Müdigkeit überfiel die arme Mutter, sie fror nicht mehr, sie
war nur müde, ach, so müde, und das Kind in ihrem Arme wurde immer
schwerer, sie brach fast unter der Last zusammen. Aber sie dachte an die
Warnung der weisen Frau und in der Angst ihres Herzens rief sie laut:
»Lieber Gott, hilf mir doch!«
Da wich die Schneekönigin langsam zurück. Aber ihr Mantel umflatterte
die Frau, daß diese den Weg nicht zu erkennen vermochte, und es wurde
dunkler und dunkler. Die Nacht senkte ihre Schatten herab und der armen
Mutter wurde es bitterangst in dieser Dunkelheit, in der sie den Weg
nicht mehr zu erkennen vermochte. In ihrer Not rief sie wieder: »O Mond,
du lieber Mond, habe doch Erbarmen und leuchte mir um meines Kindes
willen!«
Ganz sacht verbreitete sich da ein silberner Schein über den Wald und es
begann wundersam zu leuchten. Silbernes Licht glitt an den Stämmen der
Tannen herab und legte sich hell auf den Weg. An dem dunklen Nachthimmel
schwebten silberumsäumte Wölkchen, und dann stieg klar und voll über den
dunklen Bäumen der Mond empor.
Dankbar sah die arme Witwe zu ihm auf, das liebe Himmelslicht lächelte
gerade so sanft und mild auf sie herab, wie in den einsamen Nächten, da
sie am Bett ihres Kindes gewacht hatte. Neuer Mut zog in ihr verzagtes
Herz, und tapfer schritt sie vorwärts. »Ich werde mein Ziel dennoch
erreichen,« dachte sie.
Doch die Schneekönigin gab es nicht auf, Mutter und Kind in ihre Gewalt
zu bekommen, sie begann mit ihren weißen Fräuleins zu singen, das klang
lockend und sehnsuchtsvoll.
Die arme Frau hörte ganz deutlich die Worte, die die Königin mit ihren
Dienerinnen sang:
»Walle, walle, Schleier weiß,
Flocke, Flocke, falle du,
Hüllt die Erd' in Schnee und Eis,
Deckt die jungen Saaten zu!
Walle, walle weißer Schnee,
Flocke auf Flocke fall' herab,
Tut es auch den Blüten weh,
Sterben auch die Blätter ab!
Ohn Erbarmen schwingt den Stab,
Winters schöne Tochter leis,
Weißer Schnee deckt Grab auf Grab,
Erde ist gebannt in Eis.
Und mit weißen Armen sacht,
Will dein Kindlein ich umhüllen.
Komm, mit meiner weißen Pracht,
Will ich seine Schmerzen stillen.
Walle, walle, Schleier weiß,
Flocke, Flocke, falle du,
Hüllt die Erd' in Schnee und Eis,
Alles Leben decket zu!«
Von dem Gesang aber erwachte der kranke Knabe, der auf den Armen seiner
Mutter eingeschlafen war; er schlug die Augen auf und sah die
schimmernde Gestalt der Schneekönigin. »Ei, Mutter,« rief er, »sieh doch
dort die wunderschöne Prinzessin mit der Krone! Mutter, sie winkt mir,
ich will zu ihr, sie hat gewiß ein schönes Schloß!«
Der Kranke versuchte, aus den Armen der Mutter herabzugleiten, doch
verzweifelt hielt die ihn fest und rasch riß sie sich ihr Tuch vom Kopf
und verhüllte damit das Gesicht des Kindes. Aber eine der weißen
Gestalten blies das Tuch fort und nun jubelte der Kleine: »Mutter,
Mutter, die Prinzessin ist wieder da, ich will zu ihr, ach bitte, bitte,
laß mich doch los!«
Da, in dieser höchsten Not, kamen der armen Witwe die Tränen, die seit
Wochen versiegt waren. Ein paar heiße, schwere Tropfen rannen aus ihren
Augen, sie fielen gerade auf die Hände der Schneekönigin, die eben nach
dem Knaben greifen wollte.
Mit einem lauten, gellenden Schrei wich die Schneekönigin zurück.
Menschentränen brannten sie wie Feuer und jäh verstummte auch der Gesang
ihrer weißen Dienerinnen.
Die Mutter ergriff wieder fester ihr Kind, sie nahm alle ihre Kraft
zusammen und versuchte den Ausgang des Waldes zu gewinnen. Fern, fern
sah sie ein Lichtlein schimmern, ach! gewiß wohnte dort der berühmte
Arzt.
