Herr vom Werth hatte den Sohn gefunden. In einem Lazarett war
der gestorben. Der gebeugte Vater hatte seinen Stammhalter unter
unsäglichen Mühen mit in die Heimat geschleppt. Ob es wirklich Eugen
war? Man hatte den Sarg nicht mehr öffnen dürfen. Aber so hatte die
unglückliche Mutter wenigstens nun den schwachen Trost, auf dem Grabe
Blumen pflegen und sie mit ihren Thränen begießen zu können.
Wo der Peter begraben lag, das konnte der Mutter niemand sagen. Und
wenn sie hingeeilt wäre und hätte mit ihren Nägeln die blutgedüngte
Scholle des großen Totenackers aufgerissen – sie hätte ihn nicht
gefunden.
»Er ist im ewigen Leben,« sprachen Schwester Eustachia und Schwester
Daria, die Mägde Christi, und ihre Oberin, Mutter Clara, die mit
Josefine zusammen pflegten.
»Wär’ et dir so lieber, Fina?« tröstete der Invalide und wies auf sein
fehlendes Bein.
»Finken, ich reis’ hin,« versicherte Schnakenberg, »so wie et irjend
anjeht. Wat de vom Werth kann, kann ich auch. Un wenn ich ihm auch nit
mitschlepp’, de Peter, ene schöne Stein laß ich ihm da setzen.«
»Du has noch einen Sohn,« sagte Bruder Friedrich, »verjiß dat nit! Un
de wird jroß wachsen in der neuen Zeit – wer mit Thränen sät, wird mit
Freud’ ernten!«
Und der Kleine schmiegte sich an sie:
»Mutter, ich bleib’ bei dir!«
Trost, so viel Trost! So viel mitleidsvolle Blicke, so viel
teilnehmende Händedrücke – so viel schwarze Kleider, wie sie selbst
eins trug, rings umher! Und doch kam in ihr Herz kein Friede. Ihr Sohn
tot, von den Franzosen erschossen – gemordet! Ihr schöner, blonder
Junge von diesen Bestien! Eine Wut überkam sie gegen die rotbehosten
Horden, gegen den Napoleon, der all dies Unglück verschuldet. Auf der
Straße sangen die Knaben Spottlieder:
›Was kraucht denn da im Busch herum?
Das ist der Herr Napolium –‹
Das that ihr wohl. Und als ein paar französische Offiziere, die, den
Arm in der Binde, spazierten, von der Straßenjugend belästigt und
beschimpft wurden, hätte sie sich auch bücken und einen Stein aufraffen
mögen. ›Was wollt ihr hier, ihr Räuber, ihr Mörder – Brot, Obdach,
Pflege?! Krepiert! Gebt mir meinen Sohn wieder, meinen Peter!‹ Sie
fühlte einen wilden Haß in sich, eine brennende Wut. Alles in ihr
empörte sich, wenn sie sah, daß es Leute gab, die verwundete Franzosen,
besonders Offiziere, in ihre spezielle Obhut und Privatpflege nahmen.
Sie stimmte lebhaft denen bei, die darüber murrten; mußten nicht die
Franzosen warten, zurückstehen, bis erst alle, alle Deutsche versorgt
waren?!
Und es kamen deren so viele: Preußen, Bayern, Sachsen, Hessen,
Württemberger, Hannoveraner, und so manch’ rheinischer Jung’! Man hatte
geglaubt, unendlich viele Betten zur Verfügung zu haben, aber immer
waren es deren noch nicht genug; aus dem Arresthaus wurden Arrestanten
zum Exerzierplatz geführt, um dort schnell Matratzen fertigen zu
helfen. Allerorten sammelte man Geld, Kleidungsstücke, Lebensmittel.
Die reichen Hammer Bauern fuhren ganze Wagen voll Gemüse und Kartoffeln
bei der Kaserne vor, und auch vom Wochenmarkt kam ein hochbepackter
Karren an, zu dem selbst das ärmste Bäuerchen von den Eiern seiner
wenigen Hühner, von der Butter seiner einzigen Kuh beigesteuert. Es
galt alle die langsam der Genesung Entgegengehenden zu kräftigen, und
alle die rasch dem Tod Verfallenden noch zu erquicken.
