Er raffte die Mütze vom Tisch und rannte stürmisch davon. – – –

* * * * *

Die Julitage kamen mit drückender Glut, schwere Gewitter zogen schon

am Morgen auf und gingen gegen mittag nieder, aber sie brachten keine

Kühlung. Ebenso glühend kam der Abend wie der Morgen, die Nacht wie der

Tag. Allerorten gab’s Gewitterschaden. Besorgt schauten die Landleute

von ihren Feldern zum funkensprühenden Himmel. Eine eherne Hitze

brütete in den Straßen der Stadt.

›_Maran atha_ – prüfet die Zeichen der Zeit!‹ predigte der seltsame

Mann in der Bockhalle. Er hatte jetzt viel Zuspruch – es kamen nicht

bloß solche, die ihn auslachten – nervösen Seelen wurde so merkwürdig

angst bei der Gewitterschwüle; sie drückte alle Gemüter. Und plötzlich

fingen an, undefinierbare Gerüchte umzugehen. Man hörte es und glaubte

es nicht, aber erzählte es doch weiter: Frankreich suche mit Preußen

Händel. Kühle Köpfe freilich beruhigten: man sah’s ja, in der Kaserne

rührte sich noch keine Hand, und dort mußte man doch zuerst etwas

merken. Es war ja auch absolut kein Grund zum Krieg vorhanden; die

Erregung der Franzosen über die Kandidatur des hohenzollernschen

Prinzen für den spanischen Thron war wirklich nicht so tragisch zu

nehmen. Man konnte sich getrost anschicken, alle Vorbereitungen zum

Düsseldorfer Schützenfest zu treffen; und das sollte in diesem Jahr

ganz besonders glänzend werden.

Aber – merkwürdig – es ereignete sich wieder etwas, was die Bürger

stutzig machte. Abend für Abend ließ sich eine junge, schöne Stimme

im Hofgarten vernehmen, die, schmetternd und langgezogen, bis in

die fernsten Büsche drang: ›Sie sollen ihn nicht haben, den freien,

deutschen Rhein!‹

Alle Spaziergänger blieben stehen und lauschten, es sammelte sich rasch

viel Publikum; aber so sehr auch die Zuhörer Beifall klatschten, der

Sänger ließ sich nicht sehen, er blieb verborgen. Was war das – von wo

kam das – was sollte das bedeuten?!

›Prüfet die Zeichen der Zeit‹ – eine Ahnung beschlich die Seelen, man

hielt den Atem an.

Da – hui, ein Blitz am schweren, wolkenverhangenen Himmel: der

französische Gesandte Benedetti hatte den greisen König, der in Ems zur

Kur weilte, mit den frechen Forderungen Napoleons brüskiert!

Und nun ein krachender Donner, der den Himmel mit Getöse erfüllte und

die Erde erbeben machte: die Kriegserklärung!

Am 15. Juli nachmittags stand die Depesche an allen Ecken Düsseldorfs

angeschlagen.

Krieg, Krieg!

»Nu wird mobil jemacht, aber ’n bißchen plötzlich,« schrie

Unteroffizier Schmidt, in Josefines Laden stürmend. Sie stand hinter

der Theke und griff sich mit beiden Händen an den Kopf – Krieg, Krieg?!

Sie hatte es schon gehört und konnte es doch nicht fassen. Krieg,

Krieg! – Das kam zu rasch.

»Das is en schöne Bescherung,« rief Hucklenbruch, der auch gerannt kam,

»oha, nu chiebt’s Krieg, Madam, un Ihr Peter –«

Das Wort erstarb ihm im Munde, er sah den Rivalen am Ladentisch stehen

und machte sofort Kehrt. Er hatte der Mutter sagen wollen: ›Nur keine

Angst, ich paß auf ihn auf, wie auf meinen Augapfel,‹ aber nun schnürte

ihm der Grimm, daß der Berliner ihm schon wieder zuvorgekommen, die

Kehle zu.