Aber nun begann es wieder zu schneien, still, lautlos, immer dichter
fiel der Schnee, und so viele Mühe sich der Mond auch gab, sein Licht
erhellte immer schwächer die Dunkelheit. Die arme Witwe sah das weiße
Verderben wachsen, sie kam kaum noch vorwärts, schon sank sie bis über
die Kniee in den Schnee ein, und nun fing ihr Kind auch noch jämmerlich
an, vor Schmerzen zu weinen.
Verzweifelt schluchzte die Mutter auf, und wieder rannen ihr ein paar
Tränen aus den Augen, es waren die allerletzten, die sie besaß. Die
fielen auf den Schnee nieder und plötzlich schmolz dieser darunter, wie
unter dem Kuß der Frühlingssonne. Leichter konnte die Frau schreiten,
und sie nahm noch einmal ihre Kraft zusammen und erreichte glücklich den
Ausgang des Waldes. Dort aber brach sie ohnmächtig zusammen. --
Als sie wieder erwachte, befand sie sich in einem hellen, behaglichen
Stübchen. In einer Ecke prasselte und glühte ein kleines Öfchen, und ein
Kater lag davor und schnurrte, als müßte er Leinwand zu zwölf Hemden
spinnen. Und wie bei der weisen Frau jenseits des Waldes, blühten auch
hier bunte Blumen trotz der Winterkälte, und allerlei bunte,
fremdländische Vögel hüpften und piepsten im Zimmer herum.
Vor einem schneeweißen Bettchen, das an der einen Seite der Stube stand,
saß ein alter Mann, in dem Bett aber lag ihr Kind, das schlief fest und
es hatte blühende Wangen und sah so frisch und gesund aus wie ein
Äpfelchen.
»Mein Kind lebt,« jubelte die Mutter, »Gott sei gedankt, es wird
gesund!«
»Ja, freilich wird es gesund,« sagte der alte Mann, der der berühmte
Arzt war, »und weißt du, was das Heilmittel war, das ihm geholfen hat?«
»Wie soll ich das wissen,« sagte die arme Witwe, »ich bin doch nicht
weise und gelehrt!«
Der Arzt lächelte: »Und du hast doch das Mittel selbst angewandt:
Mutterliebe und Muttertränen haben dein Kind gesund gemacht!«
In diesem Augenblick schlug der Kleine seine Augen auf. Als er seine
Mutter sah, streckte er jauchzend seine Ärmchen nach ihr aus: »Mutter!«
rief er, »ich habe von einer wunderschönen Königin geträumt, das war
fein! Ach, und so schön hat sie gesungen! Hör' das Lied, ich kann es
noch.« Er sang mit feinem Stimmchen das Lied, und der Arzt sagte: »Dein
Sohn, Frau, wird einst sehr berühmt werden; wenn einer das Lied der
Schneekönigin behält, dann wird er viel Ruhm und Glück im Leben
gewinnen.«
»Möge er gut werden, das ist die Hauptsache,« sagte die Mutter innig.
Bis der Frühling kam, blieb die Witwe im Hause des Arztes, dann kehrte
sie mit ihrem gesunden Kind in die Heimat zurück. Diesmal war es
wundervoll durch den Wald zu gehen, den die Schneekönigin längst,
grollend über des Frühlings Sieg, verlassen hatte.
Und aus dem kleinen Jungen der armen Witwe wurde später ein
hochberühmter Künstler. Wohin er auch mit seiner Geige kam und spielte,
überall jubelten ihm die Menschen entgegen; das schönste Lied aber, das
er spielte, war das Lied, das ihm einst die Schneekönigin mit ihren
weißen Fräuleins vorgesungen hatte.
Seiner Mutter, die er liebte, wie nur ein guter Sohn seine Mutter lieben
kann, baute er ein schönes Haus, das in einem wundervollen Garten lag.
