Da – wieder der gellende Knabenruf: »Se han jeladen!«

Hohngelächter. Und nun nachäffendes Geschrei:

»Stillgestanden – das Gewehrr über!«

Wiederum wieherndes Lachen aus hundert Kehlen. Aber auch andre Rufe

mischen sich ein; ein Trunkener flucht, ein Aufgeregter heult: »Se

schießen auf et Volk!«

»Wie in Berlin,« schreit ein andrer. Und: »Preußen weg, Platz for den

Bürjer!« tönt es vielstimmig.

Des Feldwebels Augen funkelten. Er hatte blank gezogen; eine grimmige

Lust kam ihn an, dem vordersten Schreier die flache Klinge auf dem

Buckel tanzen zu lassen. Sein braunes Gesicht war fahl geworden, die

Ader auf seiner Stirn dick geschwollen; er biß die Zähne zusammen,

krampfhaft umklammerte seine Rechte die Waffe.

Das dauerte so eine Ewigkeit.

»Preuß’, Preuß’, kß, kß, kß! Ach–tung! Präsentiert das – Gewährrr!

Bataillon marrrsch!«

Sie machten die Kommandos ganz gut nach, sie hatten sie oft genug vom

Exerzierplatz schallen gehört.

Rinke fühlte die Blicke seiner Mannschaft; die brannten vor gereizter

Ungeduld. Ein Wort, ein Kommando – es wäre eine Erlösung gewesen! Aber

fest preßte er die Lippen zusammen – Ruhe, Vorsicht, Mäßigung! Er hatte

keinen andern Befehl.

Regungslos stand er, wie aus Erz, keine Muskel zuckte, und doch lag

Verachtung in seiner Haltung; sie reizte.

Ein paar Fackeln waren aufgetaucht, nun zeigte sich der Platz in hin

und wieder huschendem Schein.

»Preußenkerl! Bluthund!«

Aus der hintersten Ecke kommt ein Stein geflogen, aus derselben

Richtung schwirrt drohendes Gemurr. Immer drohender wird es. Die

hintersten drängen die vordersten – immer näher rückt der Haufen, immer

näher.

Jetzt stehen sich die Parteien dicht gegenüber, Auge in Auge.

Schon wieder fliegt ein Stein – gut gezielt – polternd fällt er

zwischen die Gewehrstände.

Unwillkürlich packen die Soldaten ihre Waffe fester; des Feldwebels

Hand, die die blanke Klinge hält, zuckt.

Wütende Augenpaare glitzern sich an.

»Nicht mit Steinen schmeißen! Um Jottes willen, nicht schmeißen!«

Vom Rathaus her kommen ein paar Männer angestürzt, barhaupt, mit

flatternden Rockschößen. Angesehene Bürger sind es, ältere Leute. Sie

verteilen sich unter der Menge, und man hört ihre beschwichtigenden

Stimmen; sie ermahnen, sie bitten:

»Ruhe, um Jottes willen Ruhe!«

»De Preußen sollen sich scheren! Preußen, Schweinhunde, macht euch ab!«

Steine prasseln. Grell johlt der Pöbel auf.

Die Ruhestifter drängen sich durch; mit erhobenen Armen, wie zum

Schutz, schieben sie sich zwischen die Parteien: »Ruhe, Ruhe, sie jehn

ja schon! Der Befehl ist unterwegs – sie sollen abziehn – wartet nur!

Wartet!«

Langsam weicht die Menge zurück; aber sie bleibt noch, auf der andern

Seite des Platzes faßt sie Posto und wartet.

Wenig später erhält die Wache den Befehl: ›Abziehen! Zurück in die

Kaserne!‹ –

Das war ein schmachvoller Rückzug! Feldwebel Rinke glaubte nie eine

gleiche Demütigung erfahren zu haben; er wagte nicht aufzusehen,

finster bohrte sich sein Blick in’s Straßenpflaster. Wenn auch der

Pöbel, plötzlich vollständig zufriedengestellt durch den Abzug der

Soldaten, lautlos, ohne höhnenden Zuruf, die Truppe passieren ließ,

er glaubte doch den Spott zu fühlen. Aller Augen wähnte er auf sich

gerichtet. Er hatte es nicht Acht, daß die Ruhestörer andre Wege

einschlugen; die drängten in die Wirtshäuser, durchzogen Arm in Arm

die Gassen, ›des Deutschen Vaterland‹ singend. Viele Häuser zeigten

schwarz-rot-goldene Fähnchen, Bürger eilten nach dem Rathaus, um ihre

nur durch das Nachtessen unterbrochene Beratung über die dringend

notwendige Gründung einer Bürgerwehr fortzusetzen.

