XIX

Auf den Düsseldorfer Gemüsemarkt schien prall und stechend die

Herbstsonne. Wenn auch die Bauern über Mangel an Arbeitskräften

beim Gemüsebau schwer gestöhnt hatten, diese letzten feuchten,

treibhauswarmen Septemberwochen hatten dem Kappes noch gut gethan,

ganze Karren voll herrlicher Kohlköpfe waren heute von Dorf Hamm her

in die Stadt gerumpelt; schon am frühen Morgen weckte das unablässige

Rollen der Räder die Bürger aus dem Schlaf: aha, Markttag!

Um den alten Jan Willem drängten sich die Marktleute; in der Mitte,

am Standbild, waren die begehrtesten Plätze, da hatten die reichsten

Bauern eine Leinenbedachung über ihre Körbe aufgeschlagen, oder

unter großen, von Wind und Wetter mißfarben gewordenen Schirmen

leuchteten die hellen Kopftücher der Weiber. Ein ganzes, fast

unübersehbares Feldlager von Körben und Kiepen; einzelne Vorposten

weit hinausgeschoben bis in die auf den Markt einmündenden Straßen. Am

Burgplatz eine mehrreihige Auffahrt von Wagen und Karren.

Zwischen Körben und Kiepen durch schlängeln sich die Käufer:

einfachere Bürgersfrauen, Kinder an Hand und Rock, Dienstmädchen in

Gedruckskleidern und Siamosenschürzen, feine Damen, die sich von der

Magd den Korb tragen lassen, behagliche Rentner, die gern das neueste

vom Jahr essen und sich über die Preise orientieren, Handwerker,

die ihre heute zu Hause in Anspruch genommene Ehehälfte vertreten,

junge Leute, Maler augenscheinlich, die das Marktbild studieren, und

Offiziersburschen in blau-weiß gestreiftem Drillich. Ein lebhaftes

Gewimmel, ein anpreisendes Rufen und stetes Gesumm. Viele Farben:

frisches Grün der Gemüse, leuchtendes Weiß der Eier und der sauberen

Buttertücher, köstliche Reife herbstlicher Früchte, rot, gelb und blau;

ein tiefgefärbter Himmel und goldener Sonnenglanz. Aber auch viel

Schwarz – Trauerkleider – ein düsterer Unterton in der reichen Skala

der Farben.

Die ersten Hasen waren heut zu Markt gebracht worden, und in den

Körben lagen hochaufgeschüttet mit zart-duftigem Anhauch die ersten

Zwetschgen. »Wie pure Honig,« versicherten die Marktweiber, »probiert

ens, Madam, dat es jett Leckers!«

Aber doch lockten sie wenig Käufer. Manches Auge blickte zwar

begehrlich, manche Kinderhand zupfte an der Mutter Rock, aber nur die

Rheinkadetten, die vom Strom herangebummelt kamen, ließen sich von

den Pflaumen in die Mütze messen. So billig wie dies Jahr, kamen sie

sonst nicht zu Obst, es galt heuer rein gar nichts, denn niemand wollte

es kaufen. Aber sie aßen mit Behagen: nur nicht bang, eine ›Bangbüx‹

kriegt sie am allerersten! Nur dreist sie auf’s Korn genommen, – piff,

paff, trara – da hat sie keine Courage, einen anzupacken!

Arm in Arm dahinstapfend, sangen die kräftigen Kerle:

»Eins, zwei, drei

Wir sechsundsechziger Musketiere

Schießen mit Blei!«

Sie waren fast alle diesen Sommer mit im Krieg gewesen. Da am Rathaus

baumelten noch die Guirlanden: ›Den Siegern von 66!‹ Noch prangten

unter welken Kränzen die Tafeln mit den Schlachtennamen: Langensalza,

Kissingen, Hammelburg, Gitschin, Nachod, Königgrätz. Und Sieger über

hunderttausend Österreicher sollten sich vor ein bißchen Cholera

fürchten?!