Er selbst heiratete dann eine Gräfin und alle zusammen lebten in dem
schönen Haus glücklich und zufrieden, und wenn sie nicht gestorben sind,
leben sie heute noch. --
»Aus ist die Geschichte,« sagte Fräulein Helene mit ihrer lieben, warmen
Stimme. Sie nahm Brigittchen auf den Arm und sah der Kleinen in die
Veilchenaugen, die auf einmal so traurig aussahen. »Was fehlt dir, mein
Liebling?«
»Wenn ich doch eine Mutter hätte,« flüsterte die Kleine betrübt. Niemand
hörte das, denn die anderen Kinder beredeten die Geschichte laut und
ausführlich, nur Jantge sah still drein und Fräulein Helene sagte: »Sei
dankbar, Brigittchen, für das, was du hast; sieh, Jantge hat nicht
einmal einen Vater.«
Da wurde Brigittchen still, nachher ging sie zu Jantge hin und war so
liebevoll zu der kleinen Freundin, daß Severin beinahe eifersüchtig
wurde, und er gab sich erst zufrieden, als er beim Heimweg zwischen
Jantge und Brigittchen gehen durfte.
»Es war doch fein, daß uns Fräulein Helene eingeladen hat,« sagten die
Kinder, als sie heimgingen.
»Das Schönste war doch die Geschichte,« rief Brigittchen.
Die andern stimmten ihr zu, nur Severin war sich noch nicht klar, ob die
Schokolade, das Spielen oder die Geschichte am schönsten gewesen sei,
und am liebsten hätte er sich zu morgen gleich wieder einladen lassen,
um darüber zu entscheiden.
Aber das gab es nicht, dafür aber gab es Tauwetter und der Schnee lief
so geschwind vor der Sonne von dannen, daß sämtliche Schneemänner im
Städtchen umpurzelten. Und von den Dächern rannte der Schnee herunter,
eins, zwei, drei, klatsch, da lag er unten auf der Straße, wurde
schmutzig, wurde zu Wasser, und weg war er. Auf den Dächern aber saßen
die Vögel und zwitscherten und piepten und wenn einer ganz genau
hinhörte, dann verstand er, was die Vögel riefen, nichts anderes als:
»Es wird Frühling, es wird Frühling!«
Osterwasser.
Er kam nun wirklich immer näher der Frühling! Der Winter raffte seinen
weißen, schon ein bißchen zerfetzten Mantel zusammen und zog brummelnd
davon. Manchmal drehte er sich noch herum und warf den Menschen, deren
Jauchzen ihm nachtönte, ärgerlich eine Handvoll Schnee auf die Köpfe.
Aber das schadete nicht mehr viel, man merkte es doch an allen Ecken und
Enden, daß der Frühling kommen wollte. --
Doktor Fröhlich und seine Schwester merkten es auch, wenn sie in ihrem
Garten spazieren gingen. Da schaute ein grünes Spitzchen heraus und da
eins, die Krokusse waren draußen, ehe man sich's versah, wie kleine
Soldaten standen sie in ihren blauen, gelben und weißen Röcklein auf der
braunen Erde. Und die Schneeglöckchen kamen, die Leberblümchen, auch die
Hyazinthen steckten ihre dicken Köpfe hervor. Der Garten war der Wunder
voll. Jeden Tag entdeckten die Geschwister etwas Neues, Schönes, und
Brigittchen, die täglich den Weg ins Nachbarhaus fand, jauchzte mit über
all die köstlichen Frühlingswunder.
Die beiden Geschwister dachten und sprachen von ihrem einsamen Leben in
den Weltstädten, dort war der Frühling gekommen und vergangen und sie
hatten ihn kaum recht gespürt, aber hier in dem kleinen Städtchen gab es
so viel Frühlingsahnen und so viele Frühlingsfreude, daß jeder Tag wie
im Feierkleid dahinging.
Brigittchen sang kleine, fröhliche Frühlingslieder, der Doktor grub im
Garten die Beete um, und manchmal kam auch Herr Schön mit hinüber ins
Nachbarhaus, und Fräulein Helene zeigte ihm alle Blumen und die Knospen
an den Bäumen und Sträuchern.
Die Kinder aber sagten zu einander: »Nun fangen bald die Osterferien
an!«
Manch ein Bube und manch ein Mädelchen sagte dies freilich recht
bedrückt, das waren die, die ans Sitzenbleiben und an schlechte Zensuren
dachten. Zu denen gehörten aber die fünf Schatzgräber nicht, selbst
Wendelin und Severin, die sich gerade nicht immer durch besonderen Fleiß
auszeichneten, hatten in den letzten Wochen noch mit beinahe
unheimlichem Eifer gearbeitet und hatten so die Klippe des
Sitzenbleibens kühn umschifft. So redeten sie denn auch sehr stolz und
sicher von den Osterferien und von Feiertagslust, als sie mit den drei
Mädels und Jörgel in Meister Hippels Turmstübchen saßen, es war kurz vor
Ostern, ein Tag vor Schulschluß.