Täglich ging Josefine zur Mutter Brenzen, der Apfelkönigin, die das
schönste Obst der Stadt vor Konditor Geislers Thür feil bot. Da thronte
die Alte, die Füße auf dem Stovechen, Winter und Sommer in’s gleiche
graue Umschlagetuch gehüllt, den mit schwarzen Bartstoppeln reichlich
umsetzten Mund brummig geschlossen. Sie war berüchtigt grob. Aber
jetzt lächelte sie und zeigte ihren einzigen Stockzahn: »Für Euer’
Kranken? Da!« Und sie legte noch drei extragroße, herrliche Trauben
auf das Pfund obenauf und steckte ein paar Handvoll der erlesensten
Spalierbirnen in Josefines Ledertasche. »Nehmt et nur, freut mich, wann
’t de Junges schmeckt – bis morjen!«
Manchem im Wundfieber Durstenden that so die alte Brenzen wohl. Die
Augen der Kranken leuchteten auf, wenn Josefine mit den Früchten kam;
besonders die Augen der Franzosen glänzten: Ah, Früchte, Früchte! Fast
so schön wie zu Hause in Frankreich! Aber Josefine ging an den Feinden
vorbei; für alle hatte sie nicht genug.
Mit dem französischen Fahnenträger in der Feldwebelstube ging es
schlecht; beide zerschmetterten Arme hatte man ihm amputiert, und seine
Schußwunde durch die Backe drohte brandig zu werden. Grausam entstellt,
lag er regungslos; er klagte nicht, er konnte ja nichts sagen, nur
seine Augen sprachen aus dem verschwollenen Gesicht und folgten
sehnsüchtig der Traube, die Josefine täglich seinem Nebenmann reichte.
Sie hatte sich wenig mehr um ihn gekümmert und seine Pflege fast
ganz den Nonnen überlassen – wozu sollte sie ihr längst vergessenes
Französisch wieder hervorholen?!
Heut kam die Nonne gelaufen: »Ach, Frau Conradi, haben Sie keine Traube
mehr? Ich glaube, der Franzos’ möchte gern eine; er sah Ihnen so nach,
die Thränen kamen ihm in die Augen.«
Josefine hatte nur noch eine Traube, und diese letzte war für einen
andern bestimmt.
»Er wird bald sterben,« setzte die Nonne hinzu.
Da ging Josefine und holte die Traube, zögernd, fast widerwillig. Mit
einem unbeschreiblichen Ausdruck von Gier sah ihr der Franzose entgegen
und bewegte die trockenen Lippen:
»_Des rai – des rai –!_«
Das war nur ein unartikuliertes Stammeln, mehr ein Wunsch als ein Wort.
Eine große, saftige Beere drückte Josefine ihm in den mühsam ein wenig
geöffneten Mund; und so fort, alle Beeren, bis die Traube nur noch ein
leeres Gerippe war. Mit einem Seufzer und einem gehauchten ›_merci!_‹
schloß er die Augen.
»Der arme Junge,« sagte Schwester Daria, »wer weiß, zu Haus hat er
vielleicht einen Weingarten gehabt!«
Arm, ja, aber es gab doch noch mehr arme Jungen! Josefine hätte ihm
am liebsten kein Mitleid gegönnt, und doch ging sie nun morgens und
abends zu ihm und erquickte ihn mit dem Saft einer Traube. Das war fast
das einzige, was er zu sich nahm. Er wartete schon immer, er lauerte
darauf, das merkte sie wohl. Aber sie sprach nie zu ihm, das konnte
sie nicht über sich gewinnen. Ihr Peter, ihr Peter! – Sein blutiger
Schatten reckte sich auf zwischen ihr und diesem da.
Am dritten Abend gab sie dem Fahnenträger wieder seine Traube, da sah
er sie an, so bittend, so herzbeweglich, so über alle Maßen traurig,
daß sie sich über ihn neigte. Zum ersten Male erwiderte sie seinen
Blick.
Und sein Auge schweifte von ihrem schmerzversteinerten Gesicht hinunter
über ihr schwarzes Trauerkleid; mit großer Willensanstrengung hob er
ein wenig den Kopf und nickte:
»_Pau–vre mère!_«
Was, was hatte er gesagt?! Sie saß wie erstarrt, ganz erschrocken.
