XVIII

Sie hatten sich bis jetzt nur flüchtig gesehen; sie waren sich begegnet

im Hof, vor der Thür, auf der Straße, so oft, wie früher nie. Josefine

war diesen Begegnungen nicht ausgewichen, nein, sie suchte sie sogar.

Wie war er schön, wie war er ritterlich! Er verblendete sie ganz. O

Gott, ihn nur einmal noch sprechen, seine Stimme hören, diese Stimme,

die so lustig necken konnte: ›Fina, blonde Fina, meine Fina!‹

Kein Gedanke ging zu ihrem Mann. Ihr war zu Mut, als wäre sie wieder

die Josefine von einst – nein, doch nicht ganz dieselbe! Früher war

sie schon beglückt gewesen, wenn sie Viktor nur von weitem gesehen –

ein verstohlenes Grüßen von Fenster zu Fenster, ein flüchtiges Wort,

ein heimlicher Händedruck – das war schön, das war schön gewesen, doch

jetzt –?!

Ihre Augen begegneten den seinen mit stumm leidenschaftlicher Frage.

In einer gesteigerten, rauschähnlichen, erwartungsvollen Spannung

verbrachte sie friedlose Tage und schlaflose Nächte. –

Leutnant von Clermont hatte auch schon seit Nächten nicht viel

geschlafen, eigentlich gar nicht, sein Blut war erregt. Wochen hatte er

verbracht in stumpfem Groll – alle Tage Drill, für was denn? Immer von

der Ehre, von der Offiziersehre hören und sich doch auf der Nase tanzen

lassen müssen – äh was, Ehre, pfeif’ auf den ganzen Rummel! Er war

wütend. Ein paarmal hatte er sich schon betrunken. Das war ihm sonst

nie passiert; aber jetzt konnte er eben gar nichts vertragen, ein paar

Gläser schon stießen ihn um. Gleich prickelndem Champagner stieg ihm

der Säuerling, den sie im Kasino verzapften, zu Kopf.

Seine Nerven waren angespannt, all seine Sinne erregt. O, dieses

müßige Warten, dieses ungeduldige Lauern in der muffigen Kaserne! Zum

umkommen! Nur nach etwas greifen, sich zu zerstreuen, zu vergessen, den

Lauf der Tage zu beschleunigen – ha, und nun kam diese blonde Frau! Er

erwiderte ihre großen, stummen und doch so beredten Blicke.

Heut abend sprachen sie sich zum ersten Mal. Auf dem dunklen Gang

trafen sie einander wie einst. Warum sollten sie sich länger meiden?!

Auf halbem Weg waren sie sich entgegengekommen. Er unter dem Vorwand,

den Feldwebel sprechen zu müssen; sie ganz ohne Vorwand, einfach

gezwungen, schier ohne eigenes Wollen, wie eine Traumwandelnde, Schritt

für Schritt gelassen auf den schwindelndsten Pfad setzend.

Sie hatten nicht Zeit zu vielem Reden. Jeden Augenblick konnte sie

jemand überraschen, rumorte es doch heute überall in der Kaserne.

Der dunkelste Gang war nicht sicher. Gerüchte gingen um, unheimlich

schwirrend wie Fledermäuse in nächtlichem Dunkel; man hört nicht ihren

lautlosen Flatterflug und spürt ihn doch am kalten, unheimlichen Wehen.

»Josefine,« flüsterte Viktor und faßte sie an beiden Händen, »Fina!«

Sie sagte kein Wort, aber sie neigte sich gegen ihn.

Ehe sie bedachten, was sie thaten, küßten sie sich heiß.

»St – still, kommt da jemand?« Er raunte es, erschrocken und unwillig

zugleich.

»Nein – ja, ja!« Und doch huschte sie nicht fort.

Sie umschlangen sich; hastig küßten sie sich wieder, heiß und heißer.

Fatal, wieder Tritte!

»Komm zu mir,« flüsterte er im Kuß.

»Ja, ja, ich ko–«

Sie sprach das Wort nicht aus. Ein schriller Mißton gellte durch die

Kaserne.

