Es war zu Beginn des neuen Jahres, als Onkel Friedrich aus Essen
herüberkam. Josefine hatte ihn schon eher erwartet, aber er hatte
nicht gut abkommen können; bei Krupp arbeitete man eifrig an einer
Riesen-Gußstahlkanone für die Ausstellung in Paris. Alle großen
Etablissements und Fabriken rüsteten jetzt Ausstellungsobjekte. Die
Weltausstellung in Paris war ein Gedanke, der alle geschäftlichen
Unternehmungen beseelte.
Auch Friedrich Rinke trug große Pläne. Er hoffte darauf, sich
selbständig zu machen; freilich nicht heute und morgen, aber in Jahr
und Tag vielleicht. Wenn ihm nur einer Kapital vorschießen wollte!
Dann wollte er wohl zeigen, was man heutzutage in der Industrie vor
sich bringen kann. Seine Zeit hatte er gut genutzt, und von allerlei
Erfindungen, die er gemacht, war ihm schon eine patentiert worden. Er
dachte ja auch nicht gleich an eine Maschinenfabrik, an ein Walzwerk
oder einen Eisenhammer; mit einer bescheidenen Schmiede anzufangen,
wäre auch keine Schande.
»De Krupp hat et auch nit anders jemacht,« sagte er und betrachtete
seine verarbeiteten Hände. »Werkführer bin ich ja schon, Jott sei Dank!
Un ich bin ja auch noch nit e so alt; ich fühl’ mich jung jenug, in
zwanzig Jahren mit dem Krupp zu konkurrieren. Wenn nit mit Kanonen,
dann mit Eisenbahnschienen. Eisenbahnschienen, Eisenbahnschienen,
die jehen noch emal um die janze Welt. Die tragen noch weiter wie
Kanonen. Un, paßt auf, sollten wer noch ne Krieg kriegen, dann aber!
Wann wer dann wieder siegen, dann rauchen unsre Fabricken aus sechs
Schornsteinen anstatt jetzt aus einem, un unsre Hochöfen sind noch
sechsmal so heiß wie jetzt. Paris, Paris – wat brauchen wer dann noch
französ’sche War’? Un englische auch nit. Wat denkt ihr wohl, 66,
auf dat mer e so schimpft, hat dem Krupp mehr einjebracht als drei
Friedensjahr’. De schickt jetzt auf die Weltausstellung, janz frech,
und de kriegt auch der erste Preis, die jroße joldene Medaill’ –
wetten?!«
Es fiel ihnen gar nicht ein, dagegen zu wetten; sowohl der Invalide als
Josefine, die mit dem Bruder im Familienrat saßen, glaubten ihm.
»Och ja, der Friederich,« sagte Ferdinand mit einem Seufzer. »Krumme
Bein’ sind immer noch besser wie ein Bein.«
»Lassen wer doch jetzt mal de Peter ’ereinrufen,« bat Josefine. Es
wäre ihr lieb gewesen, der hätte den Onkel so sprechen gehört, dann
würde er vielleicht nicht mehr so viel Anstoß an dessen Beinen nehmen.
Sie rief, aber nur der kleine Fritz, der unten auf den Laden paßte,
antwortete. Peter war nicht da; weggelaufen, obgleich er wußte, um was
es sich heute handelte! Oder vielleicht gerade darum?!
»Er is nit da,« sagte Josefine kleinlaut, als sie in die Stube
zurückkam, und stützte den Kopf in die Hand.
»No, also Fahnenflucht!« schrie der Invalide und paukte auf den Tisch.
