Ein andrer Schrei folgt: »Viktor!«

Aus dem dunkelsten Winkel der Wirtsstube ist eine Gestalt

hervorgestürzt, eine junge Frauensperson mit flatternden Haaren und

zerfetztem Rock; ihre Augen sind überweit aufgerissen, wie irr stieren

sie aus dem todblassen Gesicht. Die Arme abwehrend vorgestreckt, wirft

sie sich zum Schutz vor die Alte.

Und wieder gellt ihr Schrei, halb wahnsinnig vor Zorn, Empörung und

zitterndem Schmerz: »Viktor!«

* * * * *

Bis zum lichten Morgen hielten Soldaten die verlassene Barrikade

in der Ratingerstraße besetzt, mit ihren Schüssen die Bewohner der

verräterischen Straße in Schrecken erhaltend. Haus bei Haus war

durchsucht, der Flüchtling nicht gefunden worden. –

Die warme Frühsonne des 10. Mai schien auf das Düsseldorfer Rathaus;

übernächtig, fröstelnd, niederschlagen und ratlos, saß drinnen der

Gemeinderat: zwanzig Bürger waren tot, viele sistiert, unter den Toten

auch ein Mädchen! Man hatte die Leiche der unglücklichen Dienstmagd

samt den Scherben des Topfes, darinnen sie Milch geholt, den Herren

vor’s Rathaus gebracht. Viele weinten in nervösem Schreck. Auch

Soldaten sollten gefallen fein.

Überall traurige Spuren des Kampfes; zerstampfte Erde, aufgewühltes

Pflaster, Reste von Barrikaden. In der Kommunikation ein von

Kartätschenkugeln demoliertes Haus, auf dem Friedrichsplatz ein

Pferdekadaver. Überall bleiche Gesichter, verstörte Blicke. Auch die

hell aufgegangene Sonne hatte sich bald verfinstert, wie eine Wolke von

Unglück hing’s über der Stadt.

Gegen zehn Uhr vormittags war es, als Rinke in die Kaserne

zurückkehrte, die Uniform zerrissen und besudelt, den Kopf mit einem

blutgetränkten Sacktuch umwunden. Er taumelte und hielt sich kaum auf

den Füßen; aber er war so lange bei den Kameraden geblieben trotz des

starken Blutverlustes und der tiefen, stundenlangen Ohnmacht, die ihn

nach dem Sturz von der Barrikade überkommen. Nur nicht nach Hause, nur

nicht allein sein! Er klammerte sich förmlich an die Kameraden an. Er

hatte treu bei seiner Kompagnie ausgehalten bis an’s Ende.

Ja, bis an’s Ende! Finster vor sich hinnickend, saß er jetzt auf

seinem Platz am Fenster. Der Exerzierplatz war leer, die Wohnung auch

– natürlich, die Käthe und die Josefine waren gleich am Morgen in den

›Bunten Vogel‹ gelaufen.

Da kamen sie noch lange nicht zurück!

Er zürnte heute nicht mehr darüber, wie früher wohl; ein wehmütig

resignierter Zug glitt über sein Gesicht. Dann stand er auf und ging

schwankend, sich längs der Wand weitertastend, zum Tisch.

Alles weg – was sollte er noch hier?! Das Höchste weg – er hatte es

verloren. Verloren! Stöhnend lehnte er sich gegen den Tisch. Wie hatte

er einst geschworen zu Gott dem Allwissenden und Allmächtigen?! – – – –

›Daß ich Seiner Majestät dem König von Preußen, meinem allergnädigsten

Landesherrn, zu Land und zu Wasser, in Kriegs- und Friedenszeiten, an

welchen Orten es immer sei, getreu und redlich dienen, Allerhöchstdero

Nutzen und Bestes befördern, Schaden und Nachteil aber abwenden,

die mir erteilten Vorschriften und Befehle genau befolgen, mich so

verhalten will, wie es einem rechtschaffnen, unverzagten, pflicht- und

ehrliebenden Soldaten eignet und gebührt – – –‹

Die Lippen zitternd bewegend, hatte er’s gemurmelt. Bei dem Wort

›ehrliebend‹ zuckte er, ein Ausdruck tiefsten Schmerzes krampfte sein

Gesicht zusammen. Mit einem unartikulierten Laut die Hand zum Kopf

hebend, riß er die Binde ab – mochte sein Blut hinfließen, was lag

daran?! Er hatte die Ehre verloren, seine Ehre! Wo war sie? Ganz am

Boden, unter der Barrikade, da lag sie, zertreten.