Horch, ein Trompetenstoß!

Und nun Trommelwirbel vom Platz, Trommelwirbel vom Hof herauf.

»He–rrraus!« Ein einziger, langgezogener Ruf in der Mainacht.

»Donnerwetter, Alarm!« Viktor riß sich los, fort stürzte er; Josefine

stand wie betäubt.

Alarm, Alarm! Alle Mann heraus!

Und nun fingen die Glocken der Stadt an zu rufen, von allen Türmen

bimmelte es. Ängstlich hilfesuchend wimmerte es: ›Feuer!‹ Mächtig

dröhnte es: ›Sturm!‹ Und jetzt – huh – mit beiden Händen fuhr

Josefine an die Ohren: das Lärmhorn der Bürger! Schrecklich tutete es;

dazwischen das Blasen der Trompete, das Wirbeln der Trommel.

Generalmarsch wird geschlagen – die Infanterie rückt aus.

Feuer, Sturm, Aufstand, offene Rebellion! Grollend dröhnt ein

Kanonenschuß. –

Es war wenig Militär in der Stadt, gestern erst eine große Zahl Truppen

nach Elberfeld abgegangen, wo die Landwehrmänner sich ihrer Einberufung

widersetzten; und heute in der Frühe war ein Nachschub gefolgt. Das

ganze Bergische Land schien in Aufruhr.

Die Nacht war lebendig geworden. In den Lüften schien es zu klagen.

Über den Exerzierplatz weg fuhr ein Geschrei – dann wurde alles still.

Oben in der Feldwebelwohnung hielt Frau Trina jammernd die Tochter

umklammert: »Och Jott, och Jott, de Willem! So mitten in der Stadt,

allein mit der alten Frau! Wenn de nur kein Dummheiten macht! Och Jott,

och Jott, de Willem!«

»Ich will hinjehn,« sagte Josefine rasch. »Ich hol’ se her! Laß mich

doch! Da is ja nix bei, ich hab’ kein Angst. Laß mich,« wehrte sie die

Mutter ungeduldig von sich, die sie zurückhalten wollte.

Nach kurzem Kampf ließ Frau Trina ab. Am Ende war es ihr doch eine

Beruhigung, wenn die Josefine nach dem Wilhelm sah. Das Gesicht

verhüllend, sank sie auf den Stuhl im Winkel.

Ohne Besinnen lief Josefine die Stiege hinunter. Noch konnte sie zum

Thor hinaus, es stand offen, ab und zu eilten Soldaten; in der Ferne

verklang der Trommelwirbel einer ausrückenden Kompagnie.

Da zog =er= hin! Mit raschem Schritt lief sie hinterdrein.

Flüchtig berührte ihr Fuß kaum das Pflaster, eine Todesangst riß

sie fort – wenn ihm ein Leid geschah! Wenn sie ihn in die Kaserne

zurückbrachten, das Haupt vom Beilhieb zerschlagen, aus Stichen

blutend, die ihm ein Strolch versetzt!

Eine heftige Wut ergriff Josefine gegen das Volk, das sich so vergaß.

Sie ballte die Fäuste in ohnmächtigem Zorn: Drauf, wackere Soldaten,

drauf!

Mehrere Bürger stürzten an ihr vorüber, die zu flüchten schienen. Aha,

jetzt rannte schon das feige Gesindel!

Einer schrie: »Barrikaden, se bauen Barrikaden, se reißen dat Pflaster

auf!«

»Wo, wo?«

»Da – da!« Er hob den Arm und zeigte im laufen zurück, von wo er

gekommen. »Am Stadtbrückchen – an der Allee – ich weiß nit – da – da!

Jesus Maria, se schießen, se schießen!«

Grell pfeift ein Signal – eine Gewehrsalve knattert – wo schießt es,

wer schießt?!

Hurra, die Soldaten! Josefine glühte, ihre Blicke flammten begeistert

auf. Die Soldatentochter war jäh in ihr erwacht.

Horch, Pelotonfeuer! Von weitem antwortet Kanonendonner. Und jetzt

Pferdegetrappel – hei, die Ulanen rücken auch schon zur Stelle! Hurra,

die Soldaten, die tapferen Soldaten, die schaffen Ruh’!

