Der Doktor mußte lachen: »Ja, woher wissen Sie denn, wer ich bin?«

»Du meine Güte, in Neustadt werden die Menschen bald bekannt, außerdem

ist die alte Dorothee noch eine Schwestertochter von meines

Schwiegersohns Großmutter,« sagte der Pantoffelmacher und zwinkerte

lustig mit den Augen.

»Was ist sie denn da, Vater Klaus?« rief Jörgel, verdutzt ob der

schwierigen Verwandtschaft.

»Ei, sieh mal an, da sind ja die Schatzgräber,« sagte der Doktor, der

die Kinder erkannte. Die lachten und wurden ein bißchen verlegen, aber

bald überwanden sie ihre Schüchternheit, und es dauerte gar nicht lange,

da saß der Doktor im Pantoffelmacherstübchen und plauderte mit allen wie

ein guter, alter Freund.

Mutter Paulinchen zeigte ihm auch das Museum, und die Kinder stiegen die

Turmtreppe mit hinauf, sie wollten erklären helfen. »Die Waffen stammen

aus dem dreißigjährigen Krieg!« erzählte Frau Paulinchen, »und diese

hier aus der Franzosenzeit.«

»Wann war denn der dreißigjährige Krieg?« fragte der Doktor neckend, und

unglückseligerweise richtete er seine Frage gerade an Wendelin.

Der seufzte schwer, Geschichte, Geographie und noch manche andere Fächer

waren seine schwache Seite.

»Der war, der war -- als Napoleon lebte,« sagte er endlich kühn.

Der Doktor lachte, und die anderen Kinder kicherten. »Wie lange hat der

Krieg denn gedauert?«

»Sieben Jahre!« rief Wendelin stolz ob seiner gewaltigen Kenntnisse.

Die andern lachten hell auf, nur Brigittchen nicht, der tat es gleich

leid, daß der Freund ausgelacht wurde, und schmollend sagte sie: »Es ist

doch nicht schlimm, wenn Wendelin ein paar Jahre weniger sagt.«

»Na eben,« brummte Wendelin, der jetzt merkte, daß er eine Dummheit

gesagt hatte, »meinetwegen kann der dreißigjährige Krieg auch zehn Jahre

gedauert haben.«

»Hier sind auch ein paar alte Handschriften,« sagte Mutter Paulinchen

mitten in das allgemeine Gelächter hinein, »sie sind erst vor ein paar

Jahren gefunden worden, aber gelesen hat sie noch niemand. Es war zwar

mal ein berühmter Professor da, der wollte sie studieren, er hatte

damals aber keine Zeit, und dann ist er gestorben«. Doktor Fröhlich

blätterte in den alten Pergamentschriften herum, er konnte die

altertümliche Handschrift gut lesen, und die Sache interessierte ihn. Am

liebsten hätte er die Blätter mit nach Hause genommen, aber das ging

doch nicht an, Pantoffelmachers durften nichts aus dem Museum verborgen.

»Der Herr Bürgermeister wird es schon erlauben,« meinte Mutter

Paulinchen.

»Ich möchte auch wissen, was darin steht,« flüsterte Brigittchen mit

versonnenen Augen. Die Kleine war ein rechtes Märchenkind und

Geschichten lesen und hören, war für sie das allerallergrößte Vergnügen.

Doktor Fröhlich hatte die Worte gehört, und lächelnd versprach er: »Wenn

eine Geschichte darin ist, die Kindern gefallen kann, dann erzähle ich

sie euch, wollt ihr?«

Ob sie wollten! Keines sagte nein, und sie versprachen dem Doktor

Fröhlich alle, sie wollten ihn recht bald besuchen. Und als er gegangen

war -- er hatte es sehr eilig, vom Herrn Bürgermeister die Erlaubnis zu

erbitten, die alten Schriften lesen zu dürfen -- da sprachen die

Pantoffelmachersleute und die Kinder noch viel von dem neuen Bekannten.

Aber sie hatten nicht, wie es wohl vorkommt, hinter dem Rücken allerlei

zu tratschen und zu klatschen, sie waren alle miteinander einig, Doktor

Theobald Fröhlich sei ein furchtbar netter Herr.

»Ach, und ein Dichter ist er,« sagte Brigittchen, und riß vor

Bewunderung ihre Veilchenaugen so weit auf, als wollte sie zwanzig

Märchen auf einmal lesen.

»Nu,« erwiderte Klaus Hippel, »einen Dichter können wir in Neustadt auch

gerade gebrauchen, wenn der nur die Augen aufmacht und in die Ohren

keine Watte stopft, dann sieht und hört er hier so viele Dinge, daß er

zehn Bücher voll schreiben kann«.

»Mein Onkel Mayer sagt,« rief Severin ein bißchen naseweis, »Neustadt

wäre ein langweiliges Nest!«

»Dummer Junge!« schrie der Pantoffelmacher ärgerlich, »wenn das dein

Onkel sagt, na, dann kennt halt dein Onkel Neustadt nicht, aber du

brauchst so was von deiner Heimatstadt nicht nachzuplappern. Schön ist

Neustadt, das sage ich, und ich kenn' es doch, bin mein Lebtag nicht

herausgekommen. Meinetwegen mag Berlin schöner sein und München und Köln

und alle großen Städte und der Schwarzwald und auch die Schweiz,

Italien, das Meer, was du willst, aber schön ist Neustadt drum. Guckt

euch nur ordentlich darin um. Und wenn der Doktor Fröhlich ein rechter

Dichter ist, dann gefällt es ihm hier und er bleibt nicht nur bei uns,

weil er hier ein Haus hat, sondern weil er die Stadt liebt. Damit

punktum; nun macht, daß ihr nach Hause kommt, ich wette, ihr habt alle

noch keine Schularbeiten gemacht«.

Das stimmte nun. Die Kinder trabten davon und unterwegs sagte Wendelin

zu Anne-Marte: »Vater Klaus ist wirklich schrecklich klug, wie konnte er

nur wissen, daß wir noch unsere Schularbeiten zu machen haben?«

Herr Doktor Fröhlich war inzwischen spornstreichs zu dem Bürgermeister

Henning gelaufen und hatte dem sein Anliegen vorgetragen, man möchte ihm

gestatten, in den alten Schriften zu lesen. Der Bürgermeister hatte

nichts dagegen, ja, er freute sich darüber und sagte: »Vielleicht lesen

Sie manches, was für die Neustädter Interesse hat, es ist doch immer

gut, wenn man etwas von seiner Heimat aus alten Zeiten weiß«.

Gleich am nächsten Tage holte sich Doktor Fröhlich die alten Schriften

von Klaus Hippel ab und dieser bat: »Erzählen Sie mir auch, was drin

steht, ich höre zu gern alte Geschichten«.

Dorothee hatte in dem braunen Kachelofen in der Bücherstube ein

mächtiges Feuer gemacht und es war prachtvoll gemütlich in dem weiten

Raum. Doktor Fröhlich saß darin bis in die Nacht hinein und las in den

alten Schriften. Während draußen die Flocken fielen, las er wie vor

vielen, vielen Jahren die Leute in Neustadt gelebt und gekämpft hatten,

und wie sie durch Freude und Leid gegangen waren.

Als dann nach zwei Tagen kleine, rotgefrorene Hände die Glocke an der

Haustüre zogen, und Jörgel und Wendelin ein wenig verlegen nach dem

Herrn Doktor Fröhlich fragten, da ließ die alte Dorothee die beiden in

das Arbeitszimmer ihres jungen Herrn. »Na,« fragte der, »ihr kommt

allein, wo sind denn die andern, ihr denkt wohl, ich soll euch beiden

allein eine feine Geschichte erzählen?«

»Die trauen sich noch nicht,« sagte Jörgel, »Brigittchen sagt, sie

dürfte eigentlich nicht zu fremden Menschen gehen«.

»Na, so was!« rief Dorothee, »sie ist doch oft zu uns gekommen, wie

meine alte, gnädige Frau noch lebte, ich werde sie holen gehen«. Nach

einem Weilchen kam die Alte zurück, und richtig, sie brachte die

schüchternen drei Schatzgräber mit. Die kamen himmelgern und waren froh,

daß sie geholt worden waren. Dann saßen alle beisammen in dem

gemütlichen Zimmer, und der Doktor erzählte ihnen eine der alten

Neustädter Geschichten, er nannte sie:

Gertrudis.

In Neustadt war vor etlichen hundert Jahren, in der Mitte des

fünfzehnten Jahrhunderts, Albrecht Mooshage Bürgermeister. Damals war

die Stadt noch reich und angesehen, sie gehörte nicht wie heute zu den

Kleinen im Lande. Die Neustädter Bürger waren geachtete Handelsleute,

die mit ihren Waren auf die Messen und Märkte der großen Städte zogen.

Sie wußten sich auch in vielen Kämpfen gut ihr Recht zu wahren und

verteidigten ihre Stadt tapfer gegen mancherlei Unbill. Damals sah es in

dem alten Wachtturm am Südtor der Stadt, in dem jetzt Klaus Hippel mit

seiner Frau wohnt, nicht so behaglich aus wie heute. Die Stadtsoldaten

wohnten in den vier Tortürmen, die es gab, und bewachten die Stadt gut.

