XXIV

Es war für Düsseldorf jetzt an der Zeit, seiner großen Männer zu

gedenken. Die Stadt hatte es ja dazu, sie stand auf blühender Höhe

und war, wenn auch noch nicht in Handel und Gewerbe, so doch in Kunst

und Gartenanlagen der Rivalin Köln weit überlegen. Die Väter des Rats

brauchten sich der Gelder wegen keine Sorgen zu machen; man saß im

Wohlstand. Es war nicht mehr wie billig, jetzt auch äußerlich die

dankbar zu ehren, deren Namen der Düsselstadt ewigen Glanz verliehen.

Ganz einig war man sich freilich nicht, wer diese eigentlich waren.

War es zum Beispiel nötig, an Immermanns Sterbehaus eine Gedenktafel

anzubringen? Der war doch nur Theaterdirektor gewesen und hatte

genug Ärgernis erregt mit seiner Ahlefeld in Jacobis Garten hinter’m

Malkasten!

Ohne Widerspruch dagegen wurde die Errichtung eines Denkmals

beschlossen für Peter Cornelius, ›den größten Sohn der Stadt, den Heros

der deutschen Kunst, den Goethe unter den Malern, der die Kunst aus

der Abhängigkeit undeutschen Wesens befreit.‹

Doch als einige wenige, etwas schüchtern freilich, vorzubringen wagten,

da sei auch noch der Heinrich Heine, der sei doch auch ein Sohn der

Stadt und eigentlich auch ein Genie und auch tot, da ging man einfach

zur Tagesordnung über.

Aber in dem Beschluß, die neue Eisenbahnbrücke bei Neuß ›König

Wilhelms-Brücke‹ zu taufen, ferner zur Jubelfeier der Kunstakademie und

zur Liebesgabe anläßlich des Priesterjubiläums Pius IX. sich mit einer

würdigen Summe zu beteiligen, war man einig.

Professor Caspar Scheuren hatte eben jetzt mit seiner frommen

Aquarellkunst ein Gedenkblatt dieses fünfzigjährigen Priesterjubiläums

entworfen, es hing in jedem besseren Bürgerhaus unter Glas und Rahmen.

Der Dezember 1869 brachte, als passendstes Weihnachtsgeschenk, ein

Pendant dazu: das Gedenkblatt zum ökumenischen Konzil.

Das neue Jahr war in Sicht. So freundlich ging 1869 zu Ende, wie 1870

begann. –

Wie ein Stein in einen stillen Weiher fiel plötzlich in den ruhigen

Jahresbeginn die Kunde, das Konzil habe die Unfehlbarkeit des Papstes

beschlossen. Immer größere und größere Kreise, glucksende Blasen und

unruhige Wellchen bildeten sich auf der eben noch so glatten Fläche.

Etwas war hineingeschleudert, was nicht still zum Grund sank, sondern

wühlte und wühlte. Würde das Dogma von der Unfehlbarkeit durchgehen

oder nicht? Mochte der Jesuitensuperior Rivé zu Köln auch predigen:

›das Dogma von der Unfehlbarkeit sei ein Glaubenssatz, einfach

hinzunehmen,‹ mochte der Pater Roh seine ganze Beredsamkeit entfalten,

– zweihundert Bischöfe stritten dagegen. Das war ein Hin und Her, ein

Für und Wider. Die besten Freunde zankten sich, zwischen Vater und

Sohn klaffte jäh ein Riß; Mägde, die belauscht, worüber die Herrschaft

drinnen im Zimmer disputierte, kündigten. Manche Seele, die gern

glauben wollte, was sie glauben sollte und doch nicht glauben konnte,

ängstigte sich. Und die Andersgläubigen machten ihre Glossen.

Selbst in die Kaserne, in der sonst der Kommiß des Tages einförmigen

Inhalt bildete, war ein Tropfen Ärgernis gefallen. Die Bauernsöhne

erhielten Briefe von Haus, darin die Väter sie ermahnten, und die

Mütter ein Gedenkblättchen vom Heiligen Vater mitschickten.