Links ab schwenkte Josefine; über die Allee, beim Stadtbrückchen

konnte sie nicht durch, das sah sie wohl ein. Rasch hier hinein! Durch

die kleinen, engen Gäßchen der Altestadt kam man noch leicht zur

Ratingerstraße. Immer rascher lief sie.

Nun war sie am Hunsrück. Ach, wo mochte Viktor jetzt sein?! Viktor,

Viktor –?! Verwirrt glitt ihr Blick umher – hier war es ja so dunkel,

die Laternen sämtlich erloschen, die Häuser schwarz! Sie tappte, sie

stolperte, unwillkürlich stieß sie einen leisen Schrei aus.

»Zurück!« Es klirrte im Dunkeln. Und nun noch einmal der Ruf: »Zurück!«

Und jetzt ein laut hallendes Kommando: »Lichter heraus!«

Rechts, links, wie mit Zauberschlag erhellen sich die Fenster, sie

sieht entsetzte, neugierige Gesichter hinter den Scheiben auftauchen,

nur für einen Moment, dann ducken sie unter, denn: »Zurück!« brüllt es

wieder. Blinkende Uniformen, drohende Flintenläufe. Sie will rufen,

aber schon geht voreilig ein Schuß los. Dicht pfeift ihr die Kugel über

den Kopf.

Taumelnd fällt sie gegen eine Hausthür; diese giebt nach, ein Arm

streckt sich heraus und zieht die Wankende herein.

»Jesus Maria, is Euch wat passiert?!« Weinend leuchtete ihr eine

Bürgerfrau in’s Gesicht. »Ne, Jott sei Dank, et hat noch jut jejangen!

Och, meine Mann, meine Mann, wo is de?! Se werden ein wat duhn, se

werden em dotschießen! Se hören ja jar nit, wat mer ihnen sagt.

Vorhin jing einen hie langs, ich kenn’ em jut, auch so ene ruhije

Börjer, wollt no Huus jonn – knall, schießen se ein kapores. O Maria,

Materdeies, wat is dat for en Nacht!«

Josefine zitterte vor Aufregung. »Machen Sie die Thür auf, ich muß

wieder eraus!«

»Ne, ne, Ihr könnt jetzt nit eraus – seid Ihr jeck? Se schießen Euch

dot!« Die Frau umklammerte sie mit beiden Armen.

»Ich muß!« Josefine riß sich los. Das Weib war wohl toll vor Angst,

Soldaten sollten auf ruhige Bürger schießen?! Unsinn! Schon hatte sie

die Hausthür aufgezerrt, schon stand sie wieder draußen auf der Gasse.

Jetzt war alles still. Unsicher huschenden Schein warfen die Lichter

aus den Fenstern, von den Soldaten war nichts mehr zu sehen. Doch dort

– dort in jener Thürnische kauert einer, das Gewehr im Anschlag, und

da, hinter den Fässern, die mitten auf’s Pflaster gekollert sind, reckt

eben einer spähend den Kopf empor. Ein Flintenlauf hebt sich vorsichtig.

Josefines Augen werden schreckhaft starr – hat die Frau recht: wie ein

Wild, wie ein Tier dem Jäger vor’m Schuß?! Sie macht einen Satz gleich

dem scheuenden Reh; sich wendend, stürzt sie blindlings zurück.

Herr im Himmel, auch kein Zurück mehr! Lautes Gebrüll schlägt ihr

entgegen.

»Zaruck-Buh! Zaruck-Buh!« Das ist der Hohnruf der Aufrührer!

An der nächsten Ecke hat sich ein Haufe postiert. Umgestürzte Karren,

Bretter, Säcke, Stühle, Tische, alles was man in der Eile ergriffen,

ist aufgestapelt.

»Zaruck-Buh! Preußen! Schweinhunde! Menschenschinder! Zaruck-Buh!«

Steine fliegen, Ziegelsteine, Pflastersteine, Sand, Kot, Pferdemist.

