Ein glücklicher Stern schien über dem kleinen Laden aufgezogen zu sein
und freundlich das schwarze Schild mit den weißen Ölfarbenbuchstaben
zu beglänzen. Josefine konnte nicht in das allgemeine Lamento über
schlechte Geschäfte einstimmen, obgleich auch sie die Teuerung der
Lebensmittel, besonders den unerhörten Preis des Fleisches, empfand.
Der November hatte Düsseldorf eine neue Besatzung gebracht: das 39.
Regiment, statt der alten Sechzehner, war vollzählig eingerückt. Die
lustigen Füsiliere füllten die Höfe und Blocks der Kaserne wie summende
Bienen und schwärmten aus, um sich in der neuen Garnison heimisch zu
machen. Und: Rinke – Rinke – das war ein Name, der den Sechzehnern
sehr geläufig gewesen, nun ging der wie ein Vermächtnis auf die
Neununddreißiger über. Rinke, einstmaliger Feldwebel, – Josefine Rinke,
Feldwebelstochter, hübsche Frau, bei der mußte man kaufen!
Und Josefine lächelte hinter ihrem Ladentisch und wußte ganz genau, was
dem Soldaten not that. Der kleine Fritz half ihr schon getreulich, der
Peter hatte desto weniger Sinn für’s Geschäft; und der Ferdinand, ach,
du lieber Gott! Dem wurde gleich alles leid. War es Faulheit, oder that
ihm sein weggeschossenes Bein wirklich noch weh? Er jammerte immer:
›Autsch, mein großer Zeh’!‹ Seine Stimmung war erbärmlich, und als die
grauen Wintertage kamen, wurde sie noch grauer.
Der Jammer um’s verlorene Bein war nun doch nachgekommen und zwar
gründlich. So ein Krüppel zu sein, so ein hilfloser Schächer in den
besten Mannesjahren! Er verwünschte Gott und die Welt.
Solange der Herbst noch Sonne gegeben, hatte er vor der Thür gesessen
und sich den Rücken bescheinen lassen; da hatten die Kinder sich um
ihn gesammelt, und die Frauen der Nachbarschaft hatten ihn förmlich
poussiert. Jetzt fehlte ihm jede Zerstreuung; das Interesse der Leute
an ihm hatte nachgelassen.
»Natürlich,« sagte er bitter, »jetzt vergessen sie, daß man seine Haut
zu Markt getragen hat! Un dreizehn Thaler Invalidenpension, was is denn
das? Gar nix. So viel wie mein Bein gewogen hat, müßten se mir in Gold
geben, un dann wär’ es auch noch nich genug. Mein Bein, ach, mein Bein!«
In solcher Stimmung schmiß er mit seinem einzigen Stiefel.
Josefine hoffte auf das künstliche Bein, das der Mechaniker Brandt in
Oberbilk für Ferdinand in Arbeit hatte. Der war ein geschickter Mann;
sie setzten nun alle ihre Zuversicht auf ihn. Schnakenberg machte
sich ein Gewerbe daraus, fast alle Nachmittag nach dem Schläfchen
hinauszuspazieren nach Oberbilk, um zu sehen, was ›sein‹ Bein machte.
Endlich kam es. Sie waren alle versammelt; Herr und Frau Schnakenberg
waren extra dazu erschienen. Sie glaubten, der Ferdinand würde nun
stracks laufen können, aber hilflos wie ein Kind stand er da und
klammerte sich an den Tischrand.
»Jesus, is das schwer! Schwer wie Blei,« stöhnte er, und der
Angstschweiß brach ihm aus. Er vergaß ganz, sich beim Stiefvater zu
bedanken; er war wie geschlagen.
»Nu jeh doch, probier’ doch ens, mein Jüngesken,« redete ihm die Mutter
zu.
»Ich kann nich!«
»De Brandt hat dat schlecht jemacht,« eiferte der Stiefvater.
»Wahrhaftijens Jott, de Kerl verklag’ ich!«
Josefine bot dem Bruder ihren Arm zur Stütze, aber er stieß sie mit
einem Fluch zurück und schloß die Augen. »Ach, wär’ ich lieber tot!« Er
konnte ja doch nicht gehen.
Erschrocken schmiegte sich Fritz an die Mutter und lispelte ihr etwas
in’s Ohr; aber man verstand es doch in der betroffenen Stille:
»Mer kann doch jehn, mer muß et nur erst lernen!«
Freilich, freilich, das hatte der Brandt auch gesagt! Nun fiel es ihnen
ein. Schnakenberg tätschelte den Kleinen:
»Wat de Jung’ schlau is! Wart ens, klein Männeken, wann de zur
Kommuni–, wollt’ sagen: zur Konfirmation jehst, dann kriegste auch en
jolden Uhr von mir!«
Der Invalide rief den Knaben heran und küßte ihn in aufwallender
Hoffnung. Ja, lernen! Dann ließ er sich helfen, das Bein abschnallen;
für heute hatte er erst mal genug davon.