Meinte er sie, oder dachte er an seine Mutter?! Sie wußte es nicht, es
war auch gleich. Arme Mutter – arme Mutter – da sprang ihr plötzlich
etwas wie ein Reifen vom Herzen, und lang entbehrte, heftige Thränen
stürzten ihr jäh aus den Augen und blendeten ihren Blick.
Das war nicht mehr der feindliche Fahnenträger, ein verhaßtes,
französisches Gesicht – das war nur ein Sohn, auch einer Mutter lieber
Sohn! _Pauvre mère_ – das hatte sie getroffen in innerster Seele.
Mühsam ihr Schluchzen bezwingend, blieb sie an seinem Bett sitzen noch
bis gegen Mitternacht. Sie sah, es ging zu Ende. Die Stunden schlichen,
das Lämpchen an der Wand brannte trübselig, als wollte es erlöschen,
matte Fliegen kreisten langsam oben an der getünchten Decke. Sie hatte
ihr Taschentuch gezogen und wischte ihm ab und zu den Schweiß von der
Stirn; dann öffnete er jedesmal die Augen und sah sie an.
»_Ma–man!_«
Es war nur ein Hauch. Sie fröstelte und zitterte und weinte.
Endlich mußte sie doch gehen, die Nonne, die die Nachtwache hatte, kam
und trieb sie fort. Langsam schritt sie über den Kasernenhof heim; kaum
konnte sie voran, so schwer trug sie – aller Mütter Leid lag ja auf ihr.
Die Ahornbäume rauschten einen Trauerchor. Als sie das schwere
Kasernenthor öffnete, gähnte die Straße dunkel wie ein Grab. Verstummt
die Vaterlands- und Siegeslieder, nur der Nachtwind wimmerte um die
Ecken eine klägliche Melodie. Es klang wie weinen.
Als sie am nächsten Morgen mit dem frühesten ihre Traube in die Kaserne
brachte, war der junge französische Fahnenträger tot. Er war einer der
ersten, der draußen an der Duisburger Chaussee auf dem erweiterten
Kirchhof begraben wurde.
Und andre folgten ihm nach.
* * * * *
Der große Sieg bei Mars la Tour war errungen. Wieder hatten die Glocken
geläutet, Raketen geknattert, der Oberbürgermeister vom Balkon des
Rathauses herab ein dreimaliges Hurra auf König und Heer ausgebracht,
und wieder hatte Platz für Verwundete not gethan, und die Tonhalle mit
ihren Festsälen war zum neuen Lazarett eingerichtet worden, und auch
die Maler hatten ihren Malkasten geöffnet.
Und wiederum ein glänzender Sieg: bei Gravelotte! Jubelruf und
Klageschrei erklangen zugleich – die braven Neununddreißiger hatten bei
Gravelotte wieder heran gemußt, und wenn der Tod auch ihre Reihen nicht
niedergemäht wie bei Spicheren, manch einer hatte dran glauben müssen.
Der zweiundzwanzigste August brachte sieben Schiffe mit Verwundeten,
zwei darunter ganz voll Turkos und Zuaven. Aber die Bürger rannten
nicht mehr hin, die Schwarzen anzugaffen; nun hatte man deren genug
gesehen, arme Kreaturen, die dankbar waren für einen Trunk und einen
Bissen Brot.
In der Kaserne war schon manches Bett leer geworden; manch einer, der
darin gelegen, war wieder in’s Feld gerückt, manch andrer auch als
kriegsuntüchtig in die Heimat entlassen und mancher an einen ganz
stillen Ort verzogen. Nun waren die siebenhundert Betten wieder frisch
gefüllt, abgerechnet all die Passanten, die nur einen Tag ausruhten, um
dann, frisch verbunden und gelabt, weitergeschafft zu werden.
Wer hatte noch Kraft zum Pflegen?! Alle. Keiner war müde.
Auch Josefine nicht; noch war kein Tag, an dem ihre Füße sie nicht
getragen, ihre Arme versagt hätten. Ihr Saal im Kasino lag voll, ihre
Blocks auch; und unter allen hatte sie nun zwei alte gute Bekannte zu
pflegen: Unteroffizier Schmidt und den jungen Hucklenbruch, den bei
Gravelotte die Kugel in die Brust getroffen hatte.
