Rinke hätte nie geglaubt, daß er über die Trennung von der Tochter so
verhältnismäßig leicht fortkommen würde. Die Not der Zeit half ihm über
eignes hinweg.
Er glühte vor Unwillen. Täglich mehrten sich die Klagen über Rempeleien
zwischen Civil und Militär. Nicht genug, daß ein Infanterist durch
einen Schuß, der eines Abends an der Markt-Ecke fiel, meuchlings
getötet worden, auch noch einen von den Jägern hatten die ›verfluchten
Halunken‹ verwundet. Was half’s, daß der neue Kommandeur, General von
Drygalski, dem Militär im Besuch der Wirtshäuser strengste Beschränkung
auferlegte, ganz einsperren konnte man die Mannschaft doch nicht; und
wo sich ein Soldat sehen ließ, überall wurde er molestiert. Schüsse,
von unbekannter Hand abgefeuert, fielen zur Nachtzeit auf den Straßen,
und, richteten sie auch kein sofortiges Unheil an, sie alarmierten doch
und narrten Polizei und Militär.
Der Feldwebel machte es sich zur Aufgabe, in freien Stunden die
Stadt abzupatrouillieren. Im Abenddunkel suchte er die berüchtigten
Wirtschaften auf, um vor ihren Thüren beobachtend Posto zu fassen.
Leider gehörte der ›Bunte Vogel‹ auch zu den nicht gut angeschriebenen.
Die alte Frau hauste jetzt dort allein mit dem Wilhelm: wie sollte
das schwache Weib und der dumme Junge es am Ende hindern, daß sich
da ebenfalls allerhand Gesindel zusammenfand?! Rinke hatte sich den
Sohn schon gelangt und ihn wie einen Verbrecher in’s Verhör genommen,
aber weiter nichts herausgebracht, als daß der Freiligrath zuweilen
dort ein Maß trinke. Na, der Kerl, der rote Republikaner, war ja nun
unschädlich gemacht, wegen eines ganz unverschämten, aufhetzenden,
königsverräterischen Gedichtes hinter Schloß und Riegel gesperrt! Aber
andre liefen noch frei herum. Ja, man hatte schon seinen Ärger!
Ingrimmig, mit geheimem Knurren, wie ein Hund, der Haus und Hof
bewacht, schlich der Feldwebel durch die Straßen.
Aber auch die Bürgerwehr hatte ihren Verdruß. Wenn man sich auch nicht
einig war, ob man =für= oder =wider= die Opposition stimmen sollte,
jedenfalls war es allen höchst unangenehm, daß der König auf seiner
Rückreise vom Dombaufest schlankweg an Düsseldorf vorbei gefahren. Die
freundliche Gartenstadt schien in Berlin als gefährliches Rebellennest
verzeichnet – daran war niemand schuld, als die verdammten Preußen
selber, die verwünschten Militärs! Mußten die nicht durch ihre
prahlerische Haltung, durch ihr herausforderndes Umherrennen mit
blanker Waffe am Ende auch die gutmütigste Bevölkerung reizen?! Es
half nichts, daß der Chef der Bürgerwehr eine Verordnung erließ, nach
der ein Zusammenstehen von mehr als fünf Personen, das Umherziehen
mit Fahnen, das Schießen in den Straßen verboten, Eltern und Meister
gehalten waren, Kindern und Lehrlingen mit Eintritt der Dunkelheit das
Ausgehen zu untersagen. Alle Maßregeln konnten nichts nützen, wenn
die Soldatenkohorte sich abends auf dem Markt sammelte, aus voller
Kehle das: ›Ich bin ein Preuße‹ schrie und dazu die Säbel am Pflaster
schliff. – –
Der Sommer war zu Ende gegangen, der Spätherbst machte seine Rechte
geltend. Im Hofgarten lagen die falben Blätter fußhoch, die Tage wurden
kurz, die Reifnächte lang. Es wurde über allgemeine Arbeitslosigkeit
geklagt; Bettler durchzogen die Stadt und forderten so ungestüm, daß
Frauen und Kinder, waren sie allein, ängstlich die Thüren verschlossen.
Im Hofgarten war’s nicht geheuer, selbst die verliebtesten Paare
getrauten sich nicht mehr in seine Einsamkeit.