Aber jetzt Trommelschlag und jetzt ein Kommando:

»Zur Attacke! Das Gewehr – rechts! Fällt das Gewehr! – Marsch, Marsch!«

»Hurra!« Mit vorgehaltenem Bajonett stürmt das Militär. Eine Bresche

entsteht, ein höllisches Geheul, eine wilde Flucht.

»Feuer!«

»De Preußen, de Preußen, se schießen auf uns!«

Auf der rasch genommenen Barrikade stehen die Soldaten und feuern in

die enge Gasse.

»Hochhalten!« tönt ein vereinzeltes Kommando, aber niemand hört es. Die

Kugeln pfeffern in den Hunsrück – klatsch, in’s Pflaster – klatsch,

gegen Thüren und Läden – zeigt jemand sich am Fenster, wird auch dahin

geschossen.

Rette sich, wer kann! Josefine wird mit fortgerissen; in die

Bolkerstraße hinein geht die Flucht, rechts und links durch eins der

Seitengäßchen kann man vielleicht entschlüpfen. Aber dort aus der

Kapuzinergasse tönt es: »Zurück!«

Huh, die ›Zaruck-Buh!‹ Die Mündung der Kapuzinergasse ist verstopft

von Uniformen, das Eckhaus zur Bolkerstraße von Soldaten besetzt. Auch

da kein Ausweg!

Auch da, gegenüber aus der Mertensgasse, gellt ein Hilferuf – das ist

ein Verwundeter! Wie ein Tier kriecht er auf allen Vieren die Häuser

entlang.

»Hilf’, Maria Josef, zu Hilf’!« Schwach wimmert der Unglückliche nur

noch. Eine Thür öffnet sich, ein Mann stürzt heraus, schon hat er den

Verwundeten unter die Schultern gefaßt, um ihn in’s Haus zu ziehn –

ächzend drückt der die Hand auf die Leibseite – da, wieder der Ruf:

»Zurück!«

»Gut Freund!«

Was nutzt’s? »Zurück!« Hähne knacken. Erschrocken läßt der Mann den

Verwundeten fallen und springt, sich rettend, in’s Haus zurück;

knatternd fährt der Schuß über die Stelle, wo er noch eben gestanden.

Weiter, weiter! Die Bolkerstraße weiter hinunter! Das Kleid ist

Josefine abgetreten, zerfetzt hängt es ihr von den Hüften; die Haare,

gelöst vom rasenden Lauf, züngeln ihr gleich Schlangen um den Kopf.

Weiter, immer weiter!

Hier unten, dem Markt zu, ist die Straße still, die Fenster sind nicht

erleuchtet. Man tappt im Dunkeln, man gleitet, man strauchelt. Nun

kommt aufgerissenes Pflaster, Josefine fällt.

Wie lange sie gelegen, weiß sie nicht; endlich rafft sie sich auf mit

zerschundenen Händen, mit betäubtem Kopf. Nun ist sie ganz allein. Die

Flüchtigen sind sämtlich verschwunden, wohin –?! Sie weiß es nicht.

Sie sucht die nächste Thür, sie pocht, pocht wieder, niemand giebt

Antwort, niemand öffnet; laut um Einlaß zu rufen, traut sie sich nicht.

Zitternd kauert sie sich auf eine Treppenstufe. Kein Kampf tobt mehr

hier, kein Mensch geht, und doch dröhnt es ihr in den Ohren: die

Glocken schlagen ununterbrochen an. Dumpfes Hallen von der Rathausuhr;

mechanisch zählt sie – Gott im Himmel, schon elf!

Über die Dächer kommt’s wie ein Geheul. Aus der Richtung der Allee

Kartätschenfeuer – nein, nicht allein daher, von allen Seiten Geknatter.

Es ist nicht mehr zu ertragen, sie kann es nicht mehr anhören,

schaudernd hält sie sich die Ohren zu. Aber sie hört doch den

Trommelschlag – ›Fällt das Gewehr!‹ – Die Bajonette blitzen, hinein

geht’s in die flüchtende Menge – ›Feuer!‹ – Ein Verwundeter kriecht am

Boden, niemand hilft ihm, verschmachten muß er, zertreten wird er –

horch, das Pferdegetrappel! Entsetzt fährt Josefine auf.