Was hatte er gethan?!

Er war ausgezogen gegen die verfluchten Rebellen – hatte er nicht

geschworen, die zu vernichten, die seinem König Schaden und Nachteil

brachten? Erbarmen war ihm dabei nicht aufgedämmert, für keiner Mutter

Sohn, und nun, da der Bengel vor seiner Pistole stand, der Halunke,

das räudige Schaf, war ihm eine Angst angekommen um dessen elendes

Leben. Wie der Schuß knallte, der den andern Rebellen, jenen jungen

Burschen nebenan traf! Dieser mörderische Schuß hätte auch seinen Sohn

treffen können! ›Vater‹ –! hatte der gerufen. Da hatte seine Hand die

Pistole sinken lassen.

Und nachher, war ihm nicht eine tödliche Furcht durch die Seele

geschlichen, als die Kameraden die Ratingerstraße absuchten, Haus für

Haus? Gott sei Dank, sie hatten ihn nicht gefunden! Er war entflohen.

Aber wenn der Sohn auch geflohen war, wurde der Vater das Bild darum

los? Der Sohn auf den Barrikaden, unter der blutroten Fahne, die Hand

frech erhoben gegen die von Gott gesetzte Obrigkeit! Und wenn es auch

niemand wüßte – mit einem dumpfen Stöhnen griff der Feldwebel an die

Stirn, über die schwer ein Blutstropfen nach dem andern aus der noch

frischen Wunde sickerte – du selbst weißt es doch! Du wirst es sehen

bis an’s Ende deiner Tage! Du bist der Vater eines Rebellen, eines

Königsverräters! Du hast nicht Ehre mehr, des Königs Rock zu tragen –

leg ihn ab, leg ihn ab! Geh’ und schäm’ dich bis an das Ende deiner

Tage!

Das war ein Kampf, der in ihm wühlte, hart und schwer. Sein Sohn auf

den Barrikaden, der Sohn eines altgedienten preußischen Soldaten – war

das nicht eine Schande für’s ganze Heer, eine Schande für Preußen?!

Er stöhnte auf: »Preußen, mein Preußen!« Der Junge ein Verbrecher,

gemeiner als ein Dieb, und er, er selber, der Mitschuldige! Mit

Fingern würden sie auf ihn weisen: ›Seht, da schleicht der Vater von

dem Schuft, von dem Halunken, muß seinen Sohn gut erzogen haben, daß

der so feine Wege geht! Wird am Alten selber auch nichts sein! Reißt

ihm das Ehrenzeichen ab – was hat das auf seiner Brust zu suchen? Zieht

ihm den Rock herunter, er ist des nicht wert – schnell, schnell, was

zögert ihr noch?!‹

»Nein!« Er schrie es laut heraus und packte mit beiden Händen den Rock

über der Brust, eine flammende Röte schlug ihm in’s Gesicht. »Meinen

Rock, den trag’ ich – bis an’s Ende! So wahr mir Gott helfe durch Jesum

Christum zur Seligkeit!«

Tief neigte er den Kopf. Schweiß trat ihm auf die Stirn und rann ihm

reichlich an den mageren Wangen herunter. So stand er lange, wie

zusammengeknickt, die Hände in den Rock gekrampft, und rührte sich

nicht. Still war’s um ihn, kein Mäuschen knusperte, kein Holzwurm

schrabte, kein Vogel schirpte vor dem Fenster, keine Stimme des Lebens

rief.

Da – horch! Jetzt ein Signal! Hell lockte es durch die Stille. Das rief

zum Appell!