»Der feige Lümmel! Der muß jung bei ’s Militär! Fina, ich sag’ dir,
der soll mal in die Schlacht – Kugel rechts, Kugel links – die pfeifen
nur so um die Ohren. Aber da giebt es kein Auskneifen – Courage muß
der Mensch haben! Immer drauf los, marsch, marsch – man patscht im
Blut, macht nix, immer voran! Ich sag’ euch, als wir die fränkische
Saale überschritten, am 10. Juli war’s, wir machten den Ubergang auf
einem Balken – autsch, Donnerwetter!« Er unterbrach sich und faßte
nach seinem Beinstumpf. Ein plötzlicher Schmerz, wie er ihn so oft
durchfuhr, riß ihn an der großen Zeh’. »Ach, ich sage euch,« wimmerte
er in einem jetzt gänzlich veränderten Ton, »verfluchte Zucht!«
Friedrich lachte laut auf über des Bruders Gebahren; er machte sich
immer einen Spaß daraus, wenn der andre mit seinen Kriegsgeschichten
zu renommieren anfing. Aber Josefine lachte nicht mit; sie dachte an
ihren Peter. Warum war er fortgerannt? Diesen Morgen noch, als sie ihm
sagte, der Onkel würde heute kommen, um mit ihr über seine Zukunft zu
reden, hatte er ihr versprochen, frei und offen mit seinen Wünschen und
Plänen hervor zu treten. Und nun war er doch fortgerannt! Wo mochte er
sein, gewiß wieder vor einem Bilderladen stehen?! Sie ärgerte sich über
den Sohn, aber da er nun einmal nicht hier war, mußte sie wohl für ihn
reden. Und sie legte fest die Hand auf den Tisch und sagte schnell:
»De Peter will Maler werden.«
Friedrich lachte sein kräftiges Lachen:
»Hoho, no ja, dat is so en Dummejungesidee!«
»Ne, ne,« ereiferte sie sich, »wahrhaftijens Jott! Er hat et sich in
der Kopf jesetzt.«
Der Schlosser sah sie mit seinen klugen Augen an:
»Un du bis auch schon halb dafor, ich seh’ et dir ja an. Fina, biste
dann jeck?«
Sie wurde rot und wußte nichts darauf zu entgegnen, denn jetzt, wo der
Bruder ein Gesicht machte, wie: ›Maler, puh, Verrücktheit‹, fühlte sie,
wie sehr sie dem Jungen die Erfüllung seines Wunsches gegönnt hätte.
»So en Tollheit ist dat doch nit,« sagte sie endlich, ein wenig
gereizt. »Er hat Talent.«
»Talent« – Friedrich ereiferte sich gar nicht – »ich will dir wat
sagen, Fina, wenn de mich frägst, dann sag’ ich der, laß de Jung’ en
Handwerk lernen. Handwerk hat ene joldene Bodem. Un im Handwerk liegt
unsre Zukunft. Nit, daß de denkst, er müßt’ nu immer mit de Fingeren
knüddelen, wie sie’t früher jemacht haben; von früh bis spät, bei en
Talgkerz oder en Öllamp’ – ne, Jott bewahr’! Handwerk, damit mein’ ich
jetzt: Industrie! Wer haben jetzt Maschinen, Jott sei Dank! Wenn de
Jung’ Talent hat, wie de sagst, dann laß ’n doch Mechaniker werden,
Techniker meinswejen, dat klingt nobler, da kann er auch bei zeichnen.«
»Aber dat is doch nit Kunst,« sagte sie betroffen. »Er möcht’ doch
Künstler werden.«
»Künstler, so!« Nun stieg Friedrich doch eine Röte in das, von der
ewigen Fabrikluft ein wenig bleiche Gesicht. »Ich sag’ dir, et is
ebenso en jroße Kunst, en Maschin’ richtig im Jang zu bringen, en
Jeschütz zu montieren, ne Schienenstrang zu legen, ne Stollen zu
bauen, als so Bildches zusammenzuklecksen. Un wat fingen dann die
Maler mit ihre Bilder an, den Ofen könnten se dermit heizen, wann de
Industriellen nit wären, die sie ihnen abkauften?! Un sag ens an,
weißte dann, ob de Jung’ wirklich en jroß’ Talent hat, en Talent, wo
mer auch wat mit verdient, oder ob er so ene kleine Schmierer bleibt,
de hungren muß, so lang er lebt?«
Josefine schwieg – ja, ja, wer konnte das wissen?!
Nun mischte sich Ferdinand ein. Talent hätte der Junge keins, nicht die
Bohne! Und damit zog er aus der Tasche seines alten Militärrockes ein
Papier, faltete es auseinander und legte es vor die andern hin. »Hab’
ich gefunden – verflixter Rabau!«
Und nun raisonnierte er: War das eine Art, daß der Bube ihm gleich
auflauerte, wenn er einmal nebenan in die Wirtschaft ging, mit ein
paar Kameraden ein harmloses Spielchen zu machen? War ihm die kleine
Abwechslung nicht zu gönnen in seinem Jammerdasein? Nur Fratzen konnte
der Bengel kritzeln! Keine Spur von Talent!