Täuschung! Nur der Tritt einer nägelbeschlagenen Sohle klappt auf

dem Pflaster. Vom Markt her nähert sich ein einzelner Mann. Er kommt

auf sie zu, an dem großen Bollerwagen vorbei, der, umgestürzt, die

Straßenmündung nach dem Markt sperrt.

Gott sei Dank, da ist jemand! Der wird ihr sagen, wo sie gehen soll. Er

scheint sich nicht zu fürchten. So ruhig kommt er daher.

Sie springt auf ihn zu. Nun sieht sie’s im matten Sternenlicht, er ist

schon alt, hat weiße Haare, trägt eine Kriegsdenkmünze auf der Brust

und unter jedem Arm ein großes Brot.

»Is et sicher langs dem Markt? Kann mer da jehn?!«

»Ja, eja, jeht nur als janz ruhig da langs!« Und als er ihr angstvolles

Gesicht sieht, schüttelt er, beruhigend lächelnd den Kopf: »Och ene,

so leicht lasse mir uns nit bang mache! Ich komm’ von der Rhing, von

mingem Kahn, ich muß noch nach der Pfannschoppenstraß’, mein’ Frau und

mein’ Enkel lauern als auf dat Brot. Ich han kein’ Angst. Ne, ene, wenn

mer ihne nix duht, duhn ei’m de Preußen auch nix; ich bin ene alte

Soldat, ich –«

Ein leichter Knall, ein leichter Pulvergeruch – kurz springt der alte

Mann in die Höhe. Zu Boden stürzt er, mit dem Kopf zuvorderst. Er fällt

auf’s Gesicht; links fliegt ein Brot, rechts eins.

Jesus Maria, sie schießen aus dem Rathaus! Da, über dem dunklen Markt,

– da, – hinter den dunklen Fenstern, da sind sie drin! Josefines Blut

erstarrt: Die Preußen, die Preußen, die schießen auf wehrlose Bürger

–?! Pfui!

Wie in’s Herz getroffen, sinkt sie bei dem alten Mann nieder. Ihre

Hände tasten über sein weißes Haar, über seinen altersgekrümmten

Rücken. Klebrig rinnt es ihr da über die Finger – Blut! Er ist tot!

Der Atem stockt ihr, sie will schreien und kann nicht; mit beiden

Händen nach dem sich krampfenden Herzen fahrend, stürzt sie auf und

fort.

Die Glocken wimmern und wimmern. Aus den Rathausfenstern fallen noch

mehr Schüsse. Mit wehenden Haaren und flatternden Fetzen, wie ein

Schatten, fliegt sie dort vorbei. –

* * * * *

Die Glocken hatten zu läuten aufgehört beim grauen des kommenden

Morgens. Das Pelotonfeuer war verstummt, die Barrikaden in der

Kommunikation und Flingerstraße waren genommen, Kanonen aus der Allee

angefahren, am Stadtbrückchen hielt ein Pikett Ulanen die Wacht; auch

über den Friedrichsplatz schwenkten Berittene. Auf die Gartenmauer des

Präsidialgebäudes waren Schützen postiert, Rathaus, Theater und manch

andre Gebäude vom Militär besetzt. Und doch fielen noch Schüsse in der

Altestadt.

Sie fielen vereinzelt; aber schauerlicher tönten sie, wie eine ganze

wildknatternde Salve, Ohren und Herzen der Bürger mit Grausen füllend:

das waren bedächtige, wohlgezielte Schüsse!

Die Ein- und Ausmündungen der Gäßchen waren besetzt; an den Ecken

lauerten die Soldaten, hinter irgend einer Deckung auf den Knieen

liegend, Gesicht und Hände von Pulver geschwärzt. Jetzt gab’s kein

Pardon. Lange genug hatte man Beleidigungen einstecken müssen, doch

waren sie unvergessen; lange genug hatte zurückgedrängter Groll

geschwelt, wie eine glimmende Kohle unter der Asche – jetzt war sie

aufgeloht, vom Sturmwind der Nacht entfacht. Jetzt gab’s kein Löschen

mehr.

