Wie ein Gruß stieg es von dem roten Buch zu ihr auf; sie hielt das im
Schoß und fühlte sich auf einmal wieder ganz jung.
Und zwei Papiere ruhten im Kästchen, neugierig griff sie auch nach
diesen. Erst hier dies zusammengekniffte, goldgeränderte Kärtchen!
›Mädchen, wenn ich einmal sterbe
Und der Tod mein Auge bricht,
So pflanz’ du auf meinem Grabe
Eine Blum’: =Vergißmeinnicht=!‹
las sie.
Ach Gott, das hatte ja Conradi geschrieben, damals, als er um sie
freite! Und sie hatte darüber gelacht. Jetzt schossen ihr Thränen
in den Blick, so ungeahnt rasch und heftig, daß sie kaum die
schöngeschnörkelte Schrift mehr entziffern konnte.
›So pflanz du auf meinem Grabe eine Blum’: Vergißmeinnicht!‹ – Die
erhobene Hand sank ihr nieder – nein, er brauchte keine Angst zu haben,
sie pflanzte auf seinem Grabe mehr als eine Blume!
Ihr Blick irrte flüchtig zu dem roten Büchlein, aber nur einen Moment,
um dann fest und lange auf dem goldgeränderten Papier zu ruhn. Ihre
Thränen flossen; so hatte sie noch nie um ihren Mann geweint. Heiß
fielen die Tropfen auf seine Schrift und auf die beiden Eheringe an
ihrer Hand.
Ihre Gedanken flogen zurück Jahr um Jahr. – – Ihr guter Mann! Was wäre
aus ihr geworden ohne ihn?! Er hatte sie an die Hand genommen und
sie fortgeführt in das stille Häuschen nach Vohwinkel; er hatte für
sie gesorgt und ihr nie ein böses Wort gesagt. Und wenn es sie auch
manchmal gedeucht hatte, als könne man jauchzender glücklich sein – er
war nüchternen Sinnes, und das Blut sprang ihm nicht so lebendig durch
die Adern wie ihr – er hatte sie doch immer verstanden. Hundert Dinge,
die ihr jetzt plötzlich einfielen, bewiesen ihr das. So verschieden sie
auch waren, er hatte sie verstanden, weil er sie innig lieb gehabt.
Lange blieb Josefine vor der Truhe knieen. Die Kinder nebenan schliefen
sanft, man hörte nicht einmal ihre Atemzüge. Auch die Stadt war still.
Auf der Straße kein Tritt, in der Kaserne kein Ruf. Kein militärisches
Signal mehr gellte weit hinaus und stöberte die schlummernden Gassen
auf.