Und andre kamen, Soldaten, Nachbarsleute. Die Bürger glaubten, von

den Füsilieren etwas Näheres erfahren zu können; aber die aus der

Kaserne standen ebenso verdutzt vor dieser Kriegserklärung, wie vor

einem großen, gewaltigen, erschütternden Naturereignis. Man war erst

still, aber dann brach sich die Erregung Bahn; man schimpfte und

lamentierte, man zog bedenklich die Augenbrauen und sprach auch wieder

recht hochtrabend, man ballte zornig die Fäuste und faltete die Hände

angstvoll zum Gebet, man lachte und weinte, man schrie ›Hurra‹ und

flüsterte ›Gott erbarm dich‹ – dieser so, jener so. Aber des einen

waren sich alle klar bewußt: das ließ man sich nicht gefallen! Zu frech

war dem greisen König begegnet worden, zu frech hatte der Franzose den

Fehdehandschuh hingeworfen! Neidisch war der, den Rhein wollte der

haben! ›Unsern Rhein – kriegt er nicht! Hurra, mit Gott für König und

Vaterland!‹

Eine jähe Begeisterung hatte sich plötzlich aller bemächtigt; Soldat

oder Bürger, da war jetzt kein Unterschied, jeder fühlte sich

gekränkt, angegriffen in dem, was ihm teuer war: König, Vaterland,

Rhein.

Alle Arbeit wurde im Stich gelassen; die Handwerker liefen auf die

Straßen, Meister und Gesellen. Die Wirtschaften waren gestopft voll, es

wurde gelärmt und getrunken und auf den Tisch geschlagen: laß sie nur

kommen, die Halunken, die Franzosen!

Aber auch ernste Gesichter sahen sich an – mit Frankreich wurde es

heiß, das war kein Kinderspiel! Manch einem zitterte das Herz im Leib,

wenn er draußen seinen Unmündigen, Stock auf der Schulter, im hellen

Haufen der Knaben, trommelnd und pfeifend vorbeimarschieren sah. Die

Jugend, die war schon mit ihrer Mobilmachung fertig, derentwegen konnte

es gleich losgehen.

Bis in die Nacht hinein wogte es in der Kasernenstraße unruhig auf

und ab, Bürgertracht und Uniform einträchtig bei einander. Wer zuerst

angestimmt, wußte man nicht, helle Knabenstimmen mochten es wohl

gewesen sein, aber kräftige Männerbässe fielen unverweilt ein – durch

die dunkelschwüle, gewitterbange Julinacht zog laut und klangvoll das

Lied von der ›Wacht am Rhein‹.

Josefine stand unter ihrer Thür und lauschte den Tönen, die stark zum

Himmel stiegen. Ihre Mutter war am Nachmittag dagewesen in ratloser

Verwirrung – das Kriegsgerücht hatte sie aus dem Mittagsschläfchen

geschreckt – Herr Schnakenberg war in Karlsbad zur Kur! Josefine hatte

ihr geraten, an ihn zu depeschieren. Frau Trina war außer sich, hatte

sie ihm doch schon geschrieben: es sei nicht sicher, er solle nach

Haus kommen. Aber er hatte es nicht geglaubt. ›Die Franzosen seien viel

zu höflich, es gäbe keinen Krieg, Unsinn!‹ Was sollte sie nun machen,

so allein, wenn die Franzosen nach Düsseldorf kamen? Die Tochter hatte

sie beruhigt, und der Invalide war mit der Mutter zum Telegraphenbureau

gehumpelt. Natürlich kam Ferdinand jetzt nicht wieder, sondern saß in

irgend einem Wirtshaus fest.

Josefine war allein, ihren Kleinen hatte sie zu Bett geschickt; der

hatte sich an ihre Seite geschmiegt, bis ihm die Augen zufielen. Nun

wartete sie auf ihren Peter. Warum kam er nicht, wie sonst alle Abend,

zu ihr herüber? Drängte es ihn denn nicht zu ihr? Sie fühlte ihr Herz

heftig pochen ohne Unterlaß.

Drüben lag die Kaserne, mehr erhellt wie sonst je am Abend; in den

Bureaux wurde noch gearbeitet, in fieberhafter Thätigkeit rührte es

sich da. Krieg, Krieg mit Frankreich – o, wenn der Vater das erlebt

hätte! Wie oft hatte er ihr erzählt von den Freiheitskriegen, in denen

sich Preußen freigemacht von seiner Schmach. Es war das Märchen ihrer

Kindertage gewesen. Und jetzt? Ihr war, als sei sie wieder ein Kind,

als müsse sie dem lauschen, begierig lauschen, was wie ein Schwur zum

finsteren Nachthimmel aufstieg:

›Lieb’ Vaterland, magst ruhig sein,

Fest steht und treu die Wacht am Rhein!‹

Warum der Peter noch immer nicht kam?! Zum erstenmal hatte es schon

Zapfenstreich geblasen. Sie strengte umsonst die Augen an. Endlich

hörte sie seinen Schritt.