Flammendes Blut war den Soldaten zu Kopf gestiegen und hatte ihre

Herzen kalt zurückgelassen, kalt wie Eis.

›Zurück – halt, wer da?!‹ Die Hand war rascher als die Antwort, los

ging schon der Schuß.

Die Rheinnebel wälzten sich über die Ratingerstraße und brauten um

die Barrikade, drauf hoch eine rote Fahne wehte; noch war die nicht

gestürzt, noch flaggte sie im Frühwind.

Still war’s in der alten Straße; die ziegelgedeckten Giebelhäuser

hielten ihre Läden geschlossen, nur hier und dort öffnete sich behutsam

ein Ritzchen, kaum groß genug, um einen angstvollen Blick hinaus spähen

zu lassen.

Langsam kam jetzt eine Patrouille vom Ratinger Thor her, die Straße

herunter. Vorsichtig gingen die Soldaten; sie schlichen. Auf der

benachbarten Ritterstraße hallten Schüsse, aus dem Mühlengäßchen gellte

plötzlich ein Schrei. Die Soldaten packten ihre Gewehre fester, rechts,

links flogen spähend die Augen des vordersten; Feldwebel Rinke war’s,

er führte die Patrouille an.

Eben hatte er sich von Leutnant von Clermont getrennt, dem die Meldung

geworden, daß, nachdem man kaum die Barrikade aus der Mühlenstraße

zerstört, in der benachbarten Ratingerstraße mit Zauberschnelle eine

neue entstanden sei. Dahin, dahin! Nicht umsonst hatten sie beide zur

Zeit die Stadt abpatroulliert, sie kannten das Gewirr der Gassen und

Gäßchen.

»Führen Sie Ihre Leute von oben heran, Feldwebel,« hatte hastig der

Offizier geraunt, »ich packe die Bande vom Montierungsdepot her im

Rücken! Keiner entwischt uns!«

Mit Augen, die fast aus den Höhlen dringen, späht der Feldwebel jetzt

in die Dämmrung. Verdammt, daß man nicht besser sehen kann! Wo, wo

stecken die Schufte?! Sein Herz schlägt hart; seine lange Gestalt

duckend wie zum Sprung, tappt er voran.

Dunkel ragt etwas vor ihm auf, ist’s ein Bollwerk, eine Verschanzung?!

Hei, der Feind dahinter! Ein gellendes Pfeifen empfängt die Soldaten.

Hurra, da ist die Festung! Auf zum Sturm! Ein lautes Kommando schreit

er heraus und dann ein jauchzendes Hurra; mit gewaltigem Anlauf stürmt

er.

Fässer sind aufgetürmt, Bierfässer, Weinfässer, Bretter darüber gelegt

und umgestürzte Karren; Stroh, Sand, Steine zwischengestopft.

Keuchend schafft sich Rinke Bahn. Die Pistole hat er in den Gurt

gesteckt, mit mächtigen Griffen reißt er das Bollwerk auseinander. Wie

ein Wütender, achtlos des Hagels von Steinen und Glasscherben, der auf

ihn nieder saust, tollkühn, dringt er vorwärts. Wie in der Schlacht,

hei, wie in der Schlacht!

Hier ein Stoß, da ein Tritt – er strebt nach der Fahne, die frech dort

oben flattert.

Schwarze Gestalten – es sind ihrer nicht viele – geben Fersengeld.

»Hurra!« Jetzt stehen schon einige Soldaten oben, sie feuern hinter

den Fliehenden drein. Und »Hurra!« tönt es von hinten, vom Depot her.

Gleich angstvollen Bestien rennen die Umstellten hin und her.

Mit einem wilden Lachen langt Rinke nach der Fahne – halt, wer duckt

sich da?! Er schwingt sich vollends hinauf; einer will entwischen.

»Steh! Halunke, steh!«

Pardon wird nicht gegeben. Mit eiserner Faust packt der Feldwebel zu.