Die Zwetschgenkerne im Bogen auf’s Pflaster spuckend, nahmen die

Rheinarbeiter ihren Weg zu irgend einer Schifferkneipe, um, nebst

einem Cholerabittern, noch eine neue Gurke oder einen grünen Hering zu

verzehren.

Fast ängstlich schauten die Bürger ihnen nach: O je! Morgen früh

würde man im Blättchen wieder von neuen Erkrankungen lesen; in der

Ritterstraße, in der Liefergasse und auch hinter der Ratinger Mauer,

da hatte die Cholera so recht ihr Nest. Daß das Volk auch nicht

klug wurde, sich Choleraleibbinden anschaffte und mit Suppen und

ordentlicher Fleischkost nährte! Freilich, das Fleisch war jetzt

unverschämt teuer, für Arme schier unerschwinglich. Nette Zustände das!

Nicht allein, daß die Cholera einem das Behagen störte, nun munkelte

man auch noch von Rinderpest; allenthalben hatte die Polizei die

Viehställe geschlossen.

Ach ja – mancher Bürger schüttelte ärgerlich den Kopf, – all das

Malheur kam von dem Krieg, dem unseligen Bruderkrieg! Wie konnte der

König Wilhelm auch dem Premierminister, dem von Bismarck, so ganz und

gar sein Ohr schenken?! Waren die Österreicher denn nicht deutsche

Brüder, und die Hannoveraner, die Hessen, die Nassauer, die Sachsen,

die Bayern erst recht? Aber dem von Bismarck war eben alles egal; ›Blut

und Eisen!‹ hieß dessen ganze Politik – wär’ der nur, wo der Pfeffer

wächst!

Ach, keine Hoffnung, der von Bismarck stand fest, den traf selbst eine

Kugel nicht; der war gepanzert.

Und was hatte es genutzt, daß die Bürgerschaft von Köln und Düsseldorf

und Krefeld, Dortmund, Duisburg, Iserlohn, Elberfeld-Barmen und noch

vieler andrer Städte seinerzeit dem König Adresse auf Adresse geschickt:

›Wir fühlen uns gedrungen, als unabhängige Männer, es offen

auszusprechen, daß bei aller Opferwilligkeit des Volkes, für die

höchsten Güter des Vaterlandes einzustehen, ihm die Begeisterung

fehlt, deren ein Kampf für die wahren deutschen Interessen

schwerlich entbehren kann.‹

All diese Rufe, die Bitten und Klagen waren ungehört verhallt. Die

widerwillige Haltung der einberufenen Landwehrmänner und der, schon

wieder aus ihrer Familie und ihrem Erwerb herausgerissenen Reservisten

wurde nicht beachtet. Der von Bismarck hatte gesprochen, und seine

mächtige Stimme übertönte alles: =ein preußisches Deutschland=! Jawohl,

so war’s, so stand’s im Blättchen: Deutschland sollte mittels des

Zündnadelgewehrs zu Großpreußen gemacht werden! So, dafür also hatte

man seine Söhne in den Kampf schicken müssen? War’s nicht genug, daß

jetzt jährlich weit über sechzigtausend Rekruten ausgehoben wurden?

Daß man die Reservedienstpflicht von fünf auf sieben Jahre erhöht, die

Stärke der Regimenter verdoppelt und sogar noch zehn neue kostspielige

Kavallerieregimenter eingestellt hatte? Mußte denn auch gleich die neue

Heeresmacht ausgenutzt werden? Blut und Eisen, jawohl, aber Handel und

Wandel mußten darunter leiden. Was verschlang solch ein Heer, solch ein

Krieg für schönes Geld! Dafür hatte man wahrhaftig nicht seine paar

Sparpfennige auf die hohe Kante gelegt. Aber der von Bismarck sagte,

wenn man ihm kein Geld gäbe, würde er schon sehen, wo er sich’s nähme.

