Es war für Düsseldorf jetzt an der Zeit, seiner großen Männer zu
gedenken. Die Stadt hatte es ja dazu, sie stand auf blühender Höhe
und war, wenn auch noch nicht in Handel und Gewerbe, so doch in Kunst
und Gartenanlagen der Rivalin Köln weit überlegen. Die Väter des Rats
brauchten sich der Gelder wegen keine Sorgen zu machen; man saß im
Wohlstand. Es war nicht mehr wie billig, jetzt auch äußerlich die
dankbar zu ehren, deren Namen der Düsselstadt ewigen Glanz verliehen.
Ganz einig war man sich freilich nicht, wer diese eigentlich waren.
War es zum Beispiel nötig, an Immermanns Sterbehaus eine Gedenktafel
anzubringen? Der war doch nur Theaterdirektor gewesen und hatte
genug Ärgernis erregt mit seiner Ahlefeld in Jacobis Garten hinter’m
Malkasten!
Ohne Widerspruch dagegen wurde die Errichtung eines Denkmals
beschlossen für Peter Cornelius, ›den größten Sohn der Stadt, den Heros
der deutschen Kunst, den Goethe unter den Malern, der die Kunst aus
der Abhängigkeit undeutschen Wesens befreit.‹
Doch als einige wenige, etwas schüchtern freilich, vorzubringen wagten,
da sei auch noch der Heinrich Heine, der sei doch auch ein Sohn der
Stadt und eigentlich auch ein Genie und auch tot, da ging man einfach
zur Tagesordnung über.
Aber in dem Beschluß, die neue Eisenbahnbrücke bei Neuß ›König
Wilhelms-Brücke‹ zu taufen, ferner zur Jubelfeier der Kunstakademie und
zur Liebesgabe anläßlich des Priesterjubiläums Pius IX. sich mit einer
würdigen Summe zu beteiligen, war man einig.
Professor Caspar Scheuren hatte eben jetzt mit seiner frommen
Aquarellkunst ein Gedenkblatt dieses fünfzigjährigen Priesterjubiläums
entworfen, es hing in jedem besseren Bürgerhaus unter Glas und Rahmen.
Der Dezember 1869 brachte, als passendstes Weihnachtsgeschenk, ein
Pendant dazu: das Gedenkblatt zum ökumenischen Konzil.
Das neue Jahr war in Sicht. So freundlich ging 1869 zu Ende, wie 1870
begann. –
Wie ein Stein in einen stillen Weiher fiel plötzlich in den ruhigen
Jahresbeginn die Kunde, das Konzil habe die Unfehlbarkeit des Papstes
beschlossen. Immer größere und größere Kreise, glucksende Blasen und
unruhige Wellchen bildeten sich auf der eben noch so glatten Fläche.
Etwas war hineingeschleudert, was nicht still zum Grund sank, sondern
wühlte und wühlte. Würde das Dogma von der Unfehlbarkeit durchgehen
oder nicht? Mochte der Jesuitensuperior Rivé zu Köln auch predigen:
›das Dogma von der Unfehlbarkeit sei ein Glaubenssatz, einfach
hinzunehmen,‹ mochte der Pater Roh seine ganze Beredsamkeit entfalten,
– zweihundert Bischöfe stritten dagegen. Das war ein Hin und Her, ein
Für und Wider. Die besten Freunde zankten sich, zwischen Vater und
Sohn klaffte jäh ein Riß; Mägde, die belauscht, worüber die Herrschaft
drinnen im Zimmer disputierte, kündigten. Manche Seele, die gern
glauben wollte, was sie glauben sollte und doch nicht glauben konnte,
ängstigte sich. Und die Andersgläubigen machten ihre Glossen.
Selbst in die Kaserne, in der sonst der Kommiß des Tages einförmigen
Inhalt bildete, war ein Tropfen Ärgernis gefallen. Die Bauernsöhne
erhielten Briefe von Haus, darin die Väter sie ermahnten, und die
Mütter ein Gedenkblättchen vom Heiligen Vater mitschickten.