Es war eine wilde, rauflustige Zeit, und jeder, der durch ein Stadttor

kam und ging, mußte Auskunft über woher und wohin geben. Oft genug waren

auch die Tore geschlossen, und draußen lagerte ein reisiges Heer, um die

Stadt einzunehmen. Das gelang ihnen freilich nicht, erst im

dreißigjährigen Krieg ist ja dann das arme Neustadt halb zerstört

worden. Der Bürgermeister Albrecht Mooshage war recht ein Mann, um die

Stadt gegen alle Unbill zu verteidigen. Er war wie von Eisen, was er

wollte, das setzte er durch, und es war nicht gut Kirschen essen mit ihm

im Bösen. Als ganz junger Bursche schon hatte er mit einer Handvoll

Söldnern ein großes, bischöfliches Heer in die Flucht geschlagen; wie

der Sturmwind war er zwischen die Feinde gefahren, die waren gerannt,

als wäre ein böser Geist hinter ihnen. Damals hatten die Ratsherren auf

der Stadtmauer gestanden und aus vollem Halse darüber gelacht, der

älteste von ihnen aber hatte gesagt: »Der soll mal unser Bürgermeister

werden«. Er war es auch bald geworden, solch' jungen Bürgermeister hatte

Neustadt noch nie gehabt, freilich auch keinen besseren. Denn Albrecht

Mooshage war nicht allein stark, mutig und klug, sondern auch gerecht

und fromm, und er litt kein Unrecht. Er war schon etliche Jahre

Bürgermeister, als ihn ein großes Unglück betraf: sein junges Weib

starb. Die schöne Frau Regina Mooshage war so mild und gut wie eine

Heilige gewesen, und als sie starb, da weinten und klagten nicht bloß

die Leute aus ihrer Sippe, sondern auch alle Armen und Kranken. Dem

Bürgermeister blieb nur ein einziges Kind als Trost. Ein Mägdlein, so

fein und blond wie seine Mutter. Die kleine Gertrudis war ein sinniges

Kind, das mit gar ernsthaften Augen um sich sah. Als sie etwa zehn Jahre

alt war, läutete eines Tages in Neustadt wieder einmal die Sturmglocke,

die Feinde ankündigte. Etwa zwei Stunden von Neustadt entfernt liegt

noch heute die Ruine Reiffenstein, damals war sie ein stattliches

Schloß, das den edlen Herren von Stein gehörte. Der Herr Wunibert von

Stein auf Reiffenstein war ein erbitterter Feind der Neustädter, der den

Pfeffersäcken, so nannte er die Bürger, gern etwas am Zeuge flickte. Die

Fehde zwischen Schloß und Stadt war schon sehr alt, niemand wußte mehr

recht, wer angefangen hatte, aber mit der Zeit waren beide so giftig auf

einander geworden, daß eines dem anderen immer gern einen Schabernack

spielte. Jetzt aber hatte der Herr von Stein auf Reiffenstein in dem

Bischof Albert einen mächtigen Freund gewonnen. Auch der Bischof war aus

irgend einem Grunde den Neustädtern gram, und die beiden beschlossen,

der Stadt einen Fehdebrief zu senden und sie zu belagern.

Der Herzog des Landes war gerade auf einen Reichstag in der Ferne, und

damals handelten die Ritter gern auf eigene Faust, ohne viel zu fragen,

ob sie auch ganz im Recht wären. Von dieser Absicht erhielt der

Bürgermeister Albrecht Mooshage durch einen Handelsmann Kunde, der auf

seinem Wege an Schloß Reiffenstein vorübergekommen war. Zu gleicher Zeit

erfuhr er auch, daß der zweite Sohn des feindlichen Nachbarn von der

Klosterschule, auf der er zwei Jahre gewesen war, heimkehrte. Sein Weg

führte ihn dicht an Neustadt vorbei, und der Ritter wollte erst des

Sohnes Heimkehr abwarten, ehe er die Stadt überfiel. Als Geisel konnte

der kleine Junker der Stadt viel nützen, und der Stadthauptmann Kunz

Peuchtinger ritt schnell dem Junkerlein zum freundlichen Empfang

entgegen. Etliche Stunden später brachten die Reiter zwei gefesselte

Troßknechte und einen blassen, hübschen Knaben von etwa elf Jahren durch

das Südtor in die Stadt. Darauf wurden die Tore geschlossen, die

Sturmglocken geläutet. Neustadt war kriegsbereit.

Der Stadthauptmann wollte das Junkerlein in eins der unterirdischen

Verliese werfen lassen, aber dem widersprach der Bürgermeister. »Es ist

ein Kind, und Schande über uns, wenn wir Kindern etwas zu Leide tun

wollten,« sagte er. »Kommt her, Junker, und schwört, daß ihr die Stadt

nicht heimlich verlaßt, dann sollt ihr in meinem Hause Wohnung finden«.

Der blasse Knabe schüttelte trotzig die dunklen Locken: »Bewacht mich

doch,« rief er kühn, »ich schwöre nichts!«

»Heisa, das Klosterschülerlein will uns Trotz bieten!« riefen die

Ratsherren und lachten. »Rasch mit ihm ins Verlies, dort soll er schon

sanftmütiger werden«.

»Nein, nicht ins Verlies, ich stehe für ihn,« sagte Albrecht Mooshage

ernst, dem der Bursche gefiel und dem es leid war, ihn in dem dunklen,

feuchten Keller zu wissen, in dem schon mancher Gefangene elend zu

Grunde gegangen war.

Die Ratsherren waren mit dem Entschluß des Bürgermeisters zufrieden.

Dessen Haus war wie eine kleine Festung, und Knechte und Mägde waren

ihrem Herrn so treu ergeben, daß niemand heimlich aus- und eingehen

konnte. Albrecht Mooshage nahm den kleinen Junker bei der Hand und

führte ihn in sein Haus. Dann rief er sein Töchterlein herbei und sagte:

»Da sieh her, Gertrudis, hier bringe ich dir einen Gefährten, du mußt

ihn mir aber wohl hüten, ich habe mein Wort verpfändet, daß er nicht

entflieht«.

Gertrudis sah erstaunt auf den blassen Knaben, der beim Anblick des

lieblichen Mägdleins verlegen den Kopf senkte. Er hatte sich bei dem

Überfall tapfer gewehrt, sein Wams war daher zerrissen und beschmutzt

und er schämte sich dessen. Gertrudis hatte gerade von Frau Barbara, der

Haushälterin, einen schönen, roten Frühapfel erhalten, den streckte sie

flink dem Buben hin und sagte lächelnd: »Magst du ihn, ich geb' ihn dir

gern«.

Der kleine Junker Fridolin nahm den Apfel zwar nicht, aber über sein

trauriges Gesicht ging ein heller Schein, es war ihm nun nicht mehr so

bang ums Herz als vorher. Er folgte dann willig der Frau Barbara, die

ihn in ein Kämmerlein neben des Hausherren Schlafgemach führte, das er

fortan bewohnen sollte. Wohl hatte die Kammer ein vergittertes Fenster,

und Fridolin merkte auch schnell genug, daß er immer bewacht wurde,

trotzdem fühlte er seine Gefangenschaft nicht allzusehr. Gertrudis war

so lieb zu ihm wie ein treues Schwesterlein, war er traurig, da wußte

sie ihn gar hold zu trösten. Er mußte ihr von daheim erzählen, von

seiner väterlichen Burg, von dem Vater, der zwar ein etwas rauflustiger

Herr war, aber doch gar gut zu den Seinen. Am liebsten aber hörte es

Gertrudis, wenn der Knabe von seiner schönen, frommen Mutter sprach, von

ihrer Güte und wie oft sie ihm, dem älteren Bruder Hans und den kleinen

Schwestern Geschichten aus der Bibel und Märlein erzählt hatte, wenn sie

schnurrend die Spindel drehte.

Den Kindern gingen die Tage friedsam hin, sie hörten wenig von dem was

draußen geschah. Der Bürgermeister hatte es seinem Hausgesinde verboten,

von der Belagerung der Stadt zu sprechen. Auch Gertrudis durfte in

dieser Zeit nie auf die Straße; das von einer hohen Mauer umfaßte

Gärtchen war der Tummelplatz der Kinder. So erfuhren sie nicht, daß vor

den Mauern das feindliche Heer lagerte und zwischen dem Rat und dem

Herrn von Stein und dem Bischof Boten hin und her gingen, die über den

Frieden unterhandelten. Die Kinder ahnten auch nicht, daß eines Tages

der Rat den kleinen Junker köpfen lassen wollte, weil sein Vater sich

nicht in die Friedensbedingungen fügte. -- Der Bürgermeister Albrecht

Mooshage aber verteidigte eifrig seinen Schützling, der Knabe war ihm

lieb geworden, und er atmete erleichert auf, als Bischof und Ritter sich

zum Frieden bequemten. Etliche Monate war Fridolin im Hause des

Bürgermeisters gewesen, und aus dem Herbst war inzwischen Winter

geworden, als er seine Freiheit wieder erhielt. Es war am St.

Andreastag, da wurde er feierlich von dem Rat vor das Südtor geführt,

dort erwartete ihn sein Vater, der ihn mit heller Freude in die Arme

schloß. Vorher hatte Gertrudis traurig von ihrem Freunde Abschied

genommen. Sie schenkte ihm ein goldenes Amulett an einem feinen

Kettlein, das sie von ihrer Patin bekommen hatte. »Trag' es immer, es

wird dir Glück bringen,« bat sie. Fridolin versprach es; er selbst gab

der kleinen Freundin ein Gebetbuch, in das ein frommer Klosterbruder

zierliche Bilder gemalt hatte. Das Buch war des Knaben einziges

Besitztum.

»Vergiß mich nicht,« bat Gertrudis weinend.

»Ich vergesse dich nie, und wenn ich groß bin, dann komme ich und hole

dich, dann wirst du meine Frau,« beteuerte Fridolin. Er war schon

draußen, da rief ihm Gertrudis noch nach: »Sag' deiner Frau Mutter einen

Gruß!«

Anfangs hoffte Gertrudis immer, sie würde ihren Freund einmal

wiedersehen, aber Monat auf Monat verging, die Monate wurden zu Jahren,

er kam nicht. Aus der kleinen Gertrudis wurde eine schöne Jungfrau, »das

schönste Mädchen in der Stadt« sagten die Leute. »Und das beste und

frömmste,« fügten die Armen und Kranken hinzu.