»Mutter,« sprach er durch das Dunkel, und seine Stimme klang matt, »’n

Abend.«

Sie fuhr auf ihn zu, sie hatte ja so nach ihm verlangt. »Krieg – wat

sagste derzu? Krieg!«

»Un ich muß mit,« sagte er dumpf.

»Och Jott, ja!«

Das hatte sie ja noch gar nicht recht bedacht. Ein plötzlicher Schreck

durchfuhr ihr die Glieder, die Kniee wollten ihr brechen, taumelnd

lehnte sie sich gegen die Hauswand.

Er sagte kein Wort, er stand nur immer da im trüben Laternenschein und

starrte vor sich hin.

»Jesus, ja, och mein Jung’!«

Mit einem unterdrückten Schrei warf sie sich ihm plötzlich an

die Brust, ihre Arme umwanden seinen Hals – da – ›trötrö‹ – der

Zapfenstreich!

Er riß sich los ohne weiteres Wort, er mußte ja fort; wie ein Schatten

verschwand er jenseits im Kasernenthor.

Heute nacht schloß Josefine kein Auge; nicht das Lärmen der spät aus

den Wirtshäusern Heimkehrenden, nicht das Rumoren des Invaliden, der

lange nach Mitternacht stürmisch Einlaß begehrte, raubten ihr die Ruhe.

Etwas andres vertrieb ihr den Schlaf und ließ ihre Thränen auf’s Kissen

fließen: der Peter mußte mit! Endlich, spät gegen morgen, als die Sonne

das Dach der Kaserne längst mit Gold überschüttete, schlummerte sie ein.

Ein kurzes Stündchen Schlaf war ihr nur vergönnt, aber sie erwachte

wunderbar gestärkt – ihr Vater hatte an ihrem Bett gesessen. –

Der Lärm des ersten Rausches hatte sich gelegt, stiller war’s geworden

in den Bürgerhäusern, in den Wirtschaften, auf den Straßen. Aber emsig

schaffte es in der Stille, denn heute war mobil gemacht. Scharen junger

Leute strömten in die Kaserne, die sonst nichts drin zu suchen gehabt

hätten: Knaben fast noch, blutjunge Abiturienten und Jünglinge, deren

Fähigkeit, die Waffe zu tragen, mindestens sehr zweifelhaft. Aber alle,

sie alle stellten sich als Freiwillige.

Eine ungeheure Rührung bemächtigte sich Josefines, als sie die Burschen

vorüberziehen sah. Wie sie eilten, wie sie eilten! Wie überschlank, wie

engbrüstig waren viele, und manche noch viel jünger als ihr Sohn. Etwas

kam über sie – ähnliches hatte sie noch nicht empfunden, nein, nie! –

es war wie ein Glück, und doch ein Schmerz zugleich. Sie schämte sich

der Thränen, die sie geweint.

Die ganze Stadt war in Thätigkeit. Hier kündigten Schuhmacher

›schnellste Anfertigung von zweckentsprechenden Feldstiefeln‹ an,

dort die Militärschneider ›Uniformen aller Waffengattungen binnen

vierundzwanzig Stunden‹. Hunderte von Händen rührten sich Tag und

Nacht. Fässer und Kisten kollerten am Proviantamt, Komitees gründeten

sich in aller Eile, zu Liebesgaben wurde aufgerufen; wollene

Unterkleider wurden trotz der Hitze in Masse gekauft, wollte doch ein

jeder seine Liebsten ausrüsten und schützen so gut es ging.

Die Kreuzschwestern, allen voran, stellten hundert Betten für

verwundete Krieger zur Verfügung und sechs Krankenpflegerinnen für’s

Feld. In der Kaserne wurde nicht viel Unterschied mehr gemacht zwischen

Tag und Nacht, die Vorgesetzten hatten keine Mußestunden mehr, jetzt

hatten sie strammeren Dienst als je die Mannschaft. Und überall, im

ersten Haus und im letzten, vom größten Schulmädchen bis herab zum

kleinsten, fingen gewaschene und ungewaschene Finger an, Charpie zu

zupfen.

›Gebt, gebt! Gebt für die ausrückenden Krieger, gebt für die

zurückbleibenden Hilfsbedürftigen! Gebt ohne Rücksicht auf Religion!

