Als Frau Josefine Cordula nach fünf Uhr durch die Ratingerstraße wieder
zurückkam, war sie ganz außer Atem; sie hatte sich sehr geeilt und war
doch fast an zwei Stunden fortgeblieben. Nun fiel es ihr plötzlich
ein, daß der Peter ja ganz allein zu Haus war. Denn die Kochfrau hatte
ihre Vorbereitungen unterbrochen und war mit ihr zugleich gegangen,
und der Wilhelm war schon am Vormittag fortgelaufen. No, sie gönnte
es dem Jungen ja! Der hatte jetzt so viele Freunde; und waren auch
mal ein paar Rauhbeine darunter, zu streng durfte man nicht urteilen,
Jugend ist noch kein Alter, und jung Bier muß ausgären. Bei ein paar
Rempeleien war der Wilhelm wohl dabei gewesen, aber er hatte sich
nicht selber an der Hauerei beteiligt – bewahre! Nur zugeguckt; die
Polizei hatte denn auch ein Einsehen gehabt und ihn nicht mit in’s
Speckkämmerchen gesperrt, als er sagte, er wäre der Enkel vom Bürger
Zillges in der Ratingerstraße.
Ja, ihr Peter, der war wohl angesehen! Noch so ein echter Düsseldorfer
Bürger aus der alten guten Zeit!
Ob er schon ungeduldig auf sie wartete? Ach, der schlief ja –
hoffentlich! Verlohnt hatte sich’s nicht einmal, daß sie gucken
gelaufen war – =so= sah ein König aus?! No ja, die Preußen – kein
bißchen vergnügt!
Je näher sie ihrem Hause kam, desto eiliger trippelte sie; nun hörte
sie einen Salutschuß, der galt dem Preußenkönig. Ob der Zillges den
auch hörte?! Dann würde er sich ärgern.
Sieh mal, da saß er noch immer im Lehnstuhl hinter’m Spiönchen! Sie
winkte und nickte. Er sah sie nicht.
»Zillges,« rief sie, als sie in den Flur trat, und: »Peter, Peterken,
ich bin als widder hie,« als sie in die große Wirtsstube kam.
»Zillges!«
Keine Antwort.
Plötzlich von einem Gefühl der Beklemmung befallen, sah sich die alte
Frau um: war jemand hier gewesen – ein Gast? – – Nein, kein Mensch!
Es war sehr still.
Die Eichenblätter und Dalien, die sie in einem Korb in die Ecke
gestellt, um nachher eine Guirlande für das morgende Fest zu winden,
dufteten stark und herb, wie fallendes Laub im Herbst.
Ein Frösteln lief der alten Frau über den Rücken, in der Kühle des
leeren Zimmers.
Schlief er so fest?! Den Atem anhaltend, drückte sie leise auf die
Thürklinke zum kleinen Comptörchen; die Thür knarrte und sang in den
Angeln. »Zillges! Peter –!«
Er hörte nichts.
Der alte Mann saß in seinem Lehnstuhl am Fenster, den Kopf auf die
Brust gesenkt, die Hände gefaltet.
* * * * *
Während der Königliche Gast in die Stadt eingezogen, war ein anderer
Gast in den ›Bunten Vogel‹ getreten. Auch ein König – der Tod. Peter
Zillges hatte ihn empfangen, als Freund.
Es gab kein lautes Wehklagen. Als Josefine, atemlos, als erste, in den
›Bunten Vogel‹ gerannt kam – Wilhelm hatte weinend die Trauerkunde in
die Kaserne getragen – fand sie die Großmutter oben in der Schlafkammer
neben dem Ehebett sitzen, darauf der tote Großvater lag. Ganz friedlich
ruhte dessen Gesicht im Flackerschein geweihter Kerzen; die sauberen
weißen Haare umgaben in einem noch vollen Kranz die Stirn, die ganz
glatt war, alle Falten und Schrumpeln wie weggewischt. Die Großmutter
hatte ihm ein Kruzifix auf die Brust gelegt und um die gefalteten
starren Hände den Rosenkranz geschlungen. Wie eine Wolke schwebte
Weihrauchduft im engen Stübchen.
Die alte Frau wand aus den Eichenblättern und Dalien eine Guirlande,
ihre Lippen murmelten Gebete. Als die Enkelin eintrat, sah sie auf und
nickte wehmütig:
»Die sollt’ für dich sein, Finken! Nu muß Zillges die kriegen!«
Und sie flocht emsig weiter.
Josefine kauerte sich ihr zu Füßen nieder; ein Schauer nach dem andern
überlief sie, sie hatte noch nie einen Toten gesehen. Eine Scheu packte
sie vor dem stillen, kalten Großvater, und ihr Herz klopfte heftig. Sie
begriff nicht, daß die Großmutter so gelassen war.
