Drüben auf der andern Seite, auf Bahnhof Oberkassel, sollten die
ausrückenden Truppen in Extrazüge verladen werden; ganz Düsseldorf gab
ihnen das Geleit.
Peter marschierte am Haus der Mutter vorbei, den gerollten Mantel über
der Brust, den Tornister hinten auf, mit Stiefeln und Kochgeschirr;
Gewehr über, Brotbeutel und Feldflasche und Faschinenmesser an der
Seite. Da stand sie unter der Thür. Und ehe er sich’s versah war sie
auf ihn zugesprungen und hatte ihm einen Zettel in die Hand gedrückt:
»Nimm dat! Adjüs, Peter, adjüs!«
Und alle Nachbarn winkten:
»Adjüs, Peter, adjüs!« –
An der festlich beflaggten Rheinbrücke hatten sich der Ferdinand und
der Fritz aufgestellt. Das Stelzbein des Invaliden verschaffte ihnen
überall einen Platz ganz vorne an. So konnten sie nachher der Mutter
genau berichten. Alle Behörden waren zugegen, der Oberbürgermeister
an der Spitze; jenseits der Brücke hielt der Divisionskommandeur,
Generalleutnant von Kameke; Böller knallten zu beiden Ufern des Rheins,
und brausendes Hurrageschrei übertönte jeden klagenden Abschiedsruf.
Die Regimentsmusik spielte, und tausende von wehenden Taschentüchern
winkten den scheidenden Helden Lebewohl.
Der Invalide war ganz außer sich vor Aufregung: ja die, die wurden
gefeiert, als hätten sie schon hundert Siege erfochten! Wer dachte
noch derer von Sechsundsechzig?! Und wenn die hier wiederkamen,
blessiert aus der Schlacht, dann brauchten sie sich nicht zu grämen,
für sie würde der Staat Geld genug haben und die Bürgerschaft auch.
Die brauchten sich nicht in den Ecken herumzudrücken und zu Tisch
zu sitzen um Gottes willen. Der Neid fraß ihm am Herzen. Ä, dies
lumpige Sechsundsechzig! Kein Hahn krähte mehr danach, und wenn man
dran dachte, geschah’s fast wie mit Beschämung; Bayern und Hessen und
Hannoveraner, die waren jetzt gute Freunde. Ach, daß er seine gesunden
Glieder noch hätte, ach, daß er jetzt mitziehen könnte in diesen Kampf,
den Deutschland ausfocht, ja, das ganze Deutschland! Er hätte weinen
mögen.
Unweit des Bahnhofs, im nächsten Wirtshaus, setzte er sich fest und
betäubte seinen Schmerz und Groll. Den Kleinen ließ er allein nach
Hause laufen.
Josefine wußte nicht, wie ihr der Vormittag hingegangen, auch nicht,
wie der Nachmittag; alle Vorräte im Lädchen waren durcheinandergewühlt,
sie mußte nachsehen und aufräumen.
Aber am Abend, am Abend da kam ihr das Leid. Weinend warf sie sich
vor ihres Peter Bett auf die Kniee und küßte das Kissen, darauf sein
Kopf geruht. So lag sie lange, und dann stand sie am Fenster und
starrte hinüber zur Kaserne. Wie verödet die war! Kein Licht hinter
den Fenstern, nur die Sterne standen über’m Dach und funkelten darauf
nieder mit grausamer Klarheit. Leer, leer – all die guten Jungen fort!
Ob sie je wiederkamen?! ›Se schießen dich nit tot,‹ hatte sie dem
zagenden Sohn gesagt, ›du kömmst wieder!‹ O, mein Gott! Jetzt rang sie
die Hände empor zum nächtlichen Himmel in tödlicher Ungewißheit.