Klaus Hippel erzählte den Kindern allerlei, und dabei sagte er auch:
»Ich hab's zwar noch nie gesehen, aber möglich ist's schon, daß die
Sonne am Ostermorgen einen Hopps macht und ein Weilchen tanzt!«
Die Kinder lachten, nur Brigittchen schaute ernsthaft mit großen,
verträumten Märchenaugen drein, ihr schien es gar nicht unmöglich, daß
die Sonne tanzen könnte.
»So ein Unsinn!« rief Jörgel.
»So, Unsinn? Herr Naseweis und Grünschnabel!« schrie der kleine
Pantoffelmacher geärgert. »Dann glaubst du auch wohl nicht, daß
Osterwasser eine besondere Kraft hat?«
»Ich weiß nicht,« murmelte Jörgel etwas verlegen, er wußte nämlich gar
nichts vom Osterwasser.
»Was ist denn Osterwasser, wo gibt es denn das?« fragte seine Schwester
Anne-Marte, der schon wieder das Kichern in den Wangengrübchen saß.
Meister Hippel guckte über seine Brille weg die Kinder forschend an, er
machte ein Gesicht, daß niemand wußte, ob er ernst oder spaßhaft gesinnt
war. »Na, paßt auf,« sagte er, »Osterwasser nennt man Wasser, das
Kinder, Jünglinge oder Jungfrauen am Ostermorgen gerade vor
Sonnenaufgang aus einer Quelle schöpfen. Es ist aber nicht so einfach,
Osterwasser zu holen, man darf kein Wort dabei sprechen, überhaupt nicht
lachen, nicht weinen, schweigend muß man das Wasser holen und auf dem
Heimweg darf man beileibe keinen einzigen Tropfen vergießen, auch darf
die Sonne nicht in den Krug scheinen, und vorher darf es niemand wissen,
der nicht mitgeht.«
»Das ist aber schwer,« flüsterte Jantge mit einem kleinen Seufzer.
»Na, freilich ist's schwer,« brummte der Meister, »für nichts ist
nichts. Das Osterwasser hat aber auch seine besondere Kraft. Es macht
den Menschen schön, verleiht ihm Gesundheit und Reichtum. Ja, guckt mich
nur an, ich bin auch mal Osterwasser holen gegangen, und es hätte sicher
viel Glück gebracht. Ich habe auch kein Wort dabei gesprochen und es
vorher niemand gesagt und meinen vollen Krug sorgsam nach Hause
getragen, und wie ich die Treppe hinaufgehen will, kommt mir Muxel,
unser schwarzer Kater entgegengelaufen, ich stolpere, falle, und weg war
mein Osterwasser. Das nächste Jahr war ich krank, dann habe ich es
verschlafen, dann habe ich geheiratet, und so bin ich nie zu Osterwasser
gekommen!«
»Wie schade!« rief Brigittchen mitleidig.
Jörgel lachte, er glaubte nicht recht an das Osterwasser, aber Wendelin
und Severin warfen sich verständnisvolle Blicke zu, sie glaubten fest
daran, denn Heine, der kluge Heine, hatte auch davon erzählt.
Nachher auf dem Heimweg sagte Wendelin auf einmal: »Wir könnten doch
alle miteinander Osterwasser holen gehen, es wäre doch fein!«
»Ach ja,« riefen die drei Mädels wie aus einem Munde.
Jörgel machte ein bedenkliches Gesicht: »Es geht uns vielleicht wie mit
dem Schatz und nachher werden wir ausgelacht! Lieber nicht!«
»Sei doch nicht so eingebildet!« rief Severin. Es war dies allerdings
ein höchst ungerechter Vorwurf, aber weil Jörgel Ostern schon nach
Quinta kam, und die Bäckerbuben, die freilich ziemlich in gleichem Alter
mit ihm waren, noch in der letzten Vorschulklasse saßen, glaubten sie
mitunter, Jörgels Zweifel an Meister Hippels und Heines Erzählungen sei
nur Einbildung.
»Sei doch kein Spielverderber,« sagte nun auch Anne-Marte, »es ist doch
anders wie beim Schatzgraben, wir brauchen ja nicht im Dunkeln zu
gehen?«
»Wir wollen doch gehen,« flüsterte Jantge. Sie dachte bei sich,
vielleicht hilft das Osterwasser der Urgroßmutter, und darum wollte sie
gehen.