Albrecht Mooshage war noch immer Bürgermeister zum Segen der Stadt, die

unter seiner Führung an Macht und Ansehen zunahm. Dies aber erregte den

Neid ihrer Nachbarn, und Neider waren es auch, die Neustadt bei dem

Landesherrn, Herzog Bernhardt, verklagten. Besonders der Bischof Albert

war Ankläger, mit ihm noch ein Ritter von Scherblingen. Die beiden

behaupteten, die Stadt, die an der Grenze lag, wollte den Herzog an

seinen Nachbar verraten, Hauptanstifter sei der Bürgermeister. Der

Herzog, der von heftiger Gemütsart war, fragte nicht lange, ob die Sache

auch wahr sei, er forderte den Bürgermeister auf, zu ihm zu kommen und

sich zu rechtfertigen oder die Stadt sollte eine harte Strafe erhalten.

Der Rat und die Bürgerschaft baten ihren Bürgermeister dringend, nicht

an den Hof des Herzogs zu gehen, sie wollten selbst dessen Zorn Trotz

bieten. Aber Albrecht Mooshage sagte: »Ich könnte das nie verantworten,

wenn der Stadt um meinetwillen Übles zugefügt würde, ich gehe und sollte

es mein Leben kosten. Ich wäre wahrlich ein schlechter Bürgermeister,

könnte ich nicht mein Leben für die Stadt lassen!«

So ging er, begleitet von den Segenswünschen seiner Mitbürger und den

heißen, heißen Tränen seines Kindes. Bald darauf kam in die Stadt die

Kunde, Albrecht Mooshage sei vom Herzog wegen Hochverrates zum Tode

verurteilt worden, der Stadt selbst würde, da sich ihr Oberhaupt

freiwillig gestellt hätte, nur eine geringe Geldbuße auferlegt.

Vergeblich beteuerten Rat und Bürgerschaft die Unschuld des

Verurteilten, vergebens boten sie eine hohe Lösesumme für seine

Freiheit, der Herzog gab nicht nach.

Während die ganze Stadt auf Rettung sann, verließ die schöne Gertrudis

eines Tages heimlich die Stadt, sie wollte sich dem Herzog zu Füßen

werfen und um Gnade bitten. Sie hatte sich in eine Pilgerkutte gehüllt,

und, ebenfalls als Pilger verkleidet, folgte ihr der treue Hausverwalter

Kaspar auf dem gefährlichen Wege. Sie ritten beide in der Frühe eines

sonnigen Frühlingsmorgens zur Stadt hinaus, der Stadthauptmann wußte,

wer die Pilger waren, und ungehindert ließ er sie durch. Der Weg führte

durch einen meilenweiten Wald, in dem die Wege manchmal fast

undurchdringlich waren, und die Reisenden kamen nur langsam vorwärts,

viel zu langsam für Gertrudis Angst um den geliebten Vater. Sie hatte

keinen Blick für die Schönheit ringsum, und nicht wie sonst freute sie

sich am Sonnenglanz, an den tausend Blumen und dem Gesang der Vögel. Sie

dachte nur an den Vater, und ob es ihr gelingen würde, ihn zu befreien.

Sie waren beide schon viele, viele Stunden geritten, als auf einmal ein

schmerzliches Stöhnen an ihr Ohr klang. Erschrocken lauschten beide, es

war ein Mensch, der da klagte. Wohl flehte Kaspar angstvoll: »Seid

vorsichtig, Jungfrau Gertrudis, kommt rasch weiter,« aber mutig ritt

Gertrudis dem Stöhnen nach. Wo ein Mensch Hilfe brauchte, da zögerte sie

nie zu helfen, an ihr eigenes Wohlergehen dachte sie nicht. Bald fanden

die Reisenden auch, fest an einen Baum gebunden, einen schönen,

dunkellockigen Jüngling in Jägertracht. Er war verwundet, sein ganzes

Gesicht war blutüberströmt, er mochte wohl von Wegelagerern im Walde

überfallen worden sein.

Gertrudis besann sich nicht weiter, sie sprang rasch vom Pferde, löste

mit Kaspars Hilfe die Bande des Gefesselten, der nun befreit ohnmächtig

zusammensank. Rasch und geschickt verband Gertrudis dann des Jünglings

Wunden, die, wie sie bald sah, nicht gefährlich waren. Dabei verschob

sich die Kapuze ihrer Kutte und der Ohnmächtige, der einige Augenblicke

die Augen aufschlug, sah erstaunt in Gertrudis holdseliges Gesicht. Dann

verlor der Jüngling wieder das Bewußtsein; er merkte es nicht mehr, daß

Kaspar ihn vor sich auf das Pferd nahm und mit ihm weiter ritt. »Wir

müssen uns sputen, Herrin,« sagte der ängstlich, »um noch vor Nacht aus

dem Walde zu kommen, namentlich mit diesem jungen Herrn, dem man wohl

nachstellen mag«.

Sie gelangten aber ohne Unfall aus dem Walde heraus bis zu einer

Herberge, dessen Wirtin Kaspar wohl bekannt war. Dort übernachteten

beide, da die Pferde der Ruhe bedurften.

Gertrudis übergab den Verwundeten der Pflege der Wirtin. Ehe sie aber am

Morgen davonritt, sah sie noch einmal nach dessen Wunden, dabei sah sie

ein goldenes Amulett an des Junkers Hals, und nun erkannte sie in diesem

Fridolin, ihren einstigen Gespielen. Da entfloh sie rasch, denn sie

fürchtete, er möchte erwachen und sie erkennen. Bei dem eiligen Aufbruch

aber verlor sie ihr Gebetbuch, das sie zum Trost auf ihrem schweren Wege

mitgenommen hatte. Sie merkte es bald, aber sie fürchtete sich

umzukehren und rasch ritt sie mit Kaspar weiter.

Als Gertrudis nach einigen Tagen in die Herzogsstadt einritt, da erfuhr

sie zu ihrem Entsetzen, daß schon in drei Tagen ihr lieber Vater

hingerichtet werden sollte. Vergebens suchte sie zum Herzog zu gelangen,

der hatte viele Gäste auf seinem Schloß, und die Wachen wollten den

Pilger nicht zu ihm lassen. Da beschloß Gertrudis, am Tage des

öffentlichen Gerichtes des Herzogs Gnade zu erflehen. Es gelang ihr

aber, ihren Vater zu sehen. Zwar blickte der Schließer den Pilger,

dessen Gesicht ganz von einer Kapuze verhüllt war, mißtrauisch an, aber

als Gertrudis ihm ein Geldstück gab, da ließ er sie doch zu dem

Gefangenen. Der saß in einem dumpfen, halbdunklen Verlies, und Gertrudis

wollte schier das Herz brechen, als sie den geliebten Vater so elend

sah. Weinend umschlang sie ihn, der Bürgermeister aber erschrak heftig,

als er sein Kind erblickte. Es war damals schon eine recht gewagte

Sache, wenn ein Mägdlein eine Reise tat, Räuber und Wegelagerer gab es

genug auf den Straßen, und Frauen pflegten meist nur unter starker

Begleitung zu reisen. Gertrudis erzählte nun dem Vater, wie sie

hergekommen sei; daß sie für ihn des Herzogs Gnade erflehen wollte,

verschwieg sie jedoch, denn sie fürchtete, der Vater möchte in große

Sorge um sie kommen. Es war den beiden nur ein kurzes Wiedersehen

vergönnt, dann mußte Gertrudis scheiden, um nicht den Verdacht des

Schließers zu erregen. Ihr Vater segnete sie zum Abschied, ermahnte sie

zu allem Guten, und unter bitteren Tränen schieden beide von einander.

In ihrem Pilgergewand lag dann Gertrudis die ganze Nacht vor dem

festgesetzten Gerichtstage im Dom vorm Altar und betete für ihren Vater.

Dabei kam eine wundersame Ruhe über sie, es war immer, als hörte sie

eine Glocke tönen: »Sei getrost, sei getrost, es wird alles gut werden«.

Und als sie am Morgen in den strahlenden Frühlingssonnenschein

hinaustrat, da faßte sie des alten Kaspar Hand und sagte zuversichtlich:

»Es muß ja gut werden«.

Auf dem Anger vor der Stadt hielt an diesem Tage Herzog Bernhardt ein

öffentliches Gericht ab, dort wollte er das letzte Urteil über den

Bürgermeister von Neustadt sprechen, öffentlich sollte der hingerichtet

werden. Viele Leute waren auf dem Anger; auf einem erhöhten Platz saß

der Herzog im Kreise seiner Räte und Gäste, und alles Volk konnte es

sehen, wie der Gefangene vor den Fürsten geführt wurde.

In diesem Augenblicke drängte sich ein Pilger vor und mit dem Rufe:

»Gnade, Herr, Gnade für meinen Vater!« warf Gertrudis die Kutte ab und

sank zu des Herzogs Füßen. Der betrachtete nicht ohne Rührung das

holdselige Mädchen, und er fragte ernst, aber nicht hart: »Wer bist du,

und wie kommst du hierher?«

Gertrudis vermochte vor Schluchzen nicht zu sprechen, und Albrecht

Mooshage sagte trüb: »Es ist mein einziges Kind, gnädiger Herr«.

Durch die Menge schritt jetzt eilig ein junger Mann in ritterlicher

Kleidung, er sah ein wenig bleich und erschöpft aus, aber stolz und

aufrecht trat er vor den Herzog. Gertrudis sah beglückt auf den

Jüngling, sie erkannte ihn wohl, und auf einmal erklang wieder hell die

Glocke der Hoffnung in ihrem Herzen.

