Im Düsseldorfer Kreisblatt spukte die Freiheit:
›Sie sind längst dahingegangen, die vom deutschen Frühling sangen,
Und der Lenz der deutschen Freiheit, =endlich= hat er angefangen!
Seht, es knospet eine Rose aus der blutgetränkten Erde!
Eine Rose, nicht ein Veilchen, zeiget, daß es Frühling werde.‹
In schwarzer Umrahmung stand fettgedruckt:
#Berlins großen Toten!#
›Selig, die in Gott sterben! –
Opfernd euer =rotes= Blut, gingt ihr in den =schwarzen=
Tod für die =goldene= Freiheit!‹
Dem Theaterdirektor am Markt wurde öffentlich von vielen deutschen
Brüdern gedankt, daß er Schillers Wilhelm Tell zur Aufführung gebracht.
Die Bürgerwehr bezog fleißig ihre Standquartiere in den besten
Wirtschaften der Stadt.
Auch der ›Bunte Vogel‹ war von einer Kompagnie zum Sammelplatz
ausersehen; ihr Hauptmann war ein Maler.
Die Bürgerwehr hielt sich tüchtig dran, das mußte man ihr nachrühmen.
Der Chef des St. Sebastian-Schützenvereins war zum obersten
Befehlshaber gewählt, und der ließ marschieren und exerzieren, drüben
auf der andern Rheinseite in der Scheibenbahn schießen, hielt Paraden
ab und veranstaltete Sammlungen, um ärmere Mitglieder ordentlich
auszurüsten. Der Hofkappenmacher auf dem Stadtbrückchen lieferte die
Kappen, die Offiziere stolzierten mit Säbel und Schärpe. Die Stadt war
in guter Hut.
Daß die Bürgergarde nicht anwesend war, als eine Rotte Pöbel vor’m
Hotel zum ›Prinz von Preußen‹ schimpfte und johlte und die Fenster
einwarf, war eben nur ein unglücklicher Zufall.
Die resolute Hotelbesitzerin hatte sich aber auch ohne Bürgerwehr
zu helfen gewußt: sie hieß den Hausknecht eine Leiter anlegen, und
unter Beifallsjubel wurde das Schild, das den Namen des verhaßten
›Kartätschenprinzen‹ zeigte, heruntergeholt.
Alles trug die schwarz-rot-goldene Kokarde. Schwarz-rot-goldenes Band
war rar geworden; die Damen trugen es auf den Hüten, als Schleifen am
Busen, und die jungen Mädchen knüpften es um die Taille und ließen die
Enden flattern. Selbst die Kinder trugen etwas Schwarz-rot-goldenes.
Der Feldwebel fühlte jedesmal ein Jucken in der Hand, wenn er solchen
Rangen auf dem Schulweg begegnete. Seine eignen Buben hatten sich auch
Kokarden gekleistert aus buntem Glanzpapier, aber als er die an ihren
Mützen entdeckte, hatte er die Bengels verwichst, daß sie drei Tage
nicht sitzen konnten. – –
Der Frühling war mit Macht gekommen, schöner denn je blühten die
Kastanien drüben in der Allee. Sonst hatte sich Rinke gefreut, wenn die
erste Lerche am grünen Kanalrand aufstieg und hoch über’m Exerzierplatz
schmetterte – heuer nicht. Und er hätte doch froh sein können, seine
Josefine war ja Conradis verlobte Braut; im Sommer sollte die Hochzeit
sein. Seiner Tochter glanzlose Augen kümmerten ihn wenig. Ach was!
Die würde sich schon schicken; das machte ihm keine Sorge. Aber etwas
andres lastete auf ihm, quälte ihn: es war der stete Ärger über das,
was er in den Zeitungen las. Und doch konnte er es nicht lassen, sie
durchzustöbern. Ja, er hielt sich sogar, was er sonst als unerhörteste
Verschwendung weit von sich gewiesen, auch noch das Düsseldorfer
Kreisblatt, obgleich ihm die Gedichte, die ein gewisser Ferdinand
Freiligrath, der am Windschlag wohnte, darin veröffentlichte, zu
anstößig waren. Außerdem bat er, beim Leutnant von Clermont ab und zu
einen Blick in die Kreuzzeitung werfen zu dürfen.