Auch Brigittchen bat: »Wir wollen doch gehen!« Die kleine Träumerin
lockte das Geheimnisvolle, Märchenhafte, sie gedachte irgend etwas
Wundervolles zu sehen und zu hören, vielleicht tanzte die Sonne auch
wirklich.
»Na, meinetwegen,« brummte Jörgel. Im Grunde ging auch er gern, denn wer
konnte es wissen, das Osterwasser hatte doch vielleicht eine besondere
Kraft.
»Hoffentlich ist schönes Wetter!« sagte Anne-Marte.
»Ja, und wir dürfen es niemand vorher sagen, daß wir gehen, Mädels,«
rief Wendelin. Er sah die Freundinnen drohend an, und Brigittchen fiel
das Verbot schwer auf ihr Herzchen, nun durfte sie den Plan auch Tante
Helene nicht verraten, und dies erschien ihr unendlich schwer.
Schnippisch erwiderte Anne-Marte: »Tu dich nur nicht so, Wendelin, du
hast es neulich Jantge geklatscht, daß ich eine Strafarbeit hatte, wer
konnte denn da seinen Mund nicht halten? Seid ihr nur still, wir werden
schon nichts verraten, nicht wahr Brigittchen und Jantge?«
Die beiden gelobten eifrig Schweigen, Wendelin verzog trotzig den Mund,
er wagte aber nichts weiter zu sagen, denn gegen Anne-Marte kam er so
leicht nicht auf, die konnte auf ein Wort vier erwidern.
Die Tage vergingen. Die Ferien kamen, es gab Zensuren und manch ein Bube
ging an diesem Tag mit gesenktem Kopf einher und manches Mädel hatte
verweinte Augen. Dann kam Palmsonntag, an dem die Konfirmanden mit
lieblichem Ernst auf den jungen Gesichtern durch die Straßen gingen, und
es den Kleinen, die die großen Geschwister so sahen, auch feierlich und
fromm zu Mute wurde. Am Gründonnerstag suchten die fünf Schatzgräber,
Jantge und noch einige Freunde und Freundinnen, bei den Geschwistern
Fröhlich im Garten Eier. Zwischen den Blumen, in den Sträuchern, in
kunstvoll aus Zweigen zusammengefügten Nestern, in den Winkeln des
kleinen Gartenhauses, überall lagen die bunten Eier. Aber wären sie noch
so versteckt gewesen, die Kinder hätten sie doch gefunden, die Lust war
groß und Lachen und Rufen zog wie ein Frühlingslied durch den Garten.
Dann kam der Karfreitag, und das Städtchen lag in Stille und Schweigen,
um am Ostersonnabend wieder zu neuem Leben zu erwachen. Da lag heller
Sonnenschein über der Stadt, und alle Hausfrauen gingen auf den Markt,
der auch bunt und frühlingsfrisch aussah. Die Kinder liefen mit auf den
Markt, und sie taten so wichtig, als müßten sie an diesem Tag die ganze
Wirtschaft daheim bestellen. In der Marienstraße und in der Langgasse,
die nach dem Markte führte, war so viel Leben, daß die Bauersleute, die
mit Waren zum Markt gekommen waren, nicht weiter konnten und über den
Wirrwarr schalten. Aus den Häusern heraus strömte der Duft von
frischgebackenen Kuchen, denn in Neustadt hielten die Hausfrauen noch
fest an der alten Sitte, selbst Kuchen zu backen zu den Festzeiten.
Und wer es konnte, der trug einen Strauß Kätzchen oder Blumen in sein
Haus und schmückte damit seine Stübchen. Brigittchen bekam von ihrem
Vater die Erlaubnis, den Garten ein wenig zu plündern, und sie rannte am
Nachmittag mit Anne-Marte in das Gertrudenspital, um Jantge die Blumen
zu bringen. Da bekam jede der alten Frauen ein Zweiglein, Jantge
verteilte liebevoll ihre Schätze, und es standen an jedem Fenster des
Spittels zum Osterfest Blumen. So verging der Sonnabend unter Arbeit und
fröhlicher Unruhe, und manch einer legte sich am Abend zufrieden mit dem
Gedanken zu Bett: »Ach, morgen ist Feiertag!«
Der Ostersonntag dämmerte herauf. Der klare, fast wolkenlose Himmel
verhieß einen schönen Tag. Noch lagen die Neustädter alle in tiefem
Schlummer, als sich sacht die Tür des Doktorhauses öffnete und
Anne-Marte vorsichtig ihr Näschen herausstreckte. Sie winkte still und
geheimnisvoll dem nachfolgenden Bruder zu und deutete auf die andere
Seite des Platzes; von dorther kamen auf den Fußspitzen, weil der laute
Schall ihrer Schritte sie selbst erschreckt hatte, Wendelin und Severin.