»Was wollt Ihr?« fragte der Herzog, er sah den schmucken Junker nicht

ungnädig an.

»Donner, ja, das ist mein Sohn!« rief plötzlich der alte Herr von Stein,

der sich auch in dem Gefolge befand und gerade hinter dem Herzog saß.

Mutig schaute Fridolin von Stein den Herzog und seinen Vater an, dann

sagte er: »Ich will meine Bitten mit denen der Jungfrau hier vereinen;

ich schulde ihr heißen Dank, sie hat mir vor etlichen Tagen das Leben

gerettet«. Dann erzählte der Junker wie ihm ergangen war, und daß er

seine Retterin an dem verlorenen Gebetbuch erkannt habe. Da sei er, kaum

genesen, schnell hierher geritten. Er sagte zuletzt so recht aus

tiefstem Herzen heraus: »Mein gnädiger Herr, übt Gnade an diesem Mann,

wahrlich, er verdient es!«

»Ihr bittet für Eures Hauses Feind?« fragte der Herzog und sah den

Junker scharf an.

»Ja, da schlag doch das Wetter drein!« rief Herr Wunibert von Stein,

»aber nichts für ungut, gnädiger Herr, ehrlich währt am längsten. Beim

Himmel, ich bin den Neustädtern auch nicht grün, aber für einen

Hochverräter halte ich ihren Bürgermeister doch nicht!«

Und plötzlich erhoben sich noch mehr Stimmen für den Angeklagten, manch'

einer, der aus Zagheit geschwiegen hatte, sprach nun für ihn. Der

Herzog, der, wenn sein rascher Zorn verraucht war, billig und gerecht

dachte, wandte sich an die Ankläger und ließ die noch einmal ihre

Beweise vorbringen. Die hatten mancherlei zu sagen, aber wenn einer

ruhig und überlegen prüft, kommt er oft zu anderer Ansicht als im ersten

Zorn. So erging es auch dem Herzog; die Beweise erschienen ihm auf

einmal recht lückenhaft und anfechtbar, und so sagte er endlich: »Ich

werde die Sache nochmals von andern Räten untersuchen lassen. Dich,

Albrecht Mooshage, Bürgermeister von Neustadt, gebe ich frei, so du

schwörst, daß du, wenn du schuldig befunden wirst, dich freiwillig

meinem Urteil stellst«.

»Mein gnädiger Herr Herzog,« sagte der Bürgermeister ruhig, »ich kam,

als Ihr rieft, und so werde ich immer kommen, wenn Ihr ruft. Ich bin mir

keiner Schuld bewußt!«

Da gab ihn der Herzog frei, und das Volk, das alles mit angehört hatte,

jauchzte laut, die beiden falschen Ankläger aber verließen gar geschwind

die Stadt, es war ihnen recht bänglich zu Mute. Der Herzog, der bald die

völlige Unschuld des Bürgermeisters erkannte, verbannte später beide von

seinem Hofe; er führte über den Bischof Albert Klage beim Papst, der

diesen seines Amtes entsetzte.

Fridolin von Stein verließ neben Albrecht Mooshage und Gertrudis den

Anger, und der alte Herr von Stein auf Reiffenstein sah den dreien etwas

mißmutig nach. Er grollte auch gewaltig, als Fridolin ihm später

erklärte, er wollte Vater und Tochter heimbegleiten. »Es sind unsere

Feinde,« brummte er. Das mannhafte Auftreten des Bürgermeisters, der

bereit gewesen war, sein Leben für den Frieden seiner Vaterstadt

hinzugeben, hatte ihm aber doch so gefallen, daß sein Zorn sich

besänftigte, und es hatte doch auch Gertrudis seinen Sohn gerettet. Das

Ende vom Liede war, daß er selbst mit heimritt. Er versicherte zwar,

seine Feindschaft gegen Neustadt sei nicht etwa vorbei, nur sicher

heimgeleiten wollte er Vater und Tochter, das sei Christenpflicht, auch

sei er niemand gern etwas schuldig, selbst einem Mägdlein nicht. Ein

wenig mürrisch ritt also der Ritter an des Bürgermeisters Seite

heimwärts, aber war es die sonnenhelle Frühlingspracht, oder war es das

frohe Plaudern seines Sohnes mit Jungfrau Gertrudis, was ihn erheiterte,

kurz und gut, sein Gesicht hellte sich nach und nach auf, er wurde ganz

gesprächig. Der alte Kaspar ritt hinterdrein und dachte in seinem Sinn:

»Ob es nun nicht immer so friedlich in der Welt zugehen könnte«.

Die Neustädter aber meinten schier, sie müßten auf den Rücken fallen,

als an einem Sonntag Mittag ihr Bürgermeister heil und unversehrt in die

Stadt einritt, neben ihm die beiden Herren von Stein auf Reiffenstein.

Die Freude war so groß, daß, wie der Chronist schreibt: das Geschrei

kein Ende nehmen wollte. »Im Mai des folgenden Jahres«, schreibt dann

der Chronist weiter, »hielt Herzog Bernhardt Einzug in seine vielliebe

und getreue Stadt Neustadt. Und ritten ihm Rat und Bürgerschaft bis vor

das Südtor entgegen, und konnte jeglicher merken, mit welcher

Freundlichkeit unser gnädiger Herr Herzog mit unserer lieben Stadt

Bürgermeister, Herrn Albrecht Mooshage, sprach. Und dessen Jungfrau

Tochter grüßte er mit gar freundlichem Lachen und verlobte sie alsbald

mit dem Junker Fridolin von Stein. Hatte auch des Junkers Herr Vater

nichts mehr dawider zu sagen und war doch einstens so feindlich unserer

Stadt gesinnt.«

»Wie geht's denn weiter?« fragte Wendelin, kaum daß der Doktor das

letzte Wort gesprochen hatte.

Der lachte: »Ja, Kinder, die Geschichte ist halt zu Ende. Aber

jedenfalls ist es dem Bürgermeister und seinen Kindern gut gegangen.

Albrecht Mooshage hat noch viele Jahre sein Amt verwaltet, nachher wird

der Herr Fridolin von Stein als Bürgermeister genannt. Von dem sagte der

Chronist auch, daß er ein gerechter und frommer Mann gewesen sei. Er hat

auch auf Bitten seiner Frau das Gertrudenspital erbaut und hat es nach

seiner viellieben Hausfrau so genannt. Die schöne Gertrudis ist eine

glückliche Frau geworden, sie ist aber nicht allein glücklich gewesen,

sie hat auch andere glücklich gemacht, und das ist das Beste, was man

von einem Menschen sagen kann«.

Ein Weilchen noch schwatzten die Kinder dies und das, Doktor Fröhlich

beantwortete ihnen noch allerlei Fragen, dann liefen sie heim, und auf

dem Heimweg sagte Jörgel zu Brigittchen: »Ich möchte auch so werden wie

Albrecht Mooshage«. »Und ich wie Gertrudis,« flüsterte Brigittchen und

wurde ganz rot dabei. Jörgel aber rief: »Es ist doch fein, daß unser

Neustadt schon so alt ist und eine so wichtige Stadt war!«

Das sagte Klaus Hippel auch, als er die Geschichte erfuhr, und daß just

der alte Südtorturm der war, in dem er wohnte, freute ihn am

allermeisten.

Weihnachtsaugen.

Die Tage vor Weihnachten sind zwar, so behaupten wenigstens die

erwachsenen Leute, recht kurz, den Kindern erscheinen sie aber mitunter

endlos lang, und als Severin Gutgesell drei Tage vor dem Feste sagte:

»Ich glaube, diesmal wird es überhaupt nicht Weihnachten,« da fand sein

Bruder Wendelin, daß er vollständig Recht hätte.

An eben diesem Tage wurde auch dem Doktor Theobald Fröhlich die Zeit

herzlich lang. Er hatte zwar noch sehr viel in seinen alten Schriften zu

lesen und gehörte auch sonst nicht zu den Leuten, die sich vor lauter

Faulheit langweilen, aber an diesem Tage meinte er doch, die Uhr rücke

recht, recht langsam vorwärts. Und war der Doktor ungeduldig, so war es

die alte Dorothee nicht minder. Wohl zehnmal erinnerte sie: »Ist es noch

nicht Zeit, auf den Bahnhof zu gehen? Der Weg streckt sich«.

Endlich rief ihr Herr: »Dorothee, jetzt gehe ich, Zeit ist noch

reichlich, aber stillsitzen kann ich nicht mehr«. --

»Ist auch recht!« rief die Alte, »das Kaffeewasser wird gleich

hingesetzt; du meine Güte, so ein junges Ding, und kommt

mutterseelenallein aus einem fremden Lande angereist«.

»Aber nun bleibt sie hier, hurra!« rief der Doktor, und krach, fiel die

Haustür hinter ihm zu.

Er hatte auch Grund zu Freude und Ungeduld, denn er ging auf den

Bahnhof, um seine Schwester Helene abzuholen, die nun wirklich, gerade

zur rechten Zeit, um ordentlich mit dem Bruder Weihnachten zu feiern, in

Neustadt anlangte.

Fräulein Helene Fröhlich, die immer aussah, als wäre ihr Name eigens für

sie erfunden worden, hatte Neustadt nicht verschlafen, sie fiel auch

nicht auf dem Bahnsteig hin wie ihr Bruder, sondern direkt in dessen

weitgeöffnete Arme hinein. Weinend und lachend zugleich lagen sich die

Geschwister in den Armen. Drei Jahre hatten sie sich nicht gesehen, eine

halbe Ewigkeit schien ihnen dies zu sein. So strahlend sahen beide aus

in der Wiedersehensfreude, daß alle Leute, die auf dem Bahnhof waren,

anfingen, sich mit zu freuen. Der Herr Inspektor lachte, und der Mann,

der die Billetts knipste, auch, ein altes Frauchen sagte: »Nu ja, man

denkt s'ist heute schon Weihnachten«.