Viktor von Clermont hatte jetzt keine Langweile mehr. Er lag nicht mehr
auf dem Sofa und ließ die Beine über die Lehne hängen, er lauerte auch
nicht mehr im Gang auf die Schritte Josefines, beobachtete nicht mehr
ihr Fenster – weit, weit, wie ein Frühlingstraum in rauhen Tagen, lag
jene goldene Zeit. All sein Denken gehörte der Politik.
Mit seinem Schwager hatte er ein paarmal schon heftige
Auseinandersetzungen gehabt; Herr vom Werth war ein blinder Bewunderer
des Königs. Er nannte dessen Nachgiebigkeit Seelengröße, die der
nicht nur erst jetzt, sondern auch früher schon gegen Andersgläubige
bewiesen habe. Viktor ärgerte sich – aha, da merkte man den
Rheinländer! Und ein Rheinländer – immer ein verkappter Katholik!
Viktor betrat kaum mehr das Haus seiner Schwester; wenn Cäcilie ihn
sehen wollte, mußte sie sich schon mit ihm im Hofgarten treffen, oder
einen Spaziergang auf der Allee verabreden. Dann machte es ihm wohl
Spaß, neben der eleganten Frau, die nach der Geburt eines prächtigen
Sohnes sich erst zu vollster Schönheit entfaltet hatte, herzugehen und
die bewundernden Blicke aufzufangen, die ihr galten. Aber eigentlich
langweilte er sich mit ihr; Weiber haben eben absolut kein Verständnis
für Politik. Selbst Josefine hatte keine Ahnung gehabt. Und doch, wenn
er in freien Momenten an die dachte, verlangte ihn nach ihr.
Das arme Ding! Wie mochte sie geweint haben, als sie ihm auf Befehl
des Vaters geschrieben: ›Aus muß es sein!‹ Sie hatte so unbeholfen
geschrieben und doch so rührend; Thränen waren auf’s Papier
geflossen, man sah die Spuren. Auch seine wenigen Geschenke hatte sie
zurückgeschickt: ein Armband von Rosenholzperlen, ein Muschelkästchen,
ein kleines Bild von ›Paul et Virginie‹. Nur das rote Büchelchen mit
den goldenen Passionsblumen bat sie, behalten zu dürfen: ›sie würde
darin lesen und seiner gedenken.‹
Fatal, daß der Alte dahinter gekommen war, höchst fatal!
Selbstverständlich mußte nun alles aus sein! Aber daß er, als Vater,
sich nicht persönlich in die Sache gemischt hatte, war einfach riesig
schneidig; der Kerl, der Feldwebel, hatte wahrhaftig Takt, wußte, was
ihm, einem Vorgesetzten gegenüber, zukam. Mit keinem Blick ließ er
ahnen, daß er um die Sache wußte, in respektvollster Haltung wie immer
stand er da.
Viktor begann eine Art dankbarer Zuneigung für den Untergebenen zu
empfinden, der ihm eine Beschämung erspart. Früher, mit dem Vater
der Geliebten, hatte er sich nie in eine Unterhaltung eingelassen,
jetzt sah man ihn öfter, nach dem Vorbild des Herrn Hauptmanns, mit
dem Feldwebel über den Kasernenhof pendeln. Da war so vieles, was sie
ähnlich empfanden; wenn sie auch nicht darüber sprachen, sie fühlten es
sich an. ›Noch einer vom alten Schrot und Korn,‹ dachte der Leutnant,
und in des Feldwebels trübes Auge kam ein Hoffnungsstrahl: In =dem=
würde Preußen auferstehn! –
Keine Melodie mehr wehte aus dem offenen Küchenfenster in die neu
grünenden Ahornbäume.
Der Frühling war geboren, aber das Lied war tot.
Jetzt klapperte Frau Trina in der Küche mit den Töpfen, nun, da die
Tochter sich die Aussteuer nähte.
