Unwillkürlich sagte sie laut: »Ob de wohl ens wiederkömmt?«

»De kömmt wieder, de kömmt sicher und jewiß wieder,« murmelte die alte

Frau, nickte eifrig und starrte schwimmenden Auges, mit gefalteten

Händen, in das trüb brennende Lebenslicht.

Josefine wußte es wohl, die Rückkehr ihres Jüngsten kümmerte die Mutter

wenig, die dachte nur an ihren Wilhelm. Da wurde es ihr eng; sie stand

auf, es litt sie nicht mehr in der dumpfen Stube, deren verschlossenes

Fenster keinen Luftzug einließ, deren Winkel alle vollgestopft waren

mit Erinnerungen, die nur =heute= Erinnerungen waren, sonst vergessen

standen und verstaubten. –

Aufatmend trat Josefine unter den freien, reichgestirnten

Augustnachthimmel; wunderbar schön strahlten die Sterne über dem

Exerzierplatz und warfen ihr leuchtendes Bild in den dunklen

Spiegel des Stadtgrabens. Fernab, vom Friedrichsplatz her, rollte

noch das Branden einer aufgeregten Volksmenge; es klang wie

Brausen der Empörung, und doch war’s lauter Freude. Dort, beim

Regierungspräsidenten, war der König abgestiegen, dort stand er nun

gewiß am Fenster, und sie jubelten ihm zu. –

In dieser Nacht schlief Josefine unruhig. Sie träumte: Bald stand sie

auf dem Prellstein und schrie Hurra, bald saß sie in der dunklen Stube

bei der Mutter – ›Er kömmt wieder, sicher un jewiß, er kömmt wieder!‹

Aber eine andre Stimme sprach hart: ›Er kommt nie wieder!‹ – Und dann

nickte ihr der freundliche König zu, und sie nickte wieder. Da streckte

der König die Hand aus und sprach: ›Was giebst du mir?!‹ – Er griff

nach ihrem Herzen – sie schrie laut auf – und wie sie schrie, erwachte

sie, ganz in Angstschweiß gebadet.

Es war sonniger Frühmorgen, Musikfanfaren schmetterten den Tag wach,

drüben rückten die Neununddreißiger aus zur Truppenbesichtigung auf der

Golzheimer Heide. Da sollten sie vor’m König paradieren.

Die Trommeln wirbelten, die Piccoloflöten schrillten:

›Freut euch des Lebens,

Solang das Lämpchen glüht.‹

Hastig eilte Josefine an’s Fenster; hinter dem Gardinchen spähte sie

den Truppen nach – Soldaten, Soldaten, all die blauen Röcke und all

die roten Kragen und die frischen, gebräunten Gesichter drüber. Und

alles blank geputzt; auf tausend Helmspitzen schien sich die Sonne zu

entzünden, es war ein Blitzen und Blinkern. Ei, war das lustig!

»Freut euch des Lebens,« summte sie mit und sah ihnen nach, ganz

vergessend, daß sie sich in der Nachtjacke zum Fenster hinauslegte.

Heute war ein stiller Tag für das Lädchen, die Kaserne wie ausgekratzt,

auch die halbe Stadt auf den Beinen nach der Golzheimer Heide. Den

König sehn, den König! Heute gegen abend reiste er ja schon wieder ab.

Spät mittags war die Parade aus; totmüde, bis zur Unkenntlichkeit von

Staub bedeckt, marschierten die Soldaten wieder ein.

Der König aber besah sich noch rasch die Kunstausstellung bei Schulte

und das Atelier des Schlachtenmalers Camphausen. Er hatte bei Schulte

sogar einen Ankauf befohlen – das Bildchen hieß:

›Die Rekruten.‹

Die Wacht am Rhein · 第 60 / 74 题