Auf dem Blatt, mit ein paar Pinselstrichen hingeschmiert, aber
doch deutlich erkennbar, saß der Invalide bei Kartenspiel und
Schnapsflasche. Rechts und links ein Kumpan. Die Nase, die dem
Ferdinand in Wirklichkeit leicht rosig schimmerte, war hier zu
einer Riesengurke angeschwollen und mit einem feuerroten Farbklecks
verunziert. Ein übergroßes Maul hatte er aufgerissen, er erzählte wohl
eben eine Heldenthat. Darunter stand:
›Laß ab vom Kartenspiel, mein Sohn,
Denn wisse, jede Sünde rächt sich,
Verlor sogar ja Kron’ und Thron
So mancher Fürst in – Sechsundsechzig!‹
Der Invalide schäumte vor Wut: woher wußte der respektlose Bengel, daß
sie ihm kürzlich die ganze Barschaft abgenommen hatten?!
Eine unbezwingliche Lachlust kam über Josefine. Wahrhaftig, der
Ferdinand war nicht gut weggekommen – der Peter, der freche Jung! –
aber das Bild war zu komisch. Sie hielt sich beide Hände vor’s Gesicht
und platzte laut heraus. Da humpelte der Invalide beleidigt aus dem
Zimmer.
Auch Friedrich schmunzelte, aber er wurde gleich wieder ernsthaft.
»Säuft de Ferdnand?« forschte er. »Spielt er Karten?«
Sie mußte es bejahen. Die Fröhlichkeit verging ihr. Noch Lachthränen
in den Augen, sah sie den Bruder angstvoll an, und dann, von einem
plötzlichen Impuls getrieben, ergriff sie seine Hand:
»Och, du, Friedrich, sei so jut, dat de Peter wat Ordentlichet lernt!«
Er zog sie zu sich – von Zärtlichkeiten war sonst zwischen ihnen
nicht die Rede – aber nun gab er ihr einen Kuß. Es durchschauerte sie
seltsam, als wieder einmal bärtige Männerlippen ihre Wange berührten.
Sie blieben eine Weile ganz still, ohne ein Wort zu sprechen. Die
frühe Winterdämmerung war schon da und hüllte das Stübchen ein; im
Grau verschwammen Kanapee und Tisch, Schrank und Stuhl, Fenster und
Spiegelglas. Einzig die beiden kräftigen Gestalten waren noch scharf
umrissen.
Jetzt klappte unten eine Thür, ein vorsichtiger Tritt kam die Treppe
heraufgeschlichen; sich aufraffend stürzt Josefine hinaus – das war
der Peter! Sie kam noch gerade zurecht, um ihn abzufangen, da er leise
wieder hinabschleichen wollte.
»Du kömmst jetz ’erein,« sagte sie ungewöhnlich streng und zog ihn
hinter sich her in die Stube. Hier zündete sie die Lampe an, und nun
sah sie, wie rasch er die Farbe wechselte; bald rot, bald blaß wurde
er, je nach dem, was der Onkel sagte.
Wenn der Junge doch nur was darauf erwidern wollte! Sie nickte ihm
ermutigend zu, ging sogar zu ihm hin und gab ihm einen kleinen Schubs:
»So sag’ doch ens wat!«
Aber er sagte kein Wort; den Kopf hielt er gesenkt, daß ihm die
lockigen Haare in die Stirn fielen, und hörte alles still an.
