XXI

Ein glücklicher Stern schien über dem kleinen Laden aufgezogen zu sein

und freundlich das schwarze Schild mit den weißen Ölfarbenbuchstaben

zu beglänzen. Josefine konnte nicht in das allgemeine Lamento über

schlechte Geschäfte einstimmen, obgleich auch sie die Teuerung der

Lebensmittel, besonders den unerhörten Preis des Fleisches, empfand.

Der November hatte Düsseldorf eine neue Besatzung gebracht: das 39.

Regiment, statt der alten Sechzehner, war vollzählig eingerückt. Die

lustigen Füsiliere füllten die Höfe und Blocks der Kaserne wie summende

Bienen und schwärmten aus, um sich in der neuen Garnison heimisch zu

machen. Und: Rinke – Rinke – das war ein Name, der den Sechzehnern

sehr geläufig gewesen, nun ging der wie ein Vermächtnis auf die

Neununddreißiger über. Rinke, einstmaliger Feldwebel, – Josefine Rinke,

Feldwebelstochter, hübsche Frau, bei der mußte man kaufen!

Und Josefine lächelte hinter ihrem Ladentisch und wußte ganz genau, was

dem Soldaten not that. Der kleine Fritz half ihr schon getreulich, der

Peter hatte desto weniger Sinn für’s Geschäft; und der Ferdinand, ach,

du lieber Gott! Dem wurde gleich alles leid. War es Faulheit, oder that

ihm sein weggeschossenes Bein wirklich noch weh? Er jammerte immer:

›Autsch, mein großer Zeh’!‹ Seine Stimmung war erbärmlich, und als die

grauen Wintertage kamen, wurde sie noch grauer.

Der Jammer um’s verlorene Bein war nun doch nachgekommen und zwar

gründlich. So ein Krüppel zu sein, so ein hilfloser Schächer in den

besten Mannesjahren! Er verwünschte Gott und die Welt.

Solange der Herbst noch Sonne gegeben, hatte er vor der Thür gesessen

und sich den Rücken bescheinen lassen; da hatten die Kinder sich um

ihn gesammelt, und die Frauen der Nachbarschaft hatten ihn förmlich

poussiert. Jetzt fehlte ihm jede Zerstreuung; das Interesse der Leute

an ihm hatte nachgelassen.

»Natürlich,« sagte er bitter, »jetzt vergessen sie, daß man seine Haut

zu Markt getragen hat! Un dreizehn Thaler Invalidenpension, was is denn

das? Gar nix. So viel wie mein Bein gewogen hat, müßten se mir in Gold

geben, un dann wär’ es auch noch nich genug. Mein Bein, ach, mein Bein!«

In solcher Stimmung schmiß er mit seinem einzigen Stiefel.

Josefine hoffte auf das künstliche Bein, das der Mechaniker Brandt in

Oberbilk für Ferdinand in Arbeit hatte. Der war ein geschickter Mann;

sie setzten nun alle ihre Zuversicht auf ihn. Schnakenberg machte

sich ein Gewerbe daraus, fast alle Nachmittag nach dem Schläfchen

hinauszuspazieren nach Oberbilk, um zu sehen, was ›sein‹ Bein machte.

Endlich kam es. Sie waren alle versammelt; Herr und Frau Schnakenberg

waren extra dazu erschienen. Sie glaubten, der Ferdinand würde nun

stracks laufen können, aber hilflos wie ein Kind stand er da und

klammerte sich an den Tischrand.

»Jesus, is das schwer! Schwer wie Blei,« stöhnte er, und der

Angstschweiß brach ihm aus. Er vergaß ganz, sich beim Stiefvater zu

bedanken; er war wie geschlagen.

»Nu jeh doch, probier’ doch ens, mein Jüngesken,« redete ihm die Mutter

zu.

»Ich kann nich!«

»De Brandt hat dat schlecht jemacht,« eiferte der Stiefvater.

»Wahrhaftijens Jott, de Kerl verklag’ ich!«

Josefine bot dem Bruder ihren Arm zur Stütze, aber er stieß sie mit

einem Fluch zurück und schloß die Augen. »Ach, wär’ ich lieber tot!« Er

konnte ja doch nicht gehen.

Erschrocken schmiegte sich Fritz an die Mutter und lispelte ihr etwas

in’s Ohr; aber man verstand es doch in der betroffenen Stille:

»Mer kann doch jehn, mer muß et nur erst lernen!«

Freilich, freilich, das hatte der Brandt auch gesagt! Nun fiel es ihnen

ein. Schnakenberg tätschelte den Kleinen:

»Wat de Jung’ schlau is! Wart ens, klein Männeken, wann de zur

Kommuni–, wollt’ sagen: zur Konfirmation jehst, dann kriegste auch en

jolden Uhr von mir!«

Der Invalide rief den Knaben heran und küßte ihn in aufwallender

Hoffnung. Ja, lernen! Dann ließ er sich helfen, das Bein abschnallen;

für heute hatte er erst mal genug davon.