Drinnen in der Stube saß Josefine auf dem Fenstertritt hinter den
Geraniumstöcken, tief über die Arbeit gebückt. Selten, daß sie den
Blick erhob und die Augen hinausschweifen ließ über den Platz, auf
dem die Mannschaften für die Frühjahrsbesichtigung übten. Wohl hatte
das Exerzieren seinen Reiz für sie noch nicht ganz verloren, aber
sie fürchtete, =ihn= vor der Front stehen zu sehen in seiner ganzen
Schlankheit; mit Scheu wendete sie rasch den Blick ab. Blaß wurde sie,
denn ihr Fleiß bannte sie immer in die Stube; die Mutter hatte ihr
gern eine Hilfe nehmen wollen – das bucklige Stinchen, die Näherin,
die so schöne Hemdenfältchen kratzte und die Priesen auf den Faden
aufsteppte, half allen Bürgerbräuten – aber Josefine wollte keine
Hilfe. Alles allein sticheln, das bringt Glück.
Ach, Glück –?! Sie hoffte doch darauf. Der Conradi war ja so gut, das
sagte sie sich alle Tage vor. Wenn sie nur erst fort wäre, weit weg!
Und sie, die nie für einen ganzen Tag die Kaserne verlassen, die noch
nie ihr Haupt wo anders zur Ruhe gelegt, als im Schutz dieser Mauern,
begann zu träumen von einer neuen Heimat, unbestimmte Träume, von denen
sie nicht wußte, ob sie angenehm waren oder traurig.
Fernab vom Leben des Tages lebte sie so in ihren Träumen; sie hörte
nicht die Glocken hallen, die die Totenfeier für die letzt im März zu
Berlin Gefallenen einläuteten.
In der Maxpfarre war ein Katafalk errichtet mit schwarzem Flor und
Lorbeeren. Frau Trina lief auch hin, und sie kam wieder mit geröteten
Augen – alle Welt hatte geschluchzt – und sie erzählte von Trauerfahnen
und Immortellenkränzen, vom Requiem, das der Hiller, der Musikdirektor,
aufgeführt, und von der ergreifenden Rede des Herren Pfarrer Schmitz.
Bis in die Kaserne hatten sich die Klänge des Trauermarsches verirrt,
den die Musik dem Bürgerzug aufspielte, der nach der Kirche wallte, die
für die Freiheit gefallenen Helden nachträglich noch einmal zu ehren.
Josefine hatte keinen Ton vernommen – was ging sie das alles an?! Sie
kümmerte nur das eigne Geschick.
Alle paar Wochen kam jetzt Conradi zu Besuch, oft einen ganzen Sonntag;
er hatte nun wieder freie Zeit. Aber er war kein lästiger Bräutigam;
ein Mensch von vielen Worten war er so wie so nicht. In seiner
Heimat, dem fernen Ostpreußen, waren ja die Leute an Kargheit gewöhnt
– kümmerliche Frühjahre, wie er sagte, und lange, schneevergrabene
Winter. Er war zufrieden, wenn Josefine ihn freundlich ansah und ihm
beim jedesmaligen Abschied einen Kuß schenkte; und das konnte sie doch
nicht anders, er hatte ihr ja nichts Böses gethan.
Selbst Frau Trina, die anfangs viel Lust bezeigt hatte, gegen den
Schwiegersohn zu rebellieren, – war er doch ein Reformierter, und die
sind noch ärgere Ketzer wie die Lutherschen, – wurde durch seine ruhige
Treuherzigkeit entwaffnet. Keine Uzerei verfing. Darin war er ganz
anders wie Rinke, er brauste nie auf.
»Dumm is de,« behauptete die Mutter, aber die Tochter schüttelte
den Kopf: nein, dumm war der nicht, hatte einen ganz nüchternen,
praktischen Verstand; freilich, so wie der Viktor – ach, wie der
Viktor! – so war er nicht!
Der Sommer war gekommen. Die Hochzeit rückte immer näher. Am letzten
heißen Julisonntag hielt der Garnisonprediger das erste Aufgebot.