Der Magistrat hatte, um Bedürftigen Arbeit zu verschaffen, rheinabwärts
an der Goltzheimer Insel Ausbesserungen vornehmen, auch den großen
Teich im Hofgarten und die Kanäle ausmutten lassen, aber der erste
frühe Frost setzte diesen Arbeiten ein Ende. So zogen ein paar hundert
entlassene Arbeiter mit einer roten Fahne vor’s Rathaus: »Brot! Brot!
Geld! Geld!« Und die herbeieilende Polizei wurde mit Steinwürfen
empfangen: »Buh, macht euch ab, no Huus, buh!«
Es gab blutige Köpfe, die Brotlosen kannten keine Scheu, zumal alles
Volk ihre Partei nahm; die hartbedrängte Polizei mußte retirieren.
Von jetzt ab machte sich der ›Volksklub‹ breit, ungeniert beraumte er
Versammlung über Versammlung an; am helllichten Mittag setzten sich
Arbeiterzüge in Bewegung und zogen unter dem Schwenken roter Fahnen,
unter dem Singen demokratischer Lieder auf die Nachbardörfer. Der
›Barrikadenverein‹ feierte den inzwischen freigesprochenen Dichter
Freiligrath mit schallendem Jubel und Illumination.
Das Schwarz-rot-gold war verdrängt – alles rot, rot, rot. Rot flammte
die winterliche Sonne über’m Rhein, rot stieg sie auf im Osten, rot
sank sie im Abend – blutig-rot. Und ein schneidend scharfer Wind
fauchte durch die Straßen und fegte auf, was nicht ganz niet- und
nagelfest war.
Die Düsseldorfer fingen an stolz zu werden auf ihren thatkräftigen
Mut. Der Nationalversammlung zu Berlin, die trotz verschiedentlicher
Auflösung sich immer wieder sammelte und Steuerverweigerung votierte,
ließ man eine beistimmende Adresse zugehen. Steuerverweigerung,
ja, das war das richtige! Riesenversammlungen fanden statt; mit
unverhohlener Geringschätzung sah Düsseldorf auf seine Nachbarin Köln,
die langjährige Nebenbuhlerin. Ei, hatten sich die Kölner mit ihrem
Revolutiönchen blamiert! Die ganzen Rheinlande, nein, die ganze Welt
lachte die ja aus! Unendliche Karikaturen auf die ›Preußenfresser in
Köln‹ wurden in Düsseldorf gezeichnet.
Aber es kam ein Tag, an dem die beiden Nebenbuhlerinnen die Köpfe
zusammensteckten und einig waren in Schreck und Empörung: Robert Blum
zu Wien erschossen! Die Stadt Köln erinnerte sich plötzlich ihres
›Köllsche Jong‹, und die Nachbarin Düsseldorf fühlte sich mit in die
Seele getroffen. Ein rheinischer Landsmann ruchlos ermordet!
Von Hand zu Hand wanderte das Zeitungsblatt mit Blums letzten Worten:
›Ich sterbe für die Freiheit, möge das Vaterland meiner eingedenk
sein.‹
Heiße Thränen flossen, als der Abschiedsbrief an seine Gattin bekannt
gemacht wurde:
›Mein teures, gutes, liebes Weib, leb wohl!‹
Tausend Fäuste ballten sich im Grimm.
Eine Riesenparade der ganzen Bürgerwehrlegion fand statt, vom Balkon
des Rathauses herab sprach der Chef begeisterte und begeisternde Worte.
Mit erhobenem Schwurfinger und mit Waffengeklirr gelobte man heilig:
›Gut und Blut für die Freiheit!‹
Wie ein Fieber ergriff es die Bürgerschaft. ›Genug des Druckes! Weg mit
den Steuern!‹ gellte es in Fanfaren durch die Stadt.
Scheelen Auges sah man Scharen eingezogener Rekruten in die Kaserne
marschieren – noch mehr unnütze Brotfresser! Es verbesserte die
Gereiztheit nicht, daß die neuen Soldaten großspurig lärmten und sangen.
Das wurde eine wilde Nacht. Katzenmusiken wurden gebracht, höhnende
Ständchen vor den Fenstern verhaßter Persönlichkeiten, Scheiben
eingeworfen, Hausthüren besudelt, greuliche Schreie ausgestoßen,
Schüsse abgegeben, Polizisten geprügelt.