Da richtete er sich auf. Er stand kerzengerade, stramm: das hörte er

nun zum letzten Mal und in Ehren! – –

Er war ruhig geworden. Gelassen zog er die Schublade des Tisches auf

und suchte darin. Allerlei Kram war da zu finden: Lichtstümpfchen und

Brotkrumen, Zeitungsblätter und Frau Trinas Strickzeug, Flicken und

Wollreste, eine Griffelbüchse, eine zerbrochene Schiefertafel und ein

Schulheft der Kinder. Ein altes Schönschreibeheft. Der Lehrer hatte

vorgeschrieben: ›Was ein Häkchen werden will, krümmt sich bei Zeiten‹ –

›Wer sein Kind lieb hat, der züchtigt es‹ – ›Ehrlich währt am längsten‹

und dergleichen Weisheit mehr. Und die ungeübte Kinderhand hatte sich

gemüht, die schön geschwungenen Buchstaben nachzumalen.

Ehrlich – ehrlich! Der Feldwebel blätterte langsam das ganze Heft

durch. Da war noch eine leere Seite. Sorgfältig löste er sie heraus,

und dann suchte er nach einem Bleistift. Alles übrige wieder ordentlich

zurechtlegend, schob er die Schublade zu.

Mit fester Hand, gleichsam die Kalligraphie des Lehrers nachahmend,

schrieb er etwas auf das weiße Blatt. Nur wenige Worte, einen einzigen

kurzen Satz; aber klar und deutlich stand da, schön wie eine Vorschrift:

=Über alles die Ehre!=

So. Das konnten sie gut lesen!

Mitten auf den Tisch legte er den Zettel und den Bleistift zum

beschweren quer darüber.

Keine Muskel zuckte in seinem Gesicht, ehern war’s wie vor der Front,

als er seine Pistole aus dem Lederfutteral nahm. Die Pistole war

beschmutzt. Er ging und wusch sie und rieb sie mit dem Putzlappen

glänzend; blank sollte sie sein. Sorgfältig prüfte er sie – seine Hand

zitterte nicht – und dann lud er.

Noch einen Blick warf er hinaus auf den weiten Exerzierplatz, den keine

Sonne erhellte. Einen Blick auch nach dem Sitz am Fenster, wo er die

kleine Josefine die ersten Kommandos gelehrt, dann ging er ruhigen

Schrittes nebenan in die Schlafkammer. Die Thür klinkte er hinter sich

zu.

* * * * *

Ein scheues Flüstern ging durch die Kaserne, ein zittrig-banges Atmen:

Feldwebel Rinke war tot! Er hatte sich erschossen – mit seiner Pistole

in die Schläfe. Wenn auch der Hauptmann zu entschuldigen versuchte:

die unglückselige That sei wohl infolge der Kopfwunde, in einem

Fieberanfall, in einer Anwandlung von Geistesumnachtung geschehen –

das glaubte doch keiner. Ein Gerücht ging von Mund zu Mund: Auf den

Barrikaden hatte der Feldwebel den eignen Sohn getroffen unter der

roten Fahne, und der hatte die Hand erhoben wider den Vater, ihn

niedergeschmettert mit einem Stein. Ja, ja, der Rinke war immer zu

streng gegen seinen Jungen gewesen! Er war überhaupt zu streng gewesen,

aber – Friede seiner Asche – ein armer Kerl war er doch, der Feldwebel!

Das volle Mitleid gehörte den Weibern, der Frau und der schönen Fina.

Bis weit auf den Platz hinaus hatte man den Schrei gehört, den die

beiden ausgestoßen, als sie, um Mittag nach Haus kommend, den Toten

fanden. Auf dem Bett hatte er gelegen, als ob er schliefe, noch in der

Uniform.

Da lag er auch jetzt noch. Frau Trina durfte ihn nicht rühren, so hatte

sie ihm nur ein Taschentuch über den Kopf gedeckt; und die Großmutter,

die vom ›Bunten Vogel‹ herbeigewankt war, hatte drei Lichter

angesteckt, die flackerten zu Häupten des Bettes: – ›Jesus, Maria,

Josef, euch schenk ich seine Seele!‹

Es ging auf den Abend. Bald würde Conradi hier sein. Ach, wenn nur auch

der Wilhelm käme! Wo war der?!

Das Herz der Mutter klopfte ängstlich. Ach, ihr hatte ja Unheil

geschwant, gestern abend schon und die ganze letzte Nacht, die sie

allein unter Seufzen und Thränen verbracht, während die Stadt in

Aufruhr. Was war nur mit dem Wilhelm passiert?! Niemand gab ihr

Bescheid; man zuckte verlegen die Achseln, man sah sie so scheu an,

man flüsterte verlegen hinter ihrem Rücken. Was war geschehen?! War’s

nicht genug, daß der Rinke ihr das angethan?! Sollte noch mehr Unglück

kommen?!

