Auf den Düsseldorfer Gemüsemarkt schien prall und stechend die
Herbstsonne. Wenn auch die Bauern über Mangel an Arbeitskräften
beim Gemüsebau schwer gestöhnt hatten, diese letzten feuchten,
treibhauswarmen Septemberwochen hatten dem Kappes noch gut gethan,
ganze Karren voll herrlicher Kohlköpfe waren heute von Dorf Hamm her
in die Stadt gerumpelt; schon am frühen Morgen weckte das unablässige
Rollen der Räder die Bürger aus dem Schlaf: aha, Markttag!
Um den alten Jan Willem drängten sich die Marktleute; in der Mitte,
am Standbild, waren die begehrtesten Plätze, da hatten die reichsten
Bauern eine Leinenbedachung über ihre Körbe aufgeschlagen, oder
unter großen, von Wind und Wetter mißfarben gewordenen Schirmen
leuchteten die hellen Kopftücher der Weiber. Ein ganzes, fast
unübersehbares Feldlager von Körben und Kiepen; einzelne Vorposten
weit hinausgeschoben bis in die auf den Markt einmündenden Straßen. Am
Burgplatz eine mehrreihige Auffahrt von Wagen und Karren.
Zwischen Körben und Kiepen durch schlängeln sich die Käufer:
einfachere Bürgersfrauen, Kinder an Hand und Rock, Dienstmädchen in
Gedruckskleidern und Siamosenschürzen, feine Damen, die sich von der
Magd den Korb tragen lassen, behagliche Rentner, die gern das neueste
vom Jahr essen und sich über die Preise orientieren, Handwerker,
die ihre heute zu Hause in Anspruch genommene Ehehälfte vertreten,
junge Leute, Maler augenscheinlich, die das Marktbild studieren, und
Offiziersburschen in blau-weiß gestreiftem Drillich. Ein lebhaftes
Gewimmel, ein anpreisendes Rufen und stetes Gesumm. Viele Farben:
frisches Grün der Gemüse, leuchtendes Weiß der Eier und der sauberen
Buttertücher, köstliche Reife herbstlicher Früchte, rot, gelb und blau;
ein tiefgefärbter Himmel und goldener Sonnenglanz. Aber auch viel
Schwarz – Trauerkleider – ein düsterer Unterton in der reichen Skala
der Farben.
Die ersten Hasen waren heut zu Markt gebracht worden, und in den
Körben lagen hochaufgeschüttet mit zart-duftigem Anhauch die ersten
Zwetschgen. »Wie pure Honig,« versicherten die Marktweiber, »probiert
ens, Madam, dat es jett Leckers!«
Aber doch lockten sie wenig Käufer. Manches Auge blickte zwar
begehrlich, manche Kinderhand zupfte an der Mutter Rock, aber nur die
Rheinkadetten, die vom Strom herangebummelt kamen, ließen sich von
den Pflaumen in die Mütze messen. So billig wie dies Jahr, kamen sie
sonst nicht zu Obst, es galt heuer rein gar nichts, denn niemand wollte
es kaufen. Aber sie aßen mit Behagen: nur nicht bang, eine ›Bangbüx‹
kriegt sie am allerersten! Nur dreist sie auf’s Korn genommen, – piff,
paff, trara – da hat sie keine Courage, einen anzupacken!
Arm in Arm dahinstapfend, sangen die kräftigen Kerle:
»Eins, zwei, drei
Wir sechsundsechziger Musketiere
Schießen mit Blei!«
Sie waren fast alle diesen Sommer mit im Krieg gewesen. Da am Rathaus
baumelten noch die Guirlanden: ›Den Siegern von 66!‹ Noch prangten
unter welken Kränzen die Tafeln mit den Schlachtennamen: Langensalza,
Kissingen, Hammelburg, Gitschin, Nachod, Königgrätz. Und Sieger über
hunderttausend Österreicher sollten sich vor ein bißchen Cholera
fürchten?!