Auch in der Witwe Conradi Lädchen wurde viel über dies weltbewegende
Ereignis verhandelt. Mit offenem Mund und weit aufgerissenen Augen
hörte Josefine zu – war’s möglich: der Papst unfehlbar, ein Mensch
unfehlbar?! Als zur Vesper die Glocken von der Jesuiterkirche, von
Lambertus und St. Andreas so schön und sonor läuteten, fühlte sie
sich nicht, wie sonst, bewegt von den frommen Klängen. ›Unfehlbar,
unfehlbar,‹ summte es ihr immer in den Ohren. Im ersten, hastigen
Impuls nahm sie die Heiligenbildchen, die über ihres Kleinen Bett
hingen, herunter und schloß sie in eine Schublade. Jetzt fühlte sie’s:
sie war doch nicht katholisch getauft. Wenn ihre Wiege auch geschaukelt
hatte beim Klang dieser Glocken, einen guten Schuß Blut hatte sie auch
von Vaters Seite her in den Adern; und der war ein Ketzer gewesen.
Der arme Vater! Ihr Blick umflorte sich. Ach, der hatte hier nicht
glücklich sein und auch nicht glücklich machen können! Der hatte die
hier nicht verstanden, und sie hatten ihn nicht verstanden! Ihr war’s,
als würde =sie= ihn jetzt verstehen. Daß sie doch so viel an ihn denken
mußte!
Starren Auges blickte sie hinüber zur Kaserne – da ging sein Geist noch
um. – – – –
Seit Oktober steckte der Peter auch drüben in der Kaserne. Seine
Lehrzeit war um gewesen, der Meister Cremer hatte ihm ein halbes Jahr
geschenkt. Was hätte er denn Klügeres machen können, als gleich seine
Zeit abdienen? Dann war er’s los, und dann würde er die Mutter schon
herumkriegen, ihn nach Paris zu lassen – und da würde er ein Künstler
werden! Ja, das wußte er jetzt. Denn wenn sie ihm auch sagten: ›Hier
streich’ diese Wände an,‹ es würden doch Bilder unter seinem Pinsel
entstehen, Bilder, wie er sie in seiner Seele trug, wie er sie mit
geschlossenen Augen sah, wie er sie nachts träumte. Er glaubte an seine
Zukunft. Und in diesem Glauben erschien ihm das Leben so wunderschön,
so strahlend hell, so voll von Farbe.
Der Kommißdienst machte ihm allerdings wenig Spaß, und die Drillerei
fand er höchst überflüssig; aber da er einen schlanken Rücken und
gerade Beine hatte und keinen so dicken Kopf, wie die westfälischen
Jungen, kam er gut durch. Er war wohl anschrieben. Darüber lachte er
sich freilich eins; er wußte ganz genau Bescheid über die Verehrer
seiner Mutter.
»En janz schneidiger!« sagte Unteroffizier Schmidt oft und klopfte ihm
freundschaftlich auf die Schulter.
Der Berliner erschien dem Peter als ein ganz umgänglicher Mensch.
Mochte der Hucklenbruch auch auf ihn schimpfen, na, der war eben
eifersüchtig! Peter war stolz auf die Triumphe seiner Mutter. Ja, so
frisch wie die, war auch keine! All ihre weißen Zähne hatte sie noch,
kein graues Fädchen im blonden Haar! Und freuen konnte sie sich, ja,
freuen! Als er zum erstenmal in Uniform vor ihr gestanden, da hatte sie
mit einem Jubelruf die Hände zusammengeschlagen, und dann war sie ihm
um den Hals gefallen und hatte ihn geherzt und geküßt wie einen Schatz.
Josefine empfand eine Freude in ihrem Herzen, wie solche das kaum je
bewegt – ihr Junge drüben in der alten Kaserne! Und so beliebt! Sogar
der Hauptmann hatte ihn belobt, als er für die Weihnachtsfeier der
Mannschaft ein Transparent gemalt, einen nackten Engel mit blauem
Lendentüchlein und fliegendem Spruchband:
_Gloria in excelsis Deo!_
Gab es eine glücklichere Mutter? Morgens belauschte sie das Ausrücken
ihres Sohnes, mittags seine Heimkehr von der Heide oder von den
Schießständen im Bilker Busch.
