XXV

Es war ein Sonntagmorgen, so schön, wie noch keiner in diesem Sommer

gewesen. Noch war es nicht heiß, das Windchen, das den Aufgang der

Sonne umschauert, kühlte noch sanft die Straßen. Verschlafen zirpten

noch die Vögel in den Gärten, alles Grün war noch taubedeckt, aber die

Stadt schlief nicht mehr; sie war hell wach im ersten Frühlicht – ihre

Söhne zogen heut in’s Feld.

Im Gärtchen der Witwe Conradi hing der weiße Rosenstrauch am

Plankenzaun wie von tausend Thränen beschwert. Josefine hatte die

Nacht nicht geschlafen, sie war gar nicht zu Bett gegangen. Als

besondere Vergünstigung hatte der Feldwebel erlaubt, daß der Peter

die letzte Nacht unter’m Dach seiner Mutter schlafen durfte; und er

hatte geschlafen, totmüde, erschöpft, und sie hatte an seinem Bett

gesessen, die Stunden von Mitternacht bis zum Morgengrauen, und seine

Hand gehalten, wie sie es dem Knaben gethan in Krankheitszeiten oder

wenn böse Träume ihn gequält. Sie hatte kein Auge von ihm gewandt, und

Thränen, von denen sie nichts wußte, waren über ihre Wangen geflossen.

Jetzt stand sie im Gärtchen, blaß und durchschauert, und wartete auf

ihren Sohn. Drinnen mühten sich der Onkel und der kleine Bruder noch

geschäftig um den Ausrückenden – hier draußen, hier ganz allein, wollte

sie Abschied von ihm nehmen.

Jetzt kam er, schon fix und fertig, den Helm hatte er auf, nur den

Tornister noch nicht auf dem Rücken. Sie hing sich an seinen Arm.

»Wie is dich?« fragte sie zärtlich.

Er gab keine Antwort. Sein Auge vermied das ihre und blieb zu Boden

gesenkt.

Wie blaß er war, blaß bis in die Lippen! Und an ihrem Arm fühlte sie

jetzt das Zittern des seinen. Da durchfuhr sie’s plötzlich wie eine

Erkenntnis, wie ein Schrecken – daß sie das nicht längst gesehen, nicht

längst gemerkt!

»Bis du bang, Peter?« stieß sie heraus, ließ seinen Arm fahren und hob

ihm mit bebender Hand das Kinn in die Höhe. »Du bis ja bang!«

»Ja, ja!« Er schrie es jäh heraus mit erstickter Stimme, und, an ihr

niedergleitend, warf er sich auf die Kniee, schlang beide Arme um ihren

Leib und drückte den behelmten Kopf an ihre Brust.

Sie stand ganz still, wie gelähmt, und auch er blieb still.

Ein Vogel tirilierte im Rosenbusch; über’s Hausdach herüber, jenseits

von der Kaserne, kam jetzt ein Ton, ein Trompetenstoß. Da murmelte er

und drückte seinen Kopf fester an:

»O wie jräßlich, wie jräßlich! Ich seh’ immer den Onkel vor mir mit

seinem einen Bein – huh!« Ein Grausen rüttelte ihn. »Oder sterben

müssen, so jung – einundzwanzig Jahr! Och, und ich hab’ mich doch e

so jefreut – all meine Plän’ – all, wat ich jewollt hab’ – nix wird

nu draus!« Er hob den Kopf und sah sich mit einem verzweifelten Blick

um. »Wie blau is der Himmel – wie lacht die Sonn’! Hörst du den Vogel,

Mutter? De is verjnügt! Un ich – warum muß ich in den Krieg? Wat hab’

ich dann verbrochen?«

»Verbrochen? Du? Nix,« sagte sie laut. »Et is ja auch kein Straf’, in

den Krieg zu ziehn, ne, en Ehr’, en Ehr’!« Eine brennende Röte stieg

ihr in das blasse Gesicht. »Steh auf,« sagte sie fast heftig und zerrte

ihn empor. »Schäm dich! Wat fällt dich ein? Wo tausend junge Leut’ sich

auf freuen, da willst du dich vor fürchten?!«

»Sie freuen sich ja jar nit,« murmelte er, »sie schreien ja nur hurra!«

»O doch! Diesmal doch! Diesmal freuen sie sich. Sie sind stolz drauf.

