Und doch war es eigentlich, als sei alles erst gestern gewesen. Die
Jahre waren einförmig über Düsseldorf hingerollt. Siebzehn lange Jahre
– man schrieb heut achtzehnhundertsechsundsechzig – aber das Bild der
Stadt war dasselbe geblieben. Ein paar neue Straßen vielleicht waren
dazugekommen, aber auch sie harrten noch, ungepflastert, der letzten
vollendenden Hand. Große Pläne ruhten zwar im Rathaus: der Stadtrat
überlegte den Bau einer festen Rheinbrücke, auch von einem neuen
Theater war schon einmal die Rede gewesen. Doch vor der Hand schob man
solche Projekte noch hinaus, erst mußte man den Krieg verdauen, der
einem so über den Kopf gekommen war, unerwünscht wie ein Schneesturm im
Mai.
Noch guckte der alte Jan Willem am Markt auf das alte Theater, das
selbst die eingefleischtesten Düsseldorfer eine Rumpelbude nannten.
Noch hatten die Maler ihre Akademie im linken Flügel des alten
Schlosses. Noch behalf sich die evangelische Gemeinde mit den zwei in
engen Höfen versteckten Gotteshäusern, und längs der Kasernenstraße
dehnte sich noch immer der schmucklose, einförmige Bau der Kaserne, von
deren Mauern schon Putz abfiel.
In denselben sauberen, behäbigen Häusern saß noch dieselbe saubere,
behäbige Bürgerschaft wie damals; über den Klingeln standen noch
dieselben Namen wie früher. Mit geschlossenen Augen hätte sich einer
zurechtfinden können, und wäre er auch noch so lange nicht durch die
Stadt gewandert. Dieselben Hörtchen innen an den Fenstern, dieselben
Spiönchen außen an den Fenstern, dieselben Kaufläden, dieselben
Wirtschaften in Gassen und Gäßchen, fast dieselben Menschen auf dem
Bürgersteig.
Dieselben mächtigen Glocken riefen von St. Lambertus, St. Andreas,
von der Jesuiterkirche und der Maxpfarre; aber da mengten sich jetzt
noch neue, dünnere Stimmchen ein: die Schwestern vom armen Kinde, die
Kreuzschwestern in Christi Hilf, die Clarissen, die Franziskanessen,
die Franziskaner und Dominikaner, die Mägde Christi und andre mehr
verstärkten den Chor. Es bimmelte von Klöstern und Klösterchen. Deren
Zahl war gewachsen.
Auch die Bäume waren gewachsen; die Kastanien der Königs-Allee
breiteten gewaltige, schattende Kronen, die Linden am Schwanenmarkt
sandten ihren süßen Duft weit über die stillen Wasser des Lopohl und
des Schwanenspiegels und mischten ihr sommerliches Rauschen mit den
Klängen des Waldhorns, das ein Künstler der Militärkapelle drüben in
dem kleinen Konzertgarten blies. Wanderte man über die Alleestraße zum
Hofgarten, so blieb man unausgesetzt unter einem grünen Dach; und der
Hofgarten selber war ein dichter, dunkler, heimlicher Wald, dem kein
Bäumewegschlagen mehr anzumerken war. – –
›Ach, was die Bäume gewachsen sind!‹ Das war Josefines einziger Gedanke
gewesen, als sie nach Jahren zum ersten Male wieder altbekannte Wege
wandelte. Sie war wie betäubt; sie hatte gar nichts andres denken
können, als immer nur: ›Ach, die Bäume, die Bäume!‹ Die waren wie die
Menschen. Die sie jung gekannt hatte, standen nun in der Vollkraft des
Lebens, Bäumchen waren emporgeschossen zu Bäumen, und wiederum schlanke
Bäume hatten sich in knorrige Stämme gewandelt. Nicht jeder Baum war
mehr da, sie vermißte hier einen und dort einen; sie hatte gar nicht
gewußt, daß ihr eines jeden Standort so eingeprägt war.