* * * * *
War die Garnison auch ausgerückt, die Stadt kam darum doch nicht zur
Ruhe, und das war auch gut. Noch strömte es immer mit frischen Kräften
zur Grenze; es schien, als zöge Deutschlands ganze Waffenmacht an
Düsseldorf vorbei. Draußen auf der Wasserstation, weit vor der Stadt,
passierten Truppenzüge Tag und Nacht. Patriotische Lieder aus vollem
Halse singend, hingen die jungen Burschen mit halbem Leib zu den
Waggonfenstern heraus; sie schmetterten mit allem Jugendeifer: Hurra,
Hurra! Wie lange noch, und statt des munteren Singens würde man Stöhnen
hören, und statt der lachenden Gesichter, der winkenden Arme, die nach
Biergläsern und Butterbroten zappelten, Wunden sehen, bleiche Gestalten
auf Bahren heben, die nichts mehr verlangten, als einen stillen
Unterschlupf, ein Bett zum Ruhen, vielleicht auch zum Sterben.
Jetzt galt es, Lazarette zu rüsten.
Herr Schnakenberg war ungemein thätig. Er war zwar erst in der
letzten Nacht vor’m Ausrücken der Garnison, in einen Militärtransport
eingepfercht, verschmutzt und verschmachtet, von Karlsbad angekommen
– zwei Tage und zwei Nächte hatte die Reise gedauert –, jetzt aber
holte er nach, was er bislang versäumt. Diese strapaziöseste Tour
seines Lebens kam auch noch auf Conto der Franzosen, die wollte er
ihnen eingedenk bleiben. Er that alles, um sich an ihnen zu rächen.
Tagelang konnte man ihn auf der Wasserstation geschäftig hin und her
rennen und den durchpassierenden Vaterlandsverteidigern Cigarren in die
ausgestreckten Hände stecken sehen – feine Marke, keine Liebescigarren!
– und kleine Heftchen: ›Vorwärts! Auf nach Paris! Drei Krieglieder für
deutsche Soldaten von Emil Rittershaus,‹ und Flaschen mit Cognac und
Magenbitter und wollene Leibbinden gegen die Diarrhöe. Nichts war ihm
zu teuer. Auch bei so und so viel Komitees war er im Vorstand, unter
keinem Aufruf fehlte sein Name. Er hatte ja keine Kinder, wozu sollte
er sparen? Die da auszogen für’s Vaterland waren alle, alle seine
lieben Söhne.
So wie Herr Schnakenberg thaten viele in Düsseldorf; man war dort nie
knauserig gewesen, jetzt wurde man fast verschwenderisch. War es doch
auch, als ob alles Geld sich verdoppele, zwei Thaler hatten sonst nicht
weiter gelangt, als jetzt einer; es ruhte ein Segen darauf.
Und es war auch, als ob die Häuser weiter würden, die Räume größer. Wie
hätte man sonst so viel Betten aufschlagen können?
Die Nönnchen krochen in die engsten Winkel zusammen und überließen ihr
Refektorium und ihren Betsaal. Die Schwestern vom heiligen Franziskus,
die von Mariahilf, die Kreuzschwestern, die Karmeliterinnen, selbst
die armen Dienstmägde Christi im Klösterchen zu Bilk stellten ihre
Kräfte und alles, was sie sonst noch besaßen, zur Verfügung. Das neue
Marienhospital wurde rasch eingeweiht. Im evangelischen Krankenhaus
wußten die Diakonissen nicht, wo ihnen der Kopf stand, so viel hatten
sie herzurichten; aber zwei Hände wurden zu zwanzig.
Und die Kaserne, die alte Kaserne mit ihren engen Blocks, dem
niedrigen Offizierskasino und den verräucherten Kantinen wurde zum
größten Lazarett. Da wurde gekehrt und gescheuert, frisch gekalkt und
gestrichen, geräuchert und mit Karbol gespritzt. Auf dem Exerzierplatz
wurden Baracken gebaut.
Josefine sah stündlich hinüber: wie sie sich da beeilten und schafften!
