Die Witwe träumte. –

Plötzlich schreckte sie auf.

»Herrraus!« Rauh tönte es durch die Stille. Was, schon die Ronde? So

spät war es schon? Und der Ferdinand noch immer nicht da? Es würde ihm

doch nichts passiert sein?!

Sie öffnete das Fenster und spähte hinaus – kein Wagen, auch keine

Gestalten! Nirgendwo mehr Licht, nur der Herbsthimmel, klar gestirnt,

voll unzähliger, funkelnder Kerzen. Massig streckte sich der Bau der

Kaserne, mit seinen endlosen Mauern die Straße begrenzend, in einer

festen, einförmigen Linie. Jetzt fiel’s ihr auf, vielleicht zum

erstenmal, wie häßlich eigentlich der Bau war. Aber sie wehrte sich

gegen den Gedanken; denn den hatte ihr ja nur der Peter eingeblasen,

der schimpfte immer über die langweilige Kaserne und fand sie so

garstig, wie gar nichts anderes auf der Welt. Nun, mochte er – sie

nickte vertraulich hinüber – ihr war sie trotzdem lieb. Eine plötzliche

Sehnsucht überkam sie, einmal hinein zu dürfen, einmal sich wieder

gegen das schwere Thor zu stemmen, das den Hof – ihren Hof – verschloß.

Ob jemand oben in der Feldwebelwohnung wohnte?! Sie hatte schon einmal

die Mutter danach gefragt, aber ein Schatten war über deren Gesicht

geflogen: ›Ich weiß et nit.‹

Die Mutter hatte eine gewisse Scheu vor den Erinnerungen an jene Zeit.

Und die Tochter begriff das wohl. –

Jesus, der Ferdinand kam doch gar nicht wieder, der schien sich zu gut

am Stammtisch zu behagen! Noch einmal spähte sie die Straße hinauf und

hinab, und dann zog sie sich mit einem Seufzer vom Fenster zurück.

Es würde ihr wohl nichts helfen, sie mußte schon die ganze Nacht

aufsitzen, denn wie sollte der Einbeinige sonst in’s Bett kommen? Ach

Gott, das war doch zu traurig mit dem armen Kerl! Hätten die Preußen

doch keinen Krieg angefangen!

Da fiel ihr Blick auf den andern Zettel, der ihr vorhin aus dem

Kästchen entfallen war. Sie hob ihn auf. Wie eine Vorschrift, groß und

fest und deutlich, stand auf dem liniierten Schulheftblatt:

›Über alles die Ehre!‹

Das hatte ihr Vater geschrieben in letzter Stunde! Sie setzte sich

nieder und dachte und starrte und starrte und dachte, bis ihr die Augen

zufielen.

Ein Wagengerassel erweckte sie, ein recht langsames, müdes

Räderrattern. Ah, da kamen sie endlich!

Verschlafen taumelte sie die Treppe hinunter. Von St. Anna schlug’s

drei.

»Och Jott, och Jott, bis du’t, Ferdnand?«

Noch ganz verwirrt schaute sie in den Wagen, aber sie wurde gleich

hell wach: da lehnten der Ferdinand und der Schnakenberg im Fond,

nebeneinander, Arm in Arm, und schnarchten.

»He, Sie, Schnakenberg! Ferdnand!« Jetzt die wach kriegen!

Schmunzelnd stieg der Kutscher vom Bock. »Wollen Se nit jefälligst

aussteijen, Herr Schnakenberg?« sagte er.

Mit vereinter Mühe weckten sie Herrn Schnakenberg. Verdutzt kroch der

aus dem Wagen und wackelte hin und her auf seinen einknickenden Beinen,

aber er lachte vergnügt und kniff die ärgerliche Josefine in die Backe.

»Finken, mei lieb Dier, sei ens nit unjemütlich! De Jung’ kriegt auch

en Bein, beim Brandt in Oberbilk, kost’ et wat et kost’! Et war des

Juten en bißken viel, aber dat thut ja nix. Faß ens an, Kink, wer

wollen dat Jüngesken ’erauftragen!«

Es war wiederum eine schwierige Sache, den Invaliden die Treppe

heraufzubringen. Er war schwer wie ein Klotz. Als er auf dem Bett lag,

schlug er für einen Moment die Augen auf und stierte verwundert der

Schwester blaues Kleid an.

»Siehste, wie de biste,« lallte er, »auch blau – blau – blau – blau –

der Schnakenberg is mein Freund – Bruderherz – ich krieg en Bein – dat

andre is futsch – blau – blau – blau – Fina – ich geh’ noch tanzen mit

dir – hurra!«

Die Wacht am Rhein · 第 54 / 74 题