Der Schlosser war ganz zufrieden: man merkte es ja, der Junge sah
bereits ein, daß es mit dem Malerwerden Dummheit war, daß er etwas
ergreifen mußte, was seinen Mann nährt! Er blinzelte der Schwester
zu und drückte ihr, als er nach dem Abendessen Abschied nahm,
bedeutungsvoll die Hand. »Pst, nu nit mehr viel drüber jered’t, laß ihm
jetzt jewährden! De kriegt Hammer und Feil’ noch ebenso lieb wie Farb’
und Pinsel. Ich schreib’ der, sowie ich wat in Aussicht für ihn hab’!«
Und als er ihr bekümmertes Gesicht sah, fügte er hinzu: »Vielleicht
find’t sich auch hier wat in der Stadt! Bis ruhig, laß mich nur machen!«
Josefine seufzte. Der gute Friedrich, wie ein Vater sorgte er – aber
ach, sie kannte ihren Jungen doch besser! Der sah es noch lange nicht
ein, der würde es vielleicht nie einsehen, daß es mit dem Malerwerden
Thorheit war. Immer wieder hatte sie ihren Peter ansehen müssen
beim Nachtessen; es schmeckte ihm gar nicht recht, obgleich sie dem
Gast zu Ehren ›Schnüßkes und Oehrkes‹ gekocht hatte und von ihrem
selbsteingelegten Kappes dazu aufgetragen. Immer hatte der Junge auf
seinen Teller gestiert, und das schöne Rot auf seinen Backen war ganz
weg. Der arme Jung’!
Als sie jetzt, spät am Abend, im Begriff, sich zur Ruhe zu legen,
ein Knacken der Bettstatt und ein Rascheln des Strohsacks in der
Nebenkammer hörte, schlich sie auf Strümpfen hinüber. Vielleicht, daß
er sich zu fest zugedeckt hatte und sich nun in einem bösen Traum warf!
Den Atem anhaltend, stand sie lauschend vor seinem Bett – schlief er?
Licht anzuzünden wagte sie nicht; durch den Ladenspalt fiel nur ein
spärlicher Mondschimmer, vergebens suchte ihr Blick sein Gesicht.
Horch, jetzt murmelte er!
»Die Fabrick, die eklige Fabrick!« Er stieß mit den Füßen. »Nit in die
Fabrick!« Und jetzt stöhnte er laut auf, und es klang wie ein Schrei:
»Mutter!«
Da hielt sie’s nicht länger aus, sie tastete mit der Hand, bis sie sein
Gesicht fand, und strich über seine Wange. Und er war gleich wach.
»Mutter, bist du ’t?«
»Hm!«
»Mutter, mach doch Licht an, et is ja stichdunkel hier! Och, ich
hab’ jeträumt, so eklig, so jräßlich« – er seufzte schwer – »Mutter,
Mutter!« In einer großen Aufregung warf er sich hin und her, seine
Stirn und seine Hände glühten. »Mutter,« sagte er plötzlich und packte
sie fest an, »soll ich dann wirklich nit Maler werden?«
Sein Ton schnürte ihr das Herz zusammen. Seine unruhigen Hände in die
ihren fassend, setzte sie sich zu ihm auf den Bettrand. Durch die
Dunkelheit glitt ihre Stimme, weich wie Sammet. Sie wiederholte ihm,
was der Onkel gesagt, sie setzte ihm alles auseinander, sie redete
ihm zu – es half nichts, er blieb dabei: ›Maler!‹ Ja, jetzt konnte er
reden. Warum hatte er denn all das dem Onkel nicht gesagt?!
»Du dumme Jung’, hättste doch wat riskiert!« Sie hatte eigentlich über
sein Fortlaufen tüchtig mit ihm schelten wollen, aber jetzt wurde nur
ein liebevoller Vorwurf daraus. »Warum haste dann nix jesagt?«
»Ne!« Er zog sich ordentlich in sich zusammen. »Och, de! De versteht da
ja doch nix von. De denkt nur an Jeldverdienen. Mutter, Mutter, un ich
möcht’ dich doch malen in deinem blauen Kleid, mit deinem blonden Haar,
auf en Altarbild, so wie du bist, un wie du mich anlachst! Verhungeren
werd’ ich schon nit, wenn ich Maler werd’, davor bist du ja da, jelt,
Mutter, jelt?« Er warf sich in ihre Arme und küßte sie stürmisch.
Josefine fühlte ihr Herz aufwallen. Ihr lieber Junge! Unwillkürlich
schloß sie die Arme fester um ihn. Worte der Zärtlichkeit drängten
sich ihr auf die Lippen – aber da, halt, ein rauher Ton unterbrach das
Geflüster.
›Herrraus!‹ schallte es von der Wache herüber. Wer auch im weichsten
Bett lag, mußte es hören; knapp und klar, scharf und energisch drang
das militärische Kommando durch die Nacht.