Bald würden die ersten Verwundeten kommen. Das Herz krampfte sich ihr
jetzt oft zusammen in einem jähen Schmerz, und doch hatte sie gute
Nachricht von ihrem Peter. Dreimal hatte er ihr schon geschrieben,
freilich nur Feldpostkarten mit Bleistift, aber sie sah doch seine
schöne, deutliche Handschrift, und sie fühlte es aus jeder Zeile
heraus, aus jedem Wort: er war ruhig. Sein Bataillon marschierte
jetzt durch die Eifel auf Trier; er schrieb kaum was vom Krieg, die
blühende Heide oben auf dem hohen Venn, die wunderbaren Sonnen-Auf- und
Niedergänge entzückten ihn. Auch daß er nicht marode geworden sei beim
glühenden Brand des Tages, wie so manch andrer, schrieb er, und daß er
sich nicht die Füße durchgelaufen habe, sondern daß er gut marschiere
in den wollenen Strümpfen, die sie ihm gestrickt, und in den neuen
Stiefeln, die sie ihm beim Schuster Einbrodt hatte machen lassen. Ja,
er war ganz ruhig – Gott sei Dank! Aber sie, sie war es nicht mehr.
Im Lädchen war kaum etwas zu thun; ruhelos irrte sie umher, hierhin,
dorthin, vom Gärtchen bis zum Speicher – da oben stand noch ihr Bild,
versteckt in der Bodenkammer. Sie zog es aus der Kiste und kauerte
sich davor nieder. Es lachte sie an – aber da, da der Zug zwischen
den Augenbrauen – ›der deut’t an, dat se mal Leid kriegt‹ –, nein,
sie konnte es nicht mehr ansehen! Mit bebenden Händen, zitternd warf
sie das Bild in die Kiste zurück. Nein, so konnte sie’s nicht mehr
aushalten! Sie schrieb Briefe auf Briefe an ihr Kind – wann und wo
würden die ihn erreichen?! Es genügte ihr nicht; wie nur konnte er
fühlen, daß sie ihn umgab mit ihrer Liebe, mit ihren Wünschen, mit
ihren Gebeten zu jeder Stunde, zu jeder Minute?
Nur was thun, was thun!
Wie eine Erlösung kam ihr der Gedanke, daß sie sich anbieten könne, wie
so viele Frauen und Mädchen thaten, Kranke und Verwundete zu pflegen.
Der Ferdinand hatte ihr ja gesagt, um’s Geschäft brauche sie sich keine
Sorge zu machen, er wolle schon für den Rummel einstehen; und dann war
doch auch noch der Fritz da und der sagte: »Mutter, du kannst ruhig
jehn, ich pass’ schon auf!«
So lief sie hinüber in die Kaserne. Der alte Oberstleutnant, der,
längst zur Disposition gestellt, nun noch einmal in Aktion getreten
war, freudig die Lazarettverwaltung übernommen und schneidig, wie
ein Junger, kommandierte, sah sie unter seinen weißen Brauen hervor
freundlich an. Ja, die hier taugte ihm, die war besser, als die
enthusiasmierten Damen, die ihm beinahe das Bureau einliefen!
Josefine nannte ihm ihren Mädchennamen. Rinke – Rinke – ja, ja, da
entsann er sich. Soldatenblut, das war hier am Platz! Und er teilte
ihr das größte Revier zu: Hof I mit all seinen Blocks und der früheren
Feldwebelwohnung, und das Offizierskasino noch dazu.
Als er ihr dann die Hand gab, sah er ihr forschend in’s Gesicht:
»Sie haben einen Sohn dabei, Frau Conradi?«
»Jawohl, Herr Oberstleutnant.«
»Und ich ihrer drei,« sagte er, und es zuckte um seinen buschigen
Schnurrbart. –
Kranke waren schon eingetroffen, Schwache, die auf den Eilmärschen
zusammengebrochen; Mariahilf hatte sie aufgenommen. Aber noch harrte
man der Verwundeten.
Wie ein dunkler Vorhang hing’s der Stadt vor den Augen – wer lüftete
ihn?! Man hörte nichts von denen da draußen. Von einem Geplänkel an der
Grenze, von einem Treffen bei Saarbrücken wurde gemunkelt. Aber wer
war dabei gewesen, und war’s glücklich oder unglücklich ausgefallen?!