Josefine war als Witwe zurückgekehrt. Im März des vergangenen Jahres
hatte sie ihren Mann verloren. Bei stürmischem Wetter hatte Conradi
sich im Dienst erkältet; abgemattet, fiebernd schon, kam er nach
Hause, ein Stechen in der Brust plagte ihn. An einer Lungenentzündung
war er gestorben. Nun hatte Josefine neben den Kindergräbern ihrer
beiden kleinen Mädchen, die ihr die Diphtheritis genommen, draußen auf
dem Vohwinkler Kirchhof noch ein drittes, ein großes Grab.
Es war ein trauriges Jahr, das die Witwe noch in dem Vohwinkler
Häuschen verbrachte. Sie wußte nicht, sollte sie fortgehen, sollte sie
hier bleiben. Die Mutter schrieb freundlich: ›Komm doch hiehin!‹ Bruder
Friedrich, der in Essen bei Krupp angestellt war, meinte auch gleich:
›Du wirst doch nach Düsseldorf ziehn?‹
Gewiß, das wäre natürlich gewesen! Auch regte sich eine leise Sehnsucht
in ihr; aber sie konnte sich doch nicht dazu entschließen. Der Vater
tot, die Mutter an einen andern Mann verheiratet und ihr dadurch
fremd geworden, – auch dort nichts wie Erinnerungen! War es nicht
besser, hierzubleiben, wo alles sie an siebzehn friedliche, ruhige
Jahre gemahnte? Wo der Apfelbaum im Gärtchen, in dessen Schatten sie
all ihre Kinder gewiegt, reiche Blütenknospen zeigte und so viele der
rotbackigen Früchte verhieß, an denen Conradi sich immer von Herzen
delektiert?!
Und sie blickte zurück in ihre Ehe.
Anfangs hatte sie oft und viel Heimweh gehabt, manchen Abend vor der
Thür gestanden und sehnsüchtig weggeschaut über die Felder. Dort,
zwischen den ragenden Fabrikschornsteinen, die sich wie hohe Maste
in’s Himmelsmeer reckten, dort, in abendsonnenverklärter Ferne, lag
Düsseldorf. Und sie hatte geseufzt.
Aber dann wurden die Kinder geboren, – erst der Peter, dann das
Gretchen, dann das Mariechen und zuletzt, als die beiden blonden
Mädchen schon wieder Engel geworden, noch der Fritz, des Onkel
Friedrich Patenkind. Ihre Tage waren ausgefüllt gewesen.
Doch nun, da sie einsam im Ehebett lag, da der Frühlingssturm mit
Sausen durch die Nacht fuhr und schaurig gegen die Fenster der
Schlafkammer heulte, mußte sie so sehr an die Vaterstadt denken. Wenn
sie wieder altbekannte Straßen gehen, die Kaserne wiedersehen, mit
der Hand an diesen Mauern entlang streichen könnte, die ihr einst
ein großes Glück umschlossen! Ja, heim, heim – der Rhein rauschte,
Glockenstimmen riefen. Nun wußte sie’s, hier im Bergischen Land
hatten ihr immer die großen Glocken gefehlt; es war doch etwas Eignes
um deren Klang, um die weihrauchduftenden, dämmrigen Kirchen mit
den farbenglühenden, legendenbedeckten Fenstern, mit den segnenden
Heiligen, mit den rosenumkränzten Märtyrern, mit dem lächelnden
Jesuskind und mit Maria, der Gottesmutter, die so jung und schön!
Eine wahre Begier überkam Josefine, ihre Fingerspitzen in das
Weihwasserbecken an der Thür von St. Lambertus zu tauchen, wie sie’s
als Kind oft gethan. Ob endlose Prozessionen noch ebenso wie früher
durch die Straßen wallten und um den Kalvarienberg bei der großen
Kirche zogen?! Berückende Musikklänge – betäubende Weihrauchnebel –
betendes Murmeln, sich fortpflanzend von Mund zu Mund – alt-köstliche
Kirchengewänder – feuriges Rot der Chorknaben, unschuldvolles Weiß der
Mädchenengel, strahlendes Gold der Stolas – wie würden der Peter und
der Fritz da gucken! Besonders der Peter, der sah so gern was Schönes.
Die armen Jungen, die kannten ja nur die nüchterne Sonntagspredigt in
der kahlen, getünchten Vohwinkler Kirche, zu der sie regelmäßig mit dem
Vater gegangen waren.