Am Morgen des 22. November erklärte der Divisionskommandeur den
Belagerungszustand.
Lange hatte Feldwebel Rinke sich nicht so gefreut, als da die
Infanterie ausrückte, die öffentlichen Plätze zu besetzen. Artillerie
bepflanzte den Hofgarten mit Piketts und Geschützen, Kavallerie
schwenkte auf den Straßen hin und her und spornte die Pferde in die
aufkreischende Menge.
Das Herz wurde Rinke ordentlich leicht, als er den Leutnant von
Clermont einer Rotte Ruhe gebieten sah, die durch ungebürliches
Betragen die Verlesung der ›Proklamation über eingetretenen
Belagerungszustand‹ störte. Wie dem jungen Offizier die Augen blitzten!
Den Degen hatte er blank gezogen, der Zorn grub eine Falte in seine
weiße Stirn. Ha, wenn so einer Preußen schützte, dann konnte das nicht
verloren gehen! –
Seit Josefine fort und in Sicherheit war, fühlte sich Rinke mehr denn
je zum Sohn seines alten Hauptmanns hingezogen. Ihn deuchte, sie waren
die beiden einzigen in der Kaserne, die die Schmach der Zeit so ganz
empfanden; wenn die andern auch schimpften – grob am runden Stammtisch,
formvoller im Offizierskasino – wurmte die’s denn so tief innen?! Ach,
nur ihnen beiden zehrte es am Mark! Der Feldwebel fand die Sehnsucht
seines Lebens wieder in dem jungen Offizier.
Auch Viktor von Clermont sehnte sich nach Bethätigung. Er meldete
sich freiwillig zur öfteren Anführung der Patrouillen, die Tag und
Nacht die Stadt durchstreiften. Seine Jugend entbehrte jetzt gern des
Schlafs. Es machte ihm einen Hauptspaß, mit seinen scharfbewaffneten
Leuten nächtlicherweile durch die dunklen Straßen zu tappen und nach
Verbotenem zu spüren. War’s denn erlaubt, nach zehn Uhr noch das
Wirtshaus offen zu halten?! Die Thür war zwar verschlossen, aber daß
innen noch Gäste saßen, merkte man an dem Lichtschein, der durch die
Spalten der Läden fiel, und an dem dumpfen Stimmengemurmel, das zu
erlauschen war.
Hei, dann mit dem Gewehrkolben gegen die Thür gerannt und gegen die
Läden gedonnert, daß sie sich aus den Angeln lösten! Eine grimme
Lust überkam den Leutnant beim aufstöbern der Rebellen; konnte er es
seinen Soldaten verdenken, die jetzt für so viele erlittene Verhöhnung
Revanche nahmen?! Mancher Bürger, der bei der herrschenden Unsicherheit
nur wagte über die Straße zu gehen mit einer Pistole in der
Brusttasche, wurde aufgegriffen und, trotz Ausweis und Beglaubigung,
auf die Wache verschleppt; mochte er die Nacht auf der Pritsche sitzen!
Die Bürgerwehr wurde aufgelöst.
In eiserner Strenge neigte sich das Jahr 1848 seinem Ende. Selbst der
alte St. Nikola-Markt, der Naschmarkt für die Kinder, war verboten; nur
vor dem Polizeigebäude durften ein paar Lebkuchenbuden stehen.
Aber Düsseldorf revoltierte nicht mehr. Es war ruhig geworden.
* * * * *
Feldwebel Rinke war wenigstens befriedigt, wenn er seiner Tochter
gedachte. Er hatte letzthin von ihr einen Neujahrswunsch bekommen und
die erfreuliche Nachricht, daß sie ein gutes Weihnachtsfest verlebt.
Auch Conradi hatte geschrieben; ob der sehr vergnügt war, konnte man
freilich nicht wissen, er ließ sich nie so recht aus, aber fast in
jeder Zeile kam ›meine Frau‹ vor.