Vermutungen sprachen sich von Mund zu Mund; kein Gerücht schien so
unmöglich, daß es nicht kolportiert worden wäre. In einer qualvollen
Ungewißheit verstrichen so die ersten Augusttage.
Da plötzlich ein Extrablatt, in Riesenlettern war’s angeschlagen – daß
die Mauern nicht einfielen, die Bäume nicht umstürzten, die es trugen,
dies:
›=Glänzender aber blutiger Sieg der kronprinzlichen Armee bei
Weißenburg.=‹
Und kaum hatte man sich von dem Donnerschlag, der herrlich und
furchtbar zugleich die Spannung löste, in etwas erholt, ein zweiter
Donner:
›=Siegreiche Schlacht bei Wörth.=‹
Ein gellender Schrei stieg gen Himmel: Sieg, Sieg! Wer fragte vorerst
nach Verlusten? Man las nichts von ›blutig‹, nur Sieg, Sieg! In hellem
Jubel stürmte das Volk durch die Straßen; stolze Freudenfeuer, in jedem
Herzen, in jedem Auge entzündet, lohten empor: Sieg, Sieg!
Die Zeitungsexpeditionen wurden gestürmt; sie mußten ihre Thüren und
Fenster verrammeln. Man wollte mehr wissen, man forderte gierig sein
Teil am Geschehenen: Wieviel Franzosen tot? Wieviel gefangen? Wieviel
Kanonen erbeutet? Hat der Feind nun genug gekriegt?!
Die Nacht vom sechsten auf den siebenten August wurde ein vielstündiges
Freudenfest; wer hätte an schlafen gedacht? Sieg, Sieg – das prickelte
wie Champagner. Wer konnte noch bange sein, wenn Freudenschüsse es
dröhnten, wenn alle Glocken es sangen: Sieg, Sieg!
›Deutschland, dein Sonnentag erscheint!‹ rief der begeisterte Dichter
Rittershaus. Fürwahr, ein Sonnentag schien angebrochen, schon
schimmerte der Rhein golden, die Krone, die versunkene, hob sich von
seinem Grund strahlend zum Tageslicht.
Zwei große Schlachten gewonnen! Wahrhaftig, der seltsame Mann, der noch
immer predigte: ›_Maran atha_ – kommt, der Herr ist nahe! Hört ihr den
Donner, er kündet die nahe Wiederkunft des Herrn Herrn!‹ hatte recht –
das jüngste Gericht brach an über die Franzosen.
Sieg, Sieg! Josefine wurde mit fortgerissen vom allgemeinen Jubel;
auch sie war im Rausch. Ein unbeschreiblicher Enthusiasmus hatte auch
sie ergriffen. Mit flatternden Röcken lief sie über die Straße, mit
hochgeröteten Wangen und blitzenden Augen; sie konnte es nicht genug
hören, es nicht genug selber künden:
»Sieg!«
Sie konnte nicht stillsitzen, wie ein flüssiges Feuer lief es ihr durch
die Adern – Sieg! Wie würde der alte König sich freuen! Der würde
jetzt noch mehr von Herzen lächeln wie damals! Er grüßte das Vaterland
mit segnender Hand, und das Vaterland grüßte ihn wieder mit erhobenem
Schwert: Sieg, Sieg!
Josefine war stolz, auch ihr Sohn trug ein Schwert. Nur nachts in
stiller Stunde wollte ihr Herz bangen: wo war er? Zuletzt hatte sie aus
dem Biwak an der Saar einen Brief bekommen – sie trug ihn stets mit
sich herum – so einen lieben, verständigen, zärtlichen Brief:
›Es geht mir sehr gut. Viele Küsse an Dich und meinen Bruder, auch
an Onkel Friedrich und Onkel Ferdinand‹
›aber wohin wir marschieren wissen wir nicht,‹ das stand auch darin.
