Er starrte sie entsetzt an: »Du – auch?!«

Sie gab keine Antwort.

Er stand gegen den Tisch gelehnt, als müsse er sich stützen. Jetzt fuhr

er sich langsam mit der Hand über die Stirn, über das ganze erblaßte

Gesicht.

»Also du – fürchtest mich auch,« sagte er tonlos. »Mein Gott, mein

Gott!« – Dieses flüsterte er nur noch in sich hinein, wie ein

heimliches Stoßgebet. – »Sie fürchten mich alle. Alle. Herrgott, nur

diese eine hier laß mir – die Josefine! Sie soll mich nicht fürchten!«

Sein Blick verdunkelte sich, brennend schoß ihm etwas Heißes in’s Auge.

Josefine sah es.

»Vater!« schrie sie, lief auf ihn zu und zog ihm die Hand herunter.

»Ich sag’ et ja, ich sag’ et! Nein, ich fürcht’ dich nit! Vater, mach

kein so traurig Jesicht! Ja, ich bin mit dem Viktor jejangen – wir

haben uns lieb« – ein Ausdruck des Entzückens verklärte ihr Gesicht

– »ach, janz schrecklich lieb! – Ne, lügen will ich nit mehr, dadrum

sollste dich nit jrämen! Meinswejen schlag mich – ich kann nix dafor,

ich hab’ ihn so lieb!«

»Hm, ja – so sehr lieb?«

»Och ja, och ja!«

»Er dich auch?«

»Ja, och ja!«

Rinke holte tief Atem, es lag ihm allerlei auf der Seele – eine große

Angst – aber er fragte nur noch: »Hat er dich oft bestellt?«

Sie nickte. Einen Augenblick zögerte sie, aber dann setzte sie ganz von

selbst hinzu: »Spazieren jejangen sind wir abends, und dann –« hier

wurde ihre Stimme leiser, sie flüsterte, alle Furcht vergessend, in

einer glückseligen Erinnerung – »ich bin auch als mal auf seiner Stub’

jewesen.« Sie seufzte tief auf und strich sich mit beiden Händen das

Haar aus dem Gesicht. »Nu weißte alles!«

Alles? – War das auch wirklich alles – alles?! Des Feldwebels Blick

blieb auf der Tochter haften, als wolle er in ihrer Seele lesen. Sie

hielt den Blick aus.

Halb kühn, halb bang, wartete sie, – was würde er sagen, was thun?!

Jetzt hob er die Hand – unwillkürlich kniff sie die Augen zu – jetzt –

jetzt würde der Schlag fallen –

»Setz dich,« sagte der Vater.

Erstaunt öffnete sie die Augen weit, seine Stimme klang ja weich.

Ein flüchtiger Sonnenschein war über Rinkes Gesicht geglitten, ruhiger

nahm er am Tisch Platz. Gottlob, noch war nichts verloren, es konnte

noch alles gut werden! Und rasch flogen seine Gedanken zu Conradi hin.

Er atmete tief auf, wie von einer Last befreit, aber dann trommelte er

energisch auf die Tischplatte.

»Nu machste aber ’n Ende! So weit, aber nich weiter, hörst du?! Ich

mache dir keinen Vorwurf, wirst dir das Nötige wohl alleine sagen

können, alt genug biste dazu. Jetzt heißt es: ›Ganzes Bataillon –

kehrt!‹«

Sie ließ den Kopf hängen.

Er sprach weiter, scheinbar ohne die Thränen zu bemerken, die über ihre

Wangen strömten. Lange redete er auf sie ein, ohne Zorn, ohne Härte

– Donnerwetter, konnte er es dem Mädel denn verdenken, daß es in den

Clermont verschossen war?! Schneidiger Junge! Und ein Mann von Ehre

war’s nebenbei auch noch. Ja, ein echter Offizier, nicht nur adlig von

Geburt! Rinke fühlte sich ganz beruhigt – nein, da war nichts passiert!

»Heule man nich, Josefine,« sagte er zuletzt und strich der Tochter

leicht über das Haar. »Danke Gott, bei ’nem andern hättste böse

ankommen können. Und nu, Kopf oben! So was vergißt sich, wenn man Mumm

hat, und den haste ja. Heirate ’nen braven Mann. Der Conradi wird dich

schon glücklich machen!«

Sie zuckte zusammen. Immer tiefer hatte sie den Kopf gesenkt, nun warf

sie sich vornüber auf den Tisch und brach in fassungsloses Schluchzen

aus.

»Na, na!« Rinke stand auf und sah ziemlich bestürzt auf sie nieder;

dann aber lief er mit kurzen Schritten vor ihr auf und ab, diese

ungebärdige Heulerei fing an ihn zu ärgern. Was hatte sie sich denn

eigentlich eingebildet, sollte diese Liebelei immer los so weiter

gehen?!