Bett an Bett lagen jetzt die beiden Rivalen, die sich einst gemieden;
aber es war nicht der Zufall, der das so gefügt, Schmidt hatte
flehentlich darum gebeten. Waren sie doch beide am selben Tag
verwundet worden. Beide hatten sie unsäglich lange Stunden, unweit von
einander, auf dem Schlachtfeld geschmachtet, bis es Schmidt gelungen
war, auf allen Vieren zu dem schon bewußtlosen Kameraden hinzukriechen
und ihm aus der Feldflasche, die er einem toten Tambourmajor aus
der starren Hand gewunden, ein paar Tropfen einzuflößen. Dann hatte
auch ihn das Bewußtsein verlassen; Seite an Seite waren sie beide
hinübergeschlummert in die starre Unendlichkeit, bis sie, doch
wieder erwachend, sich im gleichen fliegenden Feldlazarett fanden.
Beide wurden sie mit dem gleichen Transport heimwärts geschafft. Und
die ganze furchtbare Reise hindurch hatte Schmidt, dem ein kleiner
Granatsplitter am Kopf noch lange nicht alle Schneid genommen, den nach
Luft ringenden Hucklenbruch, dem der Atem durch ’s Kugelloch in der
Lunge pfiff, in halbsitzender Stellung gehalten. Die wenigen Stunden
Schlaf hatte der arme Junge an seiner Brust gefunden.
»’ne faule Sache,« flüsterte Schmidt bekümmert Josefine zu, die in halb
schmerzlicher, halb freudiger Erregung des Wiedersehens an sein Bett
geeilt war, und wies mit dem Blick hinüber nach dem Nebenmann. Der lag,
wächsern und still, in seinen Kissen, bis auf’s letzte erschöpft vom
Transport, vom Betten, Untersuchen und Verbinden.
Das Herz im Leibe drehte sich Josefine um. Wie oft hatte der
Hucklenbruch seelenvergnügt in ihrem Lädchen gesessen, und nun mußte er
so daliegen!
»Ja, denn man lieber jleich weg,« flüsterte Schmidt. Und dann sah er
Josefine ganz seltsam an; seine sonst so kecken Augen wurden feucht und
nachdenklich.
»Ich hab’ Ihnen auch noch was zu bestellen, Frau Conradi, ’nen –« er
zögerte und strich sich verlegen den Schnurrbart – »’nen Jruß!«
»Von wem?« Warum fragte sie noch? Ach, sie wußte ja von wem! Es konnte
nicht anders sein, sie empfand es am wilden, rasenden Schlagen ihres
Herzens, jetzt kam etwas, ein Gruß, ein Gruß von – von –! Ihre Kniee
brachen, unwillkürlich sank sie am Bett nieder und faltete die Hände
krampfhaft: »Och Jott, vom Peter!«
Der Verwundete nickte. Die Botschaft wurde ihm nicht leicht, seine
Stimme klang aufgeregt:
»Da – aus meinem Rock, jeben Se mal her – aus der Brusttasche – so,
mein Notizbuch. Ich habe nämlich – was Jeschriebenes für Sie – ’nen
Zettel – ich habe immer höllisch drauf ufjepaßt.«
Sie konnte das Notizbuch nicht gleich finden, ihre Hände zitterten zu
sehr.
Nun kniete sie wieder am Bett, und Schmidt machte umständlich das
Büchelchen auf, suchte umständlich darin. Sie hielt den Atem an und riß
die Augen auf: was würde sie lesen?! Daß er tot war, daß wußte sie ja –
aber =wie= war er gestorben, wie?!
Dauerte das Suchen denn Stunden lang?! Eine Ohnmacht wollte sie
ankommen, ihre Lippen bebten, ihre ganze Gestalt; kein Wörtchen konnte
sie lallen. Aber jetzt – jetzt, gleichsam aus weiter Ferne schlug
Schmidts Stimme an ihr Ohr:
»Er starb wie ein Held!«
Da seufzte sie tief auf, als sollte der Atem ihre befreite Brust
sprengen, und riß gierig den Zettel an sich. Laut schrie sie auf: das
war ihr Zettel, ihres Vaters Zettel, den sie dem Sohn in letzter Stunde
zugesteckt beim Ausmarsch!
Und er hatte das Vermächtnis angetreten.