»Ja wirklich, hier ist Weihnachten,« rief Helene jubelnd, »hier ist doch

Schnee, weißer, weicher Schnee. In Hamburg regnete es, als ich

durchfuhr, in London war dicker, gelber Nebel bei meiner Abreise, aber

hier ist Winter, ist Weihnachtswetter, nein, wie froh bin ich«.

Und Arm in Arm schritten die Geschwister durch die verschneiten Straßen

dem Hause zu, das ihnen gehörte, und in dem sie nun vereint Weihnachten

feiern wollten.

»Sieh da, dort ist das Dach, das ist schon unser Haus!« rief der Bruder,

und die Schwester blieb stehen, und beide sahen so eifrig auf das

Stückchen Dach, daß sie fast den schüchternen Gruß überhörten, den ein

kleines, weißgekleidetes Mädchen ihnen bot.

»Das ist ja Brigittchen!« rief Doktor Fröhlich und gab der Kleinen die

Hand.

»Da sieh, Lene, wir beide hier sind schon recht gute Freunde

miteinander, nicht wahr, Brigittchen?«

Die Kleine nickte, sie reichte der fremden Dame etwas zaghaft ihr

Händchen, und Helene Fröhlich beugte sich liebreich zu dem Kinde herab

und schaute in die Veilchenaugen, die heute so bitterernst

dreinschauten.

»Aber Kind, du machst ja keine Weihnachtsaugen,« rief Helene, »freust du

dich nicht auf Weihnachten?«

»Nein,« flüsterte Brigittchen scheu und senkte den Blick, dann huschte

sie eilig davon.

»Warum ist die Kleine so traurig?« fragte Helene, aber ihr Bruder konnte

ihr darauf keine Antwort geben. »Da mußt du Dorothee fragen, die weiß es

vielleicht,« sagte er.

Dazu kam Helene Fröhlich zwar nicht so bald; sie wurde von der alten

Magd mit so viel herzlicher Freude und so heißem Kaffee begrüßt, und

mußte gleich das Haus von oben bis unten ansehen, daß sie zuerst gar

nicht recht zur Besinnung kam.

»Hier ist die Bibliothek,« sagte der Bruder.

»Dort nach dem Garten hinaus liegt Fräuleins Zimmer,« rief Dorothee,

»und hier ist der Kaffeetisch gedeckt«.

»Ja, ja, erst Kaffee trinken, aber sieh' mal hier hinaus, Lene!« schrie

der Bruder aufgeregt.

»Ist es auch warm genug hier, und wieviel Kopfkissen will Fräulein

haben?« fragte Dorothee.

Und so ging es eine Weile fort, und dazwischen lachte Helene, umarmte

den Bruder, umarmte die alte Magd und rief: »Ich freue mich ja so, ich

freue mich ja so sehr!«

Und über dem Zeigen und Bewundern, Freuen, Kaffeetrinken und Treppauf-,

Treppablaufen kam der Abend heran, die Geschwister saßen zusammen und

erzählten sich von der Zeit, in der sie sich nicht gesehen hatten; da

sagte auf einmal Helene: »Ich muß Dorothee fragen, warum Brigittchen

keine Weihnachtsaugen hatte«.

Nun, das wußte die alte Magd freilich. Sie erzählte, daß Brigittchens

Mutter vor fünf Jahren etliche Wochen vor Weihnachten gestorben sei,

seitdem würde wohl das Fest im Hause gefeiert, der Hausherr kümmere sich

aber nicht viel darum; Fräulein Mathilde besuche meist ein paar

Freundinnen, und so sei die Kleine gewöhnlich allein. »Was nützen ihr da

die vielen prächtigen Geschenke,« sagte die Alte, »Mitfreude und Liebe

braucht so ein Kind, und daran fehlt es halt.«

»Mitfreude und Liebe brauchen auch große Menschen,« rief Helene

Fröhlich, »wir wollen Weihnachten zusammenfeiern, Theo, aber auch andere

nicht vergessen. Wissen Sie nicht ein paar arme Familien, Dorothee,

denen wir bescheren können?«

Die Alte lachte über das ganze Gesicht, sie sah aus wie das reine

Behagen, so gefiel es ihr, und sie wußte gleich etliche Leute zu nennen,

bei denen die Weihnachtsfreude wohl angebracht war.

»Morgen kaufen wir zusammen ein,« sagte Doktor Fröhlich, »und

Weihnachtsbäume müssen wir schmücken, na, wir können uns tummeln, um

fertig zu werden«.

So viel fröhliche Lust hatte das alte Haus lange nicht gesehen, wie in

diesen Tagen. Mitten in aller Geschäftigkeit dachte Helene Fröhlich aber

doch an Brigittchens traurige Augen, und wie sie dem armen, reichen

Kinde zur rechten Weihnachtsfreude helfen könnte. »Ich möchte sie zu

unseren Armen mitnehmen, ob sie wohl darf?« fragte sie die alte

Dorothee.

»Ei, da gehe ich halt einfach hinüber und frage,« erwiderte diese.

»Fräulein Mathilde von drüben ist doch manchmal bei meiner seligen

gnädigen Frau gewesen, und das Brigittchen kam oft, da wird es wohl auch

heute die Erlaubnis bekommen, zumal der Herr Schön erst gegen Abend von

einer Reise wiederkommt, und die Bescherung spät sein wird«.

Gesagt, getan. Dorothee ging ins Nachbarhaus, und Fräulein Mathilde

erlaubte den Besuch; sie fand es recht bequem, das Kind auf einige

Stunden in guter Obhut zu wissen. Und Brigittchen freute sich. Die

schöne Geschichte, die Doktor Fröhlich erzählt hatte, lag ihr noch im

Sinn. Froh, aber doch wieder zaghaft, ging sie gleich nach dem

Mittagessen hinüber in das Nachbarhaus. Ja, wenn die Freunde mitgewesen

wären, dann hätte sie schon Mut gehabt, allein aber war sie ein rechtes

Furchthäschen. Doch die Freunde hatten nun mal keine Zeit. Anne-Marte

hatte am Morgen nur einmal das Näschen zur Türe hineingesteckt und

gerufen: »Ich habe noch mein Kissen für Muttel fertig zu nähen!«

Wendelin und Severin rührten sich an diesem Tage gar nicht zum Hause

hinaus, aus Angst, sie könnten etwas Wundervolles verpassen; nur Jörgel

war eine halbe Stunde mit seiner kleinen Freundin Schlitten gefahren.

Beinahe wäre Brigittchen an der Türe wieder umgekehrt, so schwer

erschien es ihr, allein zu der fremden Dame zu gehen, doch diese hatte

schon Umschau gehalten, und sie holte sich geschwind ihren Gast herein.

Sie begrüßte das Kind liebevoll und sagte heiter: »Erst mußt du mir

helfen Bäume putzen, nachher gehen wir miteinander und tragen

Weihnachtsgaben fort, willst du?«

Brigittchen nickte nur. Erst war es, als hätte sie ihren Mund vergessen,

und verträumt blickte sie sich um, als sie in ein Zimmer geführt wurde,

in dem drei kleine Tannenbäume standen; allerhand glitzernder Schmuck

lag dabei, rote Äpfel und buntes Zuckerwerk.

Helene Fröhlich begann geschwind ein blitzendes Sternlein nach dem

anderen an die grünen Zweige zu hängen, dabei rief sie munter: »Hilf

mir, Brigittchen, da, hänge den Apfel dorthin, hierher einen

Schokoladenkringel, tummle dich, geschwind, geschwind, wenn die Sonne

untergeht, müssen wir fertig sein!«

Die Kleine griff zaghaft in den schimmernden Tand hinein. Wie

wunderhübsch das doch war, daß sie all' die feinen, zierlichen Dinge an

die Bäumchen hängen durfte; da war ein Sternlein, da ein

Weihnachtsengel, eine silberne Glocke, leuchtende Kugeln und Ketten.

»Wir wollen auch dabei singen,« sagte Fräulein Helene, und mit heller

Stimme begann sie:

»Alle Jahre wieder kommt das Christuskind!«

Ei, da fiel Brigittchen geschwind ein, und auf einmal tönte in den

hellen Zweigesang hinein eine tiefe Stimme; Doktor Fröhlich war in das

Zimmer getreten, er wollte nun auch mitsingen. Es klang aber ganz

wunderlich, wenn er so tief dazwischen brummte; dichten konnte er wohl,

aber nicht singen.

Seine Schwester lachte, und Brigittchen kicherte vergnügt hinter ihrem

Bäumchen. Nun kam die alte Dorothee auch herbei und wollte auch

mitsingen; sang aber der Herr Dichter so tief, als wollte er in einen

Keller fallen, so sang sie so hoch, als wollte sie auf einen Turm

klettern. Fräulein Helene kam darüber aus dem Takt, und mit einem

fröhlichen Gelächter endete der Gesang.

Inzwischen waren die Bäumchen fertig geworden, und draußen begann sacht

die Dämmerung heraufzuziehen. Dann ging es hinaus. Mit Bäumchen und

Paketen voll beladen gingen die Geschwister, Brigittchen und Dorothee

durch die engen Gäßlein, die hinter St. Marien lagen. In einem schmalen,

altertümlichen Haus kletterten Doktor Fröhlich, Fräulein Helene und

Brigittchen drei steile, enge Treppen hinauf, und oben führte eine

blasse Frau sie in eine armselige Stube.

»Wir sind alle in der Küche, ach! die Kinder können es kaum erwarten,«

sagte sie, und ihr Blick fiel sehnsüchtig auf die Pakete.

