Fahnen in allen Größen, Fahnennessel, Flaggentuch und so weiter.‹

Wer noch keine Fahne im Besitz hatte, rannte heute eilig hin und

kaufte; die große Eingangsthür klappte den ganzen Tag – ’raus – ’rein,

’rein – ’raus.

»Sie wünschen?«

»Fahnen, Fahnen!«

»Schwarz-weiß?«

»Nein, schwarz-weiß-rot!«

Ein Meer von Schwarz-weiß-rot hatte sich über die Stadt ergossen. Zu

jeder Bodenluke, zu jedem Mansardenfenster heraus steckte bald eine

lange Stange; und lustig flatternd und sich freudig blähend im frischen

Herbstlüftchen, klatschte das schwarz-weiß-rote Tuch gegen das untere

Stockwerk. Das klang wie Wellenrauschen, wie Musik einer stürmischen

Brandung: Sedan, Sedan!

Überall flaggte und wimpelte es. Der Jägerhof, das Rathaus, die

Kaserne, das Theater, die Kirchen, die Schulen, die Thore, die

Rheinbrücke, selbst der alte Jan Willem hatten geschmückt. Um alle

Dächer rauschte es, durch alle Lüfte sauste es: Sedan, Sedan!

Große Flaggen, kleine Flaggen, schmale Wimpel, breite Wimpel,

kostbares Tuch, dünner Nessel, verwaschener Kattun, Papierfähnchen

– aber strahlender Sonnenschein lachend über alle, und übermütig

dreinharfender Wind: Sedan, Sedan!

Wer freute sich nicht?! Die Verwundeten setzten sich auf in ihren

Betten und horchten mit gespanntem Ohr. Der Rhein brauste es, Kanonen

donnerten es – wer hätte gedacht, daß die je solchen Jubel künden

könnten –: Sedan, Sedan!

›=Gefangennahme des Kaisers Napoleon. Kapitulation der Armee Mac

Mahons bei Sedan=!‹

Was wollten die Franzosen nun noch?! Ihr Kaiser gefangen, ihre größte

Armee gefangen! Nun mußte es Friede, Friede werden!

Gegen Mitternacht war die erste Kunde nach Düsseldorf gekommen, atemlos

hatte ein Depeschenbote sie in die schon schlummernde Stadt getragen.

Vorbei war der Schlaf, vorbei die Ermüdung; die Leute stürzten aus

ihren Häusern, auf den Straßen und Plätzen fanden sie sich zusammen,

sie schüttelten sich die Hände, sie küßten und umarmten sich, sie

lachten mit weinenden Augen: nun kam der Friede!

Leuchtend stand ein Stern am Himmel, und plötzlich fingen alle Glocken

der Stadt an zu läuten – fromme Stimmen in heiliger Nacht.

Am kommenden Morgen zogen unzählige Schulkinder durch die Straßen;

Maler Camphausen mit seinem weißen Bart hatte sich an die Spitze der

rosigen Jugend gestellt und marschierte voran mit dem Trommlerchor. Und

die bekränzten Knaben und Mädchen schmetterten aus hellen Kehlen:

›Es braust ein Ruf wie Donnerhall –‹

In allen Kirchen Gottesdienst, von allen Orgeln Dankeshymnen. In’s

Beten klang Jubel hinein: ›Der Kaiser, der Kaiser gefangen!‹

In der Kaserne war ein Faß Bier aufgelegt – die Liebesspende eines

begeisterten Bierbrauers – es trank davon, wer trinken durfte; und

andre stießen mit Wein an.

Herr Schnakenberg kam auch gerannt mit ein paar ganz besonderen

Bouteillen unter’m Arm: alter Rheinwein, firn und golden wie Harz.

»Wat Extras, Finken, für dein’ Kranken,« flüsterte er der Stieftochter

zu und steckte ihr die Flaschen unter die Schürze. »Hurra, wir haben

ihn, den Napolium!«

Sie freuten sich alle. Als Josefine zum Mittagessen nach Hause kam,

hatte der Invalide das ganze Schaufenster beflaggt und zugleich einen

merkwürdigen Geschäftssinn dabei entwickelt. Zu Fähnchen hatten die

bunten Kriegstaschentücher gedient: Weißenburg, Wörth, Spicheren, Mars

la Tour, Gravelotte – sogar König Wilhelm und der Kronprinz, Moltke und

Roon, selbst der von Bismarck hatte dran glauben müssen. Nicht allein

die Straßenjugend stand vor so viel Pracht, auch Leichtverwundete, die

draußen schon umherspazieren durften, kamen herein und kauften.