»Hör auf,« sagte er streng und zwang ihr den Kopf in die Höhe. »Nimm

dich zusammen! Was fällt dir denn ein, du bist ’ne Feldwebelstochter,

er ein Offizier. Was soll noch die Flennerei?! – Hör auf!« schrie er

und stampfte mit dem Fuß, als ihr Weinen von neuem losbrach. »Wenn der

Conradi will, könnt ihr bald Hochzeit machen – nur keine lange Zerrerei

– dann hat die liebe Seele Ruh’. Na, dem Conradi wird’s schon recht

sein!«

Ein verwirrter, banger Ausdruck kam in Josefines Gesicht, sie öffnete

den Mund, aber ehe sie noch irgend etwas gesagt, schnitt ihr der Vater

schon das Wort ab. Sie brachte es nur zu einem einzigen angstvollen

Laut.

»Maul halten,« sagte er hart, und seine Züge wurden eisern.

»Geantwortet wird nicht, aber pariert. Und daß du mit dem Leutnant

nicht mehr weiter scharmutzierst, darauf giebst du mir dein Wort – dein

Ehrenwort.« Er hielt ihr die Hand hin: »So!«

»Vater, ich kann nit – wat soll der Viktor wohl sagen – och, Vater!«

Sie wand sich und schluchzte.

»Was der sagen soll?! Na, – sprich noch mal mit ihm, besser noch,

schreib ihm – schreib ihm, was dir dein Vater gesagt hat. Und: ›Adieu,‹

wird er sagen, ›Adieu, Josefine!‹ Der hat Ehre.«

»Vater, ich kann et nit, wahrhaftijens Jott, ich kann’t nit – sag du et

ihm! Ich sterb’!«

Nun that sie ihm doch wieder bitter leid, ihre Augen waren rot vom

weinen, ihre Lippen schmerzlich verzogen; sie faßte ihn bittend am

Rock: »Sag du et ihm!«

»Mädel, red’ keinen Unsinn, überleg’ dir’s doch, wie kann ich wohl

mit dem Leutnant von so was reden – ich, als Feldwebel?! Du mußt

dich alleine ’rausfinden. Zeig mal, daß du bist, für was ich dich

immer estimiert habe, und daß du –« Es kam ihm etwas in die Kehle,

er räusperte sich stark, und dann fiel er in seinen gewohnten Ton:

»Donnerwetter, da schlägt’s ja schon sechse! Die Suppe, die Suppe, ich

muß ’runter! Die Kerle werden täglich schlapper!«

Sie sprang auf, ihre Kniee zitterten, – die Suppe, die Suppe, es war

höchste Zeit! Ob auch blind vor Thränen, tappte sie doch rasch zur Thür.

Die Morgensuppe schmeckte heute dem Feldwebel nicht. »Na, hast ihr wohl

mit Thränen gesalzen,« sagte er mit einem Versuch zum scherzen, als er,

an der Küche vorbei, zur Treppe ging.

Sonst hätte die Tochter gelacht, heute hörte sie nicht. Sie stand am

Herd und starrte in die verlodernden Flammen. – –

Als Rinke im Bureau sich den Gänsekiel zurecht schnitt, beschloß er,

nachher, in der ersten freien Minute, gleich dem Conradi zu schreiben –

jetzt nur nicht lange gefackelt!

Er dachte gar nicht daran, wie schwer es ihm sein würde, die Tochter zu

missen – nur fort mußte sie, bald Hochzeit machen! Und er wußte, sie

würde nicht mehr widerstreben; jetzt ging sie lieber fort, als daß sie

dem Leutnant täglich begegnete.

Eben legte er sich einen Briefbogen zurecht, als der Hauptmann ihn

rufen ließ, der in großer Erregung draußen auf und ab ging.

Heute war alles in der Kaserne, überall sah man Offiziere. Auf dem

Exerzierplatz stand der General von der Gröben inmitten der höchsten

Chargen. Aber die Mannschaft hielt man auf den Stuben. Es wurden

Gewehre geputzt, Munition verteilt – zwanzig Patronen pro Mann – der

Pioniersektion das große Schanzzeug beordert, auch Brotbeutel gefüllt.

Ging’s wieder zu einem Tumult? Eine gewisse Neugier: wohin diesmal?

bewegte die stumpfen Gemüter der Mannschaft.

Mit beunruhigten, gereizten Blicken sahen sich die Vorgesetzten an.

Wer aus der Stadt kam, wußte von sich zusammenfindenden Volksmassen zu

berichten. Eine aufgeregte Menge wogte durch die Straßen.

Was gestern einige nur besonders Eingeweihte gewußt, was als

grauenvoll-geheime Kunde spät abends von Berlin eingetroffen war und

den königlichen Prinzen im Jägerhof sein Ohr verschließen ließ vor

den Hochrufen des fackeltragenden, fröhlichen Volkes, das war jetzt

stadtbekannt – die Kämpfe des 18. März.

In der Hauptstadt Revolution!