›Meine Frau hat mir drei bunte Taschentücher gesäumt. Meine Frau hat
mir zu Christabend ein Hemd selbst genäht. Meine Frau hat mir einen
Korb Äpfel geschenkt von dem jungen Baum in unserm Gärtchen, sie
hat sie sich heimlich am Mund abgespart. Meine Frau hat auch Blatz
gebacken.‹
Rinke stieß einen erleichterten Seufzer aus – ja, die waren glücklich!
Aber daß sie einmal über Sonntag kommen wollten, sich den Eltern in
ihrem Glück zu präsentieren, davon schrieben sie noch immer nichts. Na,
man durfte nicht egoistisch sein, die waren sich eben vor der Hand noch
genug!
Frau Trina konnte freilich ihre Neugier kaum bezähmen. »Wenn’t mer nit
eso ekelig wär’, mit der Eisenbahn zu fahren, dann thät ich als janz
jern emal hinreisen,« sagte sie zu ihrem Mann. »Et Fina kann am End’
jetzt nit jut kommen, denn« – sie zwinkerte ihm zu.
Er verstand sie nicht. »Wieso denn?« fragte er.
»No, Rinke!« Jetzt stieß sie ihn ordentlich vorwurfsvoll an. »Haste
dann alles verjessen? Wie war et dann bei uns? Keine zwei Monat waren
mir verheirat’!«
»So, so,« sagte er, und es flog wie eine Ahnung seltener Freude über
sein Gesicht. »Meinste wirklich?«
»Mer denkt doch,« sagte sie. Er nickte dazu: ja, das hatte er immer
gedacht, die Josefine würde Preußen wackere Soldaten schenken!
Tüchtiges Mädel!
Seine eignen beiden Jüngsten sollten nun auch bald zum Militär, waren
ja derbe, rotbackige Bengels. Er hatte schon eine Eingabe gemacht für
ihre Aufnahme zum 1. April in die Militärerziehungsanstalt zu Annaburg.
»So weit weg,« klagte die Mutter, »och Jott, och Jott, die armen
Jüngeskes!« Aber sie sah es doch ein, die Jungens waren zu wild zu
Haus, tanzten ihr, war der Vater nicht in Sicht, auf der Nase herum,
und sie hatte eigentlich, seit Josefine fort war, keine ruhige Stunde
mehr. Nun würde das besser werden. Der Friedrich, der krumme Beine
hatte und somit nicht zum Militär taugte, war seit Michaeli bei einem
Schlosser in der Lehre, das dauerte noch lange, bis der auf die
Wanderschaft ging; und dann blieb ihr ja doch immer der Wilhelm!
Der Mutter Gesicht verklärte sich, wenn sie an den dachte.
Wie flott war er geworden! Rotseidene Tuchzipfel ließ er unter’m
umgeschlagenen Hemdkragen flattern, sobald er sich staats machte. Und
schlau war er! Frau Trina lachte von Herzen darüber, wie er dem Verbot
ein Schnippchen zu schlagen wußte: bis weit über die Polizeistunde
hinaus saßen die Gäste im ›Bunten Vogel‹ zusammen. Hinter die
geschlossenen Läden hatte der Pfiffikus dicke Matten gestopft, kein
Lichtstrahl kam so durch, kein Stimmenlaut drang so hinaus auf die
Gasse; dunkel und still lag der ›Bunte Vogel‹, wie in harmlos ruhigem
Schlaf.
Ende Januar war zwar der Belagerungszustand der Stadt aufgehoben
worden, gewisse Beschränkungen existierten aber immer noch, und die
würden auch nicht aufhören, solange der Polizei-Inspektor von Faldern
seine Spürnase überall hinstecken durfte. Der war tüchtig verhaßt;
nicht allein, daß er Verhaftungen vornehmen ließ und die Ausweisung von
mancherlei Personen veranlaßte, er hielt es auch für nötig, alle paar
Tage Militär zu requirieren. Jeder Bürger war empört darüber.
Kein Wunder, daß so, als der von Freund und Feind geachtete General
von Drygalski – ›Bürger‹ von Drygalski, wie er sich selbst genannt –
abberufen wurde und schon wieder ein neuer Divisionär aufzog, auch
wieder neue Unruhen anhuben. –
Der Frühling kam, es dehnte sich, was im Winterschlaf gelegen; es
reckte sich und streckte sich, und wo es an hemmende Schranken stieß,
klopfte es an mit Macht. Erste Knospen sprengten ihre Hüllen über nacht.