»No, wenn alle wat thun, können wir doch nit ganz müßig sitzen,«

brummte Ferdinand, als die Schwester ihn belobte. Und dann fing er

wieder an, auf sein Bein zu fluchen: wenn das nicht schon weggeschossen

wäre, wäre er ja überhaupt mit ausmarschiert. Aber er begann nicht mehr

seine alte Geschichte: ›Wir hatten die fränkische Saale überschritten

–‹, die bekam man seit einiger Zeit nicht mehr zu hören; er war klein

geworden im großen Krieg, und der Geruch des Lazaretts, der Hauch der

vielen Leiden, den die Schwester aus der Kaserne mit herüberbrachte,

ließen sein eignes, mißvergnügtes Gejammer ganz verstummen. Er war

begierig darauf, zuweilen mit ihr herüberzugehen und ihr bei kleinen

Diensten für die Kranken hilfreiche Hand zu leisten.

Auch der Junge durfte ab und zu mit der Mutter kommen. Er lernte jetzt

Französisch und war ein guter Schüler; so konnte er als Dolmetscher

dienen, wo ihre paar Brocken nicht ausreichten. Mancher Franzose

streichelte ihm über den Kopf: »_Ah, merci, mon petit, Dieu vous

bénisse!_« Fritz hatte viel Freunde unter den Feinden.

Aber waren denn diese armen Kranken wirklich Feinde? Was konnten sie

für den Krieg? Die – gar nichts! Waren sie nicht weggerissen aus ihrer

Familie, vom Pflug, vom Webstuhl, vom Maschinenrad, von all dem, was

sonst ihr Leben ausgemacht, nur gehorchend dem Befehl? Es wollte

Josefine nicht aus dem Sinn, was ihr der ›helle Berliner‹, wie die

andern den Schmidt neckend nannten, gesagt hatte: ›Mit der Begeisterung

ist das Mumpitz und mit dem Haß auf den Feind auch.‹ Und liebten die

Franzosen ihr Vaterland nicht auch? Es sollte sehr schön in Frankreich

sein. Mußte es ihnen nicht weh thun, wenn die Kanonen Sieg donnerten

und die Glocken Freude läuteten und alles Volk jubelte?!

Unten auf dem Kasernenhof, unter den Ahornbäumen spielte heut

nachmittag die Musik. Da stand, was Beine hatte, und schrie Hurra.

Selbst die Nonnen waren an die Fenster geeilt. Das erste Eiserne Kreuz

war nach Düsseldorf gekommen, hierher in die Kaserne!

Und der Glückliche, dem es verliehen wurde für besondere Bravour, war

Unteroffizier Schmidt. Ja, das war einer! Der hatte gesagt, als sie die

vom Feind besetzte Waldhöhe stürmten und der Zugführer zusammenbrach:

›Nu, Kinder, druf wie Blücher! Aber erst wer’ ik mir noch eene in’s

Jesicht pflanzen!‹ Und er hatte seine Stummelpfeife angesteckt, und

dann war’s losgegangen wie ein Donnerwetter, daß der Feind wich.

Der Oberstleutnant hatte es sich hübsch ausgedacht, diesen allgemeinen

Freudentag dem Tapferen zu einem besonders festlichen zu gestalten.

Im Kreise standen das Wachtkommando und die Blessierten – Franzosen

waren auch darunter – und in der Mitte stand Schmidt.

Josefine lugte hinunter – wie schneidig der Schmidt bereits wieder war,

trotz des verbundenen Kopfes in voller Uniform! Und der Oberstleutnant

umarmte ihn und heftete ihm selber das Eiserne Kreuz auf die Brust.

Eine Nonne trat in den Kreis und kredenzte dem Helden Wein. Der

Oberstleutnant stieß mit ihm an, hob dann sein Glas und hielt eine

Ansprache. Die Rede schloß:

»Ein Hoch dem Braven, der hier unter uns steht! Ein Hoch unsrer Armee,

die Frankreich in den Staub gezwungen! Ein Hoch Seiner Majestät, unserm

Heldenkönig!«

Man verstand jedes Wort oben in den Krankensälen, deren Fenster

geöffnet waren. Das war ein jubelndes Rufen und Schreien, ein Hoch und

Hurra, und die Musik stimmte an: ›Heil dir im Siegerkranz!‹

Josefine schloß das Fenster. Es lagen hier so viel Schwerkranke, fast

lauter Franzosen. Aber auch durch die geschlossenen Scheiben drang

deutlich die markige Musik. Dort im Bett, nahe dem Fenster, hatte

sich der junge Juwelier aus Paris ganz nach der Wand gekehrt und das

Kissen mit beiden Händen gegen die Ohren gedrückt. Was hatte er nur?

Erschrocken sah Josefine nach ihm hin, sein Körper zuckte unter der

Decke wie im Krampf. Jetzt schlug ein unterdrückter Laut an ihr Ohr –

er schluchzte: »_Oh ma patrie, ma pauvre patrie!_«

Da schlich sie hinaus, sie mochte ihn nicht ansprechen, sich gar nicht

bemerklich machen – _oh ma patrie!_ – nicht seine schmerzliche Scham

belauschen.