»Jetzt spielen wir Weihnachtsmann, Brigittchen,« sagte Helene Fröhlich,

und sie begann geschwind die Pakete auszupacken. Wie in einem Märchen

war es, lauter schöne Dinge kamen zum Vorschein, Spielsachen,

Kleidungsstücke, Pfefferkuchen und Weihnachtsstriezel. Auf den Tisch

wurde ein sauberes Tuch gelegt, das Bäumchen darauf gestellt und eins,

zwei, drei war die ganze Stube in ein trauliches Weihnachtszimmer

verwandelt. Doktor Fröhlich zog eine kleine Glocke hervor und klingelte,

und die blasse Frau und fünf Kinder traten in das Zimmer. Eilig

polterten sie herein, aber dann blieben sie alle an der Türe stehen und

sahen auf das schimmernde Bäumchen und all' die schönen Sachen, und ihre

Augen strahlten und glänzten, als seien auch darin Lichter angezündet.

»Nun komm husch fort,« flüsterte Fräulein Helene Brigittchen zu. Sacht

schlichen sich die Geschwister und die Kleine aus dem Zimmer, so

heimlich, daß Mutter und Kinder in ihrer Freude es gar nicht merkten.

Und weiter ging es, in eine Familie wo der Vater krank lag, er war bei

einem Bau verunglückt, auch hier gab es helle Weihnachtsfreude, und der

Jubel drang den freundlichen Gebern noch auf die Treppe nach.

»Nun nach dem Gertrudenspital,« sagte Dorothee, »zu den drei Frauen, die

meine selige gnädige Frau immer beschenkt hat«.

Das Gertrudenspital lag dicht an der Stadtmauer; der Weg dahin führte an

dem runden Wartturm vorbei, hell leuchteten dessen Fenster in die

Dämmerung hinaus. Brigittchen, deren Scheu vor Fräulein Helene schon

ganz verschwunden war, erzählte dieser von Klaus Hippel und Frau

Paulinchen, und sie hätte gern noch mehr erzählt, aber da war man schon

am Gertrudenspital angelangt. Es war jetzt ein Heim für alte Frauen, die

hier in ruhigem Frieden ihren Lebensabend verbrachten. Drei von diesen

Frauen hatte die verstorbene Tante der Geschwister immer mit allerlei

Eßwaren beschenkt, und diese drei Frauen saßen an diesem Weihnachtsabend

recht betrübt beieinander. Zu allen andern kamen Angehörige und brachten

ihnen etwas zur Weihnachtsfreude, zu ihnen würde wohl niemand kommen,

dachten sie, denn ihre alte Beschützerin war tot.

Auf einmal aber trappelte und klingelte es draußen, und herein spazierte

Fräulein Helene, ein brennendes Bäumchen in der Hand, Brigittchen und

Dorothee schleppten Pakete herbei, und flink hellten sich da die alten

Gesichter auf, es gab auch hier echten Weihnachtsjubel.

»Ach, und das feine Bäumchen,« sagte Trine Tillmann, die älteste der

Frauen, »da müssen wir doch nachher gleich die kleine Jantge holen, die

hat doch kein bißchen Weihnachtsfreude«.

»Wer ist denn Jantge?« fragte Fräulein Helene.

Und Trine Tillmann erzählte, Jantge sei eine kleine Waise, von weit her

sei sie gekommen, von der holländischen Grenze, hier im Spital sei ihre

Urgroßmutter untergebracht, niemand weiter hätte die Kleine auf der

ganzen Welt als die alte Frau. Es sei eine besondere Güte von dem Herrn

Bürgermeister, daß er erlaubt hätte, daß Jantge vorläufig hier bleiben

durfte; was später aus dem Kind würde, das wußte noch niemand. Ein

fröhliches Leben hätte die Kleine nun freilich nicht unter all' den

alten Frauen, zumal die Urgroßmutter recht schwach und hinfällig sei.

Aber ein liebes Mädelchen wäre Jantge, allezeit freundlich und gefällig,

ein rechter kleiner Sonnenstrahl.

»Hätte ich das gewußt,« sagte Fräulein Helene betrübt, »wie gern hätte

ich etwas für das Kind mitgebracht«.

»Sie soll von dem Baum nehmen was sie mag, und Pfefferkuchen und Äpfel

soll sie auch von uns haben,« tröstete Trine Tillmann.

»Ja, das soll sie,« sagte die alte Bärbe Bach, »s'ist wirklich ein

liebes Kind«.

Als die Geschwister Fröhlich und Brigittchen nach herzlichem Abschied

von den drei Frauen heimgingen und den langen Flur des alten Gebäudes

durchschritten, sahen sie durch eine offenstehende Tür in ein

schlichtes, sauberes Zimmer hinein. Dort saß eine alte Frau im

Lehnstuhl, und ein kleines, blondes Mädchen brachte ihr sorgsam einen

heißen Trank in einer Tasse.

»Das ist gewiß Jantge,« flüsterte Brigittchen und schaute die Kleine

aufmerksam an, die wohl in ihrem Alter sein mochte; sie hatte auch so

blonde Haare wie sie selbst, die schauten unter einem weißen Mützchen

hervor, und eine große, hellblaue Schürze hatte sie vorgebunden.

»Ja, das wird wohl die kleine Jantge sein; aber nun komm rasch, Kind,

sonst schilt deine Tante, daß wir zu lang geblieben,« sagte Fräulein

Helene Fröhlich. Heiter stapften die Wanderer bald darauf durch den

Schnee wieder heimwärts. Wieder kamen sie am runden Turm vorbei, hinter

dessen Fenster sah man jetzt die Kerzen eines Christbaumes strahlen.

»Nun ist es bald Zeit,« flüsterte Brigittchen, und Freude lag in ihrem

Stimmchen.

»Jetzt hast du Weihnachtsaugen, Kind,« sagte Helene Fröhlich, als sie

der Kleinen unter der Laterne, die gerade vor dem Schönschen Hause

brannte, lebewohl sagte. »Behalte deine Weihnachtsaugen und vergiß

nicht, mich in den Feiertagen zu besuchen!«

Brigittchen hob sich auf den Zehenspitzen empor, legte ihre Ärmchen um

des Fräuleins Hals und sagte ganz leise: »Ich hab' Sie lieb.«

Ein Weilchen hielt Fräulein Helene das Kind zärtlich in ihren Armen,

lieb und warm wie eine Mutter, dann sagte sie heiter: »Nun geh Kleine;

fröhliche Weihnacht, sing auch ein Lied unterm Tannenbaum!«

Dann ging Brigittchen in ihr Vaterhaus, dort saß sie noch eine halbe

Stunde im dunklen Zimmer, bis hell die Glocke erklang und alle

Hausbewohner das Bescherungszimmer betraten. Wie immer ging auch diesmal

die Bescherung schnell vorbei, die Dienstleute nahmen ihre Sachen,

sagten danke und gingen hinaus; »drinnen kann man sich doch nicht recht

freuen,« meinten sie. Der Hausherr verließ schon nach fünf Minuten das

Zimmer, und Fräulein Mathilde rüstete sich zum Fortgehen, sie trug der

Köchin noch auf, bald den Baum auszulöschen und sagte zu Brigittchen:

»Na Kind, nun spiele nur schön mit all deinen hübschen Sachen,

langweilen wirst du dich wohl nicht.«

Da saß nun Brigittchen mutterseelenallein in dem prächtigen Zimmer und

schaute auf den brennenden Baum und all die vielen, vielen Spielsachen.

Es war alles recht schön, aber ihre Weihnachtsaugen hätte Brigittchen

doch beinahe verloren. Zur rechten Zeit aber fiel ihr ein, wie lustig am

Nachmittag das Singen im Nachbarhaus gewesen war, und daß Fräulein

Helene ermahnt hatte, sie sollte auch bei sich ein Weihnachtslied

singen. Sie nahm eine der drei neuen Puppen auf den Arm, holte flugs

Lilli, Milli und Cilli, die anderen Puppenkinder herbei, setzte sich mit

ihnen auf das Sofa und fing an, ein Weihnachtslied zu singen. »Stille

Nacht, heilige Nacht.« Sie sang erst leise und zaghaft, dann mit immer

hellerem Stimmchen, wie ein kleiner Vogel, der sich im Sonnenschein

seines Lebens freut.

Draußen in der Küche wurden die Dienstmädchen plötzlich still. »Unser

Brigittchen singt,« sagten sie. So selten war des Kindes Stimme im Hause

zu hören, daß es ihnen fast wie ein Wunder vorkam, daß die Kleine sang.

Ihnen fiel auch ein, wie einsam doch das Kind sei, niemand von ihnen

hatte sich heute noch recht um die Kleine gekümmert. Sie schlichen sich

an die Türe und lauschten, und wie sie so die alten trauten Lieder

hörten, da wurde es ihnen erst so recht weihnachtlich, feierlich zu

Mute.

Auch Herr Schön hörte den Gesang, auch er dachte dabei daran, wie einsam

eigentlich sein Kind sei, und auch er stand auf und betrat leise das

Bescherungszimmer. Da saß Brigittchen im Kreise ihrer Puppen, wie ein

richtiges kleines Mütterchen, und ihre Augen strahlten wie die Kerzen am

Lichterbaum. Jauchzend hell sang sie:

»Alle Jahre wieder

Kommt das Christuskind,

Auf die Erde nieder,

Wo wir Menschen sind.«

Auf einmal sah die kleine Sängerin ihren Vater, da unterbrach sie

verlegen ihren Gesang. »Wie schade!« sagten die Mägde an der Türe. Herr

Schön aber ging rasch auf sein kleines Mädchen zu, nahm es auf den Arm

und bat: »Sing noch ein Lied, mein Kind, es gefällt mir so!«

Ei wie gern sang da Brigittchen, sie sang alle Lieder, die sie kannte,

und zuletzt sangen die Mägde mit und der Gesang rauschte durch das Haus,

daß es ein richtiges, frohes Weihnachtshaus wurde.