Was hatten denn nun die kolossalen Ausdehnungen der Eisenbahnlinien,

die man zu Beginn des Jahres so freudig begrüßt, die direkte Verbindung

von Rheinland und Westfalen mit Berlin, Holland, Belgien, Frankreich,

der Anschluß der rheinischen Industrie an den Welthandel, für Wert? Der

von Bismarck machte Krieg, und aller Verkehr stockte; die Ausfuhr von

Produkten, im Wert vielleicht von Millionen, war wie abgeschnitten. Die

Rheinschifffahrt, die gerade so herrlich florierte, wurde lahm gelegt

mit einem einzigen Federstrich; nur bis Koblenz durften die Schiffe

aufwärts fahren, Bingen schon war Feindesland.

Und wenn es nun auch noch einmal ›jut jejangen hatte,‹ was die

Düsseldorfer als einen schwachen Trost empfanden, Preußen gesiegt und

seine Grenzen erweitert hatte, was lag an solch ein paar Schnippelchen

Land?! Wenn die Zeitungen auch posaunten vom Jubel beim Einzug der

rückkehrenden Truppen, – wo jubelte man? In Berlin vielleicht – hier

nicht. Und was auch geschrieben wurde von der großen Armee, ›furchtbar

im Krieg, edel nach dem Sieg,‹ von der =Volksarmee= – das Volk hatte

gar nichts damit zu thun! –

Mancher Bürger blieb in solche Gedanken versunken stehen, mitten im

lebhaften Marktgetriebe, und schaute mürrisch zu den dürren, rasselnden

Kränzen am Rathaus hinauf. Wär’ auch Zeit, daß die heruntergenommen

würden, verschimpfierten ja die ganze Fassade!

Die Marktpolizei schritt durch die Reihen und schnüffelte in die

Körbe; einer zeternden Bauernfrau wurde ein Korb konfisciert –

hier noch einer, dort noch einer – fort mit dem unreifen Zeug, den

Cholerapflaumen! Gleich fünf, sechs Körbe auf einmal wurden hinunter

zum Rhein geschleppt und in die Flut geschüttet.

Das Publikum blickte unwillig: die armen Weiber! Cholerapflaumen?!

Ach was, die Cholera kam von was ganz anderm, die paar Pflaumen

verschlimmerten nicht mehr viel daran. Eingeschleppt war die aus dem

schlechtbeköstigten Heerlager, aus den schmutzigen böhmischen Dörfern,

vom wüsten Schlachtplan, dem von Gewittergüssen durchweichten Acker und

aus den überfüllten Lazaretten. Die Cholera schlich dem Krieg nach als

sein Schatten.

Das Wegschütten des Obstes hatte alle Gemüter erregt. Das unheimliche

Gespenst der Seuche machte sich plötzlich auf dem Markt breit, mitten

im hellsten Sonnenschein, und ließ sein düsteres Gewand zwischen den

Körben und Kiepen schleppen.

Überall fanden sich Bekannte zusammen, die einen neuen schrecklichen

Fall besprachen: in der Liefergasse, in einem der alten Häuser mit den

engen Höfchen, hatte die Cholera sämtliche Bewohner ergriffen.

Eine dicke Dame, die den Longshawl nachschleppte, schlug die Hände

zusammen:

»Och Jott, och Jott, ne, et is heutzutag ja jar kein Pläsier mehr zu

leben!«

Das Dienstmädchen, das mit dem Korb hinter ihr ging, zupfte sie.

»Frau Schnakenberg, Se schleppen Ihr Duch!«

»Och Jott, och Jott!«

Die dicke Dame arrangierte sich und zog umständlich ihr kostbares Tuch

herauf, das Mädchen mußte ihr dabei behilflich sein.

Viele Bürger sahen ihr nach. Da war manch einer unter ihnen, der

die behäbige Dame schon gekannt, als sie noch, jung und ledig, bei

den Eltern im ›Bunten Vogel‹ war und noch nicht den Feldwebel Rinke

geheiratet und sich in der Kaserne hatte plagen müssen. Das sah

man der wahrhaftig nicht an, daß die so viel durchgemacht: Damals,

neunundvierzig, der Mann sich erschossen, und der Sohn, der Wilhelm,

ausgewiesen und verschollen! Ja, ja, Zillges’ Trina hatte einen guten

Docht, aber freilich, – wenn man schon an die sechzehn Jahre Madam

Schnakenberg heißt, das konserviert – keine Sorgen und ein neues Haus

in der Königsallee!