Draußen auf der Treppe begegnete ihr Schwester Daria, die atemlos vom

andern Block herüberkam:

»Frau Conradi, ach, da sind Sie ja! Mit dem Hucklenbruch geht es wieder

so schlimm.«

»Wieder ein Blutsturz?« fragte Josefine erschrocken.

Die Nonne nickte: »Es ist als nach Ihrem Herrn Pastor geschickt.

Derweilen betet unsre Mutter Clara mit ihm.«

Auf den Fußspitzen schlich Josefine zu Hucklenbruch herein. Man hatte

den Armen schon seit ein paar Tagen ganz allein gebettet, in dem Raum,

der einst der Feldwebelwohnung als Küche zugehört. Jedes Geräusch hatte

dem Leidenden Pein gemacht. Aber jetzt standen die Fenster nach dem Hof

weit offen, die schöne Nachmittagssonne flutete voll herein und die

Musik und das Singen – der Sterbende wurde all dessen nicht mehr gewahr.

»Höher – höher!« hauchte er nur noch mit verlöschender Kraft.

Kissen auf Kissen stopften sie ihm hinter den Rücken; noch immer nicht

hoch genug, noch immer keine Luft.

»Höher – höher!«

Da setzte sich Josefine auf den Bettrand und nahm den nach Atem

Ringenden stützend in ihren Arm.

Hucklenbruch war ein guter, evangelischer Christ. Ob er seine letzte

Stunde nahen fühlte, wer weiß? Aber er hatte plötzlich Verlangen

geäußert nach dem Abendmahl. Es waren ja noch nicht allzuviele Jahre,

seit er’s mit seinen Eltern zum erstenmal genommen, zu Bielefeld in der

Kirche, im langen Konfirmandenrock, das Myrtensträußchen im Knopfloch.

Nun kam der Geistliche.

»Nehmet hin und esset – das ist mein Leib – der für euch gegeben wird –«

Feierlich klangen die Einsetzungsworte, getragen von der

heraufschallenden, festlichen Musik. Aber der danach Begehrende konnte

den Leib des Herrn nicht mehr empfangen, das Schlucken versagte.

»Nehmet hin – und trinket alle daraus –«

Wohl neigte der Geistliche sich über das Bett und hielt dem Sterbenden

den Kelch an die Lippen, aber der Wein verschüttete; der bleiche Mund

streifte nur des Kelches Rand. Hucklenbruch merkte das nicht; ein

verklärter Ausdruck lag auf seinem blutleeren Gesicht, mit dem jetzt

verblaßten Sommersprossensattel über der scharf gewordenen Nase. Seine

Augen waren ganz nach oben gekehrt.

Vor seinen Ohren spielte leise die Orgel der Bielefelder Kirche:

›Christe, du Lamm Gottes, der du trägst die Sünd’ der Welt.‹ Da war

eine große, andächtige Gemeinde – immer neue wallten zum Altar, immer

neue – aber er hatte schon genossen, er war nun wohl vorbereitet. Und

Vater und Mutter führten ihn fort – heim.

Unten auf dem Hof setzte die Musik einen Augenblick aus. Der Geistliche

breitete die Hände zum Segen und sprach das Amen. Neben der würdigen

Oberin lag die junge Daria auf den Knieen. Auch die Nonnenhände hoben

sich empor: »Amen, Amen!«

Strahlender und strahlender vergoldete der warme Sonnenschein Stube und

Bett und den Sterbenden.

Rauschend hub die Musik von neuem an, höchster Jubel stieg zu höchsten

Höhen:

›Heil dir im Siegerkranz,

Heil König dir!‹

* * * * *

Bis in die sinkende Nacht Jubel. Musik, Transparente, Illumination,

bengalische Flammen. An den Rheinufern loderten Feuertonnen, und

Menschen, Menschen, froh erregte Menschenscharen wallten. Das

knatterte und knallte, blies und fiedelte, jauchzte und frohlockte.

Fünfzehnhundert Träger schwangen ihre Fackeln; greller Schein

überglänzte alles, flüssiges Feuer tropfte auf’s Pflaster, wie

bespritzt mit Blut standen die weißen Mauern der Häuser. Hin zum

Jägerhof wallte der endlose Zug, und Fürst und Fürstin von Hohenzollern

traten auf den Balkon. Das Volk grüßte hinauf, und sie grüßten hinab.

Der Fürst brachte dem König und der Armee ein donnerndes Hoch, ein

dreifach donnerndes Hurra antwortete.

Im Hofgarten reckten die Bäume ihre schon herbstlichen Blätter in’s

Fackellicht, und der stille Weiher spiegelte den Glanz wider. Ein

letzter, sommerlicher Hauch strich säuselnd durch’s hohe Gras. Der

Herbst war vor der Thür, der Winter würde kommen, Schnee und Eis

bringen, aber was machte das?! Träume standen auf, frühlingsfrische,

hoffnungsgrüne Träume. In den Wipfeln rauschte es von: ›Friede,

Friede!‹

Die Wacht am Rhein · 第 67 / 74 题