Wenn =er’s= nicht wußte, wie sollte sie’s dann wissen?! Wo war er, wo
war er?! Eine unbezwingliche Angst ergriff sie plötzlich, eine Pein,
keiner gleich, die sie je empfunden. Mitten in den Freudentaumel
hinein, der gar nicht enden zu wollen schien, hätte sie schreien mögen:
›Peter, wo bist du, Peter, Peter?!‹
War er am Ende bei dem Gefecht gewesen, das in diesen Tagen bei
Spicheren stattgefunden? Es war eine Depesche gekommen, nach der am
sechsten August dort ein Treffen gewesen sein sollte, aber näheres
war noch nicht bekannt; die siegreiche Schlacht am selben Tage bei
Wörth verschlang vorderhand alles andre. Spicheren – Spicheren –
ein komischer Name, ein häßlicher Name! Wo lag Spicheren? Josefine
fragte ihren Jüngsten, der wußte es auch nicht, aber er brachte seinen
Schulatlas, und da saßen sie, Wange an Wange gedrückt, die Köpfe
gebeugt, und suchten Spicheren und fanden es nicht.
»Weißte,« sagte Fritz zuletzt ganz enttäuscht, – er hatte gehofft,
der Mutter mit seiner Weisheit dienen zu können, – »ich jeh’
nach de Expedition vom Blättchen, da hängt en Spezialkart’ vom
Kriegsschauplatz, da will ich ens kucken!« Und er lief eilfertig.
Als er wiederkam, wartete die Mutter schon vor der Hausthür. Aber als
er außer Atem schrie: »Spicheren, dat is nur en Dorf, – Spicherer
Berg steht auf der Kart’ mit enem Sternchen derbei, – nit weit von
Saarbrücken,« wankten ihr die Kniee. Von der Saar, von der Saar hatte
der Peter ja zuletzt geschrieben, und nahe bei Saarbrücken war nun die
Schlacht gewesen! Lieber Gott, nur eine Nachricht von ihm, einen Satz,
eine Zeile, ein einziges Wort!
Es war ein Glück, daß jetzt die ersten Verwundeten kamen. Die
Eisenbahn hatte welche gebracht, und auch auf dem Rhein waren vier
Schiffe angekommen, vollgepfropft, Mann bei Mann; die ersten Franzosen,
Offiziere, Zuaven, Turkos darunter. Halb Düsseldorf drängte sich an der
Landungsbrücke und am Zollthor.
Ha, da waren sie ja, die Franzosen, die Spitzbuben, die Erzkujone!
Ein erregtes Gemurr summte, ein unterdrücktes Räsonnieren und
Schimpfen. Knaben, die auf die Laternenpfähle geklettert waren und
an den Simsen der Häuser hingen, streckten lang die Zunge heraus:
›Franzos’, Franzos’, rote Hos’!‹ Aber als nun die Schwarzen passierten,
Kerle, wie mit Stiefelwichse beschmiert, die langen Leiber in
schmutzig-weiße Burnusse gewickelt, mit den Zähnen klappernd unter dem
heute trübverhangenen Himmel, da wurde die Empörung ganz laut.
»Wie se de Zähn’ fletschen! Un so en Biester hat de Napoleon auf unsre
Junges jehetzt?!«
Ja, nun glaubte man’s, was man wie ein Märchen angehört: daß diese
braunen Teufel schreckliche Schandthaten an Verwundeten und Toten
verübt, ihnen die Augen ausgestochen, die Finger abgehackt hatten,
um so manchem treuen Landwehrmann den Ehering von der im Todeskampf
zusammengekrallten Hand zu ziehen.
»Schlagt se tot, die Schweinhund’!«
Es war gut, daß Polizei aufgeboten war, und daß die den Transport
geleitenden Unteroffiziere die Waffe blank trugen.
Und gar per Droschke wurden noch die meisten transportiert, konnten
die Kerle nicht bis zur Kaserne laufen?! Die Erbitterung wuchs und
wuchs, um plötzlich einem langgezogenen, zitternden ›Ah –!‹ Platz zu
machen. Man wich zurück und stellte sich doch auf die Zehen: »St, st!
Ein Toter!«
Von vier Männern getragen, schwankte die Bahre, von einer Pferdedecke
überspreitet.