Da stand: ›Über alles die Ehre!‹ und darunter gekritzelt, mit Blut:
›Liebe Mutter, adjüs.‹ – – –
»Ehre, wem Ehre jebührt,« sagte Schmidt. »Der Junge war ’n janzer Kerl,
bis zum Tode!«
Josefine drückte dankbar die Hand, die ihr den Zettel überbracht, dies
Teuerste, was sie von nun an in ihrem Leben hatte.
Viele Tage trug sie das verknitterte, vergilbte, blutbefleckte Papier
auf ihrer Brust. Da lag es und gab ihr ungeahnte Kraft; aber dann
schloß sie es doch in die Truhe, in ihr Nähkästchen, zu den Andenken
ihrer Jugend und Ehe. Jetzt hatte sie den Talisman nicht mehr nötig,
sie war ruhig geworden in sich. Nicht mehr von der steinernen Ruhe
jener ersten Zeit, nein, Gott sei Dank, sie konnte weinen! Aber in ihre
Thränen mischte sich das Gefühl des Stolzes: mein braver Sohn! –
Von ihren Kranken empfing Josefine besondere Zeichen des Vertrauens.
»Schreiben Sie an meine Mutter,« bat mancher Soldat.
Und so saß sie denn an den Betten und ließ sich in die Feder diktieren
von schwachen Stimmen, aber von Herzen, die jetzt doppelt stark
empfanden für die Mutter daheim.
Und wunderliche Antworten liefen ein aus Nord und Ost und Süd und West
des weiten Deutschen Reiches. Aber immer, trotz der lächerlichsten
Orthographie, trotz aller Verquickung, las man’s heraus, das in Angst
und Liebe und Sehnsucht gestammelte: ›Mein lieber Sohn!‹
»Werte Frau,« sagte Unteroffizier Schmidt eines Tages – er war schon in
der Besserung und schluffte bereits in Filzpantoffeln bis zum Bett des
Westfalen –, »werte Frau Conradi, würden Sie für mir nich auch mal ’n
kleenes Briefchen schreiben?«
»Jern.«
»Na, nämlich« – er zupfte schon wieder an seinem Schnurrbart und
versuchte ihm den früheren kühnen Aufwärtsstrich zu geben – »na, da
ich nu doch mal kein Glück bei Sie habe« – er sah ihren ernsten Blick
und nickte – »nehm’ ich ja nich übel, is ja jetzt janz natürlich, und
denn auch schon von wejen Hucklenbruchen – wär’ mir wirklich penibel!
Na, nämlich, ich habe mir’s jeschworen, als mir die Kugeln man so um
die Ohren pfiffen, und die Kameraden um mich ’rum fielen, in Schwaden,
wie jemäht: ›Junge, Junge, wenn de ’rauskommst, wirste ’ne alte Schuld
wieder jutmachen!‹ Denn die Schramme da am Schädel rechnet nich, die
is balde heil, und ich mache noch mal los. Also: ich habe da nämlich
en Mächen zu sitzen, an de Panke wohnt se, jroßer Staat ist jerade
nich mit se zu machen, arm is se man, und auch lange nicht so hübsch
wie Sie, werte Frau! Na – aber se hat nu mal ’nen Jungen von mir! Also,
haben Se die Jüte, werte Frau, schreiben Se schon man los: ich wer’
ihr heiraten. Es drückt mir’s Herz ab, ich kann nich warten, bis ich
alleene schreiben darf. Die Aujuste wird jeheirat’t stantepe, sowie
der Krieg ’rum is. Denn, wissen Se, so in ’n Krieg wird einen janz
schnurrig zu Mute. ’s is lange nich so, als wie die Leute sich denken.
Un mit die Bejeisterung is det allens Mumpitz. Un mit den Haß auf den
Feind auch. Davon weiß man jarnischt in der Schlacht, man weiß von sich
selber so jut wie jarnischt; was befohlen wird, wird jemacht: einfach
rin! Muß ’t nu mal sind, denn man los! Das können Sie mir jlauben. Aber
an die Juste schreiben Se man, bitte!«
* * * * *
Die Firma S. Sternefeld am Alleeplätzchen hatte annonciert,
fettgedruckt, die halbe letzte Seite im Blättchen allein für sich in
Anspruch nehmend:
›=Fahnen, Fahnen=!