Weinend warf sich Frau Trina vor ihrem Weihwasserkesselchen nieder,

hinter dem noch geweihter Palm steckte vom letzten Osterfest her. Sie

betete für die in Sünden abgefahrene Seele des Gatten, und sie betete

in ungewisser Angst für den Sohn. Die Großmutter kniete neben ihr; so

beteten sie miteinander, Stunde um Stunde:

›Herr, erbarme dich seiner!

Christus, erbarme dich seiner!

Heilige Maria, bitte für uns!‹

Im Nebenzimmer, allein, war Josefine. Sie kauerte auf dem Schemel in

der Fensternische, die Arme um die hochgezogenen Kniee geschlungen, den

Kopf tief gebeugt.

Sie mochte nicht hineingehen dort in die Kammer – da lag er, tot, tot!

Ihr grauste vor dem Vater. Sie konnte ihn nicht ansehen in seiner

Uniform, die von Blut befleckt war – war es sein eignes Blut, war es

das Blut wehrloser Bürger?!

Schaudernd schüttelte sie sich in einem Entsetzen, das sie nicht mehr

verließ seit der vergangenen Nacht. Ach, das war ja nicht ihr lieber

Vater, der da drinnen lag; das war ein fremder Soldat! Der hatte

gewütet wie die andern – ein Preuße, ein Preuße!

Mit einem Angstschrei sprang sie auf und streckte abwehrend die Hände

von sich in einem wilden Grauen: der alte Mann mit den Broten – zu

schrecklich, zu schrecklich – nein, den vergaß sie nie!

Die Großmutter öffnete spaltbreit die Kammerthür und streckte den Kopf

in die Stube. »Komm, Finchen,« flüsterte sie fast vorwurfsvoll, »komm

doch ens bei dein Vater!«

»Ich kann nit!« Wimmernd sank Josefine auf ihren Sitz zurück und

verbarg das Gesicht in den Händen. Nein, sie wollte ihn nicht sehen!

Und doch stieß es sie vorwärts – es war ja doch ihr Vater, der sie

geliebt ihr ganzes Leben! »Vater, Vater, verzeih mir, ich kann nit, ich

kann nit!«

Ein beständiges Zittern befiel sie. Heiß brannte es in ihrer Brust

– ungeweinte Thränen – wo war Trost?! Wie sie die beiden da innen

beneidete, denn die konnten beten und weinen! Kein Tropfen löste sich

aus ihren Augen, trocken glühten sie in den Höhlen und schmerzten, und

das Herz lag in der Brust wie ein Stein.

Wenn nur erst Conradi da wäre! Eine leise Sehnsucht begann sich in ihr

zu regen. Der war so ruhig; der würde ihr die Hände streicheln und

über’s Haar: ›Armes Finchen!‹ Ach ja, der war gut! Nur weinen! Wenn sie

nur wenigstens weinen könnte!

Sie schreckte zusammen – hatte es nicht leise geklopft?! Behutsam wurde

jetzt die Thür geöffnet. Scheu duckte sie sich in ihrer Ecke zusammen,

ohne Laut, ganz entsetzt – da kam =der= – =der= –!

Leutnant von Clermont war eingetreten. Er bemerkte Josefine nicht.

Blaß, die Augen auf den Boden geheftet, schritt er durch die Stube zur

Kammerthür. Er trug einen kleinen Kranz.

Mit weiten Augen starrte sie ihm nach – nun war er hineingegangen!

Endlose Minuten verstrichen. Sie hörte die Mutter sprechen und dann

schluchzen, und dann ward alles still. Seine Stimme hörte sie nicht.

Warum blieb er so lang, was hatte er da drinnen zu suchen?!

Wider Willen stand sie auf und näherte sich der nur angelehnten Thür.

Sie drückte sich durch den Spalt. Niemand gewahrte sie, Mutter und

Großmutter beteten still. Am Bett stand =er=. Seinen Kranz – waren’s

Lorbeern? – hatte er über den Pfosten gehängt; ohne sich zu rühren

verharrte er und blickte starr auf den Toten.