Alle geben für alle!‹

Josefine kam nicht zur Besinnung. Sie hatte ja nicht bloß ihren eignen

Sohn auszurüsten, da waren noch so viele gute Jungen, die ihr Lädchen

stürmten: Putzkreide! Wichse! Schreibpapier! Notizbuch! Bleistift!

Portemonnaie! Schnupftabak! Mancher forderte eine kleine Bibel.

Bruder Friedrich konnte nicht herüberkommen, um ihr beizustehen. Krupp

arbeitete auch Tag und Nacht – Aufträge aus Nord und Ost, Süd und West

– Kanonen, Kanonen und wieder Kanonen, Geschütze schweren Kalibers.

Nicht nur Frankreich und Deutschland, die ganze Welt schien sich rüsten

zu wollen.

Und Gewitter brauten und brauten und zogen von Sonnenaufgang bis

Niedergang, standen und dräuten und konnten sich nicht entladen in

erlösenden Fluten.

›Betet, betet!‹

Ein allgemeiner Bettag war angeordnet. Die protestantischen Kirchen

ließen ihre Glocken rufen, und in allen katholischen war Hochamt und

nachmittags Betstunde vor dem ausgesetzten hochwürdigsten Gut.

»Mit Gott für König und Vaterland!« rief der Geistliche im schlichten

Talar von der schmucklosen Kanzel herab und machte das Zeichen des

Kreuzes über seine Gemeinde. »Der Herr segne euch und behüte euch, der

Herr erhebe sein Angesicht auf euch und gebe euch seinen Frieden, Amen!«

Und auch der Priester in der weihrauchduftenden, bildergeschmückten

Kirche rief: »Mit Gott für König und Vaterland!« Und schlug das Kreuz:

»Die Gnade Gottes und die Fürbitte aller lieben Heiligen sei mit euch,

Amen!« –

Es hatte Josefine immer leid gethan, daß Hucklenbruch und Schmidt

so spinnefeind waren; jetzt that es ihr doppelt leid, nun war es

doch wahrhaftig an der Zeit, solche Dummheiten zu lassen. Sie redete

Hucklenbruch, als dem jüngsten, energisch in’s Gewissen; er hörte sie

auch ruhig an, und als sie zu Ende war, reichte er ihr treuherzig die

Hand: »Chute Madam, Sie sind sehr chut!« Aber es blieb doch beim alten;

kam der eine in’s Lädchen, ging der andre schleunigst hinaus, und sie

sahen sich an, als ob sie sich vergiften wollten.

Josefine hatte sich noch alles mögliche eingethan zur Feldausrüstung,

was sie sonst nicht geführt. Sie begriff selbst nicht, daß sie noch

an’s Geschäft denken konnte; sie besorgte es auch eigentlich nur ganz

mechanisch, alle ihre Gedanken waren bei Peter. Der war so stumm, so

blaß! Sie sah ihn wenig; drüben in der Kaserne hielten sie ihn fest,

da er eine schöne Handschrift hatte, mußte er beim Feldwebel schreiben

die halbe Nacht. Ein eigentliches Bangen um den Sohn stieg nicht mehr

in Josefines Seele auf, da waren ja so viele, so viele, die in’s Feld

zogen. Das Gemeinsame gab Kraft, und das Singen auf den Straßen, und

die erhöhte Arbeitsleistung, diese erregte Thätigkeit, die nie erlahmen

zu können schien; und der Drang nach Freiheit, der allerorten, in

allen Herzen verborgen ruht, und der hier neu wieder emporloderte, in

Flammen, die niemand künstlich geschürt.

›Frei werden, frei werden,‹ das war wieder einmal die Losung. Von wem

denn – von was denn?! Ei, vom Napoleon, dem Erbfeind, und von – von –

recht klar hätte keiner darauf antworten können. Aber die Studenten

sangen es zu Bonn vom alten Zoll hinüber zu den sieben Bergen – grüßend

blitzten ihre erhobenen Schläger – und das ganze Volk sang es nach, das

ganze Vaterland, das ganze Deutschland:

›O Rhein! O Rhein! Nicht Deutschlands Grenze,

Du bist und bleibst ein deutscher Strom!

Ich schaue dich im Freiheitslenze,

Nicht Frankreich unterthan, nicht Rom!‹

Die Wacht am Rhein · 第 62 / 74 题