Es war ein Sonntagmorgen, so schön, wie noch keiner in diesem Sommer
gewesen. Noch war es nicht heiß, das Windchen, das den Aufgang der
Sonne umschauert, kühlte noch sanft die Straßen. Verschlafen zirpten
noch die Vögel in den Gärten, alles Grün war noch taubedeckt, aber die
Stadt schlief nicht mehr; sie war hell wach im ersten Frühlicht – ihre
Söhne zogen heut in’s Feld.
Im Gärtchen der Witwe Conradi hing der weiße Rosenstrauch am
Plankenzaun wie von tausend Thränen beschwert. Josefine hatte die
Nacht nicht geschlafen, sie war gar nicht zu Bett gegangen. Als
besondere Vergünstigung hatte der Feldwebel erlaubt, daß der Peter
die letzte Nacht unter’m Dach seiner Mutter schlafen durfte; und er
hatte geschlafen, totmüde, erschöpft, und sie hatte an seinem Bett
gesessen, die Stunden von Mitternacht bis zum Morgengrauen, und seine
Hand gehalten, wie sie es dem Knaben gethan in Krankheitszeiten oder
wenn böse Träume ihn gequält. Sie hatte kein Auge von ihm gewandt, und
Thränen, von denen sie nichts wußte, waren über ihre Wangen geflossen.
Jetzt stand sie im Gärtchen, blaß und durchschauert, und wartete auf
ihren Sohn. Drinnen mühten sich der Onkel und der kleine Bruder noch
geschäftig um den Ausrückenden – hier draußen, hier ganz allein, wollte
sie Abschied von ihm nehmen.
Jetzt kam er, schon fix und fertig, den Helm hatte er auf, nur den
Tornister noch nicht auf dem Rücken. Sie hing sich an seinen Arm.
»Wie is dich?« fragte sie zärtlich.
Er gab keine Antwort. Sein Auge vermied das ihre und blieb zu Boden
gesenkt.
Wie blaß er war, blaß bis in die Lippen! Und an ihrem Arm fühlte sie
jetzt das Zittern des seinen. Da durchfuhr sie’s plötzlich wie eine
Erkenntnis, wie ein Schrecken – daß sie das nicht längst gesehen, nicht
längst gemerkt!
»Bis du bang, Peter?« stieß sie heraus, ließ seinen Arm fahren und hob
ihm mit bebender Hand das Kinn in die Höhe. »Du bis ja bang!«
»Ja, ja!« Er schrie es jäh heraus mit erstickter Stimme, und, an ihr
niedergleitend, warf er sich auf die Kniee, schlang beide Arme um ihren
Leib und drückte den behelmten Kopf an ihre Brust.
Sie stand ganz still, wie gelähmt, und auch er blieb still.
Ein Vogel tirilierte im Rosenbusch; über’s Hausdach herüber, jenseits
von der Kaserne, kam jetzt ein Ton, ein Trompetenstoß. Da murmelte er
und drückte seinen Kopf fester an:
»O wie jräßlich, wie jräßlich! Ich seh’ immer den Onkel vor mir mit
seinem einen Bein – huh!« Ein Grausen rüttelte ihn. »Oder sterben
müssen, so jung – einundzwanzig Jahr! Och, und ich hab’ mich doch e
so jefreut – all meine Plän’ – all, wat ich jewollt hab’ – nix wird
nu draus!« Er hob den Kopf und sah sich mit einem verzweifelten Blick
um. »Wie blau is der Himmel – wie lacht die Sonn’! Hörst du den Vogel,
Mutter? De is verjnügt! Un ich – warum muß ich in den Krieg? Wat hab’
ich dann verbrochen?«
»Verbrochen? Du? Nix,« sagte sie laut. »Et is ja auch kein Straf’, in
den Krieg zu ziehn, ne, en Ehr’, en Ehr’!« Eine brennende Röte stieg
ihr in das blasse Gesicht. »Steh auf,« sagte sie fast heftig und zerrte
ihn empor. »Schäm dich! Wat fällt dich ein? Wo tausend junge Leut’ sich
auf freuen, da willst du dich vor fürchten?!«
»Sie freuen sich ja jar nit,« murmelte er, »sie schreien ja nur hurra!«
»O doch! Diesmal doch! Diesmal freuen sie sich. Sie sind stolz drauf.