So reifte allmählich der Entschluß zur Übersiedlung in ihr. Mit fast
freudiger Unruhe betrieb sie dann die Vorbereitungen. Bruder Friedrich
stand ihr bei, er kam die letzten Tage sogar ganz herüber, und was sie
nicht mitnehmen konnte oder wollte, verkaufte er ihr.
Er war ein rechter Praktikus. Das hatte wohl keiner gedacht, wie er
damals als Junge zum Schlosser in die Lehre kam, daß der’s mit seinen
krummen Beinen noch einmal so weit bringen würde. Nun war er schon
mehr, als ein gewöhnlicher Arbeiter, und der Krupp bezahlte ihm guten
Lohn. Sogar gespart hatte er sich schon etwas, und er wollte es gern
der Schwester vorstrecken, wenn sie, auf seinen Rat, einen Laden in
Düsseldorf aufmachte. Josefine fiel bei diesem Anerbieten eine Last
vom Herzen: Gott sei Dank, dann brauchte sie von der reichen Madam
Schnakenberg nichts anzunehmen! Nicht, daß die Kinder der Mutter böse
waren, aber etwas Fremdes war da.
Im Mai bezog Josefine das Lädchen an der Bastionstraßenecke, gerade
der Kaserne gegenüber – wo konnte es denn auch anders sein? –
und der Friedrich half es ihr einrichten mit allerlei Utensilien
zum Soldatengebrauch: mit Pfeifen und Tabak, mit Cigarren und
Streichhölzern, mit Taschentüchern und Reservistenstöcken, mit Seife
und Wichse und jeglichem Putzzeug, auch mit Knopfgabeln und mit Tinte
und Briefpapier. Und er machte ihr auch Mut.
»Wer heutzutag auf’ dem Posten is früh un spät, de kömmt auch voran,«
sagte der Bruder.
Auf dem Posten sein, ja das wollte sie; hatte sie sich doch schon
Gedanken gemacht, ob sie mit der geringen Pension und den bescheidenen
Zinsen, die das kleine Vermögen ihres Mannes und ihre eignen paar
hundert Thaler großmütterliches Erbteil abwarfen, in der teuren Stadt
bestehen könne.
Von Dank für alle seine Mühe und Arbeit wollte der Friedrich nichts
wissen, auch nicht einmal für das der Schwester vorgestreckte Kapital.
»Du jiebst et mir ja wieder, Fina, paß ens auf, eine paar Jahr! Zinsen
kannste mir ja zahlen, Jeschäft is Jeschäft! Ich rechen’ so: Krieg
kriejen wir diesen Sommer sicher un jewiß, dann sollste ens sehn, dann
jeht et dir im Kleinen, wie dem Krupp im Jroßen. Rückt die Armee in’t
Feld, braucht se auch Ausrüstung, un ob et nu Stiefelschmier’ is oder
en Kanon, dat bleibt sich janz jleich.« –
Friedrich hatte recht gehabt. Als Josefine heut am dunklen Herbstabend
ihr kleines Lädchen schloß und die Kasse nachzählte, konnte sie
zufrieden sein. Man hatte ihr fast den Laden gestürmt. Die letzten
Reserven waren entlassen worden, keiner unter ihnen hielt den Ausmarsch
aus der Garnison und den Einmarsch in die Heimat für möglich, ohne
Stock in der Hand. Und bunte Sacktücher – gelb mit roten Rändern, die
Schlacht von Königgrätz schwarz draufgedruckt, – war sie eine Menge
losgeworden; denn das waren schöne Andenken für die Mitdabeigewesenen
und interessante Anblicke für die Zuhausgebliebenen.
Die müde Frau gähnte und pustete dann die Lampe aus, die über der
kleinen Theke von der Decke herabhing. Es war schon so spät, aber
noch bis vor kurzem hatte die Thürglocke gebimmelt; jetzt endlich war
Zapfenstreich geblasen und alles still geworden. Die Kaserne drüben
streckte sich dunkel, nur in der Wachtstube flinzelte noch Lichtschein.
Es war Josefine eine Freude, daß die Hauptwache nicht mehr wie früher
am Burgplatz, sondern hier gerade gegenüber war. So genoß sie täglich
das militärische Schauspiel, und nachts auch weckte sie das ›Heraus‹
beim Nahen der Ronde. Dann lag sie lauschend mit gefalteten Händen,
hörte, wie die Wache in’s Gewehr trat, und fühlte sich nicht mehr
verlassen.