Noch immer brannten die Lichter am Baum und Herr Schön sagte, sie

sollten auch brennen bleiben, er wollte mit seinem Kind unterm

Weihnachtsbaum zusammen Abendbrot essen.

Das wurde ein fröhliches Mahl, sämtliche Puppen durften dabei sitzen,

große und kleine, alte und neue. Vater und Kind schmausten munter

zusammen und dabei erzählte Brigittchen von den Geschwistern Fröhlich

gegenüber am Kirchplatz, von der Weihnachtswanderung und von Jantge im

Gertrudenspital. Sie erzählte auch, was Fräulein Helene von den

Weihnachtsaugen gesagt hatte. »Hab' ich auch noch welche, Väterchen?«

fragte die Kleine besorgt, denn sie hatte Angst, sie könnte die

Weihnachtsaugen verloren haben, und darüber wäre Fräulein Helene gewiß

traurig gewesen.

»Freilich hast du sie noch,« sagte Herr Schön. Er sah tief in die

strahlenden Veilchenaugen seines Kindes, und er dachte, das fremde

Fräulein müßte doch sehr lieb und gut sein, das seinem Kinde zu diesen

leuchtenden Weihnachtsaugen verholfen hatte.

Und dann saß Brigittchen auf ihres Vaters Knieen, sie schmiegte ihr

Köpfchen an seine Brust und leise vertraute sie ihm einen großen

Herzenswunsch an. Sie wollte einen Teil ihrer neuen Spielsachen der

kleinen Jantge im Gertrudenspital schenken. »Darf ich, Väterchen?« bat

sie.

»Ja, du darfst, mein Kind, und weißt du was, morgen gehen wir

miteinander zu Fröhlichs hinüber und dann bittest du Fräulein Helene,

daß sie mit dir zu Jantge geht!«

Das war ein schöner Feiertagsplan. Brigittchen jubelte laut und dann

schwatzte sie noch ein Weilchen mit ihrem Vater, fragte, welche Puppe

sie nehmen sollte und welches Buch, bis auf einmal der Sandmann kam, und

die strahlenden Weihnachtsaugen sich schlossen. --

Am nächsten Vormittag ging Herr Schön mit Brigittchen wirklich zu den

Geschwistern hinüber, und Vater und Kind wurden mit herzlicher Freude

empfangen. Fräulein Helene war auch gleich bereit, mit Brigittchen am

Nachmittag zu Jantge zu gehen, ja, sie kam auch mit hinüber, sah sich

Brigittchens Bescherung an und half für Jantge aussuchen. Eine Puppe,

ein Buch, ein zierliches Arbeitskörbchen und noch allerlei hübsche

Sachen aus Marzipan und Schokolade.

Gleich nach dem Mittagessen, diesmal noch am lichten Tag, traten

Fräulein Helene und Brigittchen ihre Wanderung an. Der Schnee knirschte

unter ihren Tritten, denn es war bitterkalt geworden, aber den beiden

war es so froh und warm ums Herz, daß sie nicht viel von der Kälte

spürten.

In Trine Tillmanns Stube saßen alle Insassinnen des Gertrudenspitals,

außer Jantges kranker Urgroßmutter, zusammen und aßen Weihnachtsstriezel

und tranken Kaffee dazu, auch Jantge war da, da die Urgroßmutter

schlief. Die Kleine saß am Fenster vor dem Tannenbäumchen, an dem sie

sich gar nicht sattsehen konnte, und sie hatte so strahlende

Weihnachtsaugen, als hätte sie eine glänzende Bescherung bekommen. Als

nun aber Brigittchen ein wenig verlegen und doch herzensfroh ihre

Herrlichkeiten vor dem kleinen Fremdling auspackte, da jubelte Jantge

laut auf.

»Eine Puppe, eine Puppe,« jauchzte sie und preßte das weißgekleidete

Lockenkind zärtlich an ihr kleines Herz.

Brigittchen war auch Kindern gegenüber oft ein bischen scheu, und Jantge

vergaß auch leicht vor Schüchternheit den Mund aufzutun, aber die Puppe

vereinte die beiden rasch, sie fanden sich im fröhlichen Spiel und nach

zehn Minuten waren sie miteinander einig, daß das Puppenkind unbedingt

Helene heißen müßte.

Brigittchen wurde das Scheiden beinahe schwer. »Du mußt mich besuchen,«

bat sie.

Trine Tillmanns versprach dafür zu sorgen, und Fräulein Helene sagte

auch, sie würde Jantge einmal einladen. So trennten sich denn die

Kinder, auf ein fröhliches Wiedersehen hoffend, und für Brigittchen kam

der Heimweg durch die stille Stadt an Fräulein Helenes Hand. Das war

wundervoll, so durch die stillen, weißen Straßen zu gehen, auf denen

heute kaum ein Mensch zu sehen war, und zu lauschen, wie Fräulein Helene

erzählte, von diesem und jenem, von dem Weihnachtsfest im großen London,

von einsamen und glücklichen Kindern, von heiteren Tagen, die kommen

würden, und daß sie beide miteinander gute Freundschaft halten wollten.

Helene Fröhlich hatte so eine liebe, zärtliche Stimme, »die spaziert

durch alle Herztüren hinein,« sagte später einmal Klaus Hippel. Und das

war wahr, Brigittchen spürte es auch. Außer ihrem Vater gab es gar

keinen Menschen auf der Welt, zu dem sie ein so großes Vertrauen hatte

wie zu Fräulein Helene. Diese mußte es wohl gemerkt haben, denn auf

einmal sagte sie liebevoll: »Willst du mich Tante nennen, mein kleines

Mädel?«

Ach, Brigittchen wollte schon, glückselig sah sie zu der neuen Freundin

auf. »Tante Helene, Tante Helene,« zwitscherte sie wie ein Vögelchen,

das sein erstes Liedchen probiert.

Vor der Haustüre gab es noch einen herzlichen Abschied, dann hüpfte

Brigittchen in das Haus hinein, um drinnen ihrem Vater alles, alles zu

erzählen.

Herr Schön sah immer wieder in die strahlenden Weihnachtsaugen seines

Kindes und leise begann sein trauriges Herz froh zu werden. Als

Brigittchen beim Zubettgehen sagte: »Weihnachten ist zu

wunderwunderschön,« da nickte er und sagte: »Es war ein gesegnetes

Fest!«

Im Fröhlichschen Hause aber saßen Bruder und Schwester zusammen unter

dem Weihnachtsbaum, den sie sich wieder angebrannt hatten; sie erzählten

sich von ihrer harten, freudlosen Jugend und von dem Glück der

Gegenwart. Auch sie sagten beide zu einander aus dankbarem Herzen

heraus: »Es war ein gesegnetes Fest!«

Ein Fastnachtsspiel.

Die alte Dorothee pflegte von Klaus Hippel zu sagen: »Ein Kindskopf ist

er und bleibt er, so alt wie er ist, und nichts als Flausen hat er im

Sinn«.

Das stimmte und stimmte auch wieder nicht. Klaus Hippel konnte, wenn es

darauf ankam, so ernsthaft und verständig wie ein Bürgermeister sein,

freilich war er auch wieder ein lustiger Geselle, und wenn ihn die

Sorgen nicht allzusehr drückten, dann war er heiter und guter Dinge.

Seine größte Lust war in alten Büchern zu lesen, und Märchen und Sagen

wußte er mehr, als in zwanzig Kinderbüchern stehen. Und wenn Klaus

Hippel erzählte, dann war es immer, als sei er just dabei gewesen, als

sei er mit Held Roland durch das Tal von Ronceval geritten, oder wäre

selbst allen schönen Frauen und Rittern im Zauberwalde irgendwo

begegnet. Besonderen Spaß machte es ihm auch, wenn sich die Leute zu

Scherz und Kurzweil verkleideten; als daher Jörgel eines Tages sagte:

»Vater Klaus, können wir bei dir nicht einmal Fastnacht feiern?« da war

er gleich mit Freuden dazu bereit.

Bald nach Weihnachten hatte Jörgel das gesagt, und von dem Tage an

sprachen die Kinder immer mit heimlicher Lust von dem Fastnachtsspiel

bei Klaus Hippel. Der Pantoffelmacher hatte sich nämlich vorgenommen,

selbst ein wundervolles Ritterstück zu schreiben; darin kamen zwei

Ritter, eine Prinzessin, ihre Hofdamen und ein böser Zauberer vor.

Severin und Wendelin sollten die Ritter spielen, Jörgel den Zauberer,

Brigittchen war die Prinzessin und Anne-Marte und Jantge ihre Hofdamen.

(Jantge war von den fünf Schatzgräbern rasch als Freundin angenommen

worden, und sie durfte natürlich auch beim Fastnachtsspiel nicht

fehlen.) Die Prinzessin brauchte nichts weiter zu tun als immer »Ach und

Weh« zu seufzen, nur am Schluß mußte sie rufen:

»Teurer Ritter, du hast mich befreit,

Ich danke dir in aller Ewigkeit!«

Die Hofdamen brauchten nur »Ach und Weh« zu sagen und zuletzt »Hurra« zu

schreien.

Die Ritter hatten es etwas schwerer; erstens mußten sie mit ihren Säbeln

rasseln, zweitens mußten sie den Zauberer furchtbar ausschelten und ihn

zuletzt mit einem wilden Triumphgeschrei in einen Turm sperren. Der Turm

war Mutter Paulinchens Kleiderschrank. Am schwersten hatte es der

Zauberer; der war bei dem Stück die Hauptsache, er mußte sich nämlich in

ein wildes Tier verwandeln, brüllen und plötzlich ein Rotfeuer anzünden.