Glocken heulten dort Aufruhr. Barrikaden auf den Straßen, Tote auf

dem Pflaster, Blut und Hirn verspritzt. Vierzehntausend Mann Soldaten

hatten von zwei Uhr nachmittags bis in die fünfte Morgenstunde des 19.

März mit dem Volk gekämpft!

Was würde nun werden?! Würde es jetzt auch hier am Rhein losgehen?!

Eine bange Schwüle lag in der Luft, eine erregende Spannung auf den

Gemütern.

Die abgelöste Wache, die gegen mittag vom Burgplatz her ein gutes

Stück durch die Stadt zu marschieren hatte, berichtete, in der Kaserne

angekommen, von beleidigenden Zurufen, von pfeifen, johlen und

Schimpfworten. Ein paar Mädchen in einem Fenster hatten sogar die Zunge

herausgestreckt.

Die Sechzehner waren empört. Die Gereiztheit der Offiziere teilte sich

nun auch der Mannschaft mit, man wäre am liebsten ausgerückt.

Der Feldwebel rannte umher wie ein Tier im Käfig. Niemand durfte die

Kaserne verlassen. Hei, wenn er nur hervorspringen dürfte hinter dem

schweren Thor, hinaus auf die Straße und den Pöbel, der schon seit

Stunden Plätze und Gassen füllte, Achtung lehren! Die wollten sich wohl

auch zusammenrotten, wie die Horden in Berlin, die erst die einzelnen

Posten vor der Bank niedergeknallt und dann, berauscht von vergossenem

Blut, es gewagt hatten, die Truppen vor dem Schloß anzugreifen,

sozusagen dem König in’s Gesicht zu schlagen?!

Rinke hätte seine Frau prügeln können, die die armen Berliner Bürger

bejammerte. Heftig gebot er ihr Schweigen. Die Frauenzimmer verleideten

ihm die Wohnung; auch. Josefine hatte verheulte Augen, – war es denn

jetzt an der Zeit, unnützen Liebesgedanken nachzuhängen?! Er hielt sich

kaum oben auf, stieg wieder eilends hinab auf den Hof, machte die Runde

und strich umher wie ein ruheloser Geist.

Mit Kartätschen und Bomben müßte Seine Majestät dreinfeuern lassen,

dann würde es schon Respekt kriegen, das übermütige Bürgerpack, dem

der Buckel juckte vor lauter Wohlleben! Gut, daß der Prinz Wilhelm dem

König zur Seite stand und General von Prittwitz die Truppen befehligte;

das waren zwei Schneidige! Wenn nur erst der Prinz Wilhelm seinen

Posten als Gouverneur der Rheinlande anträte, dann sollten sie hier

schon Augen machen: strammes Regiment, altpreußischer Geist, ein echter

Soldatenprinz! –

Der Feldwebel zitterte darauf, etwas Genaueres über die Ereignisse in

Berlin zu erfahren, waren es doch nur Bruchstücke, die in die Kaserne

drangen. Die verzehrende Ungeduld zu stillen, schickte er einen seiner

Jungen nach der Expedition der Düsseldorfer Zeitung. Unendlich lange

blieb der aus und kam zuletzt wieder, ohne Zeitung. Kein einziges Blatt

war zu haben gewesen, die Leute hatten sich darum geschlagen.

In Scharen standen die Düsseldorfer vor den Zeitungsausgaben und

begehrten stürmisch zu erfahren, ob das teure Bürgerblut umsonst

vergossen sei, ob der König in Berlin nun nicht schleunigst gut machen

werde, was ›der heillose Kartätschenprinz‹ mit seinen ›Bluthunden‹, den

Soldaten, am Volk verbrochen.

Auf einmal waren die Berliner Bürger den Düsseldorfer Bürgern wie

Brüder. Man trug Leid um jeden der Helden, der auf den Barrikaden

gefallen im Kampf um bürgerliches Recht. In jedem Wirtshaus wurde für

die Hinterbliebenen der toten Brüder gesammelt, manch einer gab in der

ersten Aufwallung weit mehr, als er vermochte. Viele schwarze Kleider

zeigten sich, verweinte Gesichter und zornige Mienen. Hunderte waren ja

hingemordet, von Bomben zerrissen, auf Bajonette gespießt, mit Kolben

zerschmettert!

Wie ein Schneeball, der in’s rollen geraten, zur Lawine wird, so

vergrößerte sich die Zahl der Opfer im Volksmund von Stunde zu Stunde.

Die Straßen der Hauptstadt trieften von Blut, nicht Greise hatte man

geschont noch Knaben, wehrlose Frauen hatte man gemißhandelt, wie die

Bestien hatten die Soldaten gehaust!

Weg mit dem Militär! Wozu diese Tagediebe, diese unnützen Brotfresser?!

Das Volk war Mannes genug, sich selber zu schützen, wenn Gefahr drohte

– gebt ihm nur Waffen!

Die Wacht am Rhein · 第 41 / 74 题