»Nu kann er nit mehr bei deiner Hochzeit sein,« flüsterte Frau Josefine
Cordula, »oh, un was hätt’ er sich doch jefreut! Jelt, Zillges?!«
Sie wandte sich ganz ihrem Toten zu, sanft faßte sie dessen Hand.
»Weißte noch, wie mir Hochzeit machten? Da flocht ich der Abend vorher
auch en Jirland, aber nur eine aus Palm, die Blümkes un de Myrtestock
hatt’ die fremde Einquartierung all ausjeruppt. Un de Hochzeitsabend
fingen de Franzosen an, auf de Stadt zu schießen, von de Kirchen wurd’
Sturm jeläut’, dat Kloster brannt’ un de Türm’ vom Schloß auch. Mit
Kanonen schossen se von der anner Seit’, aber mir krochen im Keller un
du hielt’st mer de Ohren zu. Un wir sind doch eso jlücklich jeworden,
jelt, Peter? Peterken!«
Josefines Herz krampfte sich zusammen – ach, die Großmutter, ja, die
Großmutter, die hatte ihren Hochzeiter geliebt! Brennende, unendliche
Thränen stürzten ihr aus den Augen; beide Hände vor’s Gesicht
schlagend, schluchzte sie krampfhaft.
»Wein’ nit eso, Kind,« flüsterte die Großmutter. »Finken, mußt nit e so
weinen – er schläft ja nur!« Und sich über den Gatten beugend, strich
sie ihm zärtlich links über die Wange und rechts über die Wange.
Und dann machte sie das Zeichen des Kreuzes über ihn und sich: »Jesus!
Maria! Josef! Euch schenk’ ich seine Seele! – Bis wir uns wiedersehn
in der ewigen Jlorie, Peterken, schlaf’ jut!«
* * * * *
Josefines Hochzeit fand statt am festgesetzten Termin, trotz des
Großvaters Tod. »Es ist jetzt ohnehin nicht an der Zeit, Freudenfeste
zu feiern,« hatte der Feldwebel finster gesagt.
Auch die Großmutter wollte keinen Aufschub, sie schickte die
Hochzeitskuchen in die Kaserne.
Nur eine stille Trauung fand statt, dann blieb die engste Familie noch
unter sich ein paar Stunden zusammen. Gegen abend aber kam doch noch
die Großmutter; seit langer, langer Zeit betrat sie zum erstenmal
wieder die Feldwebelwohnung, sehen wollte sie die Enkelin wenigstens an
ihrem Ehrentag.
Josefine hatte sich den Abschied leichter gedacht; nun konnte sie sich
auf einmal nicht trennen. Laut weinend küßte sie die Geschwister, die
Mutter, die Großmutter; am längsten hielt sie den Vater umklammert.
»Na, na,« tröstete der Feldwebel und klopfte ihr den blonden, zuckenden
Kopf, »gehst ja nu in dein Glück – Mädel, Kopf hoch!« Er bezwang den
eignen Trennungsschmerz – war seinem Kinde so das Loos nicht auf’s
lieblichste gefallen? »Na, na, wir sehen uns ja bald wieder!« Aber
als sie ihn nicht losließ, machte er sich frei; jetzt klang etwas wie
Strenge durch: »Mach nu ’n Ende! Wisch’ die Thränen ab – ’s ist an der
Zeit! Man los – voran, marsch!«
»Ja, komm, Finchen, komm,« drängte der junge Ehemann, »wir kriegen
sonst den Zug nicht mehr!« Und als sie noch immer ihr Gesicht weinend
verhüllte, nahm er ihre Hand in die seine und drückte die fest. »Du
sollst es auch in Vohwinkel gut haben, verlaß dich drauf! Komm,
Finchen, komm!«
Noch einen letzten schweren Blick ließ sie langsam über alles gleiten;
ihre Nasenflügel hoben sich zitternd, als müsse sie noch einmal voll
den Duft einziehn, den scharfen, eigentümlichen Kasernenduft. –
Die Sonne ging zur Rüste, als Conradi seine junge Frau über den Hof
führte. Die Wipfel der Ahornbäume rührten sich im Abendwind, um die
Stämme wob sich bereits leichter Dämmer. Rotgolden allein strahlte noch
drüben das Fenster der Offiziersstube; da weilte die Sonne am längsten.
Ganz langsam ging Josefine, Schritt für Schritt. Aber so sehr sie auch
zögerte, das Thor kam doch. Es that sich auf – sie schritt hindurch –
schwer fiel es wieder in’s Schloß.
Sie hatte die Kaserne verlassen.