* * * * *
Der Winter war nun vorbei, heller Frühlingssonnenschein beglänzte die
schon gebräunten Gesichter der Füsiliere, der erste grüne Zweig steckte
dem Peter am Helm. Hell trällerte Josefines Stimme der Marschmusik
nach – Frühling, Frühling! Auch für sie war’s noch einmal Frühling mit
ihrem, durch ihren jungen Sohn.
Ganz Düsseldorf feierte Frühling. Alltäglich wallfahrteten jetzt
Scharen von Bürgern durch die schön bestellten Felder, über die
frischer Dung durchdringenden Lenzduft breitete, nach Dorf Hamm
zu Heckers Wirtschaft, wo der fortscheitende Bau der neuen festen
Rheinbrücke die Augen, und der berühmte Spargel nebst Maiwein die
Gaumen angenehm beschäftigte. Auch im Malkasten rührte sich’s;
aufgeweckt durch das maigrüne Rauschen der Bäume im alten Jacobischen
Garten, quakten die Frösche im Venusteich, und lustige Malerkehlen
machten ihnen Konkurrenz.
Der Rhein rollte seine frühlingsgeschwellten Wogen wieder einmal
am alten Schloß vorbei und begrüßte in übermütigem Umfangen die
kleine Düssel, die ihm unter der verwitterten Schloßmauer her im
jungen Liebesrausch in die Arme sprang. Im Hofgarten sangen sich die
Nachtigallen müde; am Kanal, am Schwanenspiegel, in den vielen, vielen
Gärten der Stadt klang ihr schmelzendes Locken.
Auch in Josefines Gärtchen schluchzte eine im hängenden Rosenstrauch
am Plankenzaun. Josefine hörte ihr oft zu – was klagte die?! Lind und
sanft und dunkel lag doch die stille Frühlingsnacht über den Dächern,
jedes Windchen ruhte, ein großer Friede träumte am Himmel und sank
nieder in den Schoß der empfangenden Erde.
* * * * *
Was wollte der Mann, der in allen Zeitungen unermüdlich annoncierte
unter dem geheimnisvollen Namen: ›_Maran atha_‹ und seine Mitchristen
zu einem Vortrag in der Bockhalle einlud?! Er kündigte an:
›Die baldige persönliche Wiederkunft unsers HERRN in Herrlichkeit.‹
Das war doch sicher ein Verrückter! Aber da der Eintritt unentgeltlich,
und man sich gern einen Spaß machte, gingen viele hin. Es war ja sonst
nichts los in der Stadt, aber auch rein gar nichts. Nur ein Bild machte
noch von sich reden, das ein junger Kunstschüler, Michael Munkacsy,
dessen Namen man bisher nicht gekannt, ausgestellt hatte: ›Letzter Tag
eines Verurteilten.‹ Das Publikum stand davor, halb ergriffen, halb
erstaunt; und die Maler gingen hin in hellen Haufen und besahen sich,
die Augenbrauen hochgezogen, manche mit leisem Kopfschütteln, dieses
ganz Neue.
Auch Peter sah das Bild. Brennende Thränen traten ihm in die Augen –
der, der das geschaffen, war kaum älter als er! Aufgeregt kam er zu
seiner Mutter. Mit fliegendem Atem sprach er:
»Mutter, dat is en Bild, ich sag’ dir, en Bild! Du sollst nur sehen,
wie de Mann da sitzt, de Verbrecher, die Fäust’ im Jesicht – dat
Jebetbuch liegt auf’m Boden, un se stieren ihn all an, de Leut’, die
ihn kucken jekommen sind – un dat junge Weib weint an der Mauer – un
dat Kind läuft zwischen Vater un Mutter un weiß von nix. Mutter, dat
is en Bild, so eins hat noch keiner hier jemalt! Mutter, de kann wat!
Mutter, nu weiß ich wat Kunst is! Mutter, un siehste, Mutter, so will
ich auch malen!«