O, der Arme war auf dem Transport, eben vor der Ankunft, gestorben!
War’s ein Deutscher, ein Franzose?! Man wußte es nicht. Man sah nichts
von ihm, nur eine kräftige junge Hand hing schlapp an der Seite unter
der Decke vor. Der jähe Tod hatte dieser jungen, kräftigen Hand nichts
anhaben können, sie war noch mannhaft und muskulös; nur gebleicht war
sie, wie weißes Wachs.
Eine plötzliche Beklemmung war über die Zuschauer gekommen, und als
ein Gassenjunge noch kreischte: ›Franzos’, Franzos’,‹ da zog ihn ein
ehrsamer Bürger am Schlaffitchen vom Laternenpfahl herunter und gab ihm
einen tüchtigen hinten vor.
Im tiefsten Schweigen setzte der Zug seinen Weg fort. Still,
still! Immer neue kamen vom Rhein herauf, Wagen, Bahren und mühsam
Daherschreitende. Der, mit dem umwickelten Kopf, sich taumelnd auf
den stützend, der den Arm in der Binde trägt. Alles durcheinander,
preußische, bayrische und französische Uniformen – Arme, Elende,
Beladene. Leichtverwundete, Schwerverwundete, aber alle todesmatt,
seufzend, in Schmerzen ächzend. –
Die Kasernenbetten waren rasch belegt, die pflegenden Nonnen huschten
auf leisen Sohlen hin und her, die gehetzten Ärzte reinigten ihre
Sonden und griffen nach neuem Verbandzeug. Und auch Josefine lief der
Schweiß vom Gesicht. Mit ihren starken Armen hatte sie manchen helfen
in’s Bett heben, manch bleicher Kopf hatte an ihrer Brust geruht,
während Arzt und Nonne den wunden Leib verbanden.
Helfen, helfen – an etwas andres hatte sie gar nicht denken können
den ganzen Tag. Und die Nacht schlief sie zum erstenmal, seitdem der
Peter ausgerückt, wieder ganz ruhig, so recht sanft, wie ein müder, von
seinem Tagewerk befriedigter Mensch. Keiner jener wirren Träume, die
sie so oft gequält, kam ihr; ihr Jüngster mußte sie am Morgen rütteln,
sonst wäre sie gar nicht aufgewacht.
Das pausbäckige Knabengesicht war heute etwas blaß, es sah ängstlich
und neugierig zugleich aus; auch der Invalide ging um die Schwester
herum mit einem merkwürdig betroffenen Gesicht und einem etwas
verlegenen Lächeln, er bemühte sich, besonders forsch zu sein, aber es
mißlang. Doch Josefine merkte von alledem nichts, sie eilte nur, daß
sie hinüberkam in ihre Kaserne. Dort fand sie gleich alle Hände voll zu
thun; so hörte sie nichts von dem, was beängstigend durch alle Straßen
lief, was bald wie ein hellloderndes Schadenfeuer den Leuten über den
Köpfen zusammenschlug.
Endlich nähere Nachricht über Spicheren!
›=Furchtbarer Kampf, von größeren Dimensionen als nur geahnt. Starke
Verluste, neununddreißiger Füsiliere im Feuer.=‹
»Unsre Neununddreißiger, unsre braven Füsiliere!« Ein plötzlicher
Schreck lähmte die Herzen, die noch eben in Siegesfreude hoch
geschlagen. Das bei Spicheren war auch ein Sieg gewesen, aber niemand
jubelte darüber. Wie eine Ahnung schweren Leides zog es durch die
Stadt. Ach, wer hatte nicht einen Vater, einen Sohn, einen Bruder,
einen Freund, einen Liebsten dabei?! Spicheren, Spicheren, – dies Wort
bohrte sich ein, mitten in’s Herz, spitz wie eine Nadel.
Wer war verwundet?
Viele.
Wer war tot?
Viele.