Regenschauer des April wechselten mit warmem Sonnenschein, auf und
nieder auch schwankten Gerüchte.
Im Bergischen Land stöberte der Frühlingswind ganz besonders stark.
Fabrikschornsteine hörten auf zu rauchen, Arbeiter revoltierten und
drohten die neuen Maschinen zu zerstören, die ihnen, ihrer Meinung
nach, das Brot verkürzten. Die Fabrikanten brachten ihre Familien in
Sicherheit in die großen Städte.
Die erste Nachtigall schluchzte im feuchtwarmen Hofgarten, als auch
Conradi seine junge Frau nach der Stadt schickte; in der Kaserne, bei
den Eltern, war sie sicher. Seine Pflichten als Gendarm hielten ihn
jetzt oft Tage und Nächte von Hause fern. Sein Häuschen lag außerhalb
des Ortes an der freien Landstraße; mehr als einmal schon hatten
Strolche der einsamen Frau einen Schreck eingejagt; und das mußte jetzt
vermieden werden.
Josefine hatte anfangs nichts von der Reise wissen wollen, mit
angstvoller Heftigkeit sich dagegen gesträubt – nein, nein, sie konnte
jetzt nicht fort, jetzt, wo die Hühner so brav Eier legten, wer sollte
die denn füttern? Wer sollte das schöne Ferkel versorgen, das er ihr
Weihnachten zum fettmachen geschenkt? Und wer sollte denn für ihn
selber kochen?!
Aber dann ergriff sie doch plötzlich eine Sehnsucht. Wenn sie die Augen
schloß, hörte sie die Ahornbäume rauschen, sah die Sonne rotgolden auf
den blinkenden Scheiben im Hof verglühen. Heim, heim!
Sie reiste. Sie konnte nicht still sitzen während der Stunde der
Eisenbahnfahrt; immer stand sie am Fenster. Ihr Herz klopfte
erwartungsvoll. Und wild schlug es, in einer unbezwinglichen Erregung,
als sie das schwere Kasernenthor öffnete, das sich ihr förmlich
entgegenstemmte. Sollte sie denn nicht hinein?! Sie stieß mit dem Fuß
gegen und half so der bebenden Hand.
Nun trat sie das spitze Pflaster des Steiges. Ah, hinter den kleinen
Fenstern der Blocks neugierige Gesichter! Sie kannte noch viele von
ihnen. Und Kartoffelsuppe mit Zwiebel hatte es heute mittag gegeben!
Sie atmete tief und zog den wohlbekannten Geruch ein. Ach, und das war
der Kasernenduft, der eigentümliche Duft nach Schimmel und Knaster,
der diesen Wänden so untilgbar anhaftete und den sie so lange, so ewig
lange entbehrt!
Die Spatzen schirpten, die Ahornbäume zeigten zarte Blätter, das
Küchenfenster der elterlichen Wohnung stand offen, wie eine Melodie
schwebte es von dort herunter zu ihr: ›Ich weiß nicht, was soll es
bedeuten, daß ich so traurig bin‹ – sie war wie berauscht vor Glück.
Nein, nicht Monate waren vergangen, nicht einmal Tage, sie war da, sie
war nie fortgewesen! Josefine – horch, rief da nicht jemand?! Mit einem
Zittern scheuer Wonne stürmte sie die Stiege hinan.
Sie hatte sich bei den Ihren nicht angemeldet; nun trat sie ein. Die
Eltern saßen beim Essen, ganz allein. Mit einem: »Nanu?« sprang der
Vater auf und schloß sie in die Arme.
Aber er freute sich doch nicht so, wie sie wohl erwartet hatte, er
schien sich gar nicht mehr so recht freuen zu können. Als sie sagte,
daß ihr Mann, für ihre Sicherheit besorgt, sie hierher geschickt,
preßte er ihr die Hand mit einem seltsam krampfhaften Druck. »Recht,
daß er dich geschickt hat. Nu kann’s losgehen!«
Frau Trina lachte: »Natürlich, der Rinke red’t von nix, als von
losjehen!« Aber dann seufzte sie: »Och Jott, och Jott, dat is als janz
schreckelich!«
Sie umhalste die Tochter mit großer Freude, es war ihr doch ein wenig
bang gewesen so allein; die beiden Jüngsten waren vor vier Wochen nach
Annaburg abgedampft. »Nu hab’ ich Ruh’,« klagte sie, »aber et is mich
doch eso unjewohnt, et is mich als janz einsam! Un der Rinke is immer
so verdrießlich!«
Josefine blickte den Vater an – ja, der sah grimmig aus, so recht
in sich verbissen. Mager war er geworden, hager sprang die Nase vor
zwischen den unruhig spähenden Augen.