Auch in der Witwe Conradi Lädchen wurde viel über dies weltbewegende

Ereignis verhandelt. Mit offenem Mund und weit aufgerissenen Augen

hörte Josefine zu – war’s möglich: der Papst unfehlbar, ein Mensch

unfehlbar?! Als zur Vesper die Glocken von der Jesuiterkirche, von

Lambertus und St. Andreas so schön und sonor läuteten, fühlte sie

sich nicht, wie sonst, bewegt von den frommen Klängen. ›Unfehlbar,

unfehlbar,‹ summte es ihr immer in den Ohren. Im ersten, hastigen

Impuls nahm sie die Heiligenbildchen, die über ihres Kleinen Bett

hingen, herunter und schloß sie in eine Schublade. Jetzt fühlte sie’s:

sie war doch nicht katholisch getauft. Wenn ihre Wiege auch geschaukelt

hatte beim Klang dieser Glocken, einen guten Schuß Blut hatte sie auch

von Vaters Seite her in den Adern; und der war ein Ketzer gewesen.

Der arme Vater! Ihr Blick umflorte sich. Ach, der hatte hier nicht

glücklich sein und auch nicht glücklich machen können! Der hatte die

hier nicht verstanden, und sie hatten ihn nicht verstanden! Ihr war’s,

als würde =sie= ihn jetzt verstehen. Daß sie doch so viel an ihn denken

mußte!

Starren Auges blickte sie hinüber zur Kaserne – da ging sein Geist noch

um. – – – –

Seit Oktober steckte der Peter auch drüben in der Kaserne. Seine

Lehrzeit war um gewesen, der Meister Cremer hatte ihm ein halbes Jahr

geschenkt. Was hätte er denn Klügeres machen können, als gleich seine

Zeit abdienen? Dann war er’s los, und dann würde er die Mutter schon

herumkriegen, ihn nach Paris zu lassen – und da würde er ein Künstler

werden! Ja, das wußte er jetzt. Denn wenn sie ihm auch sagten: ›Hier

streich’ diese Wände an,‹ es würden doch Bilder unter seinem Pinsel

entstehen, Bilder, wie er sie in seiner Seele trug, wie er sie mit

geschlossenen Augen sah, wie er sie nachts träumte. Er glaubte an seine

Zukunft. Und in diesem Glauben erschien ihm das Leben so wunderschön,

so strahlend hell, so voll von Farbe.

Der Kommißdienst machte ihm allerdings wenig Spaß, und die Drillerei

fand er höchst überflüssig; aber da er einen schlanken Rücken und

gerade Beine hatte und keinen so dicken Kopf, wie die westfälischen

Jungen, kam er gut durch. Er war wohl anschrieben. Darüber lachte er

sich freilich eins; er wußte ganz genau Bescheid über die Verehrer

seiner Mutter.

»En janz schneidiger!« sagte Unteroffizier Schmidt oft und klopfte ihm

freundschaftlich auf die Schulter.

Der Berliner erschien dem Peter als ein ganz umgänglicher Mensch.

Mochte der Hucklenbruch auch auf ihn schimpfen, na, der war eben

eifersüchtig! Peter war stolz auf die Triumphe seiner Mutter. Ja, so

frisch wie die, war auch keine! All ihre weißen Zähne hatte sie noch,

kein graues Fädchen im blonden Haar! Und freuen konnte sie sich, ja,

freuen! Als er zum erstenmal in Uniform vor ihr gestanden, da hatte sie

mit einem Jubelruf die Hände zusammengeschlagen, und dann war sie ihm

um den Hals gefallen und hatte ihn geherzt und geküßt wie einen Schatz.

Josefine empfand eine Freude in ihrem Herzen, wie solche das kaum je

bewegt – ihr Junge drüben in der alten Kaserne! Und so beliebt! Sogar

der Hauptmann hatte ihn belobt, als er für die Weihnachtsfeier der

Mannschaft ein Transparent gemalt, einen nackten Engel mit blauem

Lendentüchlein und fliegendem Spruchband:

_Gloria in excelsis Deo!_

Gab es eine glücklichere Mutter? Morgens belauschte sie das Ausrücken

ihres Sohnes, mittags seine Heimkehr von der Heide oder von den

Schießständen im Bilker Busch.

