XV

Wie ein wüster Traum erschien dem Feldwebel die vergangene Nacht.

War’s denn Wahrheit, die schwarz-rot-goldene Fahne wehte wirklich vom

Rathaus, auch im hellen Licht des neuen Tages?! Die Verrückten!

Aber einen stillen Triumph hatte er: Der königliche Prinz im Jägerhof

hatte ihren Fackelzug abgelehnt. Er war nicht auf dem Balkon erschienen

trotz all der Rufe: ›Es lebe Prinz Friedrich.‹ ›Es lebe der König!‹

Trotz aller Gesänge waren die Fenster dunkel geblieben, das Schloß

schien ausgestorben, einzig ein paar Lakaiengesichter hatten sich scheu

hinter den Scheiben des Parterregeschosses gezeigt. Das enttäuschte

Volk hatte lange geharrt, zuerst geduldig; aber dann, frech wie sie

waren, hatten einige geknurrt, andere sogar gepfiffen. Das Blut war

Rinke heiß zu Kopf gestiegen.

Da war ihm eiskalt geworden.

Ein Mädchen war vorübergegangen, ein blondes Mädchen, am Arm eines

schlanken Herrn. War das nicht Josefine –?! Ja, und das war der

Leutnant, trotz des Civils! Ja, sie waren es, und wenn sie sich auch

noch so vorsichtig im Schatten hielten! Auf den Prellstein an der

Jägerhofstraßenecke war Josefine neugierig geklettert, lachend hatte

sie sich auf ihres Begleiters Schulter gestützt; dann hatte der sie

herabgehoben, und in zärtlichem Aneinanderschmiegen waren sie wieder

untergetaucht zwischen einsamen Büschen des Hofgartens. – – –

Nun sollte sie ihm aber her heute morgen!

Mit einem Fluch fuhr der Feldwebel aus dem zerwühlten Bett, aber der

Fluch wurde zum Stöhnen. Sein Mädel, seine Josefine! Sie liebte den

Leutnant, – wie unglücklich würde sie sein! Aber – laß sie weinen! –

jetzt fest sein wie Eisen, kalt Blut! Er setzte die strengste Miene auf.

Als er nach ihr rief, kam sie ahnungslos gelaufen rosig angehaucht vom

Morgentraum und einem inneren Glück.

»Willste wat, Vater?«

Er sah sie nicht an, machte sich mit seinem Anzug zu schaffen. Es klang

nur so nebenbei: »Wo warst du gestern?«

»Jestern? – Och – de Illumination kucken!«

»So, hm« – er machte eine Pause und sah sie scharf an, sie war

plötzlich dunkelrot geworden – »allein?! – Allein, he?!«

»Ich – och – Vater, wat biste so komisch! Ich – wat is dann, wat haste

dann?«

Wie verlegen sie war! Gott sei Dank, das Lügen und Verstellen hatte sie

doch noch nicht ganz gelernt! Sie war sehr ängstlich.

»Ob du allein gegangen bist, frag’ ich dich! Antwort!«

»Ich – ja – ne –« sie zögerte, sie wand sich, und dann sagte sie

hastig: »Ja, ja, allein!«

»Du lügst!«

Zwei Worte nur waren es, aber sie fielen wie zwei Hammerschläge.

Josefine knickte förmlich zusammen, ihre Röte verwandelte sich in

Blässe, ihre Lippen zitterten. Nun war sie wie damals der Wilhelm –

keine Silbe, kein Laut – sie wich nur zurück, langsam, Schritt für

Schritt.

Der Vater folgte ihr. Jetzt faßte er ihren Arm und zog sie zu sich

heran. Dicht waren seine Augen den ihren; ob sie die Lider auch

niederschlug, sie fühlte doch seinen scharfen Blick. Der wühlte sich

förmlich in sie hinein, der durchfuhr ihr Herz – so viel Strenge, so

viel Zorn in diesem Blick, ach, und so viel Gram!

»Du lügst?!« wiederholte er. Es klang wie ein Schmerzensruf, wie eine

bange Frage. »Hab’ ich dich lügen gelehrt? Sag, hab’ ich?« Er preßte

ihren Arm mit eisernem Griff. »Hab’ ich dich nicht Ehre gelehrt?!«

Sie gab keine Antwort.

Da übermannte ihn der Zorn, er rüttelte sie, daß ihr die Haarnadeln

herausflogen und die lose aufgedeckten Zöpfe herunterfielen. »Ich habe

dich gestern gesehen!«

Die Tritte der Mutter näherten sich außen der Thür.

»Bleib draußen,« brüllte der Feldwebel und drehte den Schlüssel um; und

dann packte er wieder den Arm der Tochter und flüsterte heiser: »Du

lügst ja – pfui Teufel!« Mit einer Gebärde der Verachtung stieß er sie

von sich.

Da raffte sie sich auf. Trotzig den Kopf aufreckend, trat sie vor ihn;

entschlossene Energie ließ ihre weichen Züge fester erscheinen, den

seinen ähnlich. Die Thränen herunterschluckend, sah sie ihm gerade in’s

Gesicht.

Sein Ton wurde unbewußt milder, wie der einer Klage: »Du – du – warum

belügst du mich?!«

Es kämpfte in ihrem Gesicht, und dann kamen die Thränen, schluchzend

stieß sie heraus: »Wir – fürchten – dich – alle –! Weil wir dich

fürchten!«

Die Wacht am Rhein · 第 40 / 74 题