Der Leutnant von Clermont hörte es, er war gerade zur Kirche
kommandiert. Von der Predigt hatte er nicht viel vernommen, seine
Gedanken waren abgeschweift; nun aber, da der bekannte, oft genannte
Name fiel – Josefine! – zuckte er zusammen. So bald schon heiratete
sie?!
Und sie stieg vor ihm auf in ihrer ganzen blonden Frische. Er hörte
wieder ihre volle Stimme, ihr heiteres Lachen. Am Fenster stand sie
und sang und schaute nach ihm aus, Liebe im Blick. Ja, =sie= hatte ihm
den Rhein lieb gemacht, vertraut die rheinische Stadt, – warm quoll
es wieder in ihm auf – er würde sie doch nie vergessen! Unlöslich
verknüpft blieb sie ihm mit Kindheitsfreuden, mit Jugendlust, sie war
eins mit dem Rhein, mit dem Rhein! –
* * * * *
Großmutter Zillges hatte es sich ausgebeten, im ›Bunten Vogel‹ sollte
die Hochzeit sein anstatt in der engen Kaserne. Der Feldwebel hatte
zwar erst heftig dagegen protestiert, aber es half ihm nichts, die
Weiber waren ihm über. Er ließ ihnen jetzt viel freie Hand, denn, war
es nicht kleinlich, daheim zu zanken, während außen so viel auf dem
Spiele stand?!
In Schleswig-Holstein wurden die Dänen besiegt; mit Neid und
Hohn zugleich waren Rinkes Blicke zur Zeit der kleinen Freischar
Düsseldorfer gefolgt, die, ihren Karnevalspräsidenten an der Spitze,
mit glühendem Enthusiasmus den ›Deutschen Brüdern‹ zu Hilfe geeilt war.
Haha, viel schlimmer als die Dänen waren andre Feinde, aber gegen die
zog niemand aus!
Wo war der Prinz von Preußen?! Weit in England – ›geflohen‹ sagten
welche. Verleumdung, elende! Nein, der wartete nur, bis seine Zeit kam.
Aber wann kam die, wann?!
Eine fieberhafte Sehnsucht glühte dem Soldaten im Blut; noch war er
nicht alt, und doch fühlte er sich schon so: müde und alt. Sollte er
denn in’s Grab steigen, ohne jemals gekämpft zu haben?! Liegen und
verwesen, ohne einmal gesiegt zu haben?! Wenn’s dem König, der jetzt
in Düsseldorf erwartet wurde auf seiner Reise zum Kölner Dombaufest,
doch nur einer sagen wollte, daß mit der Langmut nichts ausgerichtet
ist!
Die Stadt rüstete zum Empfang des königlichen Besuches. Aber längst
nicht alle Bürgergardisten wollten sich einreihen lassen in das
Spalier, das sich vom Köln-Mindner Bahnhof die Königsallee hinauf und
noch weiter ziehen sollte. Mochten sich da servile Fürstenknechte
drängen, =sie= waren freie Bürger! Und doch war die Neugier groß.
Aus den Dörfern und Fabrikorten der Umgegend, von diesseits und
jenseits des Rheins zogen Scharen schon am frühen Morgen des 14.
August in die Stadt. Die Schulen waren geschlossen, die Comptoire und
Kanzleien auch. Alles feierte. Der Männergesangverein allein plagte
sich noch mit üben; er sollte, während der König beim Prinzen im
Jägerhof das Diner einnahm, im Vorgemach singen.
Auch Frau Cordula im ›Bunten Vogel‹ stellte heute für ein paar Stunden
die Arbeit ein; sie war tüchtig am schaffen für die morgende Hochzeit
der Enkelin. Der Feldwebel hatte kurzerhand den 15. August dafür
festgesetzt, da der Bräutigam die Wohnung längst hergerichtet; viel
Wahl war für den Zeitpunkt auch weiter nicht, Conradi hatte wieder
strammen Dienst und konnte knapp für diesen einen Tag abkommen.