Sie grüßten stumm und ernsthaft die Freunde und alle schauten auf das
Schön'sche Haus. Kam Brigittchen noch nicht?
Ein Weilchen später kam auch die Kleine heraus, auch ihr Gruß bestand
nur in einem stummen Nicken. Jedes der Kinder trug einen Krug in der
Hand, Anne-Marte hatte einen alten Milchtopf genommen und Severin eine
Kaffeekanne, die Deckel und Schnauze verloren hatte.
In tiefem Schweigen gingen die Kinder durch die Gäßlein. Anne-Marte
hatte ein großes, dickes Malzbonbon im Munde, das war ihr von Jörgel
fürsorglich als gutes Mittel gegen unzeitiges Kichern empfohlen worden.
Aber die feierliche Stille des Festmorgens dämpfte Anne-Martes Lachlust,
ihr war es so geheimnisvoll, fast märchenhaft zu Mut, daß das Malzbonbon
eigentlich überflüssig war.
Dicht am Gertrudenspital kam Jantge den Gefährten entgegen, sie trug
einen bunten Tonkrug in der Hand und in ihren Blauaugen stand eine große
Erwartung.
Am Wachtturm vorbei ging es zur Stadt hinaus. Klaus Hippel und Frau
Paulinchen schliefen noch und ahnten nicht, daß ihre kleinen Freunde
ihnen so nahe waren.
Etwa eine Viertelstunde von der Stadt entfernt lag am Rande des Waldes
eine steinumfaßte Quelle, sie hieß die Bonifaziusquelle, weil die Sage
ging, der fromme Heidenbekehrer hätte hier einst rastend einen mächtigen
Fürsten zum Christentum bekehrt. Die Quelle war das Ziel der Kinder,
dort wollten sie Osterwasser schöpfen.
Als sie aus der Stadt herauskamen und auf schmalem Wiesenpfade dem Ziel
zuschritten, merkten sie erst, wie schön der Ostermorgen eigentlich war.
Schon begann sich der Himmel zu färben, und ein Rosenschimmer verdrängte
langsam die Farben der Nacht. Beinahe hätte Anne-Marte gesagt: »Die
Sonne wird gleich aufgehen,« aber im letzten Augenblick besann sie sich
noch, und erschrocken stopfte sie noch ein zweites Riesenbonbon in ihren
Mund. O, nur nicht lachen und sprechen, sonst wich der Zauber!
Selbst Jörgel hatte jetzt alle Zweifel verloren, sogar das Wunder der
tanzenden Sonne erschien ihm nicht mehr unmöglich in dieser tiefen
Morgenstille, in diesem seltsamen, fahlen Licht. War es nicht schon ein
Wunder, daß Anne-Marte, die kleine Schwatzsuse, wirklich schwieg, als
hätte sie überhaupt keinen Mund?
Der Himmel wurde röter, ein schimmernder Glanz verbreitete sich ringsum,
und unwillkürlich liefen die Kinder schneller, um ja nicht zu spät zu
kommen. Schon von ferne hörten sie das sachte Rieseln und Rauschen der
Quelle, wie ein feines Singen klang es, wie ein Klingen aus Märchenland.
Da waren sie auch schon an der Quelle, deren Wasser rosenrot schimmerte
im Widerschein des Morgenhimmels. Als lägen viele rote Rosen auf dem
feuchten Grunde, so sah es aus. Um Wasser zu schöpfen, mußte jedes der
Kinder auf ein schwankendes Brett steigen. Mit stummer Gebärde zeigte
Jörgel, wie man das machen müßte; er ging zuerst, neigte sich und
schöpfte seinen Krug voll Wasser. Nun folgten die Mädels, eine nach der
andern; zaghaft schöpften sie, es war ihnen so feierlich zu Mute, und
keiner kam ein Lächeln. Tief neigte sich Brigittchen über die Quelle,
sie schöpfte langsam, andachtsvoll, und sie erstaunte fast, daß das
Wasser im Krug nicht rosenfarben war.