»Jeht et dir nit jut, Vater?« fragte sie und legte die Hand auf seinen
Ärmel.
Er schüttelte sie unwirsch ab. »Dumme Fragerei! Wie soll’s einem gut
gehen, wenn die Kanaille frecher wird mit jedem Tag und man ihr keinen
Tritt geben darf! – Siehst auch nicht zum besten aus,« setzte er nach
einem prüfenden Blick hinzu.
»Mir jeht et sehr jut,« sagte die junge Frau leise und wurde brennend
rot dabei.
Die Mutter deutete sich das Erröten auf ihre Weise – no, die Tochter
würde sich ihr ja schon anvertrauen!– –
Wieder lag Josefine in ihrer Kammer, in ihrem schmalen Mädchenbett.
Fast zärtlich glätteten ihre Hände das Kissen – ach, das war heut so
verwühlt, sie konnte gar nicht schlafen.
Der Mond schien silberhell. Das Thürchen nach der Küche hatte sie
aufgelassen, der ganze Boden drinnen war wie beschüttet mit Glanz.
Sie konnte nicht widerstehen; rasch einen Rock überwerfend, schlüpfte
sie aus der dumpfen Kammer an’s offene Küchenfenster. Wie still lag
der Hof! Die Ahornbäume rührten sich nicht, jedes Ästchen stand
silberumwebt. In den Blocks waren alle Lämpchen erloschen, nur drüben
in der Offiziersstube brannte noch Licht.
Ob =er= noch da wohnte?!
Sie spähte lange hinüber – da – endlich – jetzt bewegte sich ein
Schatten hinter’m Fenster! Sie glaubte seine schlanke Gestalt zu
erkennen, und ein Schreck durchfuhr sie und zugleich eine Sehnsucht. Er
wohnte noch da! Ach, wenn sie ihn nur einmal noch sehen könnte! Ihre
Hände krampften sich ineinander – bloß einmal sehen!
Drüben erlosch das Licht.
Ihr wurde so heiß, so heiß, die schweren Zöpfe brannten sie im Nacken,
sie schüttelte sie lang herunter; weit beugte sie sich zum Fenster
heraus – ach, nur einmal sehen! Erinnerungen stürzten über sie her in
der schmeichelnden Frühlingsluft, Träume –
Es tappte unten; eine Patrouille schritt über den Hof, hinterher ein
schlanker Offizier. Das war =er=!
Zurückfahrend stieß sie an den Fensterriegel, daß es laut klirrte. Nun
hatte er sie doch gesehen!
Sie konnte sich nicht rühren, starr stand sie mit weitgeöffneten Augen.
Taghell war die Mondnacht.
Hatte er sie erkannt –?! Ja, ja!
Verstohlen sah er einmal zu ihr hinauf – und nun noch einmal! Und eh’
er das schwere Thor schloß, wandte er nicht noch einmal den Kopf?!
Viktor! Sie hatte es nicht gerufen, aber verlangend, bittend,
beschwörend streckte sie die Hände aus. Den da hatte sie ja so lieb
gehabt, den da liebte sie noch – jetzt wußte sie’s.
In leidenschaftlicher Wallung stürzten ihr Tränen aus den Augen.
Um ihr glühendes Gesicht strich der Nachtwind wie mit abkühlender
Mahnung; er raunte etwas, sie verstand es nicht. Sie wollte es nicht
verstehen.
Treue, Tapferkeit, Gehorsam, Pflichtgefühl und Ehre – nein, an gar
nichts mehr denken!
In einer heißen Freude glühte sie und schauerte doch – sie würde ihn
wiedersehen!
Und dann –?!
Mit einem Seufzer warf sie den Kopf in den Nacken und schloß
schwindelnd die Augen.