Jung« – sie faßte ihn bei beiden Schultern und rüttelte ihn – »wat is
dich? Besinn dich doch! Och, wenn dein Jroßvater noch am Leben wär’, de
würd’ dir wohl sagen, wat Ehr’ is! Un diesmal kämpft ihr ja nit bloß
allein für den König, ne, für jeden Bürjersmann, für jede Bürjersfrau
– wir wollen nit französisch werden! Ich müßt’ dich ja verachten, wenn
de dich fürchten thätst. Ich sag’ dir, kriechste im Jraben, wenn die
Kugeln pfeifen, dann« – sie reckte sich hoch auf, ihre Stimme wurde
hart – »dann kannste ruhig en Haus weiter jehn!«
Er sah sie starr an, seine Augen füllten sich mit Thränen.
»Du bis hart, Mutter,« sagte er. Und dann weinte er laut heraus: »Un
wenn se mich totschießen, wat dann? Aber du has mich ja nit lieb – laß
se mich nur totschießen« – in Trotz und Angst brach seine Stimme –
»totschießen, mir is’t ejal!«
»Dummer Jung’!« Ihr Ton war nicht mehr hart; so hatte sie oft zu ihm
gesprochen in besseren Stunden: »Dummer Jung’!«
Er hörte es und faßte krampfhaft nach ihren beiden Händen – sie hatte
ihn ja doch lieb!
»Mutter, Mutter!«
»Bis still, Peterken, bis still! Die Angst jeht vorbei, dat is nur
heut morjen so, du has zu wenig Schlaf jekriegt, und du bis noch nit
dran jewohnt. Lieber Sohn,« – sie faltete ihre Hände um die seinen und
drückte sie so an ihr Herz – »sie schießen dich ja nit tot, jlaub’ mir,
sie schießen dich nit tot. Ich bin en Witfrau, un du bis mein Ältester,
mein« – es kam ihr etwas in die Kehle, aber sie schluckte es herunter –
»sie schießen dich nit tot! Du kömmst wieder!«
War sie des so sicher oder that sie nur so? Er sah sie an und wurde aus
ihrem Gesicht nicht klug, es trug einen Ausdruck, den er bisher nicht
an ihr gekannt. In ihren Augen standen Thränen, aber sie lächelte,
wirklich, sie konnte lächeln! Und sie fand Worte, wie sie bisher nie
gefunden. Wenn er sein ganzes Leben zurückdachte, so hatte sie noch nie
zu ihm gesprochen. Das war ein Beschwören und ein Bitten zugleich.
Ihre Augen leuchteten tief in die seinen, als wollten sie ihm bis in’s
Herz dringen. Was der Vater sie einst gelehrt, das gab sie jetzt dem
Sohn mit auf den Weg:
›Treue, Tapferkeit, Gehorsam, Pflichtgefühl und Ehre!‹
Sie gingen um die kleine Bleiche herum, immer rund herum und Hand
in Hand, und er klagte ihr ohne Rückhalt, ja, er schämte sich jetzt
selber, daß er sich fürchtete; aber wenn er’s bedachte, er fürchtete
sich ja nicht seiner selbst wegen.
»Mutter, Mutter, all mein’ Hoffnungen!«
Sie wunderte sich, daß er nicht zärtlicher war.
»Ich kann nit,« seufzte er, »wahrhaftijens Jott, ich kann nit.
Weißte, dat Bild, von dem ich dir erzählt hab’, ›Der letzte Tag eines
Verurteilten‹? De kümmert sich auch nit mehr um Weib und Kind. So is et
mir. Ich muß sterben, ich komm’ nie wieder!«
Sie sagte jetzt nicht mehr: ›du kömmst wieder‹, aber sie reckte sich
noch straffer auf in ihrer ganzen stattlichen Größe, und ihr Blick
richtete sich zum strahlenden Morgenhimmel.
Es war wie ein stummes Beten.
»Un nu jeh,« sagte sie.
Von der Straße her tönte Lärm in den stillen Garten und erschreckte
den tirilierenden Vogel; die ganze Kaserne schien in Alarm geraten, es
trommelte und pfiff und blies. Der Hornist lockte zum Sammeln.
»Jeh, jeh,« drängte sie, »’t is Zeit, jeh, jeh!«
Der betaute Rosenbusch streifte schwer und kühl ihren Ärmel, da riß sie
hastig die schönste Rose ab.
»Komm her, Peterken! Mein Jung’, laß dich noch ens schmücken!«