›Herrraus –‹ wie aus einem Traum erwachend, aufgeschreckt, mit
starren Augen sah Josefine in’s Dunkel. Das war ihr durch Mark und
Bein gegangen. Auf einmal sah sie das Kasernenthor und den Hof und
die Feldwebelwohnung und den Vater und die Mutter. Lang und stramm
der Vater, fest eingeknöpft in seine preußische Montur: ›Maulhalten,
parieren, wird nicht gemuckt!‹ Aber die Mutter legte sich auf’s
parlamentieren, auf’s bitten und betteln: ›Die armen Jüngeskes, die
wollten doch auch ihr Pläsier haben!‹
Unwillkürlich lockerten sich Josefines Arme, mit denen sie ihren Sohn
so zärtlich an’s Herz gedrückt. Ach, wer das doch könnte, nicht zu
streng und nicht zu schwach sein! Sie stand vom Bettrand auf und reckte
sich gerade.
»Peterken,« sagte sie – ihre Stimme wankte noch, aber sie wurde nach
und nach fest – »ich kann dir nit helfen, du mußt jehorchen. Hör’ auf
den Onkel Friederich! Siehste, de kömmt voran. Werd’ kein Maler! Et is
ja schön, aber« – sie zögerte und seufzte – »aber ich bin doch e so
bang, da wirste bummelig. Un wenn du nit so ’n jroß Talent hast, wie de
Achenbachs oder wie de Knaus, dann sitzte da. Un du sollst doch deinem
Bruder bald en Stütz’ sein, un wenn ich alt bin –«
»Och, Mutter,« nun lachte der Peter hell heraus, »sag doch jleich:
›Wenn ich mit’m Kopp wackel‹!« Er hatte schnell seinen Kummer vergessen
und war jetzt wie außer Rand und Band. Sich in die Höhe schnellend,
faßte er ihr heißes Gesicht zwischen seine Hände und lachte: »Mutter,
du un alt?! Och, Mutter, ne, wenn mer sich dat vorstellt – zum
Kobolzschießen! Ha, ha, du wirst nie alt, du bleibst immer jung!«
»Och Jott,« seufzte sie, seltsam durchschauert, und reckte die vollen
Arme empor. »Früher, da hat et mich immer jejruselt vor’m altwerden,
jetz nit mehr e so arg. Aber Freud’ möcht’ ich vorher noch haben, so
lang’ ich se recht jenießen kann, viel Freud’ – an dir, mein Jung’!«
Sie lächelte. »Peter, thu et mir doch zulieb, hör’ auf den Onkel
Friederich un –«
»Hör’ auf, Mutter,« sagte er, plötzlich zusammenzuckend, unangenehm
berührt, und vergrub den Kopf in sein Kissen. »So – so hör’ ich
nix, ich hör’ jar nix mehr. Aber dat sag’ ich dir, wann ich dann
durchaus nit Maler werden soll, in de Fabrick jeh’ ich nit. Denkt euch
meinswejen wat anderes aus. Ich jeh’ nit in de Fabrick – ich kann
nit!« Die letzten Worte kamen nur noch stoßweise heraus. Er weinte.
Tief betrübt schlich Josefine fort. Da fühlte sie sich am Rock gezupft.
Am Bett ihres Jüngsten war sie vorübergestreift. Nun hielten die
kräftigen Kinderarme sie fest.
»Ich schlaf’ nit,« flüsterte die noch zarte Knabenstimme. »Mutter, thu
ens deinen Kopf ’erunter, dat ich dir wat im Öhrken sagen kann. So –
du wirst doch alt, wenn de Peter auch sagt, du bleibst immer jung; dat
denkt de sich nur all so aus. Alle Leut’ werden alt.« Er stand im Bett
auf, steckte den Kopf unter ihrer Achsel durch und zog sich ihren Arm
über die Schultern. So ruhte sie auf ihm mit ihrer ganzen Schwere.
»Fühlst de’t nu, ich bin stark,« sagte er. »Un wann de mit dem Kopf
wackelst, un en janz alt Mütterken bist, dann führ’ ich dich immer so –
jelt?«
Sie nickte stumm, und dann strich sie dem Kind über den Kopf.
»Ja, du, du klein Stümpken! Nu leg’ dich!«