Ob er ihr Auge fühlte? Jetzt schaute er verstört auf. Noch einen

stummen Gruß dem Kameraden, dann wendete er sich zur Thür. Im

Vorüberschreiten hielt er ihr wortlos die Hand hin, aber heftig stieß

sie die von sich. Mit einer wilden Gebärde des Abscheus drehte sie ihm

den Rücken. Da ging er.

In einer wahnsinnigen Verzweiflung rang sie die Hände. Nur beten!

Wenn sie jetzt nur beten könnte! Ihr wirrer Blick fiel auf Mutter und

Großmutter – o, die fanden Trost! Trost – Trost – Trost!

Und Josefine stürzte auf die Kniee und bekreuzte sich wie jene und hob

die Hände und stammelte nach in inbrünstigem Flehen:

»Herr, erbarme dich unser!

Christus erbarme dich unser!

Heilige Maria, bitte für uns!

Du Trost der Elenden,

Du Stärke der Schwachen

In unsern Trübsalen,

In unsern Anfechtungen,

In unsern Kämpfen, – bitte für mich!«

* * * * *

Die Trauerparade marschierte nicht vor dem Leichenwagen, die Hoboisten

bliesen nicht den Totenmarsch, die Tambours schlugen nicht gedämpfte

Trommel, keiner trug’s Ehrenzeichen auf dem Kissen voran – Feldwebel

Rinke wurde in aller Stille zur letzten Stätte geführt, im frühesten

Morgengrauen, eh’ noch die Stadt erwachte.

Düsseldorf lag wie in Grabesruh’; alle Fensteraugen fest geschlossen,

alle Hausthüren verriegelt, niemand zeigte sich neugierig beim Rumpeln

des Karrens. Ein trauriges, trübes Licht glomm über den Dächern.

Lang hing das schwarze Bahrtuch und versteckte ganz den schlichten,

tannenen Sarg und die paar schüchternen Kränze.

Conradi hatte sich neben den Kutscher gesetzt; am Hofgarten schwangen

sich noch ein paar, von der Kompagnie zum Begräbnis Kommandierte hinten

auf. In rascher Fahrt erreichte man den Kirchhof, weit draußen am Rhein.

Es ging alles rasch, mit militärischer Schnelle. Die Soldaten halfen

dem Totengräber zuschaufeln. Nebel brauten noch dick über’m Rhein, Tau

fiel noch reichlich, im Rosengebüsch piepten noch verschlafene Vögel im

ersten Erwachen, da war schon alles vorüber. Fröstelnd verließen die

Soldaten den Kirchhof.

Nur Conradi stand noch allein am Grab. Das lag an einsamer Stelle, weit

rechts ab von dem großen Mittelkreuz und allen reichen Monumenten des

Friedhofs – nur wenige ungepflegte Hügel in der Nähe.

Der Sergeant war in bester Montur, das konnte ihm niemand wehren; sehr

blaß leuchtete sein betrübtes Gesicht über dem Uniformkragen. Seine

Lider waren schwer vom entbehrten Schlaf; hatte er es sich doch nicht

nehmen lassen, dem toten Kameraden die Wacht zu halten die ganze letzte

Nacht.

Traurig sah er sich um – niemand da zur letzten Ehre!

›Helm ab zum Gebet!‹ – niemand kommandiert es, und doch ruft es laut

durch die große Stille, vom sich rötenden Himmel herab auf die graue

Erde. Vom breitflutenden Rhein kommt’s wie Posaunenstoß, majestätisch

befehlend: ›Helm ab zum Gebet!‹ Mit Orgelton braust der Morgenwind den

Choral in den Wipfeln der Bäume.

Conradi nahm den Helm ab, seine weißbehandschuhten Hände falteten

sich über der blanken Spitze. Langsam und feierlich, den Blick

geradeaus gerichtet, daß die Thränen nicht rollten, sprach er laut gen

Sonnenaufgang:

»Jesus meine Zuversicht

Und mein Heiland ist im Leben;

Dieses weiß ich, sollt’ ich nicht

Darum mich zufrieden geben?

Was die lange Todesnacht

Mir auch für Gedanken macht!«

Die Wacht am Rhein · 第 48 / 74 题