Die Zwetschgenkerne im Bogen auf’s Pflaster spuckend, nahmen die
Rheinarbeiter ihren Weg zu irgend einer Schifferkneipe, um, nebst
einem Cholerabittern, noch eine neue Gurke oder einen grünen Hering zu
verzehren.
Fast ängstlich schauten die Bürger ihnen nach: O je! Morgen früh
würde man im Blättchen wieder von neuen Erkrankungen lesen; in der
Ritterstraße, in der Liefergasse und auch hinter der Ratinger Mauer,
da hatte die Cholera so recht ihr Nest. Daß das Volk auch nicht
klug wurde, sich Choleraleibbinden anschaffte und mit Suppen und
ordentlicher Fleischkost nährte! Freilich, das Fleisch war jetzt
unverschämt teuer, für Arme schier unerschwinglich. Nette Zustände das!
Nicht allein, daß die Cholera einem das Behagen störte, nun munkelte
man auch noch von Rinderpest; allenthalben hatte die Polizei die
Viehställe geschlossen.
Ach ja – mancher Bürger schüttelte ärgerlich den Kopf, – all das
Malheur kam von dem Krieg, dem unseligen Bruderkrieg! Wie konnte der
König Wilhelm auch dem Premierminister, dem von Bismarck, so ganz und
gar sein Ohr schenken?! Waren die Österreicher denn nicht deutsche
Brüder, und die Hannoveraner, die Hessen, die Nassauer, die Sachsen,
die Bayern erst recht? Aber dem von Bismarck war eben alles egal; ›Blut
und Eisen!‹ hieß dessen ganze Politik – wär’ der nur, wo der Pfeffer
wächst!
Ach, keine Hoffnung, der von Bismarck stand fest, den traf selbst eine
Kugel nicht; der war gepanzert.
Und was hatte es genutzt, daß die Bürgerschaft von Köln und Düsseldorf
und Krefeld, Dortmund, Duisburg, Iserlohn, Elberfeld-Barmen und noch
vieler andrer Städte seinerzeit dem König Adresse auf Adresse geschickt:
›Wir fühlen uns gedrungen, als unabhängige Männer, es offen
auszusprechen, daß bei aller Opferwilligkeit des Volkes, für die
höchsten Güter des Vaterlandes einzustehen, ihm die Begeisterung
fehlt, deren ein Kampf für die wahren deutschen Interessen
schwerlich entbehren kann.‹
All diese Rufe, die Bitten und Klagen waren ungehört verhallt. Die
widerwillige Haltung der einberufenen Landwehrmänner und der, schon
wieder aus ihrer Familie und ihrem Erwerb herausgerissenen Reservisten
wurde nicht beachtet. Der von Bismarck hatte gesprochen, und seine
mächtige Stimme übertönte alles: =ein preußisches Deutschland=! Jawohl,
so war’s, so stand’s im Blättchen: Deutschland sollte mittels des
Zündnadelgewehrs zu Großpreußen gemacht werden! So, dafür also hatte
man seine Söhne in den Kampf schicken müssen? War’s nicht genug, daß
jetzt jährlich weit über sechzigtausend Rekruten ausgehoben wurden?
Daß man die Reservedienstpflicht von fünf auf sieben Jahre erhöht, die
Stärke der Regimenter verdoppelt und sogar noch zehn neue kostspielige
Kavallerieregimenter eingestellt hatte? Mußte denn auch gleich die neue
Heeresmacht ausgenutzt werden? Blut und Eisen, jawohl, aber Handel und
Wandel mußten darunter leiden. Was verschlang solch ein Heer, solch ein
Krieg für schönes Geld! Dafür hatte man wahrhaftig nicht seine paar
Sparpfennige auf die hohe Kante gelegt. Aber der von Bismarck sagte,
wenn man ihm kein Geld gäbe, würde er schon sehen, wo er sich’s nähme.