Blitzschnell entwindet sich ihm eine schlanke Gestalt, will fliehen,

sieht keinen Ausweg, rafft einen Stein auf und setzt sich verzweifelt

zur Wehr.

Ohne Besinnen reißt der Soldat die Pistole heraus und schlägt an –

Mann gegen Mann – da zeigt ihm ein Feuerstrom, der vorüberfährt, ein

pulvergeschwärztes, angstverzerrtes Jungengesicht – Wilhelm!

»Verfluchter Bengel!« knirscht er zwischen den Zähnen; er hat ihn

gesehen, er hat ihn erkannt. Und der Sohn hebt mit beiden Händen, zum

niederschmettern bereit, den Pflasterstein.

Knall, wieder ein Feuerstrom. Der Feldwebel zuckt zusammen – können die

Kerls denn nicht das Kommando zum schießen abwarten?! Dicht nebenan

stürzt ein Aufrührer, fällt hintenüber, reckt im jähen Tod die Fäuste

empor. Grausenvoll stiert sein Auge. Und er ist auch noch so jung!

In Rinkes Hand beginnt die Pistole zu schwanken; jetzt hat er keine

Festigkeit zum zielen mehr, er läßt die Waffe sinken. Vater und Sohn

starren sich an; nur Sekunden und doch Ewigkeiten.

»Halunke,« zischelt der Vater endlich und hebt wieder langsam, zögernd

die Pistole.

»Vater!« schreit entsetzt der Sohn auf, läßt den Stein fallen und

verbirgt das Gesicht.

»Halunke!« Die bebende Hand will nicht gehorchen.

Da – ein Stein kommt angeschwirrt, von unsichtbarer Hand geschleudert –

gut gezielt. Der Feldwebel taumelt; vor die Stirn getroffen kollert er

hinterrücks von der Barrikade.

Und der Sohn steht mit stierem Blick. Hat er geworfen, den Vater

getroffen –?! Nein – ja – nein! Er weiß es selber nicht, er ist ganz

betäubt.

»Halt, der da, der hat geschossen! Packt die Kanaille!«

Ein Offizier mit blankem Degen springt auf Wilhelm zu. Da rafft der

Junge sich auf, die Betäubung weicht – rette sich, wer kann – in

Lebensgier, in Freiheitsgier setzt er herab auf’s Pflaster. Dort, dort

ist der ›Bunte Vogel‹ und Hilfe, Rettung!

Die Thür giebt nach – er hinein – Riegel zu – Treppe hinauf, in den

Taubenschlag, auf’s Dach. –

Gewehrkolben donnern gegen die Thür des ›Bunten Vogel‹. Leutnant von

Clermont verschafft sich mit Gewalt Einlaß; halb eingerannt, halb

zerschossen, hängt die Thür nur noch lose in den Angeln. Die Soldaten

stürmen in den dunklen Flur.

Wo ist der Kerl, der geschossen hat? Hier drin muß er sein! Man schickt

sich zum suchen an. Ihrer zwei, drei stolpern in den Keller, ein paar

andre die Stiege hinauf. Der Leutnant fährt das alte Weib an, das ihm

aus der Wirtsstube entgegentritt:

»Wo ist der Kerl? Wir haben ihn hier herein fliehen sehen. Ihr habt ihn

versteckt?!«

»Ne, och ene, ich weiß von nix, och Jott, och Jott!«

»Doch, er muß hier sein – keine Ausflüchte!«

»Och Jott, och Jott! Jesus Maria Josef!«

»Sucht, sucht!« Der Leutnant feuert die Soldaten an, und dann stößt er

in ausbrechender Wut die jammernde Alte beiseite: »Gesindel, steckt

alles unter einer Decke! Gebt ihn heraus!«

»Jetzt werd’t Ihr füsiliert,« sagt ein Soldat mit breitem Grinsen

und schlägt das Gewehr auf die Alte an. Halbtot vor Angst sinkt das

Mütterchen in die Kniee, sein schwacher Aufschrei zetert durch’s Haus.

Die Wacht am Rhein · 第 47 / 74 题