Josefine sah gerührt auf ihren Jüngsten; der hatte so viel von seinem
Vater: die Ruhe, die Bedächtigkeit. Und auch von seinem Patenonkel was:
den praktischen Blick. Dann schaute sie auf ihren Großen, es deuchte
sie, der war totenblaß geworden; nun verließ Peter plötzlich die Stube.
Ein komischer Jung’, der konnte gar nicht so etwas mit ansehen. Dem war
sicher wieder schlecht!
Sie ging ihm nach und suchte ihn. Oben in seiner Kammer fand sie ihn,
da hatte er sich über’s Bett geworfen und das Gesicht in’s Kissen
gedrückt. Als sie ihn rief, richtete er sich auf und sah sie verstört
an.
»Aber, Jung’,« sagte sie, »wat haste nu als wieder?«
»Huh, so häßlich! Ba, dat Bein, so eklig!« Er schüttelte sich.
»Wat is dann da eklig an? Et is doch en Jlück, dat der Onkel dat Bein
kriegt.«
»Ja, ja, – aber red’ nur nit mehr dervon, et wird mir sonst übel. Huh,
wie scheußlich, wie jreulich!«
Er kam gar nicht mehr davon los; seine Augen hatten sich schreckhaft
erweitert und starrten geradeaus, als ob sie das Grausen vor sich sähen.
»Du bis ja en Bangbüx, schäm’ dich,« sagte die Mutter.
Er hörte sie gar nicht, immer mit demselben starren Blick murmelte er:
»So schießen se sich auch de Arm’ ab, die Augen aus, in den Bauch, in
de Brust, in den Kopf, wo’t trifft – Mutter,« sagte er dann plötzlich,
wie sich besinnend, »komm du her, jieb mir en Bützken! Dat is ja all
dumm Zeug, lassen wer nit mehr dran denken!«
Er lachte, und sie küßte ihn und strich ihm die Haare aus der Stirn,
die ihm immer wieder in einer vollen weichen Locke hineinfielen. Die
Thränen traten ihm in die Augen, als er jetzt sagte: »Der arme Onkel!«
Der gute Junge! Wie hübsch er war und wie weichherzig! Was nur aus ihm
werden sollte? Sie beschloß, bei nächster Gelegenheit mit ihrem Bruder
Friedrich Rücksprache zu nehmen, der würde ihr schon raten; denn daß
der Peter zum Januar von der Schule mußte, stand bei ihr fest. Er kam
da doch nicht weiter, hatte nur Lust am zeichnen und malen. – ›Maler,
Mutter, Maler!‹
Ach, nun hatte sie’s so klug zu machen gedacht, als sie nach Düsseldorf
gezogen. Wäre es ihrem Peter nicht besser, sie säßen noch in Vohwinkel?
Oder hätte er dort auch am Ende denselben Wunsch gehabt: Maler, nur
Maler! Jetzt entsann sie sich, schon als kleiner Junge hatte er
Männchen und Häuschen auf die Tafel gekritzelt, so kraklig wie andere
Kinder auch und doch wieder ganz anders. Und wie konnte er sich freuen
über eine schöne Blume, ein grünes Feld, über den Mond am Himmel und
die roten Abendwolken!
Und ihr eignes Kinderentzücken fiel ihr ein über die blühenden Wiesen
am Rhein, über die grünen Wellen, die vorbeizogen am alten Schloß, über
die roten Dächer der Ratingerstraße, über den dunklen Kalvarienberg, an
dem bunte Prozessionen vorbeiwallten – ja, der Junge hatte so unrecht
nicht, hier konnte einer wohl Bilder malen! Man hörte ja auch so viel
davon reden – Bilder, Bilder – der Bendemann und der Keller, der Deger
und der Müller, die Achenbachs, und wie sie alle hießen, waren in aller
Leute Mund. Man konnte sogar im Blättchen von ihnen lesen. Und die
Grablegung Christi von dem Roeting war sie selber gucken gegangen mit
ihren beiden Jungen. Das war mal ein großes Bild, zwölf Fuß hoch und
elf Fuß breit! In der Akademie war’s ausgestellt gewesen zum Besten der
im Krieg Verwundeten; aber man hatte immer nur von dem Bild geredet,
gar nicht von den Verwundeten. Das mit dem ›malen‹, das lag hier in der
Luft. Der arme Jung’, wie sollte das noch werden?!