Jung« – sie faßte ihn bei beiden Schultern und rüttelte ihn – »wat is

dich? Besinn dich doch! Och, wenn dein Jroßvater noch am Leben wär’, de

würd’ dir wohl sagen, wat Ehr’ is! Un diesmal kämpft ihr ja nit bloß

allein für den König, ne, für jeden Bürjersmann, für jede Bürjersfrau

– wir wollen nit französisch werden! Ich müßt’ dich ja verachten, wenn

de dich fürchten thätst. Ich sag’ dir, kriechste im Jraben, wenn die

Kugeln pfeifen, dann« – sie reckte sich hoch auf, ihre Stimme wurde

hart – »dann kannste ruhig en Haus weiter jehn!«

Er sah sie starr an, seine Augen füllten sich mit Thränen.

»Du bis hart, Mutter,« sagte er. Und dann weinte er laut heraus: »Un

wenn se mich totschießen, wat dann? Aber du has mich ja nit lieb – laß

se mich nur totschießen« – in Trotz und Angst brach seine Stimme –

»totschießen, mir is’t ejal!«

»Dummer Jung’!« Ihr Ton war nicht mehr hart; so hatte sie oft zu ihm

gesprochen in besseren Stunden: »Dummer Jung’!«

Er hörte es und faßte krampfhaft nach ihren beiden Händen – sie hatte

ihn ja doch lieb!

»Mutter, Mutter!«

»Bis still, Peterken, bis still! Die Angst jeht vorbei, dat is nur

heut morjen so, du has zu wenig Schlaf jekriegt, und du bis noch nit

dran jewohnt. Lieber Sohn,« – sie faltete ihre Hände um die seinen und

drückte sie so an ihr Herz – »sie schießen dich ja nit tot, jlaub’ mir,

sie schießen dich nit tot. Ich bin en Witfrau, un du bis mein Ältester,

mein« – es kam ihr etwas in die Kehle, aber sie schluckte es herunter –

»sie schießen dich nit tot! Du kömmst wieder!«

War sie des so sicher oder that sie nur so? Er sah sie an und wurde aus

ihrem Gesicht nicht klug, es trug einen Ausdruck, den er bisher nicht

an ihr gekannt. In ihren Augen standen Thränen, aber sie lächelte,

wirklich, sie konnte lächeln! Und sie fand Worte, wie sie bisher nie

gefunden. Wenn er sein ganzes Leben zurückdachte, so hatte sie noch nie

zu ihm gesprochen. Das war ein Beschwören und ein Bitten zugleich.

Ihre Augen leuchteten tief in die seinen, als wollten sie ihm bis in’s

Herz dringen. Was der Vater sie einst gelehrt, das gab sie jetzt dem

Sohn mit auf den Weg:

›Treue, Tapferkeit, Gehorsam, Pflichtgefühl und Ehre!‹

Sie gingen um die kleine Bleiche herum, immer rund herum und Hand

in Hand, und er klagte ihr ohne Rückhalt, ja, er schämte sich jetzt

selber, daß er sich fürchtete; aber wenn er’s bedachte, er fürchtete

sich ja nicht seiner selbst wegen.

»Mutter, Mutter, all mein’ Hoffnungen!«

Sie wunderte sich, daß er nicht zärtlicher war.

»Ich kann nit,« seufzte er, »wahrhaftijens Jott, ich kann nit.

Weißte, dat Bild, von dem ich dir erzählt hab’, ›Der letzte Tag eines

Verurteilten‹? De kümmert sich auch nit mehr um Weib und Kind. So is et

mir. Ich muß sterben, ich komm’ nie wieder!«

Sie sagte jetzt nicht mehr: ›du kömmst wieder‹, aber sie reckte sich

noch straffer auf in ihrer ganzen stattlichen Größe, und ihr Blick

richtete sich zum strahlenden Morgenhimmel.

Es war wie ein stummes Beten.

»Un nu jeh,« sagte sie.

Von der Straße her tönte Lärm in den stillen Garten und erschreckte

den tirilierenden Vogel; die ganze Kaserne schien in Alarm geraten, es

trommelte und pfiff und blies. Der Hornist lockte zum Sammeln.

»Jeh, jeh,« drängte sie, »’t is Zeit, jeh, jeh!«

Der betaute Rosenbusch streifte schwer und kühl ihren Ärmel, da riß sie

hastig die schönste Rose ab.

»Komm her, Peterken! Mein Jung’, laß dich noch ens schmücken!«

Die Wacht am Rhein · 第 63 / 74 题