* * * * *

Der Winter war nun vorbei, heller Frühlingssonnenschein beglänzte die

schon gebräunten Gesichter der Füsiliere, der erste grüne Zweig steckte

dem Peter am Helm. Hell trällerte Josefines Stimme der Marschmusik

nach – Frühling, Frühling! Auch für sie war’s noch einmal Frühling mit

ihrem, durch ihren jungen Sohn.

Ganz Düsseldorf feierte Frühling. Alltäglich wallfahrteten jetzt

Scharen von Bürgern durch die schön bestellten Felder, über die

frischer Dung durchdringenden Lenzduft breitete, nach Dorf Hamm

zu Heckers Wirtschaft, wo der fortscheitende Bau der neuen festen

Rheinbrücke die Augen, und der berühmte Spargel nebst Maiwein die

Gaumen angenehm beschäftigte. Auch im Malkasten rührte sich’s;

aufgeweckt durch das maigrüne Rauschen der Bäume im alten Jacobischen

Garten, quakten die Frösche im Venusteich, und lustige Malerkehlen

machten ihnen Konkurrenz.

Der Rhein rollte seine frühlingsgeschwellten Wogen wieder einmal

am alten Schloß vorbei und begrüßte in übermütigem Umfangen die

kleine Düssel, die ihm unter der verwitterten Schloßmauer her im

jungen Liebesrausch in die Arme sprang. Im Hofgarten sangen sich die

Nachtigallen müde; am Kanal, am Schwanenspiegel, in den vielen, vielen

Gärten der Stadt klang ihr schmelzendes Locken.

Auch in Josefines Gärtchen schluchzte eine im hängenden Rosenstrauch

am Plankenzaun. Josefine hörte ihr oft zu – was klagte die?! Lind und

sanft und dunkel lag doch die stille Frühlingsnacht über den Dächern,

jedes Windchen ruhte, ein großer Friede träumte am Himmel und sank

nieder in den Schoß der empfangenden Erde.

* * * * *

Was wollte der Mann, der in allen Zeitungen unermüdlich annoncierte

unter dem geheimnisvollen Namen: ›_Maran atha_‹ und seine Mitchristen

zu einem Vortrag in der Bockhalle einlud?! Er kündigte an:

›Die baldige persönliche Wiederkunft unsers HERRN in Herrlichkeit.‹

Das war doch sicher ein Verrückter! Aber da der Eintritt unentgeltlich,

und man sich gern einen Spaß machte, gingen viele hin. Es war ja sonst

nichts los in der Stadt, aber auch rein gar nichts. Nur ein Bild machte

noch von sich reden, das ein junger Kunstschüler, Michael Munkacsy,

dessen Namen man bisher nicht gekannt, ausgestellt hatte: ›Letzter Tag

eines Verurteilten.‹ Das Publikum stand davor, halb ergriffen, halb

erstaunt; und die Maler gingen hin in hellen Haufen und besahen sich,

die Augenbrauen hochgezogen, manche mit leisem Kopfschütteln, dieses

ganz Neue.

Auch Peter sah das Bild. Brennende Thränen traten ihm in die Augen –

der, der das geschaffen, war kaum älter als er! Aufgeregt kam er zu

seiner Mutter. Mit fliegendem Atem sprach er:

»Mutter, dat is en Bild, ich sag’ dir, en Bild! Du sollst nur sehen,

wie de Mann da sitzt, de Verbrecher, die Fäust’ im Jesicht – dat

Jebetbuch liegt auf’m Boden, un se stieren ihn all an, de Leut’, die

ihn kucken jekommen sind – un dat junge Weib weint an der Mauer – un

dat Kind läuft zwischen Vater un Mutter un weiß von nix. Mutter, dat

is en Bild, so eins hat noch keiner hier jemalt! Mutter, de kann wat!

Mutter, nu weiß ich wat Kunst is! Mutter, un siehste, Mutter, so will

ich auch malen!«

Die Wacht am Rhein · 第 61 / 74 题