Blasse Gesichter sahen sich an. Auf den Straßen, an allen Ecken standen
Leute in Trüppchen bei einander und flüsterten bang:
»Haben Sie ene Sohn derbei?«
»Och Jeses, ja!«
»Un Sie?«
»Ich auch!«
»Un Sie?«
»Meine Bruder steht bei de Neununddreißiger!«
»Och Jott, och Jott, meine Mann, meine Mann!« Eine weinende junge Frau
kam herzugestürzt, ihr Kindchen auf dem Arm. »Is et wahr? Is et dann
wirklich wahr, sind se all’ tot? O, meine Mann, meine Mann!«
Überall Angst, tödliche Bangigkeit, herzklopfende Erwartung. Was würde
die nächste Stunde bringen?!
Noch waren keine Verlustlisten veröffentlicht, man erfuhr ja auch das
Schlimme noch früh genug – hoffe noch, wer hoffen kann! Scheu sah
einer den andern an: wer würde zuerst in Schwarz gehen?
Das angstvolle Geraune der Stadt war endlich auch bis in die Kaserne
gedrungen. ›Spicheren, mörderische Schlacht, Neununddreißiger fast
aufgerieben!‹ Die Verwundeten rührten sich ächzend und spitzten die
Ohren. Spicheren – da gab’s wieder neue Leidensgefährten.
Spicheren – die Wärter flüsterten es auf den Korridoren, die Nonnen
bewegten betend die Lippen, die Ärzte zogen die Brauen erwartungsvoll
hoch und sahen nach ihren Instrumenten.
Achtzehn Schiffe mit Verwundeten waren signalisiert, heut abend noch
sollten sie eintreffen.
Josefine hatte noch nichts von den Gerüchten gehört. Sie saß am Bett
eines Schwerkranken. Das war ein junger, französischer Fahnenträger;
vielleicht daß er gerade die Fahne geschwenkt und schreien wollte:
›_vive la France!_‹ als die Granate krepierte, die ihm beide Arme
zerschmetterte, und die Kugel geflogen kam, die ihm zur rechten Wange
hineinfuhr und zur linken wieder hinaus. Vor wenig Tagen erst war er
angekommen, und es hatte Josefine gegraust, als sie zum erstenmal
sein nur notdürftig verbundenes, von Blut und Eiter bedecktes Gesicht
gesehen. Und ganz seltsam war es ihr geworden, als sie ihn in ihres
Vaters Stube fand, fast an derselben Stelle, wo einst dessen Bett
gestanden. Auch der hatte hier gelitten.
Sie hatte die Zähne zusammengebissen und war dem Arzt zur Hand
gegangen, so flink und so geschickt, daß Schwester Daria, die am
Nebenbett Beschäftigte, ihr unter dem schwarzen Nonnenkopftuch hervor,
zu dem die roten jungen Wangen und die blanken Augen seltsam standen,
zugelächelt.
Auch jetzt lächelte Schwester Daria, als sie zum Bett des Fahnenträgers
trat und Josefine die Tasse mit Milch, aus dem diese dem Dürstenden mit
Mühe einige Löffelchen einflößte, aus der Hand nahm.
»Gehen Sie nach Haus,« sagte sie sanft. »Sie müssen Mittag essen und
auch ein bißchen ruhen.«
»Und Sie, Schwester?«
Die Nonne sah heiter drein:
»O, ich! Ich bin das ja gewöhnt. Und da ist auch ein Jung’ draußen, der
fragt nach Ihnen. Ich glaub’, es ist Ihr Sohn.«
»De Fritz? Wat will de?!« Josefine fuhr so hastig empor, daß der
Fahnenträger die Augen nach ihr rollte.
»St!« Die Nonne legte ihr die Hand auf die Schulter. »St! Haben Sie
schon von Spicheren gehört?«
»Spicheren?« Josefine blickte sie erschreckt an.
»Bei Spicheren ist eine mörderische Schlacht gewesen,« sagte die junge
Nonne so sanft, daß ihre Stimme wie ein Hauch das Ohr umschmeichelte.
»Aber so einer fällt im Krieg, wird sein Tod ein christlicher Tod sein
und die Thür zum ewigen Leben.«