Klaus Hippels alte Pelzjacke war das Löwenfell, und eine Schachtel

Rotfeuer hatte sich Jörgel sogar von seinem Taschengeld erstanden; damit

nichts passierte, durfte er aber nur ein einziges Hölzchen anzünden.

Wundervoll sollte das Spiel werden; Zuschauer waren die

Pantoffelmachersleute und Schneider Langbein mit seiner Frau. Am letzten

Tag meldeten sich noch die Geschwister Fröhlich an, worüber Frau

Paulinchen in große Aufregung geriet. Sie hatte nur drei Stühle, und

einer davon wurde noch als Thronsessel für die Prinzessin gebraucht.

»Es wird schon gehen,« sagte der Pantoffelmacher, »nur den Mut nicht

verlieren«.

»Es ist doch eine große Ehre, daß so vornehme Leute zu uns kommen, mit

was soll ich sie denn bewirten?« klagte die Pantoffelmacherin.

Ja, du meine Güte, da war guter Rat teuer.

Ihr Mann sah etwas verlegen drein; Punsch und Pfannkuchen muß es zu

Fastnacht geben, aber woher sollten sie beides nehmen?

Pantoffelmachers waren arme Leute und just diesen Winter ging es

besonders knapp bei ihnen zu, was sie erübrigen konnten, das gaben sie

dem Schwiegersohn, damit der bald seine Schuld abtragen konnte. Und

Fremde kamen auch nicht, das Museum anzusehen; das Trinkgeld gehörte

nämlich den Turmbewohnern, dafür mußten sie aber auch oben immer alles

in Stand halten.

»Hm, ja, hm,« brummte der alte Klaus nachdenklich. Dann nach einem

Weilchen schrie er, einen roten Samtpantoffel in der Luft schwenkend,

»wegen Punsch und Pfannkuchen kommen die Leute nicht zu uns, sondern

wegen meines Stückes, das hat der Doktor selbst gesagt, nämlich weil er

auch ein Dichter ist. Und wenn Nachbar Langbein denkt, er kriegt Punsch

und Pfannkuchen, na, dann bekommt er halt die Nase auf die Tischecke,

wie meine selige Mutter zu sagen pflegte, wenn wir was haben wollten und

es nicht bekamen.«

»Punsch und Pfannkuchen wären aber doch fein, ich wollte ich hätte

beides,« sagte Frau Pauline seufzend.

Es war im alten Wächterturm an diesem Morgen just wie in einem Märchen,

wo sich einer nur etwas zu wünschen braucht und gleich geht es in

Erfüllung. Kaum hatte Frau Paulinchen ihren Wunsch ausgesprochen, so

erschien auch schon die Fee, diesmal freilich war es die alte Dorothee.

Die brachte eine große Schüssel Pfannkuchen, »selbstgebackene« sagte

sie, dazu eine Flasche Punsch und schöne Grüße von Fräulein Helene.

»Na,« rief Klaus Hippel vergnügt, »wenn das heute so mit dem Wünschen

geht, dann wünsche ich mir auch geschwind irgend etwas ganz Besonderes,

etwas so -- --«

Klatsch fuhr er da mit seinem roten Pantoffel, an dem er gerade nähte,

durch die Fensterscheibe und knax war ein großes Loch darin und der

Pantoffel lag draußen auf der Stadtmauer.

Etwas verblüfft schaute der Meister sich um, Dorothee lachte ein bißchen

ärgerlich. »Das kommt davon, Gevatter, wenn man so wild herumfuchtelt;

ist das eine Art, so mit den Armen rechts und links auszuschlagen,

beinahe hätte ich noch eine Kopfnuß dabei gekriegt. Nee, wie kann man

nur so alt sein und noch so hitzig! Nun sorgt nur dafür, daß bis zum

Nachmittag das Loch im Fenster wieder heil ist, so was kann mein

Fräulein nicht vertragen; Löcher in den Fenstern sind wir nicht

gewöhnt.«

Damit ging Dorothee hinaus, langsam und gewichtig, so zart wie eine Fee

pflegte die gute Alte nicht zu gehen.

Meister Hippel aber beschaute ein bißchen kleinlaut den Schaden, dann

ging er zum Glaser und versprach diesem, ihm das nächste Mal seine

Pantoffel umsonst zu flicken, wenn er ihm sein Fenster auch umsonst

flicken wollte. Das tat der Glaser auch, und als die Gäste am Nachmittag

kamen, sah man nichts mehr von dem Loch im Fenster.

Zuerst kamen die Kinder, gleich alle sechs zusammen. Sie kamen, wie

Kinder eben meist kommen, mit viel Lachen und Schwatzen, mit viel

fröhlicher Lust.

Brigittchen hatte einen weißen Schleier und eine Goldpapierkrone

mitgebracht, das war ihr Prinzessinnengewand. Erst hatte Tante Mathilde

den Besuch gar nicht erlauben wollen, und da Brigittchen nicht, wie

viele andere Kinder, mit Bitten und Schmollen eine Erlaubnis erzwingen

konnte, wäre beinahe nichts daraus geworden. Glücklicherweise aber war

Fräulein Helene gekommen und Brigittchen zu Liebe hatte diese gesagt,

sie würde dann auch zu der Fastnachtsfeier gehen. Fräulein Helene hatte

dann auch zwei buntseidene Tücher für die Hofdamen geliehen, und weil

Fräulein Helene ging, erlaubte auch Frau Doktor Fabian die

Fastnachtsfeier.

Jörgel hatte sich eine alte Maske mitgebracht, die er als Zauberer

tragen wollte. Klaus Hippel hatte für die Ritter Severin und Wendelin

aus dem Museum zwei Helme und Schwerter geholt. Der gute Alte dachte

sich nichts dabei, und die Kinder auch nicht und doch wäre beinahe eine

schlimme Geschichte daraus geworden.

Vorläufig waren alle ungemein lustig, selbst das sonst so stille

Brigittchen kam gar nicht aus dem Kichern heraus. Und als noch alle von

dem Pfannkuchen- und Punschwunder des Morgens erfuhren, da wurde die

kleine Turmstube beinahe zu eng für all den fröhlichen Lärm.

Meister Hippels Fensterplatz in der tiefen Nische der dicken Mauer, das

war das Schloß, in dem die Prinzessin mit ihren Dienerinnen gefangen

saß, und vor dem Schloß sollte sich der Kampf mit dem Zauberer

abspielen. Die Zuschauer kamen zur rechten Zeit. Die Spieler steckten

derweil hinter einem großen Brett, das Frau Paulinchen an die Kommode

angestellt hatte, nur die Prinzessin saß mit ihren Hofdamen im Erker,

und als Schneider Langbein mit seiner Frau als erste Zuschauer kamen, da

ging das Seufzen und Stöhnen der Gefangenen los, es war zum

Steinerweichen. Anne-Marte mußte sich zwar immer wieder umdrehen, sie

konnte und konnte das Kichern nicht unterdrücken.

Für die Gäste waren die zwei Stühle an der Türe aufgestellt worden, dem

Fenster gerade gegenüber, und die Geschwister Fröhlich kamen auch sehr

pünktlich, gleich nach dem Schneidermeister und seiner Frau.

Doktor Fröhlich sah die Helme der Ritter Severin und Wendelin über dem

Brett hervorragen. »Die sind aus dem Museum,« dachte er, »ei, ei,

Meister Klaus, sollte das erlaubt sein!« Er wollte aber das Vergnügen

nicht gleich durch einen Tadel stören, darum sagte er nichts.

Brigittchen vergaß ganz ihre Prinzessinnenrolle, und ihre Tante Helene

bekam Grüße, Kopfnicken, ja sogar ein Kußhändchen sandte die gefangene

Prinzessin aus ihrem Schloß heraus ins Weite.

»Los!« rief da der Pantoffelmacher mit solcher Donnerstimme, daß die

Hofdame Jantge das Schlüsselbund, das Mutter Paulinchen ihr zur

Vervollständigung ihres Kostüms gegeben hatte, mit einem lauten Krach

auf den Boden warf. Darüber kam Anne-Marte ins Kichern und nur

Brigittchen konnte nach Vorschrift: »Ach und Weh« klagen. Sie tat es

auch so jämmerlich, als hätte sie mindestens seit drei Tagen

Zahnschmerzen.

Hinter dem Brett, vielmehr aus dem Zauberwald hervor, stürzten jetzt die

Ritter Severin und Wendelin. Severin kam das Schwert zwischen die Beine

und seinem Bruder rutschte der Helm so jäh über die Nase, daß Meister

Hippel zuspringen mußte, um den armen Ritter aus seiner unangenehmen

Lage zu befreien.

Inzwischen hatten sich die gefangenen Jungfräulein so in das Klagen

gefunden, daß sie immer lauter und jämmerlicher schrieen, und niemand

verstand über dem Geschrei den Zauberer Jörgel, der nun auch aus dem

Zauberwald angerannt kam und rief:

»Ha, ich seh zwei Ritter gehn,

Die sollen gleich verzaubert stehn!«

»Halt' doch den Mund und schrei nicht so!« flüsterte der grimme Zauberer

gleich darauf seiner Schwester Anne-Marte zu.

»Kikikiki,« pruschte diese los.

Ritter Wendelin deklamierte mit schellender Stimme:

»Den Mann da will ich fragen,

Er soll mir gleich mal sagen,

Wer -- --«

Klapp, rutschte ihm der Helm wieder über die Nase, er vergaß seine Rolle

und schrie jämmerlich »Au, au!«

Kleinstadtkinder: Buben und Mädelgeschichten · 第 2 / 6 题