Josefine hatte keine Einwendungen gegen die Bestimmung des Vaters
gemacht, auch sie dachte: ›Wozu noch zaudern? Ob heute, ob morgen, nur
bald!‹
Es war der Großmutter gar nicht recht, daß die Hochzeitsfeier nur so
kurz sein würde – am selben Abend noch sollte das junge Paar nach
Vohwinkel fahren –, daran war niemand wie der Rinke, der knappe Preuße
schuld! Eine richtige rheinische Hochzeit dauerte doch mindestens ein
paar Tage: Wer sollte denn all das Leckers aufessen?! Unermüdlich war
die alte Frau hin und her getrippelt. Die Kuchen für die Nachbarn
standen schon parat; Wilhelm hatte bereits den lieben Nönnchen, für
ihre Kranken in der Gemeinde, ein paar extra gute Flaschen Wein
hingetragen. Die Kochfrau hatte schon die Braten gespickt, in dem
Keller schwamm im Zuber pläsierlich ein großer Fisch.
Wenn nur der Großvater frischer gewesen wäre! Der hatte eigentlich
für nichts mehr auf der Welt Sinn. Stunden und Stunden verschlief er.
Ungern ließ ihn sonst Frau Cordula selbst für ein Stündchen allein.
Aber heute, wo alles schon seit dem frühen Vormittag nach dem Bahnhof
und der Königsallee rannte, mußte sie doch auch gucken gehen. Nur ein
paar Augenblicke. Sie hatte noch nie einen leibhaftigen preußischen
König gesehen.
»Mutter, wohin jehste?« fragte Peter Zillges, der im Lehnstuhl im
Comptörchen döste und die Daumen umeinander drehte.
Als sie es ihm sagte, rief er ärgerlich, so laut er nur noch konnte:
»Wat will de Mann hie?! Mir sin Düsseldorfer Börjer!« Aber dann
vermischte sich in seinen Gedanken plötzlich dieser königliche Besuch
mit dem des großen Napoleon, und er fragte interessierter: »Dazumal
bauten se Ehrepooze, han se jetzt auch en Pooz jebaut?«
»Ich jonn ens kucke,« sagte Frau Josefine Cordula und lief eilig fort.
Sie sah nicht mehr, wie ihr alter Mann mit ungeahnter Kraft im
Lehnstuhl auffuhr und zornig die zitternde Faust ballte: »De soll uns
jewährde lasse!« Unruhig rollte Peter Zillges seine Augen umher, als
suche er wo einen Schlupfwinkel: »Ich – ich jonn em ja auch aus der
Weg!«
* * * * *
Am festlich geschmückten Bahnhof standen die Deputationen des
Gemeinderates, der Militär- und Civilbehörden. Soldaten waren
aufgepflanzt; auch Feldwebel Rinke stand dort in Paradeuniform. Ehern
erschien sein Gesicht wie immer, aber in dem etwas vorgestreckten Hals,
in dem krampfhaften Spiel der Finger an der Degenkoppel zeigte sich
seine große Erregung.
Mit glühendem Blick suchte er seinen König.
Als die Equipage des Prinzen Friedrich vorüberfuhr, zuckte er zusammen,
stier wurde sein Blick – =das, das= war der König?! In seinen Mantel
gehüllt, lehnte der hohe Gast in einer Ecke des Wagens.
Dem Feldwebel wollte das Herz brechen. Wo war der Glanz des jugendlich
schlanken Kronprinzen, dessen Augen von Geist und Leben gestrahlt
hatten?! Er konnte die Züge, denen er einst in der eignen Jugendzeit
zugejubelt, nicht wiederfinden; er wollte ›Hurra‹ schreien und brachte
es nicht heraus.
Das Hurra um ihn her war auch matt – oder deuchte es ihn nur so? Viel
Volks schwieg. Und die Sonne trübte ihren Schein, ein Wind machte sich
auf und jagte den Staub in die Augen.
Als Rinke die Lider wieder frei öffnen konnte, waren die schnellen
Räder längst verrollt. Aber eine unruhige Bewegung unter der Menge
erschreckte ihn. Das war ein scheues Raunen, ein Flüstern – hier –
dort – überall! Man wollte pfeifen gehört haben, man wollte wissen,
daß plötzlich, von ruchloser Hand geschleudert, Pferdekot in den Wagen
geflogen war und den Mantel des Königs gestreift hatte.