Josefine sah gerührt auf ihren Jüngsten; der hatte so viel von seinem

Vater: die Ruhe, die Bedächtigkeit. Und auch von seinem Patenonkel was:

den praktischen Blick. Dann schaute sie auf ihren Großen, es deuchte

sie, der war totenblaß geworden; nun verließ Peter plötzlich die Stube.

Ein komischer Jung’, der konnte gar nicht so etwas mit ansehen. Dem war

sicher wieder schlecht!

Sie ging ihm nach und suchte ihn. Oben in seiner Kammer fand sie ihn,

da hatte er sich über’s Bett geworfen und das Gesicht in’s Kissen

gedrückt. Als sie ihn rief, richtete er sich auf und sah sie verstört

an.

»Aber, Jung’,« sagte sie, »wat haste nu als wieder?«

»Huh, so häßlich! Ba, dat Bein, so eklig!« Er schüttelte sich.

»Wat is dann da eklig an? Et is doch en Jlück, dat der Onkel dat Bein

kriegt.«

»Ja, ja, – aber red’ nur nit mehr dervon, et wird mir sonst übel. Huh,

wie scheußlich, wie jreulich!«

Er kam gar nicht mehr davon los; seine Augen hatten sich schreckhaft

erweitert und starrten geradeaus, als ob sie das Grausen vor sich sähen.

»Du bis ja en Bangbüx, schäm’ dich,« sagte die Mutter.

Er hörte sie gar nicht, immer mit demselben starren Blick murmelte er:

»So schießen se sich auch de Arm’ ab, die Augen aus, in den Bauch, in

de Brust, in den Kopf, wo’t trifft – Mutter,« sagte er dann plötzlich,

wie sich besinnend, »komm du her, jieb mir en Bützken! Dat is ja all

dumm Zeug, lassen wer nit mehr dran denken!«

Er lachte, und sie küßte ihn und strich ihm die Haare aus der Stirn,

die ihm immer wieder in einer vollen weichen Locke hineinfielen. Die

Thränen traten ihm in die Augen, als er jetzt sagte: »Der arme Onkel!«

Der gute Junge! Wie hübsch er war und wie weichherzig! Was nur aus ihm

werden sollte? Sie beschloß, bei nächster Gelegenheit mit ihrem Bruder

Friedrich Rücksprache zu nehmen, der würde ihr schon raten; denn daß

der Peter zum Januar von der Schule mußte, stand bei ihr fest. Er kam

da doch nicht weiter, hatte nur Lust am zeichnen und malen. – ›Maler,

Mutter, Maler!‹

Ach, nun hatte sie’s so klug zu machen gedacht, als sie nach Düsseldorf

gezogen. Wäre es ihrem Peter nicht besser, sie säßen noch in Vohwinkel?

Oder hätte er dort auch am Ende denselben Wunsch gehabt: Maler, nur

Maler! Jetzt entsann sie sich, schon als kleiner Junge hatte er

Männchen und Häuschen auf die Tafel gekritzelt, so kraklig wie andere

Kinder auch und doch wieder ganz anders. Und wie konnte er sich freuen

über eine schöne Blume, ein grünes Feld, über den Mond am Himmel und

die roten Abendwolken!

Und ihr eignes Kinderentzücken fiel ihr ein über die blühenden Wiesen

am Rhein, über die grünen Wellen, die vorbeizogen am alten Schloß, über

die roten Dächer der Ratingerstraße, über den dunklen Kalvarienberg, an

dem bunte Prozessionen vorbeiwallten – ja, der Junge hatte so unrecht

nicht, hier konnte einer wohl Bilder malen! Man hörte ja auch so viel

davon reden – Bilder, Bilder – der Bendemann und der Keller, der Deger

und der Müller, die Achenbachs, und wie sie alle hießen, waren in aller

Leute Mund. Man konnte sogar im Blättchen von ihnen lesen. Und die

Grablegung Christi von dem Roeting war sie selber gucken gegangen mit

ihren beiden Jungen. Das war mal ein großes Bild, zwölf Fuß hoch und

elf Fuß breit! In der Akademie war’s ausgestellt gewesen zum Besten der

im Krieg Verwundeten; aber man hatte immer nur von dem Bild geredet,

gar nicht von den Verwundeten. Das mit dem ›malen‹, das lag hier in der

Luft. Der arme Jung’, wie sollte das noch werden?!

Die Wacht am Rhein · 第 55 / 74 题