Wenn nur die Ungewißheit nicht gewesen wäre! Aber nein, keine
Ungewißheit mehr, es war schreckliche Gewißheit. Josefine fühlte es an
dem stummen Händedruck, mit dem der Oberstleutnant sie begrüßte, als er
ihr auf dem Hof begegnete: er hatte Mitleid mit ihr.
Da waren einige Glückliche, die Nachricht von den Ihren bekommen hatten
– sie hatte keine Nachricht von ihrem Sohn.
Nun war der zwölfte August schon herangekommen; wenn Peter noch lebte,
hätte er ihr Kunde gethan, das wußte sie ganz genau. So suchte sie ein
schwarzes Kleid hervor, sie mochte kein andres tragen. Stumm und starr
that sie ihre Pflicht; die Verwundeten folgten ihr mitleidig mit den
Blicken, aber wagten nicht, sie zu fragen.
So rastlos war Josefine noch nie umhergegangen, von Block zu Block,
treppauf treppab, von Bett zu Bett; ihre Füße waren dick geschwollen
durch die Anstrengung, sie merkte es nicht. Die Nonnen baten: »Ruhen
Sie doch!« Aber sie schüttelte stumm verneinend den Kopf. Wie konnte
sie ruhen?! Wieder von Block zu Block, treppauf treppab, von Bett zu
Bett.
Es ging auf den Abend des dreizehnten August, die warme Dämmerung
senkte sich bereits auf die Ahornbäume im Kasernenhof; der lag ganz
still, nur ein paar Wärter huschten in die Küchen.
Doch jetzt eine laute, klagende Frauenstimme, die bis hinauf zu
Josefine drang. Und dann des Oberstleutnants dringendes Zureden:
»Gnädige Frau, hier ist er nicht, ich versichere Sie! Gnädige Frau,
beruhigen Sie sich doch! Sie regen sich unnütz auf, er ist nicht hier!«
Zwei ängstliche Mädchenstimmen baten:
»Liebe Mama, hier ist er nicht, du hörst es ja! Mama, komm doch nach
Haus, bitte, bitte! Papa wird ja Nachricht schicken! Komm doch, Mama,
bitte!«
»Gnädige Frau, wie können Sie nur zweifeln? Wäre er hier, ich müßte es
doch wissen!«
»Aber Leute sind doch hier, die mit ihm in der Schlacht waren,
Verwundete! Die haben ihn gekannt. Ach, sie müssen ihn ja kennen!« Der
laute Klageton wurde noch lauter: »Die will ich fragen!«
»Gnädige Frau, so sehr ich bedaure, der Eintritt ist nicht gestattet –
besonders so spät – ich – gnädige Frau bemühen sich vielleicht morgen
früh noch einmal –«
»Ich =muß= sie fragen! Gleich, jetzt!«
Josefine zuckte zusammen – das war Verzweiflung! Jetzt hörte sie auch
schon eilende Schritte auf der Treppe – da gab’s kein Zurückhalten
– die Thür zum ersten Zimmer wurde aufgerissen, fast stürmte eine
schlanke Dame herein. Sie schlug den Schleier zurück, und ihre großen,
dunklen, wie Irrlichter flackernden Augen fuhren über die Betten hin.
Sie sah Josefine.
»Ist hier mein Sohn, mein Eugen?«
»Die gnädige Frau sucht ihren Sohn. Der Leutnant vom Werth war mit
bei Spicheren,« sagte der Oberstleutnant erklärend und blinzelte der
Pflegerin zu. »Er ist nicht hier, gnädige Frau – darf ich bitten?« Er
bot der Dame den Arm, um sie wegzuführen.
Aber sie beachtete es nicht. Wie auf Flügeln eilte sie immer weiter,
die Betten entlang, über jedes Lager beugte sie sich; mit einem
Laut jammernder Enttäuschung fuhr sie jedesmal zurück, aber sie
eilte weiter, weiter, durch alle Stuben, durch den Krankensaal im
Offizierskasino, von Block zu Block, treppauf treppab, von Bett zu Bett.
Den weinenden Töchtern und dem zugleich verwirrt und ärgerlich
dreinblickenden Oberstleutnant blieb nichts übrig, als ihr zu folgen.
Auch Josefine folgte, mechanisch, wie hingezogen – die Frau suchte ja
ihren Sohn!
Am letzten Bett drehte sich Frau vom Werth um.
»Er ist nicht hier!« schrie sie in einem herzzerreißenden Ton, und dann
fiel ihr flackernder Blick auf Josefines schwarzes Kleid.
Auge in Auge sahen sich die beiden Mütter.
»Sie sind in – Trauer?« sagte Frau vom Werth stockend, und im Ausdruck
des Entsetzens krampften sich ihre Züge zusammen. »Um – wen?«
»Um meinen Sohn!«
»Um Ihren Sohn?!«
Mit einem Wehlaut fiel die elegante Dame Josefine in die Arme; sie
schluchzte herzbrechend:
»Mein Eugen war mit bei Spicheren, wir haben keine Nachricht, mein Mann
ist hingereist, er sucht ihn – o, mein Gott, mein Sohn!«
Josefine blieb stumm, aber sie zitterte am ganzen Leib – das war die
schöne Frau vom Werth, die reiche Frau vom Werth? Jetzt so arm wie sie!
Das war die Cäcilie von Clermont, die einst mit ihr auf der Schulbank
gesessen?! Sie suchte und fand keine Ähnlichkeit mehr, alle Schönheit
war weggeweint.
»Kennen Sie mich noch?« flüsterte sie traurig. »Ich bin die Josefine
Rinke.«
»Rinke – Josefine – Rinke – ah, Fina, Finchen!« Die unglückliche Frau
rang die Hände. »Ach Fina, was ist uns geschehen!«
Sie löste sich auf in Thränen. Aber Josefine konnte nicht weinen.
Vergebens hingen sich die Töchter – schöne, schlanke Mädchen – an ihre
Mutter. Sie stieß sie von sich: »Mein Eugen, mein Sohn!«
Endlich ließ sich Frau vom Werth von Josefine fortführen; diese
leitete sie die Treppe hinunter. Unten im Hof, unter den wispernden
Ahornbäumen, unter den Sternen, die blaß heraufzogen, standen sie
kummervoll noch wenige Augenblicke zusammen.
»Mein Sohn, mein Eugen!« ächzte Frau vom Werth, als sie, halb
ohnmächtig, von ihren Töchtern gestützt, an die wartende Equipage
wankte.
Der Oberstleutnant schlug den Schlag zu und wischte sich den Schweiß
ab: Gott sei Dank, daß das vorüber! –
Am nächsten Morgen veröffentlichte die Zeitung die, freilich noch
längst nicht abgeschlossene, erste offizielle Verlustliste des
neununddreißigsten Regiments:
›Tot .... Verwundet .... Vermißt .... Summa ....‹
Die Summa war groß.
Unter den Toten war Füsilier Peter Conradi verzeichnet; unter den
Vermißten Sekondeleutnant Eugen vom Werth.
Aber auch der war tot; kurze Zeit darauf stand folgende Anzeige in
allen Blättern:
›Den Heldentod für’s Vaterland starb, infolge einer am 6. August
im Gefecht bei Spicheren erhaltenen schweren Verwundung, unser
einziger, inniggeliebter Sohn =Eugen Ernst August vom Werth=,
Sekondeleutnant im Niederrheinischen Füsilierregiment Nr. 39.