Mit heißen Wangen stieg Josefine die Treppe hinauf zu ihrer Wohnung.
Im ganzen Haus war’s schon dunkel, nur in der Kammer, die ihre Knaben
innehatten, brannte noch Licht.
Sie guckte hinein. Der Kleine schlief, aber Peter saß noch über den
Tisch gebeugt und hörte die Mutter gar nicht. Ärgerlich trat sie näher.
Gewiß pinselte der wieder! Ob er denn seine Schulaufgaben auch
fertig hatte? Dafür ließ sie ihn wahrhaftig nicht noch auf die teure
Realschule gehen, daß er jedes freie Blättchen in seinen Heften
verschmierte!
Sie sah ihm über die Schulter.
Herrjeh, das war ja der Kalvarienberg an der Lambertuskirch’! Genau
so guckte der Gekreuzigte, wie hier auf dem Blatt! Nun konnte sie doch
nicht mehr böse sein, er hatte das zu schön gemacht.
Leise legte sie ihm die Hand auf. Da schrak er zusammen und ließ den
Tuschpinsel fallen. Rotwerdend, streckte er beide Hände über seine
Malerei.
»Jleich, jleich, Mutter, jleich mach’ ich ja schon meine Aufjab’,
schimpf nit!«
Was? Noch nicht die Schularbeiten gemacht?! Das war ihr doch außer’m
Spaß. Zornig hob sie die Hand zum Schlag, aber Peter fing die auf und
hielt sie fest.
Bittend sah er ihr in’s Gesicht.
»Ärjer dich nit,« schmeichelte er, »dann siehste jarstig aus. Ich kann
doch nix dafor! In Vohwinkel war nit viel zu besehen, aber hier so
viel, och, schrecklich viel! Bilder in allen Schaufensteren!« Seine
Augen leuchteten auf. »Kuck emal, is dat nit fein?« Er hielt ihr
vergnügt lachend sein Blatt hin. »Un nu mal’ ich noch dat alte Schloß,
un den Rhein – dicke schwarze Wolken drüber un en Stücksken Blitzblau
derzwischen – ich hab’ et so jesehen! Hau, dat war schön! Kauf mir doch
noch ene Tuschkasten, aber ’ne bessere, Mutter, bitte, so ’ne richtige
Farbkasten von Schönfeld! Bitte, Mutter, bitte!«
»Ne,« sagte sie, »da denk’ ich ja jar nit an, dann thuste für die
Schul’ rein nix mehr.«
»Och, die Schul’,« stieß er heraus und hob mit einem Ruck den Kopf.
»Wat soll ich dann noch da? Nimm mich doch eraus, Mutter, da lern’ ich
ja doch nix. Kauf mir lieber ene Farbkasten, ich will Maler werden!«
»Unsinn,« sagte sie. »Leg’ dich hin un schlaf’! Morjen weck’ ich dich
janz früh, dann lernste noch.«
»Aber ene Farbkasten schenkste mir,« bettelte er, »’ne Farbkasten,
Mutter, thu et doch! Bitte, bitte!«
»Ne,« sagte sie wieder und ging aus der Thür. Aber ihr Herz klopfte.
Woher der Peter nur die Lust am malen hatte? Von Conradi nicht; von
ihrem Vater sicher auch nicht. Von ihr selber auch nicht, sie konnte ja
keinen geraden Strich machen. Aber verstehen konnte sie ihn. Und doch
würde sie ihm keinen Farbkasten schenken. ›Erzieh’ die Kinder zu was
Ordentlichem‹, hatte Conradi noch in letzter Stunde mit verlöschender
Stimme gesagt, – – ach Gott, der Junge hatte zu früh seinen Vater
verloren!
Heute schlief Josefine lange nicht ein, trotz aller Müdigkeit. Sie
wußte, nebenan in der Kammer lag ihr großer Junge im Bett und weinte
wie ein kleines Kind. Er fühlte so lebhaft, den Schmerz ebenso wie die
Freude. Er war ja ganz ihr Sohn.