Wen Frau Trina traf, pflegte sie einzuladen:

›Besuchen Se uns doch ens auf en Tass’ Kaffee. Da besehen Se sich mal

unser neu’ Haus, jradüber vom Exerzierplatz. Jott sei Dank, mer sieht

de nit vor lauter Bäum’. Wer haben in der Küch’ en Wasserleitung, et

Mädchen braucht jar nit nach der Pump’ zu laufen. Wer haben auch nur

eine Stock aufjesetzt, da braucht mer nit so viel Treppen zu rennen.

Sieben Zimmeren, dat is ja lang Platz jenug für mich un den Hendrich!‹

Ja, die hatte ihr Glück gemacht! Der Schnakenbergs Hendrich war ein

guter Mann; schon als sie noch Mädchen war, hatte der sie poussiert,

und als er nun bald nach des Feldwebels Tod Witwer wurde, da paßten

der Witwer und die Witwe ganz schön zusammen. Und was der Schnakenberg

immer noch für Geld verdiente! Das Geschäft hatte er freilich längst

nicht mehr, aber rheinische Industriepapiere, Bergwerksaktien und

Köln-Mindener Eisenbahnprioritäten, die warfen von Jahr zu Jahr mehr

ab. –

Frau Trina war mit ihrem Los zufrieden. Wenn nur der ›Verdruß‹ mit den

Kindern nicht gewesen wäre! Auf die Wiederkehr ihres Wilhelm hoffte

sie immer noch vergebens. Und mit der Josefine, das war doch auch ein

›Angang‹, daß die nun schon Witwe war und mit den Kindern dasaß! Und

nun gar der Ferdinand, dem sie im Krieg das eine Bein abgeschossen!

»Och Jott, och Jott!«

Ein Schatten flog über Frau Schnakenbergs rundes Gesicht, und ihr

freundlicher Blick trübte sich. Da zupfte das Mädchen sie wieder von

hinten:

»Madam, se verkaufen als bald de letzte Has – wer haben kein Aussuche

meh.«

»O jemmich! ’schwind, Drückche, ’schwind!«

Ganz entsetzt fuhr Frau Schnakenberg auf, alles andre vergessend.

Wenn sie nun keinen leckeren Hasen mehr bekam?! Der Ferdinand, der

morgen aus dem Mainzer Lazarett wiederkommen sollte, würde freilich

nicht bei ihr wohnen, sondern bei der Josefine, aber zu einem guten

Mittagessen wollte sie ihn doch gleich einladen. Und was Extras sollte

er kriegen, hatte er doch lange Jahre nur ›Kasernenfraß‹ gehabt! Die

Mehlsuppen auf der Militärschule zu Annaburg, der ewige Reis in der

Unteroffiziersmesse zu Mainz, und nun erst gar das verschimmelte Brot

im Krieg und zuletzt die magere Lazarettkost! Dem sollte es jetzt bei

der Mutter gut schmecken!

Und mit Schaudern dachte sie plötzlich an die knappen Mahlzeiten in

der Feldwebelwohnung zurück, und wie sie sich nur im ›Bunten Vogel‹

dann und wann regaliert. Ein Jammer, daß der ›Bunte Vogel‹ nicht in

der Familie geblieben, daß die alte Frau ihn gleich damals, in dem

Unglücksjahr, verkauft hatte! Mit Verlust natürlich, gerad’ daß die

Enkel eine Kleinigkeit gekriegt; die Hauptsumme war dem Klösterchen

zugefallen, wo sich Mutter Zillges hatte verpflegen lassen bis an ihr

seliges Ende.

Die Wacht am Rhein · 第 50 / 74 题