Was hatten denn nun die kolossalen Ausdehnungen der Eisenbahnlinien,
die man zu Beginn des Jahres so freudig begrüßt, die direkte Verbindung
von Rheinland und Westfalen mit Berlin, Holland, Belgien, Frankreich,
der Anschluß der rheinischen Industrie an den Welthandel, für Wert? Der
von Bismarck machte Krieg, und aller Verkehr stockte; die Ausfuhr von
Produkten, im Wert vielleicht von Millionen, war wie abgeschnitten. Die
Rheinschifffahrt, die gerade so herrlich florierte, wurde lahm gelegt
mit einem einzigen Federstrich; nur bis Koblenz durften die Schiffe
aufwärts fahren, Bingen schon war Feindesland.
Und wenn es nun auch noch einmal ›jut jejangen hatte,‹ was die
Düsseldorfer als einen schwachen Trost empfanden, Preußen gesiegt und
seine Grenzen erweitert hatte, was lag an solch ein paar Schnippelchen
Land?! Wenn die Zeitungen auch posaunten vom Jubel beim Einzug der
rückkehrenden Truppen, – wo jubelte man? In Berlin vielleicht – hier
nicht. Und was auch geschrieben wurde von der großen Armee, ›furchtbar
im Krieg, edel nach dem Sieg,‹ von der =Volksarmee= – das Volk hatte
gar nichts damit zu thun! –
Mancher Bürger blieb in solche Gedanken versunken stehen, mitten im
lebhaften Marktgetriebe, und schaute mürrisch zu den dürren, rasselnden
Kränzen am Rathaus hinauf. Wär’ auch Zeit, daß die heruntergenommen
würden, verschimpfierten ja die ganze Fassade!
Die Marktpolizei schritt durch die Reihen und schnüffelte in die
Körbe; einer zeternden Bauernfrau wurde ein Korb konfisciert –
hier noch einer, dort noch einer – fort mit dem unreifen Zeug, den
Cholerapflaumen! Gleich fünf, sechs Körbe auf einmal wurden hinunter
zum Rhein geschleppt und in die Flut geschüttet.
Das Publikum blickte unwillig: die armen Weiber! Cholerapflaumen?!
Ach was, die Cholera kam von was ganz anderm, die paar Pflaumen
verschlimmerten nicht mehr viel daran. Eingeschleppt war die aus dem
schlechtbeköstigten Heerlager, aus den schmutzigen böhmischen Dörfern,
vom wüsten Schlachtplan, dem von Gewittergüssen durchweichten Acker und
aus den überfüllten Lazaretten. Die Cholera schlich dem Krieg nach als
sein Schatten.
Das Wegschütten des Obstes hatte alle Gemüter erregt. Das unheimliche
Gespenst der Seuche machte sich plötzlich auf dem Markt breit, mitten
im hellsten Sonnenschein, und ließ sein düsteres Gewand zwischen den
Körben und Kiepen schleppen.
Überall fanden sich Bekannte zusammen, die einen neuen schrecklichen
Fall besprachen: in der Liefergasse, in einem der alten Häuser mit den
engen Höfchen, hatte die Cholera sämtliche Bewohner ergriffen.
Eine dicke Dame, die den Longshawl nachschleppte, schlug die Hände
zusammen:
»Och Jott, och Jott, ne, et is heutzutag ja jar kein Pläsier mehr zu
leben!«
Das Dienstmädchen, das mit dem Korb hinter ihr ging, zupfte sie.
»Frau Schnakenberg, Se schleppen Ihr Duch!«
»Och Jott, och Jott!«
Die dicke Dame arrangierte sich und zog umständlich ihr kostbares Tuch
herauf, das Mädchen mußte ihr dabei behilflich sein.
