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Es war abend, als Rinke den außergewöhnlichen Befehl erhielt, als
Wachhabender die Hauptwache am Burgplatz zu beziehen. Das war
sonst nicht seines Amtes, er fühlte es wohl, es war eine besondere
Auszeichnung. Nicht umsonst hatte der Hauptmann heute ein Lied zum
Preis der altgedienten Unteroffiziere angestimmt: ›Sie sind der Mörtel,
der die Mauern des preußischen Heeres zusammenhält, sie sind gleich
jonischen Säulen‹ – ja, so hatte er gesagt: jonische Säulen – ›die das
ganze Gebäude tragen.‹
Ein hoher Stolz schwellte die Brust des Feldwebels, als er mit seinen
Leuten im Dunkeln auszog.
Trüb’ nur flackerten die Laternen, der Märzwind wollte sie löschen. In
den Häusern rechts und links brannte nur wenig Licht, früh waren auch
die Läden geschlossen; kaum jemand schien daheim, alles auf der Gasse.
Aber still waren trotzdem die Straßen; stumm gingen die Bürger hin und
her, und wo ihrer mehrerer zusammen standen, flüsterten sie. Es war wie
in einem Trauerhaus. Selten nur, daß das Lied: ›Was ist des Deutschen
Vaterland‹, von einem Rudel halbwüchsiger Jungen gesungen, die heilige
Stille unterbrach.
Rinke ließ seine Augen scharf umgehen: nichts Verdächtiges! Die
Mannschaft war scharf bewaffnet. Der Erlaß dazu war heute nachmittag
gekommen. General von der Gröben hatte auch das Militär, das drüben
über’m Rhein lag, sämtlich in die Stadt zurückgezogen.
Wie immer marschierte die Wache ihres Weges, doppelt laut trappten die
schweren Kommißstiefel durch die Stille. Von den Insulten des Mittags
keine Spur. Um den alten Jan Willem und auf den Treppen des Rathauses
standen zwar viele Menschen, aber sie verhielten sich schweigend.
Einen bösen Blick sandte Rinke zum Rathausgiebel hinauf – da flatterte
die schwarz-rot-goldene Fahne; doch kein Pfiff ertönte. Mit einem
Gefühl der Befriedigung reckte der Feldwebel seine lange Gestalt noch
gerader – Bande! Angst hatten sie.
Finster lag das alte Schloß, und auch in dem Flügel, der der Akademie
diente, flimmerte kein Lichtchen. Auch kein Licht vom Himmel. Vom
Rhein her wehte es scharf. Das Knarren der Wetterfahnen auf den alten
Häusern am Burgplatz und das Sausen des Windes waren die einzigen
Geräusche, die die Mannschaft vernahm, als sie im Gewehr stand.
Da plötzlich ein schriller Pfiff! Dann alles wieder still.
Aus der Ratingerstraße schiebt sich stumm ein schwarzer Menschenknäuel
gegen den Burgplatz; vom Markt her ein zweiter, und von ›Hinter der
Akademie‹ noch ein dritter. Von allen Seiten drängt es zu. Im Moment
ist der Platz von Menschen besetzt. In langen Reihen nehmen sie
Aufstellung, der Hauptwache in geringer Entfernung gegenüber. Noch
verhalten sie sich still, aber schon ruft eine spottende Knabenstimme:
»Helau, Preuß’! Preuß’!«
Meist sind es junge Bursche, kaum dem Knabenalter Entwachsene, die sich
zusammengefunden haben; Lungerer sind auch dazwischen, Eckensteher und
Betrunkene, die sich taumelnd kaum aufrecht halten.
Mit spöttischem Zucken des Mundes musterte Rinke die Gegner – das waren
Helden!
Unbeweglich stand seine Mannschaft, Gewehr bei Fuß.
»Stillgestanden – das Gewehrr – üb’r!«
Die Läufe blitzen.