Und immer glühender wurde der Himmel im Osten, wie Purpur leuchtete es
und wie Gold, und der Wald begann zu glühen.
Severin war der letzte gewesen, der Wasser geschöpft hatte, nun stand er
still auf dem schwankenden Brett und starrte in das Morgenrot; er wußte
nicht, daß kein Mensch mit bloßen Augen lange in dieses helle Licht
schauen kann, und auf einmal begann es ihm vor den Augen zu flimmern, er
sah lauter tanzende, rote, glühende Punkte. Darüber vergaß er sein
Gelübde zu schweigen, er schrie: »Die Sonne tanzt, die Sonne tanzt, es
ist doch wahr!«
Er schwenkte seinen Krug, hob ein Bein, als wollte auch er tanzen, und
-- plumps -- lag er im Wasser.
Ein fünfstimmiger Entsetzensschrei erscholl. So blitzschnell war alles
gegangen, Severins Rufen und sein Fall, daß keins der Kinder recht
wußte, wie eigentlich alles geschehen war. Sie riefen und schrieen
durcheinander, die Krüge mit Osterwasser fielen zu Boden, alle griffen
sie nach Severin und zogen den vor Schreck ganz stumm gewordenen Buben
aus dem Wasser heraus.
»Unser Osterwasser!« klagte auf einmal Jantge, und nun fiel es allen
erst ein, daß ihr Weg vergeblich gewesen war. Und naß waren sie, und
dazu froren sie; Brigittchen hatte sich das Wasser über das Kleid
geschüttet; Jörgel und Wendelin waren in ihrem Eifer, Severin zu retten,
auch bis an die Knie ins Wasser geraten, und so war ihnen alle
feierliche Osterstimmung vergangen. Selbst Anne-Marte, trotzdem sie im
ersten Schreck ihr Malzbonbon ausgespuckt hatte, kicherte nicht, sondern
heulte, Brigittchen zur Gesellschaft mit. Wendelin schalt auf seinen
Bruder, und der, der vor Frost nur so klapperte, rief weinerlich: »Sie
haa--at do--o--och ge--getanzt!«
»So dumm, so dumm,« klagte Wendelin, und mit ihm klagten und jammerten
die anderen auch. Daß die Sonne inzwischen in vollem Glanz
emporgestiegen war und ihr strahlendes Licht alles überflutete, merkten
sie gar nicht; sie hörten auch nicht die Vogelstimmen, die laut wurden.
Der Jammer war zu groß.
Auf einmal sagte Jörgel: »Dort kommt ein Mann!« Jantge kreischte
erschrocken auf, und etwas bedenklich sahen die Kinder dem
Näherkommenden entgegen, der einen großen Stock schwenkte und zu rufen
begann. Und jäh empfanden sie alle die Einsamkeit der Morgenstille mit
leisem Schauern, so allein fühlten sie sich. Wer es zuerst gesagt hatte,
sie wollten ausreißen, wußte nachher niemand mehr, aber plötzlich liefen
sie alle miteinander wie Hasen, die den Jäger kommen sehen.
Hinter ihnen her aber kam der Mann; sie hörten ihn rufen. Einmal sagte
Brigittchen: »Er schreit, wir sollen stehen bleiben, er will uns was
sagen,« aber auch sie lief mit den Gefährten weiter und immer weiter.
Sie hörten den Mann schelten. »Potzwetter, steht doch still, ihr Rangen,
hört doch, hööört!«
Und toller und toller nur rannten sie.
Aber da war der alte Turm, nun kam das Gertrudenspital, husch war Jantge
drin, kaum daß Brigittchen und Anne-Marte einen flüchtigen Händedruck
erhielten, und weiter ging die wilde Jagd. Durch die bekannten Gäßlein
liefen die Kinder und meinten, hinter sich schnelle Schritte zu
vernehmen, die sie verfolgten. Manch' Fenster öffnete sich, und etliche
Frühaufsteher schauten den Kindern nach und brummten wohl: »Ja, was soll
denn das bedeuten, was haben die denn wieder angestiftet?«
Auf dem Kirchplatz machten sie endlich alle Halt, keuchend, pustend und
trotzig schauten sie sich um: Nun mochte der Verfolger kommen! Doch --
der war nicht zu sehen. Statt dessen guckte Frau Meister Gutgesell zum
Laden heraus; sie war soeben damit fertig geworden, die Semmeln
einzuzählen für ihre Kunden und war einmal vor die Türe getreten, um
Luft zu schöpfen, da sah sie ihre Buben und erkannte auch die andern
Kinder. Sie ahnte gleich einen dummen Streich und rief die fünf zu sich.