Viele Bürger sahen ihr nach. Da war manch einer unter ihnen, der
die behäbige Dame schon gekannt, als sie noch, jung und ledig, bei
den Eltern im ›Bunten Vogel‹ war und noch nicht den Feldwebel Rinke
geheiratet und sich in der Kaserne hatte plagen müssen. Das sah
man der wahrhaftig nicht an, daß die so viel durchgemacht: Damals,
neunundvierzig, der Mann sich erschossen, und der Sohn, der Wilhelm,
ausgewiesen und verschollen! Ja, ja, Zillges’ Trina hatte einen guten
Docht, aber freilich, – wenn man schon an die sechzehn Jahre Madam
Schnakenberg heißt, das konserviert – keine Sorgen und ein neues Haus
in der Königsallee!
Wen Frau Trina traf, pflegte sie einzuladen:
›Besuchen Se uns doch ens auf en Tass’ Kaffee. Da besehen Se sich mal
unser neu’ Haus, jradüber vom Exerzierplatz. Jott sei Dank, mer sieht
de nit vor lauter Bäum’. Wer haben in der Küch’ en Wasserleitung, et
Mädchen braucht jar nit nach der Pump’ zu laufen. Wer haben auch nur
eine Stock aufjesetzt, da braucht mer nit so viel Treppen zu rennen.
Sieben Zimmeren, dat is ja lang Platz jenug für mich un den Hendrich!‹
Ja, die hatte ihr Glück gemacht! Der Schnakenbergs Hendrich war ein
guter Mann; schon als sie noch Mädchen war, hatte der sie poussiert,
und als er nun bald nach des Feldwebels Tod Witwer wurde, da paßten
der Witwer und die Witwe ganz schön zusammen. Und was der Schnakenberg
immer noch für Geld verdiente! Das Geschäft hatte er freilich längst
nicht mehr, aber rheinische Industriepapiere, Bergwerksaktien und
Köln-Mindener Eisenbahnprioritäten, die warfen von Jahr zu Jahr mehr
ab. –
Frau Trina war mit ihrem Los zufrieden. Wenn nur der ›Verdruß‹ mit den
Kindern nicht gewesen wäre! Auf die Wiederkehr ihres Wilhelm hoffte
sie immer noch vergebens. Und mit der Josefine, das war doch auch ein
›Angang‹, daß die nun schon Witwe war und mit den Kindern dasaß! Und
nun gar der Ferdinand, dem sie im Krieg das eine Bein abgeschossen!
»Och Jott, och Jott!«
Ein Schatten flog über Frau Schnakenbergs rundes Gesicht, und ihr
freundlicher Blick trübte sich. Da zupfte das Mädchen sie wieder von
hinten:
»Madam, se verkaufen als bald de letzte Has – wer haben kein Aussuche
meh.«
»O jemmich! ’schwind, Drückche, ’schwind!«
Ganz entsetzt fuhr Frau Schnakenberg auf, alles andre vergessend.
Wenn sie nun keinen leckeren Hasen mehr bekam?! Der Ferdinand, der
morgen aus dem Mainzer Lazarett wiederkommen sollte, würde freilich
nicht bei ihr wohnen, sondern bei der Josefine, aber zu einem guten
Mittagessen wollte sie ihn doch gleich einladen. Und was Extras sollte
er kriegen, hatte er doch lange Jahre nur ›Kasernenfraß‹ gehabt! Die
Mehlsuppen auf der Militärschule zu Annaburg, der ewige Reis in der
Unteroffiziersmesse zu Mainz, und nun erst gar das verschimmelte Brot
im Krieg und zuletzt die magere Lazarettkost! Dem sollte es jetzt bei
der Mutter gut schmecken!
Und mit Schaudern dachte sie plötzlich an die knappen Mahlzeiten in
der Feldwebelwohnung zurück, und wie sie sich nur im ›Bunten Vogel‹
dann und wann regaliert. Ein Jammer, daß der ›Bunte Vogel‹ nicht in
der Familie geblieben, daß die alte Frau ihn gleich damals, in dem
Unglücksjahr, verkauft hatte! Mit Verlust natürlich, gerad’ daß die
Enkel eine Kleinigkeit gekriegt; die Hauptsumme war dem Klösterchen
zugefallen, wo sich Mutter Zillges hatte verpflegen lassen bis an ihr
seliges Ende.