Als der Feldwebel die Mannschaft hatte abtreten lassen, torkelte er

einsam über den nächtlichen Kasernenhof. Alles drehte sich mit ihm,

er fühlte sich wie betrunken und hatte doch keinen Tropfen über die

Lippen gebracht. Gleich einem Fieberkranken flog ihm der Atem. Nur

einen Augenblick Rast – seine Füße wollten ihn nicht mehr tragen – und

dann noch einmal fort, zum Hauptmann! Er mußte den sprechen, und würde

es Mitternacht. Warum eigentlich? Das wußte er selber nicht, aber so

hielt er’s nicht aus; er mußte jemand ausschütten, was ihm das Herz

abdrückte, was ihn erfüllte ganz und gar mit Schmerz, Zorn, Empörung.

Ach, wäre nur erst der Prinz Wilhelm im Rheinland!

Einen sehnsüchtigen Seufzer stieß er aus. Sein Auge irrte zum Himmel

empor und suchte verlangend einen hellen Stern – er fand keinen.

Jetzt stürmte jemand durch die Finsternis an ihm vorbei, er kannte den

raschen, elastischen Tritt – der Leutnant!

»Feldwebel, sind Sie’s?« klang’s ihm durch die Nacht entgegen.

»Zu Befehl, Herr Leutnant!«

Viktor von Clermont blieb stehen. »Ist es wahr, die Wache ist

zurückgezogen worden?« stieß er heraus.

»Zu Befehl, Herr Leutnant!«

»Donner und Doria!« Weiter sagte der junge Offizier nichts, aber Rinke,

der in der Dunkelheit sein Gesicht nicht erkennen konnte, glaubte durch

den Ton zu sehen – dem da schlug auch die Röte der Scham, des Unwillens

in’s Gesicht!

»Haben Sie schon die neueste Post gehört?« fragte der Leutnant hastig.

Man merkte es ihm an, er konnte es nicht mehr bei sich behalten.

»Majestät hat die Truppen zurückziehen lassen – alle Truppen – da!« Er

riß ein Zeitungsblatt aus der Tasche. »Das Allerneueste aus Berlin! Und

die Proklamation Seiner Majestät! Hier, lesen Sie!«

Gierig griff Rinke nach der Zeitung; ehe er danken konnte, war Clermont

fort, hineingeschossen in’s Dunkel, wie eine Rakete. Der Feldwebel nahm

sich nicht erst Zeit, in seine Wohnung hinaufzuklettern; unten, vor’m

Treppenaufstieg, schwankte eine Laterne und gab ein spärliches Licht,

hier blieb er stehen.

Hastig entfaltete er das Blatt, – es war zerknittert und eingerissen,

als hätte einer mit der Faust dreingeschlagen und es dann wütend

zerknüllt – kaum konnte er es noch lesen.

Da stand’s! Die Hundsfötter hatten den König herausgeschrieen, auf

den Balkon des Schlosses war er getreten, sie hatten ihm Leichen

entgegengehalten – Rebellenleichen! Gebrüllt: ›Hut ab!‹ Und er – der

König – er hatte sich verneigt!

Vor des Feldwebels Augen flimmerte es, die Buchstaben tanzten. Mit

einem Fluch suchte er weiter.

Hier die Proklamation!

›=An meine lieben Berliner!=‹

Lieben Berliner! »Haha!« Rinke wußte nicht, daß er mißtönend auflachte.

Ganz betäubt, ganz entsetzt, mit Blicken, vor denen alles verschwamm

und die doch grausam deutlich sahen, verschlang er das folgende. Jetzt

buchstabierte er wie ein Kind:

›=Ich gebe euch Mein königliches Wort, daß alle Straßen und Plätze

sogleich von den Truppen geräumt werden sollen= –‹

Er konnte, er wollte nicht weiter lesen, nein, nein! Und doch noch

dies, hier noch dies:

›=Vergesset das Geschehene, wie Ich es vergessen will= –‹

War es möglich?! Das Zeitungsblatt in seiner Hand zitterte. Ungestraft

sollten die frechen Empörer ausgehen, ungeahndet Soldatenblut

vergossen, mit Mörderhänden an Preußens Thron gerüttelt haben?! Wo

blieb die Tapferkeit, wo blieb die Ehre – wo der Prinz Wilhelm?! Was

sagte der?!

Brennend überflog sein Auge die Zeilen, suchte und suchte – Prinz

Wilhelm, Prinz Wilhelm – da stand nichts von ihm!

Ein Windstoß löschte die schwankende Laterne, schwarz war der Hof,

schwarz der Flur.

Der Feldwebel hatte sich schwer gegen die Wand gelehnt. Das in

zwei Stücke zerfetzte Zeitungsblatt hielt er in beiden Fäusten und

schluchzte in Zorn und Schmerz.

Die Wacht am Rhein · 第 43 / 74 题