Ein wenig kleinlaut kamen diese an und erzählten, sie hätten Osterwasser
holen wollen.
»Aber Kinder!« die Meisterin schüttelte mit dem Kopf, »auf was für
närrische Einfälle ihr aber auch immer kommt. Gesund seid ihr, satt zu
essen und mehr habt ihr, und jung seid ihr auch, was sollte euch denn
das Osterwasser, wenn es nämlich wirklich etwas nützte?«
»Es soll schön machen,« sagte Anne-Marte keck.
»Ei, du Grasaffe, du!« rief die Meisterin, »sei froh, daß du gerade und
ordentlich gewachsen bist, gut sehen und gut hören kannst, gib dir nur
Mühe, immer brav zu sein, was brauchst du da noch Schönheit. Und nun
marsch ins Bett; gut war es noch, daß ihr ordentlich zurückgerannt seid,
da wird euch das Wasser hoffentlich nichts geschadet haben!«
»Ich habe Hunger,« murmelte Wendelin bedrückt.
»Dann nimm dir eine Semmel und dann flott ins Bett, Festkuchen gibt es
jetzt noch nicht,« erwiderte die Mutter, die schon wußte, warum ihr Bube
Hunger hatte.
»Da kommt er,« flüsterte Brigittchen ängstlich.
Über den Kirchplatz her kam ein Mann, kein Zweifel, es war der
Verfolger.
»Das ist aber frech!« tuschelte Wendelin.
Der Mann sah aber weder frech noch böse aus, ganz behaglich kam er näher
und rief: »Nee, Frau Meisterin, ist das aber eine dumme Gesellschaft,
die Kinder! Da will ich mir den Weg sparen und Ihren Buben sagen, daß
Sie mir zu heute Nachmittag noch etliche Kuchen schicken sollen, weil
ich denke, es werden Gäste kommen, ja, prost Mahlzeit. Die Bengels sind
davongelaufen wie das richtige, schlechte Gewissen. Ihr da, was habt ihr
denn miteinander angestiftet?«
Die Kinder sahen sich verdutzt an; der Mann, das war nämlich Herr Hinze,
der Besitzer einer Gartenwirtschaft, die nicht weit von der
Bonifaziusquelle lag, sie alle waren schon oft dort gewesen.
»Osterwasser wollten sie holen,« sagte die Meisterin, und sie erzählte
Herrn Hinze von dem verunglückten Ausflug. Der lachte so dröhnend, das
hallte über den ganzen Kirchplatz hin, und ein wenig beschämt gingen die
Kinder heim. Sie krochen noch einmal in ihre Federnester, freilich ohne
Schelte ob des heimlichen Fortlaufens ging es nicht ab. Aber dann
schliefen sie, trotzdem das Städtchen schon im vollen Sonnenglanz lag,
noch einmal ein, schliefen, bis die Glocken von St. Marien und St.
Johannis über die Stadt hinhallten. Da erwachten sie mit dem seligen
Gefühl: es ist Feiertag, es sind Ferien.
Und Severin brummte, als seine Mutter ihn endlich weckte: »Sie hat doch
getanzt, ich hab's gesehen!«
Dabei blieb er, und er hatte den Triumph, daß Heine ihm glaubte und
sagte: »Hättet ihr mich mitgenommen, dann wäre die Sache gescheit
geworden!« Na, wer weiß!
Der goldene Groschen.
In der Vorstadt draußen, schon dicht am freien Felde, wohnten Liesel und
Peter nachbarlich zusammen. Liesels Vater war Stadtrat und Peters Vater
besaß eine kleine Gärtnerei. Daß Liesels Vaterhaus eine hübsche Villa
war, und Peter in einem kleinen Häusel wohnte, bei dem das Dach schon
auf dem Erdgeschoß saß, beeinträchtigte die Freundschaft nicht. Eine
Lücke war im Gartenzaun, durch die man hinüber und herüber spazieren
konnte, und dies taten die Kinder redlich, und so stand denn auch
Peterle an einem sonnenwarmen Frühlingstag am Gartenzaun und rief: »Du,
Liesel, komm einmal rasch her, ich muß dir was Feines erzählen!«